Designated Survivor: Plötzlich Präsident

Es ist gewiss kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt eine Serie wie Designated Survivor auf die Bildschirme kommt: Angesichts der absurden US-Wahlkampf-Parodie mit den wenig überzeugenden Scripted-Reality-Darstellern Hillary Clinton und Donald Trump wünscht man sich tatsächlich, dass noch irgendetwas total Unvorhersehbares passiert, das einen vergleichsweise vernünftigen Kandidaten ins weiße Haus bringen könnte. (Auch wenn ich theoretisch gut fände, wenn eine Frau US-Präsidentin würde, finde ich ausgerechnet Hillary problematisch – was sie als Politikerin in Libyen oder der Ukraine angerichtet hat, ist himmelschreiend. Aber Trump ist natürlich in so ziemlich jeder Beziehung total indiskutabel. Kein Wunder, dass sich viele Amis lieber einen Weltuntergang wünschen als die Wahl eines dieser beiden KanditatInnen)

In Designated Survivor ist es ein Anschlag auf das Kapitol, in dem gerade die Ansprache des Präsidenten zur Lage der Nation stattfindet – sämtliche Politiker von Rang und Namen sind dort versammelt und werden praktischerweise alle auf einen Schlag getötet. Nur eben der für diesen Abend bestimmte Designated Survivor, der wenig einflussreiche Minister für Stadtentwicklung und Wohnungsbau Tom Kirkman (Kiefer Sutherland), der ohnehin auf der Abschlussliste war und demnächst aus dem Kabinett fliegen sollte, überlebt planmäßig.

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Und genau wie es das Protokoll für diesen extrem unwahrscheinlichen Fall vorsieht, wird er umgehend an einen noch sicheren Ort verfrachtet, vereidigt und in die Amtsgeschäfte eingeführt: Das mächtigste Land der Welt braucht jetzt einen starken Führer, der die Zügel in die Hand nehmen kann. Doch ob der freundliche Brillenträger im grauen Kapuzenpulli der richtige für diesen Job ist?

Das bezweifeln die meisten. Doch die haben jetzt keine Wahl: Die USA erleben ein neues 9/11 und brauchen jemanden, der bereit ist, jetzt Stärke und Entschlossenheit zu demonstrieren. Kirkman, der pflichtbewusste Familienvater übernimmt die Verantwortung – nicht ohne sich mit seiner Frau Alex (Natascha McElhone) zu beraten, die praktischerweise Anwältin ist. Und eine gewisses Geschick im Umgang mit Menschen scheint Tom Kirkman schon zu haben – er schafft es, seine Tochter telefonisch zu überreden, jetzt endlich ins Bett zu gehen – auch wenn seine Frau ihn rügt, dass er Penny keine Versprechungen machen solle, der er nicht halten könne. „Hey, wir sind in Washington – hier macht man nur Versprechen, die man nicht halten kann!“ erwidert Tom grinsend. Aber da weiß er noch nicht, dass gleich Schluss mit lustig sein wird.

Außerdem stellt sich heraus, dass Tom eine persönliche Assistentin hat, die ziemlich gut in ihrem Job ist und er schafft es auch, Seth Wright (Kal Penn) einen professionellen Redenschreiber des Weißen Hauses auf seine Seite zu ziehen, der zwar erst große Bedenken hat, sich dann aber als Glücksgriff für Tom erweist. Seth weiß nicht nur, wie man die gierige Pressemeute bändigt, sondern ist auch noch durch Herkunft und Aussehen der ideale Vermittler zwischen dem aufgebrachten weißen Establishment und der muslimischen Minderheit, die nach dem Anschlag sofort unter Generalverdacht gestellt wird. Denn es gibt Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund für die verheerende Attacke.

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Allerdings gibt es an dieser Version auch Zweifel: Die FBI-Agentin Hannah Wells (Maggie Q), die selbst einen Freund bei dem Anschlag verloren hat, bleibt trotz scheinbar deutlicher Hinweise auf einen islamitischen Hintergrund des Anschlags skeptisch – die Spuren sind zu eindeutig, sie hat das Gefühl, manipuliert zu werden. Und es wird ein Überlebender gefunden – Peter MacLeish (Ashley Zukerman), ein junger Kongress-Abgeordneter aus Oregon. Natürlich stellt sich gleich die Frage: Warum hat ausgerechnet er überlebt?

Und dann gab es noch einen weiteren Designated Survivor, nämlich die republikanische Kongressabgeordnete Kimble Hookstraten (Virginia Madsen), die Tom erstmal unterstützt, aber selbstverständlich eine eigene Agenda verfolgt. Aber Tom ist jetzt nunmal Präsident der USA und trotz aller Unsicherheit ist er gewillt, diese Aufgabe, so gut er kann, hinzukriegen. Kirkman mag bisher ein eher farbloser Typ gewesen sein – aber er ist kein Mann der voreiligen Schlüsse und er lässt sich auch nicht von den Militärs überrumpeln, die jetzt gern nach außen Stärke demonstrieren wollen.

Das ist einerseits sympathisch, und Tom kann erstmal damit punkten, dass er nicht als der Präsident in die Geschichte eingehen will, der als erste Amtshandlung einen neuen Krieg vom Zaun gebrochen hat. Doch Tom verspielt diese Sympathie allerdings auch ziemlich schnell wieder, in dem er dann doch auf Härte und Konsequenz setzt: Als Gouverneur James Royce (Michael Gaston) in Michigan damit anfängt, einen Polizeistaat zu etablieren, der systematisch gegen Moslems vorgeht, will Tom das unterbinden, in dem er die Nationalgarde wegen Rebellion einsetzt. Nur verweigert die Nationalgarde dem nichtgewählten Präsidenten Kirkman genauso den Gehorsam wie der starrsinnige Gouverneur. Kirkman ist Politiker genug um zu kapieren, dass er jetzt ein Exempel statuieren muss: Wenn er sich jetzt nicht durchsetzt, werden ihm alle anderen auch auf der Nase herumtanzen. Und man muss nicht 24 gesehen haben, um zu wissen, dass Tom Kirkman sich durchsetzen wird, denn sonst wäre die Serie jetzt schnell vorbei: Natürlich setzt Kirkman sich durch, auch wenn seine persönliche Assistentin Emily Rhodes (Italia Ricci) ziemlich entsetzt darüber ist, dass Kirkman etwas anderes tut, als er ihr gesagt hat.

Aber er tut dann auch noch ganz andere Dinge, die er anfangs auf keinen Fall tun wollte – ich habe jetzt die ersten fünf Episoden gesehen und muss sagen, dass ich mit den letzen beiden, „The Enemy“ und  „The Mission“ nicht zufrieden war, während ich den Auftakt ziemlich stark fand. Aber es kommt ja noch einiges auf uns zu – ABC ist von einer ersten Bestellung von 13 später auf 22 Teile für die erste Staffel gegangen. Ich weiß nicht, ob das eine gute Nachricht ist.

Designated Survivor: Die Crew Bild: abc.com

Designated Survivor: Die Crew Bild: abc.com

Ich persönlich bin ja eher ein Fan des gepflegten 10-Teilers. Okay, es dürften auch 12 oder 13 Teile sein, wenns gut genug ist. Aber die 10-Teiler sind in der Regel deutlich besser als die Serien mit 22 bis 23 Folgen: Bei so vielen Episoden gibt es zwangsläufig immer Füllepisoden, denen man einfach anmerkt, dass sie eigentlich überflüssig sind und die eigentliche Geschichte nicht voran bringen – das ist genau die Art Fernsehen, die ich nicht mehr sehen will.

Das ist auch ein Grund, warum ich 24 nie komplett ansehen werde – das kostet einfach zu viel Zeit und ich finde die Serie dafür einfach nicht gut genug – ich habe mir ungefähr die Hälfte der ersten Staffel angesehen – die für ihre Zeit ja tatsächlich innovativ war, aber damals total an mir vorbei gegangen ist. Vermutlich, weil es die Streaming-Portale noch nicht gab und ich prinzipiell nichts mit Werbeunterbrechung ansehe. Damit weiß ich jetzt aber trotzdem genug, um zu wissen, wer Jack Bauer ist. Und dann habe ich natürlich auch die erste Hälfte der 8. Staffel gesehen, mit Jürgen Prochnow als Sergei Bazhaev und Rami Malek als Marcos Al-Zakar.

Insofern überrascht nicht, dass die für den Anschlag verdächtige Terror-Gruppe Al-Sakar genannt wird – wie der Selbstmord-Attentäter aus 24. Ich hoffe aber sehr, dass der von Skrupeln geplagte Politiker Tom Kirkman dem Super-Agenten Jack Bauer nicht allzu ähnlich wird, wobei, von vielerlei Sorgen geplagte Familienväter sind sie ja beide. Es kann also noch sehr viel schief gehen.

In Deutschland startet Designated Surviver am 6. November auf Netflix.

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Lob des soliden Serienhandwerks: Bosch

Okay, vielleicht ist es nur der Kontrast, der meine aktuelle Neuentdeckung so gut erscheinen lässt – aber nachdem ich mich mit einem gewissen Widerwillen durch Quantico gekämpft habe, erscheint mir die Amazon-Serie Bosch als reine Offenbarung: Eine klassische Cop-Serie mit einem altmodischen Ermittler, der seine Fälle mit einer sturen Beharrlichkeit löst, die seine Vorgesetzten regelmäßig auf die Palme bringt.

Bosch ist eine zeitgenössische Version der Serie Noir – jener düsteren Detektivgeschichten der 1930er und 40er Jahre im Großstadtdschungel von Los Angeles. Hieronymus Bosch (Titus Welliver) ist ein eigenwilliger Typ, den Dashiell Hammett oder Raymond Chandler sich nicht besser ausgedacht haben könnten – tatsächlich ist Bosch aber eine Figur des Krimiautors Michael Connelly.

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Harry Bosch ist ein altgedienter Detective des LAPD, der es mit den Vorschriften nicht allzu genau nimmt – und deshalb hat er auch ständig Stress: Diese ganze neue Politik, bei der man ständig aufpassen muss, dass man niemanden auf den Schlips tritt, geht ihm am Arsch vorbei. Er interessiert sich nicht für Erfolg und Karriere, deshalb ist er aus Überzeugung immer einfacher Detective geblieben – mit Beförderungen handelt man sich nur Ärger ein. Bosch will einfach nur seine Fälle lösen. Dabei ist er durchaus auf der Seite der Schwachen und Verlorenen – was aber nicht unbedingt zu seinem Vorteil ausgelegt wird.

Ich finde es eigentlich zu dick aufgetragen, dass Bosch nach jenem niederländischen Maler der Renaissance (durchaus beeinflusst vom Spätmittelalter) benannt ist, der zahlreiche ziemlich verstörende Bilder gemalt hat. Aber das passt schon. Außerdem steht Bosch auch in der Tradition von Sam Spade und Philip Marlowe. Es geht in der Serie um die Schattenseiten des sonnigen Los Angeles. Und Harry Bosch kennt die dunkle Seite nur zu gut – und zwar nicht nur durch seinen Job, der ihn ständig mit denen in Berührung bringt, die es auf legale Weise nicht schaffen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern durch seine eigene Lebensgeschichte.

Eifrige Reporter graben in seiner Vergangenheit und veröffentlichen hässliche Details aus seinem Privatleben: Seine Mutter war eine Prostituierte und sie wurde ermordet, als er noch ein Kind war. Bosch selbst kam ins System, wie man so sagt, und wuchs in wechselnden Pflegefamilien auf. Das hat ihn hart und misstrauisch gemacht – einerseits. Aber als der Hund eines alten Arztes einen Knochen findet, der offenbar zur Leiche eines vernachlässigten Kindes gehört, ist Boschs Interesse sofort geweckt. Und er ruht nicht eher, bis er diesen scheinbar aussichtslosen Fall gelöst hat.

Bosch muss das einfach tun, er versteht sich als Anwalt dieses toten Jungen, der in seinem kurzen Leben eine Menge Gewalt und Leid erlitten haben muss. Dabei ist Bosch derzeit nicht mal offiziell im Dienst und hat genug andere Probleme: Er steht gerade wegen unangemessenen Gebrauchs seiner Schusswaffe vor Gericht und darf bis zum Ende des Verfahrens keine neuen Fälle bearbeiten. Eigentlich.

Bosch hat einen Mann erschossen, den er wegen Zwangsprostitution und mehreren Morden verdächtigt und verfolgt hat. Und zwar entgegen der Regeln zu Fuß und allein – statt bei seinem Partner im Auto zu bleiben und auf Verstärkung zu warten, ist er dem Kerl in eine einsame Nebenstraße gefolgt und hat ihn dort gestellt. Am Ende ist der Mann tot.

Bosch sagt, der Verdächtige hätte eine Waffe gezogen und er hätte sich verteidigen müssen. Aber es gibt keine Zeugen und die Gegenseite hat eine verdammt gute Anwältin. Aufgrund seiner Vorgeschichte spricht die Jury Bosch für schuldig. Andererseits fordert sie nur eine lächerlich geringe Strafe, was durchblicken lässt, dass sie zwar sein Handeln verurteilt, mit dem Ergebnis aber völlig einverstanden ist – Bosch hat einen gefährlichen Mann von der Straße geholt. Das ist im Interesse der Allgemeinheit, um die Bosch sich demonstrativ nicht schert.

Natürlich ist er mit dem Urteil nicht zufrieden, seine Vorgesetzten müssen ihn mühsam davon überzeugen, dass es doch eigentlich gut für ihn gelaufen ist: Er muss einen symbolischen Dollar zahlen und kann wieder an die Arbeit gehen. „Aber laut diesem Urteil habe ich Mist gebaut!“ Und Bosch ist sich sicher, dass er keinen Mist gebaut hat: Er hatte keine andere Wahl. Es ärgert ihn einfach, dass man ihm nicht glaubt.

Dabei glaubt Bosch nach eigener Aussage selbst auch an nichts: Bosch führt ein Gespräch mit dem Pathologen, der die Befunde des pensionierten Arztes bestätigt – der gefundene Knochen stammt von einem Kind, und zwar von einem Kind, das seit mindestens zwanzig Jahren tot ist und in seinem kurzen Leben ständig misshandelt wurde. Der Pathologe erzählt von seinen Einsätzen in verschiedenen Kriegsgebieten und von Identifizierung der Leichen von Ground Zero nach 9/11. Und er sagt, dass sein Glaube an eine bessere Welt nach dem Tod dadurch immer stärker geworden sei. „Das ist die einzige Welt, die wir haben“, erwidert Bosch. „und sie ist voll von verlorenem Licht.“

Aber wie er das denn aushalte, fragt der Pathologe, dieses ganze Elend in der tatsächlichen Welt da draußen. Etwa, dass es diesen Jungen geben habe, der ständig verprügelt wurde und schließlich tot geschlagen worden sei. „Ich halte das nicht aus!“ antwortet Bosch.

Genau das ist der Punkt. Bosch will in dieser Welt für Gerechtigkeit sorgen – er nimmt die Dinge nicht einfach so hin und tröstet sich mit dem Gedanken an eine höhere Gerechtigkeit und ein besseres Leben im Jenseits. Diesen Selbstbetrug lässt er nicht zu. Die einzige Erlösung, die es in der Welt von Bosch gibt, liegt in seiner Arbeit, in der Aufklärung der Verbrechen, die auf seinem Schreibtisch landen. Und das finde ich so gut an dieser Figur und dieser Serie.

Der Pathologe und Bosch

Der Pathologe und Bosch

Im Grunde ist Bosch also immer bei der Arbeit, auch wenn er zuhause ist – Bosch hat dank eines seiner Fälle, den er vor Jahren als Drehbuch verkauft hat, ein für einen Bullen erstaunlich cooles Haus mit einem atemberaubenden Blick über LA. Außerdem fährt er, wie es sich für einen dermaßen aus der Zeit gefallenen Charakter gehört, einen ausladenden Oldtimer und er hat eine beachtliche Sammlung von Jazz-Platten. Was auch bedeutet, dass mir der Soundtrack zur Serie gefällt, ein weiterer wichtiger Pluspunkt.

Und ich finde total gut, dass Bosch eben kein Superheld ist, von denen es derzeit im Hollywoodkino wimmelt. Noch besser: Er ist auch kein exaltierter Antiheld wie Dexter, Hannibal oder Sherlock. Bosch ist ein sturer Bulle, der seinen Job macht. Und er macht diesen Job, so gut er kann, auch wenn seinem Chef nicht immer gefällt, was dabei heraus kommt. Wichtiger als Vorschriften sind Bosch seine eigenen Überzeugungen, für die er unerschütterlich eintritt, auch wenn die Konsequenzen schwer zu ertragen sind. Bosch hat es nicht nötig, sich hinter Regeln und Gesetzen zu verstecken, weil er weiß, was richtig und was falsch ist. Das macht ihn zu einem guten Ermittler, aber zu einem miserablen Politiker.

Vor allem wird Bosch immer misstrauisch, wenn es einfache Lösungen zu geben scheint – als der mutmaßliche Serienmörder Reynard Waits den mehr als zwanzig Jahre zurückliegenden Mord an jenem Jungen gesteht, vermutet Bosch gleich, dass der ihn nicht begangen haben kann.

Und genau wie Bosch vermutet hat, war Reynards Geständnis eine Finte, die der findige Psychopath nutzt, um die Polizei vorzuführen: Er verstrickt die Ermittler nach seiner Flucht in ein tödliches Katz- und Mausspiel. In den besseren Momenten der Serie fühlte ich mich sogar entfernt an die grandiose erste Staffel von True Detective erinnert – auch wenn Bosch insgesamt konventioneller und vorhersehbarer gestrickt ist, hier fehlte den Machern dann leider doch Mut für den ganz großen Wurf.

Insgesamt ist die Serie genau wie ihr Held Bosch: Altmodisch, aber stilsicher, sie setzt auf solides Handwerk statt auf technischen Schnickschnack. Natürlich hält Bosch stur an seinem einfachen Klapphandy fest, er vertraut seiner Erfahrung und nicht irgendwelchen Smartphone-Apps. Auch wenn er sich dann irgendwann doch von seiner Teenager-Tochter erklären lässt, wie man Skype benutzt, um mit ihr in Kontakt bleiben zu können. Bosch ist keine atemberaubende Meilenstein-Serie, die ihr Genre komplett neu definiert, sondern klassischer Qualitätskrimi mit nostalgischer Note.

Quantico – unterhaltsamer Terror-Trash

Quantico ist eine dieser Serien, mit denen ich prinzipiell ein Problem habe, weil sie von Menschen handelt, die sich ganz klar auf die Seite eines „Guten“ schlagen, das ich durchaus fragwürdig finde: Armee, Polizei, FBI, BKA, CIA, SEK, irgendeine Institution jedenfalls, die schon deshalb „gut“ sein soll, weil sie den Staat (und dessen Gewaltmonopol) repräsentiert. Und damit die Werte, die gemeinhin damit verbunden werden, Recht und Ordnung, Demokratie, Freiheit und so weiter – Dinge eben, für die es sich angeblich zu kämpfen lohnt. Und zwar mit allen Mitteln.

Gekämpft wird ständig in Quantico – auch wenn immer wieder reichlich unklar ist, wer gegen wen und warum. Aber eigentlich ist Quantico ein kleiner Ort in Virginia, der hauptsächlich aus einer Kaserne des Marine Corps besteht, auf dessen Gelände auch die FBI-Akademie liegt, um die es in der Serie geht. Hier werden neue FBI-Agenten ausgebildet – und wie man sich denken kann, landen hier nur die besten der besten, also wahnsinnig begabte, ehrgeizige junge Menschen, die den unwiderstehlichen Drang haben, Menschen, die USA und am besten gleich die ganze Welt zu retten.

Quantico Bild: prosieben.deQuantico Bild: prosieben.de

Quantico Bild: prosieben.de

Die talentierteste Anwärterin ihres Jahrgangs ist Alex Parrish (gespielt von der Bollywood-Schönheit Priyanka Chopra), die aber gleich am Anfang der Serie in eine ungeheure Verschwörung gerät, so dass sie als Hauptverdächtige für ein Attentat auf das Grand Central Terminal in New York gilt und ihre Fähigkeiten erstmal dazu einsetzen muss, zu beweisen, dass sie es nicht gewesen sein kann, indem sie die tatsächlichen Attentäter findet.

Das ist ziemlich dick aufgetragen und es gibt natürlich reichlich Verwicklungen und mehr oder weniger überraschende Wendungen, weil so ziemlich alle der hoffnungsvollen FBI-Anwärter dunkle Geheimnisse verbergen, die eigentlich beim üblichen Backgroundcheck hätten auffallen müssen. Die aber aus Gründen erst ans Licht kommen, wenn es dramaturgisch gerade passt. Die Serienmacher sind hier nicht gerade zimperlich – natürlich könnte es am Ende eigentlich jede und jeder gewesen sein. Und nach und nach entpuppt sich das ganze FBI als verlogene und ziemlich verrottete Institution – was in der Realität vermutlich stimmt, innerhalb der Serienlogik aber unglaubwürdig ist, denn trotz aller schlimmen Dinge, die passieren, retten die besseren unter den FBI-Leuten ja trotzdem ständig die Welt oder zumindest sich gegenseitig.

Am Ende wird ein ehemaliger FBI-Anwärter, der als Analyst gearbeitet hat, als Attentäter überführt – der behauptet aber, zu dieser Tat gezwungen worden zu sein und begeht Selbstmord. Kurz danach gibt es einen weiteren Anschlag – genau, wie Alex, die mittlerweile von allen für verrückt gehalten wird, vorausgesagt hat: Es gibt mindestens noch eine weitere Bombe. Und damit weitere mögliche Attentäter.

Quantico: Liam O'Connor (Josh Hopkins), Miranda Shaw (Aunjanue Ellis), Alex Parrish (Priyanka Chopra), Ryan Booth (Jake McLaughlin), Raina Amin (Yasmine Al Massri), Simon Asher (Tate Ellington), Caleb Haas (Graham Rogers) und Shelby Wyatt (Johanna Braddy)

Quantico: Liam O’Connor (Josh Hopkins), Miranda Shaw (Aunjanue Ellis), Alex Parrish (Priyanka Chopra), Ryan Booth (Jake McLaughlin), Raina Amin (Yasmine Al Massri), Simon Asher (Tate Ellington), Caleb Haas (Graham Rogers) und Shelby Wyatt (Johanna Braddy)

Das erinnert alles ziemlich an Homeland, nur eben mit FBI statt CIA – allerdings gleicht die Machart eher der ebenfalls klischeegetriebenen und krawalligen Anwaltsserie How To Get Away With Murder: Es gibt verschiedene Zeitebenen, wodurch die Handlung rasanter vorangetrieben werden kann. Einerseits wird rückblickend die Geschichte der FBI-Anwärter erzählt, die eine harte, aber gründliche Ausbildung durchlaufen, andererseits gibt es den Terror-Anschlag, der nach dem Dienstantritt des neuen FBI-Jahrgangs stattfindet. Mir geht diese Konstruktion allerdings zunehmend auf die Nerven, zumal ich es nicht leiden kann, wenn immer wieder längere Sequenzen in Ermangelung intelligenterer Einfälle einfach mit zu lauter und nicht mal guter Musik unterlegt werden. Wobei die Dialoge auch nicht besonders brillant sind – dabei sollte man doch eigentlich annehmen, dass es, wenn sich hochbegabte Alleskönner treffen, eine Menge interessanter Gesprächsthemen geben sollte, die über das übliche Wer-mit-wem- und Ich-bin-besser-Geschwätz hinausgehen. Oder zieht das FBI tatsächlich in erster Linie ehrgeizige Anti-Intellektuelle an? Dann verwundert es allerdings nicht, dass die Terroristen immer ein paar Schritte voraus sind.

Insbesondere in den ersten Teilen der Serie liegt der Focus allerdings auf der Ausbildung und dem Teambuilding in Quantico, wo sich die neuen FBI-Azubis erstmal zusammenraufen müssen. Da wären neben Alex Parrish Ryan Booth (Jake McLaughlin), mit dem Alex auf dem Weg nach Quantico schon ein heißes Date hatte, obwohl oder eher weil er gar nicht ihr Typ ist. Dann gibt es die sehr blonde, sehr reiche und sehr begabte Shelby Wyatt (Johanna Braddy), deren Eltern am 11. September 2001 umgekommen sind, den angeblich schwulen Juden Simon Asher (Tate Ellington), der verheimlicht, dass er schon in der israelischen Armee gedient hat, die moslemischen Zwillingen Nimah und Raina Amin (Yasmine Al Massri), die als eine Person auftreten sollen, die ehrgeizige Ex-Polizistin Natalie Vazquez (Annabelle Acosta) und Caleb Haas (Graham Rogers), der nur aufgenommen wurde, weil seine Eltern beide schon beim FBI waren – der sich am Ende aber als weniger doof heraus stellt, als er den Anschein erweckt.

Quantico - Alex in Aktion Bild: prosieben.de

Quantico – Alex in Aktion Bild: prosieben.de

Und dann gibt es noch Assistant Director Miranda Shaw (Aunjanue Ellis), die sich um ihren vorbestraften Sohn Charly sorgt, der plötzlich verschwindet sowie den Ausbilder Liam O’Connor (Josh Hopkins), der, wie eine Reihe anderer FBI-Agents auch, darunter leidet, vor Jahren einen verheerenden Anschlag nicht verhindert zu haben. Und wie sich herausstellt, einer der wenigen Menschen ist, die die wahre Identität von Alex Vater kennen: Der war nämlich früher Liams Chef und kam noch weniger mit dem Versagen seiner Institution klar als Liam. Ach ja, fast vergessen, Alex hatte eine traumatische Kindheit mit einem saufenden Vater, der ihre Mutter verprügelte – bis Alex ihn erschoss, um ihre Mutter zu beschützen. Die, wie Alex in Quantico herausfindet, möglicherweise mit dem pakistanischen Geheimdienst in Verbindung stand.

Subtil ist an dieser Serie gar nichts – und das Grande Finale der ersten Staffel ist so brachial spektakulär, dass man sich gar nicht mehr fragt, was der echte Attentäter, der im Laufe der vielen Folgen so ziemlich alle von Alex Mitbewerbern zu irgendwelchen schrecklichen Handlungen gezwungen hat, eigentlich für ein Motiv für eine dermaßen grauenhafte Tat haben könnte – immerhin kann man sich merken, dass die größte Gefahr für das FBI vom FBI selbst ausgeht. Was man unter Ironie verbuchen könnte, wenn man den Serienmachern so etwas unterstellen möchte und das tue ich definitiv nicht. Ich halte sie eher für schizophren: Diese schweinecoolen FBI-Leute sind so gut, dass sie sogar mit sich selbst fertig werden, wenns drauf ankommt. Und es kommt eigentlich immer drauf an.

Bleibt die Frage, warum ich mir das eigentlich angesehen habe? Vielleicht, weil Quantico plakativer Terror-Trash ist, den man sich einfach aus Spaß reinziehen kann, wenn man gerade nichts besseres vor hat. Und Priyanka Chopra als unkaputtbare Super-Agentin ist natürlich auch ein Argument.

Gomorrha 2: Der Anfang im Ende

Nach einigen Anläufen habe ich nun auch die zweite Staffel von Gomorrha gesehen – schon der erste Teil war dermaßen deprimierend, dass ich danach erstmal ein paar andere Serien sehen musste, um darüber hinweg zu kommen. Denn genau wie bei der ersten Staffel muss man sich wirklich darauf einlassen, sich in eine sehr düstere und freudlose Welt zu begeben, um dann unbedingt wissen zu wollen, wie schlimm alles noch kommen wird – und es kommt natürlich alles auch mindestens so schlimm wie man erwartet hat.

Nach dem blutigen Ende der ersten Staffel ist Genny Savastano damit beschäftigt, um sein Leben zu kämpfen, während sein Vater aus dem Gefängnis ausbricht und nach Deutschland flieht. Ciro hingegen lässt sich in einem Haus am Ende der Welt wieder, wo er sich mit seiner Familie vor den zahlreichen Feinden versteckt, die er sich gemacht hat – und pragmatisch wie er ist, versucht er nun, sich mit seinem Erzfeind Salvatore Conte zu verbünden: Beide müssen sie die Rache der Savastanos fürchten – warum dann nicht einfach zusammenarbeiten? Schließlich sind die Reihen ihrer Leute nach dem finalen Gemetzel deutlich reduziert, nur gemeinsam haben sie eine Chance gegen den noch immer einflussreichen Savastano-Clan.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Ciro schlägt Conte vor, als Großhändler für alle verbliebenen Dealerfamilien zu fungieren – dafür müsse er im Gegensatz zu den anderen keine Abgaben leisten: Den Profit aus seinem eigenen Territorium kann er allein einsacken. Und die anderen können dank der guten Qualität von Contes Stoff mehr verdienen – eine echt Win-Win-Situation. Conte lässt sich davon überzeugen.

Weniger gut läuft es für Ciro in privaten Dingen – seine Frau Deborah will dieses Leben in Angst und Unsicherheit nicht länger ertragen und macht ihm heftige Vorwürfe. Und Ciro stellt frustriert fest, dass ihm die ganzen Anstrengungen der letzten Jahre gerade mal eine Tasche mit 60.000 Euro eingebracht haben – ein lausiger Lohn für die ganzen schrecklichen Dinge, die er dafür auf sich genommen hat. Ciro beschließt, es damit nicht bewenden zu lassen: Er will zum neuen Mafiaboss von Neapel aufsteigen, koste es, was es wolle. Und weil seine Frau dabei nicht mitspielen will, erwürgt er sie in einem Anfall von Wut und Paranoia. Jetzt bleibt ihm nur noch seine Tochter, der er gerade die Mutter genommen hat. Typisch Gomorrha – und natürlich wird das auch noch schreckliche Konsequenzen haben.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Doch erstmal räumt der nun völlig abgestumpfte Ciro alle aus dem Weg, die ihm irgendwie in die Quere kommen, etwa die Wachen für den Geldtransporter, den er ausrauben muss, um das nötige Kleingeld für seine Geschäfte mit Conte zu beschaffen.

Derweil richtet sich Don Pie in Köln ein – in jenem kalten Scheißland, in dem Mafiabosse sich gern vor der italienischen Strafverfolgung verstecken. Der inzwischen genesene Genny stattet seinem Vater dort einen Besuch ab – aber es wird schnell klar, dass die beiden sich einander gründlich entfremdet haben und nicht mehr miteinander klar kommen. Während Genny inzwischen gelernt hat, selbst wie ein Anführer aufzutretenund zu handeln, verlangt sein Vater noch immer Gehorsam und Gefolgschaft von seinem Sohn, Pietro Savastano ist und bleibt ein knallharter Mafiaboss, dessen einziges Interesse ist, der einzige Boss zu sein.

Deshalb hört er auch nicht auf seinen Sohn, der ihn warnt, dass die konkurrierende N’Drangheta nicht zufrieden mit der Arbeit von Don Pies Kontaktmann Mico ist und ihn nach Mafiaart entsorgen will. Bei einem Waffengeschäft mit den Leuten kommt zum Eklat – Mico und seine Leute werden alle erschossen, den beiden Savastnos gelingt nur knapp die Flucht – hier erweist sich Genny als guter Sohn, der seinem verletztem Vater das Leben rettet. Was der Alte aber dermaßen selbstverständlich findet, dass er sich nicht mal bedankt und sich, während Genny in dem improvisierten Versteck ausschläft, von seinen Leuten abholen lässt: Don Pie lässt seinen Sohn einfach liegen und begibt sich auf den Heimweg: Auch in Deutschland ist ihm der Boden nun zu heiß geworden.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Für Genny ist die Botschaft klar: Er wird zuhause in Italien jetzt auf jeden Fall sein eigenes Ding machen. In Neapel werden die Dinge derweil immer unübersichtlicher – das Zweckbündnis von Ciro und Conte ist keineswegs von Harmonie geprägt, sondern es kommt immer wieder zu Reibereien, weil sich insbesondere die Leute von Ciro über den Tisch gezogen fühlen. Dazu kommt, dass die örtliche Gemeinde nicht froh über  die Entwicklung der Dinge ist, ein Priester bittet den strenggläubigen Conte sogar, etwas gegen die Dealer zu unternehmen, die rund um die Kirche ihren zerstörerischen Geschäften nachgehen. Natürlich unternimmt Conte nichts, denn er verdient zu gut an diesem Geschäft, er schlägt aber vor, dass der Padre eine Demo organisieren könne. Das tut der auch, was dazu führt, dass die Position von Ciros Leuten, die dort ja ebenfalls ihren Geschäften nachgehen weiter geschwächt wird. Ciro durchschaut Contes Taktik und ermahnt seine Leute, sich nicht provozieren zu lassen: Sie müssen auf einen Fehler von Conte warten, um ihn dann fertig zu machen.

So belauern sich einmal mehr alle gegenseitig und warten darauf, dass der Gegner zuerst zuckt, um dann um so heftiger zurückzuschlagen. Und Conte hat tatsächlich eine Schwäche: Seine geheime Liebe zu einer transsexuellen Sängerin. Das geht in Mafiakreisen überhaupt nicht, deshalb hat Conte noch eine Zweitfreundin, die er bei offiziellen Anlässen vorzeigen kann. Aber im Grunde weiß jeder Bescheid. Bei einer Feier, mit der Conte mit seiner Vorzeigefreundin erschienen ist, tritt auch seine echte Flamme als Sängerin auf – und sie wird von einem sehr unfreundlichem Publikum überaus anzüglich beleidigt. Conte ist natürlich nicht so blöd, gleich auszurasten, allerdings auch nicht so beherrscht, die Sache einfach auszusitzen. Schließlich wartet er, bis alle versammelt sind und rammt seinem vorlauten Vorarbeiter das Tortenmesser in die Hand. Außerdem nimmt er ihm seinen Verkaufsplatz weg und gibt ihn an einen Kollegen weiter – daraus ergibt sich für Ciro die Chance, den Frust von Contes Mann zu nutzen, um ihn auf seine Seite zu ziehen.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Am Ende ist Ciro damit erfolgreich – nach einer kirchlichen Prozession, an der Conte teilnimmt und sich gemeinsam mit anderen selbst geißelt, bis das Blut fließt, ist Conte eigentlich davon überzeugt, dass er Ciro in eine Falle gelockt hat. Doch es stellt sich heraus, dass Conte das Opfer des aktuellsten Komplotts ist – er wird in der Kirche ermordert, der er ein Madonnenbild geschenkt hat, das die Züge seiner Freundin trägt. So ist das eben: Nicht mal mehr die Kirche ist der Mafia noch heilig.

Auch sonst zeigt sich, dass über die Folgen der neuen Staffel so ziemlich alle Prinzipien alter Mafia-Ehre inzwischen außer Kraft gesetzt wurden – nicht nur die Kirche ist nicht mehr heilig, auch Familie zählt nicht mehr, weder die eigene und schon gar nicht die der anderen. Waren Frauen und Kinder früher tabu, so ist das nun vorbei. Vorbei ist es aber auch mit dem Glanz und der Herrlichkeit der Savastanos: Don Pie muss sich in einem kleinen Apartment in einem der vernachlässigten Wohnblocks in Scampi verstecken, jener heruntergekommenen Vorstadt von Neapel, deren Hässlichkeit und Elend die Serienmacher nutzen, um das traurige Innenleben ihrer Protagonisten mit ebenso treffenden wie ausdrucksstarken Bildern zu untermalen: Die Leute, die in diesem vergessenen Hinterhof von Europa ihr Leben fristen, haben keine andere Wahl, sie sind gezwungen, sich irgendwie durchzuschlagen und sich dabei mit der Mafia zu arrangieren. So auch das Rentnerpaar, das einen Teil seiner Wohnung für Don Pie abzweigen muss, der quasi eingemauert wird, um ihn vor seinen immer zahlreicheren Feinden zu schützen. Sein einziger Zugang zur Welt ist eine kleine Klappe, die hinter der Waschmaschine versteckt ist.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Durch diese Klappe muss Patricia kriechen, um den Don täglich mit Nahrung und Nachrichten zu versorgen, sie ist die Nichte eines der wenigen Getreuen, die Don Pie noch hat. Patricia tut es, um ihre jüngeren Geschwister abzusichern – ihr ist klar, dass das ein gefährlicher Job ist: Wenn jemand im Viertel dahinter kommt, was sie neben ihrem eigentlichen Job in einer kleinen Modeboutique noch tut, ist sie tot. Ironischerweise hat Patricia noch Glück, nach anfänglicher Skepsis findet Don Pie Gefallen an der intelligenten, jungen Frau, er bittet sie später sogar, bei ihm zu bleiben, als er wieder in sein luxuriöses Haus zurück zieht. Natürlich ist ein Leben mit Don Pietro nicht unbedingt etwas, wovon Frauen träumen – aber ein goldener Käfig ist immer noch besser als eine Gefängniszelle oder ein Grab.

Aber ich greife schon wieder viel zu weit vor – da wäre beispielsweise noch Genny, der sich mittlerweile in Rom eingerichtet hat. Er nutzt das Geld, das er mit dem Drogenhandel verdient, nun für solidere Geschäftsmodelle und steigt über seinen künftigen Schwiegervater in die Immobilienbranche ein: Dieses Geschäft ist um einiges ertragreicher und dabei auch noch viel weniger gefährlich für Leib und Leben: Genny wird nun selbst Vater und muss an die Sicherheit und Zukunft seiner eigenen Familie denken. Und der aufstrebende Mafioso demonstriert während der Hochzeit mit der Tochter seines neuen Förderers auch gleich, dass er sein Handwerk längst in Perfektion beherrscht – er liefert seinen Schwiegervater wegen Korruption ans Messer, weil er der alleinige Herrscher über das Imperium sein will: Ganz der Papa.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Der Papa stiftet unterdessen Unfrieden in Neapel – sein Ziel ist es, die brüchige Waffenruhe, die Ciro unter den konkurrierenden Dealer-Familien in seinem Territorium ausgehandelt hat, zu zerstören, damit er das Ruder wieder in die Hand nehmen kann: Die Leute sollen erkennen, dass nur er, der große Pietro Savastano für Ordnung und Ruhe sorgen kann. Und die Front bröckelt.

Das gibt reichlich Raum für interessante Nebenstränge – da ist beispielsweise die Patin Scianel – benannt nach dem Modelabel Chanel, deren Sohn Raffaele im Knast sitzt, weshalb sie sorgsam über dessen Frau wacht, die sie in der Wohnung gegenüber einsperrt, damit sie angemessen sehnsüchtig auf ihren Raffaele wartet. Hier haben wir eine weitere junge Frau im goldenen Käfig – und je eifersüchtiger Scianel über die Schritte ihrer Schwiegertochter wacht, desto vehementer versucht diese aus ihrem Käfig auszubrechen. Sie lässt sich mit dem Fahrer von Scianel ein, was natürlich kein gutes Ende nimmt. Scianel ist nämlich eine Hyäne, wie sie selbst erklärt: „denn bei den Hyänen herrschen die Frauen“.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Für die Männer läuft es tatsächlich nicht so gut in dieser Staffel, vor allem für die alten Patriarchen nicht: Auch wenn Don Pie einen weiteren Krieg anzettelt, der zahlreiche Opfer fordert, unter anderem Scianels Sohn Raffaele, als der endlich aus dem Knast kommt und schließlich sogar Ciros kleine Tochter Maria Rita – das ist eine der härtesten unter den zahlreichen harten Szenen dieser Serie – so ist seine Zeit längst abgelaufen: Der völlig desillusionierte Ciro und sein eigener Sohn Genny, den er so lange Zeit nicht für voll genommen und schlecht behandelt hat, verbünden sich gegen ihn. Am Ende erscheint nicht der erwartete Gennaro am verabredeten Ort auf dem Friedhof, sondern Ciro.

Als der alte Savastano realisiert, dass sein Sohn ihn verraten hat, stellt er fest: „Am Ende des Tages sind wir als hier!“ Dann schießt Ciro ihn nieder. Doch damit ist die Serie noch nicht vorbei – denn Gennys Sohn kommt zur Welt und bekommt einen Namen – Pietro. Es gibt also einen neuen Pietro Savastano, auch wenn der erstmal ein Baby ist. Warum nur habe ich das Gefühl, dass dem kleinen keine hoffnungsvolle Zukunft beschieden sein wird, obwohl seine Eltern stinkreich sind?!

Eine dritte und sogar ein vierte Staffel des Mafiadramas sind bereits beauftragt.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro

Westworld: Cyborg-Western mit echten Gefühlen

Der letzte Versuch mit einer Mischung aus Science-Fiction und Western war, soweit ich mich erinnere,  die Serie Firefly – mit der Fox im Jahr 2002 allerdings nicht den gewünschten Erfolg landen konnte, obwohl mir die Idee hinter Firefly ganz gut gefallen hat. Insofern war ich sehr gespannt auf Westworld. Hier geht es allerdings nicht um handfeste Hasardeure, die sich mit ihrem altersschwachen Raumschiff in neu besiedelten fernen Welten durchschlagen müssen, sondern um eine künstliche Welt, die auf der Erde geschaffen wird. Außerdem steht dieses Mal HBO dahinter – und HBO braucht zum absehbaren Ende von Game of Thrones einen neuen Serienhit.

Westworld hat tatsächlich die Chance, das nächste große Ding zu werden. Wobei die Idee mit intelligenten Robotern, die ein Eigenleben entwickeln, ja keine neue ist, das gab es schon in 2001 – Odyssee im Weltraum, Bladerunner oder in der (sehr sehenswerten) schwedischen Serie Real Humans. Aber nun kommt das Thema noch ein paar Nummer größer und komplexer – aber es wurde ja auch Zeit. Gute Science-Fiction-Serien sind derzeit Mangelware. Ascension war ein netter Versuch, der leider zu früh abgebrochen wurde, und Colony fand ich zwar ganz interessant, aber nicht wirklich überzeugend.

Westworld: Teddy Flood (James Marsden) und Dolores (Evan Rachel Wood) Bild: HBO

Westworld: Teddy Flood (James Marsden) und Dolores (Evan Rachel Wood) Bild: HBO

Die ersten beiden Folgen von Westworld hingegen sind sehr ermutigend – Person-of-Interest-Autor Jonathan Nolan könnte hiermit endlich seinen großen Durchbruch schaffen, denn Person of Interest war zwar nicht schlecht, aber eben auch noch nicht so richtig gut. Doch worum geht es in Westworld eigentlich?

Westworld ist ein Freizeitpark der Zukunft – eine Art begehbares Abenteuer-Spiel, in dem man in eine Western-Vergangenheit eintauchen kann, die einerseits hyperrealistisch ist, die es andererseits so aber nie gegeben hat: Alles ist erfunden. Sämtliche Figuren, die Westworld bevölkern, agieren wie echte Menschen, sind aber tatsächlich Cyborgs, die von den menschlichen Spielern nach Belieben misshandelt, verletzt, vergewaltigt und auch getötet werden können. Dabei leiden sie wie Menschen und es fließt auch eine Menge Blut. Damit alles überzeugend wirkt, sind auch die Roboter mit Waffen ausgestattet, allerdings sind sie damit nicht in der Lage, die zahlenden Gäste zu verletzen. Wenn das Gemetzel vorbei ist, werden sie zur Reparatur gebracht und gewartet, um dann nach entsprechenden Updates wieder eingesetzt zu werden.

Westworld: Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) und Bernard Lowe (Jeffrey Wright) Bild: HBO

Westworld: Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) und Bernard Lowe (Jeffrey Wright) Bild: HBO

Die Hauptperson, wenn man so will, ist Dolores (Evan Rachel Wood). Sie ist inzwischen der dienstälteste Roboter in Westworld und so oft repariert und mit Updates versehen worden, dass sie eigentlich überhaupt keine Identität mehr haben dürfte – aber ihre Schöpfer, der Westword-Gründer Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) und seine rechte Hand Bernard Lowe (Jeffrey Wright) sind versessen darauf, ihre Figuren so lebensecht wie nur möglich zu gestalten. Deshalb programmieren sie ihnen mit der Zeit auch Erinnerungen ein, die mit bestimmten kleinen Gesten verbunden sind – solche Details lassen sie tatsächlich wie Menschen wirken. Wie sich aber auch herausstellt, verhalten sich die mit den neuesten Updates versehenen Roboter gelegentlich anders als erwartet – sie scheinen sich tatsächlich an Dinge aus ihrer Vergangenheit zu erinnern, die sie eigentlich nach einer Überholung in der Werkstatt vergessen haben sollten.

Dolores beispielsweise wurde von ihren Schöpfern mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet, sie ist eine hübsche junge Frau, die das Schöne in der Welt sehen will und damit unweigerlich zum Schwarm aller Männer wird, sowohl ihrer Cyborg-Kollegen als auch der menschlichen Gäste, was diese allerdings nicht davon abhält, schreckliche Dinge zu tun – etwa ihren Verehrer Teddy Flood (James Madsen) zu erschießen, was gefühlt ungefähr alle fünfzehn Minuten passiert, oder ihren Vater, der dabei irreparabel zerstört und durch einen anderen Cyborg ersetzt wird – was Dolores allerdings gar nicht zu bemerken scheint: Sie ist in einer Zeitschleife gefangen und spult immer wieder ihr Programm ab. Bis sie sich unerwarteterweise an etwas zu erinnern scheint, was nicht in ihre trotz aller Gewalt doch irgendwie heile übersichtliche Welt passt.

Westworld: Der schwarze Reiter (Ed Harris) Bild: HBO

Westworld: Der schwarze Reiter (Ed Harris) Bild: HBO

Und es gibt ja auch eine andere Welt da draußen, die Welt der Westworld-Erfinder beispielsweise, die in einer futuristischen Zentrale über das Geschehen in Westworld wachen, was wiederum an The Hunger Games erinnert, wo sich junge Menschen zur Erheiterung des Publikums in einer riesigen, mit allerlei technischen Finessen versehenen Arena gegenseitig umbringen müssen, bis nur noch ein Gewinner übrig ist. So grausam ist die Welt von Westworld allerdings nicht, zumindest nicht für die menschlichen Spieler – sie sind einfach da, um Spaß zu haben und mal richtig die Sau rauszulassen: In Westworld dürfen sie all das ungestraft tun, was im echten Leben überhaupt nicht geht.

Und die Westword-Macher geben sich große Mühe, damit ihre zahlende Gäste gern wiederkommen, auch wenn anfangs noch nicht ganz klar ist, wie das alles wirklich funktioniert. Auf jeden Fall gibt es eine Geschäftsführerin – Sidse Babett Knudsen darf nun, nachdem sie in Borgen bereits Erfahrung als erste dänische Regierungschefin gesammelt hat, Chefin des coolsten Freizeitparks der Welt sein – die dafür sorgt, dass die Investoren zufrieden sind, einen überambitionierten Autor (Simon Quartermann als  Lee Sizemore), der sich ständig spektakuläre neue Handlungsstränge ausdenkt, was bei Dr. Robert Ford, der eher Wert aufs Detail legt, nicht unbedingt gut ankommt, und einen mysteriösen Dauergast (Ed Harris), der seit 30 Jahren immer wieder kommt und endlich Zugang zum ultimativen Superlevel erhalten will.

Westworld: Elsie Hughes (Shannon Woodward) Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen) Bild: HBO

Westworld: Elsie Hughes (Shannon Woodward) Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen) Bild: HBO

Er hat eine gewisse Narrenfreiheit, was er auch skrupellos ausnutzt, in der Westernwelt ist er der grausame dunkle Antiheld, der Angst und Schrecken verbreitet, um zu bekommen, was er will. Irgendwie ist diese Figur auch ein Seitenhieb auf den anspruchsvollen Serienfan, den Auskenner, der immer nach noch mehr verlangt – er hat alles schon gesehen, ist stolz darauf und deshalb schnell demonstrativ gelangweilt, andererseits hofft er auf das nächste ganz große Ding, das ihn, den abgebrühten Zyniker, am Ende doch noch mal herausfordert und überrascht.

Dann gibt es auch noch die anderen Gäste, die das Abenteuer ihre Lebens erleben und sich dabei in der Regel schlecht benehmen. Und schließlich natürlich die ganzen Cyborgs, die zunehmend merkwürdige Fehlfunktionen entwickeln: Hinter Westworld scheint irgendwie noch etwas ganz anderes zu stecken, aber es wird vermutlich noch ein paar Folgen (oder gar Staffeln) dauern, bis klar wird, worum es noch gehen könnte.

Westworld: Maeve Millay (Thandy Newton) Bild: HBO

Westworld: Maeve Millay (Thandy Newton, links) Bild: HBO

Wobei natürlich auch nach der ersten Folge klar wird, dass Westworld auf verschiedenen Ebenen statt findet: Es gibt die Handlungsstränge in Westworld, die Geschichten der Hosts selbst, also der Gastgeber, wie die menschlichen Roboter offiziell genannt werden – sie erzählen einander und natürlich auch den Gästen, woher sie kommen (aus der alten Welt beispielsweise) und wie sie angeblich in dieser Westernstadt gelandet sind. Wobei unter den Menschen durchaus schon mal die Frage gestellt wird, was es eigentlich für einen Nutzen haben soll, dass die Roboter miteinander reden, wenn gar keine Gäste anwesend sind. „Dann üben sie, das ist gut, um sie zu verbessern!“ erklärt Bernard Lowe, der sich überhaupt sehr für das kognitive Eigenleben seiner Geschöpfe interessiert. Und dann gibt es die Geschichte der Westword-Erfinder, so trinkt Dr. Ford beispielsweise gern mit seinen Cyborg-Veteranen, die er für Westworld erschaffen hat. Außerdem gibt es natürlich auch noch die Gäste, die sehr unterschiedlich mit ihrer erkauften Freiheit in der alternativen Realität von Westworld umgehen.

Wie auch bei Real Humans geht es in Westworld vor allem um die Frage, was Menschlichkeit am Ende ausmacht: Ist es okay, lebensechte Nachbildungen von Menschen zu quälen und zu töten? Ab wann gilt ein Individuum als menschlich? Kann und muss man mit einem Roboter Mitleid haben, wenn er drauf programmiert ist, Schmerz zu empfinden und zu leiden? Und was sagt es über Menschen aus, wenn sie perfekte Abbilder ihrer Selbst erschaffen, nur, um sie zur allgemeinen Belustigung zu zerstören? Westworld stellt viele Fragen und überlässt es den Zuschauern, sie zu beantworten.

Das ist eine Serie nach meinem Geschmack – zumal sowohl die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen in der Westernwelt als auch das kühle Raumschiff-Ambiente des Westworld-Hauptquartiers eine grandiose Kulisse für die viel versprechende Story abgeben. Westworld hat auf jeden Fall das Potenzial für ein nächstes großes Ding – ich bin sehr gespannt, wie sich die Serie in den kommenden Folgen entwickelt.

How To Get Away With Murder

Dieses Jahr ist ein Jahr der dritten Staffeln, fällt mir gerade auf: Dritte Staffel Tyrant, dritte Staffel Silicon Valley, dritte Staffel Halt and Catch Fire, dritte Staffel Empire, dritte Staffel Transparent und dritte Staffel How To Get Away With Murder – es gibt bestimmt noch mehr, aber ich kann ja nicht alles sehen. Dabei fällt mir auf, dass ich noch gar nichts zu How To Get Away With Murder geschrieben habe.

Vielleicht weil das Konzept der Serie für meinen Geschmack eigentlich zu reißerisch ist – ich habe durchaus einen Faible für Anwaltsserien, insbesondere, wenn dabei die herkömmliche Vorstellung von Gerechtigkeit infrage gestellt wird, wie zuletzt in The Night Of. Aber die Macher von How To Get Away With Murder setzen mehr auf visuelle Rasanz als auf subtile Beobachtung und auf raffinierte Zeitsprünge statt penibler Analyse. Und auf eine gnadenlos geniale Protagonistin – Viola Davis ist als Annalise Keating absolut sehenswert: Professor Keating ist eine kantige Antiheldin, ebenso intelligent wie arrogant, absolut moralfrei und auf spröde Weise unglaublich sexy.

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Die ebenso umstrittene wie brillante Strafverteidigerin rekrutiert in ihrer Vorlesung, die kühn mit How To Get Away With Murder überschrieben ist, die jeweils besten Studentinnen und Studenten, die ihr dann unentgeltlich in ihrer Kanzlei zur Hand gehen dürfen, um verzwickte Fälle für Keating zu lösen. Denn das ist ganz klar die Vorgabe: Es geht nicht um Gerechtigkeit und schon gar nicht um die Wahrheit, sondern darum, den Mandanten rauszuhauen und den Prozess, koste es, was es wolle, zu gewinnen.

Dabei ist alles erlaubt – insofern verwundert es wenig, dass sich in Keatings Kanzlei nicht unbedingt die emphatischen und gewissenhaften unter Keatings Studenten versammeln, sondern die skrupellosen und karrieregeilen: Da wären Connor Walsh (Jack Falahee), ein schwuler Schönling, der seine Attraktivität nutzt, um andere Männer zu manipulieren, der reiche Schnösel Asher Millstone, Sohn eines einflussreichen Richters, die ehrgeizige Streberin Michaela Pratt (Aja Naomi), die nicht weniger ehrgeizige Laurel Castillo (Karla Souza) und schließlich Wes Gibbons (Alfred Enoch), „der Welpe“, der intelligent und engagiert ist, aber irgendwie nicht in diese Gruppe zu passen scheint: Den anderen – und auch ihm selbst – ist nicht ganz klar, warum Keating Wes als fünften Kandidaten für den Gewinn des Hauptpreises des Semesters zulässt. Normalerweise bekommen nur vier Studenten in die Auswahl, am Ende des Semesters die begehrte Statue der Justitia zu gewinnen, die dann in der Prüfung gegen einen Freischuss eingetauscht werden kann.

Wer bekommt die begehrte Statue? Bild: abc.go.com

Wer bekommt die begehrte Statue? Bild: abc.go.com

Aber auch Wes stürzt sich in die Arbeit – und es im Laufe der Zeit wird natürlich noch einiges klar: Gerade mit Wes scheint Keating noch einiges vor zu haben. Denn auch wenn sich How To Get Away With Murder von Folge zu Folge mit neuen Fällen beschäftigt, die Keatings Team auf Trab halten, so gibt zusätzlich es eine starken Spannungsbogen über die komplette erste Staffel und darüberhinaus – das Studententeam muss nämlich auch eine Leiche verschwinden lassen und das gerade erworbene Wissen für sich selbst anwenden, um davon zu kommen. Die dafür nötigen Hauptschritte der Manipulation vor Gericht haben sie bereits gelernt: 1. Diskreditiere die Zeugen. 2. Präsentiere einen neuen Verdächtigen. 3. Vergrabe die Beweise. Und last but not least: Überschütte die Geschworenen mit dermaßen vielen Informationen, dass sie am Ende nur noch ein Gefühl haben: Zweifel.

Aber weil nicht alle die geborenen Teamspieler sind und es sich eben ganz anders anfühlt, wenn man selbst betroffen ist, ist keineswegs klar, ob dieses Wissen allein ausreicht – oder nicht doch einer aus dem Team die Nerven verliert und, um sich selbst zu retten, die anderen auffliegen lässt. Insofern ist How To Get Away With Murder extrem spannend – während viele andere vertrackte Fälle zu lösen sind, muss ein nicht weniger verzwickter Fall vertuscht werden. Dass sich dabei immer neue Abgründe auftuen, verwundert wenig – natürlich ist am Ende fast alles anders, als es anfangs schien.

Das wird genauso plakativ umgesetzt, wie es klingt, was für mich auch die große Schwäche der Serie ist: Die Zuschauer werden eben auch mit dermaßen vielen widersprüchlichen Informationen überschüttet, dass einem am Ende schon wieder egal ist, wer was getan oder auch nicht getan hat, weil es in der nächsten Szene ja ohnehin wieder eine radikale Wendung gibt, weil eins der beteiligten Superhirne wieder einen neuen Beweis, Zeugen oder was auch immer aus dem Hut zaubert, mit dem der ganze Fall kippt. Das spannende ist eher, wie weit der oder diejenige jeweils geht, um die benötigte Information zu beschaffen – und in der Wahl der Mittel waren die Serienmacher letztlich nicht sonderlich kreativ, hier wird meisten Betörung und Sex eingesetzt. Und praktischerweise ist die neue Flamme von Connor ein Computerexperte, mit dessen Hilfe sich so allerlei illegal erhacken lässt, zumal er nach anfänglichen Skrupeln auch noch Spaß an der ganzen Sache bekommt.

Immerhin: Auch die anfangs doch recht stereotypen Protagonisten machen alle für sich ganz interessante Entwicklungen durch – selbst die knallharte Annalise Keating nimmt irgendwann allein vor dem Spiegel ihre perfekt gestylte Maske ab – ohne Make-up und Perücke sehen wir eine ohne Illusionen gealterte Frau, die in den Abgrund ihres eigenen Lebens blickt: Auch Annalise Keating ist nur ein Mensch. Mit menschlichen Schwächen, auch wenn sie die meistens sehr gut im Griff hat. Aber noch besser hat sie die Schwächen der anderen im Griff. Und das, so stellt sich mit der Zeit auch heraus, durchaus zu deren Vorteil: Annalise verlangt zwar unbedingten Einsatz, steht aber genau so loyal hinter ihren Helfern, wie diese hinter ihr stehen. Andererseits hat Annalise auch keine Skrupel, auch Menschen, die ihr nahestehen, zu benutzen, wenn es ihr vor Gericht Vorteile bringt.

Annalise Keating und ihr Team Bild: vox.de

Annalise Keating und ihr Team Bild: vox.de

How To Get Away With Murder ist halt eine dieser Serien, in der es keine einzige wirklich sympathische Hauptfigur gibt, sondern die von der Faszination der schönen, intelligenten Bestie und einer rasant vorangetriebenen Handlung lebt. Das nervt mich am Ende dann doch ziemlich – natürlich sind alle Menschen auf ihre Weise egoistisch und selbstbezogen, aber die allerwenigsten optimieren dermaßen knallhart auf ihren eigenen Vorteil wie die Protagonisten von How To Get Away With Murder: Dazu sind echte Menschen am Ende nämlich zu gutgläubig und zu konfliktscheu – die wollen vor allem in Ruhe gelassen werden oder einfach mal was aus Spaß machen. Was sich am Ende auch als unendlich dumm herausstellen kann, aber so sind Menschen eben.

Mit fällt gerade auf, dass genau das mich auch an House of Cards genervt hat: Alle Protagonisten sind dermaßen berechnend und durchtrieben, dass sich jedes Detail am Ende als Teil eines großen Plans entpuppt – Killerschach eben: Jeder Zug ist die Voraussetzung für den nächsten Zug, und am Ende gilt es, den Gegner zu vernichten. Aber genau das macht es mir schwer, länger dabei zu bleiben, es fehlt eben die eigentlich menschliche Dimension – in Breaking Bad macht der ja auch geniale und knallhart auf seinen Vorteil optimierende Walter White trotzdem immer wieder unglaublich dämliche Fehler, etwa wenn er aus Frust den neuen Sportwagen seines Sohnes auf einem öffentlichen Parkplatz abfackelt oder aus sentimentaler Eitelkeit ein Buch auf dem Klo liegen lässt, in das eins seiner Opfer eine persönliche Widmung geschrieben hat.

Das würde Annalise Keating nie passieren. Und genau deshalb ist How To Get Away With Murder zwar eine interessante und durchaus unterhaltsame Serie, aber eben keine von den richtig guten.