Netflix-Serienhauptstadt des Monats: Marseille

Auf die Serie Marseille war ich sehr gespannt – schließlich hat Netflix mit seinen Eigenproduktionen bisher solide Arbeit geleistet. Und zwar nicht nur bei der bemerkenswerten Politserie House of Cards, die als Vergleich zu allem derzeit etwas überstrapaziert wird. Wobei es neben einigen Spitzenprodukten mittlerweile eine ganze Reihe eher mittelmäßiger Netflix-Serien gibt, gerade im Comedy-Fach finde ich vieles gar nicht so gut. Marseille soll nun aber ein Drama-Flaggschiff für die europäischen Netflix-Kunden werden, und nachdem ich nun die Hälfte der ersten Staffel gesehen habe, bin ich mir nicht so sicher, ob das funktionieren wird.

Wobei ich mit Marseille durchaus zufrieden bin – man sieht tatsächlich sehr viel von der Stadt, womit ich genau das bekomme, worauf ich gehofft hatte: Ich liebe diese Stadt und kann mich einfach nicht satt sehen an der Silhouette von Notre Dame de la Garde auf ihrem Hügel, am Panier auf der Seite gegenüber, dem alten Hafen, den engen Gassen und den breiten Boulevards, und natürlich den Bergen und dem Meer. Allein dass im Titelsong arabisch gesungen wird, hat mich schon positiv eingestimmt, denn Marseille ist nun einmal das Tor Frankreichs zum Orient, oder vielmehr für zahlreiche Einwanderer aus Nord- und Zentralafrika das Tor zu Europa.

Marseille - Bild: Netflix

Marseille – Bild: Netflix

Wer eine zeitlang in Marseille gelebt hat, kann über die Klagen der Deutschen über viel zu viel Multikulti in ihren Städten nur müde lächeln – klar gibt es inzwischen auch Gegenden in Berlin, Köln oder Stuttgart, wo die Bewohner im Alltag locker mit Türkisch durchkommen. Aber in Marseille war es Anfang der 90er Jahre für mich als Austauschstudentin gar nicht so einfach, eingeborene Franzosen kennenzulernen – meine Kommilitonen kamen aus vor allem aus Marokko, Algerien, Tunesien, Italien, Spanien und Griechenland, das war sehr interessant und weil unsere gemeinsame Sprache nun einmal französisch war, lernte ich das auch ganz gut. Und es gefiel mir, dass ich mich je nach dem, mit wem ich mich traf und wegging, wie in Nordafrika, Italien oder Griechenland fühlen konnte – mediterran eben.

Allerdings war das Marseille, das ich vor inzwischen 25 Jahren kennenlernte, deutlich schäbiger und ranziger als das, was der Welt seit 2013 präsentiert wird, nachdem Marseille als Kulturhauptstadt kräftig aufgehübscht wurde. Natürlich ist in der neuen Serie vor allem dieses neue, glattsanierte Marseille zu sehen, die coolen neuen Prestigebauten, die nun die Hafengegend prägen und natürlich wohnt der langjährige Bürgermeister von Paris nicht in einem Plattenbau in einem der Problembezirke, sondern in einer großzügigen alten Villa mit einem parkähnlichen Garten – klar gibt es auch schicke Villenviertel in der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Dort wohnen die eingeborenen Franzosen, gut abgeschirmt hinter hohen Mauern, auf deren Kronen Glasscherben eingemauert sind – dieses Detail fand ich auf meinen Erkundungszügen vor 25 Jahren noch ziemlich verstörend. Inzwischen sind derartige Gated Communities ja auch in der Innenstadt von Berlin völlig normal – hier reichen allerdings solide Stahlzäune mit automatischen Toren.

Marseille - Robert Taro (Gérard Depardieu) und Lucas Barrès (Benoît Magimel)  Bild: Netflix

Marseille – Robert Taro (Gérard Depardieu) und Lucas Barrès (Benoît Magimel) Bild: Netflix

Aber Robert Taro (Gérard Depardieu) ist kein Snob, sondern ein leidenschaftlicher Politiker, der sein Amt genauso liebt wie seine Frau und seine Stadt. Nach 20 Jahre im Amt bereitet er die Übergabe an seinen politischen Ziehsohn Lucas Barrès (Benoît Magimel) vor, von dem Robert erwartet, dass er sich auch künftig wie ein Sohn verhalten werde, der auf den weisen Rat seines alten Vaters hört. Doch allzu bald stellt sich heraus, das Lucas eigene Ambitionen hat – das gefällt dem alten nicht, der es daraufhin noch einmal wissen will und den Kampf um die Macht in der Stadt aufnimmt. Und weil das allein zu langweilig wäre gibt es auch noch eine ganze Reihe anderer Handlungsstränge, etwa die Geschichte von Eric (Guillaume Arnault), Farid (Hedi Bouchenafa) und Sélim (Nassem Si Ahmed).

Eric und Sélim sind typische Marseiller Jungs (die irgendwie alle ein bisschen wie Elliot Alderson aussehen) aus Felix Pyat, einer dieser hoffnungslosen Hochhausvorstädte, deren Problem vor allem ist, dass sie nicht wie bei Paris irgendwo im Umland weit draußen vor der eigentlichen Stadt liegt, sondern mittendrin. Um sich eine finanzielle Grundlage für ihre künftige Geschäftstätigkeit zu beschaffen, überfallen die beiden eins der Juweliergeschäfte, die es in Marseille auch reichlich gibt – irgendwo müssen ja auch die Schönen und Erfolgreichen der Stadt ihr Geld ausgeben. Sie verstecken die Beute in Erics Dienstwagen. Denn eigentlich will Eric eine ehrliche Karriere verfolgen – er hat sogar einen ordenlichlichen Job, er ist Fahrer bei einem Krankentransportdienst. Doch als er sich weigert, seinen Dienstwagen für Aufträge illegaler Natur einzusetzen, handelt er sich Ärger mit dem Boss der lokalen Mafia ein. Farid erteilt ihm eine typische Lektion, in dem er Erics Dienstwagen abfackelt. Die Katastrophe ist perfekt: Jetzt ist sowohl Erics ehrlicher Job als auch die Beute aus dem Überfall futsch. Eric hat also gar keine andere Wahl mehr, als für Farid zu arbeiten.

Marseille - Julia (Stéphane Caillard) und Eric (Guillaume Arnault) Bild: Netflix

Marseille – Julia (Stéphane Caillard) und Eric (Guillaume Arnault) Bild: Netflix

Und dann ist der arme Junge auch noch in Julia Taro verliebt – die Tochter des Bürgermeisters ist nach fünf Jahren aus Montréal heimgekehrt und arbeitet nun unter anderem Namen bei der lokalen Tageszeitung. Sie will nicht als Tochter ihres Vaters Karriere machen, was ihr Chef allerdings ziemlich dämlich findet. Julia macht Eric auch schnell klar, wo der Hammer hängt – sie fängt ausgerechnet mit seinem Kumpel Sélim etwas an und erklärt Eric, dass sie mache, was und mit wem sie wolle. Zu Lucas, der in ihrem Elternhaus aus- und eingeht, empfindet sie eine geschwisterliche Zuneigung.

Für Lucas hingegen, so viel wird schnell klar, sind Beziehung jedweder Art nur Mittel, um seine Karriere voranzutreiben. Sex ist für ihn ein Werkzeug, um an relevante Informationen zu gelangen, ob er dafür nun frustrierte Ehefrauen einflussreicher Konkurrenten befriedigen, seine Assistentin flachlegten oder mit dem schwulen Zeitungsverleger anbandeln muss, ist ihm egal. Er beherrscht die Kunst, die anderen in ihm jeweils das sehen zu lassen, was sie sehen wollen, wie er selbst erklärt. Aber als Robert klar wird, dass er sich in Lucas getäuscht hat, fängt er damit an, zu erforschen, wer dieser Lucas tatsächlich ist – und natürlich gibt es hier heikle dunkle Flecken in der Vergangenheit, die besser nicht ans Licht kommen sollten. Aber das geht auch anderen so – natürlich ist die Politik in Marseille ein Sumpf aus Korruption und Kalkül, in dem jeder vor allem eigene Interessen verfolgt.

Marseille - Lucas Barrès (Benoît Magimel) Bild: Netflix

Marseille – Lucas Barrès (Benoît Magimel) Bild: Netflix

Natürlich ist Marseille trotzdem kein europäisches Hause of Cards geworden – und das ist auch gut so, das gibt es schließlich mit dem britischen Vorbild für diese Serie schon längst. Wenn überhaupt, würde ich hier eher Verwandtschaft mit der Starz-Serie Boss sehen, wobei der Chicagoer Bürgermeister Tom Kane noch ein ganz anderes Kaliber ist, als der ja nun wirklich um seine Familie und seine Stadt besorgte Robert Taro, der zwar auch mal eine Nase Kokain schnupft, aber nur, weil wegen seiner chronischen Schmerzen nach einem Autounfall opiatabhängig geworden ist.

Marseille ist insgesamt behäbiger als die genannten US-Vorbilder, es gibt keine wohlkalkulierten Schockmomente und keine nervenzerfetzenden Cliffhanger, die einen dazu bringen, den nächsten Teil unbedingt sehen zu müssen, weil man einfach nicht ertragen kann, nicht zu wissen, wie es weiter geht. Und ich persönlich finde das auch gar nicht schlimm, weil ich so und so weiter kucken werde, eben weil ich noch mehr von Marseille sehen will. Gemessen an deutschen Produktion wie Die Stadt und die Macht – die ich übrigens gar nicht dermaßen schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut finde, muss Marseille sich keineswegs verstecken.

Marseille - Robert Taro (Gèrard Depardieu) in seinem Element

Marseille – Robert Taro (Gèrard Depardieu) in seinem Element. Bild: Netflix

Marseille kommt vielleicht eine Spur zu theatralisch daher – aber damit muss man rechnen, wenn der französische Ober-Obelix Depardieu die Hauptrolle spielt. Depardieu füllt seine Hauptrolle genau so aus, wie man das erwartet, Robert Taro ist in den prunkvollen Hallen französischer Repräsentationsgebäude so selbstverständlich zuhause wie er mit den einfachen Leuten auf dem Fischmarkt am alten Hafen in ihrem Dialekt spricht –  das ist wichtig, wie er Lucas erklärt, damit sie verstehen, dass man einer der ihren ist.

Das wird zwar nicht dafür ausreichen, dass nun reihenweise Europäer ein Netflix-Abo abschließen, um diese Serie endlich sehen zu können, aber für alle, die bereits ein Netflix-Abo haben, könnte es ein Grund sein, es weiterhin zu behalten. Solide französische Hausmannskost ist zur Abwechslung eben auch mal ganz nett. Am besten genießt man Marseille mit einem kühlen Rosé aus Cassis oder Bandol.

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