When Heroes Fly: Kaputte Helden im Dschungel

Auch wenn mir Netflix mit unpassenden Serienverschlägen oft auf die Nerven geht, sind ab und zu tatsächlich Serien dabei, die mir dann doch gefallen. Etwa die israelische Serie When Heroes Fly von Keshet International, die auf den ersten Blick wie ein Kriegsepos aussieht, auf das ich überhaupt keine Lust hatte, sich dann aber unerwartet als spannender Thriller herausstellt. Einst waren Aviv, Benda, Dubi und Himmler (der eigentlich Dotan heißt) unzertrennliche Freunde, die zusammen gedient und gefeiert haben – Team Azulay, benannt nach ihrem hochverehrten Kommandeur bei der israelischen Armee.

Team Azulay: Benda (Moshe Ashkenazi), Himmler (Michael Aloni), Yael (Ninet Tayeb), Aviv (Tomer Kapon) und Dubi (Nadav Netz)

Team Azulay: Benda (Moshe Ashkenazi), Himmler (Michael Aloni), Yael (Ninet Tayeb), Aviv (Tomer Kapon) und Dubi (Nadav Netz)

Die Armee spielt im Leben der Israelis eine große Rolle, die Wehrpflicht beträgt für Männer drei Jahre, für Frauen zwei, danach gibt es für Männer noch den Reservedienst bis sie 51 Jahre als sind, und zwar bis zu 39 Tage im Jahr. Das ist bei den vier Freunden nicht anders, 2006 werden die Reservisten von Team Azulay einberufen und auf eine Mission in den Libanon geschickt. Auf dem Rückzug geraten sie in einen Hinterhalt der Hisbollah, Azulay wird schwer verwundet und befiehlt Aviv, der als einziger den Rückzugsweg kennt, sich mit den anderen zurückzuziehen und ihn zurückzulassen. Aviv befolgt den Befehl und rettet damit den anderen das Leben, aber die Sache lässt ihn nicht mehr los. Insbesondere Himmler wirft ihm vor, nicht alles versucht zu haben, um Azulay zu retten oder zumindest seine Leiche zu bergen. Denn wenn man als Jude nicht möglichst vollständig beerdigt wird, kann man am jüngsten Tag nicht auferstehen. Nach dem Tod von Azulay lebt sich Team Azulay auseinander – die vier haben sich nichts mehr zu sagen.

Bis Benda, der nach Kolumbien ausgewandert ist und mit seiner Freundin Maria ein israelisches Restaurant in Bogotá betreibt, zufällig auf einem Bild in der Zeitung Yael erkennt. Yael, die Schwester von Dubi, die mit Aviv zusammen war und vor vielen Jahren bei einem Autounfall in Kolumbien ums Leben gekommen sein soll. Benda ruft Aviv an, der unter schweren Depressionen leidet und wieder bei seiner Mutter lebt, weil er nach jenem fatalen Einsatz nicht mehr in sein vorheriges Leben zurückgefunden hat. Es kommt, wie es kommen muss: Nach anfänglichem Unwillen lässt sich Aviv überzeugen, dass Yael möglicherweise noch lebt und er sie unbedingt finden muss. Auch Dubi und Himmler beschließen, Aviv zu begleiten. Und so haben die vier schließlich wieder eine gemeinsame Mission, auch wenn jeder von ihnen eigene Gründe hat, daran teilzunehmen.

In Rückblenden wird erzählt, was die vier inzwischen erlebt haben. Der religiöse Dubi ist Lehrer geworden und hat Frau und Kinder. Allerdings ist er sich mit dem Glauben nicht mehr so sicher. Himmler hat von seinem Vater einen Konzern geerbt, den er nun führt. Er hat eigentlich alles, Erfolg und Geld ohne Ende, aber da ist diese Diagnose. Benda hingegen war ganz unten, aber hat sich Maria zuliebe wieder aus dem Drogensumpf herausgearbeitet. Aviv ist noch immer unten, hat jetzt aber vielleicht die Chance, endlich einmal etwas richtig zu machen. Also wird die Reise in den kolumbianischen Dschungel für die Freunde vor allem eine Reise zu sich selbst. Und gleichzeitig ist es die vielleicht letzte Gelegenheit, die Dinge zu bereinigen, die zwischen ihnen stehen. Und es stellt sich heraus, dass da viel mehr ist, als anfangs zu vermuten war.

Natürlich gibt es dann auch noch eine solide Thrillerhandlung drumherum, es geht in Kolumbien nicht ohne skrupellose Drogenkartelle und korrupte Polizisten. Und die israelische Polizei ist auf der Suche nach der Quelle dieser neuen Droge, die immer mehr junge Israelis das Leben kostet. Die Freunde kommen auf ihrer Suche nach Yael ausgerechnet dem Drogenboss in die Quere, dem auch eine hartnäckige israelische Ermittlerin auf der Spur ist, die noch eine sehr persönliche Rechnung mit ihm offen hat. Die eine oder andere Verwicklung wirkt am Ende doch ein bisschen weit hergeholt, aber alles in allem ist die Geschichte spannend und gut erzählt, so dass die zehn Teile der Serie viel zu schnell vorbei sind. Fazit: When Heroes Fly ist eine gewagte, aber durchaus gelungene Mischung aus Actionthriller, Mystery- und Psychodrama. Davon gern mehr.

Deutsche Serie kommt auf den Hund

Netflix produziert weiterhin Serien, und zwar zu viele davon. Überhaupt gibt es inzwischen viel zu viele Serien. Als Serienjunkie fühle ich mich von der schieren Masse des Angebots total überfordert – es ist überhaupt nicht mehr möglich, alles anzusehen, was gerade irgendwie in ist, selbst wenn man den ganzen Tag Zeit dafür hätte. Und wer auf andere Art und Weise Geld verdienen muss, hat sowieso verloren. Trotzdem kann ich es nicht lassen und schaue immer wieder in Serien hinein – aber ich bleibe nur noch dabei, wenn mich die ersten 10, 15 Minuten wirklich überzeugen. Deshalb habe ich vor Jahren bereits den Tatort aufgeben, obwohl ich da jahrzehntelang so etwas wie ein Gewohnheitsfan war. Dieser alte Zopf ist ab, in der Zeit kann man wirklich Besseres kucken.

Dennoch muss ich zugeben, dass es natürlich Serien gibt, die gewisse Vorschusslorbeeren mitbringen, weshalb ich beim Reingucken großzügiger bin als bei solchen, von denen ich noch nie gehört habe. Etwa bei Netflixserien, die von exotischen Ländern außerhalb des anglo-amerikanischen Serienkontin(g)ets produziert werden. So gibt es nach Dark eine weitere deutsche Netflixserie, die bereits seit einiger Zeit auf Netflix zu sehen ist: Dogs of Berlin. Zwar war schon Dark nicht der große Wurf, auf den ich gehofft hatte, aber doch ganz okay: Eine interessante Geschichte mit verschiedenen Zeitebenen, aber einem leider total überambitionierten Soundtrack, der mich zunehmend genervt hat. Ich muss nicht mit viel zu lauten Geräuschen darauf hingewiesen werden, dass jetzt etwas Merkwürdiges passiert. Subtilität ist eine Tugend. Aber nicht die der deutschen Serie. Und Dogs of Berlin ist insofern eine total deutsche Serie, weil, etwas Unsubtileres habe ich selten gesehen. Außer in Amiserien versteht sich. Aber da regt sich keiner drüber auf. Die Amis dürfen das. Die wählen ja auch Typen wie Donald Trump als Präsident.

Dogs of Berlin - die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm.

Dogs of Berlin – die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm. Bild via Filmstarts.de

Also: Dogs of Berlin. Das ist definitiv etwas ganz anderes. Kann man so nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bringen, wobei, eigentlich wurde total auf Proporz geachtet: Es gibt einen aufrechten schwulen türkischen Ermittler, einen spielsüchtigen deutschen LKA-Typ mit Neonazivergangenheit, eine deutsche Hartz-4-Mutti, die ihren Kindern zerbröselte Kekse mit Kakao als Frühstück improvisiert und ihre Nächte lieber mit zweifelhaften Liebhabern, Computerspielen und einem illegalen Nebenverdienst an der Sexhotline verbringt, als gleich früh morgens in ihr trostloses Loserleben in Marzahn-Hellersdorf durchzustarten. Außerdem gibt eine politisch-korrekte, lesbische Polizeipräsidentin, die mindestens so streng ist wie Mutti Merkel, und schließlich noch einen toten türkischen Nationalspieler, den die deutsche Fußballmannschaft ganz dringend brauchen würde, wenn sie nicht gleich wieder aus der Vorrunde von was auch immer fliegen will. Und alle anderen Figuren sind genauso schon Karikaturen ihrer selbst wie die bereits genannten.

Aber genau das ist dann auch wieder cool, weil es konsequent durchgezogen wird. Katrin Sass als Neonazi-Oma, die ihren Enkeln auf dem Spielplatz beibringt, dass sie sich gegen „diese Kuffnutten“ durchzusetzen hätten und im Zoo doziert, dass gewisse Arten halt verdienen, auszusterben, ist gruselig, bringt aber diese ekelhafte Einstellung genau auf den Punkt. Okay, der Rest der Neonazi-Kameradschaft ist irgendwie viel zu 90er, das Problem derzeit sind ja viel eher die Nazis in den feinen Anzügen der Neoliberalen, die sich in der AfD organisieren, als die tätowierten Prolls, die ein sehr eingeschränktes Weltbild, reichlich kriminelle Energie und einen Faible für mittelalterliche Bestrafungsrituale haben und damit ihren Kollegen von den türkischen Rockergangs ziemlich ähnlich sind. Deshalb kann die Ehefrau von LKA-Ermittler Grimmer dann sogar mit einem von den türkischen Rockern, die auch ihren feinen Laden mit überflüssigen Dingen in Prenzlauer Berg zwecks Schutzgelderpressung heimsuchen, etwas anfangen. Sie glaubt, dass man mit totaler Ehrlichkeit jeden retten kann.

Und das war längst nicht alles, natürlich gibt es noch die Osteuropa-Connection mit Mišel Matičević und einen fiesen arabischen Clanchef samt Clan und dann natürlich noch die abgedrehten Luxusfußballer der Nationalmannschaft, die inzwischen einen eigenen Dienstleister haben, der hinter ihnen her räumt. Oder hinter ihnen her räumen lässt, deshalb gibt es ja eine Figur wie Trinity Sommer (Hannah Herzsprung), eine Mischung aus Modesty Blaise und Jessica Jones, aus der man gelegentlich mehr machen könnte. In dem Zusammenhang ist sie eher unglaubwürdig, aber im Prinzip finde ich, dass es viel zu wenig solcher Superheldinnen gibt.

Der Tenor vieler Kritiken, die ich dazu gelesen habe, ist: Dogs of Berlin sei der schlechtere Abklatsch von 4 Blocks. Da ist etwa dran, gleichzeitig finde ich das aber auch ungerecht, denn der Stoff, aus dem Dogs of Berlin gemacht sein soll, sei deutlich älter als 4 Blocks, las ich zumindest, und das würde einiges erklären. 4 Blocks ist ja tatsächlich eine gute Serie, obgleich ich sagen muss, dass die zweite Staffel gegenüber der ersten deutlich zurück fällt, Vince fehlt einfach.

Dogs of Berlin ist allerdings etwas ganz anderes, diese Serie ist im Grunde bereits ihre eigene Satire, ähnlich wie das bei Homeland oder House of Cards oder Designated Surviver der Fall ist. Diese Serien suhlen sich in Klischees und tragen extrem dick auf, und genau das macht ja auch den Spaß daran aus: Natürlich ist das nur ein Zerrbild unserer Realität, aber eben ein unterhaltsames. Wenn man sich darauf einlässt, einfach mal eine deutsche Krawumm-Serie zu sehen, dann ist Dogs of Berlin keine schlechte Wahl. Eine soziologisch relevante Studie unserer Gesellschaft ist sie nicht. Und ein politisch korrekter oder lieber nicht korrekter, aber intellektuell ernstzunehmender Kommentar zum Zeitgeschehen erst recht nicht. Und auch wenn ich sehr intensiv nachdenke, fallen mir kaum Serien ein, die solche Kriterien bedienen könnten. The Wire vielleicht, um im Genre zu bleiben. Die früheren Tatorte zum Teil. Ansatzweise KDD – Kriminaldauerdienst.

Wie auch immer, die deutschen Kritiker sollten sich mal keinen Kopf machen von wegen „oh Gott, das kann man jetzt mit Netflixabo auf der ganzen Welt sehen, was sollen die Leute nur von uns denken!“ Genau so geht deutsche Serie. Also wenn man es nicht jedem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk recht machen muss, was in der Regel dazu führt, dass noch stereotypere Klischees bedient werden müssen und es noch weniger lustig ist. Bin ich jetzt nicht besonders stolz drauf, aber trifft den Kern der Sache. Natürlich wünsche ich mir, dass es demnächst endlich mal wieder etwas richtig Gutes gibt. Übung macht den Meister.