Britischer Serien-Terror

Die Briten haben mal wieder zugeschlagen, also serientechnisch, versteht sich. Ende August wurde der Sechsteiler Bodyguard in Großbritannien auf BBC One ausgestrahlt und erwies sich als die erfolgreichste Fernsehserie des vergangenen Jahrzehnts, bis zu elf Millionen Zuschauer schalteten ein, bei einer Bevölkerung von derzeit 66 Millionen. Was wirklich beachtlich ist, zumal die Serie zum Ende hin steigende Einschaltquoten hatte, im Gegensatz zu Babylon Berlin, dem aktuellen Serienhighlight der ARD, das von Folge zu Folge Zuschauer verliert und inzwischen nur noch 3,7 Millionen Zuschauer hat, bei einer Gesamtbevölkerung 82,5 Millionen Menschen.

Aber diese Serien lassen sich schlecht vergleichen, obwohl es gewisse Parallelen gibt. Babylon Berlin ist ein opulenter Historienschinken, in dem eine ganz okaye Kriminalroman-Vorlage, die in den späten 20er Jahren spielt, in teurer Kulisse noch ein bisschen aufgepeppt (man könnte auch sagen: ziemlich in die Länge gezogen und dabei an ungünstigen Stellen überfrachtet) wurde. Bodyguard hingegen trifft den Nerv der Gegenwart: Es geht auch hier um Politik, Intrigen und Attentate, aber das alles findet gerade jetzt in London statt. London dürfte bereits eine der am engmaschigsten überwachten Städte der Welt sein, die britische Hauptstadt war in der Vergangenheit immer wieder das Ziel von Terroranschlägen und wurde im Namen der nationalen Sicherheit mit umfassenden Überwachungsmechanismen ausgerüstet. In der Serie geht es unter anderem um die Frage, in wie weit der Kampf gegen den Terror zu mehr Gewalt und immer neuen Terrorattentaten beiträgt.

bodyguard

Sergeant Budd (Richard Madden) und Home Secretary Julia Montague (Keeley Hawes)  Bild: BBC

 

Interessant finde ich, dass der Held in beiden Serien ein beschädigter Kriegsveteran ist, der versucht, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen und nebenbei noch einen guten Job zu machen, auch wenn ihm das sein Umfeld und seine Vorgesetzten nicht unbedingt danken, weil er damit anderen Interessen im Weg steht.

Vermutlich spielt für den Publikumserfolg von Bodyguard auch eine Rolle, dass eben dieser Personenschützer Sergeant David Budd, der die konservative Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) schützen soll, mit Richard Madden besetzt ist. Der in Game of Thrones mit Robb Stark einen der wenigen Sympathieträger gespielt hat. Der allerdings, wie so viele seines Hauses, die dritte Staffel des Fantasyspektakels nicht überlebte.

David Budd hingegen hat seinen Einsatz als Soldat in Afghanistan überlebt, aber er ist durch innere und äußere Verletzungen gezeichnet. Zurück in der Heimat wird er Polizist, was durchaus naheliegend ist, denn mit Disziplin und Befehlsketten kennt er sich gut aus. Und er scheint noch weitere Talente zu haben: Zufällig kann er, als er seine Kinder im Zug nach Hause zu seiner getrennt lebenden Frau bringt, ein Selbstmordattentat verhindern. Das bringt ihm eben jene Beförderung ein, Julia Montague beschützen zu dürfen. Oder zu müssen, denn eigentlich ist er mit ihrer politischen Linie nicht einverstanden. Die Hardlinerin ist für mehr Verbrechensbekämpfung, mehr Überwachung und für mehr Auslandseinsätze – und David verachtet Menschen, die andere Leute in den Krieg schicken, ohne sich selbst in die Schusslinie begeben zu müssen. Aber Befehl ist Befehl und Job ist Job, und den macht er natürlich gut.

Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn es passieren dann jede Menge schrecklicher Dinge, von denen das geneigte Publikum erst einmal nicht wissen kann und soll, wer eigentlich welche Interessen verfolgt. Klar ist aber, hier sind extrem sinistre Kräfte am Werk, die sehr weit oben in der Befehlskette stehen. Es bliebt natürlich nicht aus, dass sich Budd und Montague angesichts der traumatisierenden Ereignisse, denen sie ausgesetzt sind, menschlich und überhaupt näher kommen. Und das, obwohl David anfangs eher wie ein gut trainierter Polizeiroboter wirkt, der von Gefühlsregungen unbeeinflusst immer die richtigen Dinge tut. Aber David ist eben auch nur ein Mensch und hinter der professionellen Maske verbirgt er eine gefährliche Mischung aus Angst und Wut, die er immer weniger kontrollieren kann.

Als Personenschützer und Vertrauter der Innenministerin bekommt Budd Kenntnis von unfassbar geheimen Dingen: Die ehrgeizige Ministerin plant ihrerseits eine mediale Attacke auf den Premierminister, und spätestens hier ich muss meine Spoileritis unbedingt in den Griff bekommen, denn die Serie funktioniert natürlich nur, wenn man nicht weiß, wer wo und warum welche Fäden zieht. Natürlich werden auch falsche Spuren gelegt und nicht zuletzt gibt es undichte Stellen im Polizeiapparat, so dass in allen sechs Folgen permanent Hochspannung garantiert ist.

Alles in allem ist die Handlung für meinen Geschmack viel zu dick aufgetragen und daher auch reichlich unwahrscheinlich: Allein dass ein akut an PTSD leidender Veteran in so einem sensiblen Umfeld wie Personenschutz für höchste Regierungsmitglieder arbeiten kann – aber geschenkt. In Homeland gibt es ja auch eine manisch-depressive CIA-Agentin, die eine US-Präsidentin berät. Kann man wohl unter dem Stichwort Fachkräftemangel verbuchen. Und ein wesentlicher Teil der Spannung wird ja gerade aus dem Umstand generiert, dass eben nicht klar ist, ob ein dermaßen labiler Protagonist wie Kriegsveteran Budd dem immensen Druck standhalten kann, den sein neuer Job mit sich bringt. Und mit seinen Kenntnissen und Fähigkeiten wäre er selbst auch ein idealer Attentäter…

Für Fans von komplexen Polit-Thrillern ist Bodyguard auf jeden Fall ein Leckerbissen, denn hier arbeiten alle gegeneinander: Geheimdienste, Terrorabwehr, politische Parteien, die verschiedenen Abteilungen der britischen Polizei, und dann gibt es ja auch noch die echten Verbrecher, und, last but not least, die Terroristen. Richard-Madden-Fans kommen auch auf ihre Kosten, es geht ähnlich hoch her wie in Game of Thrones, allerdings rollen nicht ganz so viele Köpfe. Und als David Budd kann Madden zeigen, was er alles drauf hat, vom knallharten Actionprofi bis hin zum über dem Abgrund wankendem Psychowrack bietet er eine mitreißende Performance. Und natürlich hat Sergeant Budd als Vertreter des Nordens einen sympathischen schottischen Akzent, allein dafür lohnt sich die Originalversion.

Gut finde ich auch, dass es in der Serie viele starke Frauen gibt, neben der energischen Innenministerin ist da Commander Anne Sampson (Gina McKee), die Chefin der Anti-Terror-Einheit der Britischen Polizei, und natürlich Vicky (Sophie Rundle), Davids Frau, die als Krankenschwester arbeitet. Vicky und David haben sich in der Zeit seines langen Auslandeinsatzes auseinandergelebt. Vicky weiß, dass David psychische Probleme hat und findet, dass er sich in dem Punkt helfen lassen sollte. David will davon natürlich nichts wissen. Er will, dass alles wieder so ist wie früher, auch wenn er schon kapiert, dass das unrealistisch ist. Er leidet darunter, dass er nicht der Ehemann und Vater sein kann, der er gern sein würde. Daraus speist sich vermutlich auch sein Diensteifer: Im Job kann er so sein, wie er privat gern wäre: Ein verlässlicher Beschützer, der allen Widerständen trotzt, ein Fels in der Brandung. Am Ende kommt alles anders, und auch wenn mich weite Teile der letzten Folge wirklich genervt haben, gibt es dann doch noch einen Twist, der es in sich hat. Insofern Daumen hoch, auch wenn ich den hysterischen Hype um die Serie nicht ganz nachvollziehen kann. Aber ich bin ja keine Britin.

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