Rote Schubkarre: Zur Abwechslung mal Buchkritik

Als echtes Mr-Robot-Fangirl habe ich mir natürlich das Buch zur Serie kaufen müssen – obwohl ich, ehrlich gesagt, sonst nie Bücher zur Serie kaufe. Okay, zu Heimat 3 habe ich mir das Drehbuch gekauft, weil ich mich zu der Zeit sehr für Drehbücher interessiert habe und Heimat nach wie vor eine der besten deutschen Serien überhaupt ist. Nun aber eps1.91_redwheelbarr0w.txt von Sam Esmail und Courtney Looney.

Das ist ja auch so eine Art Ergänzung zum Drehbuch für Staffel 2. Und ich muss sagen, es ist das Geld wirklich wert – nicht nur, weil das Buch wirklich mit Liebe zum Detail gestaltet ist: Schon an der (für mich nicht immer leicht zu lesenden) Handschrift ist zu erkennen, wie Elliot gerade drauf ist. Und es gibt eine ganze Menge interessanter Dinge, die zwischen den Seiten zu finden sind, herausgerissene Zeitungsartikel, ein Flyer von der Kirchengruppe, eine Postkarte von Darlene und so weiter. Und dann hat es natürlich angebrannte Ecken, weil Hot Carla erst es in letzter Minute gerettet hat – wir haben in der zweiten Staffel ja gesehen, dass Elliot sein Tagebuch angezündet hat. Doch entgegen Carlas Gewohnheiten, alle Bücher, die sie liebt, zu verbrennen, hat sie sich zu unserem Glück entschieden, Elliots Tagebuch vor den Flammen zu retten.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Das war extrem freundlich von ihr, denn wir erfahren dadurch unter anderem auch mehr über Elliots Verhältnis zu Hot Carla – schließlich handelt es sich bei ihr um einen der wenigen Menschen im Knast, für den Elliot sich ernsthaft interessiert und das gilt offenbar auch anders herum. Natürlich ist die wichtigste Bezugsperson dort Leon – und durch Elliots Aufzeichnungen wird klar, dass Elliot tatsächlich keine Ahnung hat, wer Leon ist. Elliot wundert sich allerdings darüber, dass Leon ihn zu mögen scheint und seine Nähe sucht, obwohl er eben Elliot ist und meistens nicht mit ihm redet – aber wir wissen ja, dass Elliot nicht gern mit anderen Menschen redet. Was genau genommen nicht stimmt, denn mit seinem unsichtbaren Freund redet er ja fast die ganze Zeit. Leon jedenfalls scheint es nicht zu stören, ihm reicht es, dass er jemanden hat, der ihm zuhört. Und darin ist Elliot gut.

So weit ich mich erinnere, war das ein Punkt, den ich mich der zweiten Staffel gestört hat: Ein Teil meines Vergnügens an den ersten Folgen waren nämlich Elliots erfrischend ehrliche und entlarvende Kommentare, mit denen er uns seine wahren Gedanken über alles mögliche mitgeteilt hat. In der zweiten Staffel fehlte mir das: Elliot erklärt zwar eine ganze Menge und es gibt einige sehr schöne Elliot-Kommentare, etwa über das hinterhältige Wesen organisierter Religion, den er eher versehentlich in seiner Kirchengruppe ablässt, aber insgesamt ist das, was Elliot uns mitteilt, in der zweiten Staffel deutlich weniger lustig als in der ersten. Das macht das Buch tatsächlich wieder wett – hier gibt es jede Menge Elliot-Gedanken über alles Mögliche, von Fernsehserien bis zu gesunder Ernährung und es macht einfach Spaß, sie zu lesen.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Elliot ist weiterhin ein aufmerksamer Beobachter dessen, was um ihn herum passiert – bekanntlich ist Elliot gut darin, Menschen zu lesen. Und im Knast wimmelt es von Menschen. Er denkt auch immer wieder darüber nach, dass es wohl ziemlich narzisstisch von ihm sei, sich selbst und seine Gedanken so wichtig zu nehmen, um alles aufzuschreiben. Aber er macht das ja nicht zum Spaß – er will einfach die Kontrolle über sich selbst und sein Leben zurück, wobei er sich auch fragt, warum er so verzweifelt versucht, normal zu sein. Oder will er nicht lieber glücklich sein? Und ist das nicht normal, weil alle Menschen glücklich sein wollen, auch wenn es ihnen oft nicht gelingt? Elliot ist ja selbst keineswegs gut darin und Mr. Robot sabotiert seine entsprechenden Bemühungen immer wieder, obwohl Elliot sich mit seinem Knastaufenthalt ja auf die absoluten Grundbedürfnisse – das bloße Überleben – herunter gefahren hat.

Es ist schon faszinierend, dass so ein Kontrollfreak wie Elliot immer wieder die Kontrolle über sich verliert – Mr. Robot ist ja genau der Teil seiner selbst, den Elliot nicht kontrollieren kann. Und Mr. Robot ist wirklich gemein, auch das Buch wird mit der Zeit immer düsterer – man erfährt mehr über seinen inneren Kampf mit Mr. Robot, der ab und zu übernimmt und auch einen Kommentar schreibt – das erkennt man an den Großbuchstaben. Und auch Hot Carla kommentiert gelegentlich mit Rotstift – schließlich hat sie das Tagebuch gerettet und erklärt damit auch, warum sei das getan hat.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

So ganz easy ist der Knastalltag für Elliot nämlich nicht, wie er uns jetzt mitteilt. Er muss sich anfangs durchaus Mühe geben, um seine eigene Realität zu erschaffen, in der er im Haus seiner Mutter ist – er skizziert es im Buch, damit wir wissen, wie es dort aussieht. Anders hält er es einfach nicht aus, denn er ist jetzt von wirklich unangenehmen Typen umgeben und kann hier so schnell nicht mehr raus. Andererseits hat er sich das so ausgesucht, um noch unangenehmeren Situationen zu entgehen. Und diese eine Wächterin erinnert ihn tatsächlich an seine Mutter: Immer beleidigt und verbittert. Elliot wettet, dass sie heimlich viel raucht, vermutlich Slims.

Doch als er seine alternative Realität erfolgreich etabliert hat, wird vieles, was er erlebt, plötzlich Teil davon, etwa, als Carla ihn im Hof eine Zigarette anbietet und sie einfach wie alte Freunde miteinander rauchen und schweigen – und Elliot schon wieder erschrocken darüber ist, wie einfach er die Situation in seinem Kopf zu einer anderen zu machen kann. Aber hat er nicht ab und zu auch mal einen glücklichen Moment verdient? Gleichzeitig ist er sich die ganze Zeit sehr wohl darüber bewusst, was er da tut. Genau wie er sich darüber bewusst ist, dass er Mr. Robot nicht entkommen kann. Manchmal träumt Elliot auch in Code und und fragt sich, ob er nicht doch ein Roboter ist.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne WinterMr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Das ist im Buch nicht weniger aufreibend als in der Serie – denn Mr. Robot manövriert Elliot immer wieder in brenzlige Situationen, weil es ihn nervt, dass die Dinge nicht voran gehen. Es gibt eine markante Stelle, in der Elliot beschreibt, dass Darlene ihn besucht hat. Elliot beschreibt seine kleine Schwester als ziemlich harsch und ruppig, so ist sie eben, aber sie treibt die Dinge voran. Und er stellt fest, dass es definitiv einen anarchistischen Zug in seiner Familie gibt – Elliot ist sich auch sicher, dass dieser ganze f-society-Bullshit, über den Darlene jetzt berichtet, ziemlich lächerlich ist, und Darlene das sehr wohl weiß – auch wenn sie natürlich nicht darüber reden können. Und Elliot vermeidet auch, Klarnamen in sein Tagebuch zu notieren, denn er weiß ja, das Unbefugte mitlesen können. (Hier kommentiert Carla, dass sie Darlene gewiss mögen würde, wenn sie sie treffen könnte.)

Danach gibt es einen in Großbuchstaben geschriebenen Eintrag – daran erkennt man, dass Mr. Robot übernommen hat, Elliot schreibt auch immer HE oder HIM, wenn er ihn meint – in dem Mr. Robot mitteilt, dass er erfreut und erleichtert ist, dass wenigstens eine aus der Alderson-Familie ihr Ding durchzieht und Papa damit sehr stolz macht. Elliot hingegen macht er das Leben zunehmend zur Hölle, je näher man dem Ende kommt, desto krasser werden die Übergriffe, denen Elliot ausgesetzt ist – natürlich kann er es auch im Knast nicht lassen, seine Nase in die Probleme anderer Leute zu stecken und bringt sich in wirklich gefährliche Situationen, etwa weil er beschlossen hat, Hot Carla zu helfen, die von einer üblen Gang gemobbt wird.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Für Elliot endet die Sachen damit, dass er statt Küchen- oder Wäscherei-Dienst zu schieben, die Gefängnis-Klos sauber machen muss – was natürlich eine Steilvorlage für sehr hässliche Szenen in einer extrem unangenehmen Umgebung ist, gegen die selbst die hässlichen Szenen in jenem Keller aus der zweiten Staffel nur Pille-Palle sind. Doch, ich bleibe dabei – das Buch ist eine interessante Ergänzung zur  Serie, die Fans gewiss neue Einblicke ermöglicht – vor allem, wenn sie, wie ich, detailverliebte Fetischisten sind, die sich einfach darüber freuen, wenn sich Menschen mit Dingen, die sie lieben, viel Mühe geben.

Und weil Mühe allein nicht genügt, dann auch noch etwas Schönes draus machen. Die gebundene Ausgabe kostet bei Amazon neu derzeit 18,95. Äh, ja, Euro. Und ich empfehle die gebundene Version, nicht die Kindle-Variante, auch wenn ich eigentlich einen Kindle habe und den auch praktisch finde. Für normale Bücher. Aber eben nicht für dieses Buch. Ohne die ganzen Zettel zwischen den Seiten ist es einfach nur das halbe Vergnügen.

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