Rote Schubkarre: Zur Abwechslung mal Buchkritik

Als echtes Mr-Robot-Fangirl habe ich mir natürlich das Buch zur Serie kaufen müssen – obwohl ich, ehrlich gesagt, sonst nie Bücher zur Serie kaufe. Okay, zu Heimat 3 habe ich mir das Drehbuch gekauft, weil ich mich zu der Zeit sehr für Drehbücher interessiert habe und Heimat nach wie vor eine der besten deutschen Serien überhaupt ist. Nun aber eps1.91_redwheelbarr0w.txt von Sam Esmail und Courtney Looney.

Das ist ja auch so eine Art Ergänzung zum Drehbuch für Staffel 2. Und ich muss sagen, es ist das Geld wirklich wert – nicht nur, weil das Buch wirklich mit Liebe zum Detail gestaltet ist: Schon an der (für mich nicht immer leicht zu lesenden) Handschrift ist zu erkennen, wie Elliot gerade drauf ist. Und es gibt eine ganze Menge interessanter Dinge, die zwischen den Seiten zu finden sind, herausgerissene Zeitungsartikel, ein Flyer von der Kirchengruppe, eine Postkarte von Darlene und so weiter. Und dann hat es natürlich angebrannte Ecken, weil Hot Carla erst es in letzter Minute gerettet hat – wir haben in der zweiten Staffel ja gesehen, dass Elliot sein Tagebuch angezündet hat. Doch entgegen Carlas Gewohnheiten, alle Bücher, die sie liebt, zu verbrennen, hat sie sich zu unserem Glück entschieden, Elliots Tagebuch vor den Flammen zu retten.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Das war extrem freundlich von ihr, denn wir erfahren dadurch unter anderem auch mehr über Elliots Verhältnis zu Hot Carla – schließlich handelt es sich bei ihr um einen der wenigen Menschen im Knast, für den Elliot sich ernsthaft interessiert und das gilt offenbar auch anders herum. Natürlich ist die wichtigste Bezugsperson dort Leon – und durch Elliots Aufzeichnungen wird klar, dass Elliot tatsächlich keine Ahnung hat, wer Leon ist. Elliot wundert sich allerdings darüber, dass Leon ihn zu mögen scheint und seine Nähe sucht, obwohl er eben Elliot ist und meistens nicht mit ihm redet – aber wir wissen ja, dass Elliot nicht gern mit anderen Menschen redet. Was genau genommen nicht stimmt, denn mit seinem unsichtbaren Freund redet er ja fast die ganze Zeit. Leon jedenfalls scheint es nicht zu stören, ihm reicht es, dass er jemanden hat, der ihm zuhört. Und darin ist Elliot gut.

So weit ich mich erinnere, war das ein Punkt, den ich mich der zweiten Staffel gestört hat: Ein Teil meines Vergnügens an den ersten Folgen waren nämlich Elliots erfrischend ehrliche und entlarvende Kommentare, mit denen er uns seine wahren Gedanken über alles mögliche mitgeteilt hat. In der zweiten Staffel fehlte mir das: Elliot erklärt zwar eine ganze Menge und es gibt einige sehr schöne Elliot-Kommentare, etwa über das hinterhältige Wesen organisierter Religion, den er eher versehentlich in seiner Kirchengruppe ablässt, aber insgesamt ist das, was Elliot uns mitteilt, in der zweiten Staffel deutlich weniger lustig als in der ersten. Das macht das Buch tatsächlich wieder wett – hier gibt es jede Menge Elliot-Gedanken über alles Mögliche, von Fernsehserien bis zu gesunder Ernährung und es macht einfach Spaß, sie zu lesen.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Elliot ist weiterhin ein aufmerksamer Beobachter dessen, was um ihn herum passiert – bekanntlich ist Elliot gut darin, Menschen zu lesen. Und im Knast wimmelt es von Menschen. Er denkt auch immer wieder darüber nach, dass es wohl ziemlich narzisstisch von ihm sei, sich selbst und seine Gedanken so wichtig zu nehmen, um alles aufzuschreiben. Aber er macht das ja nicht zum Spaß – er will einfach die Kontrolle über sich selbst und sein Leben zurück, wobei er sich auch fragt, warum er so verzweifelt versucht, normal zu sein. Oder will er nicht lieber glücklich sein? Und ist das nicht normal, weil alle Menschen glücklich sein wollen, auch wenn es ihnen oft nicht gelingt? Elliot ist ja selbst keineswegs gut darin und Mr. Robot sabotiert seine entsprechenden Bemühungen immer wieder, obwohl Elliot sich mit seinem Knastaufenthalt ja auf die absoluten Grundbedürfnisse – das bloße Überleben – herunter gefahren hat.

Es ist schon faszinierend, dass so ein Kontrollfreak wie Elliot immer wieder die Kontrolle über sich verliert – Mr. Robot ist ja genau der Teil seiner selbst, den Elliot nicht kontrollieren kann. Und Mr. Robot ist wirklich gemein, auch das Buch wird mit der Zeit immer düsterer – man erfährt mehr über seinen inneren Kampf mit Mr. Robot, der ab und zu übernimmt und auch einen Kommentar schreibt – das erkennt man an den Großbuchstaben. Und auch Hot Carla kommentiert gelegentlich mit Rotstift – schließlich hat sie das Tagebuch gerettet und erklärt damit auch, warum sei das getan hat.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

So ganz easy ist der Knastalltag für Elliot nämlich nicht, wie er uns jetzt mitteilt. Er muss sich anfangs durchaus Mühe geben, um seine eigene Realität zu erschaffen, in der er im Haus seiner Mutter ist – er skizziert es im Buch, damit wir wissen, wie es dort aussieht. Anders hält er es einfach nicht aus, denn er ist jetzt von wirklich unangenehmen Typen umgeben und kann hier so schnell nicht mehr raus. Andererseits hat er sich das so ausgesucht, um noch unangenehmeren Situationen zu entgehen. Und diese eine Wächterin erinnert ihn tatsächlich an seine Mutter: Immer beleidigt und verbittert. Elliot wettet, dass sie heimlich viel raucht, vermutlich Slims.

Doch als er seine alternative Realität erfolgreich etabliert hat, wird vieles, was er erlebt, plötzlich Teil davon, etwa, als Carla ihn im Hof eine Zigarette anbietet und sie einfach wie alte Freunde miteinander rauchen und schweigen – und Elliot schon wieder erschrocken darüber ist, wie einfach er die Situation in seinem Kopf zu einer anderen zu machen kann. Aber hat er nicht ab und zu auch mal einen glücklichen Moment verdient? Gleichzeitig ist er sich die ganze Zeit sehr wohl darüber bewusst, was er da tut. Genau wie er sich darüber bewusst ist, dass er Mr. Robot nicht entkommen kann. Manchmal träumt Elliot auch in Code und und fragt sich, ob er nicht doch ein Roboter ist.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne WinterMr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Das ist im Buch nicht weniger aufreibend als in der Serie – denn Mr. Robot manövriert Elliot immer wieder in brenzlige Situationen, weil es ihn nervt, dass die Dinge nicht voran gehen. Es gibt eine markante Stelle, in der Elliot beschreibt, dass Darlene ihn besucht hat. Elliot beschreibt seine kleine Schwester als ziemlich harsch und ruppig, so ist sie eben, aber sie treibt die Dinge voran. Und er stellt fest, dass es definitiv einen anarchistischen Zug in seiner Familie gibt – Elliot ist sich auch sicher, dass dieser ganze f-society-Bullshit, über den Darlene jetzt berichtet, ziemlich lächerlich ist, und Darlene das sehr wohl weiß – auch wenn sie natürlich nicht darüber reden können. Und Elliot vermeidet auch, Klarnamen in sein Tagebuch zu notieren, denn er weiß ja, das Unbefugte mitlesen können. (Hier kommentiert Carla, dass sie Darlene gewiss mögen würde, wenn sie sie treffen könnte.)

Danach gibt es einen in Großbuchstaben geschriebenen Eintrag – daran erkennt man, dass Mr. Robot übernommen hat, Elliot schreibt auch immer HE oder HIM, wenn er ihn meint – in dem Mr. Robot mitteilt, dass er erfreut und erleichtert ist, dass wenigstens eine aus der Alderson-Familie ihr Ding durchzieht und Papa damit sehr stolz macht. Elliot hingegen macht er das Leben zunehmend zur Hölle, je näher man dem Ende kommt, desto krasser werden die Übergriffe, denen Elliot ausgesetzt ist – natürlich kann er es auch im Knast nicht lassen, seine Nase in die Probleme anderer Leute zu stecken und bringt sich in wirklich gefährliche Situationen, etwa weil er beschlossen hat, Hot Carla zu helfen, die von einer üblen Gang gemobbt wird.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Für Elliot endet die Sachen damit, dass er statt Küchen- oder Wäscherei-Dienst zu schieben, die Gefängnis-Klos sauber machen muss – was natürlich eine Steilvorlage für sehr hässliche Szenen in einer extrem unangenehmen Umgebung ist, gegen die selbst die hässlichen Szenen in jenem Keller aus der zweiten Staffel nur Pille-Palle sind. Doch, ich bleibe dabei – das Buch ist eine interessante Ergänzung zur  Serie, die Fans gewiss neue Einblicke ermöglicht – vor allem, wenn sie, wie ich, detailverliebte Fetischisten sind, die sich einfach darüber freuen, wenn sich Menschen mit Dingen, die sie lieben, viel Mühe geben.

Und weil Mühe allein nicht genügt, dann auch noch etwas Schönes draus machen. Die gebundene Ausgabe kostet bei Amazon neu derzeit 18,95. Äh, ja, Euro. Und ich empfehle die gebundene Version, nicht die Kindle-Variante, auch wenn ich eigentlich einen Kindle habe und den auch praktisch finde. Für normale Bücher. Aber eben nicht für dieses Buch. Ohne die ganzen Zettel zwischen den Seiten ist es einfach nur das halbe Vergnügen.

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Einer der besseren Oliver-Stone-Filme: Snowden

Mit Oliver-Stone-Filmen ist das so eine Sache, es gibt schon welche, die ich richtig gut finde, U Turn beispielsweise ist ein meiner Ansicht nach total unterschätztes Meisterwerk, und Savages ist alles in allem auch ein guter Film, in dem ein paar freundliche und geniale Freaks versuchen, ausgerechnet im knallharten Drogengeschäft eine Art alternativen Kapitalismus einzuführen. Aber so funktioniert diese Welt halt nicht, wie sie brutalstmöglich erfahre müssen. Und dass Stone die Fidel-Castro-Doku Comandante gemacht hat, finde ich in Zeiten eines irrationalen Antikommunismus, der das realsozialistische, aber noch immer real existentierende Kuba als Zielscheibe hat, mehr als beachtlich – zumal Stone Fidel als nachdenklichen und durchaus sympathischen Landesvater porträtiert, dem vor allem am Wohlergehen der Leute in seinem Land gelegen ist – was gewiss auch zutrifft. Über Donald J. Trump könnte man einen ähnlichen Film unmöglich machen.

Aber dann gibt es auch wieder Filme, die ich schrecklich finde, gerade diese Patrioten-Filme über den Vietnam-Krieg, die ja auch irgendwie kritisch sein wollen, aber eigentlich vor allem zeigen, wie übel den armen Männern mitgespielt wird, die sich für ihr Land und ihre Sache opfern.  Anstatt zu hinterfragen, was das denn für eine bescheuerte Einstellung ist, die sie überhaupt in dieses Schlamassel gebracht hat – damit habe ich echt ein Problem. Denn hier wird letztlich ja bestätigt, dass das irgendwie eine gute Sachen gewesen ist, die sämtliche Opfer irgendwie rechtfertigen würde, wenn man nur mit den eigenen Jungs korrekt umgegangen wäre – was aber die böse US-Regierung nicht getan hat. Insofern habe ich natürlich auch ein Problem mit Snowden. Also nicht, weil ich annehmen würde, dass die US-Regierung eigentlich total menschenfreundlich wäre – das ist übrigens keine Regierung auf der Welt, und gerade die demokratisch gewählten können dabei besonders übel drauf sein, denn sie wurden ja vom Volk gewählt und exekutieren somit Volkes Willen, was per se gut sein muss, auch wenn die Leute das nicht so empfinden.

Und das macht die Causa Snowden auch so krass: Hier wird ein Mann als Verräter an die Wand gestellt, der ja nun wirklich ein hoffnungsloser Patriot ist und sich für die gute Sache opfert – das ist einerseits unglaublich bescheuert, weil es ihm von den entscheidenden Leuten nicht gedankt wird, im Gegenteil. Andererseits ist das aber auch wieder irgendwie – ja, ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll, aber es bewegt mich, und ich bewundere Menschen, die sich in vollem Bewusstsein der schrecklichen Konsequenzen trotzdem hinstellen und sich sagen, einer muss es ja tun. Und es tun, weil sie es können. NSA-Geheimnisse zum Beispiel kann ja nur einer verraten, der sie kennt.

Wobei ich aber auch sagen muss, dass ich den Film als Film ziemlich gut fand – ich hatte im Vorfeld ziemlich viel Negatives gehört und gelesen, insofern war ich jetzt positiv überrascht. Was erwartet man denn von einem Spielfilm über einen solchen Typen? Natürlich wird da eine Story nach dramaturgisch interessanten Gesichtspunkten aufbereitet – nur so funktioniert ein Spielfilm, mit dem man Menschen ins Kino locken will. Wenn man wissen will, wie das mit Snowden denn jetzt wirklich gewesen ist, kann man sich Citizenfour ansehen. Was ich auch ausdrücklich empfehle, das ist die Doku dazu – und zwar eine ziemlich gute. Nebenbei setzt Oliver Stone ja auch Laura Poitras (gespielt von Melissa Leo) ein Denkmal, die Citizenfour gemacht hat.

Der Film von Oliver Stone allerdings ist schon eine Art aktualisierter Neuauflage von Geboren am 4. Juli, was nicht unbedingt für diesen Film spricht – aber andererseits wird eben auch gezeigt, dass es in dieser Welt beim besten Willen keinen Grund gibt, der rechtfertigen würde, die Geheimdienste tun zu lassen, was sie tun können: Nämlich alle und jeden auf der Welt ständig zu überwachen. Und genau deswegen wird der konservative Patriot Edward Snowden auch zum Verräter. Oder zum Freiheitshelden, je nach Betrachtungsweise.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Meiner Ansicht nach hat Stone Edward Snowden nicht mal übertrieben glorifiziert – er beschreibt einen cleveren jungen Mann, der seinem Land dienen will, was ich persönlich ziemlich fragwürdig finde. Ich finde es gut, Menschen zu helfen und dafür einzutreten, die Lebensumstände aller zu verbessern.  Aber für einen Staat einzutreten, der – und das muss einem intelligenten Menschen wie Snowden doch auch klar sein, in allererster Linie versucht, dem Rest der Welt seine eigenen Interessen aufzuzwingen – das ist bornierter Patriotismus und das lehne ich ab. Da kann man sich ja auch gleich „Make Germany Great Again“ aufs T-Shirt drucken. Und leider gibt es mehr als genug Dumpfbacken, die sich das endlich wieder trauen wollen. Aber ich schweife ab.

Wer ist also Edward Snowden? Zuallererst einmal ein blasser Streber, der sich unter dem Eindruck von 9/11 freiwillig zur Army meldet, er will zu den Special Forces und sein Land verteidigen. Doch Ed ist einfach zu schwach – während des harten Trainings erleidet er Ermüdungsbrüche in den Beinen, weshalb er gegen seinen Willen ausgemustert wird. Aber es gäbe da noch andere Möglichkeiten, seinem Land zu dienen, erklärt ihm ein Kontaktmann der CIA – er sei doch ganz gut mit Computern? Ed macht also einen Eignungstest für die CIA – und eigentlich würde er den nicht bestehen, wie sein Prüfer ihm andeutet – aber sie bräuchten jetzt genau solche Typen wie ihn. Also bekommt Ed eine Chance.

Und die nutzt er und löst die Aufgabe, die den Prüflingen gestellt wird, nicht in den dafür vorgesehenen fünf bis acht Stunden, sondern in 38 Minuten. „Sie haben nicht gesagt, in welcher Reihenfolge ich das bearbeiten soll, da habe ich schon mal…“ – keine Frage, Ed bekommt den Job, und er ist wirklich gut darin. Offenbar ist Ed ein begnadeter Programmierer, der Spaß daran hat, alles, was er tut, so effizient wie möglich zu erledigen – und das stellt sich dann auch als fatal heraus, als er später feststellen muss, dass ein Programm, das von ihm eigentlich als Backup-Lösung entworfen wurde, dazu benutzt wird, um das Überwachen beliebiger Menschen einfacher zu machen. Das gefällt ihm nicht.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shaylene Woolley) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shailene Woodley) Bild: http://www.snowden-film.de

Und dann lernt Ed auch noch ein Mädchen kennen. Lindsay (Shailene Woodley) ist sexy, liberal und offen, all das, was Ed nicht ist, aber so gern wäre – und weil er ja ein intelligenter junger Mann ist, der vielleicht ein bisschen blass ist – sein Spitzname im Job ist Schneewittchen – aber eigentlich nicht hässlich, interessiert sich Lindsay für ihn, sie verliebt sich sogar in ihn – und er sich in sie. Ich erinnere mich, einige Kritiken gelesen zu haben, die gerade diesen Teil der Geschichte irgendwie blöd fanden „Im Bett mit Edward Snowden“ – „wollen wir ihm wirklich beim Sex zusehen?“

Aber die haben meines Erachtens nicht kapiert, worum es dabei eigentlich geht – natürlich ist es eigentlich gar nicht dermaßen spannend, wie das Sexleben des vermutlich bekanntesten Whistleblowers der Welt aussieht, und ich nehme an, dass es tatsächlich eher unspektakulär ist, wobei ich es Ed total gönne, überhaupt eins zu haben. Die Sexszene ist wichtig, weil ein offenbar inaktiver Laptop aufgeklappt auf dem Tisch steht und Ed weiß, dass die Kamera aktiv sein könnte, auch wenn das Kameralicht nicht leuchtet – er weiß eben auch, dass das ein Trick ist: Die Menschen fühlen sich unbeobachtet und genau das macht die Überwachung so effektiv.

Und er ist ein Teil dieser Überwachungsmaschinerie und fühlt sich zunehmen schuldig – vor allem, weil er irgendwann eifersüchtig wird und anfängt, seine eigene Freundin zu überwachen – was er gegenüber der internen Untersuchungskommission auch gesteht: Ja, er hat die NSA-Programme tatsächlich für sich selbst genutzt, über die vorgesehen Zwecke hinaus. Aber genau deshalb weiß er auch, wie groß die Versuchung ist. Und er ist ja einer der Gewissenhaften. Was, wenn ein weniger mit Skrupeln belasteter Mensch anfängt, die Maschinerie für seine Zwecke zu nutzen?

Es gibt eine Szene in der vierten Staffel von House of Cards, in der genau diese Frage gestellt wird – da noch für den vergleichsweise harmlosen Zweck die US-Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. (Hahaha) Frank Underwoods Gegenkandidat hat gute Beziehungen zum Chef einer Suchmaschine – zwar nicht Google, aber immerhin: Mit der Auswertung der Suchdaten kann Will Conway seine Kampagne auf das, was die Leute wollen, optimieren. Natürlich kotzt Frank das an – aber er ist ja bereits Präsident der USA. „Was ist schon eine Suchmaschine gegen die NSA?“ fragt er und fängt an, eine Bedrohung zu konstruieren, die es ihm erlaubt, auf die schier unendlichen Möglichkeiten des Überwachungsapparates zurückzugreifen, die unter anderem der engagierte Programmierer Edward Snowden mit geschaffen hat.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

In der Serie ist das noch eine coole Wendung, bei der einem die Gänsehaut über den Rücken läuft. Im Film Snowden macht das überhaupt keinen Spaß, weil man weiß, dass es eben keine Fiktion ist, sondern die schreckliche Realität. Die Botschaft ist nicht, dass auch ein blasser Nerd wie Ed tatsächlich auch eine Freundin haben kann, die mit ihm schläft – die Botschaft ist, dass Sex quasi ungeschützt vor den Geheimdiensten stattfindet, wenn ein Computer im Raum ist, dessen integrierte Kamera und Mikrofone nicht extra blockiert werden, damit die Überwachung nicht so einfach ist. Und dass Ed damit ein Problem hat. Bestimmt ist das nicht der entscheidende Punkt, warum er irgendwann tut, was er zu tun hat. Aber genau damit wird gezeigt, wie wenig Privatsphäre heute noch wert ist: Sie ist im Grunde nicht mehr vorhanden, wenn man sie sich nicht extra erschafft.

Die Art, wie Snowden mit diesen Dingen an die Öffentlichkeit gegangen ist, zeigt auch, dass er intensiv darüber nachgedacht haben muss, was danach passieren wird. Und dass er zu dem Schluss gekommen ist, dass er die ganzen Daten, die er aus dem System geschmuggelt hat, eben nicht einfach Wikileaks zuspielen kann, damit sie unkommentiert veröffentlicht werden, weil das zu gefährlich ist. Das ist übrigens auch, was ich an Wikileaks ausdrücklich kritisiere – man kann bestimmte Informationen nicht einfach veröffentlichen. Transparenz ist gut, aber nicht, wenn sie Menschenleben bedroht. Der Glaube, dass alles gut würde, wenn nur jeder über alles informiert wäre, ist bestenfalls naiv, tatsächlich aber vollkommen bescheuert.

Snowden hat sich stattdessen einer Auswahl von in diesen Dingen besonders qualifizierten Journalisten anvertraut – was definitiv für ihn spricht. Das ist es auch, was ein Assange nicht kapiert: Quellenschutz ist wichtig, ja, geradezu existenziell. Genau deshalb gibt es ja eben auch Journalisten – Menschen, die sich, wenn sie ihren Job ernst nehmen, eben einen Kopf machen, was man veröffentlichen kann und was nicht. Und die auch darüber nachdenken, wie man was veröffentlicht. Was nicht heißen soll, dass es tatsächlich eine unabhängige Presse gibt als vierte Gewalt im Staat gibt, die zu unrecht als Lügenpresse diffamiert wird: Natürlich folgen auch Journalisten Interessen – es hat sich gerade bei der US-Präsidentschaftwahl gezeigt, dass „die Presse“ auch komplett versagen kann: Die Vorstellung, ein Donald Trump könne US-Präsident werden, schien den maßgeblichen Redakteuren einfach zu absurd.

Und genau das zeigt eben auch die Grenzen dieser vierten Gewalt: So einfach geht das nicht mit der Propaganda. Aber zurück zu Snowden: Der hat sich auf die Kernkompetenzen ausgewählter Profis verlassen und ich denke, dass das gut war – und das kommt im Film meiner Ansicht nach auch gut rüber.

Genau wie die Überraschung der ehemaligen Förderer, die feststellen müssen, dass ihr Schützling sich ganz anders als erwartet entwickelt hat. Und ich finde es erbärmlich, dass sich der Friedensnobelpreisträger Barack Obama nicht dazu durchringen konnte, den Landesverräter Edward Snowden zu begnadigen – damit hätte er nun wirklich mal ein Zeichen setzen können. Aber ein Obama ist eben auch nur so ein US-Politfunktionär, der die Interessen seiner Nation zu verteidigen hat, auch wenn das gegen das Interesse von so ziemlich allen Menschen im Rest der Welt geht.

Ich persönlich finde es extrem gruselig, dass ein Donald Trump als Präsident Zugriff auf den mächtigsten Überwachungsapparat der Welt haben wird – vermutlich wird er den nicht wie Frank Underwood nur dazu benutzen, um politische Gegner aus dem Weg zu räumen. Man kann nur hoffen, dass sich noch ein paar Snowdens finden, um das Schlimmste zu verhindern. Aber andererseits ist Trump ein dermaßen gnadenloser Populist, dass er seine Sicht von Snowden möglicherweise noch komplett revidiert. Wie auch immer – meiner Ansicht nach lohnt es sich durchaus, den Film anzusehen: Man kann sich gar nicht oft genug klar machen, wie engmaschig und ausführlich jede und jeder heute bereits überwacht wird.

The Expanse: Underdogs auf Raumstation

Netflix hat seit ein paar Tagen The Expanse im Angebot – und auf neue Science-Fiction-Serien bin ich immer sehr neugierig – leider gibt es nicht sehr viele, die ich gut finde. Bei The Expanse bin ich mir auch noch nicht ganz sicher – die Geschichte an sich ist schon ziemlich gut, das Ambiente ist Blade-Runner-mäßig düster, was ich auch gut finde, es gibt auch interessante Charaktere. Aber die könnten noch interessanter sein, wenn sie nicht immer tun würden, was man von ihnen erwartet. Und weil vieles so erwartbar ist, gibt es immer wieder Passagen, die ich nicht besonders überzeugend finde, weil ich das Gefühl hatte, sie in anderen Serien und Filmen schon ein Dutzend Mal gesehen zu haben – und zwar in durchaus besseren Varianten.

The Expanse Bild: syfy.com

The Expanse Bild: syfy.com

Aber es ist ja auch schwierig, sich immer wieder etwas Neues einfallen zu lassen. Vermutlich werden alle, die die Western-SciFi-Serie Firefly nicht gesehen haben, weniger streng mit The Expanse sein, denn es erinnert mich verdammt viel an Firefly – schließlich geht es auch hier um die Besiedlung des Sonnensystems, in dem eben andere Regeln herrschen als auf der Erde. Und es gibt eine kleine Crew, die zu bedingungsloser Zusammenarbeit verdammt ist, wenn sie im feindlichen Weltall überleben will, auch wenn sich die Mitglieder in vielerlei Hinsicht nicht grün sind. Und dann gibt es natürlich jede Menge Interessenkonflikte und Ungerechtigkeiten, die irgendwie gehandelt werden müssen, von den typischen Weltraumpannen mal ganz abgesehen.

The Expanse ist allerdings deutlich komplexer angelegt als Firefly – das war ja eine klassische Serie, in der die Crew der Serenity in jeder Folge ein neues Abenteuer zu bestehen hatte, The Expanse dagegen spannt einen Handlungsbogen über die komplette Staffel von zehn Teilen und, was einem zum Schluss am Haken halten soll, auch darüber hinaus – klar warte ich jetzt auch auf die nächste Staffel, schon weil man mit dem Ende der ersten Staffel nicht glücklich werden kann. Doch worum geht es eigentlich?

The Expanse: Die Crew der Canterbury: Naomi Nagata (Dominique Tipper), Amos Burton (Wes Chatham), Alex Kamal (Cas Anvar), Shed Garvey Paulo Costanzo und James „Jim“ Holde (Steven Strait) Bild: syfy.com

The Expanse: Die Crew der Canterbury: Naomi Nagata (Dominique Tipper), Amos Burton (Wes Chatham), Alex Kamal (Cas Anvar), Shed Garvey Paulo Costanzo und James „Jim“ Holde (Steven Strait) Bild: syfy.com

Die Menschen auf der hoffnungslos übervölkerten Erde haben ihren Planeten in der Vergangenheit zwar nachhaltig ruiniert, es aber trotzdem hingekriegt, nicht auszusterben und außerdem noch den Mars zu besiedeln. Und das Sonnensystem bis zu jenem Asteroidengürtel zu erschließen, der sich zwischen den Planeten Mars und Jupiter befindet. Dort kreisen neben den Zwergplaneten Ceres, Pallas, Juno und Vesta mehrere Hunderttausend Asteroiden um die Sonne, auf denen es alle möglichen Rohstoffe gibt, die von Erde und Mars dringend benötigt werden.

Auf den Raumstationen jenes Gürtels leben die Gürtler (im englischen Original Belter) unter elenden Bedingungen: Anders als die Terraner, die das Privileg hatten, unter artgerechten Bedingungen auf der Erde aufzuwachsen, leiden die Gürtler nicht nur unter miesen Arbeitsbedingungen, denn selbstverständlich sind sie in erster Linie dazu da, in den Minen auf den jeweiligen Asteroiden zu schuften. Sie haben auch zahlreiche Krankheiten und Gendefekte, weil sie ohne Sonnenlicht, frische Luft und sauberes Wasser existieren müssen, von der fehlenden Schwerkraft gar nicht zu reden.

The Expanse: Detective Josephus „Joe“ Miller (Thomas Jane) und Dmitri Havelock (Jay Hernandes) Bild: syfy.com

The Expanse: Detective Josephus „Joe“ Miller (Thomas Jane) und Dmitri Havelock (Jay Hernandes) Bild: syfy.com

Vieles davon haben sie mit den Marsianern gemeinsam, die ebenfalls in Raumstationen leben – Wälder und Ozeane oder gar eine für Menschen verträgliche Atmosphäre gibt es auf dem Mars noch immer nicht. Aber die Marsianer waren offensichtlich besser auf Zack als die Gürtler und haben es geschafft, sich von der Erde zu emanzipieren – wobei, vermutlich wurden eben nur die besten der Besten zum Mars geschickt, um das Überleben der Menschheit unabhängig von der Erde zu garantieren. Und der Gürtel kam erst später – und dort wurden eben Arbeitskräfte gebraucht und keine mutigen Pioniere, die neue Welten erobern.

Wobei es auch die weiterhin gibt, in einem Nebenhandlungsstrang geht es um ein gigantisches Raumschiff, das im Asteroidengürtel gebaut wird, das sich auf eine hundertjährige Reise zu einer neuen Welt begeben soll – Auftraggeber sind ausgerechnet die Mormonen. Ja, jene US-Sekte, diese Heiligen der letzten Tage und das Schiff heißt Nauvoo, wie jene Stadt in Illinois, die die Mormonen aufkauften, weil sie in Missouri nicht bleiben konnten. Lustigerweise hieß der Ort früher Commerce, aber das hat mit The Expanse eigentlich nichts zu tun. Oder vielleicht doch?

The Expanse: Die verschwundene Juliette „Julie“ Andromeda Mao (Florence Faivre) Bild: syfy.com

The Expanse: Die verschwundene Juliette „Julie“ Andromeda Mao (Florence Faivre) Bild: syfy.com

Wie auch immer, die Marsianer jedenfalls sind allesamt bereit, sich für ein größeres Ganzes zu opfern und dazu auch noch intelligent und effektiv, so dass sie eine eigene Militärmacht aufbauen konnten, die derjenigen ihres einstigen Heimatplaneten trotzen kann – und möglicherweise sogar überlegen wäre, wenn es zu einem Krieg zwischen Erde und Mars kommen sollte. Auf der Erde herrscht inzwischen die UN, die so etwas wie eine Weltregierung für das gesamte Sonnensystem sein möchte. Das klingt einerseits ganz nett: Endlich eine Weltregierung! Doch wie das so ist, eine Regierung ist eben eine Regierung und die vertritt die Interessen der Mächtigen und nicht die der kleinen Leute. Etwa der Gürtler, an die unter den Sparmaßnahmen der Geschäftemacher von der Erde besonders leiden. Aber sie haben damit begonnen, sich zu organisieren und sie haben die OPA gegründet, die Outer Space Alliance, eine militante Gruppe, die für die Interessen der Gürtler eintritt.

Die UN bekämpft diese Aktivisten mit allen Mitteln, das sind nämlich fiese Terroristen, die gegen die Interessen der Erde kämpfen. Die da sind, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel aus den Gürtlern herauszuholen. Und wenn dann der Wassertransporter von der Erde nicht kommt oder die versifften Luftfilter noch einmal recycelt werden, obwohl jetzt schon keiner mehr atmen kann, dann werden eben ein paar Sicherheitskräfte mehr angeheuert, um Ordnung zu schaffen. Weil das viel billiger ist, als frische Luft und frisches Wasser für alle.

The Expanse: Überleben im Weltraum - es lebe die Bastellösung! Bild: syfy.com

The Expanse: Überleben im Weltraum – es lebe die Bastellösung! Bild: syfy.com

Unter diesen Bedingungen ermittelt Detective Joe Miller in einem eigenartigen Vermisstenfall. Miller ist selbst ein Gürtler, er ist auf Ceres aufgewachsen und kennt nichts anders. Allerdings arbeitet er für Star Helix Security, eine private Sicherheitsfirma, die Polizeiaufgaben auf Ceres wahrnimmt. Miller nimmt Bestechungsgelder an und gilt unter den aufrechten Gürtlern als Verräter. Offenbar ist er aber gut in seinem Job, weshalb er beauftragt wird, Juliette Andromeda Mao zu finden, eine junge Terranerin, die aus einer einflussreichen Familie stammt. Wie sich noch herausstellen wird, hat sich Julie der OPA angeschlossen und kämpft für die Rechte der Gürtler, was ihrer Familie überhaupt nicht gefällt.

Julies Spur kreuzt sich mit der des Raumfrachters Canterbury, der Eis nach Ceres bringen soll. Die Canterbury empfängt einen Notruf von der Scopuli. Die Mannschaft tendiert dazu, diesen Notruf zu ignorieren, weil dieser Umweg Zeit und Energie kostet, und niemand weiß, was sie letztlich erwartet. Der erste Offizier der Canterbury, James Holden, entscheidet allerdings, der Sache nachzugehen. Eine kleine Mannschaft von Freiwilligen benutzt eine Fähre der Canterbury, um zu dem verlassenen Schiff abzubrechen, von dem der Notruf kam – und das stellt sich für die Crew der Fähre als Glücksfall heraus, denn wie aus dem Nichts taucht ein unbekanntes Kriegsschiff auf und zerstört die Canterbury.

The Expanse: Detective Miller bei der Arbeit Bild: syfy.com

The Expanse: Detective Miller bei der Arbeit Bild: syfy.com

Das Ausbleiben des Eisfrachters verschärft die Situation auf Ceres, wo Miller nicht nur dem Fall der verschwundenen Julie, sondern auch Wasserdiebstählen nachgeht – er erwischt ein paar dumme Kids, die mit dem abgezapften Naß auf einen schnellen Extraverdienst hoffen. Außerdem ging auf Ceres der Notruf von Holden ein – der indirekt die Marsianer beschuldigt, die Canterbury zerstört zu haben, schließlich deutet das, was sie bei ihrer Mission herausgefunden haben, auf eine Beteiligung der Marsianer hin. Das führt zu gewaltsamen Protesten gegen den Mars – offensichtlich will jemand einen Krieg zwischen Erde und Mars anzetteln.

Und dann gibt es ja noch die OPA – und es stellt sich heraus, dass die Ingenieurin Naomi Nagata, die sich mit Holden an der Rettungsaktion beteiligt hat, der OPA nahesteht. Und damit nicht genug erweist sich Alex Kamal, ein Schiffsführer von der Canterbury, der die Rettungs-Fähre geflogen hat, als Marsianer. Denn der Notruf der Canterbury-Überlebenden wird von dem marsianischen Flaggschiff Donnager empfangen, dem sich die vier Überlebenden der Canterbury schließlich ausliefern. Der vierte Mann ist übrigens Amos Burton, ein schießwütiger Mechaniker. Aber es gibt auch ein paar Charaktere, die weniger holzschnittartig angelegt sind – der Gürtler Miller ist eigentlich ein ganz cooler Typ.

The Expanse: Julies letzte Zuflucht Bild: syfy.com

The Expanse: Julies letzte Zuflucht Bild: syfy.com

Doch, alles in allem ist das eine der besseren Science-Fiction-Serien, auch wenn ich (noch) nicht richtig begeistert bin. Aber vielleicht wird das ja noch – nächstes Jahr kommt die zweite Staffel. Auf jeden Fall gibt es schrammelige Raumstationen, beeindruckende marsianische Militärtechnik und coole Handys haben sie auch auf Ceres – die auch schon mal einen Sprung im Display haben, schließlich wird die Technik richtig beansprucht. Das gibt auf jeden Fall Bonuspunkte.

Secrets and Lies

Ganz in der britischen Tradition verstörender Miniserien steht der australische Sechsteiler Secrets and Lies: Ein Familienvater findet morgens beim Joggen ein schwer verletztes Kind im Wald. Es handelt sich um den vierjährigen Sohn der  alleinerziehenden Nachbarin Jess (Adrienne Pickering). Ben Gundelach (Martin Henderson) rennt panisch nach Hause, um Rettungskräfte und Polizei zu alarmieren. Natürlich ist er voller Blut, denn er wollte ja sehen, ob er dem Jungen noch helfen kann: Doch es stellt sich schnell heraus, dass hier nicht mehr zu machen ist: Der kleine Thom wurde brutal erschlagen.

Schnell fällt der Verdacht auf Ben – schließlich war er allein am Tatort und er hat für die fragliche Zeit kein Alibi. Ben ist fassungslos: Nur weil er den Jungen zufällig gefunden hat, ist er doch nicht der Mörder! Aber es stellt sich schnell heraus, dass dieser blöde Zufall das Potenzial hat, sein ganzes Leben zu ruinieren – und das seiner Familie dazu. Denn so einfach, wie Ben die Sache auch vor sich selbst gern darstellen würde, ist es nicht. Nicht umsonst lautet der Titel der Miniserie „Geheimnisse und Lügen“.

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Davon werden nach und nach eine ganze Menge ans Tageslicht gezerrt und wie so oft stellt sich vieles plötzlich anders dar, als es anfangs aussah. Und auch Ben beginnt, an seiner eigenen Version der Dinge zu zweifeln – denn er kann sich nämlich kaum noch an die Nacht vor jenem grauenhaften Morgen erinnern, weil er mit einem Kumpel etwas trinken war und einen Filmriss hatte.

Dazu kommen noch einige blöde Zufälle, die ihn schlecht aussehen lassen. So ist Bens Taschenlampe verschwunden – die smarten Forensiker finden natürlich heraus, mit was für einem Gegenstand der Junge erschlagen wurde: Es handelt sich genau um das Modell, das in Bens Werkzeugkiste fehlt.

Warum in aller Welt hätte er dem Jungen etwas tun sollen, fragt er den ermittelnden Detective Ian Cornielle (Anthony Hayes) entnervt. „Genau das werde ich herausfinden“, sagt Cornielle. Tatsächlich ermittelt die Polizei zwar in viele Richtungen, Cornielle kommt aber immer wieder auf Ben zurück, der seinerseits versucht, zu beweisen, dass er nicht der Mörder des kleinen Jungen sein kann.

Screenshot Secrets and Lies - Ben  Gundelach (Martin Henderson) und Eva (Piper Morrissey)

Screenshot Secrets and Lies – Ben Gundelach (Martin Henderson) und Eva (Piper Morrissey)

Aber wie das so ist: Wird man erst einmal verdächtigt, dann bleibt auch etwas hängen, ganz gleich, ob man der Täter ist oder nicht: Bens Frau Christy (Diana Glenn) hat nun einen willkommenen Grund mehr, aus der kriselnden Ehe auszubrechen. Ben erfährt jetzt, dass Christy schon länger einen Freund hat und ihn ohnehin verlassen wollte. Und inzwischen ist Christy sogar egal, dass sie eigentlich wegen der Kinder mit Ben zusammen Weihnachten feiern wollte – sie reicht die Scheidung ein und zieht mit den Töchtern Tasha (Philippa Coulthard) und Eva (Piper Morrissey) aus.

Auch die Nachbarn wenden sich von Ben ab, die meisten wollen nicht mal mehr mit ihm sprechen und werfen ihn Zettel in den Briefkasten, wenn sie etwas von ihm wollen. Es dauert auch nicht lange, bis jemand „Kindermörder“ an seinen Gartenzaun schmiert. Schlimmer noch: Auch seine Kunden ziehen ihre Aufträge zurück, denn die Medien berichten natürlich über das Verbrechen und spekulieren über mögliche Täter.  Von einem mutmaßlichen Kindermörder möchte man das Haus nicht frisch gestrichen kriegen. Zumal Ben Zusagen gegenüber Kunden, die nach viel Überzeugungsarbeit weiterhin auf ihn setzen, nicht einhalten kann: Entweder wird er wieder zu einer Befragung geholt, die länger als erwartet dauert, oder Ben verrennt sich in eigene Ermittlungen – was ist beispielsweise mit dem gewalttätigen Ehemann von Jess? Kann nicht er der Mörder sein?

Screenshot Secrets and Lies - Tasha Gundelach (Philippa Coulthard)

Screenshot Secrets and Lies – Tasha Gundelach (Philippa Coulthard)

Ben findet heraus, dass der Berufssoldat Paul heimlich Kontakt zu seinem Sohn Thom hatte – und zwar ausgerechnet mit der Hilfe von Bens älterer Tochter Tasha, die häufig auf Thom aufgepasst hat. Bens Verhältnis zu seiner störrischen Teenager-Tochter ist ohnehin nicht das Beste, ihm passt nicht, dass sie einen Freund hat, und noch weniger, dass sie mit diesem Freund auf Partys geht. Und dass Tasha offenbar Kontakt zu Paul hatte, schlägt dem Fass endgültig den Boden aus.

Eigentlich hält nur noch die jüngere Tochter Eva zu Ben – sie läuft ihrer Mutter weg, um Zeit mit ihrem Vater zu verbringen und bringt Ben damit zusätzlich in Schwierigkeiten. Davon hat er eigentlich so schon genug – Ben entdeckt zufällig, dass sein Arzt und Nachbar Tim Turner (Hugh Parker), vor einigen Jahren in Großbritannien verdächtigt wurde, sich an einem Jungen vergangen und ihn ermordet zu haben. Man konnte ihm nichts nachweisen, aber wie Ben ja selbst erfahren muss: Allein eine solche Verdächtigung reicht aus, um Karrieren und Leben zu zerstören.

Screenshot Secrets and Lies - Ben (Martin Henderson) und Christy Gundelach (Dianna Glenn)

Screenshot Secrets and Lies – Ben (Martin Henderson) und Christy Gundelach (Dianna Glenn)

Der verzweifelte Ben ist so versessen darauf, seine Unschuld zu beweisen, dass er einen Fehler nach dem anderen macht und dabei ohne Rücksicht auf Verluste auch andere schädigt, etwa Dr. Turner, der im Gegensatz zu Ben tatsächlich ein solides Alibi für die Tatzeit hat und somit tatsächlich als möglicher Täter ausscheidet – was die Polizei auch schon längst korrekt ermittelt hat.

Und natürlich kommt es noch schlimmer – ein DNA-Abgleich fördert zu Tage, dass Thom Bens Sohn gewesen ist. Jess und Ben hatten vor einigen Jahren also ein Affäre. Ben hatte zwar beteuert, dass es ein einmaliger Ausrutscher gewesen sei – aber Christy ist sich da nicht so sicher. Hat sie am Ende etwas mit Thoms Tod zu tun? Oder gar die labile Jess selbst?

Screenshot Secrets and Lies - Brisbane

Screenshot Secrets and Lies – Brisbane

Es stellt sich heraus, dass Jess manisch-depressiv ist und ihre Medikamente nicht nimmt, weshalb sie mitunter gewalttätig wird – sie hat ihren Mann Paul schon mal mit einem Messer schwer verletzt. Und dann ist da auch noch Jess‘ undurchsichtige Schwester Nicole, die keinen Hehl daraus macht, dass sie Ben nicht leiden kann.

Alles in allem also eine ganz schlimme Geschichte mit einer schrecklichen Auflösung, die ich an dieser Stelle nicht natürlich nicht verraten kann, weil ich hoffe, dass der eine oder die andere meiner Empfehlung folgt und sich Sercrets und Lies noch ansehen wird. Natürlich gibt es von der Serie inzwischen auch ein US-Remake, das ich mir allerdings noch nicht angehen habe, mich interessierte gerade die australische Version von 2014 (geschrieben von Stephen M. Irwin) die in Brisbane spielt.

Politik und Medien. Ein Kommentar

Es passiert wirklich: Donald J. Trump wird der 45. Präsident der USA. Ein ordinäres, rassistisches, hässliches, aber sehr reiches weißes Arschloch, das vermutlich gern das Wahlrecht für Frauen und sonstige Minderheiten (wobei Frauen natürlich keine Minderheit sind, genau wie Nicht-Weiße oder Nicht-Milliardäre oder sonstige Menschen, die nicht so sind, wie Donald Trump) wieder abschaffen würde. Ja, ich weiß, das sind alles Vorurteile. Aber wo wir schon bei Vorurteilen sind – die werden derzeit in jeder Hinsicht reichlich bedient. Etwa dass die Medien mit daran schuld sein könnten, dass Donald Trump überhaupt so populär werden konnte.

Gut, vielleicht ist da sogar etwas dran, denn es wurde enervierend viel über Donald Trump und seine diversen verbalen Ausfälle berichtet. Und gewiss war es auch nicht vorteilhaft für Hillary Clinton, dass diese E-Mail-Geschichte im letzten Moment noch einmal hochgekocht wurde. Aber vor allem hat sich doch gezeigt, dass TROTZ aller Berichterstattung für oder gegen bestimmte KandidatInnen die Wähler eben nicht so einfach zu beeinflussen sind, wie die Medienberater das gerne hätten.

Gestern noch waren sich Meinungsforscher und die einschlägigen Medien ziemlich einig, dass Trump nach seinem Achtungserfolg im schmutzigsten Wahlkampf aller Zeiten ziemlich schnell wieder in der Versenkung verschwinden würde, während Hillary einer Business-as-usual-Präsidentschaft nachgeht. Aber es ist ganz anders gekommen – und jetzt sind alle betroffen und faseln von der Welle, die keiner gesehen habe. Aber die Welle ist eher eine Blase, eine Filterbubble nämlich – heutzutage kann man sich nämlich dank Facebook, Twitter und YouTube genau die Nachrichten zusammenstellen, die man lesen oder sehen möchte. Oder von denen die Betreiber der jeweiligen Internet-Plattformen denken, dass wir sie sehen wollen. Und die kennen uns inzwischen besser als wir selbst – und auf diese Weise entstehen unterschiedliche Realitäten, die gelegentlich aufeinander prallen, genau wie es am gestrigen Wahltag in den USA passiert ist. Die Clinton-Befürworter waren sich sicher, dass ihre Wahrnehmung der Realität entsprach – nämlich, dass es zu Clinton keine Alternative gibt. Aber die Trump-Wähler sahen das anders – und setzen sich mit ihrer Wahrnehmung der Dinge durch. Was immer das für künftige Realitäten bedeutet.

By the way: Bernie Sanders wäre eine Alternative gewesen. Ich sage bewusst nicht eine bessere, sondern überhaupt eine. Mag sein, dass das Ergebnis am Ende gar nicht viel anders ausgefallen wäre als es jetzt ist – aber ich bin mir sicher, dass es sich weniger beschissen anfühlen würde. Bernie Sanders wäre auf jeden Fall ein glaubwürdigerer Kandidat gewesen, ein Außenseiter, der sich gegen das Establishment durchsetzen kann – genau diese Rolle konnte irrerweise jetzt Donald Trump besetzen, der gewiss nicht zum politischen Establishment der USA gehört, aber auf jeden Fall zu den rechten weißen Geldsäcken, die sich mit ihrem Geld eben auch eine Präsidentschaft-Kandidatur kaufen können. Und mit denen sich erstaunlicherweise mehr US-Wähler identifizieren konnten als mit einer vielleicht nicht ganz so reichen, aber politisch sehr erfahrenen und gut vernetzten weißen Frau, die von eben jenem inzwischen so verhassten Establishment als angeblich alternativlose Kandidatin durchgedrückt wurde.

Eins noch: An der Etablierung jener so genannten postfaktischen Politik, über die in der letzten Zeit viel schwadroniert wird und die sich mit der Tatsache bestätigt hat, dass ein grotesk unqualifizierter Typ wie Donald Trump ins wichtigste politische Amt der Welt gewählt werden konnte, sind die Mainstream-Medien diesseits und jenseits des Atlantik jedenfalls nicht unbeteiligt: Es gab jede Menge Skandalberichte a la Pussy-Gate oder E-Mail-Gate, ja, und Trump will die Mauer wieder aufbauen. Seriöse Analysen, wie es den Leuten mit der Politik geht, die derzeit gemacht wird – im Durchschnitt ziemlich schlecht nämlich – gab es kaum. Wieso auch – wenn über Krisengebiete in Afrika oder im Nahen Osten berichtet wird, kann man ja behaupten, dass es den Leuten da so schlecht geht, weil sich Freiheit und Demokratie in ihren Ländern noch nicht so richtig durchgesetzt haben. Aber wenn es den Leuten ausgerechnet dort beschissen geht, wo Freiheit und Demokratie quasi erfunden wurden, dann fällt die Erklärung dafür schwer, also lässt man es lieber.

Insofern erwartete ich für die kommenden Zeiten nichts Gutes – weder für die Entwicklung der medialen Berichterstattung, noch für die Politik, über die zu berichten sein wird.

Good Girls Revolt

Um endlich mal wieder das von mir vernachlässigte Genre „Frauen-Serie“ und gleichzeitig auch die Rubrik „Amazon Video“ zu bedienen – Designated Survivor war ja wieder bloß wieder „Männer-Serie“ und „Netflix“: Es gibt ab Anfang Dezember Good Girls Revolt in der deutschen Version auf Amazon. In Good Girls Revolt trifft Mad Men auf The News Room – und das ist wirklich Zeit- und Mediengeschichte vom Feinsten.

Wir blicken in deprimierende, aber eben auch revolutionäre und deshalb beflügelnde Zeiten zurück: Die Generation Woodstock schreibt nicht nur Musikgeschichte, sondern inspiriert junge Menschen, anstatt auf ihre Eltern zu hören, lieber ihre Träume zu leben – und eben nicht fürs Vaterland in den Krieg zu ziehen, sondern tatsächlich Liebe statt Krieg zu machen. Und sich die Haare wachsen zu lassen, coole bunte Klamotten an (und wieder aus) zuziehen und natürlich alles an Drogen einzuwerfen, was gerade verfügbar ist: Pop Art verkraftet man nur auf LSD.

Good Girls Revolt Bild: Amazon

Good Girls Revolt Bild: Amazon

Natürlich ist das rückblickend oft reichlich naiv – aber genau das war ja auch das Schöne daran: Die Leute glaubten damals eben noch, dass man den Traum von einer besseren Welt tatsächlich leben kann – heute wissen wir, dass Musik, Klamotten und Zeitgeist auch wieder nur Geschäftsmodelle sind, mit denen findige Leute Geld verdienen, dass sie uns aus den Taschen ziehen. Und das muss erstmal verdient werden – auch davon handelt Good Girl Revolt. Es ist eine der wenigen Serien, die ganz explizit die moderne Arbeitswelt zum Thema hat, davon gibt es interessanterweise nicht allzu viele, obwohl die allermeisten Menschen auf der Welt die meiste Zeit, in der sie nicht schlafen, damit verbringen müssen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Und auch Mädchen müssen Geld verdienen. Sie können und wollen ihren Eltern nicht ewig auf der Tasche liegen, denn es dauert ja auch, bis Mr. Right gefunden ist – und selbst diejenigen, die sich jung in eine Ehe gestürzt haben, sind oft schon deshalb gezwungen, mit zu verdienen, weil das Leben in der Großstadt New York teuer ist und der Liebste selbst noch in der Ausbildung steckt. Oder gerade in Vietnam für Freiheit, Demokratie und Coca Cola kämpft und stirbt.

Screenshot Good Girl Revolt: Patte Robinson (Genevieve Angelson) und Douglas Rhodes (Hunter Parrish)

Screenshot Good Girl Revolt: Patte Robinson (Genevieve Angelson) und Douglas Rhodes (Hunter Parrish)

Wir schreiben das Jahr 1969 und wir sind in der Redaktion von The Newsweek. Wie jede andere Zeitung zu der Zeit wird dieses Magazin von Männern dominiert. Männer dürfen Reporter sein, Redakteure und natürlich Chefredakteure. Männer geben Anweisungen, Frauen machen die Arbeit. Die Good Girls telefonieren, recherchieren, tippen ins Reine, machen und bringen Kaffee, holen Sandwiches und Zigaretten und spenden Trost. Und verdienen damit nur einen Bruchteil von dem, was die Jungs dafür kriegen.

Viel Mühe haben sich die Serienmachern bei der Ausstattung gegeben – allein diese vielen Schreibmaschinen! Auch ich habe auf einer solchen Olympia noch meine erste Hausarbeit geschrieben – und entschieden, dass ich meinen nächsten Semesterferienlohn in einen Computer investiere. Für jeden Vertipper muss man noch mal komplett von vorn anfangen. Und immer berechnen, vielviel man auf der Seite unten noch für die Fußnoten braucht. Der reinste Horror.

Screenshot Good Girls Revolt: Der Chef läuft Amok

Screenshot Good Girls Revolt: Der Chef läuft Amok

Es gab noch kein Internet, keine (a)sozialen Netzwerke, ja nicht mal Computer auf den Schreibtischen. Die Journalisten mussten damals noch analog recherchieren, in dem sie zahllose Telefongespräche führten, mit dem Notizblock auf die Straße gingen und sich durch Archive wühlten. Oder nein – dafür gab es ja die fleißigen Mädchen, die für ihren Reporter, Investigator oder Redakteur die mühsame Recherche-Arbeit übernahmen, damit der sich ganz auf das Schreiben konzentrieren konnte. Wobei auch das von den Good Girls oft noch übernommen wurde, weil sie zum einen ohnehin besser im Thema waren und zum anderen darin geübt, aus den genialen Gedanken ihrer Vorgesetzten einen lesbaren Text ohne Rechtschreibfehler zu machen.

Und die meisten der Mädels sind damit zufrieden – ihr Job ist ja nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die Ehe. Sie haben die Schule abgeschlossen, viele sogar ein College – klar ist eine Ausbildung immer gut. Vor allem aber, um den Richtigen zu finden. Der ihnen dann einen Ring überreicht und sie ihrer eigentlichen Aufgabe zuführt: Sich um Mann und Kinder zu kümmern – genau, wie sie es jetzt für ihren jeweiligen Vorgesetzten tun.

Screenshot Good Girl Revolt: William 'Wick' McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus 'Finn' Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Screenshot Good Girl Revolt: William ‚Wick‘ McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus ‚Finn‘ Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Pflichtbewusst, wie Frauen nun einmal sind, machen sie diesen Job hervorragend – sie machen Überstunden, um an die fehlenden Details für die Story zu kommen. Im richtigen Augenblick haben sie die entscheidende Eingebung, um die ganze Geschichte noch zu retten und kurz vor der Deadline schreiben sie den Artikel mal eben schnell um, damit alles korrekt in den Druck gehen kann. Nur eben nicht unter ihren eigenen Namen, sondern unter dem des jeweiligen Reporters, dem sie zugeteilt werden.

Was mich übrigens an meine eigenen Anfänge erinnert – meine Karriere als Redakteurin fing auch damit an, dass ich für einen Schnösel, der deutlich jünger war als ich, sich aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen bereits Chefredakteur nennen durfte, Recherchenarbeiten leisten musste, die er dann als Artikel unter seinem Namen veröffentlicht hat. Aber als Mutter von zwei kleinen Kindern war ich natürlich froh, überhaupt einen Job bekommen zu haben – und so geht es auch den Mädchen in der Serie, sie freuen sich, dass sie überhaupt eigenes Geld verdienen dürfen.

Screenshot Good Girl Revolt: William 'Wick' McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus 'Finn' Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Screenshot Good Girl Revolt: William ‚Wick‘ McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus ‚Finn‘ Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Auf der einen Seite klingt das total irre – denn jeder normale Mensch weiß, dass Geld verdienen kein Privileg, sondern eine lästige Pflicht ist. Auf der anderen Seite ist es noch viel irrer, denn es geht ja genau um das Recht der Frauen, sich freudig und bereitwillig in die ganz normale Ausbeutungsmaschinerie stürzen zu dürfen. Und so sehr ich die Zwänge der modernen Arbeitswelt als unzumutbar für normale Menschen empfinde, so sehr verstehe ich natürlich doch das Bedürfnis jener enthusiastischen Idiotinnen, sich wenigstens zu den Bedingungen ausbeuten lassen zu wollen, die für die Männer gelten.

Doch selbst vom Recht auf den besseren Job müssen viele der Mädels erst mühsam überzeugt werden. Die einen finden, dass es zu gefährlich sei, in die Hand zu beißen, die sie füttert – was, wenn sie nicht befördert, sondern gefeuert werden? Sie brauchen den Job doch so dringend. Die ohnehin schon privilegierteren finden, dass sie es auch aus eigener Kraft schaffen können, in dem sie die richtige Gelegenheit erkennen und nutzen, um mehr Geld und mehr Anerkennung zu bekommen. Sie sind zu stolz, um Gleichberechtigung einzuklagen, sie haben das Leistungsdenken dermaßen verinnerlicht, dass sie bereit sind, einfach immer besser zu sein, um das Gleiche zu erreichen.

Screenshot Good Girls Revolt: Cindy Reston (Erin Darke), Nora Ephron (Grace Gummer) und Jane Hollander (Anna Camp)

Screenshot Good Girls Revolt: Cindy Reston (Erin Darke), Nora Ephron (Grace Gummer) und Jane Hollander (Anna Camp)

Mit der Hilfe der engagierten Anwältin Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant) schaffen Patti Robertson (Genevieve Angelson) und Cindy Reston (Erin Darke) es schließlich aber doch, genügend Mitstreiterinnen für ihr Projekt zu gewinnen: Sie reichen eine formelle Beschwerde gegen die systematische Diskriminierung in ihrer Redaktion ein und verweisen darauf, dass sie ein von der Verfassung garantiertes Recht auf Gleichbehandlung haben. Und damit auch auf die gleichen Jobs und das gleiche Gehalt wie die Jungs.

Genau das ist bis heute noch nicht erreicht: Männer verdienen zwar nicht mehr das Dreifache, aber im Durchschnitt gut ein Fünftel mehr als Frauen in vergleichbaren Positionen. Das ist auch in meinem Laden nicht anders. Und es liegt nicht daran, dass Frauen nicht genug verlangen – sie werden mit ihren Forderungen einfach nicht so ernst genommen. Auch wenn sich inzwischen einiges getan hat – es ist längst noch nicht genug. Dabei sind die Männer auch in der Newsweek-Redaktion ja keineswegs durch die Bank Arschlöcher.

Screenshot Good Girls Revolt: Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant)

Screenshot Good Girls Revolt: Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant)

Chefredakteur Finn Woodhouse (Chris Diamantopoulos) ist zwar mitunter etwas cholerisch und er hat Beziehungsprobleme, weil ihm sein Job immer wichtiger als alles andere ist, aber er erkennt durchaus, das Patti Robertson Talent hat. Und auch Pattis Reporter Douglas Rhodes (Hunter Parrish) ist eigentlich ein netter Kerl – er will ja auch, dass die Verhältnisse sich ändern, deshalb ist er ja Journalist. Er will Missstände aufdecken und darüber berichten – er und Patti sind ein super Team, das gute Storys produziert. Nur will Patti eben auch Reporterin sein und ihre eigenen Artikel schreiben – unter ihrem Namen. Aber ihm geht es, wie vielen Männern: Warum angestammte Privilegien einfach so aufgeben? Ihm wäre lieber, wenn Patti einfach seine Frau würde. Aber Patti will nicht heiraten, Patti will über sich selbst bestimmen und sie will kämpfen.

Denn eins ist klar, das erklärt auch Eleanor: „Wenn ihr mehr Geld bekommt, dann werden andere entsprechend weniger bekommen. Wenn ihr den besseren Job bekommt, dann bekommt ihn einer von den anderen nicht!“ Kampflos wird das nicht zu haben sein. Und es ist ja noch immer nicht kampflos zu haben – seit der Revolte der Good Girls hat sich einiges geändert. Aber mir ist beim Ansehen der Serie einmal mehr klar geworden, dass es noch längst nicht genug ist.

Screenshot Good Girls Revolt: Patti (Genevieve Angelson), Naomi (Frankie Shaw) und Jane (Anna Camp)

Screenshot Good Girls Revolt: Patti (Genevieve Angelson), Naomi (Frankie Shaw) und Jane (Anna Camp)

Und angesichts des Gejammers über den demografischen Wandel, der ja an allem schuld sein soll, ist eigentlich die nächste Revolution längst überfällig. Wir Frauen sind ja eh wieder für alles zuständig: Von den kommenden Armutsrenten über den Fachkräftemangel bis zur schwindenden Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft: Das alles nur, weil die Frauen heute lieber arbeiten gehen, statt Kinder in die Welt zu setzen! Und die, die Kinder kriegen, kriegen zu wenig Kinder und überhaupt liebe Frauen: Statt als Kanzlerin den Standort D zu ruinieren, besinnt euch lieber auf die guten alten Zeiten, in denen ihr als Trümmerfrauen Deutschland wieder aufgebaut und neben bei noch jede Menge Kinder großgezogen habt – da habt ihr die Männer doch auch in Ruhe arbeiten und Geld verdienen lassen. Es ist so zum Kotzen.

Deshalb: Nehmt euch lieber ein Beispiel an Patti – zieht euch einen Joint rein und macht Party. Und dann aber nicht zurück an die Arbeit, sondern auf zur Revolution. Es ist noch viel zu tun.

Fargo: Skandinavian Noir in Minnesota. Nur lustiger.

Ab morgen, also Donnerstag, den 3. November wird die erste Staffel von Fargo auf ZDFneo ausgestrahlt, und zwar um 23 Uhr. Nach der Ausstrahlung werden die jeweiligen Folgen auch über die funk-App (https://www.funk.net/app) von ARD und ZDF online verfügbar sein.

Wer Fargo noch immer nicht gesehen hat, kann das jetzt nachholen: Es lohnt sich!

Maries TV-Kritik

Minnesota scheint eine extrem skandinavische Gegend in den USA zu sein – auf jeden Fall gibt es dort viel Schnee, endlose weiße Ebenen, durchzogen von Stacheldraht und von Wäldern, aus denen das Wild über die wenig befahrenen Straßen springt – natürlich exakt im falschen Augenblick. Genau so beginnt die neue Netflix-Serie Fargo: Auf einer verschneiten einsamen Straße kommt es zu einen Wildunfall und ein fast nackter Mann entkommt dem Kofferraum des Unfallwagens in die öde, kalte Wildnis, in der er wenig später erfroren aufgefunden wird. Das überfahrene Reh dagegen liegt dagegen wohlbehalten in eben jenem Kofferraum – vom Fahrer des Wagens keine Spur.

Screenshot Fargo: Unendliche Weiten Screenshot Fargo: Unendliche Weiten

Ich muss leider zugeben, dass ich den Film der Gebrüder Coen, auf dem diese Serie beruht (die übrigens aus Minnesota stammen, was sicherlich kein Zufall ist), noch gar nicht gesehen habe, obwohl ich durchaus Fan der Coens bin: O Brother Where Are…

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