Tallulah: Die Lebenslügen der anderen

Netflix meinte vor einigen Tagen, dass mir der Film Tallulah gefallen könnte – und hatte damit tatsächlich recht. Aber jetzt, da auch Netflix-Kunden der ersten Stunde mehr bezahlen müssen, kann ich schließlich erwarten, dass neuen Content für mich gibt – und den gibt es, etwa Stranger Things, Marcella, die zweiten Staffeln von Marco Polo und von Manhattan. Praktisch, dass jetzt auch das Wetter wieder schlechter wird, damit ich wieder mehr netflixen kann.

Tallulah ist das Regiedebüt der Drehbuchautorin Sian Heder, die unter anderem an den Serien Men of a Certain Age und Orange is the New Black beteiligt war. Nun bin ich zwar kein Fan von Orange is the New Black, aber die Titelrolle der Tallulah spielt Ellen Page, was mich neugierig machte. Ellen Page hatte ihr Schauspiel-Debut in der von mir sehr geschätzten kanadischen Serie Regenesis und spielte unter anderem in dem Independent-Thriller The East mit.

Tallulah (Elle Page) und die kleine Madison

Tallulah (Elle Page) und die kleine Madison

Tallulah ist eine Herumtreiberin, die in ihrem Van lebt und mit ihrem Freund Nico (Evan Jonigkeit) durch die Vereinigten Staaten streift. Sie kommt offensichtlich aus chaotischen Verhältnissen und tut den ganzen Tag, was ihr gerade so einfällt. Eines Tages streitet sie sich mit ihrem Freund, weil er anfängt, merkwürdige Ideen zu haben – er hat ihre verrückten Einfälle satt und überhaupt dieses ganze Vagabundieren. Er will solide werden und irgendwas Sinnvolles mit seinem Leben anfangen.

Das ist so ziemlich das letzte, was Tallulah interessiert – sie verlässt ihn, was sie aber schon wenig später bereut. Um ihren Freund wiederzufinden, fährt sie nach New York, weil sie weiß, dass dort Nicos Mutter wohnt. Sie schafft es auch, bis zu dieser Mutter vorzudringen – Margo (Allison Janney) ist aber wenig begeistert über diesen Besuch, weil sie ahnt, dass es Tallulah in erster Linie um Geld geht – und hat sie tatsächlich keine Ahnung, wo Nico ist.

Margos Sohn ist vor zwei Jahren mit eben dieser Tallulah abgehauen und hat sich seit dem nicht mehr bei ihr gemeldet. Außerdem will sich ihr Mann gerade von ihr scheiden lassen – er lebt jetzt mit einem anderen Mann zusammen. Problematisch ist daran vor allem, dass die Wohnung, in der Margo wohnt, eigentlich eine Dienstwohnung der Universität ist – sie darf hier eigentlich gar nicht mehr hier sein. Margo ist keine Professorin wie ihr Ex, aber auch Akademikerin – sie schreibt Bücher über die Institution der Ehe. Ausgerechnet.

Aber Tallulah gibt so schnell nicht auf. Sie parkt ihren Van in der Nähe und klaut sich in den umliegenden Hotels ihr Frühstück zusammen. Dabei wird sie von Carolyn (Tammy Blanchard) überrascht, die sie für eine Hotelangestellte hält. Carolyn hat einen Babysitter bestellt – sie will ausgehen und irgendwer muss auf ihre kleine Tochter Madison aufpassen, die nackt mit einer Bierflasche in den kleinen Händen durch das Hotelzimmer stolpert.

Tallulah versucht, das Missverständnis aufzuklären – einerseits lässt sie sich gern ins Zimmer bitten, denn Carolyn scheint Geld zu haben und offensichtlich auch einen in der Krone, weshalb sie ein willkommenes Opfer für die routinierte Trickdiebin darstellt. Andererseits ist sie ganz offensichtlich als Mutter überfordert oder zumindest extrem nachlässig – was selbst eine verantwortungslose Spontifrau wie Tallulah bedenklich findet. Tallulah erklärt zwar, dass sie keine Ahnung von kleinen Kindern habe und keineswegs die bestellte Babysitterin sei, doch Carolyn ist dermaßen erpicht auf ihr Date, für das sie sich aufgedonnert hat, dass ihr völlig egal ist, was Tallulah sagt. Sie lässt die fremde Frau mit ihrer Tochter allein und verschwindet.

Tallulah nimmt daraufhin erst einmal ein Bad und lässt es sich auch ansonsten gut gehen – wann hat sie schon mal eine solche Gelegenheit. Und sie bekommt Mitleid mit dem armen Kind, was offenbar immer wieder sich selbst überlassen wird. Vielleicht sieht Tallulah sich selbst in dem kleinen Mädchen – jedenfalls beschließt sie spontan, das Kind mitzunehmen, um es vor seiner unfähigen Mutter zu retten, als diese deprimiert und vollgedröhnt zurückkehrt – total unfähig, sich um ihre verzweifelt weinende Tochter zu kümmern.

Beim nächsten Versuch, mit Margo zu reden, gibt sie das Kind als ihr eigenes aus und behauptet, Nico sei der Vater. Natürlich ist Margo weiterhin misstrauisch, aber dann gewinnen ihre Oma-Instinkte die Überhand – sie lässt sich tatsächlich darauf ein und Tallulah samt Kind in ihre Wohnung. Was eine extreme Herausforderung für Margo ist, die viel von Ordnung und Regeln hält – und von Familie.

Tallulah nutzt das einerseits unverschämt aus – andererseits ist sie gerade dabei, zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Verantwortung zu übernehmen, nämlich für dieses arme kleine Kind, das ihr da in den Schoß gefallen ist. Sie gibt sich wirklich Mühe, auch wenn schnell offensichtlich wird, dass sie mit der Situation nicht weniger überfordert ist, als die echte Mutter – die inzwischen realisiert hat, dass ihre kleine Tochter vermutlich entführt wurde und aus Angst vor ihrem Mann, den sie hemmungslos betrügt, jetzt total durchdreht.

Carolyn ist einerseits klar, dass sie es nicht anders verdient hat – sie hat ihr Kind ja nun wirklich sträflich vernachlässigt, was die auf den Entführungsfall angesetzten Ermittler Detective Richards (David Zayas) und Detective Kinnie (Uzo Aduba) in ihrer traurigen Routine schnell kapieren: Carolyn ist eine schlechte Mutter, und sie hat jetzt in erster Linie Angst, dass ihr Mann ihr den Geldhahn zudreht, nachdem sie ihr einziges Kind verschlampt hat. Die hysterische Sorge um ihre Tochter ist eine ekelhafte Mischung aus Zukunftsangst und Selbstmitleid. Trotzdem müssen sie dieses Kind nun finden. Es gibt viel Elend in der Welt und das ist aus ihrer Perspektive die Luxusvariante davon.

Aber Carolyn entdeckt nun doch ein paar Muttergefühle in sich – sie hat sich zwar immer wieder gewünscht, dass Madison einfach aus ihrem Leben verschwinden würde, aber nun vermisst sie ihre Tochter tatsächlich und will sie unbedingt wieder finden.

Für Tallulah wird es eng, die Medien berichten über den Fall, es gelingt ihr zwar, die gutgläubige Margo auszutricksen, aber Margos Ex ist weniger leichtgläubig. Stephen (John Benjamin Hickey, Dr. Winter aus Manhattan) mag zwar gegenüber seiner Frau ein Arschloch sein, aber blöd ist er nicht. Er durchschaut Tallulah sogar, ohne die Zeitung gelesen zu haben.

Tallulah sei ein Film über das Muttersein, habe ich irgendwo gelesen – und es kommt natürlich auch irgendwie vor. Was ich viel wichtiger finde, ist, dass es ein Film über Erwartungen ist, die Menschen an das Leben haben – und dass alle irgendwie falsch damit liegen: Weder das totale Spontitum, das Tallulahs wirrer, aber vitaler Lebensinhalt ist, noch das ordentliche Familien- und Lebensmodell von Margo, noch der selbstmitleidige Egotrip von Carolyn und letztlich auch die Schwulenidylle ihres Ex Stephen sind Modelle, die für das wahre Leben taugen. Und so stehen sich alle selbst im Weg, statt naheliegende Dinge zu tun.

Was ja auch nicht so einfach ist. Irgendwann zieht  Margo endlich diese roten Highheels an, die sie zu eben diesem Zweck gekauft hat und bittet den freundlichen, gut aussehenden Concierge auf ein Glas Wein in ihr Appartement. Sie doziert eine Weile über die Weine, die sie so im Regal hat, bis ihr der Mann gesteht, dass er eigentlich Biertrinker sei. Aber darum gehe es wohl weniger – er küsst sie, was eigentlich zu erwarten war, doch Margo bekommt dann doch wieder Angst vor ihrer eigenen Courage und schickt den Ärmsten weg, anstatt ihn flachzulegen, was ihr eigentlicher Plan gewesen ist.

Genau das mag ich an diesem Film – die Menschen sind alle so menschlich. Voller Ängste, voll mit Komplexen und diese ganzen vermeintlichen Freiheiten, mit denen sie kokettieren, sind offensichtlich Selbstbetrug. Das ist ein wirklich starker Plot – einer der stärksten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe – und er kommt ganz unspektakulär daher. Das ist genau die Art Film, von es viel mehr geben müsse, gerade in diesen Zeiten: Kein absurd teuer produziertes Überwältigungskino, sondern eine Analyse, wie Menschen ticken. Wie unsere Gesellschaft funktioniert. Dabei ist Tallulah kein gesellschaftskritischer Film im eigentlichen Sinne – genau das ist auch das gute daran. Es ist einfach ein erstaunlich ehrlicher Film über unsere Gesellschaft, der mit Tallulah eine sehr ambivalente Heldin hat. Tallulah kann ihre individuelle Freiheit nur auf Kosten anderer ausleben, die sie beklaut und ausnutzt. Aber sie bringt andere Menschen dazu, Dinge richtig oder wenigstens richtiger zu machen. Sie durchschaut die Lebenslügen der andern, scheitert aber an ihrer eigenen.

Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Film anzusehen.

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