Musik in Serie: Mozart in New York

In meinem Blog sind Drama- und Krimiserien hoffnungslos überrepräsentiert, vermutlich, weil mir die meisten Familien- und Comedyserien einfach zu blöd sind. Und definitiv nicht lustig genug – ich kapiere einfach nicht, was beispielsweise an OITNB dermaßen witzig sein soll. Obwohl es ja durchaus Netflix-Serien gibt, die ich richtig gut finde. Noch weniger verstehe ich, warum The Bing Bang Theory ein so durchschlagender Erfolg ist, dass es gefühlt jeden Tag irgendwo im Fernsehen läuft – ich glaube, Pro 7 lässt das als Endlosschleife laufen, weil es sonst einfach nichts gibt, was ähnliche Quoten erreicht. Dabei ist die Geschichte eigentlich nichts anderes als das gnadenlose Durchexerzieren sämtlicher Vorurteile, die es über Nerds und Blondinen gibt – da ist eigentlich nichts neu und auch nichts gut dran, auch wenn ich im Grunde nichts dagegen habe, dass mit Stereotypen und Vorurteilen gespielt wird.

Damit komme ich zu meiner aktuellen Neuentdeckung: Mozart in The Jungle. Diese Amazon-Original-Serie ist im Grunde auch eine Nerdserie, in der sämtliche Vorurteile und Stereotypen durchgespielt werden, die es über professionelle Musiker gibt – es handelt sich um eine Serie über die New Yorker Symphoniker, einem altehrwürdigen Klangkörper, dem ein junges aufstrebendes Genie neues Leben einhauchen will.

Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa Bild: amazon.com

Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa Bild: amazon.com

Rodrigo De Sousa (Gael Garcia Bernal) heißt der junge Wilde, der als Wunderkind schon früh zu Ruhm und Ehre gelangt ist und trotzdem noch eine hippieske Lebensfreude an den Tag legt. Die Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet sein Vorgänger Thomas Pembridge (Malcolm McDowell), ein Stardirigent alter Schule mit entsprechenden Allüren, den Jungen entdeckt hat, der nun den Ast absägt, auf dem Thomas es sich gemütlich machen wollte. Denn auch die New Yorker Symphoniker sind keine staatliche Institution, sondern ein Geschäft, das nur funktioniert, wenn sich immer wieder großzügige Sponsoren finden, die sich in der Rolle eines Förderers der schönen Künste gefallen. Das ist nicht so einfach – und bei aller Verehrung für den großen Maestro stehen alle auf das unkonventionelle junge Genie.

Gleichzeitig versucht die junge Oboistin Hailey Rutledge (Lola Kirke, ihre große Schwester Jemima Kirke spielt die Lebenskünstlerin Jessa in Girls) , den Fuß in die Tür zu einer Karriere in der klassischen Musik zu bekommen – ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Haileys Welt kennen wir aus der Serie Girls: Im Moloch New York gestrandete Möchtegern-Künstlerinnen, die sich an falschen Lebensentwürfen, anstrengenden Beziehungen und einem gnadenlosen Alltag abarbeiten, in dem man jeden Monat irgendwie Miete zahlen muss, auch wenn man nur eine Stelle als unbezahlte Praktikantin bekommt.

Nur ist Hailey aber tatsächlich ziemlich begabt und mit Leidenschaft bei der Sache, was auch Rodrigo erkennt – er macht Hailey, die als professionelle Instrumentalistin im Haifischbecken der Symphoniker noch keine Chance hat, zu seiner persönlichen Assistentin – Hailey wird schlecht bezahltes Mädchen für alles, dafür ist sie aber ganz nah dran an ihrem Lebenstraum. Also lernt sie, wie man Mate-Tee richtig zubereitet und steht rund die Uhr zur Verfügung, um ihren Meister auf Zuruf an die eigenartigsten Orte zu kutschieren.

Screenshot Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa: Ouvertüre 1812 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Screenshot Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa: Ouvertüre 1812 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Aber auch für die Veteranen ist es nicht so einfach – das ständige Üben, der stressige Lebensrhythmus eines Berufsmusikers, der genau dann arbeiten muss, wenn die anderen sich amüsieren gehen, all das hinterlässt Spuren – der eine hat inzwischen Kniescheiben aus Titan, die andere spritzt sich einen bedenklichen Medikamentencocktail gegen die chronische Sehnenscheidenentzündigung. Und dann sind da natürlich die ständigen Grabenkämpfe – der Gewerkschaftler besteht auf die Einhaltung der Pinkelpausen, gleichzeitig kämpfen die Musiker gegen eine Schlechterstellung bei der Krankenversicherung, an der die Orchestermanagerin bei den Neuen sparen will. Wo fängt Solidarität an, und wo hört sie auf? Die Frage stellt sich mittlerweile doch in so ziemlich jedem Betrieb für jede Belegschaft – das ist bei einem klassischen Orchester mit Weltruf keineswegs anders.

Genau das ist es auch, was mir gefällt, es geht eben nicht nur um abgedrehte Künstler und ihren verschobenen Blick auf die Welt, sondern um handfeste Probleme, mit denen jeder, der auf Lohnarbeit angewiesen ist, umgehen muss, sogar anerkannte Musikgenies mit Weltruhm. Hier gibt es auch immer wieder die Parallele zu Wolfgang Amadeus, der ja eben auch Geld verdienen musste und seine ganze wunderschöne Musik nicht nur so zum Spaß geschrieben hat. Trotzdem verlangen alle ganz selbstverständlich, dass sich die wahren Künstler mit heroischer Selbstausbeutung ihrer Kunst und damit der Erbauung und dem Vergnügen der anderen zu widmen hätten. Warum ist das eigentlich so?! Das fragen sich auch Hailey und ihr Freund, der eigentlich Tänzer werden will, aber irgendwann die Nase voll davon hat, sich nicht einmal regelmäßig vernünftige Mahlzeiten leisten zu können und ständig Angst vor der nächsten Verletzung zu haben. Man kann auch mit weniger Stress mehr Geld verdienen – aber was wird dann aus der Kunst?

Gleichzeitig wird die Kunst, in dem Fall die klassische Musik, als etwas gefeiert, das Grenzen überwinden und Menschen zusammenbringen kann – meine Lieblingsstelle bisher ist, als Rodrigo seine Musiker zu einer Konzertprobe irgendwo auf einem brachliegenden Grundstück zitiert, wo sie vollkommen überrascht und unvorbereitet vor den zunehmend interessierten Bewohnern der umliegenden Sozialwohnungsblocks die Ouvertüre 1812 von Tschaikowski spielen – die Musiker kennen dieses Stück sehr gut und sind auch ohne Noten und Vorbereitung total bei der Sache – aber, so bemerkt der gewerkschaftliche organisierte Orchesterrat: „Rodrigo, du weißt schon, dass das ein Auftritt war und keine Probe?“

„Ja, das war ein Auftritt und sogar ein ziemlich guter!“ sagt Rodrigo begeistert und räumt ein, dass er zwar ungenehmigt gewesen wäre, aber auch ungefesselt und sonst noch einiges un-. Es entwickelt sich eine spontane Nachbarschaftsparty mit den Musikern und der interessierten Nachbarschaft – aber irgendwelche Spielverderber haben die Bullen gerufen. Die lösen die Party schließlich auf und nehmen die Ruhestörer mit. Den Bullen vom NYPD ist scheißegal, ob das die New Yorker Symphoniker sind oder randalierende Kids. Also muss die ohnehin schon ständig am Nervenzusammenbruch entlangschrammende Orchestermanagerin Gloria ihre Stars aus dem Knast auslösen.

Doch es gibt noch einige andere Höhepunkte, und vor allem in der letzten Folge orchestriert Rodrigo ein versöhnliches Ende, nachdem er sich in den Kopf gesetzt hatte, ausgerechnet seine geniale, aber leider auch völlig durchgeknallte Ex-Frau Anna Maria als Solo-Violinistin zu besetzen, was wie erwartet grandios schief geht: Anna Maria bringt es einfach nicht über sich, vor diesen bourgeoisen Schlappschwänzen, vor diesen reichen, aber total bornierten Untoten zu spielen. Sie bricht nach wenigen Takten ab und lässt Rodrigo nach einer saftigen Publikumsbeschimpfung stehen.

Mozart In The Jungle: Hailey Rutledge (Lola Kirke, mit Oboe) und Cynthia Taylor (Saffron Barrows)

Mozart In The Jungle: Hailey Rutledge (Lola Kirke, mit Oboe) und Cynthia Taylor (Saffron Barrows)

Doch der hatte schon einen Plan B vorbereitet, eigentlich vor allem für Hailey, die von seiner ersten Oboistin Betty übel schikaniert wird, was Rodrigo jetzt wieder gut machen will: Er lässt alle Musiker für das große Eröffnungskonzert für die neue Spielsaison mit einer Limousine abholen – und Bettys Limousine fährt sie gepflegt ins New Yorker nirgendwo, so dass sie ihren Auftritt verpasst. Also muss die zweite Oboe zur ersten aufrücken und Hailey bekommt ihre verdiente Chance, sich mit diesen ungeplanten Einsatz als professionelle Oboistin zu beweisen – der umsichtige Rodrigo hat dafür gesorgt, dass ihre Freundin und Mitbewohnerin Lizzie rechtzeitig mit ihrem Instrument zur Stelle ist. Jetzt fehlt nur noch die Solo-Geige – Rodrigo beschließt, selbst Geige zu spielen, aber für das Solo sei er nicht gut genug – also bekommt die verbitterte erste Geige im Orchester ihre Chance.

Nun fehlt allerdings ein Dirigent. Doch zum Glück ist ja Thomas Pembridge in Saal, der von seiner Geliebten Cynthia, die Cellistin im Orchester ist, in Kuba aufgespürt und nach Hause geholt wurde. Natürlich fühlt er sich geschmeichelt und in der Lage, das Violin-Konzern Sibelius zu dirigieren. So wird der Abend nach dem verpatzten Auftakt doch noch ein Erfolg und die erste Staffel von Mozart in The Jungle entpuppt sich als modernes Großstadtmärchen mit grandiosem Happy End. Das ist zwar nicht unbedingt realistisch, aber wunderschön und man hat genau wie Lizzie und der Musik-Blogger Bradford Sharpe am Ende des Konzerts Tränen der Rührung in den Augen. Ein paar Minuten heile Welt finde ich total in Ordnung – Mozart in The Jungle ist wirklich eine erfrischende Abwechslung.

Mein Tipp für alle, die nach einer unterhaltsamen Serie suchen, die keineswegs die Augen vor dem hässlichen und anstrengendem Alltag verschließt, aber sowohl ihren Protagonisten als den Zuschauern den einen oder anderen glücklichen Moment gönnt. Vielleicht gehe ich auch mal wieder in ein klassisches Konzert…

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