Raum: 9 Quadratmeter Welt

Brie Larson hat in der diesjährigen Award-Saison für ihre Hauptrolle in Room (Raum) so ziemlich alle wichtigen Preise abgeräumt – und weil ich sie schon in Short Term 12 beeindruckend fand, musste ich mir den Film natürlich auch ansehen – was inzwischen auch schon wieder eine Weile her ist. Aber wie das manchmal so ist, hatte ich mir zwar ein paar Gedanken aufgeschrieben, aber bin nie dazu gekommen, eine Kritik fertig zu schreiben. Es kamen ja immer wieder neue Serien und Filme dazwischen.

Offizielles Filmplakat zu Raum

Offizielles Filmplakat zu Raum

Es war auch gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte – ich wusste ja, dass die Geschichte eine Roman-Verfilmung ist, der vom traurigen Schicksal der Elisabeth Fritzl inspiriert wurde: „Room“ von Emma Donoghue. Elisabeth Fritzl wurde vom eigenen Vater gut 20 Jahre in einem Kellerverlies unter dem Wohnhaus der Familie gefangen gehalten und gebar dort sieben Kinder, von denen drei ihr gesamtes Leben bis zur Befreiung in diesem Keller verbrachten. Unvorstellbar.

Aber es ist tatsächlich passiert.

Ein ähnliches Schicksal erleiden der kleine Jack (Jacob Tremblay) und seine Mutter. Joy Newsome (Brie Larson) wurde vor sieben Jahren von ihrem Peiniger, den sie nur Old Nick (Sean Bridges) nennt, verschleppt. Er hält sie in einem schallisolierten Raum mit einem Oberlicht gefangen. Dieser Raum ist für den kleinen Jake, der inzwischen seinen fünften Geburtstag feiert, seine komplette Welt. Er kennt ja nichts anderes. Der Film wird aus der Perspektive des Kindes erzählt, weshalb er trotz seiner überaus deprimierenden Handlung unerwartet frisch, ja fast märchenhaft daher kommt – was nicht alle Zuschauern gut finden.

In der Vorstellung, die ich besuchte, saß ich neben einem älteren Mann, der ständig seine Fach- und Filmkenntnisse an seine deutliche jüngere Begleiterin weiter geben musste, was nicht nur mir auf die Nerven ging. Nach eigener Aussage war er Psychiater und er regte sich sehr darüber auf, dass nichts, aber auch gar nichts an diesem Film echt sei – und wenn er nicht redete, hustete er ganz fürchterlich.

Zum Glück wurde ihm die Sache nach einer halben Stunde zu dumm und er verzog sich, nicht ohne seine Umgebung noch einmal wissen zu lassen, dass dieser Film eine ganz verlogene Scheiße sei.

Nun ja, eine Dokumentation über die schreckliche Gefangenschaft einer jungen Mutter und ihres Kindes, die komplett der Willkür ihres Entführers und Gefängniswärters ausgeliefert sind, ist Raum gewiss nicht. Der Film ist nicht objektiv, er will es auch gar nicht sein – eben weil die Geschichte aus der Sicht des kleinen Jack erzählt wird, der noch gar nicht begreift, was ihm da eigentlich angetan wird.

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Aber genau dieser Kniff macht die ganze Geschichte überhaupt für ein breiteres Publikum erträglich. Natürlich hätte man auch einen klaustrophischen Psychoterrorstreifen daraus machen können. Und schön ist die Geschichte ja trotz dieses, wie ich meine, durchaus gelungenen Kunstgriffs, trotzdem nicht. Denn Jacks Mutter leidet eindeutig unter der Situation – aber sie hat sich irgendwie damit arrangiert: Sie hat ja eine Aufgabe, nämlich ihrem Sohn das Leben so normal zu machen, wie es unter den gegebenen Umständen eben möglich ist. Kontakt zur Außenwelt gibt es nur über einen alten Fernseher.

Joy hat ihre liebe Not damit, Jack zu erklären, dass es eine Welt da draußen gibt, die irgendwie ist wie im Fernsehen, nur halt in echt. Denn die Welt, die Jack im Fernsehen sehen kann, ist meistens nicht echt. Sehr verwirrend, wie Jack findet. Sein einziges Fenster zu Welt, das es in Raum gibt, ist eben der Fernseher. Ansonsten ist Raum seine Welt, in der es neben seiner Mutter, Old Nick und dem Fernseher auch Pflanze gibt, Bett, Spüle, Schrank, Tisch und Stühle, Teppich, sogar eine Schlange aus Eierschalen unter dem Bett.

Joy begreift, dass sie irgendwie hier raus muss und schmiedet einen durchaus riskanten Fluchtplan, der aber schließlich mit etwas Glück doch gelingt. Aber es ist für die beiden nicht leicht, sich in der Welt da draußen wieder zurecht zu finden. Jack vermisst seine übersichtliche Welt.

Jacob Tremblay and Brie Larson in "Room" from EPK.tv

Jacob Tremblay and Brie Larson in „Room“ from EPK.tv

Als Joy sich auf ein Fernsehinterview einlässt und von der Journalistin gefragt wird, warum sie nie daran gedacht hätte, wenigstens für ihren Sohn Freiheit zu erbitten, statt ihn zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen, was sie offenbar getan hätte, nimmt sie den impliziten Vorwurf, selbstsüchtig und eine schlechte Mutter zu sein, so ernst, dass sie danach versucht, sich umzubringen. Zum Glück gelingt ihr das nicht und der kleine Jack schickt ihr ins Krankenhaus, was für ihn bisher das Wichtigste war – seinen langen Haare. Sehr zur Freude seiner Großmutter (Joan Allen), die seine Frisur befremdlich fand.

Jetzt ohne seine Mutter wagt er bei seinen Großeltern die ersten Schritte in diese fremde Welt: Er trifft einen Hund und spielt zum ersten Mal mit einem anderen Kind, dem Nachbarsjungen. Als seine Mutter aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, will er mit ihr noch einmal Raum besuchen. Joy lässt sich darauf ein – sie beide wollen Abschied nehmen. Und siehe da, der schäbige Gartenschuppen, in dem Joy sieben und Jack fünf Jahre verbracht haben, erscheint dem Jungen plötzlich viel kleiner als zuvor.

Mir hat der Film sehr gut gefallen – es wird durchaus die Enge und Ausweglosigkeit gezeigt, mit der sich Joy und ihr Sohn in diesem Raum arrangieren müssen. Und die Übergriffe durch Old Nick, vor dem Joy ihren Sohn so gut sie kann beschützen will: Jack versteckt sich im Schrank wenn Old Nick kommt, um seine Mutter zu missbrauchen.

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Joy hat sich – auch für Jack – darauf konditioniert, überleben zu wollen, deshalb tut sie, was von ihr verlangt wird. Gleichzeitig kämpft sie mit Old Nick um die Vitamine, die sie für wichtig hält oder um neue Kleidung für ihren Sohn. Sie ordnet sich ihrem Peiniger, der sich selbst für ihren Wohltäter hält und entsprechende Dankbarkeit erwartet – schließlich besorgt er ja alles, was die beiden zum Überleben brauchen – aus Berechnung unter. Sie hat Angst, dass sie beide in ihrem schalldichten Verließ umkommen werden, wenn sie Old Nick nicht bei der Stange hält oder ihm etwas zustößt – nur Old Nick weiß, wo die beiden sind und nur er hat den Code für das Türschloss. Genau deshalb kann sie Old Nick auch nicht einfach umbringen, woran sie gewiss immer wieder gedacht hat: Sie braucht ihn für den Fluchtplan, die sie in den langen Stunden ihrer Einsamkeit austüftelt.

Und doch ist es mit der Flucht allein nicht getan, erst danach wird Joy schmerzlich bewusst, was sie in den sieben Jahren ihrer Gefangenschaft alles verpasst hat – andere haben die Schule abgeschlossen, studiert, einen Beruf gelernt, eben ein normales Leben gelebt, das sie für sich und Jack nur simuliert hat. Was für einen Alptraum sie überlebt hat und wie schwer es ist, damit klar zu kommen, ist auf jeden Fall nachzufühlen. Verstehen lässt sich so etwas ohnehin nicht.

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