Incorporated: Erschreckend aktuell

Und noch einmal Science Fiction – ich habe mit der Syfy-Serie Incorporated angefangen und musste mir gleich sechs oder sieben Folgen des 10-Teilers ansehen. Die Serie passt erschreckend gut zu dem, was sich nun als hysterisch-düsterer Ausblick auf ein mehrjähriges Trump-Regime abzeichnet: Die Menschen werden durch Mauern und Checkpoints getrennt und Regierungen spielen keine Rolle mehr. Dafür übernehmen mächtige Konzerne sämtliche Aufgaben, die eigentlich mal Sache des Staates waren, von Bildung über Gesundheit bis hin zu Ordnung und Sicherheit. Denn die US-Regierung versagte kläglich, ihre Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. (Von dem ja gewisse Leute noch immer  behaupten, dass es den gar nicht geben würde.) Jetzt ist alles in der Hand privater Konzerne, die natürlich vor allem ihre eigenen Interessen wahrnehmen: Sie definieren, was wichtig und was richtig ist, die Menschen, die sie nicht für ihre Zwecke brauchen, überlassen sie ihrem Elend.

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Incorporated spielt im Jahr 2074: Durch Naturkatastrophen infolge des Klimawandels wurden die an den Küsten gelegenen alten Zentren wie New York oder Los Angeles zerstört, weite Teile der USA sind inzwischen Salzwüste. Im noch immer grünen Milwaukee liegt die Zentrale des Spiga-Konzerns, der eigentlich mal ein Saatgut-Konzern war – Monsanto lässt grüßen – aber nun eben alles macht, was man unter Life Science verstehen kann. Entsprechend werden auch alle Angestellten ständig überwacht und allen möglichen Screenings unterzogen. Gesundheit ist erste Bürgerpflicht – dazu kommt, dass die Konzerne eifersüchtig über ihr geistiges Eigentum wachen, auch über das, was sich in den Köpfen ihrer Angestellten befindet.

Und Fortpflanzung ist auch nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung erlaubt, denn erstens sind die Ressourcen knapp und zweitens soll der ganze Aufwand nur für optimalen Nachwuchs betrieben werden. Die Karriere-Leute im Konzern setzen deshalb gern auf Leihmütter, denen Designer-Embryonen eingesetzt werden. Wer sich auf die althergebrachte Weise fortpflanzen will, muss seine Gene noch mal extra untersuchen lassen und sobald irgendwie Risikofaktor auftaucht, auf sämtliche Versicherungsleistungen verzichten, falls etwas schief geht. Doch das gilt nur für die Happy Few, die in der Komfortzone leben. Abseits dieser, von Großunternehmen kontrollierter Green Zones gibt es die Red Zones, die praktisch rechtsfreier Raum sind.

Aaron 7 Ben Larson (Sean Teale) Bild: syfy.com

Aaron 7 Ben Larson (Sean Teale) Bild: syfy.com

In Incorporated trifft also 1984 auf Blade Runner, nur dass die Überwachung der Menschen noch sehr viel perfekter funktioniert, als George Orwell sich das vorstellen konnte, und das Elend in den übervölkerten Flüchtlingslagern an den Rändern der Red Zones noch viel deprimierender ist als die dystopische Kulisse der heruntergekommenen Megametropole in Blade Ranner. Millionen von Amerikanern vegetieren in diesen Slums vor sich hin, aber es gibt keinen Staat mehr, der sich um all die Klimaflüchtlinge kümmert. In einer Folge gibt es als Vorspann einen chinesischen Werbespot, in dem um Spenden für die armen Kinder in den USA gebeten wird – offenbar sind die Chinesen mit dem Klimawandel besser klar gekommen als die Amis, die weitgehend sich selbst überlassen wurden.

Aaron und Theo in der Red Zone Bild: syfy.com

Aaron und Theo in der Red Zone Bild: syfy.com

Doch eigentlich geht es um den Spiga-ITler Ben Larson (Sean Teale), der eigentlich Aaron heißt und aus einer Red Zone kommt – was aber niemand wissen darf. Die Bewohner der Red Zones sind Parias, sie werden höchstens für niedere Arbeiten herangezogen. Ben jedoch ist ein sehr guter Programmierer, weshalb er bei Spiga Biotech Karriere machen kann – er hat sich einen perfekten Lebenskauf gefälscht. Und dann hat er auch noch die Tochter der Konzern-Chefin geheiratet. Laura (Allison Miller) ist eine auf kosmetische Chirurgie spezialisierte Ärztin. Laura hat allerdings kein so richtig gutes Verhältnis zu ihrer Mutter Elizabeth Krauss (Julia Ormond), die CEO von Spiga ist – natürlich hat das einen Grund.

Doch zurück zu Aaron bzw. Ben – Ben Larson hat Spiga unterwandert, weil er auf der Suche nach Elena Marquez (Denise Tontz) ist, seiner Jugendliebe, die er im Flüchtlingscamp kennen gelernt hat. Elena hat auch noch einen kleinen Bruder, Theo, der in der Red Zone versucht, Karriere als Martial-Arts-Kämpfer zu machen, was natürlich extrem tough ist, denn er ist eher klein und schlecht ernährt und kommt gegen die mit Blutwäschen und optimaler Proteinzufuhr gepimpten Corporate-Jungs nur durch den Einsatz illegaler und gefährlicher Substanzen an.

Elizabeth Krauss (Julia Ormond) und Laura (Allison Miller) Bild: syfy.com

Elizabeth Krauss (Julia Ormond) und Laura (Allison Miller) Bild: syfy.com

Mit ähnlichen Mitteln hat die schöne Elena vor Jahren auch versucht, ein Stipendium fürs College zu bekommen – für das sie sich mit leistungssteigernden Drogen parallel zu ihrem Job in der Kneipe ihres Vaters mit Super-Learning-Kursen vorbereitet hat. Aber sie scheiterte knapp. Ein Spiga-Scout war auf sie aufmerksam geworden – sie suchte schöne Mädchen für das legendäre Arcadia. Was ein sehr exklusiver Club für höherrangige Spiga-Manager ist. Die wiederum stehen unter so gnadenlosem Erfolgsdruck, dass die Selbstmordrate bedenkliche Höhen erreichte. Doch durch den Einsatz der Arcadia-Mädchen konnte sie signifikant gesenkt werden. Die müssen natürlich nicht nur schön, sondern auch smart sein – genau wie Elena.

Und weil Spiga – und natürlich auch die Konkurrenz – wahnsinnig darauf versessen ist, ihr geistiges Eigentum zu schützen, müssen die Mädels einen entsprechenden Vertrag unterzeichnen: Wenn sie sich verpflichten, bekommen sie eine neue Identität und werden verhältnismäßig gut bezahlt, sie bleiben aber für den Rest ihres Lebens Eigentum der Firma. Denn wer weiß, was gestresste Manager beim Sex so alles erzählen. Wenn ein Date außer Kontrolle gerät, werden hässliche Erinnerungen gelöscht und die Medizin ist inzwischen auch so weit, dass so ziemlich alles repariert werden kann – so gibt es Sprühpflaster, mit dem Wunden in wenigen Minuten ohne Narben zu hinterlassen wieder verschwunden sind.

Moderner Fernunterricht Bild: syfy.com

Moderner Fernunterricht Bild: syfy.com

Theo und Aaron haben sich in den Kopf gesetzt, Elena aus diesem Leben als Sexsklavin für die Spiga-Bosse zu befreien und nehmen dafür extreme Risiken in Kauf – wenn Aaron bzw. Ben auffliegt, ist nicht nur seine Karriere vorbei, ihm droht dann sehr viel Schlimmeres. Und Theo hat als Bewohner einer Red Zone ohnehin nichts zu lachen – er muss jeden Tag sehen, wie er überlebt. Aus seiner Perspektive ist ein Leben in einer Green Zone ein Leben im Paradis.

Doch so schön ist es dort tatsächlich auch nicht: Das Spiga-Universum ist wie ein faschistischer Staat organisiert. Das Leben in einer Green Zone ist zwar ein von materiellen Sorgen freies Leben, aber dafür auch eins unter allumfassender Kontrolle, ein Abweichen von der Norm gilt als unverzeihliches Verbrechen. Der Konzern sorgt zwar gut für einen, aber er reguliert alles bis in die privatesten Bereiche hinein. Und schon der kleinste Fehler kann verhängnisvoll werden: Fällt einer der Manager in Ungnade, verliert die komplette Familie sämtliche Privilegien und wird in einem Lager interniert.

Auch wenn die Geschichte durchaus Schwächen aufweist und ich die Figuren alles in allem dann doch ganz schön klischeehaft finde – vielschichtige Charaktere, die eine interessante Entwicklung durchlaufen gibt es hier nicht, dafür aber eine Reihe karrieregeiler Anzugsträger und -trägerinnen und einen Helden, der seine zweifellos vorhandene Brillanz für ein sehr persönliches Ziel einsetzt, wo es doch noch sehr viel bessere Gründe gäbe, Spiga zu unterwandern – nun ja.  Das Ansehen lohnt sich aber aufgrund der erschreckenden Aktualität der behandelten Themen aber doch.

Theo Marquez (Eddie Ramos) Bild: syfy.com

Theo Marquez (Eddie Ramos) Bild: syfy.com

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