Dead Man Down: Europäer in New York

Beim Stöbern durch die Netflix-Highlights für den kommenden Monat entdeckte ich für den 4. Mai Dead Man Down. Der Thriller des dänischen Regisseurs Niels Arden Oplev hat bei seinem Kino-Start im Jahr 2013 zwar eher durchwachsene Kritiken bekommen, trotzdem ist Dead Man Down meiner Ansicht nach ein echter Geheimtipp. Dank Netflix wird er demnächst wohl auch nicht mehr dermaßen geheim sein.

Was mir an dem Film gefällt: Auch wenn der Film in New York spielt, komplett den USA produziert wurde und das Drehbuch von dem Kanadier J. H. Wyman kommt, fühlt er sich irgendwie skandinavisch an. Die Skandinavier sind nun mal sehr gut in düsteren Thrillern mit schonungslos brutalen Szenen – aber es gibt immer auch den Blick auf das Innenleben der Protagonisten, es geht immer um Beziehungen und darum, warum die Leute tun, was sie tun.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Wobei hier dann eher die Soziologie und nicht so sehr die Psychologie eine Rolle spielt. Gute skandinavische Krimis sind immer auch soziologische Analysen, es geht eben nicht nur um das Verbrechen und dessen Aufklärung, sondern auch um die Frage, wo die Gesellschaft versagt hat, wenn Menschen Täter oder Opfer werden.

US-Thriller gehen in der Regel vom Individuum aus, es gibt die berüchtigten Psychopathen, es gibt gebrochene Charaktere ohne Ende – aber hier geht es immer die individuelle Geschichte des jeweiligen Charakters, die als Erklärung für alles, was folgt, hergenommen wird. Schließlich bietet die glorreiche US-Gesellschaft jedem Tellerwäscher die Chance, zum Millionär aufzusteigen. Versagen tun immer nur einzelne, aber nie das System. Deshalb ist der Psycho(pathen)-Thriller ein typisch US-amerikanisches Genre.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Zurück zu Dead Man Down: Niels Arden Oplev hat Noomi Rapace mit der Verfilmung des Stieg-Larson-Bestsellers Män som hatar kvinnor (hierzulande als „Verblendung“ bekannt, was ich einen ziemlich doofen Titel finde) zum Durchbruch als inzwischen auch international anerkannte Schauspielerin verholfen. Rapace ist auch in Dead Man Down wieder mit von der Partie – gemeinsam mit Colin Farrell, der den aus Ungarn stammenden Ingenieur Victor spielt, der aber eigentlich Lazlo Kerec heißt. (Victor Lazlo, hat da etwa einer zu oft Casablanca gesehen?!) Denn Lazlo Kerec ist eigentlich tot – sein Grabstein steht auf einem New Yorker Friedhof, auf dem viele ungarische Einwanderer ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Victor arbeitet für eine kriminelle Gruppe innerhalb der New Yorker Immobilien-Mafia, deren Spezialität es ist, Mieter mit Terror und Gewalt aus ihren Wohnungen zu vertreiben, damit die entmieteten Objekte dann erst günstig auf- und dann teuer weiterverkauft werden können. Was die Sache interessant macht: Victor ist selbst ein Opfer dieser Mafia geworden, er und seine Familie wurden aus ihrer Wohnung vertrieben. Und weil die Kerecs nicht freiwillig gehen wollen, wurde Victors Tochter bei einer Schießerei durch eine verirrte Kugel getötet. Auch Victors Frau kam ums Leben – Victor selbst überlebte nur, weil die Gangster ihn für tot hielten.

Screenshot: Dead Man Down - Niels Arden Oplevs Blick auf New York

Screenshot: Dead Man Down – Niels Arden Oplevs Blick auf New York

Jetzt will er sich rächen. Doch einer der Leute aus der Gang um seinen Boss Alphonse Hoyt (Terence Howard, bekannt als Lucious Lyon aus Empire)  ist ihm auf die Schliche gekommen – er sucht Victor in seiner Wohnung in einem tristen News Yorker Wohnblock auf und stellt ihn. Victor bringt den Mann um – was seine Nachbarin im Hochhaus gegenüber zufällig mitbekommt und prompt mit ihrem Handy filmt. Mit Beatrice (Noomi Rapace) hat es das Leben ebenfalls nicht gut gemeint – die hübsche Kosmetikerin wurde bei einem Autounfall entstellt, eine Hälfte ihres Gesichtes ist nun durch Narben gezeichnet. Beatrice lebt noch bei ihrer französischen Mutter (Mama Louzon, la plus admirable Isabelle Huppert), die sehr gut kochen und backen kann. Die wiederum hofft, dass ihre geliebte Tochter trotz ihrer Narben noch einen netten Mann fürs Leben finden wird.

Auch Beatrice sinnt auf Rache – sie will den Kerl zur Verantwortung ziehen, der den Unfall verursacht hat, weil er betrunken gefahren und mit einer in ihren Augen viel zu geringen Strafe davon gekommen ist. Warum kann der Mann einfach sein Leben weiterleben wie bisher, während sie den Rest ihres Lebens mit den Folgen seiner Tat zu kämpfen haben wird?

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell)

Beatrice bandelt mit ihrem Nachbarn Victor an, der Beatrice tatsächlich zur Freude ihrer Mutter zum Essen ausführt. Doch das romantische Stelldichein kippt, als Beatrice Victor schließlich mit ihrer Beobachtung und dem Video auf ihrem Handy konfrontiert. Beatrice verlangt von Victor, dass er den Mann tötet, der ihr Leben ruiniert hat. Andernfalls werde sie das Video, das Victor als Mörder entlarvt, der Polizei übergeben. Natürlich ist das nicht das, was Victor erwartet hatte. Aber er willigt erstmal ein, Beatrice zu helfen – er braucht jetzt einfach keinen Stress, schon gar nicht mit der Polizei. Tatsächlich unternimmt er natürlich nichts – er hat nun wirklich andere Probleme und will sich dieses hier schnell vom Hals schaffen.

Victor hat endlich das große Ziel im Visier: Lon Gordon, den Oberboß der Immobilien-Mafia. Doch ausgerechnet bei dem Meeting von Lon mit Alphonse Hoyt, für das Victor nicht nur das nötige Scharfschützengewehr, sondern auch den idealen Standort für den tödlichen Schuss gefunden hat, wird er von einem Anruf des einzigen Freundes aus seinem Mafia-Umfeld abgelenkt. Er verpasst seine langerwartete Chance und kann nur mit der Hilfe von Beatrice entkommen, die ihn wiederum beobachtet hat und ihm nun durch ihren beherzten Einsatz ein Alibi verschafft.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Beatrice ist schwer auf Zack, sie rettet Victor nicht nur durch eine abenteuerliche Flucht in ihrem Kleinwagen, sondern gibt ihm auch noch seine Waffe wieder. Blöd nur, dass Victors einziger Freund Darcy der wahren Identität von Victor immer näher kommt. Victor hingegen fühlt sich Beatrice nun endgültig verpflichtet und tut, was sie von ihm verlangt hat – er bringt den Unfallverursacher um. Zumindest behauptet er das. Außerdem hat er vorgesorgt: Er hat den Bruder des Chefs der albanischen Mördertruppe, die an dem Überfall auf seine Familie beteiligt war, entführt und hält ihm in einem verlassenen Lagerhaus gefangen.

Victor hat ihn dazu gebracht, aussagen, dass er von Alphonse Hoyt gefangen halten würde, der ihn aber auf jeden Fall töten wird, selbst, wenn die Albaner das verlangte Lösegeld zahlen. Damit will Victor einen Streit zwischen Hoyt und den Albanern provozieren. Die Speicherkarte mit der Aufnahme übergibt Victor Beatrice, ohne ihr zu sagen, worum es geht. Sie soll den Umschlag bei der Post abgeben. Victor hat das Lagerhaus mit Sprengfallen versehen und will die Albaner töten, wenn sie versuchen, ihren Mann zu befreien.

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Beatrice wiederum hat den Brief nicht abgegeben, sondern ihn geöffnet und statt der Speicherkarte ihren Glücksbringer hineingelegt, eine grüne Hasenpfote. Sie hat sich in Victor verliebt und will ihn retten, weil sie ahnt, was er vorhat. Aber sie will nicht, dass er selbst dabei drauf geht.

Jetzt habe ich natürlich schon wieder viel zu viel verraten, aber es kommt dann noch zu einem dramatischen Finale, das ziemlich dick aufgetragen ist, aber am Ende doch okay geht – wobei gerade der Genremix aus Milieustudie, Actionthriller, Rachefilm und Melodram bei vielen Kritikern nicht so gut angekommen ist. Mir gefällt gerade das. Und natürlich mag ich auch den Oplev-Stil – diese visuelle Coolness, mit der eigentlich total überstrapazierte Klischees wieder neu ins Bild gesetzt werden. Natürlich kann ich mir an dieser Stelle den Verweis auf die geniale Pilot-Folge von Mr. Robot nicht verkneifen, die eben auch von dieser speziellen Oplev-Optik profitiert.

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Und mir gefallen Victor und Beatrice, beide als Einwanderer vom alten Kontinent noch nicht richtig angekommen in dieser brutalen Gesellschaft, in der Menschen für ihr Weiterkommen über notfalls eben auch Leichen gehen müssen, gebrochene Gestalten, aber trotzdem überdurchschnittlich überlebenstüchtig. Sie sind jeweils Opfer geworden, wollen sich aber mit dieser Rolle nicht abfinden und nehmen den Kampf auf, wenn auch mit fragwürdigen Zielen und Mitteln. Und dabei realisieren sie allmählich, dass es vielleicht doch noch andere Dinge als Rache gibt, für die sich ein Weiterleben lohnen könnte.

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