Alle Himmel sind gleich – aber manche sind gleicher

Das ZDF wollte mal wieder Geschichte schreiben – und weil die jüngere deutsche Geschichte vor allem eine Geschichte über die deutsche Teilung ist, geht es in dem ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel um Stasispione und ihre ebenso weiblichen wie westlichen Zielpersonen, denen sie Geheimnisse über die militärische und politische Lage des feindlichen Lagers entlocken sollen. Und darum, dass es im Westen halt schöner, bunter und in jeder Beziehung besser war als im grauen, freudlosen Osten. In dem zwar keiner Not leiden, aber dafür alle den Mund halten mussten. Und um ein dunkle west-östliche Familiengeschichte, die ebenso gnadenlos überkonsturiert wie absurd ist. Doch eins nach dem anderen.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich nicht, wie sonst oft das Bedürfnis, nach zehn Minuten anzuschalten bzw. das Programm zu wechseln. Was aber nicht daran lag, dass das ZDF plötzlich die Kurve gekriegt hätte und auf einmal Mehrteiler produzieren würde, die tief, subtil und überraschend gut wären. Ich würde es eher mit Faszination des Grauens überschreiben, denn Der gleiche Himmel bietet genau die Holzhammer-Kost, die man von diesem Sender gewohnt ist. Natürlich konnte ich mir nicht alle drei Teile am Stück reinziehen, sondern immer nur einen pro Abend, aber das war ganz gut auszuhalten, schon weil sich das deutsche Fernsehen immer dermaßen viel Mühe mit der Ausstattung gibt – die 70er Jahre sahen tatsächlich ungefähr so aus wie jetzt im Fernsehen. Ich weiß das, denn 1974, dem Jahr, in dem die Agentenoper spielt, bin ich in die erste Klasse gekommen. In der BRD allerdings, also da, wo die Leute VW-Käfer, R4 oder Mercedes fuhren, nicht in Trabbi-Land.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Echt), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Becht), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der Anfang der Handlung so holzhammermäßig, dass es schon fast Richtung Satire geht, und da bin ich ja gleich dabei. Leider ging es nicht so lustig weiter. Aber wenn der Stasiausbilder seinen Stasischülern, die alle brav wie Erstklässler an ihren hölzernen Pulten sitzen, erklärt, wie eine Frau tickt, präziser: Wie das weibliche Hirn funktioniert, dann weiß er, wovon er spricht. Denn die Frauen werden sich später netterweise genau an dieses Drehbuch halten, womit die Mission des aufstrebenden Stasischülers dann irgendwie auch erfolgreich ist, wobei mir gerade auffällt, dass für die Geschichte erstaunlich egal ist, was da an Informationen eigentlich abgeschöpft werden soll.

Aber zurück auf die Schulbank für angehende Ost-Spione. Gute Sozialisten wissen: Frauen haben durchaus ein Gehirn! Aber auch die bestausgebildetsten Datenanalystinnen der westlichen Welt sind eben Frauen. Und die werden, so ist das bei Frauen nun einmal,  von ihren Emotionen gesteuert, also rechte Hirnhälfte, die wiederum für das linke Auge zuständig ist. Über das linke Auge der jeweiligen Frau hat der findige Romeo-Agent quasi den direkten Zugriff auf das westliche Datencenter. Jetzt gilt es also nur noch die richtigen Passwörter zu finden, mit denen die jeweilige Alte zu knacken ist.

Das ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist, nur ist dieser Scheiß kein Privileg sozialistischer Ideologie, auch die Westler befleißigen sich bis heute idiotischer Modelle aller Art, um die Welt zu erklären und zu beherrschen – aber ich schweife schon wieder ab. Tatsächlich habe ich mit das alles auch deshalb angesehen, weil ich Tom Schilling als Schauspieler wirklich gut finde, auch wenn ich ihn für diese Rolle inzwischen doch zu alt fand – aber, wie er als Agent erklärt: „Vielleicht bin ich eine alte Seele.“ Wie ein 25jähriger sieht er tatsächlich nicht mehr aus.

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine „West-Wohnung“ bezogen. Wird er seinen Auftrag erfolgreich abschließen können? Bild: zdf

Und ich mag auch Sofia Helin, die seine Zielperson Lauren Faber spielt. Als leicht autistische Kommissarin hat sie mir in Die Brücke wirklich gut gefallen. Natürlich ist sie auch als Lauren Faber überzeugend – eine alleinerziehende Mutter eines 17jährigen, ziemlich missratenen Sohnes, die für den britischen Geheimdienst arbeitet. Der sie wiederum auf dem Teufelsberg einsetzt, einer US-Abhörstation in Westberlin, mit der die NSA nicht nur den Osten, sondern auch den Westen belauscht.

Für ihre Figur haben sich die Serienmacher wenigstens eine halbwegs glaubhafte Legende ausgedacht – Lauren ist schwedisch-britischer Herkunft und hat einen Deutschen geheiratet. Das erklärt, warum sie sowohl perfekt Englisch, als auch Deutsch spricht – Deutsch allerdings mit leichtem schwedischen Akzent. Ihr Mann hat sie aber mit dem Kind sitzen lassen und sich wieder nach Westdeutschland verdrückt, ihr Sohn pubertiert wüst vor sich hin.

Lauren macht ihren Job natürlich gut, sie ist erfahren, umsichtig und pflichtbewusst – genau deshalb fühlt sie sich als Mutter als Versagerin. Was ihr Sohn natürlich ausnutzt: Er beklaut sein Mutter und verkifft das Geld, hört gern laut Musik und sperrt sich in sein Zimmer ein, das mit RAF-Fahndungsplakaten geschmückt ist – ziemlich normaler 70er-Jahre-Teenie würd ich mal sagen, aber für eine Frau wie Lauren ist das alles wirklich schlimm. Zumal sie ziemlich einsam ist: Außer ihrer jungen Kollegin Sabine Cutter (Frederike Becht) hat sie eigentlich niemand, mit dem sie reden oder sonst irgendwas unternehmen kann. Ein ideales Opfer also für Romeo-Agenten Lars Weber.

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Aber die Sache läuft aus dem Ruder – Lauren überlebt die Mission nicht. Und Lars wird jetzt auf Sabine angesetzt, die ihm von Anfang an viel besser gefallen hat als die deutlich ältere und weniger attraktive Lauren, die aber genau deshalb ja auch das leichtere Opfer war. Aber Sabine ist praktischerweise die Adoptiv-Tochter eines ranghohen NSA-Offiziers, der mit einer Deutschen verheiratet ist – vermutlich ist das auch der Grund, warum die vergleichsweise junge Sabine schon so einen verantwortungsvollen Job hat. Sie ist das weibliche, westliche Gegenstück zum Erfolgsossi Lars Weber – ja, und es ist tatsächlich so, wie man jetzt ahnen soll, aber wünscht, dass es eine andere Erklärung geben möge:  Immer wieder wird ein Bild von einer Frau gezeigt, die zwei Säuglinge im Arm hält.

Sowohl in der Plattenbau-Wohnung, die Lars mit seinem Vater Gregor (Jörg Schüttauf) teilt, der ebenfalls bei der Stasi ist, aber sich damit begnügt die Nachbarschaft zu überwachen, als auch in der Villa der Familie Cutter gibt es dieses einen Abzug dieses Fotos. Dagmar Cutter (Claudia Michelsen) ist also Lars’ Mutter, die damals in den Westen abgehauen ist und von der Lars nichts weiß, genau wie er auch nichts von einer Zwillingsschwester weiß. Und Vater Gregor ist zwar der einzige, der von Lars geheimer Mission weiß, aber er weiß offensichtlich auch nicht viel mehr. Dafür ist Gregor der Prototyp des überzeugten Sozialisten, der an den Sieg der guten Sache glaubt und seinen Sohn zu einem guten Staatsbürger erzogen hat – deshalb macht er ja auch den Blockwart (dafür hängt er sich auch gut sichtbar einen großen Feldstecher um den Hals – die Leute sollen durchaus sehen, was er tut) und ermahnt die Menschen, sich nicht vom Westfernsehen verblenden zu lassen. Und er päppelt liebevoll ein Vögelchen auf, das sich den Flügel verletzt hat – schaut ihm aber doch recht nachdenklich hinterher, als es davon fliegt.

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Einerseits ist die Geschichte nicht wirklich schlecht. Wobei die Komplexität dann doch wieder arg gekünstelt ist: Weil Der gleiche Himmel ja mehr sein soll als ein einfach nur weiterer Agententhriller, wird ein Panorama der Zeit aufgespannt – was eigentlich eine gute Idee ist, 1974 war ein interessantes Jahr. Schon wegen der Fußball-WM, in der die DDR die BRD zwar besiegte, die BRD aber trotzdem Weltmeister wurde.

Genau das ist ja das Thema:  Der Osten hat zwar ab und zu mit ach und krach einen Punkt gegen den Westen geholt – aber im Prinzip ist der Westen eben hoffnungslos überlegen, egal wie die Ossis sich abzappeln. Sie haben halt auf das falsche System gesetzt und das wird auch hier wieder ausgiebig in Filmform zelebriert. Einmal mehr wird all das gezeigt, was im Osten so richtig schlecht war: Die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung  – was an der DDR zwar ununterbrochen kritisiert wird, im Westen aber, wenn man die Zeichen richtig deutet, ja endlich mal hoffähig werden soll, nur dass es jetzt nicht die Stasi oder der KBG ist, die alle unsere Daten sammeln und auswerten, sondern gute kapitalistische Großkonzerne wie Google, Facebook und Amazon. Deshalb gibt es in Der gleiche Himmel auch die ganzen anderen hässlichen Sachen, Romeo-Agenten für den Westen, Doping von Staats wegen, Fahnenappell und Fahnenflucht, in diesem Fall eine versuchte Republikflucht durch den Bau eines Tunnels vom Osten in den Westen.

Schon irre, was sich die Menschen einfallen lassen, um in den vermeintlich goldenen Westen zu gelangen. In dem aber auch nur mit Wasser gekocht wird – zumindest einer der Agenten sieht das so, der herrlich schmierige, kettenrauchende und Junk-Food fressende Macho Ralf Müller (Ben Becker), der zwar Westberliner ist, aber für die Stasi arbeitet. Weil er halt irgendwie so eine subversive Ader hat, wie er Lars erklärt, als der ihn danach fragt. Besonders nachvollziehbar ist das zwar nicht, aber einer muss den Job ja machen.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Echt) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Becht) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Andere legen sich lieber krumm oder animieren ihre Kinder, das zu tun – etwa die ehrgeizige Gita Weber (Anja Kling), die Frau von Gregors Bruder Conrad (Godehard Giese), die im Plattenbau gleich nebenan wohnen. Mutter Gita ist so stolz auf ihre Töchter – die ältere soll Medizin studieren, die jüngere, Klara (Stefanie Amarell), schafft die Aufnahme in den Olympia-Kader der Schwimmerinnen. Dort bekommen die Mädchen von ihrem fiesen Trainer Doping-Medikamente, die sie zwar schneller machen, von denen ihnen aber auch Haare auf der Brust wachsen. Aber das Training ist Trainer-Sache, das wird den vielleicht dann doch besorgten Eltern eingetrichtert. Um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren braucht es eben Opferbereitschaft und Goldmedallien.

Ich finde solche Methoden absolut nicht okay und total kritikwürdig – aber interessanterweise ist das Doping-Problem im Leistungssport mit dem Zerfall des Ostblocks nicht verschwunden, es dopen ja bekannterweise auch Athleten des freiheitlichen Westens, nur vermutlich nicht, weil der Trainer es empfiehlt, sondern aufgrund ihrer frei getroffenen Entscheidung, besser als die anderen sein zu wollen. Das ist natürlich etwas ganz anders. Obwohl, das kann und muss man der DDR ankreiden, sie war ja der Staat, der es doch eigentlich besser machen wollte als die auf Ausbeutung abzielenden Kapitalisten, um die Konkurrenz der Einzelnen untereinander zugunsten einer Orientierung auf das Gemeinwohl abzuschaffen. Epic Fail heißt ein solche Versagen heutzutage wohl – in dieser Hinsicht war die DDR tatsächlich ein Failed State. Und überhaupt: Wenn ein Staat glaubt, seine Bürger einsperren zu müssen, damit sie ihm nicht weglaufen und dann nicht selbstkritisch genug ist, zu analysieren warum das der Fall ist und wie man das abstellen kann, dann verdient er eben auch nichts anderes. Das blöde ist nur, dass wir heute keine überhaupt keine Alternative mehr haben.

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Und das merkt man eben auch dieser Produktion an: Sie bebildert im Grunde dieses ganze alternativlose Weiter so!, das in Deutschland seit der Jahrtausendwende die Maxime deutscher Politik und damit irgendwie auch gesellschaftlich relevante Handlungsanweisung für uns alle ist. Durch die Demontage wichtiger sozialer Errungenschaften in Ost UND West wurde Deutschland für den Weltmarkt und die Weltpolitik zugerichtet, wir sind wieder wer, nicht nur Fußball- sondern auch Exportweltmeister, verlässlicher NATO-Partner und informelle Führungskraft der EU. Und es ist eigentlich egal, wie „wir“ das geschafft haben – Hauptsache, es geht irgendwie so weiter. Genau so funktioniert das Drehbuch dieser Geschichte hier.

Und da drängen sich Fragen auf, etwa: Wozu das alles, wenn es den meisten Menschen im Lande damit gar nicht gut geht? Der aktuelle Armutbericht der Bundesregierung war ja wieder so desillusionierend, dass er umfassend frisiert werden musste, damit die dafür zuständige SPD-Ministerin damit noch irgendwie leben kann. Interessant natürlich, dass genau dieses Gefühl wieder nur anhand der üblichen Klischees über die untergegangenen DDR gezeigt wird, während im Westen zwar nicht alles gut, aber doch vieles besser ist. Weil es hier Kapitalismus, also Freiheit und Demokratie gibt. Wobei, die DDR hat das „Demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber das war die falsche Sorte Demokratie, die nämlich ohne Alternative. Oder habe ich da was verwechselt?

Immerhin wird angedeutet dass die NSA mit ihren schicken Lauschantennen auf dem Teufelsberg auch ihre westlichen Verbündeten abhört – auch die Amis verlassen sich auf ihren Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Da sind sich letztlich Stasi-Agent Lars und NSA-Vater Cutter gar nicht so unähnlich. Aber das ist eben auch wieder ein Beispiel für die allgemeine Beliebigkeit an der die ganze Sache krankt: Die Motivation der Charaktere ist jeweils mehr als schematisch. Wir haben den guten Sozialisten Gregor, die verzweifelt um Anerkennung ringende kleine Schwester einer erfolgreichen älteren Tochter und eine auf materielle Vergünstigungen geifernde Mama. Ach ja, einen schwulen Ossi-Lehrer und dessen ebenso schwulen, aber weniger coolen dicken Freund haben wir auch noch, dazu noch ein paar Verschwörer, die abhauen wollen und einen schwulen Ausländer, der irgendwie auf schwule Ossis steht und einfach nur helfen will, aber missverstanden wird.

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Aber was ist mit den Hauptfiguren? Warum tut Lars das, was er tut? Einerseits wird in dem, was er vor sich hinfaselt, ja eine gewisse Tiefe angedeutet, aber dann entpuppt er sich doch immer wieder als gnadenloser Opportunist, der seine Erfolge genießt und erstaunlich wenig darunter leidet, dass seine erste Zielperson einen frühen und rätselhaften Tod stirbt. Aber dafür kriegt er ja dann auch die schnittige Sabine. Was noch irgendwie okay gehen würde, wenn sie nicht seine Schwester wäre.

Es ist ja nicht so, dass ich gewagte Plotwists prinzipiell ablehnen würde. Elliot Anderson kann sich in Mr. Robot ja auch nicht an seine Schwester Darlene erinnern – die sich aber schon an ihren verrückten Bruder, der halt immer mal wieder wichtige Dinge vergisst. Letztlich erklärt diese Sache ja auch, WIE verrückt Elliott ist und ist insofern wichtig für die Handlung an sich. Aber in Der gleiche Himmel sehe ich das nicht – Lars ist nicht verrückt, er ist einfach gut in seinem Job, und er könnte jede Frau rumkriegen. Warum dann also seine Schwester? Um auszudrücken wie pervers das alles mit der Mauer war? DAS wissen wir doch ohnehin.

Trotzdem liegt Mauerbau im Trend. Liebes ZDF, mach doch mal was Perverses über die USA. Mit Mauer, Sex und NSA. Sollte so schwierig nicht sein.

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Billions – Pissing Contest in Serie

Ich fasses  nicht: Die Leute kriegen offenbar doch die Serien, die sie verdienen. Ich fand ja You Are Wanted nicht besonders, aber die Leute da draußen sind offenbar anderer Meinung. Heute verkündet Amazon, dass eine zweite Staffel der Schweighöfer-Serie in Auftrag gegeben wurde und gibt als Grund dafür den weltweit hohen Zuspruch am Startwochenende an: You Are Wanted habe in 70 Ländern zu den fünf meistgesehenen Sendungen von Amazon gehört, darunter Kanada, Mexiko, Brasilien, Frankreich, Italien und Spanien. In Deutschland habe die Produktion den stärksten Start einer Serie in der Amazon-Geschichte hingelegt und auch die Bewertungen seien so gut wie nie.

Meine Fresse – konkrete Abrufzahlen nennt das Unternehmen zwar nicht, aber warum sollte ich das nicht glauben. Seit die Amis einen komplett durchgeknallten und eher schlechten Reality-TV-Darsteller als US-Präsident gewählt haben, wundere ich mich über gar nichts mehr. Höchstens, wann Trumps Lebensgeschichte endlich verfilmt wird, hier würde ich Sacha Baron Cohen für Drehbuch, Produktion und Hauptrolle vorschlagen.

Doch nun zu etwas ganz anderem:

Vor Jahrzehnten war es ja schon mal in, Fernsehserien über das Leben von Superreichen zu machen, ich sag nur Dallas oder der Denver-Clan – hab ich übrigens beides nicht gesehen, denn damals machte ich mir noch nichts aus Fernsehserien.

Offenbar hatte ich Besseres zu tun. Mittlerweile ist aber das Leben weniger aufregend, dafür es gibt bessere Serien. Etwa Billions, eine Serie des US-Senders Showtime, in der es um den erbitterten Kampf des ehrgeizigen Staatsanwalts Chuck Rhodes (Paul Giamatti) gegen den obszön reichen Hegefonds-Milliardärs Boot „Axe“ Axelrod (Damian Lewis) geht.

Billions: U.S. Attorney Chuck Rhoades (Paul Giamatti) gegen Bobby „Axe“ Axelrod (Damien Lewis)

Billions: U.S. Attorney Chuck Rhoades (Paul Giamatti) gegen Bobby „Axe“ Axelrod (Damien Lewis)

Interessant ist hier einmal mehr, dass beide Hauptfiguren sehr ambivalent sind: Axe kommt von ganz unten und hat sich mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, schneller als jeder andere auf neue Situationen reagieren zu können, an der Wall Street nach ganz oben gearbeitet. Natürlich muss dabei auch mit harten Bandagen gekämpft werden und nicht alles, was er getan hat, um an sein sagenhaftes Vermögen zu kommen, war völlig legal – doch Axe ist ein Meister im Ausnutzen von Grauzonen. Und im Zweifelsfall hat er mittlerweile dermaßen viel Geld, dass er damit Probleme lösen kann, bevor sie ihm um die Ohren fliegen.

Genau das ist es, was Chuck Rhodes auf die Palme bringt: Er weiß, dass Axe auch mit illegalen Methoden Milliarden macht und er will, so behauptet er, Gerechtigkeit. Es ginge nicht an, dass man Kleinkriminelle wie Drogendealer jahrelang einsperrt und Typen wie Bobby Axelrod, nur weil sie einen Haufen Geld haben, davon kommen lässt, obwohl sie viel mehr Schaden anrichten. Die feine Ironie hierbei ist, dass Chuck aus einer alten, einflussreichen Familie kommt und niemals existenzielle Not gelitten hat – sein Vater ist unter den obersten Zehntausend bestens vernetzt, was Chuck auch immer wieder ausnutzt, obwohl das an seiner Eitelkeit kratzt, während Axe als Kind tatsächlich arm gewesen ist. Es ist ohne Vater aufgewachsen und er musste sich sein Taschengeld selbst verdienen. Auch seine Frau Lara (Malin Åkermann) kommt aus kleinen Verhältnissen, sie war Krankenschwester, ihre Brüder und Cousins sind Polizisten und Feuerwehrleute.

Und was Chuck noch mehr zu schaffen macht: Seine Frau Wendy (Maggie Siff), die promovierte Psychologin ist, arbeitet als Motivations-Trainerin für Axe Capital. Sie kannte Axe schon, bevor Chuck sie geheiratet hat und denkt nicht daran, ihren sehr gut bezahlten Job aufzugeben. Das ist natürlich ein Interessenkonflikt aus dem Bilderbuch – aber weil Chuck als Staatsanwalt nur einen Bruchteil von dem verdient, was Wendy nach Hause bringt, kann er seine Frau schlecht dazu animieren, sich einen anderen Job zu suchen: Wovon soll er denn das schöne Haus an der Uferpromenade in Brooklyn und die Privatschulen für die Kinder bezahlen? Chuck muss sich zähneknirschend damit abfinden, dass Wendy all das von dem Blutgeld finanziert, das er Axe gern abnehmen würde.

Insofern verwundert es auch nicht, dass sich Chuck für all das gern bestrafen lässt – privat liebt er es, Wendys Sex-Sklave zu sein. Genau das ist Wendys Talent: In ihrem Gegenüber die Schwachpunkte zu finden und dann die jeweils nötige Reaktion zu provozieren – bei ihr kann man Dampf ablassen oder sich den nötigen Kick holen. Auf diese Weise kitzelt sie bei Axe Capital immer die optimale Leistung aus den Leuten heraus. Deshalb bezahlt Axe ja auch so großzügig, er weiß, was er an Wendy hat.

Überhaupt ist Axe überaus großzügig, er schmeißt geradezu mit Spenden-Millionen um sich, schon um all jene zu demütigen, die ihn früher, als er noch ein Niemand war, schlecht behandelt haben. Etwa in dem er sich für einen Wahnsinnsbetrag die Namensrechte an der altehrwürdigen und dringend sarnierungsbedürftigen Konzerthalle kauft, nur sich an der Millionärsfamilie zu rächen, die ihn damals den bitter nötigen Ferienjob auf dem Golfplatz gekostet hat. Akribisch zieht Axe von der Summe die symbolischen 16 Dollar ab, die er damals als Caddie pro Runde verdient hat. Nur sind es nun 16 Millionen – und die Wichser haben keine Wahl, das nun deutlich unattraktivere Angebot anzunehmen, weil sie sonst ruiniert wären.

Natürlich kommt das nicht gut an – wie es allgemein nicht gut ankommt, wenn stinkreiche Leute mit ihrem Geld um sich schmeißen. Das provoziert Neid und Neiddebatten sind immer hässlich. Wobei ich persönlich finde, dass es viel zu wenig Neid und Neiddebatten auf der Welt gibt – wären die Leute tatsächlich so neidisch, wie immer wieder behauptet wird, wäre es gar nicht möglich, dass einige wenige Milliarden scheffeln, während Milliarden arme Schlucker es nicht mal schaffen, sich ein halbwegs erträgliches Leben zu erarbeiten. Wenn es tatsächlich stimmt, dass gerade mal acht Milliardäre so viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung, heißt das doch eigentlich, dass man nur den richtigen acht Arschlöchern mal ordentlich auf die Fresse geben müsste, um das Leben der ärmeren Hälfte entscheidend zu verbessern.

Das passiert aber nicht, weil sich die allermeisten Leute damit abfinden, dass sie es nun mal nicht so gut getroffen haben, wie andere und sich in ihre beschissene Existenz fügen, weil man ihnen einredet, dass Geld fürs Glück nicht so wichtig sei. Was eine beschissene Lüge ist, weil Geld in dieser Welt nun mal die Grundlage für wirklich alles ist – ohne Geld kein Essen, keine Wohnung, keine Klamotten, kein Handy, kein Internet und genau besehen nicht mal genug saubere Luft zum Atmen. Aber die gängige Gehirnwäsche behauptet, es gehe im Leben um Selbstverwirklichung, denn mit der richtigen Einstellung kann man auch unter beschissensten Umständen glücklich werden. Klar, man kann durchaus lernen, mit wenig zufrieden zu sein. Aber gleichzeitig soll man ja auch Steuern zahlen und ein guter Konsument sein. Und nicht neidisch auf diejenigen, die ordentlich Kohle scheffeln, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Zum Verrücktwerden ist das. Aber das ist gar nicht das Thema von Billions. Leider.

Billigen: Lara Axelrod (Malin Åkerman), Axe (Damian Lewis), Wendy Rhoades (Maggie Siff) und Chuck Roades (Paul Giamatti)

Billigen: Lara Axelrod (Malin Åkerman), Axe (Damian Lewis), Wendy Rhoades (Maggie Siff) und Chuck Roades (Paul Giamatti)

Das Thema von Billions ist die Ambivalenz seiner Protagonisten: Der gnadenlose Finanzprofi, der so genial und brillant ist, dass er zu recht als der Beste seines Fachs gilt und der nicht weniger knallharte Strafverfolger, der sich zwar einredet, dass er im Dienst der Allgemeinheit versucht, die kriminellen Geschäftsgebaren seines Gegenspielers zu unterbinden, aber dabei durchaus persönliche Ziele verfolgt und genau wie sein Gegner zunehmend auch auf illegale Methoden zurückgreift.

Und dann natürlich Wendy, die sich zwischen den Fronten bewegt, aber ihr Geld eben auch in jenem kriminellen Laden verdient. Einerseits ist bewundernswert, mit welcher Souveränität sie sowohl gegenüber Chuck als auch gegenüber Axe ihre Unabhängigkeit verteidigt, anderseits ist klar, was sie tut, wenn sie ihre Klienten fit für die tägliche Renditeschlacht macht und woher das Geld kommt, von dem auch ihr üppiges Gehalt bezahlt wird.

Wobei das moralische Dilemma hier noch auf einer anderen Ebene angesiedelt wird: Wendy und Chuck versuchen beide, loyal zu sein – aber sie verraten sowohl ihre Prinzipien, als auch sich gegenseitig. Wobei das nicht ganz korrekt ist, Wendy schafft die Gratwanderung, am Ende sowohl gegenüber ihrem Arbeitgeber Axe als auch ihrem Ehemann Chuck einigermaßen loyal zu bleiben, während Chuck Wendy hintergeht, um im Job sein Ziel zu erreichen – was natürlich grandios nach hinten losgeht.

Am Ende ist gerade der Verteidiger von Wahrheit und Gerechtigkeit das noch größere Arschloch. Und das will angesichts der vielen Arschlöcher, die in Billions auftauchen, wirklich etwas heißen. Auf jeden Fall ist das eine Serie, die es sich zu sehen lohnt. Bei You Are Wanted würde ich das noch immer nicht sagen, aber das können ja die Leute ansehen, denen Billions zu komplex ist.

Gar nicht mal so gut: You Are Wanted

Freitag kam mit You Are Wanted die erste deutsche Amazon-Serie heraus. Aber ich hatte wichtigeres zu tun, denn Depeche Mode stellten in Berlin ihr neues Album Spirits vor. Tolles Konzert, zumal ich schon immer mal das ehemalige DDR-Funkhaus in der Nalepastraße von Innen sehen wollte. Ganz großes Kino also, eine Kultband meiner Jugend an einem nicht weniger kultigen Ort in meiner Heimatstadt – besser geht es kaum.

Doch nun zurück zum kleinen Monitor: Inzwischen habe ich mir die sechs Teile von You Are Wanted aus Pflichtbewusstsein tatsächlich angesehen und muss konstatieren: Gar nicht mal so gut. Streckenweise sogar ziemlich schlecht. Und das, obwohl ich natürlich nichts erwartet hatte, was einer komplexen Hackerserie wie Mr. Robot ähnlich sein würde, obwohl Amazon mit Bosch, Hand of God oder Sneaky Pete ja auch schon wirklich gute Serien mit komplexer Handlung und interessanten Charakteren produziert hat.

You Are Wanted: Amazon

You Are Wanted: Amazon

Aber nichts davon ist in You Are Wanted zu finden – die Serie ist in jeder Hinsicht so himmelschreiend unterkomplex wie ein mittlerer Tatort, nur eben auf doppelt bis dreifache Länge gezogen. Nun muss ja nun wirklich nicht jeder Hack akribisch erklärt werden, wie das in Mr. Robot der Fall ist. Trotzdem fühle ich mich verarscht, wenn überhaupt nichts erklärt wird. Und das nicht nur in Sachen Computer, wo anfangs zumindest noch ein bisschen Social Engineering betrieben wird, um zu erklären, warum der eigentlich doch ziemlich smarte Hotelmanager Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) die verhängnisvolle Nachricht auf seinem Smartphone akzeptiert, die ein angeblicher Hotelgast ihm sendet.

You Are Wanted: Der erfolgreiche Manager und Familienvater Lukas Franke (Matthias Schweighöfer)

You Are Wanted: Der erfolgreiche Manager und Familienvater Lukas Franke (Matthias Schweighöfer)

Warum aber mit dem Virus auf dem Smartphone plötzlich das ganze Leben des Lukas Franke auf den Kopf gestellt wird, weiß allein der Hacker – und der ist irritierender Weise schon tot, bevor die Serie so richtig anfängt. Das gibt dem Zuschauer dann immerhin ein Rätsel auf, das erst in den letzten beiden Teilen gelöst wird. Zwischendrin passiert dann aber gar nicht dermaßen viel, und das, was passiert, wird nicht besonders überzeugend erklärt.

Genau deshalb bleiben die Figuren auch so holzschnittartig, wie man das aus dem deutschen Fernsehen leider nur zu gut kennt, die interessanteste Figur ist die kettenrauchende Ermittlerin Sandra Jansen (Catrin Striebeck), die ihr tägliches Zigarettenpensum nur mit dem Einsatz von Asthmaspray schafft. Am Ende ist sie dann aber doch nicht so doof wie ihre Kollegen vom BND. Der offenbar von fast jedem ambitionierten Teenie-Hacker gehackt werden kann, was aber auch kein Wunder ist, wenn die Super-BND-IT-Experten hauptamtlich eigentlich Kinderspiele programmieren.

You Are Wanted: Jens Kaufmann (Aleksander Jovanovic)

You Are Wanted: Jens Kaufmann (Aleksander Jovanovic)

Dieser böse Marc Wessling (Tom Beck) ist auch wieder so eine typisch deutsche Fernsehfigur – ebenso unwahrscheinlich wie schlecht ausgedacht: Warum ist der Kerl zugleich der charmante Chef von Lukas erstaunlich naiver Ehefrau Hanna (Alexandra Maria Lara) und dann aber gleichzeitig der zwielichtige IT-Experte beim BND? Gibt es in ganz Deutschland nur einen einzigen ITler, so dass der dann auch noch als Experte für die Polizei abgestellt werden muss, weil die ja keine eigenen IT-Forensiker haben, um Hackern auf die Spur zu kommen?

Ist es denn dermaßen schwer, sich drei unterschiedliche ITler auszudenken, von denen einer Hannas Chef, einer der Finsterling vom BND und einer ein ehrlicher Ermittler sein kann, deren Wege sich im Zuge der Geschichte kreuzen? Das wäre dann wenigstens halbwegs realistisch. Klar, dann muss man sich drei Charaktere ausdenken und braucht auch drei Schauspieler, aber andererseits wäre die jeweilige Motivation viel leichter zu erklären. Denn warum Wessling tut, was er tut, wird nicht so richtig klar: Hat er jetzt nur so viel Stress, weil die bösen Amis (klar, am Ende steckt irgendwie die NSA dahinter, das weiß heute ja jeder) hinter ihm her sind und soviel Druck machen, dass er den NSA-Häuptling, der nach Berlin kommt, in die Luft jagen will – oder ist er am Ende nur eifersüchtig auf Lukas, weil er sich in Hanna verliebt hat – was übrigens auch eine brauchbare Motivation wäre, die ich sogar in Erwägung gezogen hätte: Wessling hängt Lukas eine Terror-Karriere an, um an seine Frau zu kommen. Aber klar, das wäre dann wieder zu einfach.

You Are Wanted: Anleihen von Mr. Robot

You Are Wanted: Anleihen von Mr. Robot

Wobei es sich die Drehbuchautoren an anderen Stellen erst recht viel zu einfach machen – etwa mit Lena Arandt (Karoline Herfurth), über die man letztlich auch enervierend wenig erfährt, außer, dass sie immer ohne Helm, dafür aber mit Sonnenbrille Motorrad fährt und zufällig immer zur Stelle ist, wenn Lukas dringend vor der Polizei gerettet werden muss. Warum hatten es der oder die Hacker ausgerechnet auf Lena abgesehen? Okay, weil sie Journalistin ist und irgendwas rausgefunden hat, und nun dazu benutzt werden soll, Lukas zu motivieren, zu tun, was der oder die Hacker von ihm wollen. Aus dieser Figur hätte man wirklich mehr machen können, aber sie bleibt dank des schlechten Drehbuchs genau das, was der Hacker aus ihr gemacht hat: Eine Marionette, die in sich zusammen sinkt, wenn keiner mehr an den Fäden zieht.

Ähnlich ist das bei Lukas Bruder Thomas (Jörg Pintsch), der wenig begeistert ist, als sein kleiner Bruder bei ihm auftaucht und ihn um Hilfe bittet – warum habe die beiden eigentlich ein so schwieriges Verhältnis? Klar, muss wohl so sein, weil Lukas erst so richtig fett in der Scheiße landen muss, damit sein Bruder ihm dann irgendwie doch noch hilft, weil sonst keiner mehr da ist, der helfen könnte. Und das fast mit seinem Leben bezahlt. Aber auch über ihn erfährt man letztlich nur das, was man unbedingt wissen muss, um zu kapieren, dass er offenbar tatsächlich irgendwie helfen kann.

You Are Wanted: Noch mehr Anleihen von Mr. Robot

You Are Wanted: Noch mehr Anleihen von Mr. Robot

Schlimmer ist es eigentlich noch bei Hanna – diese Figur besteht eigentlich nur aus gängigen Klischees über Ehefrauen, anfangs hält sie noch tapfer zu ihrem Ehemann, sie lässt sich dann aber schnell durch ein paar Tittenfotos auf dem Handy ihres Mannes irritieren. Wobei der Hacker dann doch noch etwas deutlicher werden muss – er schickt Lukas auf eine ziemlich undurchsichtige Mission nach Frankfurt, wo er auf Lena trifft und später festgenommen wird, so dass er die Einschulung seines Sohnes Leon verpasst. Was Hanna ihm ziemlich übel nimmt, insbesondere, weil stattdessen diese Julia (Katrin Bauernfeind) auftaucht.

Auch über Julia erfahren wir nur das allernötigste, auch sie wird offenbar auch erpresst, um die Beziehung von Lukas und Hanna zu erschüttern. Was ihr auch gelingt. Und, hier wird es kurzzeitig sogar interessant, Lukas und sie hatten offenbar tatsächlich mal eine flüchtige Affäre. Endlich eine Andeutung von Komplexität! Doch zu früh gefreut, Julia verschwindet wieder von der Bildfläche, ex und hopp, Zweck erfüllt.

You Are Wanted: Aber wir sind in Berlin

You Are Wanted: Aber wir sind in Berlin

Und so geht das im Grunde mit allen Figuren – auch der Kollege von der Jansen Thorsten Siebert (Edin Hasanovic) gefiel mir eigentlich ganz gut. Er war dann aber leider so doof, sich durch einen beschissenen Anfängerfehler ins Jenseits zu befördern. Auch über Jens Kaufmann (Aleksander Jovanovic), der die ganze Sache ins Rollen gebracht hat, hätte ich gern mehr gewusst, genau wie über das Hacker-Wunderkind Dalton (Louis Hofmann), das sich unter einem asiatischen Restaurant versteckt.

Über die sonstigen Hacker-Klischees, die in You Are Wanted bemüht werden, gar nicht zu reden – warum Lukas überhaupt Zutritt zu diesen doch eher exklusiven Zirkeln hat, wird überhaupt nicht erklärt, was aber auch wieder egal ist, weil es ohnehin nur aus der Form geratene Zombies sind, die in ihrer mit elektronischen Artefakten aller Art dekorierten Höhle vor den Bildschirmen sitzen und zocken statt coden. Und entsprechend wenig Interesse haben, Lukas zu helfen. Was wiederum total verständlich ist. Denn warum in aller Welt sollten die so einem bürgerlichen Manager-Arsch helfen  wollen?!

You Are Wanted: Leon, Lukas und Hanna

You Are Wanted: Leon, Lukas und Hanna

Andere Menschen haben auch Probleme – aber davon handelt diese Serie überhaupt nicht und das ist vielleicht die größte Schwäche der ganzen Sache: Der Protagonist ist ein Bilderbuch-Erfolgsmensch, dem übel mitgespielt wird. Ja und?! Lukas Franke wird aus seinem Luxusbüro mit Superaussicht über Berlin City-West herausgerissen, weil er vor Jahren mal Zivi in einer Klapsmühle war und dort auf eben jenen Jens Kaufmann traf, mit dem er sich – warum auch immer – irgendwie verstanden hat. Und Jens Kaufmann war irgendwie verrückt, jedenfalls verrückt genug, um als Verschwörungstheoretiker abgetan zu werden, dabei war er als begabter Hacker einer ganz, ganz großen Sache auf der Spur.

Von der wir seit spätestens seit Wikileaks, Chelsea Mannings und Edward Snowden wissen, dass sie existiert: Wir werden alle ständig überwacht und in der digitalen Welt können begabte und findige Leute Dinge tun, die einem ganz normalen Menschen das Leben zur Hölle machen. Um zu verhindern, dass diese ganz, ganz große, ganz, ganz üble Sache ans Licht kommt, wird nun eben Lukas Franke das Leben zur Hölle gemacht – weil er, aus noch immer nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen, der einzige war, dem Kaufmann noch getraut hat. Denn er wusste, dass seine Tag gezählt sind und er irgendwem vertrauen muss, wenn nicht alles vergebens gewesen sein soll. Und ob Lukas es noch geschafft hat, das von Kaufmann zusammengetragene Wissen an Wikileaks zu schicken, oder ob die NSA schneller war, wissen wir nicht. Was vielleicht das Beste an dieser Serie ist.

You Are Wanted: Sandra Jansen (Catrin Striebeck)

You Are Wanted: Sandra Jansen (Catrin Striebeck)

Wobei ich hier zugeben muss, dass es in You Are Wanted schon eine Reihe netter Ansätze gibt – etwa Dilara Dogan (Lorna Ishema), eine sehr begabte Ermittlerin bei der Polizei, die sich aufgrund ihrer  Hautfarbe in Deutschland schlecht als verdeckte Ermittlerin eignet, aber sonst total auf Zack ist. Und ich mochte auch die französische Freundin (Lucie Aron) von Hanna. Aber was nützt ein interessantes Detail, wenn die Geschichte nicht gut ist?

Nee ganz ehrlich: Davon brauchen wir nicht noch mehr. Wobei You Are Wanted visuell schon ganz okay war – doch schöne Bilder sind nicht alles. Und obwohl ich seit 26 Jahren in Berlin lebe, freue ich mich noch immer zu sehen, wie viele coole Locations wir hier doch haben. Als Image-Film für Berlin ist diese Serie nicht schlecht. Aber als Werbung für Serien made in Germany taugt sie nicht. Da sollte Schweighöfer doch noch mal Rainer Werner Fassbinder oder Edgar Reitz studieren – oder bei Gideon Raff oder Sam Esmail anfragen, was heutzutage eine gute Geschichte ausmacht. Jedenfalls sehe ich mir lieber noch hundertmal den ersten Teil von Mr. Robot an, bevor ich darüber nachdenke, You Are Wanted eine zweite Chance zu geben.

You Are Wanted: Lena (Karoline Herfurth)

You Are Wanted: Lena (Karoline Herfurth)

Sneaky Pete: Das Doppelleben des Marius J.

Mit der Geschichte eines Trickbetrügers, der sich in eine fremde Familie einschleicht, indem er sich als der lange vermisste Enkelsohn ausgibt, hatte ich gewisse Anlaufschwierigkeiten: Zu unwahrscheinlich und überkonstruiert, um richtig gut sein zu können. Dachte ich.

Aber Marius Josipovic (Giovanni Ribisi) ist tatsächlich dermaßen überzeugend, dass mich die Sache dann doch gepackt hat. Nicht nur, weil er sich drei Jahre lang die Kindheitsgeschichten seines Zellengenossen Pete Murphy anhören musste, die Marius mittlerweile besser kennt, als Pete selbst, der noch ein paar Jahre absitzen muss. Marius hat ein fantastisches Gedächtnis, ein erstaunliches Einfühlungsvermögen, einen Blick für die wichtigen Details und wirklich gute Nerven. Und er ist ein begnadeter Spieler – Pete ist so gut, dass er jeden austricksen kann. Nun ja, fast jeden.

Beim Unterweltboss Vince Lonigan (Bryan Cranston) hat er es auch versucht – was aber schief gegangen ist. Jetzt hat Marius zwar seine Strafe abgesessen, schuldet Vince aber noch immer 100 000 Dollar, die er natürlich nicht hat. Aus dem Grund muss er unbedingt abtauchen – er weiß, was ihm blüht, wenn die Leute von Vince ihn erwischen. Also braucht er am besten gleich ein neues Leben.

Sneaky Pete: Marius Josipovic (Giovanni Ribisi) Bild: Amazon

Sneaky Pete: Marius Josipovic (Giovanni Ribisi) Bild: Amazon

Deshalb überzeugt Marius den Busfahrer, der die frisch Freigelassenen in die Stadt bringt, ihn schon ein paar Ecken früher rauszulassen und macht sich auf den Weg zur Farm von Petes Großeltern. Die haben ihren Enkel seit 20 Jahren nicht gesehen und daher keine Ahnung, wie der Junge jetzt aussieht. Was praktisch ist, denn Marius sieht Pete keineswegs ähnlich.

Natürlich sind Otto (Peter Gerety) und Audrey (Margo Martingale) total überrascht, als Pete vor ihrer Haustür steht, aber sie sind ausgesprochene Familienmenschen. Natürlich schicken sie den verloren geglaubten Enkel nicht weg – zumal sich schnell herausstellt, dass er mit seinen speziellen Talenten doch prima ins lokale Familiengeschäft integrieren lässt. Pete behauptet, als Versicherungsagent gearbeitet zu haben. Familie Bernhardt ist im Kautionsgeschäft: In den USA können sich Angeklagte gegen die Zahlung einer vom Gericht festgesetzten Kaution die Untersuchungshaft ersparen – die Kaution soll sicherstellen, dass sie tatsächlich zur Hauptverhandlung erscheinen.

Weil aber viele Kleinkriminelle eine solche Kaution nicht selbst aufbringen können, gibt es eben jene Kautionsbüros, die ihren Klienten – in der Regel gegen zusätzliche Sicherheiten – eine Kaution fürs Gericht leihen. Eine normale Bank würde das wegen des doch recht hohen Risikos nicht tun. Eben wegen dieses Risikos haben Kautionsagenten allerdings einige Befugnisse, die Bankangestellte nicht haben – sie dürfen beispielsweise ihre Kunden, wenn sie sich verdrücken wollen, verfolgen und verhaften, notfalls auch mit Waffengewalt.

Sneaky Pete: Julia (Marin Ireland) und

Sneaky Pete: Julia (Marin Ireland) und „Pete“ (Giovanni Ribisi) Bild: Amazon

Erscheint der Vorgeladene nicht vor Gericht, fällt die Kaution nach einer bestimmten Frist an den Staat. Der Kautionsagent muss dann bis zu diesem Termin zahlen. Natürlich haben Kautionsbüros ein außerordentliches Interesse daran, dass ihre Kunden vor Gericht erscheinen. Wenn das ordentliche Gerichtsverfahren abgeschlossen ist, wird die hinterlegte Kaution zurück erstattet – dabei spielt keine Rolle, zu welchem Urteil das Gericht gekommen ist. In diesem Business also sind Otto, Audrey und Petes „Cousine“ Julia Bernhardt (Marin Ireland) tätig – und sie können gerade jetzt gut Hilfe brauchen.

Und Pete, vielmehr Marius erweist sich als ziemlich geschickt, er weiß ja, wie Kriminelle ticken. Allerdings hat er ganz andere Pläne – im Kautionsbüro steht ein massiver Safe, in dem eine ziemlich große Bargeldsumme liegen soll. Da will Marius ran, denn Vince hat Marius kleinen Bruder Eddie (Michael Drayer) in seiner Gewalt – und wenn Marius nicht bald mit den noch ausstehenden 100 000 rüberkommt, wird Eddie das nicht überleben.

Insofern ist Petes Doppelleben wirklich aufreibend, zumal er auch immer mal wieder als Marius Josipovic auftreten muss, schließlich gibt es da noch seinen enervierend engagierten Bewährungshelfer, ein ehemaliger Marine, der es mit den geltenden Regeln sehr genau nimmt. Ach ja, und Petes „Cousin“ Taylor (Shane McRae)  ist ausgerechnet Cop geworden. Zum Glück kein besonders guter.

Sneaky Pete: Familie Bernhardt Julia, Taylor, Audrey und Otto Bild: Amazon

Sneaky Pete: Familie Bernhardt Julia, Taylor, Audrey und Otto Bild: Amazon

Da erweist sich die kleine „Cousine“ Carly immer wieder als gewitzer und damit auch gefährlicher für Pete – denn, so doof sind die Bernhardts dann doch nicht, sie fragen sich schon, warum Pete ausgerechnet jetzt wieder auftaucht und was er eigentlich von ihnen will. Aber wie sich herausstellt, hat jeder in dieser Familie etwas zu verbergen – insofern besteht dann doch eine gewisse „Familienähnlichkeit“. Leider auch in Sachen Geld – es ist nämlich keins da. Nicht nur zu Petes großer Verzweiflung ist der Safe nämlich leer, als er nach langem Hin-und-Her endlich geöffnet wird. Aber wo ist die Kohle hin, die offenbar jemand anders noch dringender gebraucht hat als Pete selbst?

Die Serie nimmt erst nach ein paar Teilen so richtig an Fahrt auf – aber dann wird sie immer besser. Breaking-Bad-Veteran Bryan Cranston war sowohl an der Entwicklung der Serie als auch an der Produktion beteiligt, und vermutlich war es ein Glücksfall, dass Amazon sich interessiert zeigte, nachdem CBS nach der eben noch nicht so richtig zündenden Pilotfolge kalte Füße bekommen hatte. Denn in den neun restlichen Folgen wird es dann noch richtig gut: Für Marius geht so ziemlich alles schief, was schief gehen kann – aber dieses Prinzip kennt man ja schon aus Breaking Bad: Was auch immer als großer Befreiungsschlag geplant ist, geht am Ende nach hinten los und macht alles noch viel schlimmer.

Sneaky Pete: Eddie (Michael Drayer) Bild: Amazon

Sneaky Pete: Eddie (Michael Drayer) Bild: Amazon

Auch wenn in Sneaky Pete eine ganz andere Geschichte erzählt, kämpft sich ihr Held durch ein episches Dilemma, das mit jeder neuen Lüge noch fatalere Konsequenzen nach sich zieht. So ist der arme Eddie bald nur noch deshalb am Leben, weil die schöne Karolina (Karolina Wydra) immer wieder ein gutes Wort für den ihn einlegt. Vor allem aber, weil Vince einen Falschspieler entlarven will, der in seinem illegalen Kasino einfach zu oft gewinnt.  Dazu bracht Vince nämlich einen eigenen Falschspieler, und Eddie ist zwar nicht Marius, aber der beste, den Vince im Augenblick bekommen kann.

Otto hingegen ist so verzweifelt, dass er einen Auftragskiller beauftragt, ihn umzubringen, damit seine geliebte Audrey wenigstens das Geld für die Lebensversicherung bekommt. Audrey nun wieder hat sich von Julias schmierigen Ex-Mann Lance (Jacob Pitts) in windige Immobiliengeschäfte ziehen lassen – hierhin ist nämlich das Geld verschwunden, das jetzt an allen Ecken und Enden so dermaßen fehlt. Und dann sind da auch noch kriminelle Klienten, die ihr Geld zurückhaben wollen, das sie als Sicherheit für ihre Kaution hinterlegt haben und vor Gewalt nicht zurückschrecken. Alles ziemlich verzwickt. Und nicht alle kommen unversehrt aus dieser Sache raus.

Sneaky Pete: Maris (Giovanni Ribisi) und Vince (Bryan Cranston) Bild: Amazon

Sneaky Pete: Maris (Giovanni Ribisi) und Vince (Bryan Cranston) Bild: Amazon

Zum nervenzerfetzenden Finale hin trumpft die Serie auch noch mit einer Der-Clou-mäßigen Supernummer im Kasino auf, mit der sich Marius und seine Freunde grandios an Vince rächen wollen. Aber der hat geahnt, dass er abgezockt werden soll, nur noch nicht von wem und wie – ein alter Gangster wie Vince ist halt wirklich kaum reinzulegen. Da braucht es auch noch deutlich mehr als den besten Falschspieler der Welt – aber Marius weitere Stärke ist, dass er immer wieder in der Lage ist, die jeweiligen Interessen der anderen in seine eigenen Pläne einzubeziehen. Natürlich werden die Nummern, die er abzieht, damit immer komplexer und auch für die Beteiligten nicht mehr durchschaubar – aber das ist eben auch der Witz daran.

Auf jeden Fall ist Sneaky Pete eins der derzeit interessantesten Serienprojekte von Amazon – eine zweite Staffel wurde bereits angekündigt. Ich bin auf jeden Fall gespannt, zu sehen, wie es mit Pete/Marius und der Familie Bernhardt weiter geht – die nicht nur Marius irgendwie ans Herz gewachsen ist.

Der junge Karl Marx

Derzeit läuft Raoul Pecks Film Der junge Karl Marx in den deutschen Kinos. Damit hat sich der Haitianische Regisseur einen in vielerlei Hinsicht sehr schwierigen Stoff vorgenommen. Zum einen, weil das Verhältnis der Deutschen zu ihrem größten Denker ein extrem gestörtes ist – Marx wird heutzutage ja für viele schreckliche Dinge verantwortlich gemacht, die er weder gedacht, noch gutgeheißen hätte. So habe der Film-Förderfonds des Europarates Eurimages eine Förderung abgelehnt „weil man dann auch gleich einen Film über Stalin fördern könnte.“

Zum anderen ist es wirklich nicht einfach, ein Film über das Denken zu machen, über Gedanken, Ideen und deren Entwicklung – denn das ist es ja, was Marx hauptsächlich getan hat: Gedacht, analysiert, seine Gedanken aufgeschrieben und hinterfragt, präzisiert, neu formuliert. Eine anstrengende, aufreibende und materiell wenig einträgliche Schwerstarbeit, die bis heute nicht angemessen anerkannt und gewürdigt wird.

Die Welt kritisiert prompt: „Sie trinken viel, sie lachen viel: Raoul Peck verfilmt die Zeit, als Karl Marx Kommunist wurde. Eine Mutation aus französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm.“ Und findet den Film unfreiwillig komisch. Dafür vermisst sie an August Diehls Darstellung des Karl Marx „alles Dämonische, Gefährliche, ja eigentümlich Deutsche, das alle Zeitgenossen an ihm bemerkten.“

Und natürlich auch den Hinweis auf die Abermillionen Toten, die Marx auf dem Gewissen habe, weil er ja den Kommunismus erfand. Stattdessen würden im Abspann Szenen kapitalistischer, neokolonialer Ausbeutung gezeigt und in der letzten Einstellung gar brennende Dollarscheine. „Ein intellektuelles und ästhetisches Desaster.“

Was allerdings auch diese Filmkritik ganz gut zusammenfasst. Denn Marx war ja schon lange tot, als es zur Oktoberrevolution kam. Und er wäre ganz bestimmt kein Freund von Stalin und diversen anderen angeblich kommunistischen oder sozialistischen Führerfiguren gewesen. Marx hat orthodoxes Denken immer strikt abgelehnt und sein Freund Engels, der als „Mitbegründer“ des Marxismus gilt, schrieb gar: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!“

Man erinnere sich: Marx war ein Freigeist, manche würden ihn auch einen Querdenker nennen (auch wenn ich diesen Begriff doof finde, schon weil sich jeder FDPler heute für einen Querdenker hält, obwohl er nur INSM-Denke wiederkäut), der seine Tätigkeit als Chefredakteur der liberalen Rheinischen Zeitung aufgeben musste, weil er regelmäßig in Konflikt mit den Zensurbehörden kam. Marx kritisierte die herrschende Ordnung, die Religion, die Philosophie, und, natürlich, den Kapitalismus, den er in seinen späteren Jahren ausführlich analysiert und völlig zu recht für das Elend der arbeitenden Klasse verantwortlich gemacht hat. Dabei verstand Marx sein Werk als ständig zu überprüfende Analyse der jeweiligen Verhältnisse und eben nicht als eine wie auch immer geartete Handlungsanweisung für eine utopische Gesellschaft. An den real existierenden realsozialistischen Staaten hätte Marx garantiert eine Menge zu kritisieren. An allen anderen natürlich auch.

Doch leider ist ausgerechnet das nicht der Gegenstand des Films, der sich darauf beschränkt, die Zeit von 1843 bis 1848 zu zeigen, die Jahre also zwischen dem Rauswurf bei der Rheinischen Zeitung und dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests. Und auch das gelingt leider nicht besonders gut – wer nicht vorher schon weiß, was in diesen Jahren passiert, bekommt hier keine Geschichtsstunde, mit der man das nachholen könnte.

Es ist eben schwer, Denkprozesse filmisch umzusetzen – insofern ist das Welt-Bonmot mit dem französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm leider doch ziemlich treffend, wie ich ungern einräumen muss. Denn im Grunde liefert der Film nur bebilderte Anekdoten: Am Anfang werden verhuschte Gestalten im schönen deutschen Wald gezeigt, deren Verbrechen es ist, verbotenerweise Feuerholz zu sammeln – seit die Eisenbahnen durchs Land gebaut werden, ist Holz ein teurer Wirtschaftsfaktor, der einen entsprechenden Preis haben muss. Den arme Tagelöhner aber nicht zahlen können. Das ist nicht fair, denkt Marx. Und auch, dass deshalb verständlich ist, dass sie nicht nachvollziehen können, dass es ein Verbrechen sein soll, zu tun, was man tun muss, um zu überleben.

Ähnlich denkt auch Friedrich Engels (Stefan Konarske), der Industriellensohn, der im Betrieb seines Vaters als Prokurist arbeitet und die Ausbeutung der dort beschäftigen Arbeiterinnen somit direkt vor Augen hat. Kein Wunder, dass sich die beiden gut verstehen, als sie aufeinander treffen – wobei der Anfang dieser wunderbaren Freundschaft im wahren Leben wohl etwas holpriger war. Aber das Ergebnis zählt.

Und dann haben die beiden jeweils noch engagierte Frauen an ihrer Seite – Friedrich liebt die rebellische Arbeiterin Mary Burns (Hannah Steele), über die er einen Zugang zum Proletariat erhält, dem der seine Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ widmet. Karl Marx hat Jenny (Vicky Krieps) an seiner Seite, die als Tochter des Landrates von Salzwedel ein ganz anderes Leben hätte führen können, als an der Seite des chronisch unter Geldmangel leidenden Karl. Aber Jenny von Westphalen entschied sich für den jungen Intellektuellen – und somit gegen ihre Klasse und für den Sozialismus. Sie tritt auch im Film immer wieder als kluge Stichwortgeberin auf, die ihrem geliebten Ehegatten bei der Formulierung schwieriger Gedanken hilft. Womit vermutlich die historische Rolle der Jenny Marx auch angemessen beschrieben wird. (Nebenbei gebar sie sieben Kinder, die irgendwie versorgt werden mussten, was in jenen Zeiten keineswegs einfach war – nur drei Töchter erreichten das Erwachsenenalter.)

Dennoch ist dieses ganze Stichwort-Dropping insgesamt eine Schwäche des Films: Es werden immer wieder bekannte Zitate bemüht, um bestimmte Konflikte oder Auseinandersetzungen anzudeuten, die Karl und Friedrich mit anderen Denkern ihrer Zeit hatten, die aber nicht weiter erklärt oder ausgeführt werden – wer hier nicht ohnehin schon weiß, worum es eigentlich geht, ist am Ende aber kein bisschen schlauer. (Ich habe den Film mit meiner Tochter angesehen, die sich gerade auf ihren Fachoberschulabschluss vorbereitet und sehr interessiert an Gesellschaft und Geschichte ist – an ihren Fragen habe ich gemerkt, dass der Film tatsächlich viel Vorwissen voraussetzt. )

Ähnlich ist es auch mit den Erkenntnissen, zu denen die beiden, oder eher die vier, mit der Zeit gelangen – es ist natürlich bezeichnend, dass Marx und Engels im „Bund der Gerechten“ die Parole „Alle Menschen werden Brüder“ durch „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ ersetzen:  Die klare Ansage ist Klassenkampf statt einer verschwurbelten „Wir-haben-uns-doch-alle-lieb“-Romantik. Allein dafür möchte ich Raoul Peck auf die Schulter klopfen.

Aber wer in dem breiten Publikum, auf das der Film offensichtlich abzielt, kapiert das tatsächlich? Wir kriegen doch seit Jahrzehnten erzählt, dass wir längst in einer angeblich klassenlosen Gesellschaft leben – was zwar eine verdammte Lüge ist, aber dennoch von erstaunlich vielen Menschen geglaubt wird: Jeder, der sich anstrengt, kann es nach ganz oben schaffen. Man muss nur wollen und gaaanz viel arbeiten. Und wer keine Arbeit hat, strengt sich halt nicht genug an. Oder hat was falsch gemacht. (Oder schon genug geerbt…)

Zurück zum Film: Was mir gefällt, ist, dass er in verschiedenen Sprachen gedreht wurde: Natürlich spricht man in Paris französisch und in England englisch – aber die Schwierigkeiten, mit denen die arbeitenden Menschen zu kämpfen haben, sind überall gleich. Natürlich müssen sich die Proletarier aller Länder vereinen, wenn sie eine Chance im Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse haben wollen.

Was wir derzeit aber erleben ist, dass der Kapitalismus längst global ist, während die Arbeiter verschiedener Länder gegeneinander ausgespielt werden – und das weiterhin mitmachen, ja sogar verstärkt wieder auf nationalistische Rattenfänger hereinfallen, die ihnen erzählen, dass früher doch alles viel besser gewesen sei. Oder gar in windigen Superkapitalisten wie Donald Trump einen Heilsbringer vermuten, was so ziemlich in jeder Hinsicht absurd ist, weil so einer nun wirklich der letzte ist, von dem man vermuten sollte, dass er ein Interesse daran haben könnte, an der Situation derer, die sein Vermögen tatsächlich erarbeitet haben, etwas zu verbessern.

„Wenn Sie weniger Kinder für sich schuften lassen würden, müsste Sie am Ende wohl selbst arbeiten!“ sagt Friedrich Engels im Film zu einem Fabrikbesitzer, der erklärt, dass er halt zusehen muss, wie sein Betrieb profitabel bleiben kann. Und damit komme ich zu einem letzten Zitat, diesmal von Hauptdarsteller August Diehl, der das Anliegen des Films damit angemessen zusammenfasst: „Wir leben in Zeiten, wo sich im Vergleich zu damals nicht so wahnsinnig viel geändert hat. Damals entstand die neue Sklavenklasse, das Proletariat. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass wir die Kinder, die für uns arbeiten, ans andere Ende der Welt und damit weit weg von uns ausgelagert haben.“

Allein deshalb lohnt es sich, den Film anzusehen, auch wenn das Elend der Arbeiterklasse in für meinen Geschmack viel zu schönen Bildern gezeigt wird.

Aber dafür gibt es auch einen passenden Film: Workingsman’s Death.

Homeland: Wieder zuhause

Es gibt so Serien, die sehe ich eher aus Gewohnheit – eine davon ist Homeland. Hier ist die mittlerweile sechste Staffel schon recht weit fortgeschritten und natürlich bin ich wieder dabei, auch wenn ich bisher noch keine Lust hatte, darüber zu schreiben. Homeland fand ich ja nie so richtig gut, aber eben auch nicht so richtig schlecht, vor allem die ersten beiden Staffeln, die noch auf der israelischen Vorlage Hatufim beruhten, waren ziemlich okay, wenn auch oft überspannt, aber das ist ja im Grunde das Merkmal dieser Serie: Einerseits erscheint alles ganz schön weit hergeholt. Aber dank engagierter Whistleblower und dem Trumpschen Knallchargenteam, das sich nun in Washington um einen Platz im Führerhäuschen der einzigen verbliebenen Weltmacht rangelt, wissen wir, dass alles noch viel schlimmer ist als Serienschreiber sich ausdenken könnten.

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Nachdem ich die fünfte Staffel eigentlich nur gesehen habe, weil sie in Berlin spielt – und ich finde, das ist einen Bonus wert: die erste Staffel einer US-Mainstream-Serie, die fast komplett in Deutschland spielt, das hat doch was! Allein schon das putzige Deutsch, mit dem sich die US-Elite-Agenten zu verständigen suchen – wobei die deutschen Protagonisten, die konsequenterweise auch von bekannten deutschen Schauspielern dargestellt wurden, natürlich alle fließen Englisch sprachen, während die arabischen Terroristen, die es zu stoppen galt, interessanterweise hauptsächlich deutsch untereinander reden (also im Original, die Synchronfassung ist mal wieder total unlustig und lohnt sich nicht).

Auch wenn das Ende der fünften Staffel doch eher durchwachsen war – Carrie Mathison (Claire  Danes) kann gerade so einen verheerenden Anschlag im Berliner Hauptbahnhof verhindern, dafür wird ihr langjähriger Kollege und ja – was eigentlich? Seelenverwandter in Sachen Geheimdienst? – Peter Quinn (Rupert Friend) von den bösen Islamisten als Versuchstier für ihr Giftgas-Gemisch und als Warnung für die Amis hingerichtet. Jedenfalls fast, womit ich natürlich schon wieder überspoilert habe, aber ich schreibe ja kein Werbeblog für Serien, sondern eins über individuelle Nutzererfahrungen.

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Zum Anfang der 6. Staffel, die wieder New York spielt, erfahren wir, dass Quinn dank des Gegenmittels, das ihm ein nicht ganz so überzeugtes Mitglied der deutsch-islamistischen Terrorzelle gespritzt hat, zwar überlebt, aber schwere Nervenschäden erlitten hat.

Entsprechend mies ist Quinn auch drauf – vor allem aber scheint ihm auf die Nerven zu gehen, dass Carrie sich ständig um ihn kümmern will. Als ob sie mit ihrem neuen Job bei einer NGO ihres deutschen Gönners Otto Düring (Sebstian Koch) und ihrer Tochter Frannie nicht ohnehin schon genug zu tun hätte! Carrie wohnt ganz solide in Brooklyn und hilft jetzt Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft Probleme mit dem US-Strafverfolgungsapparat haben. Was auch dringend nötig ist, denn inzwischen reicht ja der bloße Verdacht, irgendwas mit islamistischem Terror zu tun haben zu können, um den Rest des Lebens hinter Gittern zu verschwinden. Als einer von Carries Schützlingen, der muslimisch-nigerianisch-stämmige Sekou (J. Mallory McCree) in seinem Videoblog Videos veröffentlicht, die er an Orten historischer Attentate aufgenommen hat, gerät er ins Visier der Geheimdienste, die in dem Fall natürlich sehr gut funktionieren und den Blogger umgehend mit einer absurden Freiheitsstrafe in den Knast befördern. Carrie und ihr Mitstreiter Reda Hashem (Patrick Sabongui), ein muslimischer Jura-Professor, werden aktiv und schaffen es mit viel Mühe, Sekou wieder aus dem Knast zu holen und ihm einen Job als Fahrer für eine Firma zu verschaffen, die mit mediterranen Spezialitäten handelt. Doch ärgerlicherweise explodiert wenig später ausgerechnet der Transporter mitten in Manhattan, in dem Sekou sitzt. Die Aufregung ist natürlich gigantisch: Carrie und ihr Verein haben einen Terrorattentäter vom Knast wieder auf die Straße geholt!

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Doch wir wären ja nicht bei Homeland, wenn die Sache so einfach wäre. Inzwischen hat nämlich auch Quinn, den Carrie bei sich aufgenommen hat, nachdem er wegen Fehlverhaltens aus seiner behandelnden Einrichtung geflogen ist, wieder fast zu alten Form gefunden – zwar nicht körperlich, worunter er nach wie vor sehr leidet, aber seine hochtrainierten Agenteninstinke haben ihn spüren lassen, dass Carries Haus überwacht wird. Die Frage ist nur, von wem. Obwohl Quinn nicht auf der Höhe ist, gelingt es ihm doch, einige Fotos zu machen, die Carrie später hoffentlich auf die richtige Spur bringen können. Doch zwischendurch überschlagen sich die Ereignisse – die andere Seite ist auch aktiv. Oder die anderen Seiten. Denn nicht mal mehr innerhalb der CIA gilt eine Linie – Dar Adal (F. Murray Abraham) spielt ein anderes Spiel als Saul Berenson (Mandy Patinkin), auch wenn sie gemeinsam dazu abgestellt wurden, die frisch gewählte Präsidentin Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) geheimdienstlich zu beraten.

Ich finds ganz witzig, dass Elizabeth Marvel jetzt doch als US-Präsidentin auftreten darf – in House of Cards wurde sie als Heather Dunbar und Gegenkandidatin von Frank Underwood ja auf fiese Weise ausmanövriert. Wobei hier bestätigt wird, dass auch die fantasiebegabten Schreiber von Homeland sich nicht vorstellen konnten, dass ein Donald Trump ernsthaft als US-Präsident gewählt würde. Wobei, die ganze Welt kann es ja bis heute nicht wirklich glauben, auch wenn es tatsächlich passiert ist.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Saul Berenson jedenfalls versucht jedenfalls weiterhin mit seinen sehr weit angelegten Geheim-Operationen die Weltlage im Griff zu behalten – konkret die notorisch störrischen Iraner dazu zu bewegen, der neuen Präsidentin zu versichern, dass es kein paralleles Atomprogramm in Kooperation mit Nordkorea gibt, während Dar hinter seinem Kollegen herschnüffelt, weil er offenbar eine ganz andere Agenda hat. Jedenfalls stellt sich heraus, dass Dar sowohl mit den Israelis als auch mit den Deutschen kungelt, weil er irgendwas im Schilde führt und ihm Sauls Aktionen nicht in den Kram passen. Und nicht nur das – er zieht auch Strippen, um Quinn und Carrie auszuschalten – wobei das ja nichts Neues ist. Aber es zeichnet sich ab, dass da im Hintergrund eine ganz, ganz üble Sache läuft, wenn auch noch nicht so richtig klar ist, wer gegen wen und was überhaupt. Aber wir haben ja noch ein paar Folgen.

Ich muss aber sagen, dass ich diese Staffel bisher tatsächlich wieder deutlich besser finde, als die letzten zwei, drei Staffeln zuvor – in den USA kennen sich die Amis eben besser aus als in Berlin oder Islamabad, auch wenn sie das ungern zugeben. Gut finde ich auch, dass diese Staffel vergleichsweise bedächtig erzählt wird und sich nicht von Knalleffekt zu Knalleffekt hangelt – wobei es an Überraschungen nicht mangelt, etwa als sich herausstellt, dass der mutmaßliche V-Mann, mit dem Sekou vor seinem Tod Kontakt hatte, offenbar nicht von einer staatlichen Institution eingeschleust wurde, sondern aus dem Privatsektor kommt, wie der FBI-Mann Conlin herausfindet, nachdem Carrie ihn dazu bringen konnte, entsprechende Recherchen anzustellen. Die beiden können sich nicht ausstehen, aber brauchen einander – und es stellt sich ja immer wieder heraus, dass Carrie gerade dann richtig liegt, wenn sie einen besonders absurd scheinenden Verdacht hat. Und dass sie auf der richtigen Spur sein muss, zeigt sich spätestens, als sie Conlin mit einem Loch im Kopf in seinem Haus vorfindet – wer immer hier der Feind ist, er ist gut organisiert und handelt schnell.

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Und schafft es, die gefährliche Agentin Carrie in der Folge darauf komplett zu demontieren – hier wird – wie in jeder Staffel – die Carrie-ist-verrückt-Karte gespielt, dieses Mal in einer besonders perfiden Variante, nämlich in Form einer erstaunlich kompetenten und engagierten Jugendschutz-Mitarbeiterin, die Carrie ihre Tochter wegnimmt, weil diese Mutter offensichtlich eine Gefahr für das Kind darstellt – eine manisch-depressive Ex-Agentin mit einem ausgewachsen Verfolgungswahn und Zugriff auf scharfe Waffen, eine explosive Mischung, die keinem Kind zugemutet werden kann! Nicht ganz zu Unrecht, muss ich anmerken. Aber es ist ja gut zu wissen, dass Frannie in Sicherheit ist, während ihre Mutter in den kommenden Folgen sich selbst und die Welt retten muss. Oder doch wenigstens die USA. Noch fünf Folgen, dann wissen wir, wie sie es geschafft hat.