This Is Us: Familienserie neu gedacht

Das, was gemeinhin unter „Familienserie“ rubriziert wird, findet meistens im Comedybereich statt, was für mich oft schon Grund genug ist, um gar nicht erst einzuschalten. Und im Bereich Drama ist die letzte wirklich gute Familienserie, an die ich mich erinnern kann, Six Feet Under gewesen, und die lief 2001 bis 2005. Okay, eigentlich sind genau besehen auch Breaking Bad, Homeland oder House of Cards irgendwie Familienserien, in denen es auch um Verbrechen, Terror und Politik geht und das gilt auch für Vikings oder Downton Abbey, nur hier halt mit historischem Hintergrund. Oder The Good Wife mit juristischem.

Insofern war einerseits überfällig, andererseits aber nicht unbedingt zu erwarten, dass eine klassische Familien-Serie noch einen Quotenhit landen kann. Doch genau das ist NBC mit This Is Us gerade gelungen. Und obwohl ich ehrlich gesagt nicht davon ausgegangen bin, dass sie mir gefallen würde – es gibt eine ganze Reihe angesagter Serien, mit denen ich einfach nicht warm werde – bin ich auf Anhieb gern in die Geschichte der Familie Pearson eingetaucht, weil sie lebensnah ist und schön erzählt wird.

This Is Us Bild: nbc.com

This Is Us Bild: nbc.com

Die Pearsons sind nämlich eine im Vergleich zu den Fishers aus Six Feet Under eine unspektakuläre Familie aus Pittsburg, sie haben kein Bestattungsunternehmen, niemandem erscheint ein toter Vater und auch vom Gender- und Queerstandpunkt aus ist sie völlig unauffällig. Familienvater Jack (Milo Ventimiglia) ist ein hart arbeitender Handwerker – wenn auch in leitender Funktion, und Rebecca (Mandy Moore) hat ihre Ambitionen (sie war, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, eine ziemlich gute Sängerin) für ihre drei Kinder zurückgestellt. Jack und Rebecca sind sich darin einig, dass sie ihren Kindern ein liebevolles Zuhause und einen guten Start ins eigene Leben bieten wollen – und sie lieben sich wirklich. Natürlich ist der Alltag nicht immer leicht zu bewältigen, aber Rebecca und Jack sind erstaunlich vernünftige Menschen, die versuchen, aus jeder Situation das Beste zu machen, auch wenn sie natürlich nicht immer alles richtig machen können.

Und, das ist schon besonders an den Pearson-Kindern, sie kamen im Jahr 1980 am gleichen Tag auf die Welt, der auch noch der Geburtstag ihres Vaters ist. Kevin und Kate sind die beiden Überlebenden einer Drillingsgeburt, bei der das dritte Kind verstarb. Der kleine Randall hingegen wurde von seinem Junkie-Vater vor einer Feuerwache abgelegt und ein mitleidiger Feuerwehrmann brachte den Säugling in eben jener Klinik, in der die jungen Pearson-Eltern gerade damit umgehen müssen, dass eins ihrer drei erwarteten Kinder tot zur Welt kam.

Rebecca (Mandy Moore) und Jack (Milo Ventimiglia) und ihre Drillinge Kate, Kevin und Randall. Bild: nbc.com

Rebecca (Mandy Moore) und Jack (Milo Ventimiglia) und ihre Drillinge Kate, Kevin und Randall. Bild: nbc.com

Jack und Rebecca beschließen, das fremde Baby zu adoptieren. Dadurch sind, so gut sie es meinen, gewisse Komplikationen vorprogrammiert, denn der kleine Randall ist afroamerikanischer Herkunft, während die vier anderen Pearsons weiß sind.

Die Handlung setzt am 36. Geburtstag der Geschwister ein, die inzwischen sehr unterschiedliche Leben führen: Der gut gebaute Kevin (Justin Hartley) lebt in Los Angeles und ist Hauptdarsteller in der albernen, aber erfolgreichen Familien-Sitcom „Der Manny“, in der es um eine männliche Nanny geht. Zwar kann er von der Rolle und seiner damit verbundenen Bekanntheit gut leben, aber er hat einfach keine Lust mehr auf diesen blöden Job. Seine Schwester Kate (Chrissy Metz) hingegen kämpft in einer Selbsthilfegruppe gegen ihr gewaltiges Übergewicht. Sie ist ihrem Bruder, zum dem sie eine enge Beziehung hat, offenbar nach LA gefolgt, wo sie mit verschiedenen Assistenzjobs beruflich recht erfolgreich ist.

This Is Us: William (Ron Cephas Jones) und Randall (Sterling K. Brown) Bild: nbc.com

This Is Us: William (Ron Cephas Jones) und Randall (Sterling K. Brown) Bild: nbc.com

Der dritte im Bunde, Randall (Sterling K. Brown), der immer gut mit Zahlen war, lebt in New York und ist  sowohl ein erfolgreicher Manager, als auch ein liebender Familienvater, der seiner Frau und den beiden süßen Töchtern ein weitgehend sorgenfreies Leben ermöglicht. Aber natürlich ist das nur die glänzende Fassade, denn Randall wird zwischen seinem Ehrgeiz, im Job Karriere zu machen und gleichzeitig für Frau und Kinder da zu sein, völlig aufgerieben. Er hatte von klein auf den Anspruch an sich, perfekt zu sein und die anderen nie zu enttäuschen. Was vermutlich daran liegt, dass ihm durchaus bewusst ist, was er mit seinen Adoptiveltern für ein Glück hatte. Und trotzdem hat er auch noch dieses andere Projekt, nämlich endlich seinen leiblichen Vater zu finden. Die Frage, woher er wirklich kommt, hat Randall seine ganze Kindheit umgetrieben und bis heute nie losgelassen.

Randall macht William (Ron Cephas Jones) tatsächlich ausfindig und findet einen einsamen und kranken alten Mann vor. Der Sohn sagt seinem Vater die Meinung – genau wie er sich das immer wieder vorgenommen hat. Und der findet, dass sein von ihm aufgegebener Sohn absolut das Recht dazu hat. Offenbar hat auch er sein ganzes Leben auf diesen Tag gewartet – nach der Standpauke bittet er seinen Sohn auf einen Kaffee in seine bescheidene Wohnung und erklärt ihm, wie es um ihn steht. In der Erkenntnis, dass ihm und seinem Vater nicht mehr viel Zeit bleibt, holt der perfekte Randall seinen Vater nach Hause – was für erhebliche Irritationen bei seiner Frau Beth (Susan Kelechi Watson) führt. Beth kennt ihren gutherzigen Ehemann nämlich sehr gut und befürchtet, dass William ihn ausnutzen wird.

This Is Us: Kate (Chrissy Metz) Bild: nbc.com

This Is Us: Kate (Chrissy Metz) Bild: nbc.com

Und das ist nur der Anfang – über die weiteren Folgen der ersten Staffel (15 habe ich gesehen, insgesamt soll es 18 geben) wird sowohl die Geschichte der drei Geschwister, als auch die ihrer jeweiligen Eltern und wichtiger Bezugspersonen erzählt und dann gibt es natürlich noch all das, was jeweiligen Erwachsenenleben der drei Protagonisten passiert – etwa was Jack mit seinem Arbeitskollegen und Freund Miguel (Jon Huertas) erlebt oder die Geschichte von Kate und Toby.

Kate, die in ihrer Diätgruppe endlich jemanden gefunden hat, der sie tatsächlich so liebt, wie sie ist, könnte nun doch einfach mal glücklich sein. Aber sie hat sich so lange Zeit in den Kopf gesetzt, dass sie viel glücklicher sein könnte, wenn sie nur nicht so fett wäre, weshalb sie weiterhin abnehmen will und damit möglicherweise sogar die Liebe ihres Lebens gefährdet. Denn der lebenslustige Toby hat auf diesen ganzen Diätwahn keine Lust mehr. Inzwischen ist Kate so verzweifelt, dass sie über eine Magenverkleinerung nachdenkt, obwohl das ein ebenso radikaler wie gefährlicher Schritt ist.

This Is Us: Kevin

This Is Us: Kevin „The Manny“ (Justin Hartley) inmitten seiner Fans. Bild: nbc.com

Erstaunlich eigentlich, dass angesichts der Tatsache, dass Übergewicht und Fettsucht bei der heutigen Lebensweise der westlichen Gesellschaften ein eben so alltägliches wie gigantisches Problem darstellen, in der schönen Fernseh-Parallelwelt kaum übergewichtige Menschen vorkommen. Spontan fällt mir eigentlich nur die atemberaubend kurvige Joan Holloway (dargestellt von der nicht weniger atemberaubenden Christina Hendricks) aus Mad Men ein, die im Laufe der Staffeln zumindest zeitweise ziemlich aus der Form gerät. Wobei Joan Holloway vermutlich Kates Traumziel nach einer erfolgreichen Diät wäre. „Ich haben meinen Lebenstraum einfach aufgefressen!“ konstatiert sie, nachdem sie an ihrem Geburtstag von der Waage gefallen ist, weil sie solche Angst davor hatte, dass sie noch mehr Kilos anzeigen würde. Und Kate ist für normalgewichtige Menschen auch wirklich verstörend fett – aber angesichts der unglaublichen Darstellerin Chrissy Metz vergisst man das schnell: So verletzlich Kate auf der einen Seite ist, so souverän ist sie auf der anderen: Sie ist intelligent, witzig und vor allem lässt sie sich nicht alles bieten, sondern zeigt immer wieder, was sie drauf hat. Und das ist in jeder Beziehung eine ganze Menge.

Kevin hingegen schmeißt seinen Der-Manny-Job tatsächlich hin und geht nach New York, um wieder Theater zu spielen. Er bandelt dort mit der britischen Hauptdarstellerin eines neuen Stücks an, für das er die männliche Hauptrolle ergattern konnte. Die kühle Britin Olivia wird von Kate später treffend als She-Devil charakterisiert und verschwindet nach einem Eklat auf einem Ausflug der drei Geschwister zu der Hütte im Wald, die Rebecca inzwischen verkaufen will, weil sie niemand mehr nutzt. Es gab wohl einen Brexit, heißt es am nächsten Morgen, als Kevin Olivia und ihre Künstlerfreunde vermisst. Zurückgeblieben ist die Autorin des neuen Stücks, Sloane, mit der sich Kevin schnell tröstet.

This Is Us: Rebecca (Mandy Moore) und Jack (Milo Ventimiglia) Bild: nbc.com

This Is Us: Rebecca (Mandy Moore) und Jack (Milo Ventimiglia) Bild: nbc.com

Und natürlich stellt sich nach und nach vieles als ganz anders heraus, als es anfangs eigentlich schien – auch die scheinbar selbstlosesten und perfektesten Menschen machen fatale Fehler, dafür machen auch selbstbezogene Egoisten wie Kevin ab und zu etwas richtig. Was dann aber auch nicht unbedingt so ankommt, wie man es erwarten würde. Genau dieses Spiel mit den Erwartungen beherrschen die Macher von This Is Us ganz hervorragend, weshalb sie immer wieder überraschen können, ohne auf die überzogenen Knalleffekte zurückzugreifen, mit denen die üblichen Familiensoaps ihr Publikum bei der Stange halten müssen. Natürlich gibt es auch hier dramatische Zuspitzungen und überraschende Wendungen, es wird mitunter auch gehörig auf die Tränendrüse gedrückt, aber es fühlt sich nie konstruiert und erzwungen, sondern naheliegend und natürlich an.

Insofern kein Wunder, dass This Is Us ein Millionenpublikum erreicht. Die Leute mögen eben auch gute Serien, wenn sie denn welche bekommen. Und This Is Us bedient ja auch eine denkbar große Zielgruppe – alle Drama-Serienfans nämlich, denen die ganzen Ableger bekannter Krimi-, Forensik-, Anwalt- oder Superheldenserien längst aus den Ohren rauskommen und zur Abwechslung mal wieder normale Leute im Fernsehen sehen wollen, ohne sich dafür auf Lindenstraßen-Niveau begeben zu müssen.

This Is Us - Season 1

THIS IS US — „The Pool“ Episode 104 — Pictured: (l-r) Sterling K Brown as Randall, Eris Baker as Tess, Ron Cephas Jones as William, Faithe Herman as Annie, Susan Kelechi Watson as Beth — (Photo by: Vivian Zink/NBC)

This Is Us ist eine feinfühlige Serie über Beziehungen, Familie und das Leben an sich – da braucht es keine ausgeklügelten Komplotte, haarsträubende Verschwörungen oder fast perfekte Verbrechen. Der Alltag ist Drama genug: Menschen werden geboren, wachsen auf, versuchen, ihren Weg zu finden, haben Erfolg oder auch nicht, verlieben sich, verzetteln sich, werden ihren Ansprüchen an sich selbst nicht gerecht, erleiden Schicksalsschläge und resignieren – oder machen erst recht weiter. Und dann gibt es noch den ewigen Spielverderber Tod. Der spielt hier zwar keine so große Rolle wie in Six Feet Under, ist aber trotzdem von Anfang an gegenwärtig. Und es gibt, genau wie für die Liebe, keine universale Anleitung oder Bewältigungsstrategie. Wir müssen halt irgendwie damit klar kommen. This Is Us zeigt Menschen, die irgendwie klar kommen – oder eben auch nicht. In gewisser Weise ist This Is Us eine Serie über das Scheitern – und wie man damit weiterleben kann. Ganz ohne sozialpädagogischen Impetus.

Leider gibt es noch kein Ausstrahlungsdatum für Deutschland – aber es lohnt sich auf jeden Fall, sich diese Serie vorzumerken. NBC hat auch schon eine zweite und sogar eine dritte Staffel bestellt – die Pearsons werden uns also noch eine Weile erhalten bleiben.

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