Erzählung oder Leben: The OA

Normalerweise veranstaltet Netflix um neue Serien immer ein ziemliches Brimborium – bei The OA hingegen gab es nur wenige Tage vor dem tatsächlichen Start eine schlichte Ankündigung. Was eine ziemlich gute Idee war: Je weniger man über diese Serie weiß, desto eher kann man sich darauf einlassen. Auch wenn ich das jetzt durch meinen dringend notwendigen Jahresend-Urlaub mit einiger Verspätung getan habe.

The OA ist endlich genau das, worauf ich in der Serien-Saison 2016 sehnlichst gewartet habe – eine neue Serie nämlich, die nicht so ist wie irgendeine andere, die man schon kennt, nur eben neu erzählt. Und obwohl The OA eindeutig eine Mystery-Serie ist, also in einem Genre angesiedelt, in dem ich sonst nicht zuhause bin – Stranger Things beispielsweise ist überhaupt nicht mein Ding – fand ich The OA dann doch so spannend, dass ich bis zum Ende der Geschichte dabei bleiben musste – was sich absolut gelohnt hat.

The OA - Bild: Netflix

The OA – Bild: Netflix

Die Geschichte der Prairie Johnson (Brit Marling), einer jungen Frau, die sieben Jahre nach ihrem rätselhaften Verschwinden wieder auftaucht und sich sehr merkwürdig benimmt, ist ein Produkt des Independent-Gespanns Brit Marling und Zat Batmanglij, die unter anderem auch für den Ökothriller The East verantwortlich zeichnen. The East beispielsweise fand ich richtig gut, weshalb ich mich auch auf The OA eingelassen habe, obwohl ich durchaus ein Problem mit den Ausflügen ins Esoterische hatte – ich glaube definitiv nicht an Engel und auch nicht an ein Leben nach dem Tod. Schon gar nicht in dem Sinne, dass wir im Jenseits mit dem Einzug ins Paradis belohnt werden, wenn wir das Jammertal des irdischen Lebens klaglos und demütig durchschritten haben. Oder eben in der Hölle landen, wenn wir nicht brav gewesen sind. Dann doch lieber reales Opium. Aber dass es Dimensionen jenseits von Zeit und Raum gibt, halte ich für erwiesen, und auch, dass Menschen in der Regel ziemlich blöd sind, insbesondere, wenn es darum geht, Dinge zu akzeptieren, die sie aus welchen Gründen auch immer nicht mögen. Ich schließe mich da nicht aus.

In The OA also geht es um grundlegende Fragen der menschlichen Existenz: Wo liegt die Grenze zwischen Leben und Tod? Was darf Wissenschaft? Was ist der Sinn des Lebens bzw. dessen, was Menschen erleiden? Gleichzeitig werden aber auch die typisch menschlichen Schwächen und Stärken betrachtet: Der Wunsch, geliebt zu werden, Missgunst und Eifersucht, das Bestreben, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, sich einem höheren Ziel zu verschreiben, sich abzugrenzen, unbedingt dazu gehören zu wollen – die Gemeinschaft und die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Handelns sind ebenfalls wichtige Aspekte der Geschichte, die, das fällt mir gerade auf, eine ganze Reihe schräger Außenseiter versammelt, die alle mehr oder weniger verzweifelt versuchen, ihren Platz dieser Welt zu finden, was ihnen nicht leicht gemacht wird. Aber diese Welt und das Leben darin ist halt kein Ponyhof. Was einerseits eine Binsenweisheit ist, andererseits aber genau die tägliche Herausforderung, der sich jeder Mensch immer wieder zu stellen hat.

Es gibt schon gewisse Parallelen zu Mr. Robot – die zweifelsohne mit besonderen Begabungen ausgestattete Hauptperson, ist auch hier im wörtlichen Sinne die Erzählerin der Serie, nur dass sie nicht wie Elliot aus dem Off erzählt, sondern eine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Typen um sich versammelt, denen sie ihre Geschichte erzählt und sie damit für ihre eigentliche Mission rekrutiert, von der allerdings nicht klar ist, worin sie tatsächlich bestehen wird. Wobei, in gewisser Weise gibt es gleich zwei Varianten von fsociety: Einerseits die vom besessenen Forscher Dr. Hunter Hap (Jason Isaacs) entführten und jahrelang gefangen gehaltenen Versuchspersonen für seine Nahtod-Forschung, die Prairie überzeugt, dass sie nur gemeinsam entkommen können, andererseits die Freiwilligen, die Steve anschleppt, um seinen Teil einer Abmahnung zu erfüllen. Die dann aber tatsächlich freiwillig zu den Sessions mit The OA kommen, wie Prairie, die eigentlich Nina heißt, sich selbst bezeichnet.

Sie haben sehr unterschiedliche Motive, da ist Steve, der ein guter Sportler ist, sich aber nicht beherrschen kann und wegen seiner gewalttätigen Übergriffe auf Mitschüler in ein Bootcamp geschickt werden soll, Jesse, über den leider gar nicht viel gesagt wird, außer, dass er eigentlich für alles zu klein ist, Alfonso aka French, formal ein Latino-Streber, der aber den Druck, sich um seine Familie zu kümmern und gleichzeitig ein Spitzenschüler zu sein, nur mit Drogen aushält, Buck Vu oder eigentlich Michelle, die viel lieber ein Junge wäre und Betty Broderick-Allen, Steves Klassenlehrerin, die sich nach einem Gespräch mit The OA, die Betty für Steves Stiefmutter hält, wieder daran erinnert, warum sie Lehrerin geworden ist. Sie alle sehnen sich danach, anerkannt zu werden und das Richtige zu tun. Und, so viel muss ich jetzt doch verraten, tun sie das letztlich auch, obwohl alles ganz anders kommt.

Denn mit der Zeit fragt man sich, ob Prairie einfach nur komplett durchgeknallt ist, und alles, was sie erzählt, nur erfindet, oder ob sie all das wirklich erlebt hat und deshalb ein bisschen verrückt ist, was durchaus zu verstehen wäre, bei all dem, was sie in den vergangenen Jahren durchgemacht haben muss. Letztlich ist das auch egal, mir hat die Serie insgesamt gut gefallen, weil sie eben nicht versucht, mit einem absurden Aufwand zu bestechen, was in anderen Fällen, etwa bei Westworld oder bei Sense8 dann auch wieder Spaß macht, sondern gerade auch als Kammerspiel durch die klaustrophobische Enge der Schauplätze – ein geheimes Labor in einer stillgelegten Mine, der Dachboden einer Bauruine in einem US-Vorort – beklemmende Intensität entwickelt.

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3 Gedanken zu „Erzählung oder Leben: The OA

    • Verstehe ich – es ist keine von den Pilotfolgen, bei denen man denkt „wie cool ist das denn, davon will ich unbedingt mehr!“. Aber insgesamt finde ich die Geschichte gut, auch wenn das bestimmt nicht jedermanns Sache ist.

      • Wie cool ist das denn… so ging es mir bei Stranger Things, Black Mirror oder Jordskott. 🙂

        Wie gesagt, vielleicht schaue ich da noch weiter.

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