Der junge Karl Marx

Derzeit läuft Raoul Pecks Film Der junge Karl Marx in den deutschen Kinos. Damit hat sich der Haitianische Regisseur einen in vielerlei Hinsicht sehr schwierigen Stoff vorgenommen. Zum einen, weil das Verhältnis der Deutschen zu ihrem größten Denker ein extrem gestörtes ist – Marx wird heutzutage ja für viele schreckliche Dinge verantwortlich gemacht, die er weder gedacht, noch gutgeheißen hätte. So habe der Film-Förderfonds des Europarates Eurimages eine Förderung abgelehnt „weil man dann auch gleich einen Film über Stalin fördern könnte.“

Zum anderen ist es wirklich nicht einfach, ein Film über das Denken zu machen, über Gedanken, Ideen und deren Entwicklung – denn das ist es ja, was Marx hauptsächlich getan hat: Gedacht, analysiert, seine Gedanken aufgeschrieben und hinterfragt, präzisiert, neu formuliert. Eine anstrengende, aufreibende und materiell wenig einträgliche Schwerstarbeit, die bis heute nicht angemessen anerkannt und gewürdigt wird.

Die Welt kritisiert prompt: „Sie trinken viel, sie lachen viel: Raoul Peck verfilmt die Zeit, als Karl Marx Kommunist wurde. Eine Mutation aus französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm.“ Und findet den Film unfreiwillig komisch. Dafür vermisst sie an August Diehls Darstellung des Karl Marx „alles Dämonische, Gefährliche, ja eigentümlich Deutsche, das alle Zeitgenossen an ihm bemerkten.“

Und natürlich auch den Hinweis auf die Abermillionen Toten, die Marx auf dem Gewissen habe, weil er ja den Kommunismus erfand. Stattdessen würden im Abspann Szenen kapitalistischer, neokolonialer Ausbeutung gezeigt und in der letzten Einstellung gar brennende Dollarscheine. „Ein intellektuelles und ästhetisches Desaster.“

Was allerdings auch diese Filmkritik ganz gut zusammenfasst. Denn Marx war ja schon lange tot, als es zur Oktoberrevolution kam. Und er wäre ganz bestimmt kein Freund von Stalin und diversen anderen angeblich kommunistischen oder sozialistischen Führerfiguren gewesen. Marx hat orthodoxes Denken immer strikt abgelehnt und sein Freund Engels, der als „Mitbegründer“ des Marxismus gilt, schrieb gar: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!“

Man erinnere sich: Marx war ein Freigeist, manche würden ihn auch einen Querdenker nennen (auch wenn ich diesen Begriff doof finde, schon weil sich jeder FDPler heute für einen Querdenker hält, obwohl er nur INSM-Denke wiederkäut), der seine Tätigkeit als Chefredakteur der liberalen Rheinischen Zeitung aufgeben musste, weil er regelmäßig in Konflikt mit den Zensurbehörden kam. Marx kritisierte die herrschende Ordnung, die Religion, die Philosophie, und, natürlich, den Kapitalismus, den er in seinen späteren Jahren ausführlich analysiert und völlig zu recht für das Elend der arbeitenden Klasse verantwortlich gemacht hat. Dabei verstand Marx sein Werk als ständig zu überprüfende Analyse der jeweiligen Verhältnisse und eben nicht als eine wie auch immer geartete Handlungsanweisung für eine utopische Gesellschaft. An den real existierenden realsozialistischen Staaten hätte Marx garantiert eine Menge zu kritisieren. An allen anderen natürlich auch.

Doch leider ist ausgerechnet das nicht der Gegenstand des Films, der sich darauf beschränkt, die Zeit von 1843 bis 1848 zu zeigen, die Jahre also zwischen dem Rauswurf bei der Rheinischen Zeitung und dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests. Und auch das gelingt leider nicht besonders gut – wer nicht vorher schon weiß, was in diesen Jahren passiert, bekommt hier keine Geschichtsstunde, mit der man das nachholen könnte.

Es ist eben schwer, Denkprozesse filmisch umzusetzen – insofern ist das Welt-Bonmot mit dem französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm leider doch ziemlich treffend, wie ich ungern einräumen muss. Denn im Grunde liefert der Film nur bebilderte Anekdoten: Am Anfang werden verhuschte Gestalten im schönen deutschen Wald gezeigt, deren Verbrechen es ist, verbotenerweise Feuerholz zu sammeln – seit die Eisenbahnen durchs Land gebaut werden, ist Holz ein teurer Wirtschaftsfaktor, der einen entsprechenden Preis haben muss. Den arme Tagelöhner aber nicht zahlen können. Das ist nicht fair, denkt Marx. Und auch, dass deshalb verständlich ist, dass sie nicht nachvollziehen können, dass es ein Verbrechen sein soll, zu tun, was man tun muss, um zu überleben.

Ähnlich denkt auch Friedrich Engels (Stefan Konarske), der Industriellensohn, der im Betrieb seines Vaters als Prokurist arbeitet und die Ausbeutung der dort beschäftigen Arbeiterinnen somit direkt vor Augen hat. Kein Wunder, dass sich die beiden gut verstehen, als sie aufeinander treffen – wobei der Anfang dieser wunderbaren Freundschaft im wahren Leben wohl etwas holpriger war. Aber das Ergebnis zählt.

Und dann haben die beiden jeweils noch engagierte Frauen an ihrer Seite – Friedrich liebt die rebellische Arbeiterin Mary Burns (Hannah Steele), über die er einen Zugang zum Proletariat erhält, dem der seine Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ widmet. Karl Marx hat Jenny (Vicky Krieps) an seiner Seite, die als Tochter des Landrates von Salzwedel ein ganz anderes Leben hätte führen können, als an der Seite des chronisch unter Geldmangel leidenden Karl. Aber Jenny von Westphalen entschied sich für den jungen Intellektuellen – und somit gegen ihre Klasse und für den Sozialismus. Sie tritt auch im Film immer wieder als kluge Stichwortgeberin auf, die ihrem geliebten Ehegatten bei der Formulierung schwieriger Gedanken hilft. Womit vermutlich die historische Rolle der Jenny Marx auch angemessen beschrieben wird. (Nebenbei gebar sie sieben Kinder, die irgendwie versorgt werden mussten, was in jenen Zeiten keineswegs einfach war – nur drei Töchter erreichten das Erwachsenenalter.)

Dennoch ist dieses ganze Stichwort-Dropping insgesamt eine Schwäche des Films: Es werden immer wieder bekannte Zitate bemüht, um bestimmte Konflikte oder Auseinandersetzungen anzudeuten, die Karl und Friedrich mit anderen Denkern ihrer Zeit hatten, die aber nicht weiter erklärt oder ausgeführt werden – wer hier nicht ohnehin schon weiß, worum es eigentlich geht, ist am Ende aber kein bisschen schlauer. (Ich habe den Film mit meiner Tochter angesehen, die sich gerade auf ihren Fachoberschulabschluss vorbereitet und sehr interessiert an Gesellschaft und Geschichte ist – an ihren Fragen habe ich gemerkt, dass der Film tatsächlich viel Vorwissen voraussetzt. )

Ähnlich ist es auch mit den Erkenntnissen, zu denen die beiden, oder eher die vier, mit der Zeit gelangen – es ist natürlich bezeichnend, dass Marx und Engels im „Bund der Gerechten“ die Parole „Alle Menschen werden Brüder“ durch „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ ersetzen:  Die klare Ansage ist Klassenkampf statt einer verschwurbelten „Wir-haben-uns-doch-alle-lieb“-Romantik. Allein dafür möchte ich Raoul Peck auf die Schulter klopfen.

Aber wer in dem breiten Publikum, auf das der Film offensichtlich abzielt, kapiert das tatsächlich? Wir kriegen doch seit Jahrzehnten erzählt, dass wir längst in einer angeblich klassenlosen Gesellschaft leben – was zwar eine verdammte Lüge ist, aber dennoch von erstaunlich vielen Menschen geglaubt wird: Jeder, der sich anstrengt, kann es nach ganz oben schaffen. Man muss nur wollen und gaaanz viel arbeiten. Und wer keine Arbeit hat, strengt sich halt nicht genug an. Oder hat was falsch gemacht. (Oder schon genug geerbt…)

Zurück zum Film: Was mir gefällt, ist, dass er in verschiedenen Sprachen gedreht wurde: Natürlich spricht man in Paris französisch und in England englisch – aber die Schwierigkeiten, mit denen die arbeitenden Menschen zu kämpfen haben, sind überall gleich. Natürlich müssen sich die Proletarier aller Länder vereinen, wenn sie eine Chance im Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse haben wollen.

Was wir derzeit aber erleben ist, dass der Kapitalismus längst global ist, während die Arbeiter verschiedener Länder gegeneinander ausgespielt werden – und das weiterhin mitmachen, ja sogar verstärkt wieder auf nationalistische Rattenfänger hereinfallen, die ihnen erzählen, dass früher doch alles viel besser gewesen sei. Oder gar in windigen Superkapitalisten wie Donald Trump einen Heilsbringer vermuten, was so ziemlich in jeder Hinsicht absurd ist, weil so einer nun wirklich der letzte ist, von dem man vermuten sollte, dass er ein Interesse daran haben könnte, an der Situation derer, die sein Vermögen tatsächlich erarbeitet haben, etwas zu verbessern.

„Wenn Sie weniger Kinder für sich schuften lassen würden, müsste Sie am Ende wohl selbst arbeiten!“ sagt Friedrich Engels im Film zu einem Fabrikbesitzer, der erklärt, dass er halt zusehen muss, wie sein Betrieb profitabel bleiben kann. Und damit komme ich zu einem letzten Zitat, diesmal von Hauptdarsteller August Diehl, der das Anliegen des Films damit angemessen zusammenfasst: „Wir leben in Zeiten, wo sich im Vergleich zu damals nicht so wahnsinnig viel geändert hat. Damals entstand die neue Sklavenklasse, das Proletariat. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass wir die Kinder, die für uns arbeiten, ans andere Ende der Welt und damit weit weg von uns ausgelagert haben.“

Allein deshalb lohnt es sich, den Film anzusehen, auch wenn das Elend der Arbeiterklasse in für meinen Geschmack viel zu schönen Bildern gezeigt wird.

Aber dafür gibt es auch einen passenden Film: Workingsman’s Death.

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