Girls: Die Serie der Generation Praktikum

Weil ich gerade eine Ankündigung für die fünfte Staffel von Girls gesehen habe, die ab dem 5. Juni auf Sky laufen wird, nehme ich das einmal zum Anlass, meinen ohnehin längst überfälligen Eintrag zu Girls zu schreiben. Girls ist nämlich eine dieser Mädchen-Serien, mit denen ich eigentlich nichts anfangen kann. Dachte ich.

Ich habe bisher noch jede Serie gezielt vermieden, deren Titel irgendeine Kombination mit „Girls“ enthält und auch von Sex and the City habe ich mir nur aus wissenschaftlichem Interesse ein, zwei Teile angesehen. Eben weil ich heraus finden wollte, was denn nun eigentlich dieses grandiose Etwas daran gewesen sein soll, weshalb plötzlich angeblich alle Sex and the City sehen wollten. Ich habe es nicht herausgefunden.

Girls: Jessa (Jemima Kirke), Hannah (Lena Dunham) und Shoshanna (Zosia Mamet) Bild: HBO

Girls: Jessa (Jemima Kirke), Hannah (Lena Dunham) und Shoshanna (Zosia Mamet) Bild: HBO

Ganz anders nun Girls – in der autobiografisch inspirierten Serie von Lena Dunham geht es ebenfalls um vier Freundinnen und ihren Alltag in New York, aber Hannah (Lena Dunham), Marnie (Allison Williams), Shoshanna (Zosia Mamet) und Jessa (Jemima Kirke) sind deutlich jünger als die Protagonistinnen aus Sex and the City und sehr viel weniger erfolgreich – Über das vergebliche Bemühen der Generation Praktikum wäre ein treffender Untertitel zu Girls. Die vier Mitzwanzigerinnen teilen sich in Brooklyn ein Apartment und versuchen auf die eine oder andere Weise, irgendwie irgendwo einen Fuß in die Tür zu bekommen, nachdem sie sich so lange wie nur möglich auf Kosten ihrer Eltern durchgewurschtelt haben.

Die Handlung setzt damit ein, dass Hannahs Eltern ihre Tochter besuchen, um ihr mitzuteilen, dass sie ihr nun zwei Jahre nach Hannahs Collegeabschluss endlich den Geldhahn zudrehen werden – langsam sei ja wohl an der Zeit, dass sie auf eigenen Füßen stehe. Hannah versucht, Schriftstellerin zu werden und absolviert neben ihrem unfertigen Buchprojekt seit längerer Zeit ein unbezahltes Praktikum bei einem Verleger, der sie auch prompt vor die Tür setzt, als sie für ihren Ganztagsjob eine Bezahlung verlangt: „Glauben Sie wirklich, dass Sie bei mir nichts mehr lernen können?!“ fragt er, als Hannah ihm mitteilt, dass sie sich es nun einfach nicht mehr leisten könne, den ganzen Tag unentgeltlich zu arbeiten.

Girls: Hannah (Lena Dunham) Bild: HBO

Girls: Hannah (Lena Dunham) Bild: HBO

Ähnlich sieht es bei den anderen aus, Marnie hat es vergleichsweise gut getroffen und arbeitet als Assistentin in einer Galerie, Shoshanna studiert noch, sie ist Jessas naive, aber ehrgeizige Cousine , die als einzige der vier ernsthaft und zielstrebig das Projekt verfolgt, erwachsen zu werden und etwas aus sich zu machen. Jessa ist nicht nur äußerlich das Gegenteil von Shoshanna – die attraktive Langhaarblondine ist selbst im Vergleich zu Hannah und Marnie atemberaubend unzuverlässig, verantwortungslos und selbstbezogen – aber trotzdem eine liebenswerte Lebenskünstlerin, die ständig in fernen Ländern unterwegs ist und damit auch die Träume der anderen stellvertretend für sie mit auslebt. Und selbstverständlich gibt es kaum einen Kerl, der sich nicht in Jessa verliebt.

Denn natürlich gibt es in Girls auch Männer, etwa Adam (Adam Driver), Hannahs Freund, falls man ihn so bezeichnen möchte, er antwortet nie auf Hannahs SMS, drapiert sie aber in eigenartigen Stellungen auf das Sofa in seiner werkstattartigen Wohnung, um Sex mit ihr zu haben, wenn sie bei ihm vorbei kommt. Man fragt sich, warum Hannah das einfach so klaglos mitmacht – aber genau das ist ja das, was an dieser Serie überhaupt immer wieder so schmerzt: Hannah tut ständig haarsträubende Dinge, weil sie so angestrengt damit beschäftigt ist, zu werden, wer sie ist, wie sie ihren Eltern erklärt hat. Nur hat sie keinen Plan, wer sie eigentlich ist oder gar sein will – auf jeden Fall aber etwas anderes.

Girls: Adam (Adam Driver) und Hannah (Lena Dunham) Bild: HBO

Girls: Adam (Adam Driver) und Hannah (Lena Dunham) Bild: HBO

Den Tanz um das eigene Ego betreiben Hannah und ihre Freundinnen dabei so ernsthaft, wie man nur erwarten kann, in einer Gesellschaft, die Individualismus und Selbstverwirklichung zur ersten Bürgerpflicht verklärt hat. Aber weil eben diese Gesellschaft gleichzeitig sämtliche Bemühungen, genau das zu erreichen, nachhaltig untergräbt – denn es gibt diese ganzen Jobs ja gar nicht, in denen man sein Ding machen und gleichzeitig damit Geld verdienen könnte – sind sie alle von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Und gerade Hannah scheitert geradezu besessen vor sich hin und das mit immer aufs neue bestürzenden Varianten der Selbstsabotage.

Und das, obwohl die Ansprüche der Mädels an das Leben erschreckend unambitioniert, ja von geradezu bedrückender Bescheidenheit sind: Sie träumen nicht davon, jobmäßig irgendwann das große Los zu ziehen oder gar durch einen Mr. Right von der Drangsal eines Brotjobs erlöst zu werden, sondern davon, eine aushaltbare Arbeit zu bekommen, die Miete weiterhin zahlen zu können, einen Freund zu finden, der ihnen nicht total auf die Nerven geht, sondern gelegentlich da ist, wenn man ihn braucht. Und ja, eines Tages so zu werden, dass sie selbst mit sich klar kommen und nicht mehr in irgendwelche Zwangsstörungen flüchten zu müssen – zumindest in diesem Punkt leben alle vier eine gewisse Individualität aus.

Girls: Marnie (Allison Williams), Hannah (Lena Dunham) und Adam (Adam Driver) Bild: HBO

Girls: Marnie (Allison Williams), Hannah (Lena Dunham) und Adam (Adam Driver) Bild: HBO

Mit Girls geht es mir wie mit The Office (dem britischen Original) – man kann eigentlich gar nicht hinsehen und beißt sich vor lauter Fremdscham in die Faust, weil es eben gar nicht lustig ist, was man da zu sehen bekommt: Eine erstaunlich treffende Karikatur peinlicher Alltagssituationen aller Art, die man aus dem eigenen Erleben nur zu gut kennt. Die Schonungslosigkeit, mit der sich Lena Dunham, die nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Drehbuchautorin und Regisseurin der HBO-Serie ist, immer wieder bloßstellt, ist durchaus bewundernswert, auch wenn ich mich gleichzeitig frage, warum sie das eigentlich tut.

Oder nein, in dem Fall eigentlich nicht, denn das ist mittlerweile tatsächlich ihr Job, der ihr auch herzlich gegönnt sei, denn sie macht ihn nun wirklich gut. Insofern ist sie wirklich die Stimme einer Generation, die ihre Protagonistin Hannah vermeintlich sein könnte. Einer Generation, die wirklich nichts zu lachen hat. Aber für gute Comedyserien braucht man halt richtig harten Stoff – und die vier schenken sich nichts, sondern exerzieren die verschiedenen Stadien ihrer Freundschaft und ihres Zusammen- und Sich-Auseinanderlebens  genauso gnadenlos durch, wie sie von ihren Mitmenschen behandelt werden: Knallhart auf die eigenen Bedürfnisse optimierend und dann doch maßlos enttäuscht, wenn sich heraus stellt, dass sich die jeweilige Bedürfnislage keineswegs harmonisch gestaltet, sondern unvereinbare Interessen aufeinanderprallen. Irgendwer heult am Ende immer. Aber so ist es nun mal, das Leben. Und Girls ist eine erfrischend ehrliche Serie darüber.

Girls: Hannah (Lena Dunham), Shoshanna (Zosia Mamet), Jessa (Jemima Kirke) und Marnie (Allision Williams) Bild: HBO

Girls: Hannah (Lena Dunham), Shoshanna (Zosia Mamet), Jessa (Jemima Kirke) und Marnie (Allision Williams) Bild: HBO

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