Vinyl – die Welt ist eine Scheibe

Mein erster Versuch mit Vinyl, der neuen Serie von Terrence Winter, Martin Scorsese, Rich Cohen und James Jagger war nicht wirklich erfolgreich – ich brach irgendwann auf der Hälfte des ja nun wirklich überlangen Pilotfilms ab. Aber vermutlich war ich an jenem Abend einfach nur schlecht drauf – mit etwas Abstand habe ich einen neuen Versuch unternommen und siehe da – ich musste gleich noch mehrere Folgen weitersehen. Auch wenn das Serien-Projekt durchaus einige Schwächen hat, Spaß macht es auf jeden Fall.

Die Retro-Serie um Richie Finestra (Bobby Cannavale), den Boss des Plattenlabels American Century Records, hat bei mir nun wirklich gezündet, und dafür gibt es eine ganze Reihe Gründe. Da ist zum einen diese herrliche Ansammlung von Knalltüten, die Richie um sich versammelt hat: Vinyl ist tatsächlich so etwas wie Boardwalk Empire in lustig.

Ritchie Finestra (Bobby Cannavale) und sein Team Bild: hbo.com

Richie Finestra (Bobby Cannavale) und sein Team Bild: hbo.com

Vieles erinnert mich auch an Mad Men, wobei Deko und Anzüge in Mad Men sehr viel eleganter waren, genau wie auch der Humor deutlich feinsinniger. Aber es wird gleichfalls geraucht, gesoffen und gekokst bis zum Delirium – und Frauen sind noch immer in erster Linie zur Bedienung und Zerstreuung von Männern da, auch wenn es inzwischen selbstverständlich auch schwarze Sekretärinnen gibt, die ihrem Chef durchaus selbstbewusst sagen, was ihr Job ist und was nicht.

Selbst das blondgelockte Sandwichmädel, das den wichtigen Jungs im Label ihre Bagels bringt, entwickelt eine bemerkenswerte Eigeninitiative – Jamie (Juno Temple) ist fest entschlossen, die nächste große Entdeckung für American Century zu machen und versucht, ihren Boss zu überzeugen, dass die Punkband Nasty Bits das nächste große Ding ist. Wobei die ebenso unmotivierten wie schlecht spielenden Jungs selbst erstmal mühsam davon überzeugt werden müssen, dass ihre Message, eben keine Message zu haben, weil ihnen eben alles total egal ist, genau das coole Etwas ist, das ihren künftigen Ruhm ausmachen wird. Waren die 70er tatsächlich schon dermaßen postmodern?

Devon (Olivia Wilde) und Ritchie (Bobby Cannavale) Bild: hbo.com

Devon (Olivia Wilde) und Richie (Bobby Cannavale) Bild: hbo.com

Egal. Richies Label braucht ganz dringend ein nächstes großes Ding, die tranigen Schnarchnasen in der Chefetage haben über ihren vergangenen Erfolge nämlich vergessen, was eigentlich ihr Job ist und die letzten großen Trends total verpennt. Jetzt haben sie und Richie jede Menge Schulden. Richie ist sogar drauf und dran, sein Label an die deutsche Polygram zu verkaufen – was bei seinen einigen seiner Teilhaber auf verständliche, aber völlig hysterische Ablehnung stößt: An die verdammten Hunnen wird nichts verkauft, nicht diese Scheiß-Nazis, niemals – wozu hat man den Weltkrieg denn gewonnen?!

Doch als Richie die anderen soweit hat, den für alle Seiten vorteilhaften Deal zu unterzeichnen, hat er eine Art Rock-n-Roll-Erleuchtung: Betrunken und auf Koks erinnert er sich an seine Anfänge. Das ist ein manchmal etwas nerviges Stilmittel, weil es in Vinyl doch ziemlich strapaziert wird: Immer wieder gibt es Rückblenden in Richies Vergangenheit – und auch in die anderer Figuren, so dass es mit der chronologischen Abfolge der Ereignisse immer wieder ziemlich durcheinander geht. Aber das ist wohl normal, wenn man auf Droge ist.

Dazu kommen auch immer wieder Video-Clip-artige Szenen, in denen die Songs, die in der Handlung vorkommen, von den jeweiligen Stars performt werden – was ich einerseits eine nette Idee finde, schließlich ist es ja eine Musik-Serie, also soll auch bitte schön viel Musik drin vorkommen. Andererseits wird die Handlung dadurch sehr collageartig, was vermutlich sogar so gewollt ist, mir aber nicht immer gefällt, weil es mitunter doch reichlich willkürlich zusammengestoppelt wirkt. Ein paar Mal ist so ein Film-im-Film-Ding ganz nett, aber ich will darüber die eigentliche Handlung nicht vergessen.

The Nasty Bits (James Jagger als Kip Stevens in der Mitte) Bild: hbo.com

The Nasty Bits (James Jagger als Kip Stevens in der Mitte) Bild: hbo.com

Wobei mir die Geschichte immer besser gefällt, der Niedergang des klassischen Rock’n’Roll, die Inflation von seichten, aber Dance-Floor-geeigneten Hits, eben diese ganze Disco-Musik mit ihrem Spiegelkugel-Glitzer, die selbstbesoffenen Glam-Rock-Stars – sehr schön etwa die Szenen mit Robert Plant von Led Zeppelin, den Richie als neues Zugpferd vergeblich an Bord holen will – und die entstehenden Gegenbewegungen Punk, Rap, Hiphop. Als Nebenhandlung wird auch angedeutet, wie schwarze Musiker, die mit ihrem Musik und ihrem Können viele Impulse geliefert haben, von der von Weißen dominierten Musikbranche ausgenutzt und ausgebeutet werden – hier hat Richie auch noch eine persönliche Schuld zu begleichen. Doch diese eigentlich interessante Geschichte verkommt leider nur zur Garnitur der eigentlichen Story, die sich leider mitunter zu sehr in der visuellen Zelebration des Rock-n-Roll-Feelings erschöpft, das ja selbst zu Richies Zeiten schon ein nostalgisches war.

Überhaupt werden die 70er gefeiert  und Greenwich Village als Tummelplatz schriller Vögel wie Lou Reed, Andy Warhol oder Alice Cooper, die auch damals schon Legenden waren, aber eben noch nicht so überlebensgroß. Und es stellt sich mit der Zeit heraus, dass diese Welt viel weniger Richies ist, der sich als Sohn italienischer Einwanderer im Mafia-Milieu besser auskennt als unter diesen schrägen Bohemiens – das ist eher die Szene seiner Frau Devon (Olivia Wilde). Devon hat ihre eigenen Ambitionen als Fotografin hintenangestellt, als sie Richie geheiratet hat, sie wohnt nun mit ihren beiden Kindern in einem Haus mit Garten und Swimmingpool in Connecticut, wo sie oft vergeblich auf Richie wartet, der noch wieder in der Stadtwohnung bleibt (mit Blick auf den Central Park) – auch diese Setting kennt man bereits aus Mad Men.

Und genau wie Don Draper ist Richie überhaupt nicht bewusst, was es für seine Frau heißt, die eigenen Ambitionen zugunsten ihrer Ehe begraben zu müssen – wobei Richie weniger bewusstes Arschloch ist als Don und Devon deutlich ambitionierter als Betty. Und sie hat bessere Freunde und vor allem Freundinnen – etwa Ingrid, eine in New York gestrandete Künstlerin aus Dänemark, gespielt von Birgitte Hjort Sørensen, die ich in Borgen schon ganz toll fand.

Ingrid (Birgitte Hjort Sørensen) Bild: hbo.com

Ingrid (Birgitte Hjort Sørensen) Bild: hbo.com

Als Richie auf Drogen ausrastet und mit seiner E-Gitarre den Fernseher zerschlägt (es handelt sich um ein kostbares Museumsstück, das seine Partner vom Label ihm zum Geburtstag geschenkt haben) holt Devon ihre Kamera und macht aus der Zerstörungsorgie noch eine Serie Kunstwerke – sie ist schließlich eine begabte Fotografin. Auch wenn sie danach eine Scheidungsanwältin aufsucht. Die aber schnell kapiert, dass Devon ihren Mann noch liebt und sich eigentlich gar nicht scheiden lassen will. Leider wird auch diese Geschichte wird nicht so konsequent verfolgt, wie ich das gerne hätte – aber ein paar Folgen habe ich ja noch, vielleicht entwickelt sich hier noch etwas.

Wie gesagt, ich finde Vinyl trotz einiger Schwächen spannend genug, um dran zu bleiben, das opulente Schwelgen in der 70er-Jahre-Optik ist ein großer Spaß – auch wenn die 2. Staffel von Fargo das ebenfalls bietet, und zusätzlich noch eine wirklich gute Kriminalstory mit wirklich interessanten Charakteren. Was den Blick auf das Musik-Geschäft angeht, finde ich Empire besser – wenn auch nicht unbedingt die Musik, aber das ist Geschmacksache. Bei Empire geht es sehr viel mehr um die Musik an sich und das Ringen um neue Songs, den Produktionsprozess und darum, was es heißt, sich an die Spitze zu kämpfen. In Vinyl ist das nur Nebensache – hier geht es um ein Feeling, letztlich um nostalgische Nabelschau. Aber okay, solange es Vergnügen bereitet…

Der junge Richie und Lester Grimes (Auto Essando) Bild: hbo.com

Der junge Richie und Lester Grimes (Ato Essando) Bild: hbo.com

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