Tyrant: Die dritte Staffel läuft. Und lohnt sich

Derzeit wird auch die dritte Staffel von Tyrant ausgestrahlt – genau wie bei Mr. Robot gab es am vergangenen Mittwoch in den USA die fünfte Folge, und ich warte, wenn auch nicht ganz so hibbelig wie bei Mr. Robot, doch jedes Mal gespannt auf die Fortsetzung. In der zweiten Staffel von Tyrant wird die Sache nämlich interessanter. Es kommt soweit, dass Barry Al-Fayeed (Adam Rayner) sich an einem Staatsstreich gegen seinen Bruder Jamal (Aschraf Barhom) beteiligt und am Ende der ersten Staffel im Gefängnis landet, wo er auf das Urteil wartet. Klare Sache, wie das ausgehen muss: Auf Hochverrat steht nun mal die Todesstrafe und es wird dann am Anfang der zweiten Staffel auch jemand aufgehängt.

Aber auch ein Fiesling wie Jamal kann seinen eigenen Bruder nicht einfach so umbringen, auch wenn es in der Bibel da schon andere Beispiele geben hat, nicht umsonst heißt die erste Folge der zweiten Staffel Mark of Cain. Aber wir wissen ja bereits, dass Jamal eigentlich ein Schwächling ist. Er hat Barrys Hinrichtung nur vorgetäuscht und seinen Bruder statt dessen in der Wüste ausgesetzt – soll Allah über sein Schicksal entscheiden. Barrys Familie weiß davon nichts, schockiert kehrten Molly (Jennifer Finnigan)  und ihre Kinder in die USA zurück und versuchen, nach dieser Katastrophe irgendwie weiter zu leben.

Tyrant: Bassam (Adam Rayner) wartet auf sein Todesurteil

Tyrant: Bassam (Adam Rayner) wartet auf sein Todesurteil

In Abuddin versuchen die Al-Fayeeds derweil einen großen Deal mit den Chinesen einzufädeln, gleichzeitig haben sie aber Stress mit den fanatischen Kämpfern des Kalifats, das inzwischen Teile des Landes unter seine Kontrolle gebracht hat. Barry hat seinen Wüstentrip mit Überlebenswillen und Glück überlebt – er wurde von zwei Beduinen-Jungs gefunden, die den an seiner Kleidung als Sträfling zu erkennenden Fremden gern gegen Belohnung ausgeliefert hätten, doch ihr Vater ist ein Beduine alter Schule: Erstens haben Beduinen etwas gegen Staaten und Regierungen an sich, die sie an ihrer alten Lebensweise hindern, und sie dazu zwingen, Grenzen anzuerkennen, die in ihren Augen keinen Sinn ergeben. Und zweitens ist die Gastfreundschaft heilig – wenn Allah diesen Fremden zu ihnen geschickt hat, dann hat er das getan, weil ihm das so gefallen hat, und natürlich müssen sie sich um ihn kümmern.

Tyrant - Despoten leben gefährlich. Irgendwer hat was dagegen, dass Abbudin Geschäfte mit China macht.

Tyrant – Despoten leben gefährlich. Irgendwer hat was dagegen, dass Abuddin Geschäfte mit China macht.

Dem Alten ist klar, dass Khalil – so nennt sich Barry jetzt – etwas zu verbergen hat – aber er ist trotzdem bereit, Khalil dabei zu helfen, nach Beirut zu gelangen. Dort will er nämlich hin. Und von da aus nach Hause in die USA. Aber natürlich kommt alles anders, denn die schöne, junge Zweitfrau (Melia Kreiling als Dalidah Al-Yazbek) des alten Beduinen wird auserwählt, um in Deutschland zur Solar-Ingenieurin ausgebildet zu werden und ihre Heimat damit voranzubringen. Aber gleich nach ihrer Abreise mit der deutschen Delegation wird sie von Anhängern des Kalifats entführt. Wie man sich denken kann, geschehen allerlei spannende und dramatische Dinge und am Ende können sich Dalidah und Khalil gegenseitig immer mal das Leben retten – Khalil entscheidet schließlich, nicht nach Beirut abzuhauen, sondern zu bleiben und gegen das Kalifat zu kämpfen.

Ironischerweise wird Bassam aka Khalil im Lauf der zweiten Staffel also vom Hochverräter zum Kriegsheld der Verteidigung Abuddins gegen die Irren vom IS promoviert, was eine nette Idee ist – er wird zum Volksheld, weil niemand weiß, dass er eigentlich ein Al-Fayeed ist. Das ist natürlich alles ganz schön überkonstruiert, aber in Homeland ist das ja auch nicht besser – und ich finde es in Tyrant sogar unterhaltsamer. Was gewiss auch daran liegt, dass die Bewohner von Abuddin ihre Regierung zu recht kritisieren dürfen, ob sie nun mehr Freiheit und Demokratie oder mehr Islam wünschen: Dieser durch Erbfolge ins Amt gelangte Präsident Jamal Al-Fayeed muss einfach weg – obwohl er der einzige Garant für Stabilität und somit das Funktionieren des Staates ist. Wie bescheuert das alles ist, kann man in allen Ländern sehen, die durch den Arabischen Frühling in Unsicherheit und Bürgerkrieg gestürzt wurden. Aber in Tyrant wird es noch einmal fernsehtauglich aufbereitet, auch wenn das zum Teil dann doch ziemlich trashig geraten ist. Aber immerhin Hochglanztrash, der Spaß macht.

Tyrant: Melia Kreiling als Daliyah

Tyrant: Melia Kreiling als Daliyah

So taucht mit Rami Said (Keon Alexander) ein früher verleugneter Sohn des alten Al-Fayeed und somit ein Halbbruder von Jamal und Bassam auf, der in Diensten der UN eine beeindruckende Militärkarriere hingelegt hat – genau so einen Typ kann Abuddin brauchen, nachdem sich General Tariq mit seiner Strategie von Härte und Angst beim Volk total unbeliebt und international untragbar gemacht hat. Deshalb kann sich die Witwe Amira Al-Fayeed auch plötzlich an den Nachkommen ihres verstorbenen Mannes erinnern, der ihr früher gewiss viel weniger willkommen war.

Molly und ihre Kinder indes sind wegen einer Erbschaftsauseinandersetzung wieder nach Abuddin zurückgekehrt – Barry gilt weiterhin als tot und sein Sohn Samy (Noah Silver) kann das Erbe seines Vater nur unter bestimmten Bedingungen antreten. Und natürlich macht Samy vor Ort erstmal sein eigenes Ding – viel mehr als die Millionen, der er möglicherweise erben kann, interessiert ihn, was aus seinem Freund und Liebhaber Abdul geworden ist. Der ist in die Hände das Kalifats geraten und Samy will ihn retten – und ja, notfalls auch mit dem Geld seines Vaters, also bietet er an, den Widerstand zu finanzieren, wenn er ein Treffen mit dem Anführer der „Roten Hand“ vermittelt bekommen kann, jenem geheimnisvollen Anführer, der das Kalifat zurückdrängen will. Am Ende kann Samy seinen Freund nicht retten, trifft aber auf Kahlil – der niemand anders als sein totgesagter Vater ist. Zum Glück überleben die beiden die Kämpfe in Maan, bei denen es ziemlich zur Sache geht – aber der verwöhnte amerikanische Jungmann Samy begegnet der Realität der jungen Menschen in anderen Ländern, die es weniger gut getroffen haben als er. Und er bekommt eine ziemlich heftige Lektion. Er muss nicht nur den Tod von Abdul verkraften, der vom Kalifat mit anderen ihrer Ansicht nach Perversen umgebracht wird, er erlebt (genau wie sein Vater), was es heißt, nicht nur für Ideale, sondern ums bloße Überleben zu kämpfen.

Tyrant: Leila (Moran Atias), Jamal (Ashram Barhom) und Rami (Keon Alexander)

Tyrant: Leila (Moran Atias), Jamal (Ashram Barhom) und Rami (Keon Alexander)

Derweil verstrickt sich Jamal einmal mehr in dämliche Aktionen, die nach hinten los gehen: Mit einem von ihm höchstselbst beauftragten Attentat tötet er versehentlich seine Mutter Amira, statt den verhassten Rami, der ihm zunehmend Konkurrenz macht. Nur zu klar, dass Jamal Rami die ganze Sache in die Schuhe schieben will. Dabei hätte er sich eigentlich ganz andere Sorgen: Bassam kann tatsächlich einen entscheidenen Schlag gegen das Kalifat landen – Molly weiß inzwischen, dass ihr Mann noch lebt und ihr Sohn bei ihm ist und sie bringt Jamals Frau Leila (Moran Atias) dazu, dafür zu sorgen, dass ihnen militärische Unterstützung gewährt wird.

Leila muss dafür ziemlich heftige Kröten schlucken – die arabische Liga verlangt für ihre Unterstützung, dass Leila als Zeugin für die Kriegsverbrechen auftritt, die ihrem Mann zugeschrieben werden. Wir und Leila wissen, dass eigentlich General Tariq dafür verantwortlich war, aber so geht halt Politik. Und Leila als gute orientalische Mutter tut natürlich alles, um ihren Sohn den Weg frei zu machen – sie willigt in alles ein, wenn nur ihr Ahmed (Cameron Gharaee) eine n Platz am Tisch bekommt. Ahmed erleidet sein eigenes Drama, seine Frau Nusrat (Sibylla Deen), die ihn immer wieder abgewiesen hat, obwohl sie ihn so liebt, ist endlich schwanger – aber eben auch traumarisiert davon, dass ihr Schwiegervater Jamal am Tag ihrer Hochzeit höchst persönlich untersucht hat, ob sie wirklich noch Jungfrau ist. Was Ahmed noch nicht weiß – er wundert sich nur, was mit Nusrat los ist.

Tyrant:  Rami (Keon Alexander)

Tyrant: Rami (Keon Alexander)

Natürlich gibt es noch weitere höchst tragische Verwicklungen, die dazu führen, dass genau zu dem Zeitpunkt, an dem Leila gegen ihren Mann aussagt, um die Arabische Liga zu befriedigen, Jamal nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Denn genau das, was man ihm vorwirft, hat er ja nicht getan. Aber dafür so viele andere miese Dinge. Insofern ist nur konsequent, dass die empörte Nusrat Jamal vor laufender Kamera niederschießt – sie kann nicht damit leben, dass dieses Arschloch wieder davon kommt.

Blöd nur, dass in der dritten Staffel schnell klar wird, dass sie diejenige ist, die auch dafür Verantwortung übernehmen muss. Natürlich darf niemand ungestraft einen Präsidenten niederschießen, schon gar nicht dessen Schwiegertochter. Jetzt geht es drunter und drüber – man weiß nicht, ob Jamal die Sache überlebt oder nicht, klar ist aber, dass Abuddin eine starke Regierung braucht, damit das Land nicht im Chaos versinkt. Und Bassam – so nennt sich Barry jetzt wieder ganz bewusst – übernimmt als Bruder des Präsidenten das Ruder, obwohl es zahlreiche Strömungen im Land gibt, die der Herrschaft der Al-Fayeeds ein Ende bereiten wollen und dem amerikanischen Fremdling prinzipiell aus tiefstem Herzen misstrauen. Bassam hat nun genau den Job, den er nie haben wollte – aber er versucht, ihn so gut wie eben möglich zu machen.

Tyrant:  Samy (Noah Silver) und Halima (Oliva Popica)

Tyrant: Samy (Noah Silver) und Halima (Oliva Popica)

Das ist der Punkt, der mir persönlich gut gefällt: Tyrant ist, bei allen blöden Klischees, die hier bemüht werden, eine Serie, die reflektiert, was man denn selbst tun würde, wenn man das Ruder in die Hand bekäme: Durch Zufall ist man in einer Position, in der man das Leben der Menschen eines ganzen Staates zum Guten oder Schlechten nachhaltig beeinflussen kann. Einerseits gibt es vielversprechende Möglichkeiten, wirklich irgendwas besser zu machen, gleichzeitig gibt es diese vielen Sachzwänge der Politik, und zwar sowohl im regionalen, nationalen als auch internationalen Rahmen, aus denen man einfach nicht rauskommt. Und man muss mit allen fiesen Partei verhandeln – mit den Islamisten, den demokratisch gesinnten Oppositionellen, die einen Neuanfang wünschen, mit der Arabischen Liga und natürlich mit dem Amis. Und alle haben ganz eigene Interessen – insbesondere die Oppositionellen sind sich keineswegs einig, was sie eigentlich wollen.

Das ist die Stärke und die Schwäche dieser Serie: Ja, alle Seiten werden nicht in ihrer ganzen Komplexität gewürdigt – aber immerhin, es kommen sehr viele verschiedene Interessen vor. Das hat man nicht allzu oft. Und sogar die Vertreter des Kalifats dürfen ab und zu einen Punkt machen – so ist es ja auch in der Realität. Natürlich ist es zynisch, Schulen und Krankenhäuser als Tarnung für militärische Ziele zu benutzen. Nichtsdestotrotz haben die Verfechter von Freiheit und Demokratie keine Skrupel, eben diese Krankenhäuser und Schulen zu zerstören, wenn es darum geht, ihre Interessen wahrzunehmen. In dem Punkt finde ich Tyrant sehr viel besser als die Kritik darüber: Hier wird wenigstens im Ansatz erklärt, warum im Nahen und Mittleren Osten, warum im Maghreb genau das passiert, was passiert: Die Leute wollen einfach ein gerechteres, ein besseres System, ein System, das einfach mal für sie da ist. Aber weder die Islamisten, noch die zynischen Vertreter des freien globalen Marktes sind in der Lage, das Leben der Menschen tatsächlich und nachhaltig zu verbessern – denn sie dienen eben ihrem Scheißsystem und nicht den Menschen, die darauf hoffen, dass sich ihre beschissene Situation endlich mal verbessert.

Barry aka Khalil (Adam Rayner)

Barry aka Khalil (Adam Rayner)

Nein, Tyrant ist natürlich nicht kapitalistisch-kritisch, wie es hier jetzt vielleicht anklingt. Das ist es definitiv nicht, genau dieses Element kommt hier eher als Folklore, denn als Erklärung vor, was ich dann auch wieder kritikwürdig finde.

Aber: Der Aufhänger zu den folgenschweren Ereignissen ist ja eben jener Familienvater, der sich selbst auf einem zentralen Platz öffentlich verbrennt, weil er keine Aussicht auf einen angemessenen Job und damit auch ein Leben für sich und seine Familie hat. Genau so hat der arabsiche Frühung angefangen – eben mit jenem Gemüsehändler mit Universitätsabschluss, der sich in Tunesien selbst verbrannt hat, weil er die Bestechungsgelder an die Behörden nicht mehr zahlen konnte, um seinen Gemüsestand weiterhin zu betreiben. Interessanterweise ist Tunesien, zumindest meinen Recherchen zufolge, das einzige Land, in dem diese „Revolution“, die aus dieser Verzweiflungstat erwuchs, irgendwas halbwegs Gutes getan hat. Es geht den Tunesiern zwar nicht gut, aber immerhin ist ihr Land nicht in Chaos und Bürgerkrieg oder unter neuer Militärherrschaft versunken.

Tyrant: Molly (Jennifer Finnegan) und Bassam Al-Fayeed (Adam Rayner)

Tyrant: Molly (Jennifer Finnegan) und Bassam Al-Fayeed (Adam Rayner)

Und ich erspare mir und allen nun eine Analyse der einzelnen Länder und dem, was seit dem arabischen Frühling alles schlechter geworden ist – aber das fiktive Abuddin ist ein ziemlich gutes Beispiel dafür, was um warum alles ziemlich schief läuft – ohne Patentrezepte anzubieten, warum das so ist. Man muss sich das halt ansehen – und kann sich dann entweder mehr oder weniger gut unterhalten lassen oder mal selbst drüber nachdenken. Und was diesen Aspekt angeht, muss ich Tyrant in meinem persönlichen Serien-Ranking doch deutlich höher bewerten, als die einschlägigen Kritiken nahelegen. Die sechste Folge der dritten Staffel läuft nachher in den USA.

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