Westworld: Cyborg-Western mit echten Gefühlen

Der letzte Versuch mit einer Mischung aus Science-Fiction und Western war, soweit ich mich erinnere,  die Serie Firefly – mit der Fox im Jahr 2002 allerdings nicht den gewünschten Erfolg landen konnte, obwohl mir die Idee hinter Firefly ganz gut gefallen hat. Insofern war ich sehr gespannt auf Westworld. Hier geht es allerdings nicht um handfeste Hasardeure, die sich mit ihrem altersschwachen Raumschiff in neu besiedelten fernen Welten durchschlagen müssen, sondern um eine künstliche Welt, die auf der Erde geschaffen wird. Außerdem steht dieses Mal HBO dahinter – und HBO braucht zum absehbaren Ende von Game of Thrones einen neuen Serienhit.

Westworld hat tatsächlich die Chance, das nächste große Ding zu werden. Wobei die Idee mit intelligenten Robotern, die ein Eigenleben entwickeln, ja keine neue ist, das gab es schon in 2001 – Odyssee im Weltraum, Bladerunner oder in der (sehr sehenswerten) schwedischen Serie Real Humans. Aber nun kommt das Thema noch ein paar Nummer größer und komplexer – aber es wurde ja auch Zeit. Gute Science-Fiction-Serien sind derzeit Mangelware. Ascension war ein netter Versuch, der leider zu früh abgebrochen wurde, und Colony fand ich zwar ganz interessant, aber nicht wirklich überzeugend.

Westworld: Teddy Flood (James Marsden) und Dolores (Evan Rachel Wood) Bild: HBO

Westworld: Teddy Flood (James Marsden) und Dolores (Evan Rachel Wood) Bild: HBO

Die ersten beiden Folgen von Westworld hingegen sind sehr ermutigend – Person-of-Interest-Autor Jonathan Nolan könnte hiermit endlich seinen großen Durchbruch schaffen, denn Person of Interest war zwar nicht schlecht, aber eben auch noch nicht so richtig gut. Doch worum geht es in Westworld eigentlich?

Westworld ist ein Freizeitpark der Zukunft – eine Art begehbares Abenteuer-Spiel, in dem man in eine Western-Vergangenheit eintauchen kann, die einerseits hyperrealistisch ist, die es andererseits so aber nie gegeben hat: Alles ist erfunden. Sämtliche Figuren, die Westworld bevölkern, agieren wie echte Menschen, sind aber tatsächlich Cyborgs, die von den menschlichen Spielern nach Belieben misshandelt, verletzt, vergewaltigt und auch getötet werden können. Dabei leiden sie wie Menschen und es fließt auch eine Menge Blut. Damit alles überzeugend wirkt, sind auch die Roboter mit Waffen ausgestattet, allerdings sind sie damit nicht in der Lage, die zahlenden Gäste zu verletzen. Wenn das Gemetzel vorbei ist, werden sie zur Reparatur gebracht und gewartet, um dann nach entsprechenden Updates wieder eingesetzt zu werden.

Westworld: Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) und Bernard Lowe (Jeffrey Wright) Bild: HBO

Westworld: Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) und Bernard Lowe (Jeffrey Wright) Bild: HBO

Die Hauptperson, wenn man so will, ist Dolores (Evan Rachel Wood). Sie ist inzwischen der dienstälteste Roboter in Westworld und so oft repariert und mit Updates versehen worden, dass sie eigentlich überhaupt keine Identität mehr haben dürfte – aber ihre Schöpfer, der Westword-Gründer Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) und seine rechte Hand Bernard Lowe (Jeffrey Wright) sind versessen darauf, ihre Figuren so lebensecht wie nur möglich zu gestalten. Deshalb programmieren sie ihnen mit der Zeit auch Erinnerungen ein, die mit bestimmten kleinen Gesten verbunden sind – solche Details lassen sie tatsächlich wie Menschen wirken. Wie sich aber auch herausstellt, verhalten sich die mit den neuesten Updates versehenen Roboter gelegentlich anders als erwartet – sie scheinen sich tatsächlich an Dinge aus ihrer Vergangenheit zu erinnern, die sie eigentlich nach einer Überholung in der Werkstatt vergessen haben sollten.

Dolores beispielsweise wurde von ihren Schöpfern mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet, sie ist eine hübsche junge Frau, die das Schöne in der Welt sehen will und damit unweigerlich zum Schwarm aller Männer wird, sowohl ihrer Cyborg-Kollegen als auch der menschlichen Gäste, was diese allerdings nicht davon abhält, schreckliche Dinge zu tun – etwa ihren Verehrer Teddy Flood (James Madsen) zu erschießen, was gefühlt ungefähr alle fünfzehn Minuten passiert, oder ihren Vater, der dabei irreparabel zerstört und durch einen anderen Cyborg ersetzt wird – was Dolores allerdings gar nicht zu bemerken scheint: Sie ist in einer Zeitschleife gefangen und spult immer wieder ihr Programm ab. Bis sie sich unerwarteterweise an etwas zu erinnern scheint, was nicht in ihre trotz aller Gewalt doch irgendwie heile übersichtliche Welt passt.

Westworld: Der schwarze Reiter (Ed Harris) Bild: HBO

Westworld: Der schwarze Reiter (Ed Harris) Bild: HBO

Und es gibt ja auch eine andere Welt da draußen, die Welt der Westworld-Erfinder beispielsweise, die in einer futuristischen Zentrale über das Geschehen in Westworld wachen, was wiederum an The Hunger Games erinnert, wo sich junge Menschen zur Erheiterung des Publikums in einer riesigen, mit allerlei technischen Finessen versehenen Arena gegenseitig umbringen müssen, bis nur noch ein Gewinner übrig ist. So grausam ist die Welt von Westworld allerdings nicht, zumindest nicht für die menschlichen Spieler – sie sind einfach da, um Spaß zu haben und mal richtig die Sau rauszulassen: In Westworld dürfen sie all das ungestraft tun, was im echten Leben überhaupt nicht geht.

Und die Westword-Macher geben sich große Mühe, damit ihre zahlende Gäste gern wiederkommen, auch wenn anfangs noch nicht ganz klar ist, wie das alles wirklich funktioniert. Auf jeden Fall gibt es eine Geschäftsführerin – Sidse Babett Knudsen darf nun, nachdem sie in Borgen bereits Erfahrung als erste dänische Regierungschefin gesammelt hat, Chefin des coolsten Freizeitparks der Welt sein – die dafür sorgt, dass die Investoren zufrieden sind, einen überambitionierten Autor (Simon Quartermann als  Lee Sizemore), der sich ständig spektakuläre neue Handlungsstränge ausdenkt, was bei Dr. Robert Ford, der eher Wert aufs Detail legt, nicht unbedingt gut ankommt, und einen mysteriösen Dauergast (Ed Harris), der seit 30 Jahren immer wieder kommt und endlich Zugang zum ultimativen Superlevel erhalten will.

Westworld: Elsie Hughes (Shannon Woodward) Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen) Bild: HBO

Westworld: Elsie Hughes (Shannon Woodward) Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen) Bild: HBO

Er hat eine gewisse Narrenfreiheit, was er auch skrupellos ausnutzt, in der Westernwelt ist er der grausame dunkle Antiheld, der Angst und Schrecken verbreitet, um zu bekommen, was er will. Irgendwie ist diese Figur auch ein Seitenhieb auf den anspruchsvollen Serienfan, den Auskenner, der immer nach noch mehr verlangt – er hat alles schon gesehen, ist stolz darauf und deshalb schnell demonstrativ gelangweilt, andererseits hofft er auf das nächste ganz große Ding, das ihn, den abgebrühten Zyniker, am Ende doch noch mal herausfordert und überrascht.

Dann gibt es auch noch die anderen Gäste, die das Abenteuer ihre Lebens erleben und sich dabei in der Regel schlecht benehmen. Und schließlich natürlich die ganzen Cyborgs, die zunehmend merkwürdige Fehlfunktionen entwickeln: Hinter Westworld scheint irgendwie noch etwas ganz anderes zu stecken, aber es wird vermutlich noch ein paar Folgen (oder gar Staffeln) dauern, bis klar wird, worum es noch gehen könnte.

Westworld: Maeve Millay (Thandy Newton) Bild: HBO

Westworld: Maeve Millay (Thandy Newton, links) Bild: HBO

Wobei natürlich auch nach der ersten Folge klar wird, dass Westworld auf verschiedenen Ebenen statt findet: Es gibt die Handlungsstränge in Westworld, die Geschichten der Hosts selbst, also der Gastgeber, wie die menschlichen Roboter offiziell genannt werden – sie erzählen einander und natürlich auch den Gästen, woher sie kommen (aus der alten Welt beispielsweise) und wie sie angeblich in dieser Westernstadt gelandet sind. Wobei unter den Menschen durchaus schon mal die Frage gestellt wird, was es eigentlich für einen Nutzen haben soll, dass die Roboter miteinander reden, wenn gar keine Gäste anwesend sind. „Dann üben sie, das ist gut, um sie zu verbessern!“ erklärt Bernard Lowe, der sich überhaupt sehr für das kognitive Eigenleben seiner Geschöpfe interessiert. Und dann gibt es die Geschichte der Westword-Erfinder, so trinkt Dr. Ford beispielsweise gern mit seinen Cyborg-Veteranen, die er für Westworld erschaffen hat. Außerdem gibt es natürlich auch noch die Gäste, die sehr unterschiedlich mit ihrer erkauften Freiheit in der alternativen Realität von Westworld umgehen.

Wie auch bei Real Humans geht es in Westworld vor allem um die Frage, was Menschlichkeit am Ende ausmacht: Ist es okay, lebensechte Nachbildungen von Menschen zu quälen und zu töten? Ab wann gilt ein Individuum als menschlich? Kann und muss man mit einem Roboter Mitleid haben, wenn er drauf programmiert ist, Schmerz zu empfinden und zu leiden? Und was sagt es über Menschen aus, wenn sie perfekte Abbilder ihrer Selbst erschaffen, nur, um sie zur allgemeinen Belustigung zu zerstören? Westworld stellt viele Fragen und überlässt es den Zuschauern, sie zu beantworten.

Das ist eine Serie nach meinem Geschmack – zumal sowohl die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen in der Westernwelt als auch das kühle Raumschiff-Ambiente des Westworld-Hauptquartiers eine grandiose Kulisse für die viel versprechende Story abgeben. Westworld hat auf jeden Fall das Potenzial für ein nächstes großes Ding – ich bin sehr gespannt, wie sich die Serie in den kommenden Folgen entwickelt.

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