Good Girls Revolt

Um endlich mal wieder das von mir vernachlässigte Genre „Frauen-Serie“ und gleichzeitig auch die Rubrik „Amazon Video“ zu bedienen – Designated Survivor war ja wieder bloß wieder „Männer-Serie“ und „Netflix“: Es gibt ab Anfang Dezember Good Girls Revolt in der deutschen Version auf Amazon. In Good Girls Revolt trifft Mad Men auf The News Room – und das ist wirklich Zeit- und Mediengeschichte vom Feinsten.

Wir blicken in deprimierende, aber eben auch revolutionäre und deshalb beflügelnde Zeiten zurück: Die Generation Woodstock schreibt nicht nur Musikgeschichte, sondern inspiriert junge Menschen, anstatt auf ihre Eltern zu hören, lieber ihre Träume zu leben – und eben nicht fürs Vaterland in den Krieg zu ziehen, sondern tatsächlich Liebe statt Krieg zu machen. Und sich die Haare wachsen zu lassen, coole bunte Klamotten an (und wieder aus) zuziehen und natürlich alles an Drogen einzuwerfen, was gerade verfügbar ist: Pop Art verkraftet man nur auf LSD.

Good Girls Revolt Bild: Amazon

Good Girls Revolt Bild: Amazon

Natürlich ist das rückblickend oft reichlich naiv – aber genau das war ja auch das Schöne daran: Die Leute glaubten damals eben noch, dass man den Traum von einer besseren Welt tatsächlich leben kann – heute wissen wir, dass Musik, Klamotten und Zeitgeist auch wieder nur Geschäftsmodelle sind, mit denen findige Leute Geld verdienen, dass sie uns aus den Taschen ziehen. Und das muss erstmal verdient werden – auch davon handelt Good Girl Revolt. Es ist eine der wenigen Serien, die ganz explizit die moderne Arbeitswelt zum Thema hat, davon gibt es interessanterweise nicht allzu viele, obwohl die allermeisten Menschen auf der Welt die meiste Zeit, in der sie nicht schlafen, damit verbringen müssen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Und auch Mädchen müssen Geld verdienen. Sie können und wollen ihren Eltern nicht ewig auf der Tasche liegen, denn es dauert ja auch, bis Mr. Right gefunden ist – und selbst diejenigen, die sich jung in eine Ehe gestürzt haben, sind oft schon deshalb gezwungen, mit zu verdienen, weil das Leben in der Großstadt New York teuer ist und der Liebste selbst noch in der Ausbildung steckt. Oder gerade in Vietnam für Freiheit, Demokratie und Coca Cola kämpft und stirbt.

Screenshot Good Girl Revolt: Patte Robinson (Genevieve Angelson) und Douglas Rhodes (Hunter Parrish)

Screenshot Good Girl Revolt: Patte Robinson (Genevieve Angelson) und Douglas Rhodes (Hunter Parrish)

Wir schreiben das Jahr 1969 und wir sind in der Redaktion von The Newsweek. Wie jede andere Zeitung zu der Zeit wird dieses Magazin von Männern dominiert. Männer dürfen Reporter sein, Redakteure und natürlich Chefredakteure. Männer geben Anweisungen, Frauen machen die Arbeit. Die Good Girls telefonieren, recherchieren, tippen ins Reine, machen und bringen Kaffee, holen Sandwiches und Zigaretten und spenden Trost. Und verdienen damit nur einen Bruchteil von dem, was die Jungs dafür kriegen.

Viel Mühe haben sich die Serienmachern bei der Ausstattung gegeben – allein diese vielen Schreibmaschinen! Auch ich habe auf einer solchen Olympia noch meine erste Hausarbeit geschrieben – und entschieden, dass ich meinen nächsten Semesterferienlohn in einen Computer investiere. Für jeden Vertipper muss man noch mal komplett von vorn anfangen. Und immer berechnen, vielviel man auf der Seite unten noch für die Fußnoten braucht. Der reinste Horror.

Screenshot Good Girls Revolt: Der Chef läuft Amok

Screenshot Good Girls Revolt: Der Chef läuft Amok

Es gab noch kein Internet, keine (a)sozialen Netzwerke, ja nicht mal Computer auf den Schreibtischen. Die Journalisten mussten damals noch analog recherchieren, in dem sie zahllose Telefongespräche führten, mit dem Notizblock auf die Straße gingen und sich durch Archive wühlten. Oder nein – dafür gab es ja die fleißigen Mädchen, die für ihren Reporter, Investigator oder Redakteur die mühsame Recherche-Arbeit übernahmen, damit der sich ganz auf das Schreiben konzentrieren konnte. Wobei auch das von den Good Girls oft noch übernommen wurde, weil sie zum einen ohnehin besser im Thema waren und zum anderen darin geübt, aus den genialen Gedanken ihrer Vorgesetzten einen lesbaren Text ohne Rechtschreibfehler zu machen.

Und die meisten der Mädels sind damit zufrieden – ihr Job ist ja nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die Ehe. Sie haben die Schule abgeschlossen, viele sogar ein College – klar ist eine Ausbildung immer gut. Vor allem aber, um den Richtigen zu finden. Der ihnen dann einen Ring überreicht und sie ihrer eigentlichen Aufgabe zuführt: Sich um Mann und Kinder zu kümmern – genau, wie sie es jetzt für ihren jeweiligen Vorgesetzten tun.

Screenshot Good Girl Revolt: William 'Wick' McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus 'Finn' Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Screenshot Good Girl Revolt: William ‚Wick‘ McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus ‚Finn‘ Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Pflichtbewusst, wie Frauen nun einmal sind, machen sie diesen Job hervorragend – sie machen Überstunden, um an die fehlenden Details für die Story zu kommen. Im richtigen Augenblick haben sie die entscheidende Eingebung, um die ganze Geschichte noch zu retten und kurz vor der Deadline schreiben sie den Artikel mal eben schnell um, damit alles korrekt in den Druck gehen kann. Nur eben nicht unter ihren eigenen Namen, sondern unter dem des jeweiligen Reporters, dem sie zugeteilt werden.

Was mich übrigens an meine eigenen Anfänge erinnert – meine Karriere als Redakteurin fing auch damit an, dass ich für einen Schnösel, der deutlich jünger war als ich, sich aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen bereits Chefredakteur nennen durfte, Recherchenarbeiten leisten musste, die er dann als Artikel unter seinem Namen veröffentlicht hat. Aber als Mutter von zwei kleinen Kindern war ich natürlich froh, überhaupt einen Job bekommen zu haben – und so geht es auch den Mädchen in der Serie, sie freuen sich, dass sie überhaupt eigenes Geld verdienen dürfen.

Screenshot Good Girl Revolt: William 'Wick' McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus 'Finn' Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Screenshot Good Girl Revolt: William ‚Wick‘ McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus ‚Finn‘ Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Auf der einen Seite klingt das total irre – denn jeder normale Mensch weiß, dass Geld verdienen kein Privileg, sondern eine lästige Pflicht ist. Auf der anderen Seite ist es noch viel irrer, denn es geht ja genau um das Recht der Frauen, sich freudig und bereitwillig in die ganz normale Ausbeutungsmaschinerie stürzen zu dürfen. Und so sehr ich die Zwänge der modernen Arbeitswelt als unzumutbar für normale Menschen empfinde, so sehr verstehe ich natürlich doch das Bedürfnis jener enthusiastischen Idiotinnen, sich wenigstens zu den Bedingungen ausbeuten lassen zu wollen, die für die Männer gelten.

Doch selbst vom Recht auf den besseren Job müssen viele der Mädels erst mühsam überzeugt werden. Die einen finden, dass es zu gefährlich sei, in die Hand zu beißen, die sie füttert – was, wenn sie nicht befördert, sondern gefeuert werden? Sie brauchen den Job doch so dringend. Die ohnehin schon privilegierteren finden, dass sie es auch aus eigener Kraft schaffen können, in dem sie die richtige Gelegenheit erkennen und nutzen, um mehr Geld und mehr Anerkennung zu bekommen. Sie sind zu stolz, um Gleichberechtigung einzuklagen, sie haben das Leistungsdenken dermaßen verinnerlicht, dass sie bereit sind, einfach immer besser zu sein, um das Gleiche zu erreichen.

Screenshot Good Girls Revolt: Cindy Reston (Erin Darke), Nora Ephron (Grace Gummer) und Jane Hollander (Anna Camp)

Screenshot Good Girls Revolt: Cindy Reston (Erin Darke), Nora Ephron (Grace Gummer) und Jane Hollander (Anna Camp)

Mit der Hilfe der engagierten Anwältin Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant) schaffen Patti Robertson (Genevieve Angelson) und Cindy Reston (Erin Darke) es schließlich aber doch, genügend Mitstreiterinnen für ihr Projekt zu gewinnen: Sie reichen eine formelle Beschwerde gegen die systematische Diskriminierung in ihrer Redaktion ein und verweisen darauf, dass sie ein von der Verfassung garantiertes Recht auf Gleichbehandlung haben. Und damit auch auf die gleichen Jobs und das gleiche Gehalt wie die Jungs.

Genau das ist bis heute noch nicht erreicht: Männer verdienen zwar nicht mehr das Dreifache, aber im Durchschnitt gut ein Fünftel mehr als Frauen in vergleichbaren Positionen. Das ist auch in meinem Laden nicht anders. Und es liegt nicht daran, dass Frauen nicht genug verlangen – sie werden mit ihren Forderungen einfach nicht so ernst genommen. Auch wenn sich inzwischen einiges getan hat – es ist längst noch nicht genug. Dabei sind die Männer auch in der Newsweek-Redaktion ja keineswegs durch die Bank Arschlöcher.

Screenshot Good Girls Revolt: Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant)

Screenshot Good Girls Revolt: Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant)

Chefredakteur Finn Woodhouse (Chris Diamantopoulos) ist zwar mitunter etwas cholerisch und er hat Beziehungsprobleme, weil ihm sein Job immer wichtiger als alles andere ist, aber er erkennt durchaus, das Patti Robertson Talent hat. Und auch Pattis Reporter Douglas Rhodes (Hunter Parrish) ist eigentlich ein netter Kerl – er will ja auch, dass die Verhältnisse sich ändern, deshalb ist er ja Journalist. Er will Missstände aufdecken und darüber berichten – er und Patti sind ein super Team, das gute Storys produziert. Nur will Patti eben auch Reporterin sein und ihre eigenen Artikel schreiben – unter ihrem Namen. Aber ihm geht es, wie vielen Männern: Warum angestammte Privilegien einfach so aufgeben? Ihm wäre lieber, wenn Patti einfach seine Frau würde. Aber Patti will nicht heiraten, Patti will über sich selbst bestimmen und sie will kämpfen.

Denn eins ist klar, das erklärt auch Eleanor: „Wenn ihr mehr Geld bekommt, dann werden andere entsprechend weniger bekommen. Wenn ihr den besseren Job bekommt, dann bekommt ihn einer von den anderen nicht!“ Kampflos wird das nicht zu haben sein. Und es ist ja noch immer nicht kampflos zu haben – seit der Revolte der Good Girls hat sich einiges geändert. Aber mir ist beim Ansehen der Serie einmal mehr klar geworden, dass es noch längst nicht genug ist.

Screenshot Good Girls Revolt: Patti (Genevieve Angelson), Naomi (Frankie Shaw) und Jane (Anna Camp)

Screenshot Good Girls Revolt: Patti (Genevieve Angelson), Naomi (Frankie Shaw) und Jane (Anna Camp)

Und angesichts des Gejammers über den demografischen Wandel, der ja an allem schuld sein soll, ist eigentlich die nächste Revolution längst überfällig. Wir Frauen sind ja eh wieder für alles zuständig: Von den kommenden Armutsrenten über den Fachkräftemangel bis zur schwindenden Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft: Das alles nur, weil die Frauen heute lieber arbeiten gehen, statt Kinder in die Welt zu setzen! Und die, die Kinder kriegen, kriegen zu wenig Kinder und überhaupt liebe Frauen: Statt als Kanzlerin den Standort D zu ruinieren, besinnt euch lieber auf die guten alten Zeiten, in denen ihr als Trümmerfrauen Deutschland wieder aufgebaut und neben bei noch jede Menge Kinder großgezogen habt – da habt ihr die Männer doch auch in Ruhe arbeiten und Geld verdienen lassen. Es ist so zum Kotzen.

Deshalb: Nehmt euch lieber ein Beispiel an Patti – zieht euch einen Joint rein und macht Party. Und dann aber nicht zurück an die Arbeit, sondern auf zur Revolution. Es ist noch viel zu tun.

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