Tempel: Versagen mit Anspruch

Mir wird ja immer wieder vorgeworfen, dass ich in meinem Blog zu sehr auf die Serien von Netflix, Amazon und Co. fixiert sei und die Produktionen deutscher Sender kaum beachten würde – was aus meiner Perspektive aber vor allem daran liegt, dass dort leider auch nicht viel Bemerkenswertes zu finden ist. Außerdem lobe ich die wenigen deutschen Highlights schon, sofern ich sie entdecke, etwa Deutschland 83 oder Ku’damm 56.

Aber in der Regel geht das Projekt „ambitionierte Spitzenserie“ hierzulande schief – wenn es um die Entscheidung geht, sich wirklich was zu trauen, auch wenn das Ergebnis möglicherweise nicht mit dem Massengeschmack kompatibel ist – und ich behaupte, genau das ist es, was die US-Serien, die hierzulande von der Kritik zu recht gefeiert werden, eben besonders macht, auch wenn sie beim durchschnittlichen Fernsehpublikum weder hier noch in den USA besonders erfolgreich sind – dann geht das immer zugunsten der erhofften Massentauglichkeit aus.

Aber Massengeschmack und hoher Anspruch geht nur in Ausnahmefällen zusammen – schlimm ist, dass auch mit viel Aufwand produzierte Serien dann aber nicht nur bei den anspruchsvollen Nutzern durchfallen, sondern auch beim Durchschnittspublikum. Dadurch trauen sich die deutschen Fernsehmacher immer weniger, statt im Gegenteil endlich mal weg von ihrer Idioten-Schiene zu kommen und es alle recht machen zu wollen, womit am Ende sämtliche Zielgruppen enttäuscht werden.

Tempel - Bild: zdfneo.de

Tempel – Bild: zdfneo.de

ZDFneo wollte sich in Sachen Serie mal so richtig was trauen und hat eine eigene Serie gemacht, die mutiger, besser und in jeder Hinsicht cooler sein sollte, als die typisch deutsche Serienkost. Aber wie das hierzulande leider immer der Fall ist, haben sich die Macher wieder nur einen beherzten Griff in die Klischeekiste getraut, statt wirklich was Neues zu wagen. Insofern ist auch bei der Serie Tempel, auf die ich wirklich gespannt war, wieder nur – immerhin optisch ansprechend aufbereiteter – Mainstreamschrott herausgekommen, obwohl der Ansatz gar nicht so schlecht war: Mark Tempel, ein Altenpfleger mit Herz und einer kriminellen Vergangenheit als Beinahe-Profi-Boxer wird wieder in den Ring geschickt – und muss sowohl gegen jüngere und fittere Gegner, als auch gegen die böse Berliner Immobilienmafia und um seine Familie kämpfen.

Das an sich ist kein schlechter Stoff – die Vertreibung der alt eingesessenen Kiezbewohner durch betuchtere Neuberliner, die nach und nach alle zentral gelegenen Stadtviertel übernehmen und die ehemaligen Bewohner der nun luxussarnierten Altbauten sprichwörtlich an den Rand drängen, ist ein Thema, das durchaus eine Serie verdient, nur eben eine bessere als diese. Und dann werden noch eine Menge anderer Themen angerissen, die allesamt wichtig und fernsehgerecht zu bearbeiten wären – aber eben bitte nicht so.

Also: Mark Tempel (durchaus überzeugend verkörpert vom immer wieder sehenswerten Ken Duken), der eigentlich den Laden von Halbwelt-Bosses Jakob (Thomas Thieme) übernehmen sollte, weil der weiß, dass sein eigener Sohn für das Business, bestehend aus Boxstall und Puff, zu blöd und zu schwach ist, hat sich anders entschieden. Er hat mit seiner kriminellen Vergangenheit abgeschlossen, eine schöne Bürgertochter (Chiara Schoras als Sandra) geheiratet und eine begabte Tochter (Michelle Barthel als Juni) bekommen, die nun Geige studieren will. Sein Geld verdient er als selbstständiger Krankpfleger, der pflegebedürftige Alte in ihren Wohnungen betreut. Dabei wird er mit einer Menge Elend konfrontiert, aber Tempel ist gut in seinem Job und seine Schützlinge lieben ihn.

Aber Tempel hat selbst auch einige Schicksalsschläge zu verkraften – seine Frau Sandra sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl und Töchterchen Juni übt mit ihrem Freund nicht nur Musik, weshalb sie plötzlich schwanger ist. Und dann kommt auch noch der lokale Entmietungstrupp vorbei und legt die dekorativ verwohnte Altbauwohnung der Familie in Trümmer. Leider auch das unersetzliche Instrument, mit dem Juni die Aufnahmeprüfung am Konservatorium bestehen wollte. Aber Mark Tempel gibt nicht auf, er ist ein Kämpfer und als solcher steigt er wieder in den Ring. Bis hier dachte ich, dass das zur Abwechslung einmal doch eine gute Serie werden könnte, denn der Auftakt ist dicht, temporeich und spannend. Doch dann geht leider wieder sehr viel schief, und das nicht nur für Mark Tempel.

Mark Tempel (Ken Duken), Sandra (Chitra Schoras) und Juni (Michelle Barthel) Bild: zdf

Mark Tempel (Ken Duken), Sandra (Chitra Schoras) und Juni (Michelle Barthel) Bild: zdf

Natürlich fangen die Schwierigkeiten jetzt erst an, unglücklicherweise killt Mark ausgerechnet den Bruder des aufsteigenden Mafiakönigs, der natürlich auch hinter den Schikanen steckt, mit denen die Altmieter vertrieben werden sollen. Dass auch hier wieder das Klischee der Osteuropa-Mafia bemüht wird, nervt irgendwie schon, es gibt doch wirklich genug kriminelle Baumafiosos aus deutscher Aufzucht. Oder reiche Araber. Oder neuerdings noch reichere Chinesen, die den Berlinern die geliebten Altbauwohnungen unterm Arsch wegkaufen könnten. Oder einfach nur gar nicht so reiche Londoner, New Yorker oder Tel Avivis, die sich darüber freuen, in einer Hauptstadt, in der man mit Englisch als Hauptsprache wunderbar durchkommt, überhaupt irgendwie bezahlbare Wohnungen zu finden. Ich wohne in Berlin Mitte, und ich weiß, dass viele Klischees über Berlin tatsächlich zutreffen – aber die kommen in dieser coolen, hippen Serie gar nicht vor.

Statt dessen werden jede Menge typisch öffentlich-rechtliche Stereotype aufgefahren, deren medienpädagogischer Impetus in seiner politischen Korrektheit geradezu lächerlich ist: Türkische Jungs mit einem Faible für schöne blonde Frauen im Rollstuhl, tapfere türkische Mamas, die himmelschreiend verständnisvoll sind, ernsthafte Teenager, die sich Sorgen um das Sexleben ihrer Eltern machen, Huren mit dem Herz auf dem rechten Fleck und so weiter – und dass die bestechliche Bausenatorin ausgerechnet die Mutter von Junis Freund sein muss, die sich als demonstrativ liberale Mutter gibt – bis sie erfährt, dass „es“ ohnehin schon passiert ist, macht die Sache auch nicht besser.

Ebensoweinig wie die alte Geschichte zwischen Mark und der kühl-attraktiven Puffmutter, die wieder aufgewärmt auch nicht besser schmeckt. Natürlich sind Prostitution und damit verbunden auch Mädchenhandel typische Bestandteile universeller Mafiakriminalität, genau wie halbseidene Immobiliengeschäfte, aber gerade die Berliner Großstadtszene hätte doch einiges mehr zu bieten als nur eben das – neben dem türkischen Gemüseladen kämpfen ja auch alternative Sozialprojekte, Kleingalerien, Kleingärtner, Off-Theater, Studenten-WGs, klassische Handwerksbetriebe und stinknormale Familien ums Überleben in ihrem Kiez, es gibt so viele Durchwurschtel-Projekte in Berlin, die allesamt serientauglich wären – warum wiederholt Tempel stattdessen sämtliche Fehler, die schon beim ARD-Prestigeprojekt Im Angesicht des Verbrechens gemacht wurden?! Offensichtlich denken deutsche Serienmacher beim Begriff „Kiez“ automatisch an Reeperbahn und nicht an Rentner auf der Parkbank, den Schreiner im Hinterhof und Kinder auf dem Spielplatz in der Baulücke gegenüber, die doch mindestens genauso kieztypisch wären. Nee, so wird das nichts.

Immerhin: Tempel hat nur sechs Folgen mit jeweils einer halben Stunde Laufzeit, der Zeitaufwand ist also überschaubar, wenn man sich selbst einen Eindruck verschaffen will. Und es ist auch nicht alles schlecht – man sieht ein bisschen von Berlin, still gelegte Schwimmbäder und verlassene Fabrikhallen sind als Kulisse immer wieder attraktiv. Ja, und dann natürlich Ken Duken.

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