Ku’damm 56 – verdammt lang her

Wer meinen Blog bereits länger kennt, weiß, dass ich mit aktuellen ZDF-Mehrteilern ernsthafte Probleme habe – so schrecklich überkonstruierte, von hinten bis vorn verschwurbelte Geschichten, die politisch streng auf der Linie des deutschen Regierungsfernsehens nach Adenauer-Art verharren wie Tannbach oder Unsere Mütter unsere Väter sind einfach nicht mein Ding. Obwohl ich ansonsten wirklich Fan historischer Stoffe bin. Und nebenbei: Die ARD-Produktionen Das Adlon oder Weißensee (in dem Fall leider noch deutlich mehr als drei Teile) sind auch kein Ruhmesblatt für neuere deutsche Fernsehgeschichte.

Insofern hatte ich es nicht besonders eilig, mir Ku’damm 56 anzusehen. Ich habe das inzwischen nachgeholt – vor allem, weil die Tage durch die Presse ging, dass Ku’damm 56 wegen Erfolgs verlängert und als Ku’damm 59 wieder zu sehen sein wird. Und ja, ich hab jetzt keine Geschichte zum Niederknien gesehen, aber ich fand Ku’damm 56 doch deutlich besser als das, was ich erwartet hatte.

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Wobei – dass deutsche Fernsehproduktionen gut darin sind, Zeitgeschichte nachzuempfinden, ist ja kein Geheimnis und ich weiß das durchaus zu schätzen – in dem Punkt waren auch die bisher genannten Mehrteiler allesamt nicht schlecht: Perfektionistisch, wie wir Deutschen angeblich so sind, können wir Elend und Ruinen, Reichsparteitage, Rock’N’Roll, die DDR, Wirtschaftswunder, das Kaiserreich oder die morbiden 20er Jahre wiederauferstehen lassen, und allet passt – Recherche und Ausstattung ist in der Regel erste Sahne.

Unter anderem in Potsdam-Babelsberg wurde schließlich der Kinofilm erfunden – was die Sache ja eigentlich noch trauriger macht: Hierzulande wurde tatsächlich Film- und Kinogeschichte geschrieben. Aber was derzeit dabei raus kommt, ist weder solides Handwerk, noch innovative Filmkunst. Dabei schafft es sogar ein Hungerleider-Ostbalkan-Land wie Bulgarien mit Undercover eine Krimiserie zu produzieren, die international zu recht Aufsehen erregt. Während eine bestimmt sehr viel teurere und aufwendige Produktion wie Im Angesicht des Verbrechens einfach mal wieder vor die Wand fährt.

Ku'damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Ku’damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Wobei, mir kann es ja eigentlich egal sein – als international orientiertem Menschen ist mir die Nation egal, ich bin zufällig Deutsche, das habe ich mir nicht ausgesucht und somit ist das auch nichts, worauf ich mir etwas einbilde. Und ich habe ein Problem damit, wenn andere sich auf ihre Nationalität etwas einbilden – das ist das Letzte. Weil es nun mal das Letzte ist, was man verdient hätte – das ist etwas, wofür man nun wirklich gar nichts kann. Wenn jemand sich auf nichts anders etwas einbilden kann, ist er eine echt arme Sau, was nicht entschuldigt, dass er oder sie am Ende ein Scheißrassist ist. Oder nur ein Scheißnationalist. Was auch nicht besser ist. Aber das nur am Rande.

Weil Deutsch nun einmal meine Sprache ist, und ich eine deutsche Schul- und Universitätsausbildung erleiden musste (weniger ehrliche Menschen würden jetzt schreiben „genossen habe“, aber das habe ich nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ich hatte tatsächlich einige, wenige, Lehrer und später Professoren, bei denen ich wirklich das Gefühl hatte, dass die mir was beibringen wollten, das ich erleichtert und herzlich erwiedert habe, in dem ich auch etwas lernte, sonst wäre ich gar nicht imstande diesen Blog zu schreiben) sind eben auch deutsche Filme und Serien Gegenstand meines allgemeinen Interesses an Filmen und Serien.

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Und es gab und gibt ja auch immer Künstler auch in Deutschland – wobei das nicht unbedingt Deutsche waren – hier haben die USA, die ich sonst gern in vielerlei Hinsicht in Grund und Boden argumentieren möchte, Deutschland vieles voraus – vor allem, dass die dort Abstammung eine nicht ganz so große Rolle spielt – es sei denn, ein Halbschwarzer mit „Hussein“ als Binnennamen will Präsident werden. Noch ein Detail am Rande – Donald Trump ist sehr stolz darauf, deutscher Abstammung zu sein: Er ist mit den Ketchup-Heinzens verwandt und seine Großeltern sollen aus Bayern sein. Da sollte einen doch schon sehr viel weniger wundern, denn Trumps rustikales Verhalten kennt man doch von der CSU. Und wenn man Trumpsens Verhalten mit dem von Strauß, Stoiber, Seehofer und Söder abgleicht, wird es doch gleich viel normaler. Zumindest, wenn man ab etwa fünf Maß intus hat.

Aber jetzt muss ich mich wieder zusammen reißen, denn ich schreibe eigentlich nicht den großen neuen deutschen Roman, auf den die Fachwelt hoffentlich lange gewartet hat, sondern nur einen Blogeintrag über Ku’damm 56. Und ja, da wird es schwierig.

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Denn einerseits fand ich die Geschichte gar nicht dermaßen schlecht. Was mir vor allem gefallen hat, war, dass die giftige Verlogenheit der unmittelbaren Nachkriegszeit voll ausgespielt wurde: Die Mutter der Geschichte, Caterina Schöllack, ist eine ebenso arrogante wie verlogene Sau.

Claudia Michels spielt sie mit einer glaubwürdig fragilen Grandezza, das allein ist wirklich preiswürdig: Diese Frau hat sich in ihrer Lebenslüge eingerichtet und terrorisiert ihre drei Töchter mit deutscher Gründlichkeit. Die Töchter sind Helga (Maria Ehrich), die einen homosexuellen Rechtsassessor heiratet, der hoffentlich bald Staatsanwalt wird, das Nesthäkchen Eva (Emilia Schüle), das Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik ist, und den für sie viel alten Professor heiraten soll (Heino Ferch als Prof. Dr. Jürgen Fassbender), auch nicht schlecht übrigens, und dann gibt es schließlich die mittlere Tochter Monika (Sonja Gerhardt), die eigentlich zu gar nichts taugt, aber ein gutes Herz hat.

Mit solchen Kindern ist kein Staat zu machen – auch wenn Helga und Eva das Programm ihrer Mutter komplett verinnerlicht haben und es über die Selbstverleugnung hinaus knallhart durchexerzieren: Das ist, was mir an diesem Dreiteiler gefällt. Sie befolgen das Programm, das ihnen die Mutter als den Weg zum Glück vorgeschrieben hat, und es endet für alle komplett desaströs: Helga bringt sich schier um in der Rolle der guten Hausfrau für ihren strengen, aber lustlosen Ehemann – sehr zum Missfallen ihres Gatten wird sie sogar eine Werbeikone für die verlorenen Ideale der 50er Jahre. Eva verleugnet ihre Liebe zu der netten Ossi-Sportkanone und lässt sich auf den für sie viel zu alten Professor ein – selbst nachdem er ihr zu dem von ihm selbst gekochten mongolischen Reiterfleisch gesteht, dass er als junger Assistenzarzt in den Nazi-KZs an Menschenversuchen beteiligt war.

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Und Monika – sie gibt den von ihr Mutter ausgeheckten Plan auf, den reichen Fabrikantensohn wegen ihrer Schwangerschaft zur Heirat zu zwingen – schließlich hat er sie tatsächlich vergewaltigt, weil er sich irgendwie gelangweilt und missverstanden fühlte, dann aber doch irgendwie Gefallen an diesem schrägen Mädchen gefunden hat, das mit dieser Gesellschaft einfach nicht funktionieren will. Natürlich kann auch das nicht gut ausgehen – und wenigstens gibt es hier keine falsche Hoffnung.

Monika weiß, dass beide Männer für sie nicht taugen, weder der Musiker Freddy (Trystan Pütter), von dem sie ein tatsächlich ein Kind erwartet, noch der Kapitalistenspross Frank (Sabin Tambrea), der eigentlich lieber Romanautor als Ingenieur im Werk seines verhassten Vaters sein will, der mit den Waffen, mit denen sein älterer Sohn Harald erschossen wurde, weiterhin viel Geld verdienen will.

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Ich mag die in Ku’damm 56 thematisierten Widersprüche – der echte Vater der Schöllack-Kinder, der als im Krieg vermisst gilt, lebt eigentlich noch – was die drei Töchter, die ja allesamt nicht blöd, aber eben gehorsam sind, doch irgendwann herausfinden. Genau wie den Umstand, dass die Tanzschule, die angeblich seit ihrer Gründung in Familienbesitz ist, im Rahmen der Arisierung ihren Eltern zugeschlagen würde – und der nette Onkel Fritz (Uwe Ochsenknecht), der nun Tanzlehrer im Institut ist und sich hingebungsvoll um Caterina kümmert, als hohes Tier im Reichssportministerium seine Hand im Spiel gehabt hat.

Letztlich stellt sich sogar heraus, dass die einzige der drei Töchter, die zu ihrem Vater steht, der nach seiner Kriegsgefangenschaft in Ostberlin Lehrer geworden ist, weil er sich für die Verbrechen des Dritten Reiches schämt und etwas gut machen will, nämlich Monika, das Kind von Fritz Assmann ist, und eben nicht von Gerd Schöllack. Auch das mag irgendwie überkonstruiert sein, aber es hat diese Ironie, die ich mag.

Genau wie Wolfgang, der schwule Sproß einer preußischen Gutherrenfamilie, einen in meinen Augen symphatischen Zug an den Tag legt, als er sich weigert, das von der Adenauerregierung durchgedrückte KPD-Verbot in seinem Job bei der Staatsanwaltschaft umzusetzen: Er will die Haftbefehle für führende Kommunisten nicht ausstellen. Dafür riskiert er seinen Ernennung zum Staatsanwalt. Einer von ihnen war ein Freund seines liberalen Vaters und überhaupt: „Diese Männer waren im Widerstand gegen die Nazis!“ erklärt er seiner konsternierten Frau Helga.

Aber die reagiert total pragmatisch, genau wie Mutter Schöllack ihr ein Leben lang eingeimpft hat: „In deinem Job als Staatsanwalt wirst du noch oft Dinge tun müssen, die dir persönlich nicht gefallen!“ Und Helga gefällt es persönlich ja auch nicht, dass ihr Mann sich sexuell so gar nicht für sie interessiert, auch wenn sie honoriert, dass er es wenigstens versucht und beim Professor ihrer kleinen Schwester um eine Therapie ersucht hat – er will von seinem Fehlverhalten, das er selbst als abnormal empfindet, geheilt werden. Auch wenn der Professor am Ende nicht viel tun kann: Es gibt einfach auch unheilbar Schwule. Und Wolfgang stellt die Haftbefehle schließlich aus – wenn er seine Frau sonst schon nicht zufrieden stellen kann, dann doch wenigstens in ihrem Karrierebedürfnis – er will kein völlig untauglicher Mann sein.

 

Der Ku'damm 1956 - in Ku'damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Der Ku’damm 1956 – in Ku’damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Und natürlich mag ich auf den nostalgischen Blick auf Berlin – die 50er Jahre wurden überzeugend rekonstruiert – und es war eine schlechte Zeit, eine giftige, verlogene, völlig zu recht untergegangene Zeit. Außerehelicher Geschlechtsverkehr war verboten. Abtreibung war an der Tagesordnung – was sollten die Frauen denn sonst gegen ungewollte Kinder tun – aber genauso verboten. Schwul sein war verboten. Jung sein und Spaß haben war verboten. Dass Frauen selbst Geld verdienten war letztlich auch verboten, sofern sie verheiratet waren.

Eigentlich war alles irgendwie verboten, aber es fand trotzdem statt. Es lohnt sich durchaus, daran zu erinnern: Es war eben nicht alles besser. Vieles war schlechter. Sehr viel schlechter. Und ich will das auf keinen Fall wieder haben.

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Mr. Robot_dec0d3d.doc

Für alle, die es entweder gar nicht mehr erwarten können und jene, die immer noch nicht wissen, was sie eigentlich verpasst haben, hat USA Network Anfang der Woche ein Special gebracht: Mr. Robot_dec0d3d.doc

Auf der Seite von USA Network werden Nutzer aus unseren Breiten mit dem bekannt-beschissenem Geoblockig ausgesperrt. Was für passionierten Fans natürlich auch kein Hindernis darstellt. Aber für alle, deren Hacking-Skills sich in eben so engen Grenzen halten wie die Geschäftsmodelle von US-Kabelsendern, gibt es das Special auch auf YouTube:

 

 

Das Traurige daran ist – ich finde es gar nicht mal so gut. Was sicherlich daran liegt, dass ich die erste Staffel ohnehin langsam auswendig kenne, genau wie auch jeden öffentlich auffindbaren Kommentar dazu und insofern nicht mehr allzu viel Neues zu entdecken hatte. Und viele von den Dingen, die die Werbung für das Special versprochen hat, werden leider auch nicht eingelöst: Es ist ein einfach nur weiterer Aufguss ohnehin schon bekannter Dinge rund um die Serie Mr. Robot.

Was schon irgendwie interessant ist, sind die Statements der IT-Sicherheitsexperten und der Hacker, die die Serie und vor allem das darin gezeigte Hacking aus ihrer Sicht kommentieren – und dabei erklären, dass der einzige wirklich sichere denkbare Computer einer ist, den kein Mensch benutzen kann. Und für alle, die sich nicht ohnehin schon sämtliche Golden-Globe-, Critics-Choice- und What-The-Fuck-Award-Shows und auch sonst jeden Video-Schnipsel, der im Internet über Mr. Robot zu finden ist, reingezogen haben, gibt es vermutlich auch noch die eine oder andere neue Information über die erste Staffel an sich.

Wer sich also endlich auf den Stand bringen will, um am 13. Juli mit der zweiten Staffel einsteigen zu können, hat mit Mr. Robot_dec0d3d.doc letztlich doch ein ziemlich gutes Sprungbrett. Weshalb ich als Fan hiermit darauf hingewiesen habe.

Info in eigener Sache: Derzeit habe ich leider nicht so viel Zeit für neue Serien und Filme, was ich natürlich total schade finde, aber irgendwovon muss ich ja leben – und diese Seite ist das definitiv nicht. Ich muss jetzt noch eine Woche durchackern und dann habe ich endlich Urlaub – in dem ich viel unterwegs, aber eben nicht im Internet sein werde. Insofern werde ich den Staffelstart der neuen Folgen von Mr. Robot nicht so zeitnah kommentieren können, wie ich das bei der ersten Staffel getan habe – aber selbstverständlich werde ich das nachholen und dann dran bleiben!

 

Vinyl – die Welt ist eine Scheibe

Mein erster Versuch mit Vinyl, der neuen Serie von Terrence Winter, Martin Scorsese, Rich Cohen und James Jagger war nicht wirklich erfolgreich – ich brach irgendwann auf der Hälfte des ja nun wirklich überlangen Pilotfilms ab. Aber vermutlich war ich an jenem Abend einfach nur schlecht drauf – mit etwas Abstand habe ich einen neuen Versuch unternommen und siehe da – ich musste gleich noch mehrere Folgen weitersehen. Auch wenn das Serien-Projekt durchaus einige Schwächen hat, Spaß macht es auf jeden Fall.

Die Retro-Serie um Richie Finestra (Bobby Cannavale), den Boss des Plattenlabels American Century Records, hat bei mir nun wirklich gezündet, und dafür gibt es eine ganze Reihe Gründe. Da ist zum einen diese herrliche Ansammlung von Knalltüten, die Richie um sich versammelt hat: Vinyl ist tatsächlich so etwas wie Boardwalk Empire in lustig.

Ritchie Finestra (Bobby Cannavale) und sein Team Bild: hbo.com

Richie Finestra (Bobby Cannavale) und sein Team Bild: hbo.com

Vieles erinnert mich auch an Mad Men, wobei Deko und Anzüge in Mad Men sehr viel eleganter waren, genau wie auch der Humor deutlich feinsinniger. Aber es wird gleichfalls geraucht, gesoffen und gekokst bis zum Delirium – und Frauen sind noch immer in erster Linie zur Bedienung und Zerstreuung von Männern da, auch wenn es inzwischen selbstverständlich auch schwarze Sekretärinnen gibt, die ihrem Chef durchaus selbstbewusst sagen, was ihr Job ist und was nicht.

Selbst das blondgelockte Sandwichmädel, das den wichtigen Jungs im Label ihre Bagels bringt, entwickelt eine bemerkenswerte Eigeninitiative – Jamie (Juno Temple) ist fest entschlossen, die nächste große Entdeckung für American Century zu machen und versucht, ihren Boss zu überzeugen, dass die Punkband Nasty Bits das nächste große Ding ist. Wobei die ebenso unmotivierten wie schlecht spielenden Jungs selbst erstmal mühsam davon überzeugt werden müssen, dass ihre Message, eben keine Message zu haben, weil ihnen eben alles total egal ist, genau das coole Etwas ist, das ihren künftigen Ruhm ausmachen wird. Waren die 70er tatsächlich schon dermaßen postmodern?

Devon (Olivia Wilde) und Ritchie (Bobby Cannavale) Bild: hbo.com

Devon (Olivia Wilde) und Richie (Bobby Cannavale) Bild: hbo.com

Egal. Richies Label braucht ganz dringend ein nächstes großes Ding, die tranigen Schnarchnasen in der Chefetage haben über ihren vergangenen Erfolge nämlich vergessen, was eigentlich ihr Job ist und die letzten großen Trends total verpennt. Jetzt haben sie und Richie jede Menge Schulden. Richie ist sogar drauf und dran, sein Label an die deutsche Polygram zu verkaufen – was bei seinen einigen seiner Teilhaber auf verständliche, aber völlig hysterische Ablehnung stößt: An die verdammten Hunnen wird nichts verkauft, nicht diese Scheiß-Nazis, niemals – wozu hat man den Weltkrieg denn gewonnen?!

Doch als Richie die anderen soweit hat, den für alle Seiten vorteilhaften Deal zu unterzeichnen, hat er eine Art Rock-n-Roll-Erleuchtung: Betrunken und auf Koks erinnert er sich an seine Anfänge. Das ist ein manchmal etwas nerviges Stilmittel, weil es in Vinyl doch ziemlich strapaziert wird: Immer wieder gibt es Rückblenden in Richies Vergangenheit – und auch in die anderer Figuren, so dass es mit der chronologischen Abfolge der Ereignisse immer wieder ziemlich durcheinander geht. Aber das ist wohl normal, wenn man auf Droge ist.

Dazu kommen auch immer wieder Video-Clip-artige Szenen, in denen die Songs, die in der Handlung vorkommen, von den jeweiligen Stars performt werden – was ich einerseits eine nette Idee finde, schließlich ist es ja eine Musik-Serie, also soll auch bitte schön viel Musik drin vorkommen. Andererseits wird die Handlung dadurch sehr collageartig, was vermutlich sogar so gewollt ist, mir aber nicht immer gefällt, weil es mitunter doch reichlich willkürlich zusammengestoppelt wirkt. Ein paar Mal ist so ein Film-im-Film-Ding ganz nett, aber ich will darüber die eigentliche Handlung nicht vergessen.

The Nasty Bits (James Jagger als Kip Stevens in der Mitte) Bild: hbo.com

The Nasty Bits (James Jagger als Kip Stevens in der Mitte) Bild: hbo.com

Wobei mir die Geschichte immer besser gefällt, der Niedergang des klassischen Rock’n’Roll, die Inflation von seichten, aber Dance-Floor-geeigneten Hits, eben diese ganze Disco-Musik mit ihrem Spiegelkugel-Glitzer, die selbstbesoffenen Glam-Rock-Stars – sehr schön etwa die Szenen mit Robert Plant von Led Zeppelin, den Richie als neues Zugpferd vergeblich an Bord holen will – und die entstehenden Gegenbewegungen Punk, Rap, Hiphop. Als Nebenhandlung wird auch angedeutet, wie schwarze Musiker, die mit ihrem Musik und ihrem Können viele Impulse geliefert haben, von der von Weißen dominierten Musikbranche ausgenutzt und ausgebeutet werden – hier hat Richie auch noch eine persönliche Schuld zu begleichen. Doch diese eigentlich interessante Geschichte verkommt leider nur zur Garnitur der eigentlichen Story, die sich leider mitunter zu sehr in der visuellen Zelebration des Rock-n-Roll-Feelings erschöpft, das ja selbst zu Richies Zeiten schon ein nostalgisches war.

Überhaupt werden die 70er gefeiert  und Greenwich Village als Tummelplatz schriller Vögel wie Lou Reed, Andy Warhol oder Alice Cooper, die auch damals schon Legenden waren, aber eben noch nicht so überlebensgroß. Und es stellt sich mit der Zeit heraus, dass diese Welt viel weniger Richies ist, der sich als Sohn italienischer Einwanderer im Mafia-Milieu besser auskennt als unter diesen schrägen Bohemiens – das ist eher die Szene seiner Frau Devon (Olivia Wilde). Devon hat ihre eigenen Ambitionen als Fotografin hintenangestellt, als sie Richie geheiratet hat, sie wohnt nun mit ihren beiden Kindern in einem Haus mit Garten und Swimmingpool in Connecticut, wo sie oft vergeblich auf Richie wartet, der noch wieder in der Stadtwohnung bleibt (mit Blick auf den Central Park) – auch diese Setting kennt man bereits aus Mad Men.

Und genau wie Don Draper ist Richie überhaupt nicht bewusst, was es für seine Frau heißt, die eigenen Ambitionen zugunsten ihrer Ehe begraben zu müssen – wobei Richie weniger bewusstes Arschloch ist als Don und Devon deutlich ambitionierter als Betty. Und sie hat bessere Freunde und vor allem Freundinnen – etwa Ingrid, eine in New York gestrandete Künstlerin aus Dänemark, gespielt von Birgitte Hjort Sørensen, die ich in Borgen schon ganz toll fand.

Ingrid (Birgitte Hjort Sørensen) Bild: hbo.com

Ingrid (Birgitte Hjort Sørensen) Bild: hbo.com

Als Richie auf Drogen ausrastet und mit seiner E-Gitarre den Fernseher zerschlägt (es handelt sich um ein kostbares Museumsstück, das seine Partner vom Label ihm zum Geburtstag geschenkt haben) holt Devon ihre Kamera und macht aus der Zerstörungsorgie noch eine Serie Kunstwerke – sie ist schließlich eine begabte Fotografin. Auch wenn sie danach eine Scheidungsanwältin aufsucht. Die aber schnell kapiert, dass Devon ihren Mann noch liebt und sich eigentlich gar nicht scheiden lassen will. Leider wird auch diese Geschichte wird nicht so konsequent verfolgt, wie ich das gerne hätte – aber ein paar Folgen habe ich ja noch, vielleicht entwickelt sich hier noch etwas.

Wie gesagt, ich finde Vinyl trotz einiger Schwächen spannend genug, um dran zu bleiben, das opulente Schwelgen in der 70er-Jahre-Optik ist ein großer Spaß – auch wenn die 2. Staffel von Fargo das ebenfalls bietet, und zusätzlich noch eine wirklich gute Kriminalstory mit wirklich interessanten Charakteren. Was den Blick auf das Musik-Geschäft angeht, finde ich Empire besser – wenn auch nicht unbedingt die Musik, aber das ist Geschmacksache. Bei Empire geht es sehr viel mehr um die Musik an sich und das Ringen um neue Songs, den Produktionsprozess und darum, was es heißt, sich an die Spitze zu kämpfen. In Vinyl ist das nur Nebensache – hier geht es um ein Feeling, letztlich um nostalgische Nabelschau. Aber okay, solange es Vergnügen bereitet…

Der junge Richie und Lester Grimes (Auto Essando) Bild: hbo.com

Der junge Richie und Lester Grimes (Ato Essando) Bild: hbo.com

Tyrant – auch Despoten sind Menschen. Echt jetzt?

Vor einigen Jahren überraschte die israelische Fernsehserie Hatufim Zuschauer und Kritiker mit einer zugleich sehr drastischen, aber auch sehr berührenden Geschichte über drei israelische Soldaten, die unglaubliche 17 Jahre lang in arabischer Gefangenschaft verbringen mussten und schließlich im Zuge eines umstrittenen Gefangenenaustauschs frei kamen. Alle drei wurden gefoltert und gebrochen, aber sie arrangierten sich jeder auf seine Weise mit den gegebenen Umständen, um irgendwie zu überleben. Einer von ihnen, der von den anderen beiden getrennt wurde und als tot gilt, wurde sogar zu einem arabischen Agent umgedreht. Doch auch die anderen beiden wurden argwöhnisch beobachtet – waren auch sie möglicherweise Verräter?

Weil die Amis ja statt Serien zu synchronisieren, sie gleich an US-Verhältnisse angepasst neu produzieren, wurde Hatufim-Autor Gideon Raff beauftragt, die US-Serie Homeland zu schreiben. Und wenngleich Homeland ziemlich Furore gemacht hat und ich Damian Lewis in der Rolle des Irak-Veterans Nicholas Brody großartig fand, war Homeland eben nur die nicht wirklich geglückte Adaption einer sehr guten israelischen Fernsehserie fürs US-Fernsehen: Alles viel zu dick aufgetragen – als ob der Stoff an sich nicht schon krass genug wäre.

Insofern hatte ich es auch nicht dermaßen eilig, in Tyrant reinzuschauen, eine weitere US-Serie von Gideon Raff. Weil aber immerhin zwei schwedische Schauspieler an Bord sind, die ich kenne und schätze, nämlich Fares Fares, der in der Snabba-Cash-Trilogie, der Polizei-Klamotte Kops oder Kill Your Darlings mitgespielt hat und Alexander Karim, der unter anderem in GSI Göteborg und in Real Humans zu sehen war, und ich mich ja prinzipiell sehr für Nahost-Themen interessiere, habe ich jetzt doch mit Tyrant angefangen. Aber ja – die Kritiker haben irgendwie schon recht.

Tyrant IST eine krude Mischung aus so ziemlich allen üblen Klischees, die in den USA, aber auch hierzulande über dekadente arabische Potentaten in Umlauf sind, garniert mit den gängigen Stereotypen muslimischer, aber auch US-amerikanischer Rollenmuster – es gibt die ungleichen Brüder, der eine lebt seit 20 Jahren im selbstgewählten Exil in den USA und hat sich dort eine Existenz als Kinderarzt aufgebaut, er nennt sich statt Bassam jetzt Barry, er hat eine schöne blonde Frau, die ebenfalls Ärztin ist und Kinder, die als stinknormale US-Amerikaner aufwachsen – er will mit seiner arabischen Diktatoren-Familie in Abbudin nichts mehr zu tun haben. Der andere Bruder ist weniger intelligent und weniger integer, aber Jamal Al-Fayeed wird als der ältere Sohn den Präsidenten-Sessel des Vaters übernehmen und hat sich schon einmal gewissenhaft darauf vorbereitet, in dem er genau zu dem fiesen Arschloch geworden ist, das ein künftiger arabischer Diktator nun einmal zu sein hat, wenn er ernst genommen werden will.

Wie man in Rückblenden erfährt, musste Jamal sich dafür schon ziemlich Mühe geben, denn der für diesen Job begabtere Sohn wäre eigentlich Bassam gewesen – der als Kind schon mal einen Gefangenen exekutiert hat, weil sein Bruder diesen Befehl ihres Vaters nicht ausführen konnte. Aber Bassam hat sich später anders entschieden und ist nach seinem Studium in den USA nicht mehr ins Reich seines Vaters heimgekehrt. Doch nun steht die Hochzeit seines Neffen an und Barrys Frau will unbedingt die Familie ihres Mannes kennenlernen – die für eine Ärztin erstaunlich naive Molly Al-Fayeed ist ganz versessen darauf. Man ahnt schon, dass alles ganz anders kommen wird – der als kurzer Familienausflug geplante Trip nach Abbudin wird durch den überraschenden Tod des alten Al-Fayeed zu einer Reise ins Ungewisse.

Jamal, auf den zusätzlich noch ein Anschlag verübt wurde, ist in so ziemlich jeder Beziehung angeschlagen und er bittet seinen Bruder, ihn als Berater zu unterstützen. Denn er weiß, dass er eine ganze Reihe Feinde hat, die ihrerseits auf eine Chance warten, die Macht über das Reich an sich zu reißen: Natürlich gibt es blutrünstige Militärs, mehr oder weniger smarte Politik-Berater, unterdrückte oder auch berechnend-durchtriebene orientalische Ehefrauen, regimekritische, aber fundamentalistische Terroristen, ausländische Agenten oder aufrechte Journalisten, die etwas im Land bewegen wollen.

Und dann gibt es auch noch einfach verzweifelte Menschen, die unter den gegebenen Umständen keine andere Wahl haben, als Speichellecker, Verräter und eben Opfer zu werden –  während die anderen, die eben auch keine Wahl haben, zu Tätern geworden sind. Das ist alles ziemlich schlimm und eigentlich kann ich Tyrant nicht wirklich empfehlen – denn es ist eine US-Serie, die die schlimmsten Vorurteile über das US-Fernsehen bestätigt – nicht umsonst kommt die Serie von Fox. (Es heißt, dass sich Fox und HBO ein erbittertes Bieterrennen um die Serie geliefert hätten – und es ist schade, dass nicht HBO den Zuschlag bekommen hat – aber Homeland ist nun auch kein Beispiel für eine wirklich gute Serie. Da hat HBO schon deutlich Besseres geleistet. Fox hat hingegen genau das geliefert, was zu erwarten war.)

Aber andererseits, und das muss ich auch sagen, ist Tyrant gar nicht so schlecht gemacht – die vom US-Fernsehen wissen eben auch, wie spannende Unterhaltung geht, die nicht mit dem Charme angestaubten Klugscheißer-Fernsehens daher kommt, mit dem man gelangweilten Oberstufenschülern etwas über die Welt beibringen will. Wenn man Tyrant einfach als Serie nimmt, die sich in exotische Welten begibt, in die sich westliche Zuschauer im wahren Leben bestimmt nicht freiwillig bewegen werden, ist sie schon unterhaltsam.

Natürlich haben auch klischeeüberfrachtete Serien ihre Berechtigung, wenn sie einfach Spaß machen, Empire zum Beispiel – da habe ich inzwischen die zweite Hälfte der zweiten Staffel gesehen und natürlich ist auch in Empire alles haarsträubend bis zum Gehtnichtmehr – aber deshalb macht das ja auch dermaßen Spaß: Als mündige Zuschauerin will ich nicht ständig darüber belehrt werden, wie es in der Welt von wem auch immer tatsächlich zugeht – wobei natürlich auch jedes Klischee einen wahren Kern hat, sonst wäre es ja nicht entstanden: Ein schwarzer Plattenboss, der von der Straße kommt, muss ein mit allen Wassern gewaschener Schweinehund sein, sonst wäre er ja nicht da, wo er jetzt ist. Und eine Frau, die es an seiner Seite aushält, muss es ebenfalls faustdick hinter den Ohren haben und eben eine echte Cookie sein – und selbstverständlich ist es okay, dass Taraji P. Henson für die Darstellung der Cookie mehrere Auszeichungen bekommen hat. Aber in Empire werden nun wirklich sämtliche Klischees über schwarze Emporkömmlinge im Musikgeschäft und in der US-Gesellschaft überhaupt gnadenlos durchexerziert – warum regt sich hier eigentlich niemand darüber auf?! Weil Afroamerikaner jetzt so normal sind, dass einer von ihnen sogar US-Präsident werden kann, während Araboamerikaner froh sein müssen, wenn sie nicht gleich als mutmaßliche Selbstmord-Attentäter erschossen werden?

Irgendwas läuft im PC-Empfinden der professionellen Serien-Kritiker ziemlich schief… genau wie über Menschen jeder anderen Herkunft kann und muss man auch schlechte Serien über arabische Protagonisten machen dürfen – besser wären freilich richtig gute Serien. Und so sehr ich mir gerade den Kopf zerbreche, mir fällt einfach keine ein – abgesehen von Hatufim oder Fauda natürlich, die israelische Serien sind, in denen sowohl die Israelis, als auch die Araber sehr zwiespältig dargestellt werden. Wobei man sich jetzt streiten kann, ob die Israelis überhaupt echte Orientalen sind, wo sie doch eine Gesellschaft mit einer westlich geprägten Idee von Demokratie haben – und eben auch mit einem westlich geprägten Ideal von zivilisatorischer und militärischer Überlegenheit. Aber wie auch immer – sie sind, was den Nahostkonflikt angeht, als Beteiligte doch deutlich näher dran, als alle Amis und alle Europäer zusammen.

Aber weil es eben so wenige Serien in westlichen Medien gibt, in denen Nahost-Themen überhaupt behandelt werden, hat Tyrant natürlich allein deshalb eine gewisse Existenzberechtigung. Denn es ist ja auch nicht alles schlecht und alles falsch, was dort gezeigt wird.

Mir geht es mit Tyrant ungefähr so, wie es mir mit der deutschen Serie Im Angesicht des Verbrechens ging, in der leider auch alle möglichen Klischees abgefeiert werden, vor allem über geschäftstüchtige Juden und die böse Russenmafia, die in Berlin in allen sinistren Tätigkeiten ihre schmutzigen Finger hat – in Tyrant sind es eben die Araber. Trotzdem gilt Im Angesicht des Verbrechens alles in allem als eine vergleichsweise gute deutsche Serie, Tyrant hat es da als US-Produkt deutlich schwerer. Warum eigentlich? Ich lade alle ein, sich selbst ein Bild zu machen. Tyrant ist bei Amazon, Maxdome, iTunes, Videoload, Xbox Video und Sony verfügbar.

Adieu Paris: Verpasste Chancen

Gestern Abend hatte ich spät noch zu tun und ich dachte mir, ich mache in der Zwischenzeit mal etwas ganz Verrücktes: Ich sehe einfach fern. Also blieb ich nach der Tagesschau beim Filmmittwoch im Ersten (oder wie immer sich das nennt) hängen; der Titel des Films hatte mich neugierig gemacht: Adieu Paris.

Und es ließ sich auch gar nicht so schlecht an – am Flughafen Düsseldorf treffen die Schriftstellerin Patrizia (Jessica Schwarz) und der Investmentbanker Frank (Hans-Werner Meyer) zufällig aufeinander. Patrizia ist ziemlich neben der Spur: Vor wenigen Augenblicken hat sie am Telefon gehört, dass ihr Geliebter einen Unfall hatte – ein häßlicher Ausgang eines Liebestelefonats. Patrizia will um jeden Preis einen Platz in der nächsten Maschine nach Paris, aber sie hat ihre Kreditkarten in der Wohnung liegen lassen und ihr Bargeld schon für das Taxi ausgegeben. Es müsse doch möglich sein, ihr eine Rechnung zu schicken! Aber die Dame am Schalter bleibt hart, sie hat entsprechende Vorschriften.

Frank ist ebenfalls auf dem Weg nach Paris, dort will er den Deal seines Lebens einfädeln. Ihn nervt die Verzögerung und so bietet er kurzerhand an, das Ticket zu bezahlen. Für ihn sind das Peanuts – Zeit ist Geld. Patrizia ärgert sich über den arroganten Kerl, andererseits will sie nach Paris, also nimmt sie das Angebot an und bittet Frank um seine Adresse, bleibt aber weiterhin abweisend. Frank gibt ihr seine Karte: „Ich sollte mich wohl bei Ihnen bedanken!“ Patrizia versteht den Wink und kontert: „Warum denn, Sie bekommen Ihr Geld doch zurück!“

Adieu Paris: Screenshot von http://adieuparis-film.de/

Adieu Paris: Screenshot von http://adieuparis-film.de/

Nach dem Auftakt folgen mehrere Geschichten, die einerseits nichts mit einander zu tun haben, aber natürlich doch zu immer neuen Begegnungen führen, die wiederum weitere Ereignisse nach sich ziehen – ein bisschen wie Cloud Atlas als zeitgenössisches Beziehungsdrama für das ARD-Hauptabendprogramm heruntergebrochen. Das finde ich vom Ansatz her ziemlich gut und streckenweise ist das in Adieu Paris auch ganz gut umgesetzt, insgesamt blieb bei mir trotzdem der Eindruck „viel gewollt, wenig erreicht“.

Dabei hat die Geschichte es in sich: Als Patrizia endlich das Krankenhauszimmer erreicht, in dem ihr Geliebter im Koma liegt, sitzt eine andere Frau bei ihm: Wie sich herausstellt handelt es sich um seine Ehefrau, die Zahnärztin Francoise (Sandrine Bonnaire). Nachvollziehbarerweise ist diese Begegnung für beide erst einmal ein Schock – aber schließlich überwiegt bei beiden die Neugierde auf die jeweils andere, die dem Mann, den sie jeweils geliebt haben, offenbar viel bedeutet haben muss. Außerdem stellt sich mit der Zeit heraus, dass die beiden eine schwierige Entscheidung zu treffen haben – sollen die Geräte, die Jean-Jacques noch am Leben erhalten, abgestellt werden?

Françoise geht das ganze wissenschaftlich-analytisch an, wie es so ihre Art ist, sie liest alles, was es an medizinischer Literatur über Schädel-Hirn-Traumata und Koma-Patienten gibt, Patrizia hingegen lotet die Situation und ihre Gefühle als ernste Schriftstellerin aus, allerdings hat sie derzeit eine Schreibblockade. Sie weiß nur, dass sie jetzt nicht schreiben kann, was von ihr erwartet wird, freche, spritzige, aber eben auch oberflächliche Geschichten für ein selbstverliebtes Szenenpublikum. Sie gibt ihrem Verleger schließlich sogar einen großzügigen Vorschuss zurück, mit der er sie dazu bringen will, wieder eins von diesen Büchern zu schreiben, mit denen sie beide richtig Geld verdienen können. Und sie tröstet sich mit dem unkomplizierten Mika, der behauptet, Architekt zu sein – genau wie Jean-Jacques.

Frank hingegen erleidet völligen Schiffbruch – der Deals seines Lebens hat sich in Luft aufgelöst – Frank ist einem sympathischen Betrüger aufgesessen und hat seiner Bank damit finanziellen Schaden zugefügt – schlimmer noch ist allerdings der Imageverlust. Doch weil ein Unglück selten allein kommt, gesteht ihm seine Frau, die ihm anfangs noch ständig Vorwürfe gemacht, dass er die Familie vernachlässigt und dann auch noch vermutet, dass Frank eine Affäre mit dieser Patrizia hat (was natürlich nicht der Fall war), dass es inzwischen einen anderen Mann in ihrem Leben gibt – sie zieht mit der gemeinsamen Tochter zu ihrem neuen Lover.

Frank sitzt nun allein in seinem schönen Haus und trinkt – Job weg, Frau weg, Geld weg – in Rückblenden wird erzählt, wie es dazu gekommen ist. Denn Monsieur Albert, der Betrüger, ist eigentlich ein knuffiger Typ, ein Bilderbuchfranzose, der nur seine Wurstfabrik retten wollte, die selbstverständlich die besten Würste der Welt herstellt. Diese Geschichte für sich ist an sich ja recht charmant, aber irgendwie passt sie mit ihren dick aufgetragenen französischen Landhausfarben nicht so richtig zum Farbton der restlichen Geschichte, wo es um Abschied, Loslassen und Trennungsschmerz geht. Auf diese Weise entsteht dieses „Ein-bisschen-von-Allem“-Gefühl, das mir die Sache letztlich doch verleidet – sowohl über die Annäherung von Patricia und Francoise, als auch über den Niedergang des Investmentbankers Frank könnte man jeweils einen eigenen Film machen. Und dann doch einen über die schwierige Frage, ob und wann man im Zeitalter moderner Intensivmedizin einen Schlussstrich zieht: Wann ist ein Leben gelebt? Und wer hat das Recht und die Pflicht zu entscheiden, wann es wirklich vorbei ist?

Das sind alles Fragen, denen man sich stellen muss, und so löblich ich es finde, dass es Filmemacher gibt, die sich dieser Sache annehmen, so sehr wünsche ich mir noch bessere Filme darüber – Adieu Paris ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber eben kein sehr großer, dazu gab es zu viel plakatives Allerlei, das am Ende zwar nett anzusehen, aber eben keine wirklich gute Geschichte war – hoffentlich ist das neue Buch von Patricia besser.

Was mich vor allem geärgert hat, war, dass die Fernsehfuzzis einem Hauptabendpublikum keine Untertitel zumuten wollen, weshalb auch die Franzosen selbstverständlich deutsch gesprochen haben – schon das allein macht die Sache viel weniger glaubwürdig. Das Pendeln der Hauptpersonen zwischen den Welten würde doch durch den Gebrauch unterschiedlicher Sprachen noch viel nachvollziehbarer. Wir leben nun einmal in einer vielsprachigen Welt – warum wird dann systematisch vermieden, gerade den Leute, die selbst keine Gelegenheit oder auch keine Lust haben, ins Ausland zu fahren, diese andere Welt wenigstens durch den Fernseher ein wenig näher zu bringen?!