Designated Survivor: Plötzlich Präsident

Es ist gewiss kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt eine Serie wie Designated Survivor auf die Bildschirme kommt: Angesichts der absurden US-Wahlkampf-Parodie mit den wenig überzeugenden Scripted-Reality-Darstellern Hillary Clinton und Donald Trump wünscht man sich tatsächlich, dass noch irgendetwas total Unvorhersehbares passiert, das einen vergleichsweise vernünftigen Kandidaten ins weiße Haus bringen könnte. (Auch wenn ich theoretisch gut fände, wenn eine Frau US-Präsidentin würde, finde ich ausgerechnet Hillary problematisch – was sie als Politikerin in Libyen oder der Ukraine angerichtet hat, ist himmelschreiend. Aber Trump ist natürlich in so ziemlich jeder Beziehung total indiskutabel. Kein Wunder, dass sich viele Amis lieber einen Weltuntergang wünschen als die Wahl eines dieser beiden KanditatInnen)

In Designated Survivor ist es ein Anschlag auf das Kapitol, in dem gerade die Ansprache des Präsidenten zur Lage der Nation stattfindet – sämtliche Politiker von Rang und Namen sind dort versammelt und werden praktischerweise alle auf einen Schlag getötet. Nur eben der für diesen Abend bestimmte Designated Survivor, der wenig einflussreiche Minister für Stadtentwicklung und Wohnungsbau Tom Kirkman (Kiefer Sutherland), der ohnehin auf der Abschlussliste war und demnächst aus dem Kabinett fliegen sollte, überlebt planmäßig.

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Und genau wie es das Protokoll für diesen extrem unwahrscheinlichen Fall vorsieht, wird er umgehend an einen noch sicheren Ort verfrachtet, vereidigt und in die Amtsgeschäfte eingeführt: Das mächtigste Land der Welt braucht jetzt einen starken Führer, der die Zügel in die Hand nehmen kann. Doch ob der freundliche Brillenträger im grauen Kapuzenpulli der richtige für diesen Job ist?

Das bezweifeln die meisten. Doch die haben jetzt keine Wahl: Die USA erleben ein neues 9/11 und brauchen jemanden, der bereit ist, jetzt Stärke und Entschlossenheit zu demonstrieren. Kirkman, der pflichtbewusste Familienvater übernimmt die Verantwortung – nicht ohne sich mit seiner Frau Alex (Natascha McElhone) zu beraten, die praktischerweise Anwältin ist. Und eine gewisses Geschick im Umgang mit Menschen scheint Tom Kirkman schon zu haben – er schafft es, seine Tochter telefonisch zu überreden, jetzt endlich ins Bett zu gehen – auch wenn seine Frau ihn rügt, dass er Penny keine Versprechungen machen solle, der er nicht halten könne. „Hey, wir sind in Washington – hier macht man nur Versprechen, die man nicht halten kann!“ erwidert Tom grinsend. Aber da weiß er noch nicht, dass gleich Schluss mit lustig sein wird.

Außerdem stellt sich heraus, dass Tom eine persönliche Assistentin hat, die ziemlich gut in ihrem Job ist und er schafft es auch, Seth Wright (Kal Penn) einen professionellen Redenschreiber des Weißen Hauses auf seine Seite zu ziehen, der zwar erst große Bedenken hat, sich dann aber als Glücksgriff für Tom erweist. Seth weiß nicht nur, wie man die gierige Pressemeute bändigt, sondern ist auch noch durch Herkunft und Aussehen der ideale Vermittler zwischen dem aufgebrachten weißen Establishment und der muslimischen Minderheit, die nach dem Anschlag sofort unter Generalverdacht gestellt wird. Denn es gibt Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund für die verheerende Attacke.

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Allerdings gibt es an dieser Version auch Zweifel: Die FBI-Agentin Hannah Wells (Maggie Q), die selbst einen Freund bei dem Anschlag verloren hat, bleibt trotz scheinbar deutlicher Hinweise auf einen islamitischen Hintergrund des Anschlags skeptisch – die Spuren sind zu eindeutig, sie hat das Gefühl, manipuliert zu werden. Und es wird ein Überlebender gefunden – Peter MacLeish (Ashley Zukerman), ein junger Kongress-Abgeordneter aus Oregon. Natürlich stellt sich gleich die Frage: Warum hat ausgerechnet er überlebt?

Und dann gab es noch einen weiteren Designated Survivor, nämlich die republikanische Kongressabgeordnete Kimble Hookstraten (Virginia Madsen), die Tom erstmal unterstützt, aber selbstverständlich eine eigene Agenda verfolgt. Aber Tom ist jetzt nunmal Präsident der USA und trotz aller Unsicherheit ist er gewillt, diese Aufgabe, so gut er kann, hinzukriegen. Kirkman mag bisher ein eher farbloser Typ gewesen sein – aber er ist kein Mann der voreiligen Schlüsse und er lässt sich auch nicht von den Militärs überrumpeln, die jetzt gern nach außen Stärke demonstrieren wollen.

Das ist einerseits sympathisch, und Tom kann erstmal damit punkten, dass er nicht als der Präsident in die Geschichte eingehen will, der als erste Amtshandlung einen neuen Krieg vom Zaun gebrochen hat. Doch Tom verspielt diese Sympathie allerdings auch ziemlich schnell wieder, in dem er dann doch auf Härte und Konsequenz setzt: Als Gouverneur James Royce (Michael Gaston) in Michigan damit anfängt, einen Polizeistaat zu etablieren, der systematisch gegen Moslems vorgeht, will Tom das unterbinden, in dem er die Nationalgarde wegen Rebellion einsetzt. Nur verweigert die Nationalgarde dem nichtgewählten Präsidenten Kirkman genauso den Gehorsam wie der starrsinnige Gouverneur. Kirkman ist Politiker genug um zu kapieren, dass er jetzt ein Exempel statuieren muss: Wenn er sich jetzt nicht durchsetzt, werden ihm alle anderen auch auf der Nase herumtanzen. Und man muss nicht 24 gesehen haben, um zu wissen, dass Tom Kirkman sich durchsetzen wird, denn sonst wäre die Serie jetzt schnell vorbei: Natürlich setzt Kirkman sich durch, auch wenn seine persönliche Assistentin Emily Rhodes (Italia Ricci) ziemlich entsetzt darüber ist, dass Kirkman etwas anderes tut, als er ihr gesagt hat.

Aber er tut dann auch noch ganz andere Dinge, die er anfangs auf keinen Fall tun wollte – ich habe jetzt die ersten fünf Episoden gesehen und muss sagen, dass ich mit den letzen beiden, „The Enemy“ und  „The Mission“ nicht zufrieden war, während ich den Auftakt ziemlich stark fand. Aber es kommt ja noch einiges auf uns zu – ABC ist von einer ersten Bestellung von 13 später auf 22 Teile für die erste Staffel gegangen. Ich weiß nicht, ob das eine gute Nachricht ist.

Designated Survivor: Die Crew Bild: abc.com

Designated Survivor: Die Crew Bild: abc.com

Ich persönlich bin ja eher ein Fan des gepflegten 10-Teilers. Okay, es dürften auch 12 oder 13 Teile sein, wenns gut genug ist. Aber die 10-Teiler sind in der Regel deutlich besser als die Serien mit 22 bis 23 Folgen: Bei so vielen Episoden gibt es zwangsläufig immer Füllepisoden, denen man einfach anmerkt, dass sie eigentlich überflüssig sind und die eigentliche Geschichte nicht voran bringen – das ist genau die Art Fernsehen, die ich nicht mehr sehen will.

Das ist auch ein Grund, warum ich 24 nie komplett ansehen werde – das kostet einfach zu viel Zeit und ich finde die Serie dafür einfach nicht gut genug – ich habe mir ungefähr die Hälfte der ersten Staffel angesehen – die für ihre Zeit ja tatsächlich innovativ war, aber damals total an mir vorbei gegangen ist. Vermutlich, weil es die Streaming-Portale noch nicht gab und ich prinzipiell nichts mit Werbeunterbrechung ansehe. Damit weiß ich jetzt aber trotzdem genug, um zu wissen, wer Jack Bauer ist. Und dann habe ich natürlich auch die erste Hälfte der 8. Staffel gesehen, mit Jürgen Prochnow als Sergei Bazhaev und Rami Malek als Marcos Al-Zakar.

Insofern überrascht nicht, dass die für den Anschlag verdächtige Terror-Gruppe Al-Sakar genannt wird – wie der Selbstmord-Attentäter aus 24. Ich hoffe aber sehr, dass der von Skrupeln geplagte Politiker Tom Kirkman dem Super-Agenten Jack Bauer nicht allzu ähnlich wird, wobei, von vielerlei Sorgen geplagte Familienväter sind sie ja beide. Es kann also noch sehr viel schief gehen.

In Deutschland startet Designated Surviver am 6. November auf Netflix.

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