The People v. O. J. Simpson

Eins der größten Fernsehereignisse aller Zeiten dürfte der Mordprozess gegen den ehemaligen Football-Star O. J. Simpson im Jahr 1995 gewesen sein. Insofern verwundert es nicht, dass dieser Prozess, der mit einem, nun ja, angesichts der real existierenden Faktenlage durchaus fragwürdigen Freispruch für den Angeklagten endete,  für eine True-Crime-Serie neu aufbereitet wurde. Diese hat FX Anfang dieses Jahres als American Crime Story: The People v. O.J. Simpson ins Rennen geschickt. Tatsächlich räumte die zehnteilige Mini-Serie in der aktuellen Emmy-Saison insgesamt neun der begehrten Fernseh-Preise ab.

Und das durchaus verdient, schon die Besetzung ist fantastisch – von Cuba Gooding Jr. als The Juice, wie O. J. von Freunden und Fans genannt wird, über Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark (die für diese Rolle einen Emmy als beste Schauspielerin in einer Miniserie gewann) bis hin zu Courtney B. Vance als Johnny Cochran, David Schwimmer als Robert Kardashian und John Travolta, der den schmierigen Promi-Anwalt Robert Shapiro eher karikiert als darstellt – aber man weiß ja nie. Donald Trump war ja auch die Karikatur eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten – und konnte trotzdem gewählt werden.

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Aber wenn man sich diese 10 etwa einstündigen Folgen angesehen hat, in denen der Fall vom Zeitpunkt des Verbrechens bis zur Siegesparty akribisch nachgestellt wird, wundert man sich darüber schon viel weniger. Denn hier wird selbst einem an juristischen Spitzfindigkeiten nicht besonders interessierten Fernsehpublikum vorgeführt, wie unwichtig harte, nachprüfbare Fakten für die Produktion von gefühlten Wahrheiten sind, die plötzlich Realität werden, wenn nur genug Menschen davon überzeugt sind.

Wobei The People v. O. J. Simpson nun wirklich kein Beitrag über postfaktische Politik ist, sondern – wie auch die ebenfalls sehr gute Serie The Night Of – eine kritische Analyse des Justizsystems in den USA und zusätzlich noch ein interessantes Lehrstück über den Einfluss der öffentlichen Meinung auf eben diesen Prozess, was beispielsweise zu der absurden Situation führte, dass die Geschworenen einschließlich der zahlreichen Ersatzleute für die Dauer des Verfahrens in einem Hotel interniert wurden, wo sie einem totalen Medienverbot unterlagen – weil sie ja ausschließlich die Fakten, die im Gerichtssaal verhandelt wurden, als Grundlage für ihre Entscheidung heranziehen sollten und nicht die hiermit offiziell als tendenziös eingestufte Berichterstattung in den US-Medien.

In den USA müssen Anklage und Verteidigung mit allen Mitteln um die Gunst der Geschworenen werben, so dass allein schon die Auswahl und Zusammensetzung der zwölf Laienrichter, die am Ende ein einstimmiges Urteil fällen müssen, über den Ausgang des Verfahrens entscheiden kann. Dieser Umstand wurde in Fall O. J. Simpson von den beteiligten Juristen dermaßen ausgiebig strapaziert, dass der vorsitzende Richter Lance Ito (Kenneth Choi) nach zahlreichen Anträgen beider Seiten, bestimmte Geschworene als befangen zu entlassen, um sie durch andere zu ersetzen, schließlich die Reißleine zog und keine weiteren Wechsel mehr zuließ. Was für die Geschworenen wiederum hieß, dass sie nun bis zum Ende des Verfahrens quasi Gefangene waren.

Dazu kommt, dass ein begüterter Promi sich natürlich die besten Anwälte leisten kann, die wiederum jede Menge Experten anheuern können, die in der Lage sind, scheinbar todsichere Beweise infrage zu stellen, vermeintlich zuverlässige Zeugen zu diskreditieren oder alternative Theorien aufstellen, die beim genauen Hinsehen völlig irrelevant sind, aber erstmal sehr beeindruckend klingen – ein guter Strafverteidiger muss schließlich nicht die Unschuld seines Mandanten beweisen, was in vielen Fällen schon allein deshalb schwierig sein dürfte, weil sehr oft Menschen angeklagt werden, die tatsächlich etwa verbrochen haben, sondern er muss Zweifel an der Schuld seines Mandanten wecken. Das hat auch in diesem Fall gereicht.

Dabei war die Ausgangslage auf den ersten Blick recht eindeutig: Im Juni 1994 wurden die Ex-Frau von Simpson, Nicole Brown und Ronald Goldman vor Browns Haus im schicken Brentwood brutal ermordet. Ronald Goldman war vermutlich ein Zufallsopfer, er hatte an dem Abend eine Brille abgeben wollen, die Nicole Browns Mutter in jenem Restaurant vergessen hatte, in dem Goldman arbeitete. Nachdem Passanten den blutbeschmierten Hund von Brown bemerkt und daraufhin die Leichen entdeckt und die Polizei alarmiert hatten, begannen die Ermittler den Tatort zu sichern und erste Beweise sicherzustellen. Wie sich später herausstellen sollte, gingen sie dabei nicht besonders akribisch vor.

Einige Zeit später fuhren die Beamten zu Simpsons Haus, das nicht sehr weit entfernt im gleichen Stadtteil gelegen war. Den zu diesem Zeitpunkt noch nicht verdächtigen Simpson trafen sie allerdings nicht an, weil der gerade in einem Flugzeug nach Chicago saß – er hatte sein Haus gegen 23:15 Uhr verlassen, um den Flug noch zu erwischen. Dafür entdeckten sie weitere Beweismittel, unter anderem Blutspuren in Simpsons Ford Bronco.

Weil es außerdem eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt gab – während mehrjährigen Ehe hatte Nicole Brown immer wieder den Notruf der Polizei angerufen, weil ihr Mann sie misshandelte und bedrohte, auf einigen Mitschnitten war Simpson auch zu hören, weil er im Hintergrund brüllte. Es gab also eine Akte, in der zumindest ein Teil der Misshandlungen erfasst waren. Auch deshalb rückte Simpson schnell in den Fokus der Ermittlungen. Und die ergaben, dass Simpsons Alibi keineswegs wasserdicht war, sondern er durchaus die Gelegenheit gehabt hätte, die Morde zu begehen und sich dann schnell auf den Weg nach Chicago zu machen – einige Indizien legten das nahe, und ein Motiv gab es auch, den Klassiker Eifersucht und Rache.

Bei einem Nicht-Promi hätte das vermutlich gereicht, um einen Schuldspruch zu garantieren. Nun war O. J. Simpson aber ein populärer Sportler, ein ehemaliger Footballstar mit einer großen und treuen Fan-Gemeinde, die sich einfach nicht vorstellen konnte, dass ihr Held zu einer solchen Tat fähig sein könnte und ihn vehement verteidigte. Die Verteidigung nutzte das geschickt aus, um die „Rassismus-Karte“ zu spielen, was am Ende zu jener positiven Diskriminierung führte, dank der Simpson in diesem Fall davon kam: „Wir haben hier vermutlich den ersten Fall, in dem ein Angeklagter nicht verurteilt wurde, weil er schwarz war!“ fasste einer der beteiligten Juristen die Situation zusammen.

Nun sollte natürlich weder der soziale Status, noch Geschlecht oder Rasse vor Gericht eine Rolle spielen – tatsächlich ist das anders, und The People v. O.J. Simpson führt das eindrücklich vor. Und auch, dass man aus einem Justizskandal eine spannende Serie machen kann, die zwar nicht unterhaltsam im eigentlichen Sinne, aber absolut sehenswert ist.

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Westworld: Der Freizeitpark für Intellektuelle

Anfang Oktober hatte ich ja schon einen Einstandsartikel zu Westworld geschrieben – jetzt, nach dem ich das Finale gesehen habe, bin ich etwas unschlüssig. Einerseits: Ja, das ist definitiv großes Kino  – also eine optisch opulente und inhaltlich interessante Serie, der in jeder Hinsicht anzumerken ist, dass die Macher (in diesem Fall HBO) hier viel investiert haben. Andererseits habe ich aber auch schon Serien gehen, die mit sehr viel weniger Budget ähnlich viel Hirnfutter geliefert haben: Etwa die schwedische Serie Real Humans.

Wobei mir natürlich klar ist, dass es in Westworld durchaus noch um etwas anderes geht, als um die Frage, ob es ethisch okay ist, Roboter zu bauen, die zwar einerseits mit jeder Menge Intelligenz und, damit sie Menschen eben perfekt verstehen und entsprechend mit ihnen interagieren können, auch mit menschlichen Gefühlen ausgestattet werden, also praktisch ein menschliches Bewusstsein haben, aber letztlich nur Menschen zweiter Wahl sind. Technisch zwar überlegen, aber von den echten Menschen programmiert und kontrolliert sind sie nichts als Spielzeug, mit denen die Gäste im exklusiven Freizeitpark der Zukunft entsprechend umspringen. Oder im Fall von Real Humans sind sie moderne Dienstboten, die all das übernehmen, wofür Menschen keine Zeit und Lust mehr haben: Kinderbetreuung, Altenpflege und überhaupt langweilige und eintönige Jobs.

Westworld: Dolores (Evan Rachel Wood) und Bernard (Jeffrey Wright) Bild: hbo.com

Westworld: Dolores (Evan Rachel Wood) und Bernard (Jeffrey Wright) Bild: hbo.com

Eine noch interessantere Frage wäre allerdings, ob es angesichts der Tatsache, dass man noch viel mehr blöde oder gefährliche Jobs an intelligente Roboter outsourcen könnte, letztlich nicht noch inhumaner ist, die echten Menschen weiterhin zu zwingen, menschenunwürdige Jobs zu machen, weil wir noch immer nicht in der Lage sind, ein globales Gesellschaftssystem zu etablieren, in dem es allen einigermaßen gut geht, ohne dass man von ihnen verlangt, absurde, überflüssige und lebensverkürzende Jobs zu machen, weil sie sonst keine Existenzberechtigung erhalten. Warum gibt es eigentlich keine Serie, die sich damit beschäftigt, wie man das in einer alternativen Realität für alle besser machen könnte?

Zurück zu Westworld: Die Frage, ob Androiden von elektrischen Schafen träumen, konnte schon in Blade Runner nicht beantwortet werden. Und die Erinnerung an eine Kindheit oder den Verlust eines Kindes kann genau so einprogrammiert sein wie alles andere, das ein humanoider Roboter können und wissen soll. Und leider ist es auch in unserer realen Welt relativ einfach, Gefühle zu programmieren – das weiß jeder erfolgreiche Serien- oder Buchautor genauso wie jeder erfolgreiche Politiker – die Spin-Doktoren, die Donald Trump zum Wahlsieg verholfen haben (nein, und ich glaube nicht, dass der auf eine Big-Data-Verschwörung zurückzuführen ist, sondern Ausdruck eines real existierenden freiheitlich-demokratischen Wählerwillens ist, so fragwürdig ich den auch finde) waren jedenfalls ziemlich gut darin.

Westworld: Lawrence (Clifton Collins Jr.) und William (Jimmy Simpson) Bild: hbo.com

Westworld: Lawrence (Clifton Collins Jr.) und William (Jimmy Simpson) Bild: hbo.com

Die Westworld-Kreativen haben ebenfalls einen guten Job gemacht – ihre Geschöpfe verhalten sich tatsächlich wie Menschen, auch wenn keine Menschen anwesend sind, und nur durch die ständigen Wiederholungen ewig gleicher Szenen, in denen ab und zu Teilnehmer ausgetauscht werden, wird klar, dass diese ganzen Interaktionen einem bestimmten Programmablauf folgen – was mir teilweise zu redundant war, aber für weniger aufmerksame Zeitgenossen schadet die eine oder andere Wiederholung vermutlich nicht.

Westworld hat allerdings noch an einer anderen Stelle einen eigenartig blinden Fleck, den ich sehr bezeichnend finde: Während im schwedischen Real Humans skrupulös die Frage gestellt wird, ob man menschenähnliche Geschöpfe wie Hubots überhaupt ausbeuten, diskriminieren und misshandeln darf – schließlich fühlen sie doch wie Menschen – ist es in der US-Westworld nicht nur okay, sondern im Grunde der Inhalt des hyperrealistischen Spiels, menschenanaloge Wesen nicht nur auszubeuten, sondern auch zu foltern, zu vergewaltigen und natürlich auch zu töten. Wobei das zynisch ausgedrückt ja gerade der humane Fortschritt gegenüber Dystopien wie The Hunger Games ist, wo in einer totalitären Gesellschaft echte Jugendliche dazu gezwungen werden, sich in einer gigantischen Arena gegenseitig umzubringen, damit der Sieger und seine Familie ein Jahr lang sorgenfrei leben können.

Westworld: Ingrid Bolsø Berdal (Angela), Felix (Leonardo Nam), Hector (Rodrigo Santoro) und Maeve (Thandie Newton) Bild: hbo.comWestworld: Ingrid Bolsø Berdal (Angela), Felix (Leonardo Nam), Hector (Rodrigo Santoro) und Maeve (Thandie Newton) Bild: hbo.com

Westworld: Ingrid Bolsø Berdal (Angela), Felix (Leonardo Nam), Hector (Rodrigo Santoro) und Maeve (Thandie Newton) Bild: hbo.com

Westworld hingegen ist völlig im real existierenden Kapitalismus verankert: Solange die echten Menschen dafür bezahlen, funktioniert das Geschäftsmodell, ohne das es die ganzen sorgsam in jahrelanger Fleißarbeit entwickelten Figuren wie Dolores, Teddy, Maeve oder Clementine gar nicht gäbe – ihr Schicksal, das sie in immer neuen Varianten erleiden müssen, ist quasi ihr Job, für den sie nicht mal bezahlt werden müssen, weil es ja keine echten Menschen sind, sondern Kunstfiguren, die sich die ach so kreativen echten Menschen ausgedacht haben. Und sie haben sogar so weit gedacht, dass sie ihre Figuren mit künstlerischen Fähigkeiten ausstatten – so malt Dolores gern Landschaftsbilder, weil sie überhaupt das Schöne in der Welt sieht. Wie es ihr Programm für sie vorgesehen hat. Genau wie es vorsieht, dass sie immer wieder Opfer von Gewalttaten wird. Genau wie ihre Leidensgenossen.

Wenn sie wieder einmal von einem Westword-Besucher zerstört wurden, kommen sie ins Labor, werden repariert und auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt. Doch hier schleichen sich Fehler ein – wie sich herausstellt, war einer der Westworldgründer mit seinem Bestreben, Roboter mit menschlichen Zügen zu schaffen, so erfolgreich, dass es ihm tatsächlich gelungen ist, Erinnerungen und damit verbundene Gesten so tief im Code seiner Geschöpfe zu verankern, dass auch nach dem Zurücksetzen noch Teile davon vorhanden sind: Einige der Hosts fangen an, sich unberechenbar zu verhalten, insbesondere die, die schon lange dabei sind und bereits viele Reparaturzyklen durchlaufen haben.

Westworld: Dolores (Even Rachel Wood), Teddy (James Marsden) und Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) Bild: hbo.com

Westworld: Dolores (Even Rachel Wood), Teddy (James Marsden) und Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) Bild: hbo.com

Sie erinnern sich an Ereignisse, die gelöscht sein müssten und entwickeln dadurch unberechenbare Gefühle. Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass der Chefprogrammierer Bernard Lowe (Jeffrey Wright) selbst ein Host ist, er ist ein Nachbau eben jenes geheimnisvollen Geschäftspartners von Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins), der angeblich gestorben ist, möglicherweise aber noch irgendwo in Westworld sein Unwesen treibt – was ja am Ende auch der Fall ist. Sein Geist ist noch vorhanden, auch wenn er sich vor Jahren von seinen eigenen Geschöpfen hat umbringen lassen, um zu verhindern, dass Westworld je eröffnet wird – ihm war bewusst geworden, dass es für seine Geschöpfe eine lebenslange Qual bedeuten würde.

Doch Arnolds Opfer war vergeblich, Westworld wurde eröffnet und damit auch die ewige Leidensgeschichte der Hosts angestoßen, die sich allmählich über ihre Situation bewusst werden, insbesondere Dolores (Evan Rachel Wood) und Maeve (Thandie Newton), die nun jeweils auf ihre Weise versuchen, ihrer künstlichen Welt, in der sie gefangen sind, zu entkommen. Und weil sie ja eigentlich viel stärker und intelligenter als Menschen sind, lässt sich unschwer erraten, wie die Sache ausgeht, auch wenn ironischerweise der menschliche Faktor natürlich auch eine Rolle dabei spielt – wenn die humanoiden Roboter nicht auf Menschen zählen könnten, deren Schwächen sich ausnutzen lassen, wären sie ziemlich aufgeschmissen. Aber weil Menschen eben Menschen sind, lassen sie sich verarschen – das Thema hatten wir ja auch in Ex Machina schon.

Westworld: The Man in Black (Ed Harris) und Dolores (Even Rachel Wood) Bild: hbo.com

Westworld: The Man in Black (Ed Harris) und Dolores (Even Rachel Wood) Bild: hbo.com

Ja, ich drehe mich im Kreis – so richtig zufrieden bin ich mit Westworld also nicht, obwohl ich die Serie  an sich schon sehr gut finde. Und natürlich finde ich den aktuellen Critics Choice Award für Evan Rachel Wood als beste Hauptdarstellerin in einer Dramaserie total angemessen, wie auch den für Thandie Newton als beste Nebendarstellerin. Ihre beiden Figuren sind tatsächlich die stärksten der Serie. Mir fällt gerade auf, das Westworld in dieser Hinsicht tatsächlich eine „Frauenserie“ ist, es gibt viele interessante weibliche Charaktere, etwa Teresa Cullen (Sidse Babett Knudsen), die Chefin der Qualitätssicherung, oder Clementine (Angela Sarafyan), eine Partnerin von Maeve. Bei den Hosts sind es eindeutig die weiblichen Charaktere, die überlegen sind, der arme Teddy (James Madsen) ist ein redlicher Idiot, interessanter ist die Situation bei den echten Menschen – wenig überraschend sind die beiden Parkgründer Robert und Arnold Männer. Aber Arnold ist ein legendärer Geist, von dem es einen Nachbau gibt, eben Bernard, der wiederum auch nur eine (wenn auch sehr intelligente) Marionette des Dr. Robert Ford ist. Der wiederum zwischen Genie und Wahnsinn changiert – abgesehen davon, dass er offenbar großes Vergnügen daran findet, möglichst lebensechte Kunstfiguren zu erschaffen und damit ein Schweinegeld zu verdienen, weiß man erstaunlich wenig über ihn.

Westworld: Teddy Flood (James Marsden) Bild: hbo.com

Westworld: Teddy Flood (James Marsden) Bild: hbo.com

Und dann gibt es auch noch jenen Man in Black (Ed Harris), der seit über 30 Jahren in den Park kommt und offensichtlich besessen davon ist, das höchste Level zu erreichen und endlich die Antwort auf all seine Fragen zu finden – aber dass eine solche Antwort in der Regel nicht taugt, weiß man entweder aus Stalker oder aus Per Anhalter durch die Galaxis.

Immerhin: Das überlange Finale hat für die Zuschauer tatsächlich einige Fragen beantwortet. Aber vielleicht bin ich selbst einfach zu wenig (Rollen-)Spieler, um wirklich in diese Welt eintauchen zu können. Westworld ist eben per definitionem eine künstliche Welt, und das ist es vermutlich, was mich stört.

Wobei, ich schätze komplexe Erzählungen und Westworld erzählt viel über das Erzählen an sich. Aber eben auf eine einerseits zu konkrete und andererseits zu abstrakte Weise – genau wie sich die Entwicklung der Handlung einerseits sehr viel Zeit lässt, was ich ja eigentlich schätze, aber dann doch wieder sehr brachial ist, was cool sein könnte, aber mitunter etwas gezwungen wirkt. In gewisser Weise empfinde ich Westworld tatsächlich als nicht wirklich zeitgemäß – die Serie beruht ja auf einem Film von 1973. Damals glaubte man tatsächlich noch, dass Computer bzw. Roboter den Menschen das Leben angenehmer und bequemer machen könnten, weil sie ja dann mehr Zeit hätten, sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Aber das war ein verdammter Irrtum – mal sehen, ob Staffel 2 was daraus macht.

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Westworld: Dr. Ford (Anthony Hopkins) Bild: hbo.com

Modus: Das Böse aus Übersee

Im ZDF läuft sonntags um 22 Uhr derzeit der Vierteiler Modus. Den konnte ich als interessierte Schwedenkrimi-Konsumentin natürlich nicht auslassen. Zumal Melinda Kinnaman mitspielt, eine der großen Schwestern von Joel Kinnaman, der gerade in Hollywood so richtig durchstartet. Aber zurück nach Schweden – wobei, das Buch Gotteszahl von Anne Holt, das Grundlage für diesen Vierteiler hergenommen wurde, spielt eigentlich in Norwegen. Aber das ist eigentlich auch egal, der Mörder jedenfalls ist ein durchgeknallter US-Amerikaner – die Zuschauer wissen von Anfang an, wer der Mörder ist. In Modus geht es also eher darum, wie lange die Kriminal-Psychologin Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) brauchen wird, um ihm auf die Spur zu kommen.

Modus Bild: zfd.de

Modus Bild: zfd.de

Es ist kurz vor Weihnachten. Johanne (Melinda Kinnaman) ist mit ihren Töchtern zur Hochzeit ihrer Schwester in Stockholm. Während die Erwachsenen feiern, vertreiben sich die Kinder die Zeit mit Fernsehen und Smartphone-Spielen im Hotelzimmer. Johannes ältere Tochter Stina (Esmeralda Struwe) kann nicht einschlafen – und wie sich noch herausstellen wird, ist sie ohnehin ziemlich eigen: Sie ist autistisch und kann nicht gut mit anderen reden – schon gar nicht, wenn es um Gefühle geht. Und wie es der Zufall in Krimis so will, wird Stina Zeugin eines Mordes, der ganz Schweden noch beschäftigen wird: In jenem Hotel wird nämlich die beliebte TV-Köchin Isabella Levin (Julia Dufvenius) umgebracht. Doch sie ist nur das erste Opfer in einer Serie von rätselhaften Morden.

Der Täter sieht Stina, die daraufhin verstört die Flucht ergreift. Sie rennt im Schlafanzug auf die Straße, wo sie fast von einem Lkw überfahren wird – doch ausgerechnet der Mörder (Marek Oravec als Richard Forrester) rettet das Kind im letzten Augenblick und verschwindet dann unerkannt im Dunkel. Als der Kriminalbeamte Ingvar Nyman (Henrik Norlén) eher zufällig am Unfallort auftaucht, ist er längst verschwunden.

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Wie sich dann herausstellt, haben Johanne und Ingvar eine gemeinsame Vergangenheit, an die sie im Verlauf der Handlung wieder anknüpfen. Warum auch nicht, Johanne ist von ihrem Mann Isak geschieden, der wiederum eine neue Partnerin hat. Johanne war zwischendurch Profilerin beim FBI, hat diesen Job aber aufgegeben, weil sie zu sehr darin aufgegangen ist und darüber ihre Kinder vernachlässigt hat – das ist ein Konflikt, den ich nur zu gut nachvollziehen kann. Es werden ja nun wirklich unerfüllbare Anforderungen an Mütter gestellt, insbesondere, wenn sie darauf angewiesen sind, selbst für sich und die Kinder Geld verdienen zu müssen. Und gerade wenn sie dann noch einen Job haben, in dem sie richtig gut sind, ist es geradezu unvermeidlich, dass es immer wieder knallt und entweder der Job oder die Kinder zu kurz kommen.

Johanne Vik hat sich schließlich für ihre Kinder entschieden und ist ausgestiegen, um jetzt als freie Autorin mehr freie Zeit zu haben (was für eine naive Idee ist das denn? Aber okay, vielleicht geht das mit Büchern über Mörder) Aber natürlich kommt alles ganz anders. Stina ist offensichtlich traumarisiert von dem, was sie erlebt hat, kann es aber nicht mitteilen. Sie schweigt – zumal der Mörder sie aufsucht und ihr droht – offenbar erkennt er aber auch, dass sie anders ist und er sich deshalb darauf verlassen kann, dass sie nichts sagen wird.

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman)  Bild: zfd.de

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) Bild: zfd.de

Johanne und Ingvar können sich Stinas Verhalten nicht erklären, die sich jetzt noch eigenartiger benimmt als zuvor – was ich ehrlich gesagt ziemlich schwach für eine ehemalige FBI-Profilerin finde. Aber natürlich ist es schwierig, einen Vierteiler zu machen, wenn die Heldin der Geschichte alles schon im ersten Teil herausfindet.

Isabella Levins Leiche bleibt deshalb zunächst unentdeckt und der Mörder schlägt wieder zu.  Ausgerechnet an Heiligabend tötet er die beliebte, aber auch umstrittene Bischöfin von Uppsala. Ingvar bittet Johanne, ihn als Profilerin bei der Lösung dieses Falles zu unterstützen. Als die besorgte Partnerin der Köchin herausfindet, dass ihre Freundin gar nicht wie geplant bei ihren Kindern war und nach ihr sucht, wird auch die Leiche der TV-Köchin entdeckt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden?

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Außerdem hat Johanne mitgekriegt, dass jener rätselhafte Mann, der Stina in jener Nacht gerettet hat, sie aus welchen Gründen auch immer beobachtet – sie ist nun alarmiert und will schon aus Eigeninteresse bei der Aufklärung der Morde helfen – zumal sich nun ja auch herausstellt, dass sie und ihr Kinder am Abend, an dem Isabella erfordert wurden, in der Nähe des Tatorts waren.

Natürlich bleibt es nicht bei diesen beiden Morden – Forrester, der in einen Wohnwagen im tiefverschneiten nordischen Wald lebt und offenbar über jeweils ein spezielles Smartphone, von denen er insgesamt sechs in einer Kiste hat, mit weiteren Morden beauftragt wird, schlägt wieder zu. Wie Johanne noch herausfinden wird, ist er der bewaffnete Arm einer autoritären Sekte, die im liberalen skandinavischen Gesellschaftsmodell den Grund für alles Übel in der Welt sieht: Gleichgeschlechtliche Beziehungen, Regenbogenfamilien und diese ganze beschissene Toleranz der Skandinavier ist Ausdruck der Verderbtheit dieser Welt und muss entsprechend bestraft werden – der Mörder ist im Auftrag des Herrn unterwegs.

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Das ist einerseits interessant, weil genau dieser Offenheit für alternative Lebensmodelle einen großen Teil der hohen Lebensqualität in skandinavischen Ländern ausmacht. Somit löst auch Modus ein, was das Wesen nordischer Krimis ausmacht: Das sie vor allem Gesellschaftsanalysen, Sozialdramen und Beziehungsgeschichten sind. Und obwohl es von all dem in Modus eine Menge gibt, fand ich den Vierteiler am Ende doch nicht so richtig überzeugend – obwohl für die Drehbücher das dänische Autoren-Paar Mai Brostrøm und Peter Thorsboe zuständig war, das bereits für einige internationale Serienhits verantwortlich ist, etwa für  The Team, Der Adler oder Unit One – Die Spezialisten.

Am Ende fand ich die Geschichte doch ziemlich überkonstruiert – keine Frage, es gibt Typen, die einen Haß auf die Gesellschaft haben, es gibt Schwulen- und Lesbenhasser, und es gibt Menschen, die ausflippen, weil sie wollen, dass alles wieder so wie früher ist, in gottgewollter Ordnung, wo jeder weiß, was er oder sie zu tun hat. Die gibt es in jeder Gesellschaft – da braucht man keinen Rächer aus Amerika. Mir gefallen jene skandinavischen Krimis besser, in denen es darum geht, warum sich jemand in der eigenen, ach so offenen und toleranten Gesellschaft entscheidet, zum Verbrecher zu werden – oder jene, die sich damit beschäftigen, warum eben jene Gesellschaft bestimmte Verbrechen einfach nicht in den Griff kriegt. Insofern ist Modus kein besonders gutes Beispiel für einen gelungenen Schwedenkrimi, auch wenn ich Melinda Kinnaman und Henrik Norlén gern bei der Arbeit zusehe. Aber es halt ist keine der Serien, die man gesehen haben muss.