Taboo: Definitiv keine Familienserie

Bei all den überraschend guten neuen US-Familien-Dramen wie This Is US oder Big Little Lies brauchte ich zur Abwechslung mal wieder härtere Kost, und was wäre da besser geeignet als eine britische Grusel-Serie in historischem Ambiente? Genau, die Rede ist von Taboo, jener überaus düsteren BBC-Serie, die hierzulande jetzt bei Amazon zu sehen ist.

Im Grunde ist Taboo eine weitere Version von Joseph Conrads Roman Das Herz der Finsternis – der wahnsinnige Halbgott Kurtz ist dieses Mal der Afrika-Heimkehrer James Keziah Delaney (Tom Hardy), der ganz offensichtlich ein paar Schrauben locker hat. Aber das ist auch kein Wunder – schließlich wurde er zehn Jahre lang für tot gehalten. Dass er entgegen aller Erwartungen erst ein Schiffsunglück und dann den schwarzen Kontinent überlebt hat, lässt darauf schließen, dass James, nun ja, sagen wir: höchst ungewöhnliche Erfahrungen gemacht hat. Sein muskulöser Körper ist mit großflächigen Tätowierungen gezeichnet, er redet mitunter in einer unverständlichen Sprache und vollzieht merkwürdige Rituale. Die Londoner bezeichnen ihm abschätzig als wahnsinnigen Wilden.

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Ansonsten erweist er sich aber zum Leidwesen der Britischen Ostindien-Kompanie als enervierend clever und verfügt offenbar über ungeahnte Ressourcen, um der alt-ehrwürdigen Company ernsthaft Schwierigkeiten zu bereiten. James Delaney erinnert mich ein bisschen an Ragnar Lothbrock aus der Serie Vikings – genau wie Ragnar laviert er zwischen den alten Göttern seiner Vorfahren und dem einen neuen Gott derer, die er unterwerfen will. Im Zweifel macht er sich aber weder von irgendwelchen Göttern noch sonstigen Konventionen abhängig, sondern zieht einfach sein Ding durch, wobei er grausam gegen seine Feinde und großzügig mit seinen Freunden ist. James Delaney ist ein sehr ähnlicher Typ, nur dass er noch weniger Freunde hat und noch weniger redet.

Delaney bewegt sich zwischen den Göttern seiner Mutter, einer Indianerin aus dem Stamm der Nootka, deren strategisch wichtiges Stück Land vor Vancouver Island James nach dem Tod seines Vaters geerbt hat, und den Voodoo-Göttern Afrikas, die ihn offenbar gerettet haben. Ein bisschen Angel Heart is also auch dabei. Und eine Menge Deadwood, auch wenn London im Jahr 1814 natürlich längst eine alt-ehrwürdige Großstadt mit Palästen und beeindruckenden Bürgerhäusern ist. Das dreckige London der Armen und Verfemten, in dem Delaney sich herumtreibt, wirkt mit seinen schäbigen Bretterbuden nämlich eher wie eine Westernstadt. Und auch hier gilt das Recht des Stärkeren.

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Das ist hier in der Regel der, der Geld hat – damit kommen wir zu dem ganz neuen Gott, dem nicht nur die East India Company huldigt: dem Profit. Auch James Delaney ist vor allem ein Geschäftsmann, der sich ein eigenes Handelsimperium aufbauen will. Vom Nootka Sound aus will er Tee aus Kanton holen und ein Monopol auf Tee etablieren. Sagt er den Engländern. Den Amerikanern sagt er, er wolle mit Otterfellen handeln. Er weiß, dass beide Parteien an seinem Stück Land interessiert sind, weil es ihnen jeweils einen strategischen Vorteil verschaffen würde – zwischen Großbritannien und Amerika herrscht Krieg, den Delaney geschickt für seine eigenen Pläne nutzt.

Und dann hat er noch eine Rechnung mit der East India Company offen – nachdem das Schiff, auf dem er als junger Kadett im Dienst der Company stand, vor einer afrikanischen Küste auf Land lief und sank, wurde er für tot erklärt. Es durfte keine Überlebenden geben, das Schiff hatte nämlich Sklaven an Bord – und die ehrwürdige Britische Ostindien-Kompanie wollte laut einem vor ihr selbst unterzeichneten Kodex keine Sklaven mehr auf ihren Schiffen transportieren. Doch auch der Vorsitzende der Company, Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce), verehrt vor allem die kapitalistischen Götter, und Sklaven bringen mehr Profit als alles andere.

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Irgendwie findet James Delaney das dann aber doch nicht gut – er hat der ehrwürdige Company den Krieg erklärt. Wobei lange Zeit nicht so richtig klar wird, warum – Delaney ist ein gerissener Geschäftsmann, soviel ist sicher, aber gleichzeitig schert er sich einen Dreck um Ruhm und Anerkennung. Er macht sich auch nicht viel aus dem christlichen Glauben – er lebt nach seinen eigenen Regeln. Und die sind zum Teil sehr krude: Es wird bezeugt, dass Delaney seinen Feinden das Herz aus der Brust reißt und verzehrt. Und er liebt seine schöne Halbschwerster Zilpha (Oona Chaplin) – durchaus nicht in der Weise, wie ein treu sorgender Bruder das tun sollte.

Und skandalöser noch: Zilpha liebt James auch auf diese gefährliche, eben nicht geschwisterliche Weise. Sie begehrt ihren Bruder genauso wie er sie. Allerdings sucht sie im christlichen Glauben Zuflucht, auch wenn das eher wenig hilft. Und sie redet sich ein, dass ihre Ehe mit dem wohlhabenden, aber sonst eher unterbelichteten Thorne Geary (Jefferson Hall) glücklich ist. Oder genauer, sie bestraft sich selbst mit ihrem eifersüchtigen Ehemann für ihre unzüchtige Sehnsucht nach ihrem Bruder.

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Der wiederum an seinem Plan arbeitet, in der neuen Welt gemeinsam mit ihr neu anzufangen – in Amerika kennt sie schließlich keiner, dort können sie sein, wer immer sie sein wollen. Aber dazu muss er eine Menge Probleme lösen – so hat sein Vater kurz vor seinem Tod noch eine Schauspielerin geheiratet, die nun ebenfalls Anspruch auf das Erbe erhebt. Und er muss eine Menge Schießpulver für die Amerikaner beschaffen, was ein sehr kniffliges Unterfangen wird. Und dann hat er auch noch Stress mit einer alten Bekannten, der Hure Helga (Franka Potente), die ihn beschuldigt, ihre Tochter Winter getötet zu haben.

Zusätzlich hat er ja weiterhin die äußerst einflussreiche Company am Hacken, die weder eine erneute Untersuchung jenes Schiffsunglücks wünscht, das Delaney ärgerlicherweise überlebt hat, noch das Entstehen einer neuen Konkurrenz zulassen will – sondern stattdessen alles daran setzt, den Kampf um die Pole-Position für die beste Handelsroute im Pazifik für sich zu entscheiden. Es ist also ganz schön was los in den acht Folgen der ersten Staffel, auch wenn es eine Weile dauert, bis die Geschichte ihren Sog entwickelt.

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Obwohl Taboo optisch oft sehr roh und drastisch daher kommt, ist die Handlung erstaunlich vielschichtig – genau sich hinter der massigen Gestalt von James Delaney ein erstaunlich feinsinniger Mensch verbirgt, der zwar alle menschlichen Abgründe kennt, aber den Blick für das Gute, das in manchen Menschen noch vorhanden ist, nicht verloren hat. So verhält er sich gerade denen gegenüber, die es nicht so gut getroffen haben, immer sehr korrekt, genau wie er Frauen mit Respekt behandelt, selbst wenn sie ihm Schwierigkeiten bereiten. Wobei ich „roh und drastisch“ auch relativieren muss – das London dieser Serie ist ein sehr düsterer und dreckiger Ort – was es zu jener Zeit gewiss auch gewesen ist.

Die Bilder an sich sind allerdings wohlkomponiert und in ihrer Düsternis sehr ästhetisch – mit Kristoffer Nyholm und Anders Engström, die bei jeweils vier Folgen Regie geführt haben, sind zwei Skandivian-Noir-Experten an Bord, Nyholm ist unter anderem für Kommissarin Lund bekannt, Engström hat einige Wallander-Filme gemacht. Im Taboo trifft also britisches Historiendrama auf skandinavischen Psychokrimi – das ist eine gewagte, aber sehr interessante Mischung, zumindest für Serienfans mit etwas Geduld und guten Nerven. Die können sich auf eine ganze Reihe grandioser Schauspieler freuen – neben Tom Hardy und Oona Chaplin sind unter anderem auch Jonathan Pryce als Sir Stuart Strange, Mark Gatiss als Prinzregent, Franka Potente als Helga und Michael Kelly als Dr. Edgar Dumbarton dabei.

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

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