Sex, Drugs and Techno

Amazon hat inzwischen eine zweite deutsche Eigenproduktion im Angebot: Beat. Und Beat ist zum Glück besser als You are Wanted, aber das heißt nicht sehr viel, denn der erste Serienversuch von Matthias Schweighöfer war wirklich nicht gut. Beat gefällt mir schon deutlich besser: Allein dass der Protagonist Robert Schlag (Jannis Niewöhner), der von allen nur Beat genannt wird, seit mindestens zehn Jahren täglich gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt, gibt der Serie den entscheidenden Kick, den Beat sich damit selbst verpasst: Er bringt die Welt in die Ordnung, in der er sie erträgt. Und der Tag ist voller Arschlöcher.

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Damit Beat nicht allzu vielen Arschlöchern begegnen muss, macht er die Nacht zum Tag. Er feiert seine Nächte im coolsten Club Berlins durch und versorgt seine Gemeinde der Techno- und Tanzwütigen mit allem, was sie zum Feiern brauchen. Den Club hat er vor Jahren zusammen mit seinem besten Freund Paul (Hanno Koffler) gegründet. Im Gegensatz zu Beat hat Paul inzwischen aber Frau und Kind, er sorgt sich um seine bürgerliche Existenz, was Beat irgendwie als Verrat empfindet, auch wenn er seinen Freunden natürlich immer ein guter Freund ist. Richtig sauer wird Beat, als er erfährt, dass Paul aus finanziellen Gründen einen weiteren Geschäftspartner am Club beteiligt hat. Es handelt sich ausgerechnet um Philipp Vossberg (Alexander Fehling), der ein hohes Tier in einem internationalen Konzern ist, der mit zweifelhaften Geschäften Milliarden umsetzt.

Dass Vossberg der Kopf eines kriminellen Netzwerks von Waffen-, Drogen- und Menschenhändlern ist, vermutet auch der europäische Geheimdienst ESI. Deshalb wird die ESI-Agentin Emilia (Karoline Herfurth) auf Beat angesetzt: Sie soll den in der Berliner Subkultur gut vernetzten Beat dazu bringen, als Informant für ESI zu arbeiten und Vossberg und dessen Umfeld ausspähen. Dazu hat Beat allerdings wenig Lust, auch wenn er Vossberg nicht leiden kann. Aber Emilia und ihr Vorgesetzter Richard Diemer (Christian Berkel) verfügen als Geheimdienstler über allerhand Möglichkeiten, die auch den eigenwilligen Beat nicht unbeeindruckt lassen, so dass er schließlich, wenn auch widerwillig, mitmacht. Leider rutscht die Geschichte damit dann komplett in eine ziemlich krude Krimihandlung ab, was ich schade finde, denn es wäre ja theoretisch durchaus denkbar, ausnahmsweise mal eine Serie zu machen, die keine Krimiserie ist.

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Warum nicht mal einfach eine Serie über schräge Vögel in der Berliner Clubszene? Da gäbe es doch Stoff genug, und man muss es ja nicht so bombastisch aufziehen wie es HBO mit The Get Down versucht hat. Es zeigt sich immer wieder, dass weniger mehr sein kann. Und melancholische Bilder von Zerfall und Niedergang gibt das Berliner Umland auch ohne die schrecklichen Dinge her, die sich die Serienmacher extra ausgedacht haben.

Klar gibt es viel Böses in der Welt, aber der Alltag ist doch auch so schon beschwerlich genug. Insbesondere, wenn man als Mensch, der nicht scharf auf eine bürgerliche Karriere mit anstrengendem Arbeitstag und Familienleben ist, damit klar kommen muss, dass man sich heutzutage in Berlin längst nicht mehr so gut durchschlauchen kann wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Das wäre meiner Ansicht nach ein geradezu unerschöpfliches Thema, das eine ganze Reihe Serien füllen könnte, wenn man nur kreative Menschen mit Tiefgang und Humor einfach mal machen lassen würde. Oder meinetwegen auch ohne Tiefgang aber mit Humor, wie das Team hinter Gutes Wedding Schlechtes Wedding.

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Nun ist Beat nach einem vielversprechenden Auftakt aber leider doch wieder nur eine Krimiserie geworden, deren Handlung es so ähnlich schon mal in einem NDR-Tatort mit Cenk Batu (Mehmet Kurtuluş) gegeben hat, damals allerdings ohne Techno und Drogen. Und ohne RAF-Bezug. An sich finde ich es auch keine schlechte Idee, die letzten der RAF zugeschriebenen Morde, die allesamt nicht aufgeklärt wurden, für eine Serie aufzugreifen. Oder die Frage nach dem Verbleib der mutmaßlichen RAF-Mitglieder zu stellen, die nicht gefasst werden konnten. Aber in Beat wirkt das ziemlich an den Haaren herbeigezogen und das nervt. Nicht alle Eltern, die plötzlich verschwinden, müssen Terroristen sein. Ein Verkehrsunfall ist viel realistischer, das passiert gar nicht so selten.

Und nicht alle, die eine schwere Kindheit hatten, müssen als Psychopathen enden. Hier nervt die Serie mit einem weiteren, schon viel zu oft bemühten, Klischee, zumal die Figur des unheimlichen Jasper Hoff (intensiv und verstörend gespielt von Kostja Ullmann), nachdem sie mühevoll aufgebaut wurde, plötzlich fallengelassen wird. Vielleicht sollte man auch hierzulande mal versuchen, nicht einfach einen Drehbuchautor vor sich hinschreiben zu lassen, sondern ein Team von Autoren auf eine Serie anzusetzen, die gegenseitig auf sich aufpassen, dass sie sich nicht in immer weiteren Einfällen verheddern, sondern statt dessen vielschichtige und trotzdem plausible Charaktere entwickeln und für diese dann spannende und komplexe Handlungsbögen konstruieren, in denen nicht immer willkürlich neue Fässer aufgemacht, sondern auch mal etwas genauer analysiert und nachvollziehbar motiviert und, ja, der eine oder andere Handlungsstrang vernünftig zu Ende gebracht wird.

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Alles in allem ist Beat aber trotzdem nicht schlecht, allein die Besetzung ist top, Jannis Niewöhner überzeugt als idealistischer Realitätsverweigerer, der immer mehr Drogen braucht, um die Grausamkeit des Alltags und der Welt zu ertragen. Bleibt zu hoffen, dass eine nächste deutsche Serie für den internationalen Markt noch besser wird.

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