Incorporated: Erschreckend aktuell

Und noch einmal Science Fiction – ich habe mit der Syfy-Serie Incorporated angefangen und musste mir gleich sechs oder sieben Folgen des 10-Teilers ansehen. Die Serie passt erschreckend gut zu dem, was sich nun als hysterisch-düsterer Ausblick auf ein mehrjähriges Trump-Regime abzeichnet: Die Menschen werden durch Mauern und Checkpoints getrennt und Regierungen spielen keine Rolle mehr. Dafür übernehmen mächtige Konzerne sämtliche Aufgaben, die eigentlich mal Sache des Staates waren, von Bildung über Gesundheit bis hin zu Ordnung und Sicherheit. Denn die US-Regierung versagte kläglich, ihre Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. (Von dem ja gewisse Leute noch immer  behaupten, dass es den gar nicht geben würde.) Jetzt ist alles in der Hand privater Konzerne, die natürlich vor allem ihre eigenen Interessen wahrnehmen: Sie definieren, was wichtig und was richtig ist, die Menschen, die sie nicht für ihre Zwecke brauchen, überlassen sie ihrem Elend.

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Incorporated spielt im Jahr 2074: Durch Naturkatastrophen infolge des Klimawandels wurden die an den Küsten gelegenen alten Zentren wie New York oder Los Angeles zerstört, weite Teile der USA sind inzwischen Salzwüste. Im noch immer grünen Milwaukee liegt die Zentrale des Spiga-Konzerns, der eigentlich mal ein Saatgut-Konzern war – Monsanto lässt grüßen – aber nun eben alles macht, was man unter Life Science verstehen kann. Entsprechend werden auch alle Angestellten ständig überwacht und allen möglichen Screenings unterzogen. Gesundheit ist erste Bürgerpflicht – dazu kommt, dass die Konzerne eifersüchtig über ihr geistiges Eigentum wachen, auch über das, was sich in den Köpfen ihrer Angestellten befindet.

Und Fortpflanzung ist auch nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung erlaubt, denn erstens sind die Ressourcen knapp und zweitens soll der ganze Aufwand nur für optimalen Nachwuchs betrieben werden. Die Karriere-Leute im Konzern setzen deshalb gern auf Leihmütter, denen Designer-Embryonen eingesetzt werden. Wer sich auf die althergebrachte Weise fortpflanzen will, muss seine Gene noch mal extra untersuchen lassen und sobald irgendwie Risikofaktor auftaucht, auf sämtliche Versicherungsleistungen verzichten, falls etwas schief geht. Doch das gilt nur für die Happy Few, die in der Komfortzone leben. Abseits dieser, von Großunternehmen kontrollierter Green Zones gibt es die Red Zones, die praktisch rechtsfreier Raum sind.

Aaron 7 Ben Larson (Sean Teale) Bild: syfy.com

Aaron 7 Ben Larson (Sean Teale) Bild: syfy.com

In Incorporated trifft also 1984 auf Blade Runner, nur dass die Überwachung der Menschen noch sehr viel perfekter funktioniert, als George Orwell sich das vorstellen konnte, und das Elend in den übervölkerten Flüchtlingslagern an den Rändern der Red Zones noch viel deprimierender ist als die dystopische Kulisse der heruntergekommenen Megametropole in Blade Ranner. Millionen von Amerikanern vegetieren in diesen Slums vor sich hin, aber es gibt keinen Staat mehr, der sich um all die Klimaflüchtlinge kümmert. In einer Folge gibt es als Vorspann einen chinesischen Werbespot, in dem um Spenden für die armen Kinder in den USA gebeten wird – offenbar sind die Chinesen mit dem Klimawandel besser klar gekommen als die Amis, die weitgehend sich selbst überlassen wurden.

Aaron und Theo in der Red Zone Bild: syfy.com

Aaron und Theo in der Red Zone Bild: syfy.com

Doch eigentlich geht es um den Spiga-ITler Ben Larson (Sean Teale), der eigentlich Aaron heißt und aus einer Red Zone kommt – was aber niemand wissen darf. Die Bewohner der Red Zones sind Parias, sie werden höchstens für niedere Arbeiten herangezogen. Ben jedoch ist ein sehr guter Programmierer, weshalb er bei Spiga Biotech Karriere machen kann – er hat sich einen perfekten Lebenskauf gefälscht. Und dann hat er auch noch die Tochter der Konzern-Chefin geheiratet. Laura (Allison Miller) ist eine auf kosmetische Chirurgie spezialisierte Ärztin. Laura hat allerdings kein so richtig gutes Verhältnis zu ihrer Mutter Elizabeth Krauss (Julia Ormond), die CEO von Spiga ist – natürlich hat das einen Grund.

Doch zurück zu Aaron bzw. Ben – Ben Larson hat Spiga unterwandert, weil er auf der Suche nach Elena Marquez (Denise Tontz) ist, seiner Jugendliebe, die er im Flüchtlingscamp kennen gelernt hat. Elena hat auch noch einen kleinen Bruder, Theo, der in der Red Zone versucht, Karriere als Martial-Arts-Kämpfer zu machen, was natürlich extrem tough ist, denn er ist eher klein und schlecht ernährt und kommt gegen die mit Blutwäschen und optimaler Proteinzufuhr gepimpten Corporate-Jungs nur durch den Einsatz illegaler und gefährlicher Substanzen an.

Elizabeth Krauss (Julia Ormond) und Laura (Allison Miller) Bild: syfy.com

Elizabeth Krauss (Julia Ormond) und Laura (Allison Miller) Bild: syfy.com

Mit ähnlichen Mitteln hat die schöne Elena vor Jahren auch versucht, ein Stipendium fürs College zu bekommen – für das sie sich mit leistungssteigernden Drogen parallel zu ihrem Job in der Kneipe ihres Vaters mit Super-Learning-Kursen vorbereitet hat. Aber sie scheiterte knapp. Ein Spiga-Scout war auf sie aufmerksam geworden – sie suchte schöne Mädchen für das legendäre Arcadia. Was ein sehr exklusiver Club für höherrangige Spiga-Manager ist. Die wiederum stehen unter so gnadenlosem Erfolgsdruck, dass die Selbstmordrate bedenkliche Höhen erreichte. Doch durch den Einsatz der Arcadia-Mädchen konnte sie signifikant gesenkt werden. Die müssen natürlich nicht nur schön, sondern auch smart sein – genau wie Elena.

Und weil Spiga – und natürlich auch die Konkurrenz – wahnsinnig darauf versessen ist, ihr geistiges Eigentum zu schützen, müssen die Mädels einen entsprechenden Vertrag unterzeichnen: Wenn sie sich verpflichten, bekommen sie eine neue Identität und werden verhältnismäßig gut bezahlt, sie bleiben aber für den Rest ihres Lebens Eigentum der Firma. Denn wer weiß, was gestresste Manager beim Sex so alles erzählen. Wenn ein Date außer Kontrolle gerät, werden hässliche Erinnerungen gelöscht und die Medizin ist inzwischen auch so weit, dass so ziemlich alles repariert werden kann – so gibt es Sprühpflaster, mit dem Wunden in wenigen Minuten ohne Narben zu hinterlassen wieder verschwunden sind.

Moderner Fernunterricht Bild: syfy.com

Moderner Fernunterricht Bild: syfy.com

Theo und Aaron haben sich in den Kopf gesetzt, Elena aus diesem Leben als Sexsklavin für die Spiga-Bosse zu befreien und nehmen dafür extreme Risiken in Kauf – wenn Aaron bzw. Ben auffliegt, ist nicht nur seine Karriere vorbei, ihm droht dann sehr viel Schlimmeres. Und Theo hat als Bewohner einer Red Zone ohnehin nichts zu lachen – er muss jeden Tag sehen, wie er überlebt. Aus seiner Perspektive ist ein Leben in einer Green Zone ein Leben im Paradis.

Doch so schön ist es dort tatsächlich auch nicht: Das Spiga-Universum ist wie ein faschistischer Staat organisiert. Das Leben in einer Green Zone ist zwar ein von materiellen Sorgen freies Leben, aber dafür auch eins unter allumfassender Kontrolle, ein Abweichen von der Norm gilt als unverzeihliches Verbrechen. Der Konzern sorgt zwar gut für einen, aber er reguliert alles bis in die privatesten Bereiche hinein. Und schon der kleinste Fehler kann verhängnisvoll werden: Fällt einer der Manager in Ungnade, verliert die komplette Familie sämtliche Privilegien und wird in einem Lager interniert.

Auch wenn die Geschichte durchaus Schwächen aufweist und ich die Figuren alles in allem dann doch ganz schön klischeehaft finde – vielschichtige Charaktere, die eine interessante Entwicklung durchlaufen gibt es hier nicht, dafür aber eine Reihe karrieregeiler Anzugsträger und -trägerinnen und einen Helden, der seine zweifellos vorhandene Brillanz für ein sehr persönliches Ziel einsetzt, wo es doch noch sehr viel bessere Gründe gäbe, Spiga zu unterwandern – nun ja.  Das Ansehen lohnt sich aber aufgrund der erschreckenden Aktualität der behandelten Themen aber doch.

Theo Marquez (Eddie Ramos) Bild: syfy.com

Theo Marquez (Eddie Ramos) Bild: syfy.com

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Jede Regierung lügt

In der Arte-Mediathek gibt es noch bis zum 16. Februar die kanadische Doku Jede Regierung lügt, die von Oliver Stone und Jeff Cohen produziert wurde. Die lohnt es sich auf jeden Fall ansehen, schon weil Lügen-Präsident Donald Trump darin entsprechend eingeordnet wird – er erscheint derzeit zwar als besonders drastischer Fall, aber das dürfte eher auf das extrem ungeschickte Agieren seiner Sprecher zurückzuführen sein. Noch hat er sein Land nicht in einen Krieg gelogen, wie so mancher US-Präsident zuvor. Und, da sollte man sich nichts vormachen, auch ein Barack Obama und eine Hillary Clinton lügen sich und den anderen ständig etwas vor, nur tun sie das geschickter und nicht so offensichtlich wie der Donald das mit seinen Kinderlügen tut. Er muss halt immer den größten und längsten haben – im Grunde müsste man froh sein, dass er sich an solchen Nichtigkeiten abarbeitet, da wäre sehr viel Schlimmeres denkbar. Ansonsten ist er leider vergleichsweise ehrlich: Er setzt konsequent um, was er im Wahlkampf angekündigt hat – Ausländer raus, Obamacare abschaffen, Bildungssystem ruinieren, Steuern für Reiche senken und Arme dafür zahlen lassen – kann keiner behaupten, dass man das nicht hätte wissen können.

Screenshot Jede Regierung lügt

Screenshot Jede Regierung lügt

Doch ich schweife ab, denn darum geht es in der Doku gar nicht. Hier geht es eher darum, dass Donald Trump erstaunlicherweise Erfolg hat, obwohl er kein bisschen auf die Forderungen jener enttäuschten Verlierer eingeht, die ihn offenbar massenweise gewählt haben (ich weiß, Hillary hatte ein paar Millionen Stimmen mehr, aber es waren ja offenbar noch genug Verlierer für Trump übrig). Kritische Medienanalyse dazu: Fakten spielen keine Rolle. Trump hat geschafft, wofür in Deutschland Die Partei vor gut zehn Jahren angetreten ist: Inhalte überwinden.

Aber auch das kommt in dieser Doku nicht vor. Und leider geht diese sehr engagierte Doku auch leider überhaupt nicht darauf ein, WARUM jede Regierung lügt, ja, lügen muss!

Was nicht heißt, dass man sich die Zeit dafür sparen sollte, im Gegenteil. Sie liefert ja eine Menge Munition, nur wird sie leider ziellos verschossen. Hier geht es darum, zu erklären, dass man echten, kritischen Journalismus braucht, um all die Lügen aufzudecken. Denn die Mainstreammedien tun das nicht, diese Analyse ist durchaus korrekt. Die sind ja als Unternehmen darauf angewiesen, aus ihren Nachrichten ein Geschäft zu machen – also berichten sie über genau die Dinge, die Auflage, Reichweite und gute Quote versprechen.

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Screenshot Jede Regierung lügt

Und nicht über die Dinge, die unangenehm und ärgerlich sind. Wie Massengräber in Texas, in denen hunderte von illegalen Einwanderern verscharrt wurden. Aufrechte Journalisten regen sich zu recht darüber auf, dass das keinem der großen Sender und Medienverlage eine Meldung wert gewesen ist, statt dessen würde lieber gemeldet, dass Kim Kardashian im Central Park in eine Pfütze getreten sei. Und so wird eben auch nicht über Umweltskandale, oder Missstände in den Sozialsystemen, die Kriege, die von freiheitlich-demokratischen Regierungen vom Zaun gebrochen und unterstützt werden und so weiter berichtet – denn das will ja keiner wissen, meinen die Chefs. Wer will denn abends zur Entspannung Blut und Elend sehen. (Und warum dann die ganzen Krimis?! Nur so als ketzerische Überlegung)

Diese Doku beschreibt einen Ist-Zustand – natürlich ist das alles schlimm. Und es wird auch ganz gut erklärt, wie das mit der Selbstbestätigung der Medien (eine elaborierte Art der Filterblase) funktioniert, weil eben nur die Journalisten nach oben kommen, die sagen und schreiben, was die Chefs hören und lesen wollen. Und die haben es gern staatstragend und nicht kritisch. Denn das herrschende System ist ja das einzige denkbare. Insofern soll irgendwie schon „kritisch“ berichtet werden, aber es ist eben nur die Kritik zugelassen, die nicht an bestehenden Verhältnissen rüttelt, sondern sie bestätigt. Und im herrschenden System ist der Gedanke, dass die Welt untergeht, eher akzeptiert, als der Gedanke, dass der Kapitalismus vielleicht doch nicht das beste aller möglichen Systeme ist.

Screenshot Jede Regierung lügt

Screenshot Jede Regierung lügt

Und so heißt es auch hier: Wenn sich alle an die Regeln halten würden, wäre alles besser. Insofern ist nur logisch, dass der Wahlsieg von Trump für die etablierten Medien so ein Schock war – sie haben genau das gemeldet, was sie melden wollten, hier war die gefühlte Wahrheit tatsächlich noch realer als die Realität. Aber ich bin schon wieder ganz wo anders – aber trotzdem sage ich: Schaut euch diese Doku an. Sie öffnet eine Tür, aber weiter denken muss man dann halt selbst.

Es kommen eine Reihe Journalisten zu Wort, die für unabhängige Medien arbeiten, und natürlich finde ich es gut und wichtig, über ihre Arbeit zu berichten. Genau wie es gut und wichtig ist, diese ganzen Lügen aufzudecken. Trotzdem wundert mich, dass eine entscheidende Frage nicht gestellt wird: WARUM lügen alle Regierungen?

Screenshot Jede Regierung lügt

Screenshot Jede Regierung lügt

Die Antwort auf die Frage bleiben die Macher uns schuldig, also versuche ich mich mal daran: Weil alle Regierungen gegen die Interessen einer riesigen Mehrheit von Leuten handeln – nämlich so ziemlich aller außer den paar Superreichen, die von den Verhältnissen profitieren, die Mithilfe der ganzen Lügen sämtlicher Regierungen eingerichtet wurden.

Denn ganz offensichtlich sind die Verhältnisse gar nicht so, wie behauptet wird: Es geht eben nicht um das Wohl der Menschen, sonst wären die ganzen Lügen doch überhaupt nicht nötig. Wenn es darum ginge, allen Menschen ein auskömmliches Leben zu ermöglichen, bräuchte man weder Kriege, noch Mauern oder schärfere Einwanderungsgesetze, dann würde man sich eben zusammen hinsetzen und überlegen, wie man das sinnvoll organisiert.

Aber genau das passiert nicht.

Ich wünsche mir ein paar kritische Journalisten, die genau hier ansetzen: Was müssen wir tun, damit Regierungen nicht mehr lügen müssen? Die Antworten darauf werden vielen erstmal nicht gefallen. Aber irgendwo muss man doch anfangen.

Arrival: Warum sind sie hier?

Was Science-Fiction-Filme angeht, habe ich leider schon lange keinen guten mehr gesehen – obwohl es in der letzten Zeit durchaus einige gab, die auf ihre Weise zumindest interessant waren, Der Marsianer beispielsweise oder Interstellar. Und noch schlimmer wird es, wenn Aliens auftauchen – dann gibt es eigentlich nur noch Krieg und Zerstörung. Auf die Idee, dass auch mal Besucher vorbei kommen könnten, die weder die Erde zerstören, noch die Erdlinge versklaven und ausbeuten wollen, scheint kaum ein Filmemacher zu kommen – aber wie auch, wenn das einzig anerkannte, inzwischen global auf unserem Planeten praktizierte Wirtschaftssystem auf Ausbeutung und Konkurrenz beruht, statt auf Kooperation und gegenseitiger Anerkennung.

Um so erstaunlicher eigentlich, dass mit Arrival nun doch ein neuer Science-Fiction-Streifen in die Kinos gekommen ist, der von Außerirdischen handelt, die den Menschen gar nichts tun wollen. Wobei das ja lange Zeit nicht so richtig klar wird – in dem Film des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve geht es vor allem darum, wie man mit Wesen kommuniziert, von deren Art der Kommunikation man überhaupt keinen Schimmer hat.

Arrival: Merkwürdiges Flugobjekt in Montana

Arrival: Merkwürdiges Flugobjekt in Montana Bild: Apple Trailer

Die Menschen haben untereinander ja schon erhebliche Kommunikationsprobleme – und die heutige Art hysterischer Live-Berichterstattung mit all ihren Irrungen und Wirrungen (oder auf Neusprech fake news und alternative facts) macht die Sache auch nicht besser. Insofern ist Dr. Louise Banks (Amy Adams) eine in ihrer Ernsthaftigkeit schon ziemlich aus der Zeit gefallene Wissenschaftlerin – genau wegen dieser Eigenschaft gelingt es ihr schließlich aber auch, die rätselhafte Sprache der Ankömmlinge zu entschlüsseln. Dabei bekommt sie anfangs nicht mal mit, dass die Aliens auf der Erde landen – sie wundert sich nur, dass so wenig Studenten in ihre Vorlesung gekommen sind. Die dann auch noch gebannt auf ihre Laptops starren, anstatt sich anzuhören, was ihre Dozentin über die Besonderheiten des Portugiesischen zu berichten hat. Aber als Zuschauer weiß man ja ohnehin noch nicht so richtig, woran man ist, denn im Schnelldurchlauf wurde als Vorspann gezeigt, dass Dr. Louise Banks gerade ihre Tochter verloren hat, die als junge Frau an irgendeiner Krankheit gestorben ist.

Doch dann geht es richtig los: Kampfjets und Hubschrauber lärmen, die USA machen mobil und die Linguistin, die bereits mehrfach für die US-Regierung gearbeitet hat, wird als Expertin beauftragt, mit den frisch gelandeten Aliens Kontakt aufzunehmen. Gemeinsam mit dem Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) leitet Louise ein Team, das herausfinden soll, wer die Ankömmlinge sind, woher sie kommen und was sie vor haben. Weltweit sind zwölf der eigenartigen Schiffe gelandet, die ihrer Form wegen als „Muscheln“ bezeichnet werden, auch wenn sie nicht wirklich wie Muscheln aussehen – sondern eher wie rätselhafte, einen halben Kilometer hohe Designobjekte, die knapp über der Erdoberfläche schweben. In den elf anderen betroffenen Ländern arbeiten ebenfalls Expertenteams an einer Kontaktaufnahme – aber nicht alle haben die Mittel und die Geduld der Amerikaner, was sich noch als zunehmend problematisch herausstellen wird. Zumal das US-Militär eigentlich auch nicht dermaßen geduldig ist.

Dr. Louise Banks (Amy Adams) Bild: Arrival Trailer (Youtube)

Dr. Louise Banks (Amy Adams) Bild: Arrival Trailer (Youtube)

Alle 18 Stunden öffnet sich eine Tür in dem sonst mit keinerlei sichtbaren Öffnungen versehenen Raumschiff, das über einem Tal in Montana schwebt, durch die das Team ins Innere gelangen kann. Natürlich schützen sich die Menschen mit luftdichten Schutzanzügen, auch wenn sie einen Kanarienvogel im Käfig mitführen, dem es bei den Besuchen weiterhin gut zu gehen scheint.

Die erste Begegnung ist unglaublich spannend, obwohl gar nicht viel passiert – aber man fühlt mit Louise, die mit der Situation kaum klar kommt – dieser ungewohnte Schutzanzug und dann die Ungewissheit der ganzen Unternehmung – was erwartet sie überhaupt im Inneren dieses rätselhaften Dings? Aber sie nimmt sich zusammen – schließlich ist das eine Mission, die nur wenigen Auserwählten zuteil wird. Natürlich ist das eine einzigartige Chance – und Dr. Louise Banks wird das Beste daraus machen.

Im Inneren des Raumschiffs werden in einer Art Kanal die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben – die Wissenschaftler und ihre Beschützer können einfach an den Wänden entlang gehen – schließlich sieht man durch einen Nebel hinter einer Trennwand zwei große, tintenfischartige Wesen mit sieben Armen oder Beinen, die sehr merkwürdige Geräusche von sich geben, die Louise beim besten Willen nicht übersetzen kann.

Die Aliens kommunizieren... Bild: Arrival Trailer (Youtube)

Die Aliens kommunizieren… Bild: Arrival Trailer (Youtube)

Aber als findige Sprachexpertin kommt Louise schließlich auf die Idee, zu testen, ob die Außerirdischen etwas mit visueller Kommunikation anfangen können, in dem sie HUMAN und später ihren Namen auf eine Tafel schreibt, die sie den Heptapoden zeigt. Diese antworten tatsächlich, in dem sie mit ihrer Tinte kreisförmige Schriftzeichen auf die Trennwand schreiben, die leicht variieren. Louise und Ian fangen damit an, diese Zeichen zu entschlüsseln und finden in mühsamer Kleinarbeit auch einiges heraus – allerdings können sie sich nie sicher sein, ob das, was sie hineinlesen, auch wirklich so gemeint ist.

Nach einiger Zeit haben Menschen und Aliens einige grundlegende Begriffe ausgetauscht – und die Aliens überraschen mit einer Botschaft, die sich mit „Waffe anbieten“ oder „Waffe benutzen“ übersetzen lässt. Nicht nur im US-Team sorgt das für Aufregung, sondern auch in China und einigen weiteren Ländern. Während Louise weiterhin überzeugt ist, dass die Aliens etwas anderes meinen müssten, werden weltweit Waffen in Stellung gebracht. Eine Gruppe Soldaten bringt eigenmächtig eine Bombe in das Raumschiff, in dem Louise und Ian weitere Informationen von den Aliens erhalten wollen.

Doch die Aliens lassen sich auch von dieser Aktion nicht aus der Ruhe bringen – sie retten Louise und Ian, wobei einer der beiden Außerirdischen dabei zu Tode kommt. Kurz vor der Explosion haben sie noch eine Menge Zeichen übermittelt, die Ian nun entschlüsselt. Er findet heraus, dass die Aliens auf den Verbund der zwölf Raumschiffe hinweisen. Louise macht sich unterdessen noch einmal allein auf den Weg zum Raumschiff und wird von dem verbliebenen Alien an Bord geholt. Sie findet heraus, dass die Aliens der Menschheit ein Geschenk machen wollen – ihre universelle Sprache, die auch die Wahrnehmung von Zeit verändert – Louise begreift, dass die Träume, die sie die ganze Zeit hat, ein Blick in die Zukunft sind. Später, hoffen die Aliens, werden die Menschen ihnen damit einmal helfen können.

Jetzt gilt es nur noch, die anderen Menschen zu überzeugen…

Doch, das ist ein toller Film, der mich mehr beeindruckt, als jedes Effektgewitter á la Star Wars oder Independence Day. Hier geht es endlich einmal nicht um Technik, sondern um Kommunikation – und um die Mühen ernsthafter Wissenschaft, die ausnahmsweise nicht benötigt wird, um neue Waffen zu entwickeln oder fremde Waffen zu zerstören, sondern um Erkenntnis zu gewinnen. Mehr Science und weniger Fiction also, das sollte man öfter wagen. Wobei dieser Film ja durchaus in die Zukunft blickt, wie man es von guter Science Fiction auch erwarten kann.

La La Land – Herzschmerz, aber richtig

„Nee, das sind ja mehr als zwei Stunden Zeitverschwendung“, erklärte mein Freund kategorisch, „den Film musst du dir allein ansehen!“ Was ich dann auch tat – und wie ich erwartet hatte, sind die 128 Minuten La La Land kein bisschen Zeitverschwendung. Das schreibe ich, obwohl ich kein großer Fan von Musical-Filmen bin und sonst auch nicht viel für romantische Komödien übrig habe. La La Land ist auch eher eine nostalgische Satire auf RomComs, Musicals und die Traumfabrik von Hollywood – genau das ist der Witz daran.

Schon die Anfangssequenz macht klar, dass es hier um ganz großes Kino geht: Es gibt einen der notorischen Dauerstaus, mit denen sich die dynamische Individualverkehrsgesellschaft ad absurdum führt: Die Bewohner von Los Angeles stehen mit ihren Autos pro Jahr im Durchschnitt 81 Stunden im Stau und halten damit den US-Rekord – was in La La Land dazu genutzt wird, um eine epische Tanznummer daraus zu machen: Nachdem eine Autofahrerin einfach singend aus ihrem durch den endlosen Stau auf dem Highway nutzlosen Gefährt aussteigt und über Autobahn und Fahrzeuge tanzt, gibt es kein Halten mehr und nach und nach machen alle mit, inklusive einer Band, die zuvor in einem Lastwagen verborgen war. Das alles ist zwar völlig sinnfrei, macht aber Spaß und ist die perfekte Einstimmung auf alles, was folgt.

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

Eine dermaßen übertriebene Hollywood-Tanznummer macht klar, dass der Film von hinten bis vorn nicht ernst gemeint sein kann – wir sind hier eher in der Kategorie von Hail Caesar (in dem es eine wahnsinnig gute Tanzszene mit Channing Tatum als Matrose gibt), nur ohne George Clooney, Sandalen, die Coens und verschrobene Kommunisten. Dafür aber mit Ryan Gosling und Emma Stone, die auf dem Weg sind, ein echtes Hollywood-Traumpaar zu werden, vielleicht nicht wie Ginger Rogers und Fred Astaire, obwohl sie hier auch tanzen, eher cool und launisch wie Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Jedenfalls wäre das meine Präferenz.

Mia (Stone) und Sebastian (Gosling) sind eben keine hoffnungslosen Träumer, wie ich in einer anderen Kritik las, die gern zitiert wird, sondern im Gegenteil ziemlich illusionslose Realisten – Mia ist eine ziemlich begabte, aber total unbekannte Schauspielerin, die leider auch niemanden kennt, der  ihr irgendwo eine entscheidende erste Rolle verschaffen könnte, Sebastian ist ein sehr guter Jazz-Pianist, der was Jazz betrifft, einen sehr expliziten Musikgeschmack hat, mit dem er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber einfach nicht landen kann. Die beiden tun trotzdem, was sie tun müssen: Zu jedem blöden Vorsprechen bzw. Vorspielen gehen, in der Hoffnung, doch einen Fuß in die Tür zu kriegen und ansonsten gehen sie ihren öden Brotjobs nach, denn Geld verdienen muss man ja, gerade in Los Angeles. Dem La La Land, in dem Träume wahr werden – wenn auch nur die Träume der wenigen, die es schaffen, ihre persönlichen Traum zu leben. Und auch das geht nicht immer gut aus.

Die beiden laufen sich immer wieder mal über den Weg – aber wie in jedem guten Skript braucht es auch in La La Land Missverständnisse, Konfusion, Probleme. Und natürlich eine vernünftige Struktur, die sich hier an die Jahreszeiten hält, beginnend mit Winter. Und wie das so ist: Im Frühling schmilzt das Eis, im Sommer ist das Leben leicht und schön, im Herbst beginnen erneut die Schwierigkeiten und nun ja, es wird wieder Winter, was dann quasi der Epilog ist.

Aber zum Anfang zurück: Mia bedient in der Betriebskantine von Warner Bros, und hat damit all das, was wofür sie leben will, schmerzhaft dicht vor der Nase, nur dass sie eben unsichtbar ist und nicht dazu gehört. Sebastian, der Bud Powell und Thelonious Monk verehrt, muss Weihnachtslieder für ein gelangweiltes Publikum spielen und sich später als Keyboarder in einer Coverband, die auf Parties spielt, durchschlagen. So trifft er auch Mia wieder, die natürlich auch überall hin geht, wo sie möglicherweise jemanden trifft, der hilfreich sein kann. Aber es läuft an dem Tag für beide nicht gut – auf der Suche nach ihren Autos, die irgendwo geparkt sein müssen, treffen sie sich wieder, passend zum Sonnenuntergang. Und das führt ebenfalls zu einer tollen Tanzszene – Mia hat ihre Stepdance-Schuhe in der Handtasche dabei, was auch ein netter Gag ist – und dann gibt es einen minutenlangen Take ohne Schnitt, das ist einfach klasse. Doch, eigentlich mag ich Tanzfilme. Sie müssen nur gut sein.

Und wie das dann so kommen muss: Mia und Sebastian werden ein Paar und bestärken sich gegenseitig, ihre jeweiligen Projekte voran zu treiben – natürlich verstehen sie einander: Sie wollen einfach das tun, in dem sie gut sind. Obwohl Mia anfangs damit kokettiert, dass sie Jazz hassen würde, mag sie doch die Musik, die Sebastian spielt und redet ihm zu, seinen Traum vom eigenen Jazzclub zu verwirklichen, sie entwirft sogar ein Logo dafür.

Sebastian wiederum erklärt Mia, dass sie nicht länger für blöde Rollen vorsprechen solle, sondern sich besser selbst eine gute Rolle auf den Leib schreiben solle – wie wäre es mit einem eigenen Theaterstück? Verrückt – aber warum eigentlich nicht? Mia beginnt, ein eigenes Stück zu schreiben. (Und nebenbei, Brit Marling zum Beispiel fährt ganz gut mit dieser Strategie, nur schreibt sie Drehbücher und nicht Stücke) Doch wie das so ist – neben der Beziehung gibt es jede Menge Verpflichtungen und in unserer Konkurrenzgesellschaft ist es schwer, beides unter einen Hut zubekommen.

Und so kommt es, wie es kommen muss – Sebastian bekommt das Angebot, in einer Cross-Over-Jazz-Band, die eigentlich Musik macht, die er gar nicht so gut findet, Karriere zu machen – aber eben mit dem Preis, dass er dann die nächsten Jahre mit eben dieser Band auf Tour ist. Mia hingegen schreibt ihr eigenes Stück, produziert es selbst und spielt die einzige Rolle – aber geht damit wirtschaftlich unter.

Aber Ironie des Schicksals – eine Produzentin, die Sebastian kennt, hat Mias Stück gesehen und ist begeistert – auch wenn sonst kaum jemand es gesehen hat. Sebastian kann Mia, die aufgeben will und zu ihren Eltern nach Boulder City, Nevada, zurückgezogen ist, überzeugen, zu einem weiteren Vorsprechen zu gehen. Natürlich wird das ihr Durchbruch – auch wenn sie jetzt erst einmal nach Paris gehen muss. Und Mia macht Sebastian klar, dass dieses Projekt, bei dem er gerade mit macht, doch nicht das ist, was er eigentlich wollte. Aber sie verlieren sich aus den Augen – sie sind zu sehr damit beschäftigt, ihre jeweiligen Karrieren voranzutreiben. Wie das Leben so spielt.

Fünf Jahre später ist Mia eine anerkannte und etablierte Schauspielerin – mit ihrem Ehemann und der kleinen Tochter macht sie einen Abstecher nach Los Angeles. Und wie so oft, stehen sie im Stau – Mia ist dafür, dass sie einfach abbiegen und etwas anderes tun. Sie landen in einem Jazz-Club, in dem Mia das Seb’s-Logo erkennt, das sie für Sebastian entworfen hat. Und tatsächlich, später kommt Sebastian auf die Bühne und spielt – er hat also auch seinen Traum verwirklicht.

Die beiden erkennen einander – und im Schnelldurchlauf gibt es den Film, der ihr beider Leben hätte sein können, wenn nur, ach wenn –

Doch, genau das ist großes Kino. Das Spiel mit den Möglichkeiten, aber jeder weiß, dass das Leben nicht so ist. Und auch der Film weiß das bzw. seine Macher. Und auch wenn man seinen Traum lebt, ist das Leben eben Leben und kein Traum. Mit allen Härten und Konsequenzen. Es kommt eben immer anders. Selbst, wenn das, was man erwartet hat, entgegen aller Wahrscheinlichkeit eintritt. La La Land ist kein Film für Träumer. Es ist ein Film für alle, die Filme übers Filmemachen lieben. Die mit kitschiger Ironie klar kommen, nicht gegen Jazz und Musical allergisch sind und zwei Stunden und acht Minuten Zeit haben. Für die kann La La Land ein Riesenspaß sein. Obwohl, die sieben Golden Globes, die La La Land kürzlich abgesahnt hat – das war wohl eher eine Verzweiflungstat, wenn auch eine nachvollziehbare. Mir gehen ja selbst die ganzen Superheldenmovies und Thriller auf die Nerven. La La Land ist halt mal wieder was anders.

Aber sieben Golden Globes?! Total Übertrieben. Aber Jimmy Fallon’s Cold Open für die Golden Globes versteht eigentlich nur, wenn man den Anfang von La La Land gesehen hat.

Fauda: Chaos auf beiden Seiten

In Sachen Serien sollten sich unsere Serienmacher die Israelis zum Vorbild nehmen – die trauen sich nämlich tatsächlich was. Ich war ja schon von der Homeland-Vorlage Hatufim sehr angetan – die Serie Fauda ist allerdings noch einiges krasser. Was natürlich auch daran liegen mag, dass der Alltag in Israel und den Palästinensergebieten auch viel krasser ist – zwar bekommt man hierzulande durch die Anschläge islamistischer Attentäter in Berlin und in Bayern zumindest eine Ahnung davon, wie sich das Leben auf dem Pulverfass anfühlen mag, aber gemessen an der Lage im Nahen Osten leben wir noch immer in einer sehr friedlichen Komfortzone.

Ganz anders die Lage im gelobten Land: Dabei könnte es auch dort richtig schön sein, wie die täuschende Idylle nahelegt, die zunächst gezeigt wird: Das warme Licht der mediterranen Nachmittagssonne scheint durch freundliches Grün, wir sind auf dem Weingut von Doron Kavillio (Lior Raz), der nach seiner Karriere beim Geheimdienst ein neues Leben mit Frau und Kindern begonnen hat. Doch Dorons Vergangenheit holt ihn schnell ein, denn er bekommt unerwarteten Besuch:  Sein ehemaliger Vorgesetzter  Mickey Moreno (Yuval Segal) kommt vorbei und sagt ihm, dass Abu Ahmad lebt.

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Doron kann nicht fassen, was er da hören muss – er selbst hat den Terroristen doch umgebracht! Zur Belohnung durfte er sich zur Ruhe setzen – und er hat sich hoch verschuldet, um neu anzufangen. Doch der Panther, wie Abu Ahmad auch genannt wird, hat irgendwie überlebt. Er hat das Leben von 116 Israelis auf dem Gewissen – doch der Anschlag, den Doron ausgeführt hat, ist offenbar fehl geschlagen.

Das trifft ihn persönlich, also steigt Doron wieder ein. Mit seinem Anti-Terrorteam von damals, das weiterhin verdeckte Operationen in den Palästinenser-Gebieten durchführt. Gemeinsam mit seinen alten Teamkameraden will Doron seinen Auftrag zu Ende bringen – er will Abu Ahmad kriegen, tot oder lebendig. Keine Frage, dass Dorons Familie wenig begeistert über diese Wendung ist. Doch das ist erst der Auftakt für zwölf Folgen harte Kost, die beide Seiten des Nah-Ost-Konflikts gnadenlos beleuchtet.

Fauda ist das arabische Wort für Chaos. Und die Leute in Dorons Team können alle perfekt Arabisch – sonst wäre es schwer möglich, die palästinensische Seite zu unterwandern. Doch auch die Palästinenser haben ihre Leute auf der anderen Seite, die sich als Juden ausgeben. Denn letztlich sind sie ja gar nicht so unterschiedlich – und doch stehen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber und trachten danach, einander möglichst effektiv umzubringen.

Doron also steigt in eine verdeckte Operation im Feld ein, das ist eigentlich seine Spezialität: Er gibt sich als Palästinenser aus, er kennt diese Sprache und Kultur in-und-auswendig. Mit einem Kollegen schleicht er sich auf der Hochzeit von Abu Ahmads kleinem Bruder ein – der Panther wird sich nicht nehmen lassen, bei dieser großen Familienfeier zu erscheinen. Doch die Nummer geht total schief und Doron fliegt auf. Schlimmer noch: In dem ganzen Chaos wird der Bräutigam erschossen und ein Teamkamerad schwer verletzt. Zurück bleibt die mit dem Blut ihres Bräutigams bespritzte Braut, die auf Rache sinnt: Ihr Leben ist jetzt in jeder Beziehung ruiniert.

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Zumindest sieht sie das so, auch wenn der Scheich ihr gut zureden will – sie könne doch einen anderen Mann finden und eine Familie haben. Aber sie will lieber Rache nehmen und als Märtyrerin sterben. Wie so viele, die keine Zukunft mehr für sich sehen. Doch auch bei den Israelis spitzen sich die Dinge zu – Dorons Frau Gali hat eine Affäre mit Naor, der seinem Teamchef eigentlich den Rücken frei halten sollte. Und noch verzwickter: Zum Anti-Terror-Team gehört auch noch Dorons Schwager Boaz, der ein junger Hitzkopf ist, der das Team unbeabsichtigt immer wieder in Gefahr bringt. Und wie sich herausstellt, auch die schöne junge Frau, in die er sich gerade verliebt hat. Weil die Gegenseite ein Streichholzbriefchen von dem Club in Tel Aviv, in dem Boaz gern feiert findet, wird der das nächste Ziel für ein Attentat. Und Boaz neue Freundin arbeitet ausgerechnet dort. Keine Frage, das geht wieder nicht gut aus.

Und alle verlieren dabei – Isrealis und Palästinenser, beide Seiten provozieren mit ihren Aktionen immer neuen Terror und immer neue Vergeltungsschläge. Auch wenn die Israelis technisch weit überlegen sind – zwischendurch werden immer wieder Drohnenaufnahmen eingeblendet, die die jeweiligen Orte der Handlung aus der Perspektive der Drohnenpiloten zeigen – natürlich werden die besetzten Gebiete ständig und engmaschig überwacht. Genau diese Überwachungsmaßnahmen fordern aber auch Widerstand und Gegenmaßnahmen heraus, weil sich die auf diese Weise gegängelten Menschen ja irgendwie wehren wollen und müssen.

Und auch die, die nicht machen wollen, können sich nicht entziehen: Auf palästinensischer Seite zwingt ein Getreuer von Abu Ahmad seine Cousine, die Ärztin Shirin El Abed, für die Terroristen zu arbeiten, obwohl sie das nicht will und deren Aktionen nicht gutheißt. Aber weil sie das Leben ihrer Angehörigen nicht aufs Spiel setzen will, tut sie, was die Terroristen von ihr verlangen. Dumm nur, dass sie sich ausgerechnet auf ein Techtel-Mechtel mit diesem netten Patienten einlässt, den sie neulich behandelt hat – denn der freundliche Palästinenser ist ausgerechnet Doron, der unbedingt herausfinden muss, wo sich Abu Ahmad befindet. Genau das ist Fauna: Chaos, es wird unmöglich zu sagen, wer gut und wer böse ist, jede Entscheidung, die getroffen wird, ist verhängnisvoll.

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Fauda wurde 2015  vom israelischen TV-Sender Yes Oh ausgestrahlt. Derzeit ist Fauda auf Netflix zu sehen – auch in Deutschland können die 12 Folgen im Original auf Hebräisch und Arabisch mit Untertiteln angesehen werden, es gibt aber auch eine deutsche Fassung. Netflix hat sich inzwischen die Rechte an Fauda gesichert und soll bereits eine zweite Staffel produzieren. Was mir an Fauda besonders gefällt, ist, dass es eigentlich keine Helden gibt – sämtliche Protagonisten haben ihre Gründe für ihre Handlungen, aber es sind keine guten. Es gibt keine richtigen und keine einfachen Lösungen, jeder versucht, aus dem, was passiert, irgendeinen Vorteil zu ziehen, was aber oft schief geht.

Während die Israelis immer bemüht sind, ihre humanitäre Seite herauszukehren – so versorgen sie die kleine Tochter von Abu Ahmad, die vom Anti-Terror-Team entführt wurde, um damit ihren entführten Kameraden freizupressen, was natürlich auch wieder misslingt – im besten israelischen Krankenhaus, weil sie beim verpatzten Austausch verletzt wurde. Das ist gut für die Weltöffentlichkeit – aber bei den Palästinensern machen sie damit keinen Stich. Die haben tatsächlich kein anderes Mittel mehr als Terror, wenn sie nicht einfach fressen wollen, was ihnen diktiert wird. Und warum sollten sie das wollen?! Die Situation ist mehr als kompliziert, sie ist nicht auszuhalten. Fauda eben.

Interessanterweise ist Fauda nicht nur in Israel sehr erfolgreich gewesen, sondern auch in arabischen Ländern – in einem Interview mit Autor und Hauptdarsteller Lior Raz habe ich gelesen, dass er Zuschriften von von arabischen Zuschauern bekommen habe, die schrieben, dass sie zum ersten Mal Mitgefühl für die israelische Seite aufbringen konnten. Genauso habe er von rechtsgerichtete Israelis gehört, dass sie für die palästinensische Seite Verständnis bekommen hätten – irgendwas haben die Serienmacher also richtig gemacht.

Liors Vater kommt aus dem Irak, seine Mutter stammt aus Algier – er ist mit Arabisch als Muttersprache aufgewachsen und liebt nach eigener Aussage die arabische Sprache und Kultur. Trotzdem hat er in einer Spezialeinheit der Israelische Armee gegen die Palästinenser gekämpft, er beschreibt in der Serie genau das, was er erlebt hat. Vermutlich ist Fauda deshalb so authentisch.

Berlin spielt übrigens auch eine Rolle – die Familie von Abu Ahmad hat nämlich deutsche Reisepässe und soll sich in Berlin in Sicherheit bringen – und ausgerechnet der israelische Kontaktmann vom Geheimdienst überreicht die Pässe, damit sie dorthin fliehen können. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles, was in der Serie passiert ist, komplett durchschaut habe, denn immer wieder handeln die Protagonisten nicht so, wie man erwarten würde.

Aber mir gefällt das. Und Deutschland hat in der Vergangenheit nun wirklich keine tolle Rolle bei der Völkerverständigung gespielt -die Vorstellung, dass sich sowohl Israelis als auch Palästinenser in Berlin einfach mal von ihrem Stress zuhause erholen und chillen können, und vielleicht auch mal miteinander anstoßen, finde ich gut.

Tempel: Versagen mit Anspruch

Mir wird ja immer wieder vorgeworfen, dass ich in meinem Blog zu sehr auf die Serien von Netflix, Amazon und Co. fixiert sei und die Produktionen deutscher Sender kaum beachten würde – was aus meiner Perspektive aber vor allem daran liegt, dass dort leider auch nicht viel Bemerkenswertes zu finden ist. Außerdem lobe ich die wenigen deutschen Highlights schon, sofern ich sie entdecke, etwa Deutschland 83 oder Ku’damm 56.

Aber in der Regel geht das Projekt „ambitionierte Spitzenserie“ hierzulande schief – wenn es um die Entscheidung geht, sich wirklich was zu trauen, auch wenn das Ergebnis möglicherweise nicht mit dem Massengeschmack kompatibel ist – und ich behaupte, genau das ist es, was die US-Serien, die hierzulande von der Kritik zu recht gefeiert werden, eben besonders macht, auch wenn sie beim durchschnittlichen Fernsehpublikum weder hier noch in den USA besonders erfolgreich sind – dann geht das immer zugunsten der erhofften Massentauglichkeit aus.

Aber Massengeschmack und hoher Anspruch geht nur in Ausnahmefällen zusammen – schlimm ist, dass auch mit viel Aufwand produzierte Serien dann aber nicht nur bei den anspruchsvollen Nutzern durchfallen, sondern auch beim Durchschnittspublikum. Dadurch trauen sich die deutschen Fernsehmacher immer weniger, statt im Gegenteil endlich mal weg von ihrer Idioten-Schiene zu kommen und es alle recht machen zu wollen, womit am Ende sämtliche Zielgruppen enttäuscht werden.

Tempel - Bild: zdfneo.de

Tempel – Bild: zdfneo.de

ZDFneo wollte sich in Sachen Serie mal so richtig was trauen und hat eine eigene Serie gemacht, die mutiger, besser und in jeder Hinsicht cooler sein sollte, als die typisch deutsche Serienkost. Aber wie das hierzulande leider immer der Fall ist, haben sich die Macher wieder nur einen beherzten Griff in die Klischeekiste getraut, statt wirklich was Neues zu wagen. Insofern ist auch bei der Serie Tempel, auf die ich wirklich gespannt war, wieder nur – immerhin optisch ansprechend aufbereiteter – Mainstreamschrott herausgekommen, obwohl der Ansatz gar nicht so schlecht war: Mark Tempel, ein Altenpfleger mit Herz und einer kriminellen Vergangenheit als Beinahe-Profi-Boxer wird wieder in den Ring geschickt – und muss sowohl gegen jüngere und fittere Gegner, als auch gegen die böse Berliner Immobilienmafia und um seine Familie kämpfen.

Das an sich ist kein schlechter Stoff – die Vertreibung der alt eingesessenen Kiezbewohner durch betuchtere Neuberliner, die nach und nach alle zentral gelegenen Stadtviertel übernehmen und die ehemaligen Bewohner der nun luxussarnierten Altbauten sprichwörtlich an den Rand drängen, ist ein Thema, das durchaus eine Serie verdient, nur eben eine bessere als diese. Und dann werden noch eine Menge anderer Themen angerissen, die allesamt wichtig und fernsehgerecht zu bearbeiten wären – aber eben bitte nicht so.

Also: Mark Tempel (durchaus überzeugend verkörpert vom immer wieder sehenswerten Ken Duken), der eigentlich den Laden von Halbwelt-Bosses Jakob (Thomas Thieme) übernehmen sollte, weil der weiß, dass sein eigener Sohn für das Business, bestehend aus Boxstall und Puff, zu blöd und zu schwach ist, hat sich anders entschieden. Er hat mit seiner kriminellen Vergangenheit abgeschlossen, eine schöne Bürgertochter (Chiara Schoras als Sandra) geheiratet und eine begabte Tochter (Michelle Barthel als Juni) bekommen, die nun Geige studieren will. Sein Geld verdient er als selbstständiger Krankpfleger, der pflegebedürftige Alte in ihren Wohnungen betreut. Dabei wird er mit einer Menge Elend konfrontiert, aber Tempel ist gut in seinem Job und seine Schützlinge lieben ihn.

Aber Tempel hat selbst auch einige Schicksalsschläge zu verkraften – seine Frau Sandra sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl und Töchterchen Juni übt mit ihrem Freund nicht nur Musik, weshalb sie plötzlich schwanger ist. Und dann kommt auch noch der lokale Entmietungstrupp vorbei und legt die dekorativ verwohnte Altbauwohnung der Familie in Trümmer. Leider auch das unersetzliche Instrument, mit dem Juni die Aufnahmeprüfung am Konservatorium bestehen wollte. Aber Mark Tempel gibt nicht auf, er ist ein Kämpfer und als solcher steigt er wieder in den Ring. Bis hier dachte ich, dass das zur Abwechslung einmal doch eine gute Serie werden könnte, denn der Auftakt ist dicht, temporeich und spannend. Doch dann geht leider wieder sehr viel schief, und das nicht nur für Mark Tempel.

Mark Tempel (Ken Duken), Sandra (Chitra Schoras) und Juni (Michelle Barthel) Bild: zdf

Mark Tempel (Ken Duken), Sandra (Chitra Schoras) und Juni (Michelle Barthel) Bild: zdf

Natürlich fangen die Schwierigkeiten jetzt erst an, unglücklicherweise killt Mark ausgerechnet den Bruder des aufsteigenden Mafiakönigs, der natürlich auch hinter den Schikanen steckt, mit denen die Altmieter vertrieben werden sollen. Dass auch hier wieder das Klischee der Osteuropa-Mafia bemüht wird, nervt irgendwie schon, es gibt doch wirklich genug kriminelle Baumafiosos aus deutscher Aufzucht. Oder reiche Araber. Oder neuerdings noch reichere Chinesen, die den Berlinern die geliebten Altbauwohnungen unterm Arsch wegkaufen könnten. Oder einfach nur gar nicht so reiche Londoner, New Yorker oder Tel Avivis, die sich darüber freuen, in einer Hauptstadt, in der man mit Englisch als Hauptsprache wunderbar durchkommt, überhaupt irgendwie bezahlbare Wohnungen zu finden. Ich wohne in Berlin Mitte, und ich weiß, dass viele Klischees über Berlin tatsächlich zutreffen – aber die kommen in dieser coolen, hippen Serie gar nicht vor.

Statt dessen werden jede Menge typisch öffentlich-rechtliche Stereotype aufgefahren, deren medienpädagogischer Impetus in seiner politischen Korrektheit geradezu lächerlich ist: Türkische Jungs mit einem Faible für schöne blonde Frauen im Rollstuhl, tapfere türkische Mamas, die himmelschreiend verständnisvoll sind, ernsthafte Teenager, die sich Sorgen um das Sexleben ihrer Eltern machen, Huren mit dem Herz auf dem rechten Fleck und so weiter – und dass die bestechliche Bausenatorin ausgerechnet die Mutter von Junis Freund sein muss, die sich als demonstrativ liberale Mutter gibt – bis sie erfährt, dass „es“ ohnehin schon passiert ist, macht die Sache auch nicht besser.

Ebensoweinig wie die alte Geschichte zwischen Mark und der kühl-attraktiven Puffmutter, die wieder aufgewärmt auch nicht besser schmeckt. Natürlich sind Prostitution und damit verbunden auch Mädchenhandel typische Bestandteile universeller Mafiakriminalität, genau wie halbseidene Immobiliengeschäfte, aber gerade die Berliner Großstadtszene hätte doch einiges mehr zu bieten als nur eben das – neben dem türkischen Gemüseladen kämpfen ja auch alternative Sozialprojekte, Kleingalerien, Kleingärtner, Off-Theater, Studenten-WGs, klassische Handwerksbetriebe und stinknormale Familien ums Überleben in ihrem Kiez, es gibt so viele Durchwurschtel-Projekte in Berlin, die allesamt serientauglich wären – warum wiederholt Tempel stattdessen sämtliche Fehler, die schon beim ARD-Prestigeprojekt Im Angesicht des Verbrechens gemacht wurden?! Offensichtlich denken deutsche Serienmacher beim Begriff „Kiez“ automatisch an Reeperbahn und nicht an Rentner auf der Parkbank, den Schreiner im Hinterhof und Kinder auf dem Spielplatz in der Baulücke gegenüber, die doch mindestens genauso kieztypisch wären. Nee, so wird das nichts.

Immerhin: Tempel hat nur sechs Folgen mit jeweils einer halben Stunde Laufzeit, der Zeitaufwand ist also überschaubar, wenn man sich selbst einen Eindruck verschaffen will. Und es ist auch nicht alles schlecht – man sieht ein bisschen von Berlin, still gelegte Schwimmbäder und verlassene Fabrikhallen sind als Kulisse immer wieder attraktiv. Ja, und dann natürlich Ken Duken.

Erzählung oder Leben: The OA

Normalerweise veranstaltet Netflix um neue Serien immer ein ziemliches Brimborium – bei The OA hingegen gab es nur wenige Tage vor dem tatsächlichen Start eine schlichte Ankündigung. Was eine ziemlich gute Idee war: Je weniger man über diese Serie weiß, desto eher kann man sich darauf einlassen. Auch wenn ich das jetzt durch meinen dringend notwendigen Jahresend-Urlaub mit einiger Verspätung getan habe.

The OA ist endlich genau das, worauf ich in der Serien-Saison 2016 sehnlichst gewartet habe – eine neue Serie nämlich, die nicht so ist wie irgendeine andere, die man schon kennt, nur eben neu erzählt. Und obwohl The OA eindeutig eine Mystery-Serie ist, also in einem Genre angesiedelt, in dem ich sonst nicht zuhause bin – Stranger Things beispielsweise ist überhaupt nicht mein Ding – fand ich The OA dann doch so spannend, dass ich bis zum Ende der Geschichte dabei bleiben musste – was sich absolut gelohnt hat.

The OA - Bild: Netflix

The OA – Bild: Netflix

Die Geschichte der Prairie Johnson (Brit Marling), einer jungen Frau, die sieben Jahre nach ihrem rätselhaften Verschwinden wieder auftaucht und sich sehr merkwürdig benimmt, ist ein Produkt des Independent-Gespanns Brit Marling und Zat Batmanglij, die unter anderem auch für den Ökothriller The East verantwortlich zeichnen. The East beispielsweise fand ich richtig gut, weshalb ich mich auch auf The OA eingelassen habe, obwohl ich durchaus ein Problem mit den Ausflügen ins Esoterische hatte – ich glaube definitiv nicht an Engel und auch nicht an ein Leben nach dem Tod. Schon gar nicht in dem Sinne, dass wir im Jenseits mit dem Einzug ins Paradis belohnt werden, wenn wir das Jammertal des irdischen Lebens klaglos und demütig durchschritten haben. Oder eben in der Hölle landen, wenn wir nicht brav gewesen sind. Dann doch lieber reales Opium. Aber dass es Dimensionen jenseits von Zeit und Raum gibt, halte ich für erwiesen, und auch, dass Menschen in der Regel ziemlich blöd sind, insbesondere, wenn es darum geht, Dinge zu akzeptieren, die sie aus welchen Gründen auch immer nicht mögen. Ich schließe mich da nicht aus.

In The OA also geht es um grundlegende Fragen der menschlichen Existenz: Wo liegt die Grenze zwischen Leben und Tod? Was darf Wissenschaft? Was ist der Sinn des Lebens bzw. dessen, was Menschen erleiden? Gleichzeitig werden aber auch die typisch menschlichen Schwächen und Stärken betrachtet: Der Wunsch, geliebt zu werden, Missgunst und Eifersucht, das Bestreben, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, sich einem höheren Ziel zu verschreiben, sich abzugrenzen, unbedingt dazu gehören zu wollen – die Gemeinschaft und die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Handelns sind ebenfalls wichtige Aspekte der Geschichte, die, das fällt mir gerade auf, eine ganze Reihe schräger Außenseiter versammelt, die alle mehr oder weniger verzweifelt versuchen, ihren Platz dieser Welt zu finden, was ihnen nicht leicht gemacht wird. Aber diese Welt und das Leben darin ist halt kein Ponyhof. Was einerseits eine Binsenweisheit ist, andererseits aber genau die tägliche Herausforderung, der sich jeder Mensch immer wieder zu stellen hat.

Es gibt schon gewisse Parallelen zu Mr. Robot – die zweifelsohne mit besonderen Begabungen ausgestattete Hauptperson, ist auch hier im wörtlichen Sinne die Erzählerin der Serie, nur dass sie nicht wie Elliot aus dem Off erzählt, sondern eine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Typen um sich versammelt, denen sie ihre Geschichte erzählt und sie damit für ihre eigentliche Mission rekrutiert, von der allerdings nicht klar ist, worin sie tatsächlich bestehen wird. Wobei, in gewisser Weise gibt es gleich zwei Varianten von fsociety: Einerseits die vom besessenen Forscher Dr. Hunter Hap (Jason Isaacs) entführten und jahrelang gefangen gehaltenen Versuchspersonen für seine Nahtod-Forschung, die Prairie überzeugt, dass sie nur gemeinsam entkommen können, andererseits die Freiwilligen, die Steve anschleppt, um seinen Teil einer Abmahnung zu erfüllen. Die dann aber tatsächlich freiwillig zu den Sessions mit The OA kommen, wie Prairie, die eigentlich Nina heißt, sich selbst bezeichnet.

Sie haben sehr unterschiedliche Motive, da ist Steve, der ein guter Sportler ist, sich aber nicht beherrschen kann und wegen seiner gewalttätigen Übergriffe auf Mitschüler in ein Bootcamp geschickt werden soll, Jesse, über den leider gar nicht viel gesagt wird, außer, dass er eigentlich für alles zu klein ist, Alfonso aka French, formal ein Latino-Streber, der aber den Druck, sich um seine Familie zu kümmern und gleichzeitig ein Spitzenschüler zu sein, nur mit Drogen aushält, Buck Vu oder eigentlich Michelle, die viel lieber ein Junge wäre und Betty Broderick-Allen, Steves Klassenlehrerin, die sich nach einem Gespräch mit The OA, die Betty für Steves Stiefmutter hält, wieder daran erinnert, warum sie Lehrerin geworden ist. Sie alle sehnen sich danach, anerkannt zu werden und das Richtige zu tun. Und, so viel muss ich jetzt doch verraten, tun sie das letztlich auch, obwohl alles ganz anders kommt.

Denn mit der Zeit fragt man sich, ob Prairie einfach nur komplett durchgeknallt ist, und alles, was sie erzählt, nur erfindet, oder ob sie all das wirklich erlebt hat und deshalb ein bisschen verrückt ist, was durchaus zu verstehen wäre, bei all dem, was sie in den vergangenen Jahren durchgemacht haben muss. Letztlich ist das auch egal, mir hat die Serie insgesamt gut gefallen, weil sie eben nicht versucht, mit einem absurden Aufwand zu bestechen, was in anderen Fällen, etwa bei Westworld oder bei Sense8 dann auch wieder Spaß macht, sondern gerade auch als Kammerspiel durch die klaustrophobische Enge der Schauplätze – ein geheimes Labor in einer stillgelegten Mine, der Dachboden einer Bauruine in einem US-Vorort – beklemmende Intensität entwickelt.