Ku’damm 56 – verdammt lang her

Wer meinen Blog bereits länger kennt, weiß, dass ich mit aktuellen ZDF-Mehrteilern ernsthafte Probleme habe – so schrecklich überkonstruierte, von hinten bis vorn verschwurbelte Geschichten, die politisch streng auf der Linie des deutschen Regierungsfernsehens nach Adenauer-Art verharren wie Tannbach oder Unsere Mütter unsere Väter sind einfach nicht mein Ding. Obwohl ich ansonsten wirklich Fan historischer Stoffe bin. Und nebenbei: Die ARD-Produktionen Das Adlon oder Weißensee (in dem Fall leider noch deutlich mehr als drei Teile) sind auch kein Ruhmesblatt für neuere deutsche Fernsehgeschichte.

Insofern hatte ich es nicht besonders eilig, mir Ku’damm 56 anzusehen. Ich habe das inzwischen nachgeholt – vor allem, weil die Tage durch die Presse ging, dass Ku’damm 56 wegen Erfolgs verlängert und als Ku’damm 59 wieder zu sehen sein wird. Und ja, ich hab jetzt keine Geschichte zum Niederknien gesehen, aber ich fand Ku’damm 56 doch deutlich besser als das, was ich erwartet hatte.

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Wobei – dass deutsche Fernsehproduktionen gut darin sind, Zeitgeschichte nachzuempfinden, ist ja kein Geheimnis und ich weiß das durchaus zu schätzen – in dem Punkt waren auch die bisher genannten Mehrteiler allesamt nicht schlecht: Perfektionistisch, wie wir Deutschen angeblich so sind, können wir Elend und Ruinen, Reichsparteitage, Rock’N’Roll, die DDR, Wirtschaftswunder, das Kaiserreich oder die morbiden 20er Jahre wiederauferstehen lassen, und allet passt – Recherche und Ausstattung ist in der Regel erste Sahne.

Unter anderem in Potsdam-Babelsberg wurde schließlich der Kinofilm erfunden – was die Sache ja eigentlich noch trauriger macht: Hierzulande wurde tatsächlich Film- und Kinogeschichte geschrieben. Aber was derzeit dabei raus kommt, ist weder solides Handwerk, noch innovative Filmkunst. Dabei schafft es sogar ein Hungerleider-Ostbalkan-Land wie Bulgarien mit Undercover eine Krimiserie zu produzieren, die international zu recht Aufsehen erregt. Während eine bestimmt sehr viel teurere und aufwendige Produktion wie Im Angesicht des Verbrechens einfach mal wieder vor die Wand fährt.

Ku'damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Ku’damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Wobei, mir kann es ja eigentlich egal sein – als international orientiertem Menschen ist mir die Nation egal, ich bin zufällig Deutsche, das habe ich mir nicht ausgesucht und somit ist das auch nichts, worauf ich mir etwas einbilde. Und ich habe ein Problem damit, wenn andere sich auf ihre Nationalität etwas einbilden – das ist das Letzte. Weil es nun mal das Letzte ist, was man verdient hätte – das ist etwas, wofür man nun wirklich gar nichts kann. Wenn jemand sich auf nichts anders etwas einbilden kann, ist er eine echt arme Sau, was nicht entschuldigt, dass er oder sie am Ende ein Scheißrassist ist. Oder nur ein Scheißnationalist. Was auch nicht besser ist. Aber das nur am Rande.

Weil Deutsch nun einmal meine Sprache ist, und ich eine deutsche Schul- und Universitätsausbildung erleiden musste (weniger ehrliche Menschen würden jetzt schreiben „genossen habe“, aber das habe ich nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ich hatte tatsächlich einige, wenige, Lehrer und später Professoren, bei denen ich wirklich das Gefühl hatte, dass die mir was beibringen wollten, das ich erleichtert und herzlich erwiedert habe, in dem ich auch etwas lernte, sonst wäre ich gar nicht imstande diesen Blog zu schreiben) sind eben auch deutsche Filme und Serien Gegenstand meines allgemeinen Interesses an Filmen und Serien.

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Und es gab und gibt ja auch immer Künstler auch in Deutschland – wobei das nicht unbedingt Deutsche waren – hier haben die USA, die ich sonst gern in vielerlei Hinsicht in Grund und Boden argumentieren möchte, Deutschland vieles voraus – vor allem, dass die dort Abstammung eine nicht ganz so große Rolle spielt – es sei denn, ein Halbschwarzer mit „Hussein“ als Binnennamen will Präsident werden. Noch ein Detail am Rande – Donald Trump ist sehr stolz darauf, deutscher Abstammung zu sein: Er ist mit den Ketchup-Heinzens verwandt und seine Großeltern sollen aus Bayern sein. Da sollte einen doch schon sehr viel weniger wundern, denn Trumps rustikales Verhalten kennt man doch von der CSU. Und wenn man Trumpsens Verhalten mit dem von Strauß, Stoiber, Seehofer und Söder abgleicht, wird es doch gleich viel normaler. Zumindest, wenn man ab etwa fünf Maß intus hat.

Aber jetzt muss ich mich wieder zusammen reißen, denn ich schreibe eigentlich nicht den großen neuen deutschen Roman, auf den die Fachwelt hoffentlich lange gewartet hat, sondern nur einen Blogeintrag über Ku’damm 56. Und ja, da wird es schwierig.

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Denn einerseits fand ich die Geschichte gar nicht dermaßen schlecht. Was mir vor allem gefallen hat, war, dass die giftige Verlogenheit der unmittelbaren Nachkriegszeit voll ausgespielt wurde: Die Mutter der Geschichte, Caterina Schöllack, ist eine ebenso arrogante wie verlogene Sau.

Claudia Michels spielt sie mit einer glaubwürdig fragilen Grandezza, das allein ist wirklich preiswürdig: Diese Frau hat sich in ihrer Lebenslüge eingerichtet und terrorisiert ihre drei Töchter mit deutscher Gründlichkeit. Die Töchter sind Helga (Maria Ehrich), die einen homosexuellen Rechtsassessor heiratet, der hoffentlich bald Staatsanwalt wird, das Nesthäkchen Eva (Emilia Schüle), das Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik ist, und den für sie viel alten Professor heiraten soll (Heino Ferch als Prof. Dr. Jürgen Fassbender), auch nicht schlecht übrigens, und dann gibt es schließlich die mittlere Tochter Monika (Sonja Gerhardt), die eigentlich zu gar nichts taugt, aber ein gutes Herz hat.

Mit solchen Kindern ist kein Staat zu machen – auch wenn Helga und Eva das Programm ihrer Mutter komplett verinnerlicht haben und es über die Selbstverleugnung hinaus knallhart durchexerzieren: Das ist, was mir an diesem Dreiteiler gefällt. Sie befolgen das Programm, das ihnen die Mutter als den Weg zum Glück vorgeschrieben hat, und es endet für alle komplett desaströs: Helga bringt sich schier um in der Rolle der guten Hausfrau für ihren strengen, aber lustlosen Ehemann – sehr zum Missfallen ihres Gatten wird sie sogar eine Werbeikone für die verlorenen Ideale der 50er Jahre. Eva verleugnet ihre Liebe zu der netten Ossi-Sportkanone und lässt sich auf den für sie viel zu alten Professor ein – selbst nachdem er ihr zu dem von ihm selbst gekochten mongolischen Reiterfleisch gesteht, dass er als junger Assistenzarzt in den Nazi-KZs an Menschenversuchen beteiligt war.

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Und Monika – sie gibt den von ihr Mutter ausgeheckten Plan auf, den reichen Fabrikantensohn wegen ihrer Schwangerschaft zur Heirat zu zwingen – schließlich hat er sie tatsächlich vergewaltigt, weil er sich irgendwie gelangweilt und missverstanden fühlte, dann aber doch irgendwie Gefallen an diesem schrägen Mädchen gefunden hat, das mit dieser Gesellschaft einfach nicht funktionieren will. Natürlich kann auch das nicht gut ausgehen – und wenigstens gibt es hier keine falsche Hoffnung.

Monika weiß, dass beide Männer für sie nicht taugen, weder der Musiker Freddy (Trystan Pütter), von dem sie ein tatsächlich ein Kind erwartet, noch der Kapitalistenspross Frank (Sabin Tambrea), der eigentlich lieber Romanautor als Ingenieur im Werk seines verhassten Vaters sein will, der mit den Waffen, mit denen sein älterer Sohn Harald erschossen wurde, weiterhin viel Geld verdienen will.

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Ich mag die in Ku’damm 56 thematisierten Widersprüche – der echte Vater der Schöllack-Kinder, der als im Krieg vermisst gilt, lebt eigentlich noch – was die drei Töchter, die ja allesamt nicht blöd, aber eben gehorsam sind, doch irgendwann herausfinden. Genau wie den Umstand, dass die Tanzschule, die angeblich seit ihrer Gründung in Familienbesitz ist, im Rahmen der Arisierung ihren Eltern zugeschlagen würde – und der nette Onkel Fritz (Uwe Ochsenknecht), der nun Tanzlehrer im Institut ist und sich hingebungsvoll um Caterina kümmert, als hohes Tier im Reichssportministerium seine Hand im Spiel gehabt hat.

Letztlich stellt sich sogar heraus, dass die einzige der drei Töchter, die zu ihrem Vater steht, der nach seiner Kriegsgefangenschaft in Ostberlin Lehrer geworden ist, weil er sich für die Verbrechen des Dritten Reiches schämt und etwas gut machen will, nämlich Monika, das Kind von Fritz Assmann ist, und eben nicht von Gerd Schöllack. Auch das mag irgendwie überkonstruiert sein, aber es hat diese Ironie, die ich mag.

Genau wie Wolfgang, der schwule Sproß einer preußischen Gutherrenfamilie, einen in meinen Augen symphatischen Zug an den Tag legt, als er sich weigert, das von der Adenauerregierung durchgedrückte KPD-Verbot in seinem Job bei der Staatsanwaltschaft umzusetzen: Er will die Haftbefehle für führende Kommunisten nicht ausstellen. Dafür riskiert er seinen Ernennung zum Staatsanwalt. Einer von ihnen war ein Freund seines liberalen Vaters und überhaupt: „Diese Männer waren im Widerstand gegen die Nazis!“ erklärt er seiner konsternierten Frau Helga.

Aber die reagiert total pragmatisch, genau wie Mutter Schöllack ihr ein Leben lang eingeimpft hat: „In deinem Job als Staatsanwalt wirst du noch oft Dinge tun müssen, die dir persönlich nicht gefallen!“ Und Helga gefällt es persönlich ja auch nicht, dass ihr Mann sich sexuell so gar nicht für sie interessiert, auch wenn sie honoriert, dass er es wenigstens versucht und beim Professor ihrer kleinen Schwester um eine Therapie ersucht hat – er will von seinem Fehlverhalten, das er selbst als abnormal empfindet, geheilt werden. Auch wenn der Professor am Ende nicht viel tun kann: Es gibt einfach auch unheilbar Schwule. Und Wolfgang stellt die Haftbefehle schließlich aus – wenn er seine Frau sonst schon nicht zufrieden stellen kann, dann doch wenigstens in ihrem Karrierebedürfnis – er will kein völlig untauglicher Mann sein.

 

Der Ku'damm 1956 - in Ku'damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Der Ku’damm 1956 – in Ku’damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Und natürlich mag ich auf den nostalgischen Blick auf Berlin – die 50er Jahre wurden überzeugend rekonstruiert – und es war eine schlechte Zeit, eine giftige, verlogene, völlig zu recht untergegangene Zeit. Außerehelicher Geschlechtsverkehr war verboten. Abtreibung war an der Tagesordnung – was sollten die Frauen denn sonst gegen ungewollte Kinder tun – aber genauso verboten. Schwul sein war verboten. Jung sein und Spaß haben war verboten. Dass Frauen selbst Geld verdienten war letztlich auch verboten, sofern sie verheiratet waren.

Eigentlich war alles irgendwie verboten, aber es fand trotzdem statt. Es lohnt sich durchaus, daran zu erinnern: Es war eben nicht alles besser. Vieles war schlechter. Sehr viel schlechter. Und ich will das auf keinen Fall wieder haben.

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