Einer der besseren Oliver-Stone-Filme: Snowden

Mit Oliver-Stone-Filmen ist das so eine Sache, es gibt schon welche, die ich richtig gut finde, U Turn beispielsweise ist ein meiner Ansicht nach total unterschätztes Meisterwerk, und Savages ist alles in allem auch ein guter Film, in dem ein paar freundliche und geniale Freaks versuchen, ausgerechnet im knallharten Drogengeschäft eine Art alternativen Kapitalismus einzuführen. Aber so funktioniert diese Welt halt nicht, wie sie brutalstmöglich erfahre müssen. Und dass Stone die Fidel-Castro-Doku Comandante gemacht hat, finde ich in Zeiten eines irrationalen Antikommunismus, der das realsozialistische, aber noch immer real existentierende Kuba als Zielscheibe hat, mehr als beachtlich – zumal Stone Fidel als nachdenklichen und durchaus sympathischen Landesvater porträtiert, dem vor allem am Wohlergehen der Leute in seinem Land gelegen ist – was gewiss auch zutrifft. Über Donald J. Trump könnte man einen ähnlichen Film unmöglich machen.

Aber dann gibt es auch wieder Filme, die ich schrecklich finde, gerade diese Patrioten-Filme über den Vietnam-Krieg, die ja auch irgendwie kritisch sein wollen, aber eigentlich vor allem zeigen, wie übel den armen Männern mitgespielt wird, die sich für ihr Land und ihre Sache opfern.  Anstatt zu hinterfragen, was das denn für eine bescheuerte Einstellung ist, die sie überhaupt in dieses Schlamassel gebracht hat – damit habe ich echt ein Problem. Denn hier wird letztlich ja bestätigt, dass das irgendwie eine gute Sachen gewesen ist, die sämtliche Opfer irgendwie rechtfertigen würde, wenn man nur mit den eigenen Jungs korrekt umgegangen wäre – was aber die böse US-Regierung nicht getan hat. Insofern habe ich natürlich auch ein Problem mit Snowden. Also nicht, weil ich annehmen würde, dass die US-Regierung eigentlich total menschenfreundlich wäre – das ist übrigens keine Regierung auf der Welt, und gerade die demokratisch gewählten können dabei besonders übel drauf sein, denn sie wurden ja vom Volk gewählt und exekutieren somit Volkes Willen, was per se gut sein muss, auch wenn die Leute das nicht so empfinden.

Und das macht die Causa Snowden auch so krass: Hier wird ein Mann als Verräter an die Wand gestellt, der ja nun wirklich ein hoffnungsloser Patriot ist und sich für die gute Sache opfert – das ist einerseits unglaublich bescheuert, weil es ihm von den entscheidenden Leuten nicht gedankt wird, im Gegenteil. Andererseits ist das aber auch wieder irgendwie – ja, ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll, aber es bewegt mich, und ich bewundere Menschen, die sich in vollem Bewusstsein der schrecklichen Konsequenzen trotzdem hinstellen und sich sagen, einer muss es ja tun. Und es tun, weil sie es können. NSA-Geheimnisse zum Beispiel kann ja nur einer verraten, der sie kennt.

Wobei ich aber auch sagen muss, dass ich den Film als Film ziemlich gut fand – ich hatte im Vorfeld ziemlich viel Negatives gehört und gelesen, insofern war ich jetzt positiv überrascht. Was erwartet man denn von einem Spielfilm über einen solchen Typen? Natürlich wird da eine Story nach dramaturgisch interessanten Gesichtspunkten aufbereitet – nur so funktioniert ein Spielfilm, mit dem man Menschen ins Kino locken will. Wenn man wissen will, wie das mit Snowden denn jetzt wirklich gewesen ist, kann man sich Citizenfour ansehen. Was ich auch ausdrücklich empfehle, das ist die Doku dazu – und zwar eine ziemlich gute. Nebenbei setzt Oliver Stone ja auch Laura Poitras (gespielt von Melissa Leo) ein Denkmal, die Citizenfour gemacht hat.

Der Film von Oliver Stone allerdings ist schon eine Art aktualisierter Neuauflage von Geboren am 4. Juli, was nicht unbedingt für diesen Film spricht – aber andererseits wird eben auch gezeigt, dass es in dieser Welt beim besten Willen keinen Grund gibt, der rechtfertigen würde, die Geheimdienste tun zu lassen, was sie tun können: Nämlich alle und jeden auf der Welt ständig zu überwachen. Und genau deswegen wird der konservative Patriot Edward Snowden auch zum Verräter. Oder zum Freiheitshelden, je nach Betrachtungsweise.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Meiner Ansicht nach hat Stone Edward Snowden nicht mal übertrieben glorifiziert – er beschreibt einen cleveren jungen Mann, der seinem Land dienen will, was ich persönlich ziemlich fragwürdig finde. Ich finde es gut, Menschen zu helfen und dafür einzutreten, die Lebensumstände aller zu verbessern.  Aber für einen Staat einzutreten, der – und das muss einem intelligenten Menschen wie Snowden doch auch klar sein, in allererster Linie versucht, dem Rest der Welt seine eigenen Interessen aufzuzwingen – das ist bornierter Patriotismus und das lehne ich ab. Da kann man sich ja auch gleich „Make Germany Great Again“ aufs T-Shirt drucken. Und leider gibt es mehr als genug Dumpfbacken, die sich das endlich wieder trauen wollen. Aber ich schweife ab.

Wer ist also Edward Snowden? Zuallererst einmal ein blasser Streber, der sich unter dem Eindruck von 9/11 freiwillig zur Army meldet, er will zu den Special Forces und sein Land verteidigen. Doch Ed ist einfach zu schwach – während des harten Trainings erleidet er Ermüdungsbrüche in den Beinen, weshalb er gegen seinen Willen ausgemustert wird. Aber es gäbe da noch andere Möglichkeiten, seinem Land zu dienen, erklärt ihm ein Kontaktmann der CIA – er sei doch ganz gut mit Computern? Ed macht also einen Eignungstest für die CIA – und eigentlich würde er den nicht bestehen, wie sein Prüfer ihm andeutet – aber sie bräuchten jetzt genau solche Typen wie ihn. Also bekommt Ed eine Chance.

Und die nutzt er und löst die Aufgabe, die den Prüflingen gestellt wird, nicht in den dafür vorgesehenen fünf bis acht Stunden, sondern in 38 Minuten. „Sie haben nicht gesagt, in welcher Reihenfolge ich das bearbeiten soll, da habe ich schon mal…“ – keine Frage, Ed bekommt den Job, und er ist wirklich gut darin. Offenbar ist Ed ein begnadeter Programmierer, der Spaß daran hat, alles, was er tut, so effizient wie möglich zu erledigen – und das stellt sich dann auch als fatal heraus, als er später feststellen muss, dass ein Programm, das von ihm eigentlich als Backup-Lösung entworfen wurde, dazu benutzt wird, um das Überwachen beliebiger Menschen einfacher zu machen. Das gefällt ihm nicht.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shaylene Woolley) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shailene Woodley) Bild: http://www.snowden-film.de

Und dann lernt Ed auch noch ein Mädchen kennen. Lindsay (Shailene Woodley) ist sexy, liberal und offen, all das, was Ed nicht ist, aber so gern wäre – und weil er ja ein intelligenter junger Mann ist, der vielleicht ein bisschen blass ist – sein Spitzname im Job ist Schneewittchen – aber eigentlich nicht hässlich, interessiert sich Lindsay für ihn, sie verliebt sich sogar in ihn – und er sich in sie. Ich erinnere mich, einige Kritiken gelesen zu haben, die gerade diesen Teil der Geschichte irgendwie blöd fanden „Im Bett mit Edward Snowden“ – „wollen wir ihm wirklich beim Sex zusehen?“

Aber die haben meines Erachtens nicht kapiert, worum es dabei eigentlich geht – natürlich ist es eigentlich gar nicht dermaßen spannend, wie das Sexleben des vermutlich bekanntesten Whistleblowers der Welt aussieht, und ich nehme an, dass es tatsächlich eher unspektakulär ist, wobei ich es Ed total gönne, überhaupt eins zu haben. Die Sexszene ist wichtig, weil ein offenbar inaktiver Laptop aufgeklappt auf dem Tisch steht und Ed weiß, dass die Kamera aktiv sein könnte, auch wenn das Kameralicht nicht leuchtet – er weiß eben auch, dass das ein Trick ist: Die Menschen fühlen sich unbeobachtet und genau das macht die Überwachung so effektiv.

Und er ist ein Teil dieser Überwachungsmaschinerie und fühlt sich zunehmen schuldig – vor allem, weil er irgendwann eifersüchtig wird und anfängt, seine eigene Freundin zu überwachen – was er gegenüber der internen Untersuchungskommission auch gesteht: Ja, er hat die NSA-Programme tatsächlich für sich selbst genutzt, über die vorgesehen Zwecke hinaus. Aber genau deshalb weiß er auch, wie groß die Versuchung ist. Und er ist ja einer der Gewissenhaften. Was, wenn ein weniger mit Skrupeln belasteter Mensch anfängt, die Maschinerie für seine Zwecke zu nutzen?

Es gibt eine Szene in der vierten Staffel von House of Cards, in der genau diese Frage gestellt wird – da noch für den vergleichsweise harmlosen Zweck die US-Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. (Hahaha) Frank Underwoods Gegenkandidat hat gute Beziehungen zum Chef einer Suchmaschine – zwar nicht Google, aber immerhin: Mit der Auswertung der Suchdaten kann Will Conway seine Kampagne auf das, was die Leute wollen, optimieren. Natürlich kotzt Frank das an – aber er ist ja bereits Präsident der USA. „Was ist schon eine Suchmaschine gegen die NSA?“ fragt er und fängt an, eine Bedrohung zu konstruieren, die es ihm erlaubt, auf die schier unendlichen Möglichkeiten des Überwachungsapparates zurückzugreifen, die unter anderem der engagierte Programmierer Edward Snowden mit geschaffen hat.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

In der Serie ist das noch eine coole Wendung, bei der einem die Gänsehaut über den Rücken läuft. Im Film Snowden macht das überhaupt keinen Spaß, weil man weiß, dass es eben keine Fiktion ist, sondern die schreckliche Realität. Die Botschaft ist nicht, dass auch ein blasser Nerd wie Ed tatsächlich auch eine Freundin haben kann, die mit ihm schläft – die Botschaft ist, dass Sex quasi ungeschützt vor den Geheimdiensten stattfindet, wenn ein Computer im Raum ist, dessen integrierte Kamera und Mikrofone nicht extra blockiert werden, damit die Überwachung nicht so einfach ist. Und dass Ed damit ein Problem hat. Bestimmt ist das nicht der entscheidende Punkt, warum er irgendwann tut, was er zu tun hat. Aber genau damit wird gezeigt, wie wenig Privatsphäre heute noch wert ist: Sie ist im Grunde nicht mehr vorhanden, wenn man sie sich nicht extra erschafft.

Die Art, wie Snowden mit diesen Dingen an die Öffentlichkeit gegangen ist, zeigt auch, dass er intensiv darüber nachgedacht haben muss, was danach passieren wird. Und dass er zu dem Schluss gekommen ist, dass er die ganzen Daten, die er aus dem System geschmuggelt hat, eben nicht einfach Wikileaks zuspielen kann, damit sie unkommentiert veröffentlicht werden, weil das zu gefährlich ist. Das ist übrigens auch, was ich an Wikileaks ausdrücklich kritisiere – man kann bestimmte Informationen nicht einfach veröffentlichen. Transparenz ist gut, aber nicht, wenn sie Menschenleben bedroht. Der Glaube, dass alles gut würde, wenn nur jeder über alles informiert wäre, ist bestenfalls naiv, tatsächlich aber vollkommen bescheuert.

Snowden hat sich stattdessen einer Auswahl von in diesen Dingen besonders qualifizierten Journalisten anvertraut – was definitiv für ihn spricht. Das ist es auch, was ein Assange nicht kapiert: Quellenschutz ist wichtig, ja, geradezu existenziell. Genau deshalb gibt es ja eben auch Journalisten – Menschen, die sich, wenn sie ihren Job ernst nehmen, eben einen Kopf machen, was man veröffentlichen kann und was nicht. Und die auch darüber nachdenken, wie man was veröffentlicht. Was nicht heißen soll, dass es tatsächlich eine unabhängige Presse gibt als vierte Gewalt im Staat gibt, die zu unrecht als Lügenpresse diffamiert wird: Natürlich folgen auch Journalisten Interessen – es hat sich gerade bei der US-Präsidentschaftwahl gezeigt, dass „die Presse“ auch komplett versagen kann: Die Vorstellung, ein Donald Trump könne US-Präsident werden, schien den maßgeblichen Redakteuren einfach zu absurd.

Und genau das zeigt eben auch die Grenzen dieser vierten Gewalt: So einfach geht das nicht mit der Propaganda. Aber zurück zu Snowden: Der hat sich auf die Kernkompetenzen ausgewählter Profis verlassen und ich denke, dass das gut war – und das kommt im Film meiner Ansicht nach auch gut rüber.

Genau wie die Überraschung der ehemaligen Förderer, die feststellen müssen, dass ihr Schützling sich ganz anders als erwartet entwickelt hat. Und ich finde es erbärmlich, dass sich der Friedensnobelpreisträger Barack Obama nicht dazu durchringen konnte, den Landesverräter Edward Snowden zu begnadigen – damit hätte er nun wirklich mal ein Zeichen setzen können. Aber ein Obama ist eben auch nur so ein US-Politfunktionär, der die Interessen seiner Nation zu verteidigen hat, auch wenn das gegen das Interesse von so ziemlich allen Menschen im Rest der Welt geht.

Ich persönlich finde es extrem gruselig, dass ein Donald Trump als Präsident Zugriff auf den mächtigsten Überwachungsapparat der Welt haben wird – vermutlich wird er den nicht wie Frank Underwood nur dazu benutzen, um politische Gegner aus dem Weg zu räumen. Man kann nur hoffen, dass sich noch ein paar Snowdens finden, um das Schlimmste zu verhindern. Aber andererseits ist Trump ein dermaßen gnadenloser Populist, dass er seine Sicht von Snowden möglicherweise noch komplett revidiert. Wie auch immer – meiner Ansicht nach lohnt es sich durchaus, den Film anzusehen: Man kann sich gar nicht oft genug klar machen, wie engmaschig und ausführlich jede und jeder heute bereits überwacht wird.

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