Babylon Berlin: Geld allein genügt nicht

Laut Bambi ist Babylon Berlin die deutsche Serie des Jahres. Das geht irgendwie in Ordnung, denn eine bessere deutsche Serie fällt mir derzeit leider auch nicht ein. Vor allem keine, die zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Es ist ja nicht so, dass es gar nichts Neues aus deutscher Produktion zu sehen gäbe, erfrischend unkorrekt, geistreich und dabei total lustig fand ich in diesem Jahr beispielsweise Das Institut – Oase des Scheiterns. Diese Serie beweist, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand richtig gute Unterhaltung machen kann. Und damit komme ich auch gleich zu meinem größten Kritikpunkt an der ausgezeichneten deutschen Megaserie. Im Fußball würde man es so formulieren: „Geld schießt keine Tore“. Um endlich mal eine Serie zu produzieren, die im internationalen Seriengeschäft mithalten kann, haben die Macher richtig viel Kohle in die Hand genommen, die ersten zwei Staffeln mit 16 Folgen à 45 Minuten, die in acht Doppelfolgen ausgestrahlt wurden, sollen 40 Millionen Euro gekostet haben. Damit ist Babylon Berlin ist die bisher teuerste nicht englischsprachige Serie überhaupt.

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Und das sieht man auch, großartige Kulissen und Kostüme, optisch ist alles vom Feinsten. Babylon Berlin sei „ein opulentes Meisterwerk mit Suchtpotenzial“ las ich als Begründung für die Bambi-Auszeichnung, und ja, opulent ist die Serie zweifellos, und wenn man sich drauf einlässt, kann sie einen gewissen Sog entwickeln.

Das liegt unter anderem an den tollen Darstellern, insbesondere  Volker Bruch als Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter. Und dann sind mit Peter Kurt, Matthias Brand, Lars Eidinger, Misel Maticevic, Leonie Benesch, Fritzi Haberlandt, Hanna Herzsprung, Marie Gruber, Benno Führmann und so weiter eine Menge Schauspieler aus der ersten Riege des deutschen Fernsehens vertreten, die ihre Sache allesamt so gut machen, wie es man von entsprechend ausgebildeten Profis erwarten kann. Und dann ist da noch Severija Janusauskaite, die mich als mysteriöse russische Gräfin Sorokina bzw. als androgyner Nachtclubsänger Nikoros begeistert hat.

Babylon Berlin: Die Sorokina (

Die Sorokina in Aktion (Severija Janusauskaite)

In Potsdam Babelsberg wurde für die Serie ein kompletter 20er-Jahre-Kiez aus Berlin nachgebaut, je nach Bedarf mit schäbigen oder prunkvollen Gründerzeitfassaden und damals modernen Gebäuden, zusätzlich gibt es beeindruckende  Computeranimationen, in denen der Alexanderplatz mitsamt den bestehenden Bauten in die späten 20er zurückversetzt wurde, auch wenn die beiden markanten Gebäude, das Alexanderhaus und das Berolinahaus von Peter Behrens, die dem Platz heute noch dieses 20er-Jahre-Flair verleihen, im Jahr 1929 noch gar nicht fertig gestellt waren – egal. Das rote Rathaus kann sich gut als Rote Burg verkleiden, wie das Polizeipräsidium bezeichnet wurde, das sich ungefähr dort befand, wo heute das Einkaufszentrum Alexa ist. Auch die Fahrzeuge, die Kleidung, die zahlreichen Statisten, das ist alles glaubwürdig und mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet. Und selbst dort, wo die Serienmacher keine historischen Vorlagen benutzen, sondern sich einfach von den Möglichkeiten der damaligen Zeit inspirieren lassen, etwa beim extrem coolen Interieur des Moka Efti, das tatsächlich ein eher plüschiges Café mit orientalisch-inspirierter Pracht war, in der Serie aber ein ultramoderner Art-Deko-Tempel mit klaren Linien und viel Neolicht ist, oder bei dem Tanzschuppen, in dem die Sorokina als Nikoros auftritt, wird der Geist der damaligen Zeit gut eingefangen und in die heutigen Sehgewohnheiten übersetzt.

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So hätte der Alexanderplatz in den 20er Jahren aussehen können

Was mich nervt, ist, dass die eigentlich ziemlich gute Handlung des Romans Der nasse Fisch von Volker Kutscher, auf dem die Serie beruht, weitgehend umgeschrieben wurde. Das ist zum Teil der Seriendynamik geschuldet, wofür ich als Serienjunkie nun wirklich Verständnis habe. Allerdings wird die Geschichte dadurch zumindest teilweise schwach, weil gleichzeitig viele Nebenhandlungen ausgebaut wurden, wodurch der eigentliche Fall, den Gereon Rath aufklären soll, in den Hintergrund rückt. Oder waren das gleich mehrere Fälle? Da geht es Babylon Berlin dann wie einem Münsteraner Tatort, in dem der eigentliche Fall ja auch nur dazu dient, Thiel und Dr. Boerne eine Grundlage für ihren mehr oder weniger lustigen Kleinkrieg zu liefern.

Wobei das ja nicht immer schlecht sein muss und im Grunde finde ich sogar gut, dass einige der Nebenfiguren aus dem Roman in der Serie eine eigene Geschichte bekommen. Aber eine komplexe Serienhandlung ist keine Nummernrevue, in der man nach 90 Minuten wieder abschalten kann, und die Autoren machen es dem Publikum nicht gerade leicht, über mehrere solcher langen Teile hinweg dabei zu bleiben. Es gibt zwar einen großen, sämtliche Teile übergreifenden Handlungsbogen, aber angesichts der vielen Nebenhandlungen verliert die Serie immer wieder den Faden, was angesichts des veranstalteten Aufwands besonders schade ist.

Da ist beispielsweise Charlottes Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch), die in der Serie mittellos aus Usedom nach Berlin kommt und dort eine Anstellung als Hausmädchen beim Regierungsrat August Benda (Matthias Brand) findet, dem Chef der Politischen Polizei. Auch diese Figur wurde eigens für die Serie aufgebaut, sie ist vom Juristen Bernhard Weiß inspiriert, der in der Weimarer Republik Polizeivizepräsident in Berlin war. Der aus einer liberalen jüdischen Familie stammende Weiß war einer der wenigen republikanisch gesinnten höheren Beamten im Polizeiapparat. Weiß ging konsequent gegen Übergriffe der NSDAP vor und war deshalb immer wieder Diffamierungskampagnen ausgesetzt, 1933 wurde er aus dem Amt gejagt und floh über Prag nach London. Das ist eigentlich schlimm genug, doch in der Serie wird ihm ein noch grausameres Schicksal zuteil, an dem auch Greta beteiligt ist, die sich in ihrer Naivität von einem falschen Freund ausnutzen lässt.

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

In den Hintergrund rückt dafür der „Buddha“, wie der damalige Chef der Berliner Kriminalpolizei Ernst Gennat genannt wurde. Im Buch ist der Begründer der modernen Mordermittlung in Deutschland eine zentrale Figur, die Gereon Rath zu recht bewundert und fürchtet, in der Serie taucht Gennat erst in der zweiten Staffel auf, und da eher am Rande. Keine Ahnung, was die Serienmacher dazu bewogen hat, ausgerechnet diese interessante historische Figur in den Hintergrund zu rücken, denn Gennat liefert doch wirklich jede Menge Stoff für seriöse Krimihandlungen. Er entwickelte in den 20er Jahren die zentrale Mordinspektion und führte fortschrittliche Ermittlungstechniken wie eine systematische Spurensicherung am Tatort ein. Außerdem erfand er das Profiling schon Jahrzehnte bevor dieser Begriff überhaupt aufkam: Er baute ein Archiv auf, in dem sämtliche Fälle der Mordinspektion unter bestimmten Kriterien erfasst wurden. Auf diese Weise war es den Kriminalbeamten möglich, für jeden neuen Fall schnell vergleichbare Mordfälle und damit potenzielle Täter zu finden, wodurch die Aufklärungsrate für Mordfälle deutlich stieg. Unter Gennat lag die Aufklärungsquote bei knapp 95 Prozent, mehr schaffen auch die heutigen Kriminalisten mit modernster Technik nicht.

Auch die Figur der Charlotte Ritter wurde stark verändert, im Buch ist sie eine höhere Bürgertochter, die Jura studiert und, um Geld zu verdienen, als Stenotypistin bei der Polizei arbeitet. Denn in jenen Zeiten war noch undenkbar, dass eine Frau Kriminaloberrat werden könnte. Aber die für ihre Zeit moderne und emanzipierte Charlotte hat sich in den Kopf gesetzt, dass sich genau dieser Umstand ändern muss. Das ist in der Serie zwar auch so, hier stammt sie aber aus der Proletarierschicht, weshalb sie mit noch viel fragwürdigeren Jobs Geld verdienen muss, um über die Runden zu kommen. Wobei ich das für die Serie nicht schlecht finde, das gibt dieser Figur einen noch ganz anderen Dreh: Diese Charlotte ist eine typische Berliner Pflanze, die sich mit totalem Einsatz und viel Chuzpe aus ihrer deprimierenden Hinterhof-Herkunft erst in die Liga der gebildeten Bürgertöchter hoch kämpfen muss.

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Auf diese Weise können die Serienmacher auch die dreckige, dunkle Kehrseite der aufstrebenden Metropole Berlin zeigen, denn die Mehrheit der Bewohner der deutschen Reichshauptstadt lebte in engen, überfüllten Arbeiterwohnungen und nicht wie Gereon Rath in möblierten Zimmern im Vorderhaus oder gar wie Regierungsrat Benda einer großzügigen Villa. Aber damit ist die Solidarität mit der Arbeiterklasse auch schon wieder erschöpft: Zwar wird den Umtrieben der aufstrebenden Nazis in der Serie eine Menge Raum gegeben, im Polizeiapparat gibt es viele Rechte, die mehr oder weniger offen mit den Nazis sympathisieren, die illegalen Aktivitäten der schwarzen Reichswehr und die Kumpanei mit den Rüstungskonzernen, die aus eigenen Motiven an der heimlichen Aufrüstung Deutschlands interessiert sind, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Auseinandersetzungen mit den eher links organisierten Arbeitern kommen auch vor, vor allem die Unruhen vom 1. Mai 1929, der als Blutmai in die Geschichte eingegangen ist. 

Hier zeigen die Serienmacher zwar, was die spätere Auswertung der historischen Ereignisse zweifelsfrei ergeben hat, nämlich, dass die schwer bewaffnete Polizei unbewaffnete Arbeiter zusammengeschossen hatte, die entgegen des von Polizeipräsident Karl Zörgiebel verhängten Demonstrationsverbots den Aufrufen der KPD gefolgt und auf die Straße gegangen waren. Die Polizei beschoss auch Wohngebäude, an denen rote Fahnen aufgehängt worden waren. Es wurden 33 Zivilisten getötet und 198 verletzt, während kein einziger Polizist verwundet wurde – der einzige Polizist, der als angebliches Opfer der linken Gewalt präsentiert wurde, hatte sich die Schussverletzung versehentlich selbst beigebracht. Natürlich wurden diese Unruhen damals benutzt, um Stimmung gegen die Kommunisten zu machen, auch die SPD rechtfertigte die Polizeigewalt („Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“, immer wieder aktuell).

Das kommt alles so ähnlich auch in der Serie vor, allerdings wird aus dem mit den Sozialisten sympathierenden Arzt, der die Polizeikugeln aus unbeteiligten Opfern holt, ein wirklich unsympathisches Flintenweib, das ihrerseits später mit Morddrohungen um sich schmeißt. Musste das wirklich sein? Man hat doch damals schon so lange auf den Kommunisten rumgehackt, bis endlich mehr Leute die Nationalsozialisten gewählt haben. Kann man nicht endlich auch mal zugeben, dass die Kritik der Kommunisten an den für die Arbeiter ja nun wirklich nicht rosigen Verhältnissen durchaus begründet war? Immerhin hat sich wenige Jahre später brutalstmöglich herausgestellt, dass die Nazis eben nicht die bessere Alternative waren. Auch wenn es heute erschreckend viele Menschen gibt, die das schon wieder vergessen haben.

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Es ist auch bezeichnend, dass die sonst so aufgeweckte Charlotte erstaunlich unpolitisch ist, wo sie doch schon aufgrund ihrer Herkunft durchaus mit der KPD sympathisieren könnte. Das wäre auch ein guter Ausgleich dafür, dass Gereon Rath trotz seiner Vorbehalte gegenüber den Nazis ein guter deutscher Beamter ist, der zwar heimlich Negermusik hört und wegen seiner Kriegstraumata morphinsüchtig ist, aber keineswegs revolutionäre Anwandlungen hat. Aber nein, so politisch die Serie sonst auch daher kommen will, immerhin darf die Witwe von Gereons im Krieg gefallenen Bruder bei einer Veranstaltung des Rüstungsfabrikanten Alfred Nyssen feststellen, dass der ja genau mit den Waffen, die ihren Mann getötet haben, ein gutes Geschäft gemacht hat, so flach bleibt sie in dieser Hinsicht ausgerechnet bei den beiden Hauptcharakteren. Da hilft auch die überstrapazierte Spannung nicht, wenn die beiden jeweils in scheinbar ausweglose Situationen geraten. Statt im Wasser versinkender Oldtimer und explodierender Güterwaggons wären mir intelligente Dialoge lieber. Nun ja, bevor meine Wunschliste, was ich gern einmal in einer deutschen Serie sehen würde, noch länger wird, mache ich Schluss.

Mein Fazit zu Berlin Babylon: Teurer, aber nicht besonders gut gelungener Versuch, aus einem akribisch recherchierten historischen Kriminalroman eine deutsche Erfolgsserie zu machen. Lohnt sich wegen der tollen Ausstattung und Darsteller aber trotzdem.

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Sex, Drugs and Techno

Amazon hat inzwischen eine zweite deutsche Eigenproduktion im Angebot: Beat. Und Beat ist zum Glück nicht so schlecht wie You are Wanted, aber das heißt nicht sehr viel, denn der erste Serienversuch von Matthias Schweighöfer war wirklich nicht gut. Beat gefällt mir schon deutlich besser: Allein dass der Protagonist Robert Schlag (Jannis Niewöhner), der von allen nur Beat genannt wird, seit mindestens zehn Jahren täglich gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt, gibt der Serie den entscheidenden Kick, den Beat sich damit selbst verpasst: Er bringt die Welt in die Ordnung, in der er sie erträgt. Und der Tag ist voller Arschlöcher.

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Damit Beat nicht allzu vielen Arschlöchern begegnen muss, macht er die Nacht zum Tag. Er feiert seine Nächte im coolsten Club Berlins durch und versorgt seine Gemeinde der Techno- und Tanzwütigen mit allem, was sie zum Feiern brauchen. Den Club hat er vor Jahren zusammen mit seinem besten Freund Paul (Hanno Koffler) gegründet. Im Gegensatz zu Beat hat Paul inzwischen aber Frau und Kind, er sorgt sich um seine bürgerliche Existenz, was Beat irgendwie als Verrat empfindet, auch wenn er seinen Freunden natürlich immer ein guter Freund ist. Richtig sauer wird Beat, als er erfährt, dass Paul aus finanziellen Gründen einen weiteren Geschäftspartner am Club beteiligt hat. Es handelt sich ausgerechnet um Philipp Vossberg (Alexander Fehling), der ein hohes Tier in einem internationalen Konzern ist, der mit zweifelhaften Geschäften Milliarden umsetzt.

Dass Vossberg der Kopf eines kriminellen Netzwerks von Waffen-, Drogen- und Menschenhändlern ist, vermutet auch der europäische Geheimdienst ESI. Deshalb wird die ESI-Agentin Emilia (Karoline Herfurth) auf Beat angesetzt: Sie soll den in der Berliner Subkultur gut vernetzten Beat dazu bringen, als Informant für ESI zu arbeiten und Vossberg und dessen Umfeld ausspähen. Dazu hat Beat allerdings wenig Lust, auch wenn er Vossberg nicht leiden kann. Aber Emilia und ihr Vorgesetzter Richard Diemer (Christian Berkel) verfügen als Geheimdienstler über allerhand Möglichkeiten, die auch den eigenwilligen Beat nicht unbeeindruckt lassen, so dass er schließlich, wenn auch widerwillig, mitmacht. Leider rutscht die Geschichte damit dann komplett in eine ziemlich krude Krimihandlung ab, was ich schade finde, denn es wäre ja theoretisch durchaus denkbar, ausnahmsweise mal eine Serie zu machen, die keine Krimiserie ist.

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Warum nicht mal einfach eine Serie über schräge Vögel in der Berliner Clubszene? Da gäbe es doch Stoff genug, und man muss es ja nicht so bombastisch aufziehen wie es HBO mit The Get Down versucht hat. Es zeigt sich immer wieder, dass weniger mehr sein kann. Und melancholische Bilder von Zerfall und Niedergang gibt das Berliner Umland auch ohne die schrecklichen Dinge her, die sich die Serienmacher extra ausgedacht haben.

Klar gibt es viel Böses in der Welt, aber der Alltag ist doch auch so schon beschwerlich genug. Insbesondere, wenn man als Mensch, der nicht scharf auf eine bürgerliche Karriere mit anstrengendem Arbeitstag und Familienleben ist, damit klar kommen muss, dass man sich heutzutage in Berlin längst nicht mehr so gut durchschlauchen kann wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Das wäre meiner Ansicht nach ein geradezu unerschöpfliches Thema, das eine ganze Reihe Serien füllen könnte, wenn man nur kreative Menschen mit Tiefgang und Humor einfach mal machen lassen würde. Oder meinetwegen auch ohne Tiefgang aber mit Humor, wie das Team hinter Gutes Wedding Schlechtes Wedding.

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Nun ist Beat nach einem vielversprechenden Auftakt aber leider doch wieder nur eine Krimiserie geworden, deren Handlung es so ähnlich schon mal in einem NDR-Tatort mit Cenk Batu (Mehmet Kurtuluş) gegeben hat, damals allerdings ohne Techno und Drogen. Und ohne RAF-Bezug. An sich finde ich es auch keine schlechte Idee, die letzten der RAF zugeschriebenen Morde, die allesamt nicht aufgeklärt wurden, für eine Serie aufzugreifen. Oder die Frage nach dem Verbleib der mutmaßlichen RAF-Mitglieder zu stellen, die nicht gefasst werden konnten. Aber in Beat wirkt das ziemlich an den Haaren herbeigezogen und das nervt. Nicht alle Eltern, die plötzlich verschwinden, müssen Terroristen sein. Ein Verkehrsunfall ist viel realistischer, das passiert gar nicht so selten.

Und nicht alle, die eine schwere Kindheit hatten, müssen als Psychopathen enden. Hier nervt die Serie mit einem weiteren, schon viel zu oft bemühten, Klischee, zumal die Figur des unheimlichen Jasper Hoff (intensiv und verstörend gespielt von Kostja Ullmann), nachdem sie mühevoll aufgebaut wurde, plötzlich fallengelassen wird. Vielleicht sollte man auch hierzulande mal versuchen, nicht einfach einen Drehbuchautor vor sich hinschreiben zu lassen, sondern ein Team von Autoren auf eine Serie anzusetzen, die gegenseitig auf sich aufpassen, dass sie sich nicht in immer weiteren Einfällen verheddern, sondern statt dessen vielschichtige und trotzdem plausible Charaktere entwickeln und für diese dann spannende und komplexe Handlungsbögen konstruieren, in denen nicht immer willkürlich neue Fässer aufgemacht, sondern auch mal etwas genauer analysiert und nachvollziehbar motiviert und, ja, der eine oder andere Handlungsstrang vernünftig zu Ende gebracht wird.

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Alles in allem ist Beat aber trotzdem nicht schlecht, allein die Besetzung ist top, Jannis Niewöhner überzeugt als idealistischer Realitätsverweigerer, der immer mehr Drogen braucht, um die Grausamkeit des Alltags und der Welt zu ertragen. Bleibt zu hoffen, dass eine nächste deutsche Serie für den internationalen Markt noch besser wird.