eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Mr. Robot auf Speed

Nach den ersten beiden Teilen der neuen Staffel von Mr. Robot war ich etwas besorgt, dass die eigentlich erfreuliche Meldung, dass sie statt 10 Teilen sogar 12 haben würde, darauf beruhen könnte, dass die Episoden, die sonst ungefähr eine Stunde lang sind, einfach auf 40 Minuten gekürzt würden und die Handlung letztlich nur über mehr Folgen verteilt wird – schließlich waren eps2.0_unm4sk-pt1.tc und eps2.0_unm4sk-pt2.tc auch nicht länger. Die dritte Episode eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd kommt allerdings wieder auf gut eine Stunde, insofern kann hier Entwarnung gegeben werden. Diese Stunde hat es auch wirklich in sich.

Elliot (Rami Malek) und Leon (Joey BadA$$) Bild: USA Network

Elliot (Rami Malek) und Leon (Joey BadA$$) Bild: USA Network

Zum Auftakt sehen wir Romero und Mobley in jener seit Jahren in Dornröschenschlaf befindlichen Spielarkade, die das Hauptquartier von fsociety werden wird. Romero zeigt Mobley das Gebäude und erzählt die Geschichte der Vorbesitzer, die natürlich eine atemberaubende Verkettung negativer Höhepunkte ist – abergläubige Menschen würden darauf schwören, dass dieser Ort verflucht sei und alles Übel der Welt hier seinen Anfang nehmen würde. Genau richtig also für einen Ort, an dem das Verbrechen des Jahrhunderts ausgeheckt werden soll.

Mobley hat offenbar gerade Darlene und Elliot kennengelernt – und Elliot will Romero kennen lernen. Romero ist nicht so richtig überzeugt von der Sache – erstens kommt er gerade aus dem Knast und zweitens ist das kein Auftrag, bei dem er schnell fette Kohle machen kann. Aber Mobley schafft es, Romeros Interesse zu wecken, in dem er an seine Eitelkeit als Hacker appelliert und erwähnt, dass es auch darum ginge, die Leute zu ruinieren, wegen denen er sieben Jahre seines Lebens im Gefängnis verloren hat.

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Romero (Ron Cephas Jones) und Mobley (Azhar Khan)

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Romero (Ron Cephas Jones) und Mobley (Azhar Khan)

Doch damit ist der unterhaltsame Teil auch schon zu Ende. Als Mobley in der traurigen Gegenwart nach Five/Nine versucht, Romero zu finden, liegt dieser tot auf der Veranda, auf der er auch sein Supergras gezüchtet hat. Mobley bekommt Panik – das ist schon der zweite Tote im Zusammenhang mit dem Five-Nine-Hack. Steckt am Ende die Dark Army dahinter? Räumen die jetzt unter den Mitwissern auf? Oder war es doch nur eine Drogengeschichte, weil ein Kunde nicht bezahlen wollte oder ähnliches? Natürlich hat auch Mobley eine angemessene Hacker-Paranoia und er traut weder der arroganten Darlene, noch ihrem völlig durchgeknallten Bruder Elliot über den Weg. Das teilt er auch Trenton mit, die ja ebenfalls an der Sache beteiligt war. Mobley fürchtet, dass er und Trenton die nächsten Opfer sein könnten.

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Trenton (Sunita Mani) und Mobley (Azhar Khan)

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Trenton (Sunita Mani) und Mobley (Azhar Khan)

Damit sind wir dann aber wieder bei Elliot – der tatsächlich völlig abgedreht ist und ohne Rücksicht auf Verluste versucht, Mr. Robot los zu werden. Sein Kampf mit seinem alternativen Ich nimmt den größten Teil dieser Folge ein – aber Mr. Robot ist nicht loszuwerden. Elliot versucht es wieder mit Drogen, allerdings nicht mit Morphin, sondern mit Adderall, dem Ritalin für die US-Leistungsgesellschaft. Das wirft er gleich handvollweise ein, damit er nicht im Schlaf von Mr. Robot überrascht werden kann. Elliot redet sich ein, dass er ja mitkriegt, was er tut, solange er wach ist. Und die ersten ein, zwei Tage geht das auch gut – auf Adderall, das ihm sein neuer Freund Leon besorgt, kann er sich plötzlich nicht nur wunderbar auf die absurden Dinge konzentrieren, die Menschen den ganzen Tag tun, sondern endlich auch mal wieder aus sich heraus gehen: Im Bibelkreis glaubt er plötzlich, Gott gefunden zu haben und klopft allen euphorisch auf die Schultern, auf dem Sportplatz geht er bei den Spielen auf einmal richtig mit, wenn ein Korb geworfen wird. Er fragt sich, warum er nicht viel früher darauf gekommen ist: Mit der richtige Droge wird das normale Leben gleich viel einfacher.

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Elliot (Rami Malek)

Auch wenn Leon diese Entwicklung gar nicht gefällt: Dass Elliot jetzt mit ihm über Seinfeld diskutiert, statt wie zuvor nur zuzuhören, ist einfach schräg, vor allem, weil Elliot mit glänzenden Augen viel zu schnell redet – wie man halt quatscht, wenn man auf Speed ist. Und Elliot ist voll auf Dextroamphetamin – doch nach einigen Tagen ohne Schlaf wird aus seiner Euphorie ein zähes Ringen mit seinem Bewusstsein, das zunehmend Störungen aufweist – visuell umgesetzt durch Bildstörungen, plötzlich lösen sich Gegenstände in groben Pixelkötzchen auf, der Zuschauer bekommt also mit, wie Elliot die Kontrolle verliert.

Überhaupt ist es nicht einfach, sich anzusehen, was Elliot durchmacht – das war es ja in der ersten Staffel auch nicht, etwa in eps1.3_da3m0ns.mp4, wo sich Elliot auf Morphin-Entzug bereits die Seele aus dem Leib gekotzt hat. Jetzt gibt es eine Steigerung davon, so sieht Elliot neue Varianten der schwarzen Männer, die ihn in der ersten Staffel schon verfolgt haben – doch jetzt entführen sie ihn sogar und flößen ihm mit einen Trichter eimerweise Zement ein. Doch es stellt sich heraus, dass Elliot einfach die Überdosis Adderral auskotzt, die er sich verabreicht hat, damit Mr. Robot endlich die Fresse hält. Doch kaum hat er das Zeug aus sich heraus gewürgt, da wühlt er schon wieder im Erbrochenen, um die Reste der noch nicht aufgelösten Pillen wieder zu schlucken – das ist eklig und erschütternd, aber es beschreibt sehr gut, wie verzweifelt er versucht, sein dunkles Ich in den Griff zu bekommen. Das übrigens plötzlich wie Heisenberg aussieht, also das geniale böse Ich von Walter White aus Breaking Bad. So berechtigt die Lobpreisungen für die darstellerische Leistung von Rami Malek in der ersten Staffel waren – in dieser Folge ist er noch besser.

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Elliot (Rami Malek) auf Adderall

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Elliot (Rami Malek) auf Adderall

Mein persönliches Highlight ist Elliots Monolog über das Wesen organisierter Religion, den er in völliger Übermüdung vor seiner Kirchengruppe hält: Man kennt ja diese Elliot-Monologe, etwa wenn er seinen Frust über die Gesellschaft bei seiner Psychologin Krista loslässt, die plötzlich insistiert: „Elliot – Sie sagen ja gar nichts?“ Denn Elliot weiß, dass er mit seiner persönlichen Analyse der Dinge Unverständnis oder gar Verunsicherung auslösen könnte. Also sagt er lieber nichts, weil man in der Regel besser fährt, wenn man nichts sagt, anstatt das, was keiner hören will.

Und Elliot zieht jetzt wirklich vom Leder und redet über den großen Betrug sämtlicher einschlägiger Religionsanbieter, die doch allesamt nur dazu da sind, die Leute zu knechten und klein zu halten, statt sie zu einem bewussteren Leben oder gar besseren Leben zu führen. Und überhaupt – bevor er sich mit dem unsichtbaren Freund dieser verblendeten Menschen da unterhält, redet er doch lieber mit seinem eigenen unsichtbaren Freund. Selbst wenn er noch nicht geblickt hat, auf welcher Seite der eigentlich steht. Plötzlich stellt er überrascht fest, dass er all das laut ausgesprochen hat. Die Gesichter der anderen Bibelkreisteilnehmer sprechen Bände. Elliot geht – und schmeißt sein Tagebuch in den Mülleimer. Interessanterweise landet es später bei Ray, jenem geheimnisvollen „Freund“ aus der Nachbarschaft, der – woher auch immer – weiß, dass Elliot gut mit Computern ist.

Angela (Portia Doubleday) Bild: USA Network

Angela (Portia Doubleday) Bild: USA Network

Es hat sich inzwischen auch heraus gestellt, dass Ray irgendwie mit illegalen Geschäften zu tun haben muss – warum sonst ist es ein Problem für ihn, dass ein inzwischen schwer demolierter Sysadmin es nicht schafft, irgendwelche Bitcoin-Konten, die ständig an Wert verlieren, auf einen anderen Server zu migrieren? Der bemitleidenswerte Mensch erklärt, dass er nun mal nicht die erforderlichen Fähigkeiten dazu habe. Die Elliot gewiss hätte – aber woher weiß Ray das? Die Tatsache, dass der freundliche Ray ebenfalls ein bisschen neben der Spur ist und sich seit Jahren zum Frühstück mit seiner toten Frau unterhält, während er selbst an der Dialysemaschine hängt, erklärt das jedenfalls nicht.

Interessant ist auch die Entwicklung von Angela – diese macht ihren Job als PR-Managerin bei E-Corp weiterhin sehr gut – sie wagt es sogar, ihrem Boss Philip Price zu widersprechen, der für die Berichterstattung lieber auf Fox als auf Bloomberg setzen will. Zu ihrer Überraschung sieht Price das sogar ein. Und er lädt sie in ein angesagtes italienisches Restaurant ein, in dem es das weltbeste Semifreddo geben soll. Doch das vermeintliche Date entpuppt sich als Business-Dinner – der E-Corp-CEO stellt Angela zwei weitere Mitglieder der Geschäftsführung vor, fähige Manager, die sich nebenbei für soziale Dinge engagieren und offenbar echte Familienmenschen sind.

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Elliot (Rami Malek) hat wirklich eine Erleuchtung

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Elliot (Rami Malek) hat wirklich eine Erleuchtung

Nachdem Price die beiden nach dem Essen heraus komplementiert hat, lässt er die Bombe platzen: Die beiden waren, genau wie Terry Colby, damals anwesend, als die Entscheidung fiel, den Washington-Township-Giftmüll-Skandal unter den Teppich zu kehren. „Gewöhnliche Menschen, die ungewöhnliche Entscheidungen treffen!“ Price gibt Angela eine CD oder DVD, auf der genügend Material sein soll, um die Karrieren dieser Manager zu zerstören. „Wenn Sie die Emotionen außen vor lassen, werden Sie das richtige tun!“ Die spannende Frage ist natürlich, warum Philip Price die beiden los werden will. Und vor allem, was er eigentlich mit Angela vor hat.

Und dann gibt es noch eine weitere Protagonistin, die wir in dieser Folge näher kennenlernen: Dominique DiPierro (Grace Gummer). Die FBI-Agentin untersucht den Five/Nine-Hack. Sie gefällt mir ziemlich gut: Der vergleichsweise ausführliche Blick auf ihr Privatleben verrät, dass sie eigentlich keins hat – sie sieht nachts alberne Fernsehsendungen und versucht, zu irgendwelchen Flirt-Chats zu masturbieren, was sie dann aber aufgibt, um ihre virtuelle Assistentin, die hier nicht Siri oder Cortana, sondern Alexa heißt, zu fragen, wann endlich das Ende der Welt bevor steht. Doch Alexa hat leider nur eine ernüchternd rationale Antwort parat. Auch an der Art, wie DiPierro sich dann für ihren neuen Arbeitstag zurecht macht, ist deutlich zu sehen, dass sie keine allzu positive Lebenseinstellung hat, obwohl sie zweifelsohne gut in ihrem Job ist. Das gefällt mir.

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Dominique DiPierrio (Grace Gummer)

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Dominique DiPierrio (Grace Gummer)

Jetzt, nachdem mit Gideon Goddard und Romero zwei irgendwie involvierte IT-Experten ermordet wurden, wird der ganze Fall einerseits mysteriöser, andererseits entdeckt sie zufällig auch etwas Interessantes: Als gute Ermittlerin weiß DiPierro natürlich, dass Romeros Mutter an Arthritis leidet und ihr Sohn sie gegen die Schmerzen mit seinem guten Zeug versorgt hat. DiPierro kann ganz akzeptable Joints bauen – damit bekommt sie die Alte rum, sich mit ihr zu unterhalten. Die kann ihr nicht groß helfen – aber auf der Suche nach einem Wasserglas findet Dom DiPierro zufällig Ausdrucke von merkwürdigem Code und einen End-of-the-World-Party-Flyer. Der sie dann wiederum zu der Arcade der Fun Society führt. War Romero, der seinen Rechner mit Thermit gegen unbefugten Zugriff geschützt hat, das die relevanten Teile zerstört, wenn unbedarfte Bullen ihn auslesen wollen, tatsächlich so blöd und leichtsinnig? Unfassbar.

Bestimmt gibt es in den Codezeilen zur eigentlichen Kernel panik, die bei UNIX-Systemen bedeutet, dass das System nicht mehr kontrolliert betrieben werden kann (bei Windows kommt dann der berühmte Blue Screen), die zu Elliots Zusammenbruch eingeblendet werden, auch noch tolle Dinge zu entdecken, aber damit kenne ich mich nicht so aus, da warte ich auf die Fachpresse. Ansonsten bin ich sehr froh, dass es genauso schlimm weiter geht, wie zu erwarten war.

Screenshot Mr Robot eps2.1_k3rnel-pan1c.ksd: Ein entscheidender Hinweis

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