How To Get Away With Murder

Dieses Jahr ist ein Jahr der dritten Staffeln, fällt mir gerade auf: Dritte Staffel Tyrant, dritte Staffel Silicon Valley, dritte Staffel Halt and Catch Fire, dritte Staffel Empire, dritte Staffel Transparent und dritte Staffel How To Get Away With Murder – es gibt bestimmt noch mehr, aber ich kann ja nicht alles sehen. Dabei fällt mir auf, dass ich noch gar nichts zu How To Get Away With Murder geschrieben habe.

Vielleicht weil das Konzept der Serie für meinen Geschmack eigentlich zu reißerisch ist – ich habe durchaus einen Faible für Anwaltsserien, insbesondere, wenn dabei die herkömmliche Vorstellung von Gerechtigkeit infrage gestellt wird, wie zuletzt in The Night Of. Aber die Macher von How To Get Away With Murder setzen mehr auf visuelle Rasanz als auf subtile Beobachtung und auf raffinierte Zeitsprünge statt penibler Analyse. Und auf eine gnadenlos geniale Protagonistin – Viola Davis ist als Annalise Keating absolut sehenswert: Professor Keating ist eine kantige Antiheldin, ebenso intelligent wie arrogant, absolut moralfrei und auf spröde Weise unglaublich sexy.

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Die ebenso umstrittene wie brillante Strafverteidigerin rekrutiert in ihrer Vorlesung, die kühn mit How To Get Away With Murder überschrieben ist, die jeweils besten Studentinnen und Studenten, die ihr dann unentgeltlich in ihrer Kanzlei zur Hand gehen dürfen, um verzwickte Fälle für Keating zu lösen. Denn das ist ganz klar die Vorgabe: Es geht nicht um Gerechtigkeit und schon gar nicht um die Wahrheit, sondern darum, den Mandanten rauszuhauen und den Prozess, koste es, was es wolle, zu gewinnen.

Dabei ist alles erlaubt – insofern verwundert es wenig, dass sich in Keatings Kanzlei nicht unbedingt die emphatischen und gewissenhaften unter Keatings Studenten versammeln, sondern die skrupellosen und karrieregeilen: Da wären Connor Walsh (Jack Falahee), ein schwuler Schönling, der seine Attraktivität nutzt, um andere Männer zu manipulieren, der reiche Schnösel Asher Millstone, Sohn eines einflussreichen Richters, die ehrgeizige Streberin Michaela Pratt (Aja Naomi), die nicht weniger ehrgeizige Laurel Castillo (Karla Souza) und schließlich Wes Gibbons (Alfred Enoch), „der Welpe“, der intelligent und engagiert ist, aber irgendwie nicht in diese Gruppe zu passen scheint: Den anderen – und auch ihm selbst – ist nicht ganz klar, warum Keating Wes als fünften Kandidaten für den Gewinn des Hauptpreises des Semesters zulässt. Normalerweise bekommen nur vier Studenten in die Auswahl, am Ende des Semesters die begehrte Statue der Justitia zu gewinnen, die dann in der Prüfung gegen einen Freischuss eingetauscht werden kann.

Wer bekommt die begehrte Statue? Bild: abc.go.com

Wer bekommt die begehrte Statue? Bild: abc.go.com

Aber auch Wes stürzt sich in die Arbeit – und es im Laufe der Zeit wird natürlich noch einiges klar: Gerade mit Wes scheint Keating noch einiges vor zu haben. Denn auch wenn sich How To Get Away With Murder von Folge zu Folge mit neuen Fällen beschäftigt, die Keatings Team auf Trab halten, so gibt zusätzlich es eine starken Spannungsbogen über die komplette erste Staffel und darüberhinaus – das Studententeam muss nämlich auch eine Leiche verschwinden lassen und das gerade erworbene Wissen für sich selbst anwenden, um davon zu kommen. Die dafür nötigen Hauptschritte der Manipulation vor Gericht haben sie bereits gelernt: 1. Diskreditiere die Zeugen. 2. Präsentiere einen neuen Verdächtigen. 3. Vergrabe die Beweise. Und last but not least: Überschütte die Geschworenen mit dermaßen vielen Informationen, dass sie am Ende nur noch ein Gefühl haben: Zweifel.

Aber weil nicht alle die geborenen Teamspieler sind und es sich eben ganz anders anfühlt, wenn man selbst betroffen ist, ist keineswegs klar, ob dieses Wissen allein ausreicht – oder nicht doch einer aus dem Team die Nerven verliert und, um sich selbst zu retten, die anderen auffliegen lässt. Insofern ist How To Get Away With Murder extrem spannend – während viele andere vertrackte Fälle zu lösen sind, muss ein nicht weniger verzwickter Fall vertuscht werden. Dass sich dabei immer neue Abgründe auftuen, verwundert wenig – natürlich ist am Ende fast alles anders, als es anfangs schien.

Das wird genauso plakativ umgesetzt, wie es klingt, was für mich auch die große Schwäche der Serie ist: Die Zuschauer werden eben auch mit dermaßen vielen widersprüchlichen Informationen überschüttet, dass einem am Ende schon wieder egal ist, wer was getan oder auch nicht getan hat, weil es in der nächsten Szene ja ohnehin wieder eine radikale Wendung gibt, weil eins der beteiligten Superhirne wieder einen neuen Beweis, Zeugen oder was auch immer aus dem Hut zaubert, mit dem der ganze Fall kippt. Das spannende ist eher, wie weit der oder diejenige jeweils geht, um die benötigte Information zu beschaffen – und in der Wahl der Mittel waren die Serienmacher letztlich nicht sonderlich kreativ, hier wird meisten Betörung und Sex eingesetzt. Und praktischerweise ist die neue Flamme von Connor ein Computerexperte, mit dessen Hilfe sich so allerlei illegal erhacken lässt, zumal er nach anfänglichen Skrupeln auch noch Spaß an der ganzen Sache bekommt.

Immerhin: Auch die anfangs doch recht stereotypen Protagonisten machen alle für sich ganz interessante Entwicklungen durch – selbst die knallharte Annalise Keating nimmt irgendwann allein vor dem Spiegel ihre perfekt gestylte Maske ab – ohne Make-up und Perücke sehen wir eine ohne Illusionen gealterte Frau, die in den Abgrund ihres eigenen Lebens blickt: Auch Annalise Keating ist nur ein Mensch. Mit menschlichen Schwächen, auch wenn sie die meistens sehr gut im Griff hat. Aber noch besser hat sie die Schwächen der anderen im Griff. Und das, so stellt sich mit der Zeit auch heraus, durchaus zu deren Vorteil: Annalise verlangt zwar unbedingten Einsatz, steht aber genau so loyal hinter ihren Helfern, wie diese hinter ihr stehen. Andererseits hat Annalise auch keine Skrupel, auch Menschen, die ihr nahestehen, zu benutzen, wenn es ihr vor Gericht Vorteile bringt.

Annalise Keating und ihr Team Bild: vox.de

Annalise Keating und ihr Team Bild: vox.de

How To Get Away With Murder ist halt eine dieser Serien, in der es keine einzige wirklich sympathische Hauptfigur gibt, sondern die von der Faszination der schönen, intelligenten Bestie und einer rasant vorangetriebenen Handlung lebt. Das nervt mich am Ende dann doch ziemlich – natürlich sind alle Menschen auf ihre Weise egoistisch und selbstbezogen, aber die allerwenigsten optimieren dermaßen knallhart auf ihren eigenen Vorteil wie die Protagonisten von How To Get Away With Murder: Dazu sind echte Menschen am Ende nämlich zu gutgläubig und zu konfliktscheu – die wollen vor allem in Ruhe gelassen werden oder einfach mal was aus Spaß machen. Was sich am Ende auch als unendlich dumm herausstellen kann, aber so sind Menschen eben.

Mit fällt gerade auf, dass genau das mich auch an House of Cards genervt hat: Alle Protagonisten sind dermaßen berechnend und durchtrieben, dass sich jedes Detail am Ende als Teil eines großen Plans entpuppt – Killerschach eben: Jeder Zug ist die Voraussetzung für den nächsten Zug, und am Ende gilt es, den Gegner zu vernichten. Aber genau das macht es mir schwer, länger dabei zu bleiben, es fehlt eben die eigentlich menschliche Dimension – in Breaking Bad macht der ja auch geniale und knallhart auf seinen Vorteil optimierende Walter White trotzdem immer wieder unglaublich dämliche Fehler, etwa wenn er aus Frust den neuen Sportwagen seines Sohnes auf einem öffentlichen Parkplatz abfackelt oder aus sentimentaler Eitelkeit ein Buch auf dem Klo liegen lässt, in das eins seiner Opfer eine persönliche Widmung geschrieben hat.

Das würde Annalise Keating nie passieren. Und genau deshalb ist How To Get Away With Murder zwar eine interessante und durchaus unterhaltsame Serie, aber eben keine von den richtig guten.

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