Raum: 9 Quadratmeter Welt

Brie Larson hat in der diesjährigen Award-Saison für ihre Hauptrolle in Room (Raum) so ziemlich alle wichtigen Preise abgeräumt – und weil ich sie schon in Short Term 12 beeindruckend fand, musste ich mir den Film natürlich auch ansehen – was inzwischen auch schon wieder eine Weile her ist. Aber wie das manchmal so ist, hatte ich mir zwar ein paar Gedanken aufgeschrieben, aber bin nie dazu gekommen, eine Kritik fertig zu schreiben. Es kamen ja immer wieder neue Serien und Filme dazwischen.

Offizielles Filmplakat zu Raum

Offizielles Filmplakat zu Raum

Es war auch gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte – ich wusste ja, dass die Geschichte eine Roman-Verfilmung ist, der vom traurigen Schicksal der Elisabeth Fritzl inspiriert wurde: „Room“ von Emma Donoghue. Elisabeth Fritzl wurde vom eigenen Vater gut 20 Jahre in einem Kellerverlies unter dem Wohnhaus der Familie gefangen gehalten und gebar dort sieben Kinder, von denen drei ihr gesamtes Leben bis zur Befreiung in diesem Keller verbrachten. Unvorstellbar.

Aber es ist tatsächlich passiert.

Ein ähnliches Schicksal erleiden der kleine Jack (Jacob Tremblay) und seine Mutter. Joy Newsome (Brie Larson) wurde vor sieben Jahren von ihrem Peiniger, den sie nur Old Nick (Sean Bridges) nennt, verschleppt. Er hält sie in einem schallisolierten Raum mit einem Oberlicht gefangen. Dieser Raum ist für den kleinen Jake, der inzwischen seinen fünften Geburtstag feiert, seine komplette Welt. Er kennt ja nichts anderes. Der Film wird aus der Perspektive des Kindes erzählt, weshalb er trotz seiner überaus deprimierenden Handlung unerwartet frisch, ja fast märchenhaft daher kommt – was nicht alle Zuschauern gut finden.

In der Vorstellung, die ich besuchte, saß ich neben einem älteren Mann, der ständig seine Fach- und Filmkenntnisse an seine deutliche jüngere Begleiterin weiter geben musste, was nicht nur mir auf die Nerven ging. Nach eigener Aussage war er Psychiater und er regte sich sehr darüber auf, dass nichts, aber auch gar nichts an diesem Film echt sei – und wenn er nicht redete, hustete er ganz fürchterlich.

Zum Glück wurde ihm die Sache nach einer halben Stunde zu dumm und er verzog sich, nicht ohne seine Umgebung noch einmal wissen zu lassen, dass dieser Film eine ganz verlogene Scheiße sei.

Nun ja, eine Dokumentation über die schreckliche Gefangenschaft einer jungen Mutter und ihres Kindes, die komplett der Willkür ihres Entführers und Gefängniswärters ausgeliefert sind, ist Raum gewiss nicht. Der Film ist nicht objektiv, er will es auch gar nicht sein – eben weil die Geschichte aus der Sicht des kleinen Jack erzählt wird, der noch gar nicht begreift, was ihm da eigentlich angetan wird.

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Aber genau dieser Kniff macht die ganze Geschichte überhaupt für ein breiteres Publikum erträglich. Natürlich hätte man auch einen klaustrophischen Psychoterrorstreifen daraus machen können. Und schön ist die Geschichte ja trotz dieses, wie ich meine, durchaus gelungenen Kunstgriffs, trotzdem nicht. Denn Jacks Mutter leidet eindeutig unter der Situation – aber sie hat sich irgendwie damit arrangiert: Sie hat ja eine Aufgabe, nämlich ihrem Sohn das Leben so normal zu machen, wie es unter den gegebenen Umständen eben möglich ist. Kontakt zur Außenwelt gibt es nur über einen alten Fernseher.

Joy hat ihre liebe Not damit, Jack zu erklären, dass es eine Welt da draußen gibt, die irgendwie ist wie im Fernsehen, nur halt in echt. Denn die Welt, die Jack im Fernsehen sehen kann, ist meistens nicht echt. Sehr verwirrend, wie Jack findet. Sein einziges Fenster zu Welt, das es in Raum gibt, ist eben der Fernseher. Ansonsten ist Raum seine Welt, in der es neben seiner Mutter, Old Nick und dem Fernseher auch Pflanze gibt, Bett, Spüle, Schrank, Tisch und Stühle, Teppich, sogar eine Schlange aus Eierschalen unter dem Bett.

Joy begreift, dass sie irgendwie hier raus muss und schmiedet einen durchaus riskanten Fluchtplan, der aber schließlich mit etwas Glück doch gelingt. Aber es ist für die beiden nicht leicht, sich in der Welt da draußen wieder zurecht zu finden. Jack vermisst seine übersichtliche Welt.

Jacob Tremblay and Brie Larson in "Room" from EPK.tv

Jacob Tremblay and Brie Larson in „Room“ from EPK.tv

Als Joy sich auf ein Fernsehinterview einlässt und von der Journalistin gefragt wird, warum sie nie daran gedacht hätte, wenigstens für ihren Sohn Freiheit zu erbitten, statt ihn zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen, was sie offenbar getan hätte, nimmt sie den impliziten Vorwurf, selbstsüchtig und eine schlechte Mutter zu sein, so ernst, dass sie danach versucht, sich umzubringen. Zum Glück gelingt ihr das nicht und der kleine Jack schickt ihr ins Krankenhaus, was für ihn bisher das Wichtigste war – seinen langen Haare. Sehr zur Freude seiner Großmutter (Joan Allen), die seine Frisur befremdlich fand.

Jetzt ohne seine Mutter wagt er bei seinen Großeltern die ersten Schritte in diese fremde Welt: Er trifft einen Hund und spielt zum ersten Mal mit einem anderen Kind, dem Nachbarsjungen. Als seine Mutter aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, will er mit ihr noch einmal Raum besuchen. Joy lässt sich darauf ein – sie beide wollen Abschied nehmen. Und siehe da, der schäbige Gartenschuppen, in dem Joy sieben und Jack fünf Jahre verbracht haben, erscheint dem Jungen plötzlich viel kleiner als zuvor.

Mir hat der Film sehr gut gefallen – es wird durchaus die Enge und Ausweglosigkeit gezeigt, mit der sich Joy und ihr Sohn in diesem Raum arrangieren müssen. Und die Übergriffe durch Old Nick, vor dem Joy ihren Sohn so gut sie kann beschützen will: Jack versteckt sich im Schrank wenn Old Nick kommt, um seine Mutter zu missbrauchen.

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Joy hat sich – auch für Jack – darauf konditioniert, überleben zu wollen, deshalb tut sie, was von ihr verlangt wird. Gleichzeitig kämpft sie mit Old Nick um die Vitamine, die sie für wichtig hält oder um neue Kleidung für ihren Sohn. Sie ordnet sich ihrem Peiniger, der sich selbst für ihren Wohltäter hält und entsprechende Dankbarkeit erwartet – schließlich besorgt er ja alles, was die beiden zum Überleben brauchen – aus Berechnung unter. Sie hat Angst, dass sie beide in ihrem schalldichten Verließ umkommen werden, wenn sie Old Nick nicht bei der Stange hält oder ihm etwas zustößt – nur Old Nick weiß, wo die beiden sind und nur er hat den Code für das Türschloss. Genau deshalb kann sie Old Nick auch nicht einfach umbringen, woran sie gewiss immer wieder gedacht hat: Sie braucht ihn für den Fluchtplan, die sie in den langen Stunden ihrer Einsamkeit austüftelt.

Und doch ist es mit der Flucht allein nicht getan, erst danach wird Joy schmerzlich bewusst, was sie in den sieben Jahren ihrer Gefangenschaft alles verpasst hat – andere haben die Schule abgeschlossen, studiert, einen Beruf gelernt, eben ein normales Leben gelebt, das sie für sich und Jack nur simuliert hat. Was für einen Alptraum sie überlebt hat und wie schwer es ist, damit klar zu kommen, ist auf jeden Fall nachzufühlen. Verstehen lässt sich so etwas ohnehin nicht.

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Manh(A)ttan: Das Ende ist nah

Ein echter Geheimtipp für Freunde der anspruchsvollen Dramaserie ist gerade auf Netflix zu sehen: Manh(A)ttan. Von dieser Serie ist hierzulande erstaunlicherweise noch gar nichts zu hören gewesen – was vielleicht daran liegen mag, dass sie nicht aus einschlägigen Serienschmieden wie HBO, Showtime oder AMC kommt, sondern ein Produkt des in Chicago ansässigen Kabelsenders WGN America ist, der erst neu ins Seriengeschäft eingestiegen ist und mit Manhattan seine zweite Serie vorgelegt hat. Die wirklich sehr gut ist, auch wenn das Projekt nach zwei Staffeln eingestellt wurde, weil die zweite Staffel ungewöhnlich schlechte Einschaltquoten hatte.

Manhattan - wirklich gute Fernweh-Serie über das Manhattan Projekt. WGN America

Manhattan – wirklich gute Fernweh-Serie über das Manhattan Projekt. WGN America

Der Stoff ist auch nur bedingt massentauglich, auch wenn ich meine, dass eigentlich jeder das gesehen haben sollte: Es geht um das Manhattan Projekt, jenes streng geheime und im Grunde völlig wahnwitzige Programm, das garantieren sollte, dass die USA das Rennen um die Zündung der ersten Atombombe der Welt für sich entscheiden würden.

Konkret geht es um den Physiker Dr. Frank Winter (John Benjamin Hickey), der gemeinsam mit einer Reihe anderer Wissenschaftler am Konzept für eine Lösung eben jener damals gigantischen Aufgabe tüftelt. Die Figur des Dr. Winter ist von dem historischen Wissenschaftler Seth Neddermeyer inspiriert, einem  US-Physiker, der am Caltech bei Robert Oppenheimer promovierte und später am Manhattan Projekt beteiligt war. Neddermeyer war wie sein Alter Ego Frank Winter ein glühender Verfechter des Implosionskonzepts, das allerdings nur wenige Befürworter fand, weil es wegen zahlreicher technischer Schwierigkeiten als in der Praxis unmöglich umzusetzen galt. Mit der Zeit erwies es sich jedoch als die bessere Lösung: Die meisten Atombomben werden tatsächlich per Implosion gezündet. Doch der Weg dahin war voller Rückschläge und Fehlversuche, es brauchte schon ein paar besonders besessene Spinner, um diese Sache entgegen aller Widerstände zu meistern.

Es ist also eine Geschichte, wie ich sie liebe: Weltgeschichte und Wissenschaft – für meinen Geschmack gibt es viel zu wenig Serien darüber. Manhattan nun schafft hier definitiv Abhilfe – auch wenn es den Serienmachern weniger darum ging, die historischen Ereignisse möglichst exakt nachzustellen, oder gar eine akkurate Lehrstunde in Atomphysik zu liefern. Vielmehr wird den Zuschauern ein Bild dieser Zeit vermittelt: Die Welt befindet sich am Abgrund, die Mehrzahl der existierenden Staaten führen Krieg und die wissenschaftliche Elite der kriegführenden Allianzen arbeitet an konkurrierenden Projekten, die einerseits den Weltkrieg entscheiden sollen, andererseits auch das Potenzial haben, die Geschichte ein für alle Mal zu beenden, also: Die Menschheit auszulöschen.

Manhattan: Ashley Zukerman as "Charlie Isaacs," Rachel Brosnahan as "Abby Isaacs," Alexia Fast as "Callie Winter," Daniel Stern as "Glen Babbit," John Benjamin Hickey as "Frank Winter," Olivia Williams as "Liza Winter," Michael Chernus as "Louis 'Fritz' Fedowitz," Eddie Shin as "Sid Liao," Katja Herbers as "Helen Prins," Harry Lloyd as "Paul Crosley" and Christopher Denham as "Jim Meeks," in WGN America's "Manhattan" CT). Photo Credit: Justin Stephens/WGN America

Manhattan: Ashley Zukerman as „Charlie Isaacs,“ Rachel Brosnahan as „Abby Isaacs,“ Alexia Fast as „Callie Winter,“ Daniel Stern as „Glen Babbit,“ John Benjamin Hickey as „Frank Winter,“ Olivia Williams as „Liza Winter,“ Michael Chernus as „Louis ‚Fritz‘ Fedowitz,“ Eddie Shin as „Sid Liao,“ Katja Herbers as „Helen Prins,“ Harry Lloyd as „Paul Crosley“ and Christopher Denham as „Jim Meeks,“ in WGN America’s „Manhattan“ CT). Photo Credit: Justin Stephens/WGN America

Nach dem Otto Hahn Ende 1938 in Berlin die erste Kernspaltung gelungen war, befürchtete man in den USA (und gewiss auch in der UdSSR) durchaus zu recht, dass den Nazis im Verlauf des von ihnen begonnenen Weltkriegs der Bau der Bombe gelingen könnte – tatsächlich arbeiteten deutsche Wissenschaftler unter der Leitung von Werner Heisenberg im Rahmen des Uranprojekts daran, die Kernspaltung für den Bau von Waffen (und zur Gewinnung von Energie) nutzbar zu machen – allerdings gelang es ihnen damals nicht, vor der Kapitulation Deutschlands eine selbsterhaltende nukleare Kettenreaktion auszulösen. Die Alliierten zerstörten im Kriegsverlauf immer wieder wichtige Anlagen für die dafür benötigten, damals extrem schwer zu beschaffenden Ausgangsprodukte – sonst wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen. Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren deutsche Wissenschaftler an deutschen Universitäten Weltspitze in den Naturwissenschaften. Allerdings haben die Nazis damit gründlich aufgeräumt – und viele der von ihnen vertriebenen Wissenschaftler fanden sich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft auf der Seite der Gegner wieder.

In den USA wurden nun hunderte der talentiertesten Wissenschaftler rekrutiert, um dem Dritten Reich zuvorzukommen – in einem streng geheimen Projekt in einem dafür eigens aus dem Boden gestampften Forschungszentrum in New Mexico. Die Serie beschreibt die paranoide und klaustrophobische Stimmung, die in Los Alamos geherrscht haben muss: Weil aber aus naheliegenden und nachvollziehbaren Gründen niemand – und schon gar nicht der Feind – davon wissen durfte, war der Ort in jenem Sperrgebiet auf keiner Karte verzeichnet – für Außenstehende gab es schlicht eine Postfachnummer.

Auch die Familien der Wissenschaftler wussten nichts von dem, woran ihre Ernährer die ganze Zeit arbeiteten – und auch die verschiedenen Arbeitsgruppen durften nichts untereinander austauschen. Jeder bekam eine Dienstnummer und durfte jeweils nur das wissen, was für die tägliche Arbeit unumgänglich war – was einerseits verhindern sollte, dass einzelne Individuen genug über das Projekt verraten könnten, um es ernsthaft zu gefährden. Andererseits wurden auf diese Weise wurden aber jene Menge wertvolle Ressourcen verschleudert, weil es keine sinnvolle Koordination zwischen den von einander abgeschotteten Arbeitsgruppen gab.

Die Implosion-Gruppe: Harry Lloyd als "Paul Crowley", Eddie Shin als "Sid Liao," Christopher Denham als "Jim Meeks,", Katja Herbers als "Helen Prins," Daniel Stern as "Glen Babbit," und Michael Chernus als "Louis 'Fritz' Fedowitz," in WGN America's "Manhattan"

Die Implosion-Gruppe: Harry Lloyd als „Paul Crowley“, Eddie Shin als „Sid Liao,“ Christopher Denham als „Jim Meeks,“, Katja Herbers als „Helen Prins,“ Daniel Stern as „Glen Babbit,“ und Michael Chernus als „Louis ‚Fritz‘ Fedowitz,“ in WGN America’s „Manhattan“

Das führte dazu, dass die Mitglieder der jeweiligen Arbeitsgruppen immer wieder in Verdacht gerieten, Spione zu sein, nur weil sie versuchten, herauszufinden, wie der Stand der Dinge in den anderen Arbeitsgruppen war, damit sie in ihrer eigenen Arbeit besser voran kämen. Wurde jemand als Spion erwischt, war das natürlich fatal – im besten Fall wurde man nur aus dem Projekt geworfen, im schlechtesten, aber durchaus wahrscheinlicheren, Fall exekutiert. Auf diese Weise verlor das Projekt insgesamt natürlich auch immer wieder gute Leute. Durch Konkurrenz unter den Arbeitsgruppen sollte der Ehrgeiz und damit die Produktivität insgesamt angestachelt werden – was aber eine ziemlich schwachsinnige Idee ist, denn faktisch sorgte genau dieser Umstand dafür,  dass viel Zeit und Arbeit für das Überleben innerhalb dieser Konkurrenz aufgewendet werden musste, statt das eigentliche Projekt voranzutreiben. An dieser Hirnrissigkeit leiden in der Serie auch fast alle – bis auf jene, deren Job es ist, verdächtige Umtriebe entschieden zu bekämpfen.

Hinzu kam, dass es sich um ein Projekt der US Army handelte, das eben militärische Maßstäbe in Sachen Geheimhaltung und Disziplin verlangte, was die in der Regel zivilen wissenschaftlichen Mitarbeiter nicht akzeptieren konnten oder wollten. Insofern war der Kunstgriff der Serienmacher, mit dem erfundenen Dr. Winter eine Hauptfigur zu etablieren, die sich genau an diesen Konflikten abarbeitet, eine wirklich gute Idee: Ausgerechnet dieser brillante, aber leider auch unbequeme Wissenschaftler ist mit seinem Ansatz zwar auf der richtigen Fährte, wie sich später herausstellen wird, wird aber erstmal aufs Nebengleis geschoben, weil sein Ansatz als zu abwegig gilt.

Dr. Frank Winter natürlich auch sonst ein schwieriger Typ, er ist ein besessenes Arbeitstier, das von seiner Handvoll Mitarbeiter genau das verlangt, was er von sich selbst erwartet – totalen Einsatz nämlich. Er ist ein Tyrann, aber einer mit Herz – ihm geht es wirklich um die Sache und nicht um seine Karriere. Die setzt er immer wieder aufs Spiel: Er wirft sich für seine Leute in die Bresche, wenn es drauf ankommt, und obwohl er nicht viel zu Hause ist, wird doch klar, dass er seine Frau und seine Tochter wirklich liebt. Mit seiner Frau teilt er sogar Geheimnisse, über die er wirklich nicht reden sollte, womit er am Ende noch mehr als seine Karriere aufs Spiel setzt.

Aber wie vermutlich die meisten seiner Kollegen klammert er sich an die Hoffnung, dass diese furchtbare Waffe, an der sie alle arbeiten, das Potenzial hat, Kriege ein für alle mal zu beenden, weil einfach niemand sie einsetzen wird: Wenn die Welt erstmal begreift, was sie da in der Wüste für ein schreckliches Ding zünden können, wird kein Befehlsaber eines demokratisch regierten Landes so etwas über einer bewohnten Großstadt abwerfen. Dr. Winter will dazu beitragen, das Zeitalter des Friedens auf Erden herbeizuführen.

Manhattan: Olivia Williams als Dr. Liza Winter, John Benjamin Hockey als Dr. Frank Winter und Alexia Fast als Callie Winter. Bild: WGN America

Manhattan: Olivia Williams als Dr. Liza Winter, John Benjamin Hockey als Dr. Frank Winter und Alexia Fast als Callie Winter. Bild: WGN America

Wie man heute weiß, ist es ganz anders gekommen – und das macht die ganze Sache so schmerzhaft. Ausgerechnet die USA sind bisher das einzige Land, das im Kriegsfall tatsächlich Atomwaffen eingesetzt hat. Und wenn man sich in der Welt umsieht, wird auch klar, dass die atomare Abschreckung eine viel zu abstrakte Gefahr ist, als dass sie konventionell ausgetragene Konflikte verhindern könnte – und die konventionellen Waffen, die als das kleinere Übel angesehen werden, richten heute schon genug Schaden an Menschen und Umwelt an. Da mag man an die vielen nuklearen Sprengköpfe, die in irgendwelchen Bunkern weltweit vor sich hinrotten, gar nicht denken.

Aber zurück zur Serie: Wenn es um die Sache geht, pfeift Dr. Winter auf Regeln und Sicherheitsmaßnahmen, denn er hat ja eine Mission. Das Implosions-Team von Dr. Winter besteht aus einem halben Dutzend schräger Nerds, allesamt Außenseiter. Da ist der als Kommunist verdächtigte Dr. Glen Babbit (Daniel Stern) mit karl-marxschem Rauschebart, der chinesische Mathematiker Sid Liao (Eddie Shin), der dickliche und bei den Frauen erfolglose Chemiker Fritz (Michael Chernus), der Anpasser Meeks (Christopher Denham) und der ebenso ehrgeizige wie windige Brite Crosley (Harry Lloyd). Und dann natürlich auch noch Dr. Helen Prins (Katja Herbers), die einzige Physikerin im Projekt – die selbstverständlich brillant ist, aber eben eine Frau.

Schließlich gibt es auch noch Dr. Liza Winter (Olivia Williams), die zwar nur als Ehefrau von Frank nach Los Alamos kam, aber eigentlich selbst eine begnadete Wissenschaftlerin ist. „Und wenn das Gehirn Ihres Mannes so groß wie Kansas ist, der Ehering an Ihrem Finger macht Sie noch nicht zur Wissenschaftlerin!“ muss Liza sich von einem jungen Schnösel sagen lassen, der nicht weiß, dass er eine der weltbesten Botanikerinnen ihrer Zeit vor sich hat.

Liza will genau wie Franks und ihre rebellische Tochter Callie am liebsten sofort wieder nach Princeton zurück, wo sie einen guten Job und die damit verbundene Anerkennung hatte – aber wenn diese Demütigung hier denn nötig ist, um den Weltkrieg gegen die Nazis zu gewinnen, stellt sie ihre eigenen Interessen natürlich hinten an. Trotzdem kann sie nicht aus ihrer Haut; weil sie erst einmal keine Arbeitserlaubnis bekommt, fängt sie an, sich als Freizeitwissenschaftlerin zu betätigen und natürlich findet sie beunruhigende Dinge heraus.

So ähnlich ergeht es auch anderen Ehefrauen, etwa Abby Isaacs (Rachel Brosnahan), der schönen Frau von Dr. Charlie Isaacs (Ashley Zukerman), einem vielversprechenden Nachwuchswissenschaftler, der in Los Alamos schnell aufsteigt. Während Charlie kaum noch Zeit für seine Familie hat, lässt sich Abby, wenn auch mit schlechtem Gewissen, auf eine Affäre mit ihrer Nachbarin ein, der Französin Elodie (Carole Weyers), die gar nicht fassen kann, wie prüde und humorlos diese Amerikaner doch sind. Ihr Mann ist ebenfalls ein hohes Tier in der Los-Alamos-Hierarchie.

Vorspann Manhattan: WGN America

Vorspann Manhattan: WGN America

Genau dieser Umstand führt dazu, dass Abby sich irgendwann doch für ihren Charlie entscheidet – sie verstrickt sich in verschiedene Machenschaften von Charlies Nebenbuhlern und als es hart auf hart kommt, hält sie dann doch zu ihrem Ehemann, obwohl sie sich eigentlich scheiden lassen will. Denn Charlie ist ständig mit dieser Helen Prins unterwegs – wobei diese Affäre in allererster Linie eine dienstliche ist, Helen kann Charlie auf den ersten Blick nicht besonders leiden, obwohl sie sich dann doch näher kommen. Helen weiß nämlich, was sie will und weil sie klug und souverän ist, hat sie eben auch Sex, wenn ihr danach ist – was sich nebenbei als ganz praktisch herausstellt, um zu erfahren, woran die Kollegen so arbeiten.

Für Abby ist das alles viel weniger einfach, obwohl sie nach und nach auch einige Dinge durchschaut. Aber es ist ja auch schwierig, herausfinden, was hier eigentlich gespielt wird, deshalb kommen immer wieder die falschen Leute unter die Räder, etwa Sid Liao, der erschossen wird, weil man ihn fälschlicherweise für einen Spion hält – während man dem eigentlichen Spion, den es im Projekt gibt, nicht auf die Schliche kommt.

Mir hat die erste Staffel sehr gut gefallen, soweit man bei einem solchen Stoff überhaupt von gefallen reden kann – es ist von hinten bis vorn eine schreckliche Geschichte, aber sehr, sehr gut gemacht. Und es gibt eine Menge ambivalenter Figuren, denen man durchaus abnimmt, dass sie einfach nur das Gute wollen, indem sie das Böse tun – genau wie bei Breaking Bad gibt es eigentlich keine wirklich sympathischen Protagonisten – die einen sind hoffnungslose Idealisten, die an ihre große Idee glauben, die anderen sind einfach hoffnungslos naiv und versuchen, aus einer Situation, in die sie geworfen wurden, das Beste zu machen. Und dann gibt es die berechnenden Arschlöscher, die aber trotzdem irgendwie Menschen sind, weil sie ja immerhin die Nazis bekämpfen.

Ein paar Nazis gibt es natürlich auch – einige Szenen spielen in Deutschland, wo Werner Heisenberg versucht, sein Manhattan-Projekt voranzutreiben. Und vermutlich gar nicht dermaßen zufällig wird man an die Szenen in der letzten Staffel von Breaking Bad erinnert, die angeblich in Hannover spielen, wo angeblich deutsche Wissenschaftler an irgendwelchen neuen Soßen tüfteln – das Deutsch, das gesprochen wird, ist zwar korrekt, aber sehr putzig – und das ist auch hier der Fall. Wobei ich mich eigentlich gar nicht darüber lustig machen will – es gibt aber immer wieder Verweise darauf, dass viele der Wissenschaftler in Los Alamos eben auch deutsche Wurzeln hatten, nicht zuletzt der oberste Projektleiter Robert Oppenheimer, eine der wenigen historischen Personen, die unter ihrem echten Namen in der Serie vorkommen.

Ansonsten gibt es eine ganze Reihe weiterer Anspielungen auf die zeitgenössische Kultur in Europa, ein Buch, das die nach Abwechslung gierenden Ehefrauen im Lager untereinander austauschen – klar ist Los Alamos im Vergleich zu den KZs im Dritten Reich ein sehr komfortables Lager, aber es ist eben auch ein Ort, den man nur mit entsprechendem Passierschein verlassen kann und an dem sehr rigide Regeln gelten – ist L’Étranger von Albert Camus. Abby, die einige Jahre Französisch gelernt hat, verschlingt den absurden Roman in Rekordzeit und zieht Schlüsse daraus: Es gibt immer eine Wahl, auch wenn sie womöglich unangenehme Konsequenzen hat.

Girls: Die Serie der Generation Praktikum

Weil ich gerade eine Ankündigung für die fünfte Staffel von Girls gesehen habe, die ab dem 5. Juni auf Sky laufen wird, nehme ich das einmal zum Anlass, meinen ohnehin längst überfälligen Eintrag zu Girls zu schreiben. Girls ist nämlich eine dieser Mädchen-Serien, mit denen ich eigentlich nichts anfangen kann. Dachte ich.

Ich habe bisher noch jede Serie gezielt vermieden, deren Titel irgendeine Kombination mit „Girls“ enthält und auch von Sex and the City habe ich mir nur aus wissenschaftlichem Interesse ein, zwei Teile angesehen. Eben weil ich heraus finden wollte, was denn nun eigentlich dieses grandiose Etwas daran gewesen sein soll, weshalb plötzlich angeblich alle Sex and the City sehen wollten. Ich habe es nicht herausgefunden.

Girls: Jessa (Jemima Kirke), Hannah (Lena Dunham) und Shoshanna (Zosia Mamet) Bild: HBO

Girls: Jessa (Jemima Kirke), Hannah (Lena Dunham) und Shoshanna (Zosia Mamet) Bild: HBO

Ganz anders nun Girls – in der autobiografisch inspirierten Serie von Lena Dunham geht es ebenfalls um vier Freundinnen und ihren Alltag in New York, aber Hannah (Lena Dunham), Marnie (Allison Williams), Shoshanna (Zosia Mamet) und Jessa (Jemima Kirke) sind deutlich jünger als die Protagonistinnen aus Sex and the City und sehr viel weniger erfolgreich – Über das vergebliche Bemühen der Generation Praktikum wäre ein treffender Untertitel zu Girls. Die vier Mitzwanzigerinnen teilen sich in Brooklyn ein Apartment und versuchen auf die eine oder andere Weise, irgendwie irgendwo einen Fuß in die Tür zu bekommen, nachdem sie sich so lange wie nur möglich auf Kosten ihrer Eltern durchgewurschtelt haben.

Die Handlung setzt damit ein, dass Hannahs Eltern ihre Tochter besuchen, um ihr mitzuteilen, dass sie ihr nun zwei Jahre nach Hannahs Collegeabschluss endlich den Geldhahn zudrehen werden – langsam sei ja wohl an der Zeit, dass sie auf eigenen Füßen stehe. Hannah versucht, Schriftstellerin zu werden und absolviert neben ihrem unfertigen Buchprojekt seit längerer Zeit ein unbezahltes Praktikum bei einem Verleger, der sie auch prompt vor die Tür setzt, als sie für ihren Ganztagsjob eine Bezahlung verlangt: „Glauben Sie wirklich, dass Sie bei mir nichts mehr lernen können?!“ fragt er, als Hannah ihm mitteilt, dass sie sich es nun einfach nicht mehr leisten könne, den ganzen Tag unentgeltlich zu arbeiten.

Girls: Hannah (Lena Dunham) Bild: HBO

Girls: Hannah (Lena Dunham) Bild: HBO

Ähnlich sieht es bei den anderen aus, Marnie hat es vergleichsweise gut getroffen und arbeitet als Assistentin in einer Galerie, Shoshanna studiert noch, sie ist Jessas naive, aber ehrgeizige Cousine , die als einzige der vier ernsthaft und zielstrebig das Projekt verfolgt, erwachsen zu werden und etwas aus sich zu machen. Jessa ist nicht nur äußerlich das Gegenteil von Shoshanna – die attraktive Langhaarblondine ist selbst im Vergleich zu Hannah und Marnie atemberaubend unzuverlässig, verantwortungslos und selbstbezogen – aber trotzdem eine liebenswerte Lebenskünstlerin, die ständig in fernen Ländern unterwegs ist und damit auch die Träume der anderen stellvertretend für sie mit auslebt. Und selbstverständlich gibt es kaum einen Kerl, der sich nicht in Jessa verliebt.

Denn natürlich gibt es in Girls auch Männer, etwa Adam (Adam Driver), Hannahs Freund, falls man ihn so bezeichnen möchte, er antwortet nie auf Hannahs SMS, drapiert sie aber in eigenartigen Stellungen auf das Sofa in seiner werkstattartigen Wohnung, um Sex mit ihr zu haben, wenn sie bei ihm vorbei kommt. Man fragt sich, warum Hannah das einfach so klaglos mitmacht – aber genau das ist ja das, was an dieser Serie überhaupt immer wieder so schmerzt: Hannah tut ständig haarsträubende Dinge, weil sie so angestrengt damit beschäftigt ist, zu werden, wer sie ist, wie sie ihren Eltern erklärt hat. Nur hat sie keinen Plan, wer sie eigentlich ist oder gar sein will – auf jeden Fall aber etwas anderes.

Girls: Adam (Adam Driver) und Hannah (Lena Dunham) Bild: HBO

Girls: Adam (Adam Driver) und Hannah (Lena Dunham) Bild: HBO

Den Tanz um das eigene Ego betreiben Hannah und ihre Freundinnen dabei so ernsthaft, wie man nur erwarten kann, in einer Gesellschaft, die Individualismus und Selbstverwirklichung zur ersten Bürgerpflicht verklärt hat. Aber weil eben diese Gesellschaft gleichzeitig sämtliche Bemühungen, genau das zu erreichen, nachhaltig untergräbt – denn es gibt diese ganzen Jobs ja gar nicht, in denen man sein Ding machen und gleichzeitig damit Geld verdienen könnte – sind sie alle von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Und gerade Hannah scheitert geradezu besessen vor sich hin und das mit immer aufs neue bestürzenden Varianten der Selbstsabotage.

Und das, obwohl die Ansprüche der Mädels an das Leben erschreckend unambitioniert, ja von geradezu bedrückender Bescheidenheit sind: Sie träumen nicht davon, jobmäßig irgendwann das große Los zu ziehen oder gar durch einen Mr. Right von der Drangsal eines Brotjobs erlöst zu werden, sondern davon, eine aushaltbare Arbeit zu bekommen, die Miete weiterhin zahlen zu können, einen Freund zu finden, der ihnen nicht total auf die Nerven geht, sondern gelegentlich da ist, wenn man ihn braucht. Und ja, eines Tages so zu werden, dass sie selbst mit sich klar kommen und nicht mehr in irgendwelche Zwangsstörungen flüchten zu müssen – zumindest in diesem Punkt leben alle vier eine gewisse Individualität aus.

Girls: Marnie (Allison Williams), Hannah (Lena Dunham) und Adam (Adam Driver) Bild: HBO

Girls: Marnie (Allison Williams), Hannah (Lena Dunham) und Adam (Adam Driver) Bild: HBO

Mit Girls geht es mir wie mit The Office (dem britischen Original) – man kann eigentlich gar nicht hinsehen und beißt sich vor lauter Fremdscham in die Faust, weil es eben gar nicht lustig ist, was man da zu sehen bekommt: Eine erstaunlich treffende Karikatur peinlicher Alltagssituationen aller Art, die man aus dem eigenen Erleben nur zu gut kennt. Die Schonungslosigkeit, mit der sich Lena Dunham, die nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Drehbuchautorin und Regisseurin der HBO-Serie ist, immer wieder bloßstellt, ist durchaus bewundernswert, auch wenn ich mich gleichzeitig frage, warum sie das eigentlich tut.

Oder nein, in dem Fall eigentlich nicht, denn das ist mittlerweile tatsächlich ihr Job, der ihr auch herzlich gegönnt sei, denn sie macht ihn nun wirklich gut. Insofern ist sie wirklich die Stimme einer Generation, die ihre Protagonistin Hannah vermeintlich sein könnte. Einer Generation, die wirklich nichts zu lachen hat. Aber für gute Comedyserien braucht man halt richtig harten Stoff – und die vier schenken sich nichts, sondern exerzieren die verschiedenen Stadien ihrer Freundschaft und ihres Zusammen- und Sich-Auseinanderlebens  genauso gnadenlos durch, wie sie von ihren Mitmenschen behandelt werden: Knallhart auf die eigenen Bedürfnisse optimierend und dann doch maßlos enttäuscht, wenn sich heraus stellt, dass sich die jeweilige Bedürfnislage keineswegs harmonisch gestaltet, sondern unvereinbare Interessen aufeinanderprallen. Irgendwer heult am Ende immer. Aber so ist es nun mal, das Leben. Und Girls ist eine erfrischend ehrliche Serie darüber.

Girls: Hannah (Lena Dunham), Shoshanna (Zosia Mamet), Jessa (Jemima Kirke) und Marnie (Allision Williams) Bild: HBO

Girls: Hannah (Lena Dunham), Shoshanna (Zosia Mamet), Jessa (Jemima Kirke) und Marnie (Allision Williams) Bild: HBO

Keine zwei Monate mehr…

… und es gibt endlich die zweite Staffel von Mr. Robot.

Der erste offizielle Trailer für die Fortsetzung ist durchaus vielversprechend – aber die von mir bereits in anderem Zusammenhang angesprochene Angst des Serienjunkies vor der zweiten Staffel erreicht jetzt neue Rekordwerte – gerade weil die erste Staffel so eingeschlagen hat, weil die Serie so frisch, unverbraucht und unerwartet gut war, kann jetzt so viel schief gehen.

Und die findigen Werbeleute und Social-Media-Experten von USA Network sind im Vorfeld ja auch schon zu Hochform aufgelaufen, in dem sie US-Präsident Obama zum vitalen Werbeträger gemacht haben, der in einem weiteren Video erklärt, dass Tyrell Wellick und fsociety in diesen fatalen Hack involviert waren, der das ganze System empfindlich getroffen hat… das war natürlich eine coole Idee.

Auch wenn ich jetzt noch mehr fürchte, dass es in den neuen Folgen vor allem um Elliots mentale Befindlichkeiten gehen wird und nicht um Systemkritik oder gar einen kühnen Entwurf, wie denn eine Gesellschaft aussehen könnte, an der Elliot – und mit ihm doch eigentlich wir alle – weniger leiden würde(n), weil die Menschen eben nicht mehr gezwungen wären, den ganzen Tag für Geld Dinge zu tun, die weder für sie, noch für andere Menschen gut sind, nur weil sie das Geld zum Überleben brauchen.

Aber wer weiß, vielleicht ist die neue Staffel doch wieder für Überraschungen gut. Und redet Mr. Robot nicht eigentlich über Apple, wenn er zu Elliot sagt, dass er sich immer nur im Kreis dreht, in der Unendlichen Schleife seines Wahnsinns? („round and round we go (…)  our infinite loop of insanity“). Das wäre doch eher ein Gag für Silicon Valley – aber der Wahnsinn hat bekanntlich viele Gesichter. Die dritte Staffel von Silicon Valley ist übrigens ziemlich gut, wo wir gerade bei dem Stichwort sind – diese Serie hat sich wirklich von Staffel zu Staffel gesteigert. Insofern besteht Hoffnung…

Neue Kult-Serie: The Path

Pünktlich zum langen Pfingstwochenende kommt das schlechtere Wetter – was ich war nicht so schlimm finde, denn dann muss man nicht draußen in der Sonne sitzen, sondern kann drinnen in Ruhe fernsehen. Beispielsweise die neue Hulu-Serie The Path mit Aaron Paul, Hugh Dancy und Michelle Monaghan. Es geht um die Mitglieder einer Sekte, die wie die meisten Sekten von sich behauptet, eben keine Sekte, sondern eine Bewegung zu sein, eine Bewegung natürlich, die Menschen zu einem besseren Leben führen soll, einem Leben in Wahrheit und Licht, statt in Lüge und Finsternis.

Verwirklicht werden soll das meyeristische Konzept, das sich ein gewisser Steve Meyer ausgedacht hat, der nun irgendwo zurückgezogen in Peru lebt, in dem die Mitglieder die Erkenntnis-Stufen einer Art Bewusstseinsleiter emporklimmen – jede neue Stufe ist mit neuen Kompetenzen verbunden, die das jeweilige Mitglied der Bewegung hat. (Lustig ist natürlich auch dieses ganze „Steve hat gesagt…“, „Steve hätte gewollt…“ und so weiter, was garantiert nicht zufällig an His Steveness Jobs erinnern soll, den leider viel zu früh von uns gegangenen Apple-Gründer.)

The_Path_TV_series_intro

Aber natürlich müssen die jeweiligen Aspiranten vor allem an sich selbst arbeiten, ihren Körper und ihren Geist reinigen – es gibt gewisse Ernährungsvorschriften, die Mitglieder der Bewegung bauen beispielsweise eigenes Biogemüse und -obst an und verzichten auf den Genuss von Fleisch. Viele von ihnen haben auch eine gewisse Kompetenz in Sachen Drogenentzug – entweder weil sie selbst Abhängige waren und durch einen Entzug gegangen sind oder Abhängige begleitet haben – das ist einer der Wege, um neue Mitglieder zu werben.

Eddie (Aaron Paul) ist ebenfalls auf diese Weise zum Meyerismus gekommen und mittlerweile ein verlässlicher  Pfeiler der Bewegung. Seine Frau Sarah (Michelle Monaghan) wurde in diese Gemeinschaft, die einst von lebensfrohen kiffenden Hippies begründet wurde, bereits hineingeboren und kennt nichts anderes. Sarah ist vollkommen überzeugt, dass diese Sache eine gute Sache ist und die Welt retten wird. Sie lebt die Gesetze ihrer Gemeinschaft mit Inbrunst und Überzeugung und sie liebt Eddie.

The Path: Sarah (Michelle Monaghan) und Eddie (Aaron Paul)

The Path: Sarah (Michelle Monaghan) und Eddie (Aaron Paul)

Eddie hingegen hat angefangen zu zweifeln – einerseits erklimmt er Stufe um Stufe auf der Leiter zum Licht und versucht, ein guter Ehemann und Vater zu sein, andererseits ist er nicht hundertprozentig davon überzeugt, dass diese Bewegung ausschließlich Gutes im Sinn hat. Seit seinem Besuch in einem Rückzugzentrum der Bewegung in Peru ist er ein bisschen neben der Spur – Sarah vermutet, dass ihr Mann eine Affäre hat und beginnt, hinter ihm herumschnüffeln. Und tatsächlich sieht es so aus, als ob sie mit ihrem Verdacht richtig liegt.

Tatsächlich ist die Sache fast noch schlimmer: Eddie trifft sich heimlich mit einer Aussteigerin, die behauptet, die Bewegung habe ihren Mann auf dem Gewissen und sei nun auch hinter ihr her. Eddie ist ziemlich aufgewühlt von dem, was er in Peru erlebt hat. Der Meyerismus beruht unter anderem auf der Aufbereitung traumatischer Erlebnisse, in dem die jeweiligen Menschen durch unterschiedliche Rituale in den glücklicheren Zustand vor dem jeweiligen Trauma zurückgeführt werden sollen – was sehr an den Kult in The Master erinnert. Dazu werden in The Path unter anderem psychedelische Substanzen und zum Teil recht rigorose Behandlungen in einer Art Isolationszelle zusammen mit einer strengen Diät benutzt.

Eddie hat in Peru an einem Psychoritual für Fortgeschrittene teilgenommen und ist dabei seinem Bruder begegnet, der sich umgebracht hat, als Eddie noch sehr jung war. Außerdem hat er entdeckt, dass der große, von allen sehr verehrte Steve gar nicht dabei ist, die letzten Kapitel seines Hauptwerks The Ladder zu schreiben, sondern sterbend im Koma liegt. Kein Wunder, dass Eddie verstört und erschüttert ist – merkwürdig ist allerdings, dass er seiner Frau nichts davon erzählt, wo die Gemeinschaft doch dermaßen viel Wert auf Transparenz und Offenheit legt: Sämtliche Dinge sollen eigentlich geregelt werden, in dem darüber gesprochen wird. „I want to unburden“ sagt man, wenn man den anderen etwas mitzuteilen hat, das einen irgendwie belastet: Denn negative Gefühle sind eine Last, von der man sich befreien kann und muss. Das ist alles schon ziemlich Big-Brother-mäßig, das Symbol der Meyeristen ist auch nicht zufällig ein großes offenes Auge, das an zentraler Stelle im Wohnzimmer eines jeden Mitgliederhaushalts hängt.

The Path: Cal (Hugh Dancy)

The Path: Cal (Hugh Dancy)

Und selbstverständlich stellt die ganze demonstrative Offenheit schnell als eine zur Schau gestellte heraus: Alle haben ihre kleinen und größeren schmutzigen Geheimnisse, vor allem auch Cal (Hugh Dancy), der charismatische Leiter des Zentrums, in dem Sarah und Eddie leben und tätig sind. Schon dass die Zentren der Bewegung eben nicht offen sind, sondern mit einem soliden Zaun vor der schlechten Welt geschützt werden müssen, sollte einen nachdenklich machen. Aber die Leute fühlen sich halt wohl in ihren abgezirkelten, übersichtlichen Welt – nicht umsonst werden Gated Communities immer beliebter, nicht nur unter Sektierern.

Cal macht sich Hoffnungen, Steves Erbe antreten zu können, und oberster Meyerist zu werden. Er traut Eddie nicht über den Weg und hat eine Schwäche für Sarah, die sich allerdings vor langer Zeit eben für Eddie und nicht für Cal entschieden hat. Cal ist ein Meister der Manipulation – eine Schlüsselszene der ersten Folge ist abgesehen von Eddies Psychotrip in Peru Cals Rede vor der Gemeinschaft, in der er Platons Höhlengleichnis zur Erklärung der Überlegenheit des Meyerismus heranzieht: So funktioniert Welterklärung im pseudoaufklärerischen Sektenmodus!

Während Cal seinen Gläubigen erklärt, dass die angebliche Realität da draußen nur eine Abbildung des eigentlichen Lebens sei, das Meyeristen dank entsprechender Erweiterung ihrer Wahrnehmung und Spiritualität tatsächlich erreichen können, offenbart sich gleichzeitig auch Cals eigener Tunnelblick, den er als wahrer Verkünder der einzigen Wahrheit hat: Das ist einfach genial. Und damit hatten die Serienmacher mich am Wickel – The Path dürfte eine der interessantesten Dramaserien dieses Jahres werden.

The Path: Cal (Hugh Dancy) und Mary (Emma Greenwell)

The Path: Cal (Hugh Dancy) und Mary (Emma Greenwell)

In den folgenden Teilen bestätigt sich dann auch, dass Cal durchaus nicht nur von edlen Motiven getrieben wird – allein seine Verhalten gegenüber Mary, einer jungen Drogenabhägigen, die mit einigen anderen nach einem Einsatz in Katastrophenhilfe bei den Meyeristen landet, ist mehr als zweifelhaft. Natürlich zeichnen sich die Meyeristen auch darin aus, dass sie tatsächlich Gutes tun. So sind sie als Ersthelfer nach einer Hurrikan-Katastrophe vor Ort – lange bevor die staatliche FEMA irgendwas auf die Reihe bekommt. Die Meyeristen verteilen Wasser und Lebensmittel, Decken und Trost und nehmen die Menschen, die ihr Obdach verloren haben, auf. Und sie checken schnell, was mit Mary los ist, die nicht nur von der Katastrophe traumatisiert ist, wie alle anderen auch: Sie ist auf Entzug und schon deshalb neben der Spur. Natürlich können sie auch hier helfen.

Mary nimmt diese Hilfe dankbar an und verliebt sich in ihren Retter Cal – der diesem Umstand durchaus ausnutzt, um Mary in die Bewegung zu ziehen, auch wenn er sie gleichzeitig körperlich auf Distanz hält. Er sich lässt sogar zu einer ziemlich schwachsinnigen Aktion hinreißen, weil er Marys Rachegelüste gegenüber ihrem Vater zu seinem eigenen Kreuzzug macht: Mary hat Cal anvertraut, dass ihr Vater sie seit ihrem elften Lebensjahr an seine Kumpels verkauft hat – aufgrund ihrer Missbrauchsgeschichte ist sie das Wrack, als das Cal sie vorgefunden hat. Cal versucht, ihr Trauma zu heilen, in dem er gemeinsam mit Mary dieses Arschloch von Vater aufsucht. Cal fordert ihn auf, seine Tochter um Vergebung zu bitten, für das, was er ihr angetan hat. Doch der denkt nicht daran – schließlich ist er der Vater und weiß am besten, was dieses Flittchen braucht. Cal rastet aus und schlägt den Alten zusammen. Was man ihm einerseits nicht wirklich verdenken kann, weil der Alte es eindeutig verdient hat, andererseits war diese Entgleisung natürlich dumm. Denn nun ist der Alte auch noch zu recht sauer auf diese Sektenheinis, die seine Tochter entführt haben – so seine Wahrnehmung der Geschichte. Und er geht zu Polizei.

The Path: Der Sohn von Sarah und Eddie, Hawk (Kyle Allen)

The Path: Der Sohn von Sarah und Eddie, Hawk (Kyle Allen)

Die Bewegung inzwischen auch das Interesse des FBI in Form von Detective Abe Gaines (Rockmond Dunbar) erweckt. Er beginnt mit Ermittlungen, die ihn durchaus an seinen bisherigen Glaubensüberzeugungen zweifeln lassen. Und dann gibt es natürlich auch noch Sarahs wachsendes Misstrauen gegenüber ihrem Eddie, der einerseits so gern glauben würde, weil es das Leben viel einfacher macht, und andererseits immer eindringlicher hinterfragt, ob die Bewegung denn tatsächlich nur gut sei – denn natürlich bekommt er mit, dass Cal zweifelhafte Dinge tut. Und dann fängt auch noch der inzwischen sechzehnjährige Sohn von Sarah und Eddie an, ein wenig kontrollierbares Eigenleben zu entwickeln, weil er ein Mädchen kennenlernt, das nichts mit seinem Kult zu tun hat – doch, da ist eine Menge Potenzial – ich werde auf jeden Fall dranbleiben.

Ain’t Them Bodies Saints

Die Beschreibung von Ain’t Them Bodies Saints (deutscher Titel: Saints – sie kannten kein Gesetz)  liest sich ein wenig wie Bonnie und Clyde – aber zum Glück ist es eine ganz andere Geschichte. Rein theoretisch ist es natürlich auch ein Film über ein Verbrecher-Pärchen, aber keineswegs eine Heroisierung von Outlaws, Verbrechern und oder gar dem Verbrechen an sich als gegen die verdammte Scheißgesellschaft gerichteter Akt. In Ain’t Them Bodies Saints  wird eine erstaunlich unspektakuläre und am Ende irgendwie vernünftige Geschichte erzählt- weshalb mir der Film gefällt. Dazu kommt, dass David Lowery in dabei schönen, etwas sepia-stichigen Bildern schwelgt,  was der Geschichte eine melancholische Grundnote verleiht, jedoch ohne in Kitsch abzugleiten.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck)

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck)

Ruth Guthrie (Rooney Mara) und Bob Muldoon (Casey Affleck) sind ein Paar. Und es macht ihnen Spaß, auf der anderen Seite des Gesetzes zu stehen – auch wenn für den Film gar keine Rolle spielt, was genau sie eigentlich verbrochen haben. Ruth fährt das Fluchtfahrzeug, ihre kleine Gang wird von der Polizei verfolgt und gestellt, sie suchen in einem verlassenen Haus Deckung und liefern sich ein Feuergefecht mit der Polizei. Ruth schießt einen der Polizisten nieder, ihr Kumpel Freddy wird tödlich verletzt. Als Ruth und Bob erkennen, dass ihre Lage aussichtslos ist, beschließen sie, sich zu ergeben. Und weil Ruth schwanger ist, nimmt Bob alle Schuld auf sich, damit Ruth in Freiheit leben und ihr gemeinsames Kind aufziehen kann.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck)

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck)

Wie erwartet, bekommt Bob eine lange Haftstrafe aufgebrummt. Ruth zieht in das Haus neben Skerrit (Keith Carradine) ein, dem Vater ihres getöteten Verbrecher-Freundes und erklärt ihm, dass sie auf Bob warten werde. Skerrit vertritt selbst eine eher alternative Auffassung von Ehre und Moral und so unterstützt er die Freunde seines toten Sohnes. Ruth’s Tochter Sylvie kommt zur Welt und die Jahre vergehen. Ruth lebt ein ganz normales Leben und Sylvie wächst heran. Der Polizist, den Ruth angeschossen hatte, hat die Sache überlebt – und ironischerweise er entwickelt Gefühle für Ruth und ihre Tochter. Patrick (Ben Foster) weiß nicht, dass Ruth es war, die ihn angeschossen hat und nicht Bob.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Bob (Casey Affleck) ergibt sich

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Bob (Casey Affleck) ergibt sich

Bob hingegen schreibt Ruth Briefe aus dem Gefängnis und arbeitet an seiner Flucht. Nach fünf Jahren ist es soweit – er schafft es abzuhauen und lässt Ruth die Nachricht zukommen, dass er sie und Sylvie holen werde. Natürlich kommt die Polizei auch auf die Idee, dass Bob zu Ruth gehen wird und nimmt Kontakt mit Ruth auf. Aber nicht nur die Polizei ist hinter Bob her, auch ein paar freischaffende Kopfgeldjäger versuchen, ihn zu kriegen.

Ruth hingegen ist nicht blöd – natürlich liebt sie Bob noch, irgendwie, aber ihr ist klar, dass ihr und dem Kind ein klägliches Leben auf der Flucht beschieden sein wird, wenn sie jetzt mit Bob geht. Also lässt sie Bob über Skerrit die Nachricht zukommen, dass sie zwar gehen werde, aber nicht mit Bob: Wenn sie mit ihm käme, würden sie beide verfolgt, bis sie geschnappt würden und das sei kein Leben, das sie für ihre Tochter wünscht. Sie werde mit Sylvie in eine Stadt ziehen, in der niemand wisse, wer sie ist. Und wenn sie sich in ihrem neuen Leben eingerichtet habe, könnten sie später wieder zusammen kommen. Falls Bob es schaffen würde, sich ebenfalls ein neues Leben aufzubauen. Das ist natürlich nicht das, worauf Bob gewartet hat, der inzwischen bei seinem alten Kumpel Sweetie (Nate Parker) untergetaucht ist.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Ruth und Bob haben sich ergeben

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Ruth und Bob haben sich ergeben

Inzwischen feiert Ruth mit Sylvie deren vierten Geburtstag und bereitet ihre Abreise vor. Patrick kommt vorbei und schenkt Sylvie eine Kindergitarre. Ruth lädt ihn zum Abendessen ein. Bob fährt zu Ruths Haus und sieht vom Auto aus ausgerechnet Patrick in ihrem Wohnzimmer – völlig durcheinander fährt er wieder davon.

Ruth und Patrick haben derweil so etwas wie eine Aussprache – Patrick sagt Ruth, dass er gar nicht sauer auf Bob sei, das mit der Schussverletzung sei ja schließlich Berufsrisiko. Das erklärt auch, warum er Bob bei einigen Gelegenheiten, als er ihm auf den Fersen war, hat entkommen lassen, obwohl es die Chance gegeben hätte, ihn zu stellen. Patrick erklärt, er würde in Ruth und ihrer Tochter nur Gutes sehen.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Patrick (Ben Foster)

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Patrick (Ben Foster)

Daraufhin sagt Ruth, dass sie vor Gericht gelogen habe – es sei nicht Bob gewesen, der geschossen hätte. Patrick sagt Ruth, dass er das alles eigentlich gar nicht wissen wolle – es würde ohnehin nichts an seinen Gefühlen für sie ändern. Am nächsten Tag findet Sylvie Patrick und Ruth Arm in Arm auf dem Sofa vor.

Bob ist hingegen zu dem Schauplatz der Schießerei zurückgekehrt und versteckt sich dort – allerdings machen ihn die Kopfgeldjäger ausfindig. Es kommt zu einer weiteren Schießerei, bei der Bob einen von ihnen tötet und einen verletzt – allerdings wird er selbst auch getroffen. Er schleppt sich bis zur Straße und hält einen Autofahrer an. Der bietet ihm an, ihn in ein Krankenhaus zu fahren, aber Bob zwingt ihn, ihn zu Ruth‘ Haus zu bringen.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Skerrit (Keith Carradine)

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Skerrit (Keith Carradine)

Der dritte Kopfgeldjäger hat inzwischen Skerrit niedergeschossen – Patrick erschießt ihn und bringt Ruth und Sylvie in die Polizeiwache, wo sie erstmal sicher sind. Als er die beiden zum Haus zurück bringt, findet er den sterbenden Bob vor – er kümmert sich um Sylvie, während ihre Eltern letzte Worte austauschen. Alles in allem ein schöner Film in dem es vor allem um Liebe und Beziehungen geht – vor allem ja um eine Liebesgeschichte, die nicht gelebt werden kann und eine weitere, die auf den ersten Blick völlig unwahrscheinlich ist, sich dann aber doch als irgendwie plausibel herausstellt. Schon weil Ruth sich mit der Zeit als verantwortungsvolle Mutter entpuppt, die vor allem daran interessiert ist, ihrer Tochter ein ordentliches Leben zu bieten. Schön, dass in den USA trotz der grassierenden Blockbuster-Manie noch solche feinen und leisen Filme entstehen.

Auf den Film gekommen bin ich gar nicht zufällig über das Stichwort „Filme mit Rami Malek“, der allerdings nur einen kleinen Auftritt gegen Ende hat – er spielt Will, der den verwundeten Bob in seinem Auto mitnimmt. Eigentlich hatte er für die Rolle von Sweetie vorgesprochen, die allerdings an Nate Parker ging. Das nehme ich den Machern von Ain’t them Bodies Saints aber keineswegs übel, denn der Film ist so oder so sehenswert.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Ruth und Sylvie

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Ruth und Sylvie

Nachlese: Better Call Saul (2. Staffel)

Leider bin ich seit einiger Zeit in meinem Brotjob viel zu gefordert, um meine Lieblingsserien in diesem Blog Folge für Folge beschreiben zu können – immerhin habe ich meistens aber Zeit genug, sie mir wenigstens anzusehen. Wobei ich beim Highlight des diesjährigen Frühlings für eine Kritik schon wieder viel zu spät dran bin – selbstverständlich rede ich von der 2. Staffel des Breaking-Bad-Spin-offs Better Call Saul.

Auch die zweite Staffel habe ich Folge für Folge zelebriert und mir dann den Luxus geleistet, erstmal gar nicht darüber zu schreiben – dass Breaking Bad als Gesamtkunstwerk noch immer die beste Serie der Welt ist, steht ja wohl außer Zweifel, genauso wie ganz klar ist, dass auf die Breaking-Bad-Erfinder Vince Gilligan und Peter Gould Verlass ist: Sie laufen auch in der Fortsetzung von Better Call Saul zu Hochform auf. Wobei sie auch anders können, wie ich mit einem Blick in Battle Creek festgestellt habe. Doch das ist eine andere Kritik, die ich ein andermal schreiben werde.

Better Call Saul - Jimmy (Bob Odenkirk) entspannt sich. Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Jimmy (Bob Odenkirk) entspannt sich. Bild: Netflix.com

Wie ich zur ersten Staffel bereits schrieb, findet sich in Better Call Saul genau das wieder, was ich an Breaking Bad so großartig fand: Der Mut zum großen Wurf, gepaart mit der Liebe zum Detail. Die Serie leistet sich den Luxus, skurrile Szenen nicht als Beiwerk zur Auflockerung, sondern als völlig ernsthafte Hauptsache aufzubereiten: Allein die Eingangssequenzen zu jeder weiteren Folge sind mit ihren, oft aus dem sonstigen Zusammenhang des eigentlichen Handlungsverlaufs gerissenen, rätselhaften Binnenhandlungen schon kleine Kunstwerke für sich.

Better Caul Saul - Mike (Jonathan Banks) Bild: Netflix.com

Better Caul Saul – Mike (Jonathan Banks) Bild: Netflix.com

Und in der zweiten Staffel wird das Skurrile auf die Spitze getrieben: Ob nun Mike, der inzwischen eine Rechnung mit Hector Salamanca offen hat, seiner Enkelin die Schutzbrille aufsetzt, um sie in akribisch ausgemessenen Abständen Löcher in einen Gartenschlauch bohren zu lassen, oder ob Jimmy (Bob Odenkirk) sich eine Auswahl seiner schon in Breaking Bad zu bewundernden farbenfrohen Kombinationen unmöglicher Krawatten mit nicht weniger unmöglichen Hemden und Anzügen zulegt und dann anfängt, im Büro Dudelsack zu üben, damit sein Chef ihn endlich rauswirft – das sind nun wirklich nicht die Dinge, mit denen herkömmliche Drehbuchschreiber die Handlung vorantreiben, um Zuschauer zu fesseln. Aber es wirkt genau so: Ich will einfach immer mehr davon.

Und natürlich gibt es wirklich spannende Handlungstränge: Wir erfahren, auf welche Weise Mike (Jonathan Banks) in diese fiese Sache mit dem Salamanca-Clan geraten ist und natürlich auch mehr über Jimmys Kampf, sich aus dem gigantischen Schatten seines großen Bruders zu  befreien. Charles „Chuck“ McGill (Michael McKean), der vernünftige, der ebenso korrekte wie geniale Anwalt, der zwar einen komplett-Knall hat – an seine totale Elektrosensibilität ist zwar nur eine eingebildete, wie wir in der ersten Staffel bereits erfahren haben, aber trotzdem ist sie für ihn erschöpfende Realität. Chuck versucht zwar immer wieder, Jimmy vor sich selbst zu bewahren, aber er ist zum Scheitern verdammt, schon weil es ihm gar nicht zusteht, seinem Bruder beibringen zu wollen, was gut für ihn ist und was nicht.

Better Caul Saul - Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim Wexler (Rhea Seehorn) Bild: netlix.com

Better Caul Saul – Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim Wexler (Rhea Seehorn) Bild: netlix.com

Chuck weiß, dass Jimmy es war, der mit seinem wiederholten Griff in die Ladenkasse ihres Vaters letztlich für den Ruin des kleinen elterlichen Geschäfts verantwortlich war: Ihr Vater war einfach ein ehrlicher, etwas naiver Mann, der an das Gute im Menschen glauben wollte. Obwohl der kleine Jimmy, der im Laden aushelfen und sein Taschengeld auf diese Weise verdienen musste, ihn vor ausdrücklich Betrügern gewarnt hatte. Aber weil sein Vater nicht auf ihn hören wollte, hat Jimmy dann dessen Glauben an das Gute in den falschen Menschen halt für auch sich selbst genutzt.

Noch bitterer der Tod ihrer Mutter: Sterbend fragt sie nach Jimmy, der sich gerade irgendwas zur Erfrischung holt, während der gute, ehrliche Chuck an ihrem Sterbebett mit ihr aushält. Das ist nicht schön. Das ist frustrierend. Doch die zweite Staffel offenbart, dass auch Chuck es faustdick hinter den Ohren hat: Vielleicht ist er seinem missratenen Bruder ähnlicher, als er es selbst wahrhaben will.

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Better Call Saul – Jimmy lässt seinen Charme spielen – Bild: Netflix.com

Natürlich hat er eine eigene Agenda, als er Kim Wexler (Rhea Seehorn), zu verstehen gibt, was der Partner, mit dem sie sich selbstständig machen will für ein Typ ist. Kim ihrerseits ist ja auch eine engagierte, begabte, aber eben auch ehrliche Anwältin, die mit den Geschäftsgebaren von Jimmy überhaupt nicht einverstanden ist. Andererseits will sieht sie, dass Jimmy auf seine sehr spezielle Weise ein gutes Herz hat.  Und sie will ihr eigenes Ding machen – deshalb willig sie ein, mit Jimmy, der nichts sehnlicher wünscht, als dass sie seine Partnerin würde – aber eben auch im Privatleben – mitteilt, sie würde es tun. Aber nur unter der Bedingung, dass sie beide nur die Räumlichkeiten und die Ressourcen teilen, und ansonsten komplett ihr eigenes Ding durchziehen würden. Jimmy auf seine Art und sie eben auf ihre. Das ist nicht das, was Jimmy sich vorgestellt hatte, aber als flexibler Pragmatiker nimmt er lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Better Call Saul - Mike (Jonathan Banks) und Hector Salamanca (Mark Margolis) - Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Mike (Jonathan Banks) und Hector Salamanca (Mark Margolis) – Bild: Netflix.com

Chuck läuft daraufhin zur Hochform auf, um Kim ihren wichtigsten Kunden wegzuschnappen – indem er einfach nur den staubtrockenen Aktenfresser gibt, der er ja auch tatsächlich ist. Und siehe da: Die auf Sicherheit versessenen Großkunden wählen die etablierte Kanzlei samt ihren schier unendlichen Ressourcen und nicht die engagierte Newcomerin. Doch Chuck hat die Rechnung ohne Jimmy gemacht – und seinem Bruder ist bekanntlich jedes Mittel recht, um Erfolg zu haben: Jimmy fälscht in einer groß angelegten Aktion eine wichtige Adresse in den Gerichtsakten, die er bei seinem Bruder vorfindet, um die Sache noch in Kims, also seinem, Sinn zu drehen.

Natürlich kommt Chuck im Verlaufe des völlig misslingenden Gerichtstermins darauf – und so haben wir in bester Breaking-Bad-Manier wieder einen Cliffhanger, der die Wartezeit zur nächsten Staffel unerträglich macht. Gut nur, dass es mittlerweile so viele andere Serien gibt, mit denen sich die Wartezeit überbrücken lässt. Aber es bleibt weiterhin schwer, an Breaking Bad und Better Call Saul heranzukommen.

Better Call Saul - Charles "Chuck" McGill (Michael McKean) - Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Charles „Chuck“ McGill (Michael McKean) – Bild: Netflix.com

Einen Tipp habe ich aus aktuellem Anlass aber doch: Bei Netflix ist seit heute London Spy verfügbar. Das ist zwar keine Serie, die in der Breaking-Bad-Liga spielt, aber ein solider Tipp für die Freunde des britischen Spionage-Thrillers. Und Ben Whishaw, Charlotte Rampling und Jim Broadbent sind auch an Bord.