The Get Down ist das bessere Vinyl

Rückwirkend scheinen die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein einziger knallbunter LSD-Trip gewesen zu sein, unterlegt mit einem fantastischen Soundtrack. Mit der Retroserie Vinyl haben Terrence Winter und Martin Scorsese versucht, diese Stimmung einzufangen – was aber nur bedingt gelungen ist, letztlich ist Vinyl dann doch nur eine eher mittelere Mafia-Serie in lustig und mit jeder Menge Stars aus den 70ern geworden – fast ausschließlich weißen Stars, wohlgemerkt.

The Get Down: This boardwalk is my little prairie  Bild via Netflix

The Get Down: This boardwalk is my little prairie Bild via Netflix

Netflix hat jetzt richtig viel  Geld in die Hand genommen (das Budget soll an das der ebenfalls sehr teuren HBO-Serie Game of Thrones herankommen und bei um die 10 Millionen Dollar pro Folge liegen) und einen schwarzen Gegenentwurf dazu verfilmt: Die Retro-Musik-Serie The Get Down erzählt von der Geburtsstunde des Hiphop in der Bronx – lange bevor das Ding diesen Namen bekam. Und auch wenn The Get Down gerade in ersten Teil, der zwar nicht ganz so überdimensioniert ist, wie die Pilotfolge von Vinyl es war, einige Fehler von Vinyl wiederholt – streckenweise gleicht die Inszenierung einem bombastischen Videoclip, der nicht nur ein paar Minuten, sondern gefühlt Stunden dauert – so ist die Geschichte hier doch deutlich besser: Es geht hier nämlich nicht um ein paar abgehalfterte weiße Koksnasen, die ihre Pfründe nicht aufgeben wollen, sondern um ein paar in der gnadenlosen US-Gesellschaft vergleichsweise chancenlose schwarze Jungs, die in der total runtergekommenden Bronx ihren Traum von einem besseren Leben verwirklichen wollen – und zwar mithilfe dieser neuen Musik, die daraus entsteht, dass sie vorhandene Musik nehmen und mittels zwei Plattenspielern neu zusammensetzen – und ihren Frust über die Welt auf dem daraus entstehenden Beat ins rhytmisch Mikrofon rotzen.

The Get Down: Grandmaster Flash erfindet den Hiphop

The Get Down: Grandmaster Flash erfindet den Hiphop
Bild via Netflix

The Get Down zeigt die Ghetto-Version der 70er-Musik-Geschichte, hier, in den von der Politik aufgegebenen Gebieten von New York sieht man kein einziges weißes Geschichte mehr, hier wohnen nur noch Schwarze und Latinos in heruntergekommenen Mietskasernen. Das ist in der für meinen Geschmack etwas zu musicalartigen Inszenierung zwar in erster Linie Kulisse, in der die Protagonisten gemessen an ihren beschissenen Lebensumständen noch erstaunlich viel Spaß haben, wirkt aber trotzdem deutlich realistischer als dieses eigenartige 70er-Jahre Holodeck, in dem Vinyl spielt.

Der verträumte Zeke (Justice Smith)  hat früh seine Eltern verloren und wächst bei seiner Tante und ihrem Freund auf – er ist ein begabter Dichter, der sich in der Schule vor den anderen für genau dieses  Talent schämt, dort dominieren die coolen und harten Jungs, die Graffisprayer, die Gangmitglieder. Und dann ist Zeke auch noch verliebt – in die schöne Mylene Cruz (Herizen F. Guardiola), die ihre Wahnsinnsstimme auf Geheiß ihres strengen Vaters, der Prediger ist (und von Giancarlo Esposito gespielt wird) nur in der Kirche zu Ehre Gottes erklingen lassen soll. Aber auch Mylene hat einen Traum – sie will Sängerin werden, und war nicht im Gospelchor.

The Get Down: Zeke und seine Gang Bild via Netflix

The Get Down: Zeke und seine Gang
Bild via Netflix

Zu diesem Zweck wird sie sich mit ihren Freundinnen in den heißesten Club in der Bronx schmuggeln, um dort den wöchentlichen Tanzwettbewerb zu gewinnen und damit vielleicht die Aufmerksamkeit des derzeit angesagtesten DJs zu gewinnen – der ihr dann ein Vorsingen bei seiner Plattenfirma verschaffen soll. Während Mylene aufgrund ihrer Stimme und ihres Aussehens eine gewisse Chance hat, diesen Plan umzusetzen, sieht es für Zeke ziemlich übel aus. Aber Zeke greift nach dem rettenden Strohhalm – wenn er die überaus seltene Platte mit der bestimmten Version von Mylenes Lieblingssong besorgen kann, wird Mylene gar nicht anders können, als mit ihm zu tanzen und gemeinsam werden sie diesen Tanzwettbewerb ganz bestimmt gewinnen!

The Get Down: Zeke im Glück

The Get Down: Zeke im Glück
Bild via Netflix

Zeke findet diese Platte sogar, doch bevor er sie käuflich erwerben kann, wird der Plattenladen von der örtlichen Gang überfallen, die ein höheres Schutzgeld kassieren will. Und bevor Zeke sich verdrücken kann, kommt noch eine dritte Partei ins Spiel: Shaolin Fantastic (Shameik Moore) – ein offensichtlich von Bruce Lee inspirierter früher Parkour-Künstler, der mit seinen roten Puma-Turnschuhen höchst elegant über die Dächer der Bronx turnt. Er reißt Zeke die Platte aus den Händen und turnt davon – verfolgt von der wütenden Meute und von Zeke, der jetzt auf keinen Fall aufgeben wird – und Zekes Hartnäckigkeit wird am Ende belohnt – nach einer halsbrecherischen Jagd über die Dächer brennender Häuser muss Shaolin die Platte loslassen, um nicht in die Tiefe zu stürzen – und das begehrte Stück fällt Zeke direkt vor die Füße. Jetzt muss sich Zeke nur noch schick machen – sein bester Freund besorgt ihm Ausgehgarderobe seines Musiker-Vaters – und noch irgendwie am Türsteher vorbeikommen.

Im Les Inferno geht es derweil hoch her – es ist die Hochzeit der Disco-Tanzhits und hier wird im sexy Glitzerkleid und schniekem weißen Dreiteiler samt schräg am Kopf festgetackertem Hut eine heiße Sohle aufs Parkett gelegt. Mylene hat längst die Aufmerksamkeit von Supertänzer Cadillac (Yahya Abdul-Mateen II) erregt, der aber ganz andere Sachen von ihr will, als sie sich vorgestellt hat. Nein, so eine ist sie nicht.

The Get Down: Mylene (Herizen F. Guardiola) und ihre Freundinnen

The Get Down: Mylene (Herizen F. Guardiola) und ihre Freundinnen

Draußen vor der Tür hat Shaolin Zeke entdeckt – und fordert jetzt seine Schallplatte zurück. Schließlich hat er sie zuerst geklaut und er braucht sie für einen Get Down später am Abend. Aber Zeke gibt das gute Stück nicht her, selbst, als Shaolin ihm mit allerlei Kung-Fu-Firlefanz furchtbare Prügel androht. Zeke erklärt, dass er verliebt sei und diese Platte seine einzige Chance ist. Wenn Shaolin sie ihm wegnehmen wolle, könne er ihn auch gleich umbringen. Und weil die Sache ohnehin aussichtlos ist, rappt Zeke noch eine eindrucksvolle Beschimpfung zusammen.

Shaolin ist beeindruckt: So einen furchtlosen Meister der Worte hat er gesucht, um sich als DJ einen Namen zu machen. Er bietet Zeke an, ihn in den Club zu bringen – Shaolin ist dort gern gesehen, weil er die komplette Mannschaft mit Koks versorgt. Doch obwohl Zeke es ins Les Inferno schafft, der DJ die Platte auflegt und Mylene freudig überrascht ist, Zeke zu sehen, endet der Abend erstmal in einem überaus blutigen Desaster, denn nicht vergessen, wir sind in der Bronx, und die war in den 70er Kriegsgebiet.

The Get Down: Shaolin Fantastic (Shameik Moore) auf der Flucht

The Get Down: Shaolin Fantastic (Shameik Moore) auf der Flucht
Bild via Netflix

Natürlich gibt es in The Get Down auch ein bisschen Politik: Das New York der 70er Jahre ist eine hoffnungslose Stadt, pleite und fest in der Hand korrupter Eliten. Nachdem die Stadt 1975 offiziell bankrott war, wurde dort genau das gemacht, was die Politik in Zeiten der Krise immer macht: Staatsbedienstete rausschmeißen, also nicht die Politiker natürlich, die für die Misere zuständig sind, sondern Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten, Krankenpfleger oder Feuerwehrleute, Sozialausgaben kürzen, privatisieren, also staatliche Aufgaben wie die Wasserversorgung oder die Müllabfuhr an private Halsabschneider deligieren. Und natürlich wird dadurch alles immer nur noch schlimmer: Je mehr Menschen ihre Jobs und damit ihre Existenzgrundlage verlieren, desto stärker werden die Spannungen in der Gesellschaft – nur Gewalt und Verbrechen nehmen einen rasanten Aufschwung, während alles, was bisher noch funktioniert hat, vor die Wand gefahren wird.

The Get Down: Politiker und ihre Visionen Bild via Netflix

The Get Down: Politiker und ihre Visionen
Bild via Netflix

Immer wieder werden in die Handlung originale Fernsehbeiträge aus jener Zeit in die Handlung montiert, Bilder, die brennende Häuser, vergebliche Feuerwehreinsätze, verwahsloste und total vermüllte Straßen oder auch wütende Proteste aufgebrachter Bürger zeigen. Überhaupt fackelt in fast jeder Außenszene von The Get Down irgendwo im Hintergrund ein Haus ab – die Hauseigentümer brennen ihre Häuser lieber nieder, statt sie instandzusetzen. Stattdessen wollen sie neue Hochhäuser bauen, mit denen sie eine bessere Rendite erzielen können. Und weil die Stadt aus Budgetgründen eine Feuerwache nach der anderen geschlossen hat, werden diese Feuer nicht mehr gelöscht, sondern fressen sich Block um Block ganze Straßenzüge entlang.

Kein Wunder, dass die Stimmung in der Stadt einer Party auf dem Vulkan gleicht – Zeke und seine Freunde haben nichts zu verlieren und befinden sich genau deshalb im permanenten Kampf ums Überleben – genau daraus schöpfen sie aber die Energie, von der diese Serie lebt.

The Get Down: Sonntagsessen bei Familie Cruz Bild via Netflix

The Get Down: Sonntagsessen bei Familie Cruz
Bild via Netflix

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