Tyrant – auch Despoten sind Menschen. Echt jetzt?

Vor einigen Jahren überraschte die israelische Fernsehserie Hatufim Zuschauer und Kritiker mit einer zugleich sehr drastischen, aber auch sehr berührenden Geschichte über drei israelische Soldaten, die unglaubliche 17 Jahre lang in arabischer Gefangenschaft verbringen mussten und schließlich im Zuge eines umstrittenen Gefangenenaustauschs frei kamen. Alle drei wurden gefoltert und gebrochen, aber sie arrangierten sich jeder auf seine Weise mit den gegebenen Umständen, um irgendwie zu überleben. Einer von ihnen, der von den anderen beiden getrennt wurde und als tot gilt, wurde sogar zu einem arabischen Agent umgedreht. Doch auch die anderen beiden wurden argwöhnisch beobachtet – waren auch sie möglicherweise Verräter?

Weil die Amis ja statt Serien zu synchronisieren, sie gleich an US-Verhältnisse angepasst neu produzieren, wurde Hatufim-Autor Gideon Raff beauftragt, die US-Serie Homeland zu schreiben. Und wenngleich Homeland ziemlich Furore gemacht hat und ich Damian Lewis in der Rolle des Irak-Veterans Nicholas Brody großartig fand, war Homeland eben nur die nicht wirklich geglückte Adaption einer sehr guten israelischen Fernsehserie fürs US-Fernsehen: Alles viel zu dick aufgetragen – als ob der Stoff an sich nicht schon krass genug wäre.

Insofern hatte ich es auch nicht dermaßen eilig, in Tyrant reinzuschauen, eine weitere US-Serie von Gideon Raff. Weil aber immerhin zwei schwedische Schauspieler an Bord sind, die ich kenne und schätze, nämlich Fares Fares, der in der Snabba-Cash-Trilogie, der Polizei-Klamotte Kops oder Kill Your Darlings mitgespielt hat und Alexander Karim, der unter anderem in GSI Göteborg und in Real Humans zu sehen war, und ich mich ja prinzipiell sehr für Nahost-Themen interessiere, habe ich jetzt doch mit Tyrant angefangen. Aber ja – die Kritiker haben irgendwie schon recht.

Tyrant IST eine krude Mischung aus so ziemlich allen üblen Klischees, die in den USA, aber auch hierzulande über dekadente arabische Potentaten in Umlauf sind, garniert mit den gängigen Stereotypen muslimischer, aber auch US-amerikanischer Rollenmuster – es gibt die ungleichen Brüder, der eine lebt seit 20 Jahren im selbstgewählten Exil in den USA und hat sich dort eine Existenz als Kinderarzt aufgebaut, er nennt sich statt Bassam jetzt Barry, er hat eine schöne blonde Frau, die ebenfalls Ärztin ist und Kinder, die als stinknormale US-Amerikaner aufwachsen – er will mit seiner arabischen Diktatoren-Familie in Abbudin nichts mehr zu tun haben. Der andere Bruder ist weniger intelligent und weniger integer, aber Jamal Al-Fayeed wird als der ältere Sohn den Präsidenten-Sessel des Vaters übernehmen und hat sich schon einmal gewissenhaft darauf vorbereitet, in dem er genau zu dem fiesen Arschloch geworden ist, das ein künftiger arabischer Diktator nun einmal zu sein hat, wenn er ernst genommen werden will.

Wie man in Rückblenden erfährt, musste Jamal sich dafür schon ziemlich Mühe geben, denn der für diesen Job begabtere Sohn wäre eigentlich Bassam gewesen – der als Kind schon mal einen Gefangenen exekutiert hat, weil sein Bruder diesen Befehl ihres Vaters nicht ausführen konnte. Aber Bassam hat sich später anders entschieden und ist nach seinem Studium in den USA nicht mehr ins Reich seines Vaters heimgekehrt. Doch nun steht die Hochzeit seines Neffen an und Barrys Frau will unbedingt die Familie ihres Mannes kennenlernen – die für eine Ärztin erstaunlich naive Molly Al-Fayeed ist ganz versessen darauf. Man ahnt schon, dass alles ganz anders kommen wird – der als kurzer Familienausflug geplante Trip nach Abbudin wird durch den überraschenden Tod des alten Al-Fayeed zu einer Reise ins Ungewisse.

Jamal, auf den zusätzlich noch ein Anschlag verübt wurde, ist in so ziemlich jeder Beziehung angeschlagen und er bittet seinen Bruder, ihn als Berater zu unterstützen. Denn er weiß, dass er eine ganze Reihe Feinde hat, die ihrerseits auf eine Chance warten, die Macht über das Reich an sich zu reißen: Natürlich gibt es blutrünstige Militärs, mehr oder weniger smarte Politik-Berater, unterdrückte oder auch berechnend-durchtriebene orientalische Ehefrauen, regimekritische, aber fundamentalistische Terroristen, ausländische Agenten oder aufrechte Journalisten, die etwas im Land bewegen wollen.

Und dann gibt es auch noch einfach verzweifelte Menschen, die unter den gegebenen Umständen keine andere Wahl haben, als Speichellecker, Verräter und eben Opfer zu werden –  während die anderen, die eben auch keine Wahl haben, zu Tätern geworden sind. Das ist alles ziemlich schlimm und eigentlich kann ich Tyrant nicht wirklich empfehlen – denn es ist eine US-Serie, die die schlimmsten Vorurteile über das US-Fernsehen bestätigt – nicht umsonst kommt die Serie von Fox. (Es heißt, dass sich Fox und HBO ein erbittertes Bieterrennen um die Serie geliefert hätten – und es ist schade, dass nicht HBO den Zuschlag bekommen hat – aber Homeland ist nun auch kein Beispiel für eine wirklich gute Serie. Da hat HBO schon deutlich Besseres geleistet. Fox hat hingegen genau das geliefert, was zu erwarten war.)

Aber andererseits, und das muss ich auch sagen, ist Tyrant gar nicht so schlecht gemacht – die vom US-Fernsehen wissen eben auch, wie spannende Unterhaltung geht, die nicht mit dem Charme angestaubten Klugscheißer-Fernsehens daher kommt, mit dem man gelangweilten Oberstufenschülern etwas über die Welt beibringen will. Wenn man Tyrant einfach als Serie nimmt, die sich in exotische Welten begibt, in die sich westliche Zuschauer im wahren Leben bestimmt nicht freiwillig bewegen werden, ist sie schon unterhaltsam.

Natürlich haben auch klischeeüberfrachtete Serien ihre Berechtigung, wenn sie einfach Spaß machen, Empire zum Beispiel – da habe ich inzwischen die zweite Hälfte der zweiten Staffel gesehen und natürlich ist auch in Empire alles haarsträubend bis zum Gehtnichtmehr – aber deshalb macht das ja auch dermaßen Spaß: Als mündige Zuschauerin will ich nicht ständig darüber belehrt werden, wie es in der Welt von wem auch immer tatsächlich zugeht – wobei natürlich auch jedes Klischee einen wahren Kern hat, sonst wäre es ja nicht entstanden: Ein schwarzer Plattenboss, der von der Straße kommt, muss ein mit allen Wassern gewaschener Schweinehund sein, sonst wäre er ja nicht da, wo er jetzt ist. Und eine Frau, die es an seiner Seite aushält, muss es ebenfalls faustdick hinter den Ohren haben und eben eine echte Cookie sein – und selbstverständlich ist es okay, dass Taraji P. Henson für die Darstellung der Cookie mehrere Auszeichungen bekommen hat. Aber in Empire werden nun wirklich sämtliche Klischees über schwarze Emporkömmlinge im Musikgeschäft und in der US-Gesellschaft überhaupt gnadenlos durchexerziert – warum regt sich hier eigentlich niemand darüber auf?! Weil Afroamerikaner jetzt so normal sind, dass einer von ihnen sogar US-Präsident werden kann, während Araboamerikaner froh sein müssen, wenn sie nicht gleich als mutmaßliche Selbstmord-Attentäter erschossen werden?

Irgendwas läuft im PC-Empfinden der professionellen Serien-Kritiker ziemlich schief… genau wie über Menschen jeder anderen Herkunft kann und muss man auch schlechte Serien über arabische Protagonisten machen dürfen – besser wären freilich richtig gute Serien. Und so sehr ich mir gerade den Kopf zerbreche, mir fällt einfach keine ein – abgesehen von Hatufim oder Fauda natürlich, die israelische Serien sind, in denen sowohl die Israelis, als auch die Araber sehr zwiespältig dargestellt werden. Wobei man sich jetzt streiten kann, ob die Israelis überhaupt echte Orientalen sind, wo sie doch eine Gesellschaft mit einer westlich geprägten Idee von Demokratie haben – und eben auch mit einem westlich geprägten Ideal von zivilisatorischer und militärischer Überlegenheit. Aber wie auch immer – sie sind, was den Nahostkonflikt angeht, als Beteiligte doch deutlich näher dran, als alle Amis und alle Europäer zusammen.

Aber weil es eben so wenige Serien in westlichen Medien gibt, in denen Nahost-Themen überhaupt behandelt werden, hat Tyrant natürlich allein deshalb eine gewisse Existenzberechtigung. Denn es ist ja auch nicht alles schlecht und alles falsch, was dort gezeigt wird.

Mir geht es mit Tyrant ungefähr so, wie es mir mit der deutschen Serie Im Angesicht des Verbrechens ging, in der leider auch alle möglichen Klischees abgefeiert werden, vor allem über geschäftstüchtige Juden und die böse Russenmafia, die in Berlin in allen sinistren Tätigkeiten ihre schmutzigen Finger hat – in Tyrant sind es eben die Araber. Trotzdem gilt Im Angesicht des Verbrechens alles in allem als eine vergleichsweise gute deutsche Serie, Tyrant hat es da als US-Produkt deutlich schwerer. Warum eigentlich? Ich lade alle ein, sich selbst ein Bild zu machen. Tyrant ist bei Amazon, Maxdome, iTunes, Videoload, Xbox Video und Sony verfügbar.

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