Neue Kult-Serie: The Path

Pünktlich zum langen Pfingstwochenende kommt das schlechtere Wetter – was ich war nicht so schlimm finde, denn dann muss man nicht draußen in der Sonne sitzen, sondern kann drinnen in Ruhe fernsehen. Beispielsweise die neue Hulu-Serie The Path mit Aaron Paul, Hugh Dancy und Michelle Monaghan. Es geht um die Mitglieder einer Sekte, die wie die meisten Sekten von sich behauptet, eben keine Sekte, sondern eine Bewegung zu sein, eine Bewegung natürlich, die Menschen zu einem besseren Leben führen soll, einem Leben in Wahrheit und Licht, statt in Lüge und Finsternis.

Verwirklicht werden soll das meyeristische Konzept, das sich ein gewisser Steve Meyer ausgedacht hat, der nun irgendwo zurückgezogen in Peru lebt, in dem die Mitglieder die Erkenntnis-Stufen einer Art Bewusstseinsleiter emporklimmen – jede neue Stufe ist mit neuen Kompetenzen verbunden, die das jeweilige Mitglied der Bewegung hat. (Lustig ist natürlich auch dieses ganze „Steve hat gesagt…“, „Steve hätte gewollt…“ und so weiter, was garantiert nicht zufällig an His Steveness Jobs erinnern soll, den leider viel zu früh von uns gegangenen Apple-Gründer.)

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Aber natürlich müssen die jeweiligen Aspiranten vor allem an sich selbst arbeiten, ihren Körper und ihren Geist reinigen – es gibt gewisse Ernährungsvorschriften, die Mitglieder der Bewegung bauen beispielsweise eigenes Biogemüse und -obst an und verzichten auf den Genuss von Fleisch. Viele von ihnen haben auch eine gewisse Kompetenz in Sachen Drogenentzug – entweder weil sie selbst Abhängige waren und durch einen Entzug gegangen sind oder Abhängige begleitet haben – das ist einer der Wege, um neue Mitglieder zu werben.

Eddie (Aaron Paul) ist ebenfalls auf diese Weise zum Meyerismus gekommen und mittlerweile ein verlässlicher  Pfeiler der Bewegung. Seine Frau Sarah (Michelle Monaghan) wurde in diese Gemeinschaft, die einst von lebensfrohen kiffenden Hippies begründet wurde, bereits hineingeboren und kennt nichts anderes. Sarah ist vollkommen überzeugt, dass diese Sache eine gute Sache ist und die Welt retten wird. Sie lebt die Gesetze ihrer Gemeinschaft mit Inbrunst und Überzeugung und sie liebt Eddie.

The Path: Sarah (Michelle Monaghan) und Eddie (Aaron Paul)

The Path: Sarah (Michelle Monaghan) und Eddie (Aaron Paul)

Eddie hingegen hat angefangen zu zweifeln – einerseits erklimmt er Stufe um Stufe auf der Leiter zum Licht und versucht, ein guter Ehemann und Vater zu sein, andererseits ist er nicht hundertprozentig davon überzeugt, dass diese Bewegung ausschließlich Gutes im Sinn hat. Seit seinem Besuch in einem Rückzugzentrum der Bewegung in Peru ist er ein bisschen neben der Spur – Sarah vermutet, dass ihr Mann eine Affäre hat und beginnt, hinter ihm herumschnüffeln. Und tatsächlich sieht es so aus, als ob sie mit ihrem Verdacht richtig liegt.

Tatsächlich ist die Sache fast noch schlimmer: Eddie trifft sich heimlich mit einer Aussteigerin, die behauptet, die Bewegung habe ihren Mann auf dem Gewissen und sei nun auch hinter ihr her. Eddie ist ziemlich aufgewühlt von dem, was er in Peru erlebt hat. Der Meyerismus beruht unter anderem auf der Aufbereitung traumatischer Erlebnisse, in dem die jeweiligen Menschen durch unterschiedliche Rituale in den glücklicheren Zustand vor dem jeweiligen Trauma zurückgeführt werden sollen – was sehr an den Kult in The Master erinnert. Dazu werden in The Path unter anderem psychedelische Substanzen und zum Teil recht rigorose Behandlungen in einer Art Isolationszelle zusammen mit einer strengen Diät benutzt.

Eddie hat in Peru an einem Psychoritual für Fortgeschrittene teilgenommen und ist dabei seinem Bruder begegnet, der sich umgebracht hat, als Eddie noch sehr jung war. Außerdem hat er entdeckt, dass der große, von allen sehr verehrte Steve gar nicht dabei ist, die letzten Kapitel seines Hauptwerks The Ladder zu schreiben, sondern sterbend im Koma liegt. Kein Wunder, dass Eddie verstört und erschüttert ist – merkwürdig ist allerdings, dass er seiner Frau nichts davon erzählt, wo die Gemeinschaft doch dermaßen viel Wert auf Transparenz und Offenheit legt: Sämtliche Dinge sollen eigentlich geregelt werden, in dem darüber gesprochen wird. „I want to unburden“ sagt man, wenn man den anderen etwas mitzuteilen hat, das einen irgendwie belastet: Denn negative Gefühle sind eine Last, von der man sich befreien kann und muss. Das ist alles schon ziemlich Big-Brother-mäßig, das Symbol der Meyeristen ist auch nicht zufällig ein großes offenes Auge, das an zentraler Stelle im Wohnzimmer eines jeden Mitgliederhaushalts hängt.

The Path: Cal (Hugh Dancy)

The Path: Cal (Hugh Dancy)

Und selbstverständlich stellt die ganze demonstrative Offenheit schnell als eine zur Schau gestellte heraus: Alle haben ihre kleinen und größeren schmutzigen Geheimnisse, vor allem auch Cal (Hugh Dancy), der charismatische Leiter des Zentrums, in dem Sarah und Eddie leben und tätig sind. Schon dass die Zentren der Bewegung eben nicht offen sind, sondern mit einem soliden Zaun vor der schlechten Welt geschützt werden müssen, sollte einen nachdenklich machen. Aber die Leute fühlen sich halt wohl in ihren abgezirkelten, übersichtlichen Welt – nicht umsonst werden Gated Communities immer beliebter, nicht nur unter Sektierern.

Cal macht sich Hoffnungen, Steves Erbe antreten zu können, und oberster Meyerist zu werden. Er traut Eddie nicht über den Weg und hat eine Schwäche für Sarah, die sich allerdings vor langer Zeit eben für Eddie und nicht für Cal entschieden hat. Cal ist ein Meister der Manipulation – eine Schlüsselszene der ersten Folge ist abgesehen von Eddies Psychotrip in Peru Cals Rede vor der Gemeinschaft, in der er Platons Höhlengleichnis zur Erklärung der Überlegenheit des Meyerismus heranzieht: So funktioniert Welterklärung im pseudoaufklärerischen Sektenmodus!

Während Cal seinen Gläubigen erklärt, dass die angebliche Realität da draußen nur eine Abbildung des eigentlichen Lebens sei, das Meyeristen dank entsprechender Erweiterung ihrer Wahrnehmung und Spiritualität tatsächlich erreichen können, offenbart sich gleichzeitig auch Cals eigener Tunnelblick, den er als wahrer Verkünder der einzigen Wahrheit hat: Das ist einfach genial. Und damit hatten die Serienmacher mich am Wickel – The Path dürfte eine der interessantesten Dramaserien dieses Jahres werden.

The Path: Cal (Hugh Dancy) und Mary (Emma Greenwell)

The Path: Cal (Hugh Dancy) und Mary (Emma Greenwell)

In den folgenden Teilen bestätigt sich dann auch, dass Cal durchaus nicht nur von edlen Motiven getrieben wird – allein seine Verhalten gegenüber Mary, einer jungen Drogenabhägigen, die mit einigen anderen nach einem Einsatz in Katastrophenhilfe bei den Meyeristen landet, ist mehr als zweifelhaft. Natürlich zeichnen sich die Meyeristen auch darin aus, dass sie tatsächlich Gutes tun. So sind sie als Ersthelfer nach einer Hurrikan-Katastrophe vor Ort – lange bevor die staatliche FEMA irgendwas auf die Reihe bekommt. Die Meyeristen verteilen Wasser und Lebensmittel, Decken und Trost und nehmen die Menschen, die ihr Obdach verloren haben, auf. Und sie checken schnell, was mit Mary los ist, die nicht nur von der Katastrophe traumatisiert ist, wie alle anderen auch: Sie ist auf Entzug und schon deshalb neben der Spur. Natürlich können sie auch hier helfen.

Mary nimmt diese Hilfe dankbar an und verliebt sich in ihren Retter Cal – der diesem Umstand durchaus ausnutzt, um Mary in die Bewegung zu ziehen, auch wenn er sie gleichzeitig körperlich auf Distanz hält. Er sich lässt sogar zu einer ziemlich schwachsinnigen Aktion hinreißen, weil er Marys Rachegelüste gegenüber ihrem Vater zu seinem eigenen Kreuzzug macht: Mary hat Cal anvertraut, dass ihr Vater sie seit ihrem elften Lebensjahr an seine Kumpels verkauft hat – aufgrund ihrer Missbrauchsgeschichte ist sie das Wrack, als das Cal sie vorgefunden hat. Cal versucht, ihr Trauma zu heilen, in dem er gemeinsam mit Mary dieses Arschloch von Vater aufsucht. Cal fordert ihn auf, seine Tochter um Vergebung zu bitten, für das, was er ihr angetan hat. Doch der denkt nicht daran – schließlich ist er der Vater und weiß am besten, was dieses Flittchen braucht. Cal rastet aus und schlägt den Alten zusammen. Was man ihm einerseits nicht wirklich verdenken kann, weil der Alte es eindeutig verdient hat, andererseits war diese Entgleisung natürlich dumm. Denn nun ist der Alte auch noch zu recht sauer auf diese Sektenheinis, die seine Tochter entführt haben – so seine Wahrnehmung der Geschichte. Und er geht zu Polizei.

The Path: Der Sohn von Sarah und Eddie, Hawk (Kyle Allen)

The Path: Der Sohn von Sarah und Eddie, Hawk (Kyle Allen)

Die Bewegung inzwischen auch das Interesse des FBI in Form von Detective Abe Gaines (Rockmond Dunbar) erweckt. Er beginnt mit Ermittlungen, die ihn durchaus an seinen bisherigen Glaubensüberzeugungen zweifeln lassen. Und dann gibt es natürlich auch noch Sarahs wachsendes Misstrauen gegenüber ihrem Eddie, der einerseits so gern glauben würde, weil es das Leben viel einfacher macht, und andererseits immer eindringlicher hinterfragt, ob die Bewegung denn tatsächlich nur gut sei – denn natürlich bekommt er mit, dass Cal zweifelhafte Dinge tut. Und dann fängt auch noch der inzwischen sechzehnjährige Sohn von Sarah und Eddie an, ein wenig kontrollierbares Eigenleben zu entwickeln, weil er ein Mädchen kennenlernt, das nichts mit seinem Kult zu tun hat – doch, da ist eine Menge Potenzial – ich werde auf jeden Fall dranbleiben.

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Ein Gedanke zu „Neue Kult-Serie: The Path

  1. Hat dies auf Marie's TV-Kritik rebloggt und kommentierte:

    Für Amazon-Prime-Kunden gibt es ab dem 15. September The Path ohne Aufpreis – diese Serie lohnt sich auf jeden Fall. Deshalb hier noch einmal meine Kritik vom Mai – wobei ich jetzt ergänzen möchte, dass mir in den noch folgenden Teilen besonders gefallen hat, dass es vor allem darum geht, wie man damit klar kommt, wenn man entdeckt, dass es das, woran man eben noch fest und wahrhaftig geglaubt hat, möglicherweise gar nicht gibt, dass alles nur Lug und Trug war und sich nun neu orientieren muss. Es ist schwer, die gewohnten Dinge loszulassen, selbst wenn man sie als falsch erkannt hat. Es ist schwer, nicht nach dem Erlöser zu suchen, und es ist auch schwer, der Versuchung der Macht zu widerstehen, wenn andere einen zu ihrem Erlöser machen wollen. Und es ist schwer, erwachsen zu werden, in dem Sinne, dass man tatsächlich tut, was man als richtig erkennt – auch wenn es dem, was man bisher gelernt hat, völlig zuwider läuft.

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