Adieu Paris: Verpasste Chancen

Gestern Abend hatte ich spät noch zu tun und ich dachte mir, ich mache in der Zwischenzeit mal etwas ganz Verrücktes: Ich sehe einfach fern. Also blieb ich nach der Tagesschau beim Filmmittwoch im Ersten (oder wie immer sich das nennt) hängen; der Titel des Films hatte mich neugierig gemacht: Adieu Paris.

Und es ließ sich auch gar nicht so schlecht an – am Flughafen Düsseldorf treffen die Schriftstellerin Patrizia (Jessica Schwarz) und der Investmentbanker Frank (Hans-Werner Meyer) zufällig aufeinander. Patrizia ist ziemlich neben der Spur: Vor wenigen Augenblicken hat sie am Telefon gehört, dass ihr Geliebter einen Unfall hatte – ein häßlicher Ausgang eines Liebestelefonats. Patrizia will um jeden Preis einen Platz in der nächsten Maschine nach Paris, aber sie hat ihre Kreditkarten in der Wohnung liegen lassen und ihr Bargeld schon für das Taxi ausgegeben. Es müsse doch möglich sein, ihr eine Rechnung zu schicken! Aber die Dame am Schalter bleibt hart, sie hat entsprechende Vorschriften.

Frank ist ebenfalls auf dem Weg nach Paris, dort will er den Deal seines Lebens einfädeln. Ihn nervt die Verzögerung und so bietet er kurzerhand an, das Ticket zu bezahlen. Für ihn sind das Peanuts – Zeit ist Geld. Patrizia ärgert sich über den arroganten Kerl, andererseits will sie nach Paris, also nimmt sie das Angebot an und bittet Frank um seine Adresse, bleibt aber weiterhin abweisend. Frank gibt ihr seine Karte: „Ich sollte mich wohl bei Ihnen bedanken!“ Patrizia versteht den Wink und kontert: „Warum denn, Sie bekommen Ihr Geld doch zurück!“

Adieu Paris: Screenshot von http://adieuparis-film.de/

Adieu Paris: Screenshot von http://adieuparis-film.de/

Nach dem Auftakt folgen mehrere Geschichten, die einerseits nichts mit einander zu tun haben, aber natürlich doch zu immer neuen Begegnungen führen, die wiederum weitere Ereignisse nach sich ziehen – ein bisschen wie Cloud Atlas als zeitgenössisches Beziehungsdrama für das ARD-Hauptabendprogramm heruntergebrochen. Das finde ich vom Ansatz her ziemlich gut und streckenweise ist das in Adieu Paris auch ganz gut umgesetzt, insgesamt blieb bei mir trotzdem der Eindruck „viel gewollt, wenig erreicht“.

Dabei hat die Geschichte es in sich: Als Patrizia endlich das Krankenhauszimmer erreicht, in dem ihr Geliebter im Koma liegt, sitzt eine andere Frau bei ihm: Wie sich herausstellt handelt es sich um seine Ehefrau, die Zahnärztin Francoise (Sandrine Bonnaire). Nachvollziehbarerweise ist diese Begegnung für beide erst einmal ein Schock – aber schließlich überwiegt bei beiden die Neugierde auf die jeweils andere, die dem Mann, den sie jeweils geliebt haben, offenbar viel bedeutet haben muss. Außerdem stellt sich mit der Zeit heraus, dass die beiden eine schwierige Entscheidung zu treffen haben – sollen die Geräte, die Jean-Jacques noch am Leben erhalten, abgestellt werden?

Françoise geht das ganze wissenschaftlich-analytisch an, wie es so ihre Art ist, sie liest alles, was es an medizinischer Literatur über Schädel-Hirn-Traumata und Koma-Patienten gibt, Patrizia hingegen lotet die Situation und ihre Gefühle als ernste Schriftstellerin aus, allerdings hat sie derzeit eine Schreibblockade. Sie weiß nur, dass sie jetzt nicht schreiben kann, was von ihr erwartet wird, freche, spritzige, aber eben auch oberflächliche Geschichten für ein selbstverliebtes Szenenpublikum. Sie gibt ihrem Verleger schließlich sogar einen großzügigen Vorschuss zurück, mit der er sie dazu bringen will, wieder eins von diesen Büchern zu schreiben, mit denen sie beide richtig Geld verdienen können. Und sie tröstet sich mit dem unkomplizierten Mika, der behauptet, Architekt zu sein – genau wie Jean-Jacques.

Frank hingegen erleidet völligen Schiffbruch – der Deals seines Lebens hat sich in Luft aufgelöst – Frank ist einem sympathischen Betrüger aufgesessen und hat seiner Bank damit finanziellen Schaden zugefügt – schlimmer noch ist allerdings der Imageverlust. Doch weil ein Unglück selten allein kommt, gesteht ihm seine Frau, die ihm anfangs noch ständig Vorwürfe gemacht, dass er die Familie vernachlässigt und dann auch noch vermutet, dass Frank eine Affäre mit dieser Patrizia hat (was natürlich nicht der Fall war), dass es inzwischen einen anderen Mann in ihrem Leben gibt – sie zieht mit der gemeinsamen Tochter zu ihrem neuen Lover.

Frank sitzt nun allein in seinem schönen Haus und trinkt – Job weg, Frau weg, Geld weg – in Rückblenden wird erzählt, wie es dazu gekommen ist. Denn Monsieur Albert, der Betrüger, ist eigentlich ein knuffiger Typ, ein Bilderbuchfranzose, der nur seine Wurstfabrik retten wollte, die selbstverständlich die besten Würste der Welt herstellt. Diese Geschichte für sich ist an sich ja recht charmant, aber irgendwie passt sie mit ihren dick aufgetragenen französischen Landhausfarben nicht so richtig zum Farbton der restlichen Geschichte, wo es um Abschied, Loslassen und Trennungsschmerz geht. Auf diese Weise entsteht dieses „Ein-bisschen-von-Allem“-Gefühl, das mir die Sache letztlich doch verleidet – sowohl über die Annäherung von Patricia und Francoise, als auch über den Niedergang des Investmentbankers Frank könnte man jeweils einen eigenen Film machen. Und dann doch einen über die schwierige Frage, ob und wann man im Zeitalter moderner Intensivmedizin einen Schlussstrich zieht: Wann ist ein Leben gelebt? Und wer hat das Recht und die Pflicht zu entscheiden, wann es wirklich vorbei ist?

Das sind alles Fragen, denen man sich stellen muss, und so löblich ich es finde, dass es Filmemacher gibt, die sich dieser Sache annehmen, so sehr wünsche ich mir noch bessere Filme darüber – Adieu Paris ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber eben kein sehr großer, dazu gab es zu viel plakatives Allerlei, das am Ende zwar nett anzusehen, aber eben keine wirklich gute Geschichte war – hoffentlich ist das neue Buch von Patricia besser.

Was mich vor allem geärgert hat, war, dass die Fernsehfuzzis einem Hauptabendpublikum keine Untertitel zumuten wollen, weshalb auch die Franzosen selbstverständlich deutsch gesprochen haben – schon das allein macht die Sache viel weniger glaubwürdig. Das Pendeln der Hauptpersonen zwischen den Welten würde doch durch den Gebrauch unterschiedlicher Sprachen noch viel nachvollziehbarer. Wir leben nun einmal in einer vielsprachigen Welt – warum wird dann systematisch vermieden, gerade den Leute, die selbst keine Gelegenheit oder auch keine Lust haben, ins Ausland zu fahren, diese andere Welt wenigstens durch den Fernseher ein wenig näher zu bringen?!

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