The People v. O. J. Simpson

Eins der größten Fernsehereignisse aller Zeiten dürfte der Mordprozess gegen den ehemaligen Football-Star O. J. Simpson im Jahr 1995 gewesen sein. Insofern verwundert es nicht, dass dieser Prozess, der mit einem, nun ja, angesichts der real existierenden Faktenlage durchaus fragwürdigen Freispruch für den Angeklagten endete,  für eine True-Crime-Serie neu aufbereitet wurde. Diese hat FX Anfang dieses Jahres als American Crime Story: The People v. O.J. Simpson ins Rennen geschickt. Tatsächlich räumte die zehnteilige Mini-Serie in der aktuellen Emmy-Saison insgesamt neun der begehrten Fernseh-Preise ab.

Und das durchaus verdient, schon die Besetzung ist fantastisch – von Cuba Gooding Jr. als The Juice, wie O. J. von Freunden und Fans genannt wird, über Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark (die für diese Rolle einen Emmy als beste Schauspielerin in einer Miniserie gewann) bis hin zu Courtney B. Vance als Johnny Cochran, David Schwimmer als Robert Kardashian und John Travolta, der den schmierigen Promi-Anwalt Robert Shapiro eher karikiert als darstellt – aber man weiß ja nie. Donald Trump war ja auch die Karikatur eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten – und konnte trotzdem gewählt werden.

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Aber wenn man sich diese 10 etwa einstündigen Folgen angesehen hat, in denen der Fall vom Zeitpunkt des Verbrechens bis zur Siegesparty akribisch nachgestellt wird, wundert man sich darüber schon viel weniger. Denn hier wird selbst einem an juristischen Spitzfindigkeiten nicht besonders interessierten Fernsehpublikum vorgeführt, wie unwichtig harte, nachprüfbare Fakten für die Produktion von gefühlten Wahrheiten sind, die plötzlich Realität werden, wenn nur genug Menschen davon überzeugt sind.

Wobei The People v. O. J. Simpson nun wirklich kein Beitrag über postfaktische Politik ist, sondern – wie auch die ebenfalls sehr gute Serie The Night Of – eine kritische Analyse des Justizsystems in den USA und zusätzlich noch ein interessantes Lehrstück über den Einfluss der öffentlichen Meinung auf eben diesen Prozess, was beispielsweise zu der absurden Situation führte, dass die Geschworenen einschließlich der zahlreichen Ersatzleute für die Dauer des Verfahrens in einem Hotel interniert wurden, wo sie einem totalen Medienverbot unterlagen – weil sie ja ausschließlich die Fakten, die im Gerichtssaal verhandelt wurden, als Grundlage für ihre Entscheidung heranziehen sollten und nicht die hiermit offiziell als tendenziös eingestufte Berichterstattung in den US-Medien.

In den USA müssen Anklage und Verteidigung mit allen Mitteln um die Gunst der Geschworenen werben, so dass allein schon die Auswahl und Zusammensetzung der zwölf Laienrichter, die am Ende ein einstimmiges Urteil fällen müssen, über den Ausgang des Verfahrens entscheiden kann. Dieser Umstand wurde in Fall O. J. Simpson von den beteiligten Juristen dermaßen ausgiebig strapaziert, dass der vorsitzende Richter Lance Ito (Kenneth Choi) nach zahlreichen Anträgen beider Seiten, bestimmte Geschworene als befangen zu entlassen, um sie durch andere zu ersetzen, schließlich die Reißleine zog und keine weiteren Wechsel mehr zuließ. Was für die Geschworenen wiederum hieß, dass sie nun bis zum Ende des Verfahrens quasi Gefangene waren.

Dazu kommt, dass ein begüterter Promi sich natürlich die besten Anwälte leisten kann, die wiederum jede Menge Experten anheuern können, die in der Lage sind, scheinbar todsichere Beweise infrage zu stellen, vermeintlich zuverlässige Zeugen zu diskreditieren oder alternative Theorien aufstellen, die beim genauen Hinsehen völlig irrelevant sind, aber erstmal sehr beeindruckend klingen – ein guter Strafverteidiger muss schließlich nicht die Unschuld seines Mandanten beweisen, was in vielen Fällen schon allein deshalb schwierig sein dürfte, weil sehr oft Menschen angeklagt werden, die tatsächlich etwa verbrochen haben, sondern er muss Zweifel an der Schuld seines Mandanten wecken. Das hat auch in diesem Fall gereicht.

Dabei war die Ausgangslage auf den ersten Blick recht eindeutig: Im Juni 1994 wurden die Ex-Frau von Simpson, Nicole Brown und Ronald Goldman vor Browns Haus im schicken Brentwood brutal ermordet. Ronald Goldman war vermutlich ein Zufallsopfer, er hatte an dem Abend eine Brille abgeben wollen, die Nicole Browns Mutter in jenem Restaurant vergessen hatte, in dem Goldman arbeitete. Nachdem Passanten den blutbeschmierten Hund von Brown bemerkt und daraufhin die Leichen entdeckt und die Polizei alarmiert hatten, begannen die Ermittler den Tatort zu sichern und erste Beweise sicherzustellen. Wie sich später herausstellen sollte, gingen sie dabei nicht besonders akribisch vor.

Einige Zeit später fuhren die Beamten zu Simpsons Haus, das nicht sehr weit entfernt im gleichen Stadtteil gelegen war. Den zu diesem Zeitpunkt noch nicht verdächtigen Simpson trafen sie allerdings nicht an, weil der gerade in einem Flugzeug nach Chicago saß – er hatte sein Haus gegen 23:15 Uhr verlassen, um den Flug noch zu erwischen. Dafür entdeckten sie weitere Beweismittel, unter anderem Blutspuren in Simpsons Ford Bronco.

Weil es außerdem eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt gab – während mehrjährigen Ehe hatte Nicole Brown immer wieder den Notruf der Polizei angerufen, weil ihr Mann sie misshandelte und bedrohte, auf einigen Mitschnitten war Simpson auch zu hören, weil er im Hintergrund brüllte. Es gab also eine Akte, in der zumindest ein Teil der Misshandlungen erfasst waren. Auch deshalb rückte Simpson schnell in den Fokus der Ermittlungen. Und die ergaben, dass Simpsons Alibi keineswegs wasserdicht war, sondern er durchaus die Gelegenheit gehabt hätte, die Morde zu begehen und sich dann schnell auf den Weg nach Chicago zu machen – einige Indizien legten das nahe, und ein Motiv gab es auch, den Klassiker Eifersucht und Rache.

Bei einem Nicht-Promi hätte das vermutlich gereicht, um einen Schuldspruch zu garantieren. Nun war O. J. Simpson aber ein populärer Sportler, ein ehemaliger Footballstar mit einer großen und treuen Fan-Gemeinde, die sich einfach nicht vorstellen konnte, dass ihr Held zu einer solchen Tat fähig sein könnte und ihn vehement verteidigte. Die Verteidigung nutzte das geschickt aus, um die „Rassismus-Karte“ zu spielen, was am Ende zu jener positiven Diskriminierung führte, dank der Simpson in diesem Fall davon kam: „Wir haben hier vermutlich den ersten Fall, in dem ein Angeklagter nicht verurteilt wurde, weil er schwarz war!“ fasste einer der beteiligten Juristen die Situation zusammen.

Nun sollte natürlich weder der soziale Status, noch Geschlecht oder Rasse vor Gericht eine Rolle spielen – tatsächlich ist das anders, und The People v. O.J. Simpson führt das eindrücklich vor. Und auch, dass man aus einem Justizskandal eine spannende Serie machen kann, die zwar nicht unterhaltsam im eigentlichen Sinne, aber absolut sehenswert ist.

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