Counterpart: Zweimal Berlin

Nach meiner langen Pause ist es gar nicht so einfach, wieder einen Einstieg zu finden. Aber die Starz-Serie Counterpart ist es wirklich wert. Ich kenne mich in der US-Pay-TV-Szene nicht wirklich aus, insofern weiß ich nicht, wie groß oder klein, wichtig oder abseitig dieser Sender ist. Aber durch die absolut sehenswerten Serien Boss und Outlander ist mir dieser Laden durchaus ein Begriff. Und Counterpart ist dermaßen abgefahren, dass ich unbedingt wieder mit dem Serienbloggen anfangen muss. 

Ein Grund für meine Begeisterung ist natürlich, dass diese Serie in Berlin spielt. Okay, dass ist nicht wirklich neu oder gar originell, da gab es schon die 5. Staffel von Homeland (vom US-Sender Showtime, war gar nicht so schlecht) oder die US-Serie Berlin Station, die auf Netflix zu sehen war und die tatsächlich komplett in Berlin spielt, weil es um das CIA-Hauptquartier in Berlin geht.

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Howard auf der anderen Seite. Bild: Starz

Aber in Counterpart wird das, was Berlin als mysteriöses Machtzentrum von – nun ja, von wem eigentlich? – so faszinierend macht, noch viel besser eingefangen als in den beiden anderen Beispielen: In Counterpart geht es um alternative Realitäten, also all das, was zur Zeit des kalten Kriegs auf Berlin projiziert wurde und dann auch noch das, was Berlin aktuell ausmacht, inklusive der neusten Bausünden rund um das selbst schon an Bausünden keineswegs arme Regierungsviertel. Die für den Städtebau Zuständigen lieben nun einmal Beton, Schießscharten-Fassaden und rechte Winkel – eben die Fortsetzung der in Berlin zur Blüte gelangten Nazi-Architektur unter kapitalistischen Bedingungen.

In der ARD wurde gerade mit Babylon Berlin noch eine andere Berlinserie abgefeiert, über die ich gelegentlich auch noch was schreiben muss. Aber da geht es um die Vergangenheit. Counterpart hingegen ist die Zukunft. Oder genauer eine Zukunft, von der man sich wünscht, dass sie nicht eintreten möge, aber man weiß, dass es dafür eigentlich schon zu spät ist. Denn Counterpart zeigt das Berlin der Gegenwart und gleichzeitig den Gegenentwurf von der anderen Seite, die es inzwischen nicht einmal so lange gegeben hat, wie sie inzwischen nicht mehr existiert. Oder vielleicht existiert sie eben doch…?

In Counterpart gibt es die Doppelstadt Berlin noch, allerdings ist sie nicht mehr geteilt in Berlin-Ost und Berlin-West, sondern in, nun ja, etwas, das sich so ähnlich anfühlt, aber sehr viel komplizierter ist. Seit einem schief gelaufenen Experiment vor 30 Jahren haben sich diese beiden Realitäten auseinander entwickelt. Und unter einem Gebäude, das dem Empfangsgebäude des Flughafens Tempelhof verdammt ähnlich sieht, gibt es eine streng kontrollierte Kreuzung, an der ein Übertritt von der einen in die andere Realität möglich ist.

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Berlin in der Version des „echten“ Howard. Bild: Starz

Dass das dann ungefähr so ist wie damals an der deutsch-deutschen Grenze, ist gewiss kein Zufall. Das Ambiente und die technische Ausstattung der Serie ist der Zeit des kalten Kriegs entliehen – optisch erinnert Counterpart an den Klassiker Brasil oder an die 80er-Zeitschiene in Dark. Es gibt jede Menge analoger Apparaturen, Nadeldrucker, absurd große Magnetbandmaschinen, Laufzettel, die gestempelt werden müssen und ähnliches mehr. Aber es gibt eben auch Handys, glitzernde Wolkenkratzer und all das, was so genannte Investoren Berlin gern antun würden, wenn man ihnen endlich freie Hand einräumen würde.

Interessanterweise ist in dieser Serie das ehemalige Westberlin die behäbigere  Variante der Stadt, hier geht der Protagonist der Serie Howard Silk (J. K. Simmons) seit 30 Jahren seinem Job bei einer mysteriösen, aber offenbar wichtigen Institution nach. Er weiß zwar nicht, welchen Sinn das, was er jeden Tag tut, eigentlich hat, aber er tut es sehr gewissenhaft. Insofern geht es ihm nicht sehr viel anders als sehr, sehr vielen Berufstätigen in unserer Welt. Auch sonst ist das Leben von Howard Silk extrem übersichtlich. Er trifft sich zweimal pro Woche mit einem Freund, mit dem er das Brettspiel Go spielt. Und jeden Abend besucht er seine Frau, die im Krankenhaus liegt.

Seit 26 Jahren ist Howard mit Emily (Olivia Williams) verheiratet. Und er liebt sie offenbar sehr. Seit sie vor einigen Wochen überfahren wurde, liegt sie im Koma. Aber Howard glaubt fest dran, dass sie aufwachen wird. Er liest ihr aus ihren Lieblingesbüchern vor und bringt jeden Abend frische Blumen mit. Weil er ein freundlicher Mensch ist, bekommt die jeweils diensthabende Schwester am Empfang immer eine Blume aus seinem Strauß ab.

Die beschauliche Routine von Howard Silk wird aus den Angeln gehoben, als sein alternatives Selbst in seine Welt kommt. Plötzlich ist die Agentur, für die er schon so lange einfach nur ein Rädchen im Getriebe ist, an ihm interessiert: Ein Grenzgänger aus der alternativen Realität hat ihn ausdrücklich angefordert. Er soll dabei helfen, einen Auftrag abzuwickeln, bei dem die gut behütete Grenze zwischen Realitäten überschritten wurde: Eine Auftragskillerin von der anderen Seite mischt sich ein, ein Tabubuch ohnegleichen. Die diplomatischen Drähte zwischen beiden Seiten laufen heiß.

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Das mysteriöse andere Berlin. Bild: Starz

Howard, der überhaupt nicht kapiert, worum es eigentlich geht, soll nur gute Miene zum bösen Spiel machen und einfach nur wie der andere aussehen. Aber weil er eben ein guter Mensch ist und dazu noch, wie der alternative Howard sagt, immerhin ein Gehirn hat, benutzt er die Gelegenheit, möglichst viel über sein alternatives Leben herauszufinden. Das ist natürlich nicht unbedingt schön. Aber genau das macht auch den Reiz der Serie aus: Was wäre denn, wenn alles anders gekommen wäre?

Der Howard aus der anderen Welt, in der es die Bar im Café Moskau noch für den Publikumsverkehr gibt, ist sehr viel cooler als der „echte“ Howard. Er ist ein echter Agent, der Leute umbringt, Spiele gewinnt und einfach sein Ding macht. Der „echte“ Howard fliegt relativ schnell auf, weil die alternative Emily weiß, dass ihr Ex sie niemals im Krankenhaus besucht hätte und auch die Tochter schöpft Verdacht: Noch nie hat sich ihr echter Vater für sie interessiert. Insofern ist Counterpart kein klassischer Spionagethriller. Es ist eher ein Familiendrama, in dem es um mehrere Familien geht, deren Wege sich mehr oder weniger zufällig gekreuzt haben. Und es geht um die Interaktion verschiedener Realitäten.

Was ich aber absolut als Vorteil werten möchte: Klassische Spionagethriller gibt es nun wirklich mehr als genug. Aber dieses Spiel mit dem Was-wäre-wenn, das ist schon ziemlich gut. Und dieser eigenwillige Technik- und Designmix auch, Counterpart ist gewissermaßen ein Retro-Science-Fiction. Insofern ein glattes „Muss man sich unbedingt ansehen“. Auch als Nicht-Berliner.

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