Nachlese: Better Call Saul (2. Staffel)

Leider bin ich seit einiger Zeit in meinem Brotjob viel zu gefordert, um meine Lieblingsserien in diesem Blog Folge für Folge beschreiben zu können – immerhin habe ich meistens aber Zeit genug, sie mir wenigstens anzusehen. Wobei ich beim Highlight des diesjährigen Frühlings für eine Kritik schon wieder viel zu spät dran bin – selbstverständlich rede ich von der 2. Staffel des Breaking-Bad-Spin-offs Better Call Saul.

Auch die zweite Staffel habe ich Folge für Folge zelebriert und mir dann den Luxus geleistet, erstmal gar nicht darüber zu schreiben – dass Breaking Bad als Gesamtkunstwerk noch immer die beste Serie der Welt ist, steht ja wohl außer Zweifel, genauso wie ganz klar ist, dass auf die Breaking-Bad-Erfinder Vince Gilligan und Peter Gould Verlass ist: Sie laufen auch in der Fortsetzung von Better Call Saul zu Hochform auf. Wobei sie auch anders können, wie ich mit einem Blick in Battle Creek festgestellt habe. Doch das ist eine andere Kritik, die ich ein andermal schreiben werde.

Better Call Saul - Jimmy (Bob Odenkirk) entspannt sich. Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Jimmy (Bob Odenkirk) entspannt sich. Bild: Netflix.com

Wie ich zur ersten Staffel bereits schrieb, findet sich in Better Call Saul genau das wieder, was ich an Breaking Bad so großartig fand: Der Mut zum großen Wurf, gepaart mit der Liebe zum Detail. Die Serie leistet sich den Luxus, skurrile Szenen nicht als Beiwerk zur Auflockerung, sondern als völlig ernsthafte Hauptsache aufzubereiten: Allein die Eingangssequenzen zu jeder weiteren Folge sind mit ihren, oft aus dem sonstigen Zusammenhang des eigentlichen Handlungsverlaufs gerissenen, rätselhaften Binnenhandlungen schon kleine Kunstwerke für sich.

Better Caul Saul - Mike (Jonathan Banks) Bild: Netflix.com

Better Caul Saul – Mike (Jonathan Banks) Bild: Netflix.com

Und in der zweiten Staffel wird das Skurrile auf die Spitze getrieben: Ob nun Mike, der inzwischen eine Rechnung mit Hector Salamanca offen hat, seiner Enkelin die Schutzbrille aufsetzt, um sie in akribisch ausgemessenen Abständen Löcher in einen Gartenschlauch bohren zu lassen, oder ob Jimmy (Bob Odenkirk) sich eine Auswahl seiner schon in Breaking Bad zu bewundernden farbenfrohen Kombinationen unmöglicher Krawatten mit nicht weniger unmöglichen Hemden und Anzügen zulegt und dann anfängt, im Büro Dudelsack zu üben, damit sein Chef ihn endlich rauswirft – das sind nun wirklich nicht die Dinge, mit denen herkömmliche Drehbuchschreiber die Handlung vorantreiben, um Zuschauer zu fesseln. Aber es wirkt genau so: Ich will einfach immer mehr davon.

Und natürlich gibt es wirklich spannende Handlungstränge: Wir erfahren, auf welche Weise Mike (Jonathan Banks) in diese fiese Sache mit dem Salamanca-Clan geraten ist und natürlich auch mehr über Jimmys Kampf, sich aus dem gigantischen Schatten seines großen Bruders zu  befreien. Charles „Chuck“ McGill (Michael McKean), der vernünftige, der ebenso korrekte wie geniale Anwalt, der zwar einen komplett-Knall hat – an seine totale Elektrosensibilität ist zwar nur eine eingebildete, wie wir in der ersten Staffel bereits erfahren haben, aber trotzdem ist sie für ihn erschöpfende Realität. Chuck versucht zwar immer wieder, Jimmy vor sich selbst zu bewahren, aber er ist zum Scheitern verdammt, schon weil es ihm gar nicht zusteht, seinem Bruder beibringen zu wollen, was gut für ihn ist und was nicht.

Better Caul Saul - Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim Wexler (Rhea Seehorn) Bild: netlix.com

Better Caul Saul – Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim Wexler (Rhea Seehorn) Bild: netlix.com

Chuck weiß, dass Jimmy es war, der mit seinem wiederholten Griff in die Ladenkasse ihres Vaters letztlich für den Ruin des kleinen elterlichen Geschäfts verantwortlich war: Ihr Vater war einfach ein ehrlicher, etwas naiver Mann, der an das Gute im Menschen glauben wollte. Obwohl der kleine Jimmy, der im Laden aushelfen und sein Taschengeld auf diese Weise verdienen musste, ihn vor ausdrücklich Betrügern gewarnt hatte. Aber weil sein Vater nicht auf ihn hören wollte, hat Jimmy dann dessen Glauben an das Gute in den falschen Menschen halt für auch sich selbst genutzt.

Noch bitterer der Tod ihrer Mutter: Sterbend fragt sie nach Jimmy, der sich gerade irgendwas zur Erfrischung holt, während der gute, ehrliche Chuck an ihrem Sterbebett mit ihr aushält. Das ist nicht schön. Das ist frustrierend. Doch die zweite Staffel offenbart, dass auch Chuck es faustdick hinter den Ohren hat: Vielleicht ist er seinem missratenen Bruder ähnlicher, als er es selbst wahrhaben will.

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Better Call Saul – Jimmy lässt seinen Charme spielen – Bild: Netflix.com

Natürlich hat er eine eigene Agenda, als er Kim Wexler (Rhea Seehorn), zu verstehen gibt, was der Partner, mit dem sie sich selbstständig machen will für ein Typ ist. Kim ihrerseits ist ja auch eine engagierte, begabte, aber eben auch ehrliche Anwältin, die mit den Geschäftsgebaren von Jimmy überhaupt nicht einverstanden ist. Andererseits will sieht sie, dass Jimmy auf seine sehr spezielle Weise ein gutes Herz hat.  Und sie will ihr eigenes Ding machen – deshalb willig sie ein, mit Jimmy, der nichts sehnlicher wünscht, als dass sie seine Partnerin würde – aber eben auch im Privatleben – mitteilt, sie würde es tun. Aber nur unter der Bedingung, dass sie beide nur die Räumlichkeiten und die Ressourcen teilen, und ansonsten komplett ihr eigenes Ding durchziehen würden. Jimmy auf seine Art und sie eben auf ihre. Das ist nicht das, was Jimmy sich vorgestellt hatte, aber als flexibler Pragmatiker nimmt er lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Better Call Saul - Mike (Jonathan Banks) und Hector Salamanca (Mark Margolis) - Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Mike (Jonathan Banks) und Hector Salamanca (Mark Margolis) – Bild: Netflix.com

Chuck läuft daraufhin zur Hochform auf, um Kim ihren wichtigsten Kunden wegzuschnappen – indem er einfach nur den staubtrockenen Aktenfresser gibt, der er ja auch tatsächlich ist. Und siehe da: Die auf Sicherheit versessenen Großkunden wählen die etablierte Kanzlei samt ihren schier unendlichen Ressourcen und nicht die engagierte Newcomerin. Doch Chuck hat die Rechnung ohne Jimmy gemacht – und seinem Bruder ist bekanntlich jedes Mittel recht, um Erfolg zu haben: Jimmy fälscht in einer groß angelegten Aktion eine wichtige Adresse in den Gerichtsakten, die er bei seinem Bruder vorfindet, um die Sache noch in Kims, also seinem, Sinn zu drehen.

Natürlich kommt Chuck im Verlaufe des völlig misslingenden Gerichtstermins darauf – und so haben wir in bester Breaking-Bad-Manier wieder einen Cliffhanger, der die Wartezeit zur nächsten Staffel unerträglich macht. Gut nur, dass es mittlerweile so viele andere Serien gibt, mit denen sich die Wartezeit überbrücken lässt. Aber es bleibt weiterhin schwer, an Breaking Bad und Better Call Saul heranzukommen.

Better Call Saul - Charles "Chuck" McGill (Michael McKean) - Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Charles „Chuck“ McGill (Michael McKean) – Bild: Netflix.com

Einen Tipp habe ich aus aktuellem Anlass aber doch: Bei Netflix ist seit heute London Spy verfügbar. Das ist zwar keine Serie, die in der Breaking-Bad-Liga spielt, aber ein solider Tipp für die Freunde des britischen Spionage-Thrillers. Und Ben Whishaw, Charlotte Rampling und Jim Broadbent sind auch an Bord.

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