True Detective 3: Vom Verschwinden

True Detective war eine der ganz großen Serien im Jahr 2014, die zweite Staffel im Jahr danach war eine ebenso epische Enttäuschung. Auch wenn das ein bisschen ungerecht ist, denn an sich war die Geschichte gar nicht schlecht. Sie war nur völlig so völlig anders.

Außerdem fehlte eben dieses spezielle True-Detecive-Feeling, dieses düstere Geheimnis hinter einen rätselhaften Fall, das die Protagonisten Rust und Hart so sehr in den Bann zog, das sie selbst ein Teil davon wurden. Und dann dieses schwüle, sehr ländliche Louisiana und natürlich die schwer philosophischen Gaga-Dialoge von Rust und Hart – was man so redet, wenn der Tag lang ist und man nicht weiter kommt und privat eigentlich auch ganz andere Sorgen hat, das aber keinesfalls zugeben will.

Detective Wayne Hays (Mahershala Ali) ist ein gute Spurenleser. Bild: HBO

Detective Wayne Hays (Mahershala Ali) ist ein gute Spurenleser. Bild: HBO

Das lange Warten auf die dritte Staffel hat sich definitiv gelohnt: Mit Wayne Hays (Mahershala Ali) und Roland West (Stephen Dorff) gibt es wieder ein echtes True-Detective-Team, das dieses Mal in den Ozarks ermittelt, einem gleichfalls sehr ländlichen Gebiet, das von einem wirtschaftlichen Niedergang gezeichnet ist. Jedenfalls sind viele Orte in Fortgang der Handlung verlassen und verfallen. 

Die Geschichte wird in drei Zeitebenen erzählt: Es gibt den eigentlichen Fall von 1980, die Wiederaufnahme der Ermittlungen zehn Jahre danach und schließlich eine Dokumentation durch eine investigative Journalistin im Jahr 2015, die in dieser Dokumentation über den noch immer nicht gelösten Fall nachweisen will, dass bei den Ermittlungen 1980 und 1990 nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Deshalb hat sie den alternden und inzwischen an Gedächtnisstörungen leidenden Hays aufgerieben, der damals auch unzufrieden mit dem Verlauf der Dinge war.

Dumm nur, dass er sich eben nicht mehr an alles erinnern kann. Aber eins wird klar: Dieser Fall hat ihn nicht mehr los gelassen. Und das gilt nicht nur ihn, sondern auch für seine Frau Amelia (Carmen Ejogo). Wayne hat Amelia im Zuge seiner Ermittlungen kennen und lieben gelernt. Amelia war die Englischlehrerin der verschwundenen Kinder. Auch Amelia beschäftigt sich intensiv mit dem Fall, erst hilft sie den beiden Detectives bei den Ermittlungen, später schreibt sie ein Buch darüber.

Wayne (Mahershala Ali) und Amelia (Carmen Ejogo)

Wayne (Mahershala Ali) und Amelia (Carmen Ejogo) Bild: HBO

Die zehn- und zwölfjährigen Geschwister Julie und Will Purcell verschwinden am 7. November 1980 im Wald in der Nähe ihres Wohnorts in den Ozarks. Ihr Vater Tom (Scoot McNairy) ging davon aus, dass sie bei einem Schulfreund zum Spielen verabredet gewesen wären, doch es stellt sich heraus, dass sie niemals dort angekommen sind. Einige Zeugen haben die Kinder am Nachmittag noch gesehen, wie sie auf ihren Fahrrädern unterwegs gewesen sind, doch dann verliert sich ihre Spur.

Die alarmierten Arkansas State Police Detectives Hays und West gehen erst einmal davon aus, dass es ein Routinefall wird, meistens finden sich verschwundene Kinder in wenigen Tagen wieder. Doch schnell wird klar, dass sie auch nicht bei der Mutter Lucy (Mamie Gummer) sind, die kurze Zeit später auftaucht und ihren Mann wüst beschimpft.

Wayne, genannt Purple Hays, hat seine Einsätze als Soldat in Vietnam überlebt, weil er ein hervorragender Spurenleser ist. Diese Fähigkeit nutzt er auch im Polizeidienst – und er findet schließlich die Leiche des Jungen. Seine Schwester Julie allerdings bleibt verschwunden. Hays und West gehen einer Menge Spuren nach, aber sie finden Julie nicht.

Wayne (Mahershala Ali), Roland West (Stephen Dorff) und Tom Purcell (Scott McNairy), der Vater der verschwundenen Kinder Bild HBO

Wayne (Mahershala Ali), Roland West (Stephen Dorff) und Tom Purcell (Scott McNairy), der Vater der verschwundenen Kinder Bild HBO

Und wie sich im Nachhinein herausstellt, wurde nicht so gut und sauber ermittelt, wie sich die damaligen Ermittler zu erinnern vermeinen – nach einer neuen Spur wird der Fall zehn Jahre später noch einmal aufgerollt, Roland, der inzwischen Lieutenant West ist, holt seinen alten Partner an Bord, der nach dem unbefriedigenden Abschluss der ersten Ermittlungen auf einen unattraktiven Schreibtischjob abgeschoben wurde. Doch auch im Zuge der Wiederaufnahme gelingt es Hays und West nicht, den Fall zu lösen. Allerdings erhärtet sich der Verdacht, dass möglicherweise eine größere Verschwörung dahinter steckt, denn es gibt im Umfeld der Ermittlungen eine ganze Reihe merkwürdiger Todesfälle.

Und im Jahr 2015 muss Wayne feststellen, dass die investigative Journalistin Eliza Montgomery tatsächlich einige Informationen hat, von denen er nichts wusste – wobei nicht ganz klar ist, ob er vielleicht doch inzwischen einfach nur viel mehr vergessen hat, als er wahrhaben wollte. Oder vielleicht wollte er manches auch vergessen, denn sowohl bei der ersten als auch bei der zweiten Ermittlung sind einige Dinge ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Auf jeden Fall beschäftigt ihn die Sache so sehr, dass er beschließt, mit Roland Kontakt aufzunehmen, den er seit fast 25 Jahren nicht mehr gesehen hat. Er will jetzt endlich wissen, was damals wirklich passiert ist.

True Detectives: Roland West (Stephen Dorff) und Wayne Hays (Mahershala Ali) Bild: HBO

True Detectives: Roland West (Stephen Dorff) und Wayne Hays (Mahershala Ali) Bild: HBO

Die dritte Staffel bietet wieder alles, was True-Detective-Fans von ihrer Serie erwarten: Einen vertrackten Fall mit vielen Sackgassen und komplizierte Charaktere, die intensive, aber schwierige Beziehungen haben. Auch optisch und akustisch ist die Staffel wieder ganz großes Kino, ich habe jeden einzelnen Teil genossen, auch wegen des großartigen Mahershala Ali. Vor allem wie der alternde Wayne versucht, das Rätsel seines Lebens am Ende doch noch zu lösen, während er um sein entschwindendes Erinnerungsvermögen ringt, ist anrührend und beeindruckend.

 

Werbeanzeigen

Matrjoschka: Sterben ist einfach, leben ist hart

Nachdem es inzwischen eine ganze Reihe von Netflix-Serien gibt, die ich gar nicht so gut finde, habe ich jetzt eine entdeckt, die mir wirklich Spaß gemacht hat: Matrjoschka. Obwohl ich auch hier anhand der Kurzbeschreibung erst einmal vermutet hatte, dass sie ebenfalls nichts für mich sein würde: Eine Serie über eine New-Yorkerin, die ihren 36. Geburtstag immer wieder feiern muss, in dessen Verlauf sie jedes Mal stirbt?! Nee, nicht mein Ding. Deshalb habe ich den Zwangsvorspann, den Netflix mir aufdrängte, einige Male abgebrochen.

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) Bild: Netflix

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) Bild: Netflix

Aber dann las ich einen Tweet von Mr.-Robot-Schöpfer Sam Esmail, der Russian Doll als „funny, creative and moving“ sowie „deliciously batshit weird“ anpries. Und wenn der Erfinder einer meiner absoluten Lieblingsserien das findet, dann lohnt sich möglicherweise doch ein Versuch. Also habe ich beim nächsten Mal auf Netflix einfach auf „Play“ gedrückt. Und siehe da, die launige Spiele-Programmiererin Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) gefiel mir so gut, dass ich mir die Serie gleich komplett reinziehen musste, was für geübte Bingewatcher auch keine besondere Herausforderung ist, da sie leider nur aus acht etwa halbstündigen Teilen besteht.

Nadia weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, auch wenn sie es immerhin geschafft hat, 36 zu werden. Sie hat offenbar alles, was man zum Leben braucht, also einen Job, von dem sie existieren kann und Freunde, die ihr eine Party ausrichten. Gleichzeitig macht sich aber auch ein gewisser Überdruss bemerkbar: Nadia raucht zu viel, trinkt zu viel, zieht sich unterschiedlichste Drogen rein und schleppt Männer ab – sie sinniert darüber, ob sie möglicherweise schon in einer frühen Midlife Crisis steckt, falls auch Frauen so etwas haben sollten.

Nadias Freundinnen Lizzy (Rebecca Henderson) und Maxine (Greta Lee)

Nadias Freundinnen Lizzy (Rebecca Henderson) und Maxine (Greta Lee)

Aber wer kennt das nicht? Einerseits ist das Leben okay und man versucht, es entsprechend zu feiern und gleichzeitig weiß man nicht so recht, was das alles eigentlich soll. Mir geht es seit Jahrzehnten so und ich hoffte, dass es irgendwann wieder aufhören würde. Aber das tut es nicht, im Gegenteil: Es wird schlimmer und schlimmer. Also das mit den Parties wird weniger, aber dieses Gefühl, dass ich irgendwie im falschen Leben stecke, geht nicht weg. Und genau darum geht es in Matrjoschka.

Nun bin ich ja eine notorische Spielverderberin, weil ich immer zu viel spoilere. Aber im Fall dieser Serie verdirbt es wirklich den Spaß und die Spannung. Deshalb verrate ich jetzt nichts weiter zur Handlung, die alles in allem auch relativ übersichtlich ist, weil wir Nadias Geburtstag ja immer wieder erleben, allerdings in immer neuen Varianten. Es gibt allerdings Hinweise darauf, das die Zeit trotzdem immer weiter fortschreitet – es ist einfach spannend, dabei zuzusehen, wie Nadia versucht, ihr Schicksal zu überlisten, das ihr immer und immer wieder ein Bein stellt.

Gefangen in parallelen Zeitschleifen: Alan Zaveri (Charlie Barnett) und Nadia (Natasha Lyonne)

Gefangen in parallelen Zeitschleifen: Alan Zaveri (Charlie Barnett) und Nadia (Natasha Lyonne)

Und ich muss auch sagen, dass ich den Tenor einiger Kritiken, die ich zur Serie gelesen habe, nicht nachvollziehen kann: Die Auflösung des Plots sei letztlich irgendwie zu moralisch. Ja meine Fresse, wie soll man denn so etwas auflösen?! Es mag zwar naiv sein, an das Gute im Menschen zu glauben. Verwerflich finde ich das nicht. Und warum sollte sich nicht auch eine raubeinige, sarkastische und in jeder Beziehung schlagfertige Egozentrikerin wie Nadia nicht ab und zu auch um menschliche Wesen Sorgen machen anstatt immer nur um den meistens abwesenden Kater Oatmeal?

Netflix-Serie Matrjoschka: Hier ist irgendwas faul... x

Netflix-Serie Matrjoschka: Hier ist irgendwas faul…

So viel muss ich dann doch verraten: Nadia trifft irgendwann auf Alan (Charlie Barnett), der im wahrsten Sinne ihr Alter Ego ist. Also einerseits ihr Doppelgänger, der genau das durchmachen muss, was sie durchmacht, der aber gleichzeitig so ganz anders drauf ist. Nadia ist impulsiv, Alan ist beherrscht, Nadia liebt den Exzess, Alan die Kontrolle, Nadia ist eigentlich alles scheißegal und Alan hat einen strikten moralischen Kompass. Klar, das ist alles Klischee hoch zehn, aber ich finde, dass es in diesem Fall unterhaltsam und ansprechend aufbereitet wurde. Und das, obwohl ich inzwischen ziemlich abgefressen bin, was Zeitschleifen-Geschichten betrifft, wie heißt es so schön in Ijon Tichy: Raumpilot (bitte mit pseudo-polnischem Akzent): „aber das ist Science Fiction, da alles geht!“

Nein, da geht eben nicht alles. Insofern ich rechne den Matrjoschka-Autorinnen hoch an, dass sie konsequent in ihrem konkreten New Yorker Zeitschleifenuniversum bleiben und da eben kein kosmisches Ding draus machen. Das mag einigen dann am Ende zu profan sein. Aber so profan ist das Leben halt.

The Death of Politsatire

Auf der Liste der übelsten Diktatoren aller Zeiten dürfte sich nach der herrschenden Geschichtsschreibung Josef Stalin auf einem soliden zweiten Platz befinden – nach dem Herrscher über das Tausendjährige Großdeutsche Reich Adolf Hitler. Nun gibt es inzwischen quasi ein eigenes Genre von Hitler-Satiren (die konservative Welt hat hier eine ganz brauchbare Zusammenstellung gebracht. Mein persönlicher Lieblingshitler ist Helge Schneider in Mein Führer.)

Bei Stalin-Satiren scheint das etwas anders zu sein, vor allem da im potenziellen Heimatland der Stalin-Satire Russland noch immer nicht über Stalin gelacht werden darf. Jedenfalls wurde die Aufführung von The Death of Stalin in russischen Kinos verboten, weil der Film historische Symbole Russlands beleidige und absichtlich Streit in der Russischen Gesellschaft anfache.  Vermutlich hat die Humorlosigkeit der Duma das Interesse für diesen Film beim russischen Publikum jetzt erst recht geweckt. Dank Internet gibt es ja auch andere Möglichkeiten, an Inhalte zu kommen, die von Regierungen als nicht so wünschenswert angesehen werden.

The Death of Stalin Filmplakat

The Death of Stalin Filmplakat

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin absolut nicht der Ansicht, dass man die Sowjetunion und Hitler-Deutschland vergleichen kann. In der Sowjetunion wurde nach der Oktoberrevolution etwas noch nie da gewesenes und leider bis heute noch immer nicht so richtig gut Umgesetztes ausprobiert: Ein Staat, der wirklich für die Belange des gemeinen Volkes veranstaltet wird. Die arbeitenden Menschen sollten im Mittelpunkt stehen, ihre Bedürfnisse sollten ernst genommen und bedient werden. Die Früchte ihrer Arbeit sollten nicht mehr die Besitzer der dafür benutzen Produktionsmittel (also die Kapitalisten) reich machen, sondern die Arbeiter selbst.

Das ist eine sehr sympathische Idee, auch wenn sie heute gerade mit dem Hinweis auf den stalinischen Terror als fataler Irrweg denunziert wird. Das erklärt auch, warum ich kein Stalin-Fan bin. Trotzdem hat die UdSSR es geschafft, Millionen von Menschen, die im rückständigen Zarenreich keine Chance auf ein gutes und eigenständiges Leben gehabt hätten, auszubilden und damit zu Fachkräften zu machen, die nach der Oktoberrevolution eine atemberaubende industrielle Entwicklung auf die Beine gestellt haben. Mit kapitalistischen Mitteln hätte es niemals funktioniert, ein riesiges Land binnen weniger Generationen vom rückständigen Agrarstaat zu einer führenden Industriemacht auszubauen.

Und ob man das jetzt sinnvoll findet oder nicht, die Versorgung der ISS kann seit längerem nur dank der inzwischen zwar veralteten, aber noch immer zuverlässigen russischen Raketentechnik aufrecht erhalten werden. Okay, mit der Kollektivierung der Landwirtschaft ist es weniger gut gelaufen, da hätten die kommunistischen Kommissare daran denken sollen, dass, wenn man das Saatgut konfisziert, auch die nächste Ernte ausfällt. Es gab, wie überall, wenn man etwas Neues ausprobiert, schmerzliche Rückschläge und furchtbare Fehlentwicklungen. Und eine der gräßlichsten und schmerzlichsten Fehlentwicklungen des neuen Staatswesens dürften die Stalinistischen Säuberungen gewesen sein, denen zwischen 1936 und 1940 Millionen Menschen zum Opfer fielen, die, aus welchen Gründen auch immer, unter Verdacht gerieten, gegen das angeblich kommunistische Regime zu konspirieren. In der Zeit kamen auch zahlreiche überzeugte Kommunisten zu Tode.

Daraus folgt für mich, dass Stalin kein Kommunist gewesen sein kann. Ein Kommunist hätte niemals Menschen umgebracht, die anderer Ansicht waren als er selbst. Ein Kommunist hätte mit ihnen diskutiert. Auch die Vorstellung einer „Diktatur der Arbeiterklasse“ ist letztlich nicht kommunistisch, denn Kommunisten lehnen Diktatur ab. Der Witz am Kommunismus ist ja, dass die Leute, die all die Arbeit machen müssen, um ein System am Laufen zu halten, darüber bestimmen können, auf welche Art und Weise sie das tun. Rein objektiv ist schließlich völlig klar, dass jede und jeder etwas dafür tun muss, Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf zu haben. Und was man sonst noch für ein anständiges Leben braucht.

Aber da geht es auch schon los: Ein durchschnittlicher Multimillionär meint vielleicht, dass ein Privatflugzeug einfach dazu gehört, um seine auf der ganzen Welt verteilten Besitztümer in Schuss zu halten. Andere Zeitgenossen sind vielleicht mit fließend Wasser, einem funktionierenden Internetanschluss oder ein paar Quadratmetern Gemüsebeet zufrieden. Insofern ist es schon ein Problem, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Ich sehe allerdings nicht ein, warum die Welt ausgerechnet am Interesse der Leute ausgerichtet sein sollte, die ein Privatflugzeug als Lebensmittel benötigen. Ich halte es mit denen, die einfach nur genug zu essen und ein Dach über dem Kopf für alle wichtiger finden. Und die UdSSR hat das zumindest ein paar Jahrzehnte lang versucht. Trotz Stalin.

Jetzt habe ich nach der langen Vorrede den Faden verloren, denn eigentlich sollte es ja um den Film The Death of Stalin gehen. Den habe ich neulich gesehen und ich musste tatsächlich ein paar Mal lachen, was keine Überraschung sein sollte, schließlich wurde The Death of Stalin mit dem Europäischen Filmpreis 2018 in der Kategorie Komödie ausgezeichnet.

Aber so richtig lustig fand ich den Film letztlich nicht. Vieles von dem, was dort gezeigt wird, hat tatsächlich statt gefunden, und das ist überaus traurig. Aber andererseits ist genau das auch wieder ein Grund dafür, eine tief schwarze Komödie daraus zu machen. Aber für mich funktionierte das in diesem Fall nicht, kann sein, dass man erst ein paar hundert Gramm Wodka kippen muss, damit die entsprechende Stimmung aufkommt.

Denn die Zutaten sind ansonsten vielversprechend, es sind eine ganze Reihe toller Schauspieler an Bord und für Regie und Drehbuch (mit Ian Martin und David Schneider) ist Armando Iannucci zuständig, der durch The Thick Of It bekannt ist. Oder als Inspirator hinter der US-Comedy Veep, von der ich zugeben muss, dass sich mir der Humor dieser Serie auch nicht wirklich erschlossen hat. Ich habe mehrfach versucht, mir Veep anzusehen, aber irgendwie hat es nicht gezündet. Vielleicht verstehe ich dann doch zu wenig von US-Politik. Trump kapiere ich ja auch nicht, warum ist der eigentlich US-Präsident und nicht Hauptfigur einer Polit-Satire? Oder bin ich einfach in der falschen Realität?

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

Damit endlich zum Film: Wir sind in Moskau, im März 1953. Radio Moskau überträgt ein Mozart-Konzert mit der Klaviervirtuosin Maria Yudina. Genosse Stalin ist sehr angetan und hätte gern eine Aufzeichnung. Nur leider existiert keine, das Konzert wurde live gesendet. Jetzt muss schnell eine Kopie her, und dafür muss das Konzert noch einmal aufgeführt werden, koste es, was es wolle. Die für die richtige Akustik nötigen Zuschauer im Sendesaal lassen sich leicht ersetzen, mit Leuten, die man einfach von der Straße holt. Aber der Dirigent ist vor Angst in Ohnmacht gefallen, hier wird der Ersatz schon schwieriger. Und die Pianistin kann Stalin eh nicht leiden, sie findet, dass er ein Tyrann ist und lässt sich nur mit der diskreten Zahlung einer ziemlich großen Summe dazu bewegen, das Konzert noch einmal zu spielen. Puh.

Noch hat niemand von Belang sein Leben verloren. Aber das wird sich schnell ändern. Nachdem die Aufnahme unter großen Opfern stattgefunden hat, wird sie Stalin übermittelt. Maria Yudina hat eine handgeschriebene Nachricht in die Hülle geschmuggelt: Sie beschuldigt Stalin der Tyrannei und wünscht ihm den Tod. Stalin findet das so lustig, dass er einen Schlaganfall erleidet. Weil niemand es wagt, sein Zimmer unbefugt zu betreten, bleibt Stalin hilflos in seinem eigenen Urin am Boden liegen, wo er später von Mitgliedern des Zentralkomitees der KPdSU gefunden wird.

Und wie das mit Komitees und Protokollen so ist, erst einmal muss die Beschlussfähigkeit abgewartet werden und dann muss einstimmig beschlossen werden – der Genosse Stalin besteht nun einmal darauf, dass die Partei stets mit einer Stimme spricht. Als endlich beschlossen wird, dass nun ein Arzt zu rufen ist, stellt sich das Problem, dass alle fähigen Mediziner den Säuberungen zum Opfer gefallen sind. Also werden Ruheständler und Jungärzte ans Kranken- bzw. Sterbebett beordert, die allesamt nur feststellen können, dass jetzt nur noch ein Wunder helfen könnte, welches sich bekanntlich nicht eingestellt hat.

Doch längst bevor Genosse Stalin seinen letzten Atemzug aushaucht, geht der Kampf um die Nachfolge los: Formal wird der stellvertretende Generalsekretär des ZK Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) zum neuen Staatsoberhaupt. Allerdings sind alle anderen ZK-Mitglieder der Ansicht, dass Malenkow nicht der ideale Nachfolger ist. Insbesondere der intrigante Geheimdienstchef Lawrenti Beria (Simon Russell Beale) hat bereits Vorbereitungen für seine Machtübernahme getroffen. Den ehemaligen Außenminister Wjatscheslaw Molotov (Michael Palin), den Stalin auf eine seiner berüchtigten Todeslisten hat setzen lassen, begnadigt Beria spontan, weil er hofft, dass er ihm nützlich sein werde. Allerdings durchkreuzt ausgerechnet der bis dahin eher unauffällige Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) Berias Pläne, in dem er einen Konflikt zwischen Beria und dem Chef der Roten Armee, Georgi Schukow (Jason Isaacs), anheizt. Und dann gibt es noch Stalins Kinder Swetlana (Andrea Riseborough) und Wassili (Rupert Friend), die jeweils auf ihre Art ziemlich durchgeknallt sind, mit denen sich die jeweiligen Verschwörer aber gut stellen müssen. Sämtliche ZK-Mitglieder agieren extrem opportunistisch und eigennützig, insbesondere Beria schreckt vor keiner Grausamkeit zurück, um seine Interessen durchzusetzen. Es wird also weiterhin munter verhaftet, verhört, gefoltert und gemordet, auch wenn selbst Beria irgendwann auf die Idee kommt, dass die Aussetzung der Hinrichtungen und eine allgemeine Amnestie beim Sowjetvolk gewiss gut ankämen.

Es fiel mir wie gesagt ziemlich schwer, das alles so lustig zu finden, wie es offensichtlich gemeint war, vielleicht, weil der Film immer wieder zwischen alberner Klamotte und brutaler Trashsatire schwankt. Aber für das eine ist er zu blutig und für das andere nicht blutig genug. Insofern frage ich mich, was dieser Film eigentlich sein will: Eine Geschichtsstunde der anderen Art oder tatsächlich eine Politsatire? Auch wenn die Handlung von The Death of Stalin historisch nicht akkurat ist, so orientiert sie sich doch an Ereignissen, die in ähnlicher Form tatsächlich statt gefunden haben. Das tut schon weh. Insbesondere wenn man sich das heutige Politpersonal in der Weltspitze mal ansieht. Wer von denen würde denn nicht für den eigenen Vorteil über Leichen gehen? Wer von denen kriegt denn tatsächlich mit, wie die jeweiligen Untertanen so leben (müssen)!?

Das ist ja generell das Problem mit Politsatire: An drastischen Beispielen wird vorgeführt, wie „die da oben“ so drauf sind, da kann man dann drüber lachen und am Ende ändert sich – nichts. Wissen wir nicht längst, dass die Mächtigen böse sind, und sich aus ihrem Bedürfnis heraus, mächtig zu werden, zu sein und zu bleiben, bei jeder Gelegenheit zum Affen machen? Dass sie ohne mit der Wimper zum zucken, das Gegenteil von dem behaupten, was sie eben noch gesagt haben, nur weil sich der Wind gedreht hat?! Das hat George Orwell bereits im Jahr 1948 in seinem Roman 1984 besser auf den Punkt gebracht: „Frieden ist Krieg!“ „Sklaverei ist Freiheit!“ „Unwissenheit ist Stärke!“

Insofern: Man kann sich den Film schon ansehen, wenn man auf schwarze Komödien steht. Aber in dem Bereich habe ich schon Besseres gesehen.

Sharp Objects: Traumafabrik Familie

Nachdem ich wieder ins Serien-Bloggen eingestiegen bin, ist es gar nicht so einfach, unter den vielen Serien, mit denen die Serienfans im vergangenen Jahr überschwemmt wurden, eine besondere Serie für den nächsten Artikel auszusuchen. Klar, es gab die üblichen Highlights, etwa die 4. Staffel von Better Call Saul, die natürlich wieder absolut sehenswert war. Es gab auch eine weitere Staffel von The Handmaid’s Tale, die noch schwerer zu ertragen war als die erste, aber meiner Ansicht nach unbedingt Pflichtprogramm. Denn sie zeigt, was den Menschen in einer Gesellschaft blüht, in der ideologisch motivierte Fundamentalisten das Sagen haben, die an Gott und eben nicht an Freiheit, Gleichheit, Solidarität glauben, ähnlich wie das in The State der Fall ist. In diesem Fall sind es allerdings patriotisch gesinnte weiße Christen in den USA – aber die sind eben auch nicht besser als die Kopfabschneider vom IS.

Meine Wahl fiel auf Sharp Objects, eine achtteilige HBO-Serie, die meines Erachtens zu Unrecht als Füllstoff für das Sommerloch versendet wurde. Auch wenn sie tatsächlich nicht an den hochgelobten Vorgänger Big Little Lies von Regisseur Jean-Marc Vallée herankommt, war sie doch eine der Serien, die ich in der vergangenen Saison bemerkenswert fand. Sharp Objects beruht auf einem Roman von Gillian Flynn.

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Wie Big Little Lies ist Sharp Objects eine Frauenserie – hier geht es allerdings nicht um häuslichen Missbrauch einer eigentlich sehr intelligenten und erfolgreichen Familienmutter durch den liebenden, aber leider auch von Minderwertigkeitskomplexen zerfressenen Familienvater, sondern um etwas noch viel schwerer Fassbares: Es geht darum, was mit den Kindern passiert, wenn die liebende Mutter ihre Mutterrolle viel zu ernst nimmt. Adora Crellin (Patricia Clarkson) ist die Übermutter dieser ganzen beschissenen Kleinstadt Wind Gap. Im Verlauf der Serie stellt sich allerdings heraus, dass Adora auf eine extrem egoistische Weise nur für ihre Kinder da ist.

„It’s always the family“ sagt der Ermittler Detective Willis (Chris Messina), der von Anfang an den richtigen Instinkt hat, jedoch ohne zu ahnen, wie sehr er ins Schwarze trifft. Denn Richard Willis kommt von Außen, „Kansas City“ nennt ihn der örtliche Polizeichef Bill Vickery (Matt Craven), der sich nicht vorstellen kann oder will, dass in seiner kleinen, gut überschaubaren Stadt tatsächlich etwas unglaublich schief läuft.

Wind Gap (was soviel heißt wie Scharte oder Spalt) ist eine Kleinstadt in Missouri, in der jeder jeden kennt, Teenager auf den fast immer leeren Straßen Rollschuh laufen und der einzige größere Arbeitgeber eine Schweinemastfarm ist, die natürlich Übermutter Adora gehört, die in jeder Beziehung die Seele dieses Ortes zu sein scheint. Aus dieser Enge ist ihre Tochter Camille (Amy Adams) einst geflohen.

Camille Preaker ist ebenso Alkoholikerin wie Reporterin (der kürzeste Journalistenwitz: „Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorbei“) und wird von ihrem Chef nach Hause geschickt, weil der eine gute Story wittert: Vor einiger Zeit ist in Wind Gap ein dreizehnjähriges Mädchen getötet worden, ein zweites wird nun vermisst. Da könnte ein Serienkiller am Werk sein. Frank Curry (Miguel Sandoval) will eine auflagensteigernde Exklusivstory. Behauptet er zumindest. Vielleicht will er auch nur seine Ambitionen als Hobbytherapeut ausleben, er weiß schließlich, dass Camille aus Wind Gap kommt und erhebliche Probleme mit ihrer Herkunft und ihrer Familie hat.

Wie auch immer, Camille fügt sich der Anweisung ihres Chefs und fährt mit ihrem alten Volvo nach Hause. Dafür, dass sie von Schokoriegeln und Schnaps lebt, den sie in eine Evian-Flasche abfüllt, sieht sie noch erstaunlich gut aus. Aber sie war ja zur ihrer Zeit in Wind Gap auch die strahlende Cheerleaderin, auf die jeder Junge in Wind Gap scharf war. Aber Camille hat sich gegen Heirat, Familie und Wind Gap entschieden, stattdessen versucht sie, sich in St. Louis als Journalistin durchzuschlagen. Und ihr Chef meint, dass aus ihr noch was werden könnte, wenn sie denn endlich einmal eine richtig gute Geschichte liefern würde.

Und weil Camille Preaker die Tochter ihrer Mutter ist, werden ihr auch einige Türen geöffnet, die jeder anderen verschlossen geblieben wären. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Natürlich ist ihre Mutter alles andere als begeistert, dass ihre Tochter nun nach Hause kommt, um hier im Müll zu wühlen. Camille soll sie nur ja nicht wieder bloßstellen, so wie einst, als die Tochter noch ein rebellischer Teenager war.

Adora, die, wie ihr Name schon andeutet, von allen bewundert werden will, ist buchstäblich bereit, über Leichen zu gehen, um das Image aufrecht zu erhalten, dass sie über Jahrzehnte sorgfältig aufgebaut hat: Sie ist eine aufopferungsbereite Mutter, sie ist eine Stütze der Gesellschaft, sie kümmert sich um ihre Gemeinde, sie ist einfach perfekt.

Camille ist von Adoras grenzüberschreitender Mutterliebe gezeichnet – ihr Körper ist von Narben übersät, die sie sich selbst beigebracht hat: Camille hat sich selbst Botschaften geschrieben, schmerzhaft in die Haut geritzt, um irgendwie zu überleben. In Rückblenden erfahren wir, dass Camille eine Schwester verloren hat, offenbar fühlt sie sich schuldig, weil sie noch lebt – auch wenn sie für diesen Tod nicht verantwortlich ist. Außerdem gibt es da eine Missbrauchsgeschichte, für die sich der damaligen Star der Footballmannschaft sogar bei Camille entschuldigen will – aber Camille verweigert ihm die Absolution: Er müsse halt genauso damit leben wie sie damit leben musste.

Camille lernt nun auch ihre viel jüngere Halbschwester Amma (Eliza Scanlen) kennen, die zuhause alles tut, um Mamas Liebling zu sein, heimlich aber auf den Spuren ihrer großen Schwester wandelt. Insofern ist Amma schlauer als Camille, sie weiß, was Mama von ihr will und bedient das, während Camille sich daran abgekämpft hat und in Ungnade gefallen ist. Aber genau deshalb wird Camille auch in der Lage sein, ihre kleine Schwester der tödlichen Umarmung ihrer Mutter zu entreißen: Nein, alles in allem ist das keine schöne Geschichte.

Aber genau das macht den Reiz dieser in den Alltag einer verschlafenen Kleinstadt verkleideten Horrorstory aus: Gerade weil es hier nicht um immer noch brutalere Gewalt und immer noch raffiniertere Serienkiller geht, sondern darum, was Menschen überhaupt dazu treibt, anderen – und, das ist hier schon perfide – ausgerechnet denen, die ihnen doch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, Böses anzutun, geht Sharp Objects so unter die Haut.

Leider ist es gar nicht so, dass Unterdrückte gegen ihre Unterdrücker aufbegehren. Sonst sähe diese Welt ganz anders aus. Im Gegenteil ist es so, dass sich die Unterdrückten die Strategien ihrer Unterdrücker zueigen machen und gegen Schwächere, oder, in Ermangelung von noch Schwächeren, gegen sich selbst richten. Das ist ja das Credo unserer angeblich so freien und fairen Erfolgsgesellschaft: Jede und jeder kann alles erreichen, wenn sie oder er sich nur genug Mühe gibt. Wenn du es nicht schaffst, dann muss es ja an dir selbst liegen. Die meisten Menschen schaffen aber nicht, was von ihnen erwartet wird und bestrafen sich dann konsequenterweise selbst. Wie Camille Preaker, die sich selbst verletzt. Wäre es nicht so, hätten wir noch sehr viel mehr Terroranschläge. Oder aus dem Ruder laufende Übermütter wie Adora. 

Oder anders herum: Während es eine allgemeine Hysterie gibt, was Gewalt durch Terroristen oder Serienkiller angeht, sterben tatsächlich viel mehr Menschen an Gewalt, die sie in den eigenen vier Wänden erleiden. Durch Menschen, die sie kennen und lieben. Und ausgerechnet dort schaut die Gesellschaft lieber weg als hin – insofern finde ich gut, dass Sharp Objects da eine Ausnahme macht: Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Übertriebene Fürsorge ist mitunter nicht weniger verhängnisvoll als Vernachlässigung.

Weil allgemein die Vorstellung herrscht, dass die Familie alles ausgleichen und auffangen muss, was für die einzelnen Menschen in der Gesellschaft schief läuft, sind die Erwartungen an das, was Familie tatsächlich leisten kann, geradezu absurd: Mütter und Väter sollen Geld verdienen, ein trautes Heim schaffen, sich um ihre Kinder kümmern, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein, ihre Eltern nicht vergessen und so weiter und so fort, und wenn es Probleme gibt, die es ja immer gibt, dann soll die eine für den anderen da sein und so weiter. Bei all den Risiken und Nebenwirkungen des modernen Lebens ist das ziemlich anstrengend. Und wenn dann die Kinder nicht wie erwartet geraten, es im Job nicht so läuft oder die mühsam aufgebaute Fassade des bürgerlichen Lebens auf andere Art und Weise Risse bekommt, greifen die Leute mitunter zu erstaunlichen Mitteln, um den Schein zu waren. Koste es, was es wolle.

Für Fans von herkömmlichen Familienserien ist Sharp Objects vermutlich nichts. Aber genau die sollten sich das ansehen. Und alle anderen natürlich auch.

The State: Willkommen im IS

Vor lauter Streit um Dieselverbot, Kohleausstieg und die Frage, warum es hierzulande keine Gelbwestenbewegung gibt, obwohl das Volk mehr als genug Gründe hätte, wütend auf die Straße zu gehen, hört man derzeit fast gar nichts mehr über den Krieg in Syrien. Vermutlich deshalb, weil die Truppen, die weiterhin zum syrischen Staatschef Basar al-Assad stehen, wieder die Oberhand haben. Was eine peinliche Pleite ist, weil den wollte der freiheitlich-demokratische Westen ja weg haben. Das war schließlich der Grund für all das Elend und die Zerstörung eines zuvor vergleichsweise gut funktionierenden Landes im Nahen Osten. Aber leider stellte sich dort, ähnlich wie auch in Afghanistan, Irak oder Libyen, nach dem Sturz der ach so undemokratischen Machthaber eben nicht Freiheit, Demokratie und Eierkuchen ein, sondern ein Regime wesentlich unangenehmerer Zeitgenossen. Genau jener religiösen Fanatiker nämlich, die zuvor als angebliche Freiheitskämpfer vom Westen großzügig unterstützt wurden.

The State: Ushna (Shavani Cameron)

The State: Ushna (Shavani Cameron)

Damit komme ich zu der Serie, um die es hier heute gehen soll: The State. Gemeint ist der Islamische Staat, kurz IS, der sich in den von Kriegen zerstörten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ausgebreitet hat. Nun ist es auch den verlogensten Westlern nicht möglich, den Leuten ein Terrorregime islamistischer Fundamentalisten als die bessere Alternative für eine angeblich freiheitsbedürftige Bevölkerung zu verkaufen. Der IS ist ein ärgerlicher Betriebsunfall, auch wenn man den, vor allem nach den Erfahrungen in Afghanistan, durchaus hätte voraussehen können: Die Leute vom IS nehmen gern Geld, Waffen und sonstige Ausrüstung aus dem Westen an, lehnen die aber westliche Lebensweise inklusive Kapitalismus ab. Das ist übrigens der entscheidende Unterschied zu den Saudis, die zwar auch religiöse Fanatiker sind, aber gute Beziehungen zu den Kapitalisten in aller Welt unterhalten, weshalb man sie auch in Ruhe lässt. Obwohl die Assads oder Gaddafis dieser Welt im Vergleich mit den al Sauds fast schon als lupenreine Demokraten durchgehen müssten.

Aber genug davon, eigentlich betreibe ich ja einen Serienblog. Und damit es nicht immer nur um Netflix und Co geht,  habe ich mir den britischen Vierteiler The State angesehen, in der es um vier junge Menschen geht, die sich dem IS in Syrien anschließen. Um die für mich größte Schwäche der Serie gleich vorwegzunehmen: Auf die Frage, was die jeweiligen Protagonisten überhaupt motiviert, sich einer in meinen Augen überaus rückständigen und menschenfeindlichen Bewegung anzuschließen, gehen die Macher von The State gar nicht ein. Wir müssen uns damit zufrieden geben, dass es sich diese jungen Aktivisten im Namen Allahs bereits haben einleuchten lassen, dass sich der Aufbau eines Islamischen Staates lohnt, in dem jeder und jede ein gottgefälliges und damit glückliches Leben führen kann. Und das man dafür kämpfen, und so Allah es will, auch sterben muss. Wobei durchaus gezeigt wird, dass die Propaganda in sozialen Netzwerken eine große Rolle spielt, für die entsprechende Social-Media-Experten des IS gezielt Inhalte produzieren und verbreiten.

The State: Shakira (Ony Uhiara)

The State: Shakira (Ony Uhiara)

Insofern haben alle vier unrealistische Erwartungen an den neuen Staat, dem sie ihr Leben widmen wollen. Sie werden alle enttäuscht, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Da ist die farbige Muslima Shakira (Ony Uhiara), eine Ärztin, die sich mit ihrem neunjährigen Sohn auf den Weg nach Syrien macht. Sie will ihren Brüdern und Schwestern vor Ort einfach helfen, weil sie weiß, dass sie dafür hervorragend qualifiziert ist. Der junge Jalal (Sam Otto) hingegen geht nach Syrien, weil sein älterer Bruder dort im Kampf gestorben sein soll. Er ist ein Hafiz, er kann den gesamten Koran auswendig, was ihm unter den Brüdern in London viel Achtung eingebracht hat. Entsprechend irritiert ist er, als die Brüder vom IS ihn fragen: „Und, was kannst du sonst noch?!“

Jamal wird begleitet von seinem Freund Ziyad (Ryan McKen), der auf ein Abenteuer aus ist. Ihn lockt die Sache mit den 72 Jungfrauen, wenn er als Märtyrer stirbt. Und für verdiente Kämpfer gibt es ja zuvor schon wenigstens eine, zwei oder noch mehr echte Frauen, die sich um ihr leibliches Wohl sorgen. Eine solche will die junge Ushna (Shavanni Cameron) werden, oder besser: Eine Löwin unter Löwen. Ihr ist anfangs am wenigsten klar, worauf sie sich eingelassen hat. Sie weint, weil die IS-Leute ihr aus Sicherheitsgründen das Handy weggenommen haben und sie ihre Eltern nicht anrufen kann. Denen sie offenbar aus guten Gründen nicht gesagt hat, dass sie weggeht. Und schon gar nicht, wohin.

Ushna war noch nie auf eine Gemeinschaftsküche angewiesen, ganz zu schweigen von einer Gemeinschaftstoilette. Damit hat sie wirklich ein Problem: Sie hatte früher ein eigenes Badezimmer, also scheint ihre Familie nicht zu den Verlierern in der britischen Gesellschaft zu gehören. Wobei es ja auch wieder dieses Gemeinschaftsding ist, was für junge Leute attraktiv ist: Es gibt da eine Gruppe, zu der du gehören kannst und die sich um dich kümmert. Die dich und deine Wünsche und Sorgen versteht. Die immer für dich da ist, wenn du nur bereit bist, dein bisheriges Leben hinter dir zu lassen. So funktioniert jede Sekte.

Und ich will hier den Gedanken der Gemeinschaft, des Kollektivs, gar nicht schlecht machen. Im Gegenteil finde ich die Idee total gut, dass man vieles gemeinsam tun und nutzen kann. Das spart Ressourcen, macht Spaß und ist auch sonst in vielerlei Hinsicht sinnvoll: Warum nicht ein Haus, ein Auto, eine Waschmaschine, einen Rasenmäher und so weiter mit anderen teilen? Andererseits brauche ich definitiv meine Privatsphäre: Mein Bett, mein Computer und überhaupt meine persönlichen Dinge, von denen nur ich sagen kann, was ich brauche und was nicht. Die sollen dann auch wirklich privat sein, also nur für mich. Und lasst mich mit Gott in Ruhe. Schon die Tatsache, dass es wahnsinnig viele Götter gibt, von denen einige behaupten, dass sie der einzige seien, sollte einen stutzig machen.

Vermutlich ist das einer der Gründe für die Überzeugungskraft des Islam: Er ist einfach. Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet. Das christliche Glaubensbekenntnis ist sehr viel länger und, ganz wichtig: es beginnt mit „ich glaube…“. Glaube wiederum beinhaltet Zweifel. Aber mit so etwas hält sich ein überzeugter Moslem nicht auf: Es ist einfach so. Das macht unsere komplizierte Welt sehr viel übersichtlicher. Wobei das auch nicht immer angenehm ist, wie Shakira, Ushna, Jalal und Ziyad bald feststellen müssen. Dabei werden sie alle erst einmal mit offenen Armen willkommen geheißen, in der Gemeinschaft des Daesh. Die Frauen von ihren Schwestern, die Männer von ihren Brüdern: Was immer ihr braucht, wir besorgen es für euch.

Allerdings stellt sich bald heraus, dass die Entscheidung darüber, was wer jeweils braucht, von reichlich engstirnigen Fanatiker*innen getroffen wird. Und zu allererst braucht es Gehorsam und Disziplin. Die Männer werden in einer Art Crashkurs auf ihren Einsatz als Märtyrer vorbereitet, die Frauen werden auf ihre künftige Rolle als Ehefrau und Mutter eingeschworen, die verdienten Kämpfern ihr irdisches Leben so angenehm wie möglich machen und natürlich möglichst viele Kinder gebären sollen.

Ushna kann sich damit abfinden, offenbar wurde sie in ihrem konservativen Elternhaus ohnehin auf eine solche Rolle vorbereitet. Nur dass sich ihre Eltern sicherlich eine Zukunft mit einer guten Partie im sicheren Großbritannien für sie vorgestellt haben. Aber Ushna wollte wohl lieber etwas Spannenderes erleben, und sei es ein wildfremder Ehemann, den nicht ihre Eltern, sondern ihre neue Gemeinschaft für sie auswählt. Sie hat auf ihrem Smartphone eine App, mit der sie die Anweisungen ihres neuen Ehemanns übersetzen kann. Der Mann mag sie und ist freundlich zu ihr, er besorgt sogar eine Sklavin, die sich um Ushna und den Haushalt kümmert. Denn das britische Essen, das Ushna kocht, schmeckt ihm nicht.

Shakira hingegen, die es in London als alleinerziehende Mutter geschafft hat, Ärztin zu werden, kann nich fassen, dass ihre Qualifikation jetzt nur noch darin bestehen soll, einen Mann glücklich zu machen. Und dann hat sie auch noch das Pech, dass der Kommandant, der für das örtliche Krankenhaus zuständig ist, Gefallen an ihr findet. Es ist ja nicht so, dass ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten nicht gebraucht würden. Aber sie ist halt eine Frau. Und für jeden Schritt, den sie in der Öffentlichkeit tut, braucht sie die Erlaubnis eines Mannes. Shakira muss sich allerhand einfallen lassen, um gegen den Willen des örtlichen Befehlshabers doch zu praktizieren und das geht nicht lange gut. Aus Verzweiflung schlägt sie einem Leidensgenossen aus dem Krankenhaus einen Deal vor: Der Arzt soll sie heiraten, und ihr dann erlauben, als Ärztin zu arbeiten. Doch leider weiß nicht nur Shakira, dass Dr. Rabia schwul ist. Kurz nach der Hochzeit wird er für ein Selbstmordkommando rekrutiert.

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

Für Jalal und Ziyad läuft es anfangs besser, sie sind schließlich Männer. Und als solche werden sie bald in die Gemeinschaft der potenziellen Märtyrer aufgenommen, mit entsprechenden Vergünstigungen. Aber auch sie stellen bald fest, dass im IS nicht islamische Vernunft und Weitsicht regieren, sondern Misstrauen und Willkür. Insbesondere der sensible Jalal leidet. Er freundet sich mit einem Apotheker an, der später verdächtigt wird, ein CIA-Spion zu sein. Und er erfährt die Wahrheit über seinen Bruder, der offenbar nicht der Held war, den Jalal in ihm sehen wollte. Jalal versucht immerhin noch, im Rahmen seiner Möglichkeiten Gutes zu tun, so kauft er eine jesidische Sklavin mitsamt ihrer kleinen Tochter, um sie vor weiterem Missbrauch durch seine neuen Brüder zu retten. Aber genau das macht ihn selbst verdächtig – der Terrorstaat wendet sich am Ende gegen ihn.

Alles in allem ist The State also nicht die ideale Serie für einen angenehmen Abend. Aber sie ist eine interessante und wichtige Ergänzung zu den ganzen Medienberichten über den IS und dessen Sympathisanten: Letztlich sind das auch nur Menschen. Dabei wird keineswegs um Verständnis für den IS und seine Unterstützer geworben, im Gegenteil: Die Leute da haben definitiv alle einen Knall. Aber wird eben gezeigt, mit welchen Mitteln naive junge Menschen, die in den Gesellschaften, in denen sie aufgewachsen sind, aus welchen Gründen auch immer keinen Platz für sich gefunden haben, angeworben und vereinnahmt werden. Und dann auch gegen ihren Willen gezwungen werden, Dinge zu tun, die sie von sich aus niemals getan hätten. Deren Wut und Frust vom IS gezielt ausgenutzt und eingesetzt wird. Und die einem am Ende dann doch irgendwie leid tun können, wenn sie allmählich kapieren, was für eine brutale, menschenverachtende Bande in ihrem neuen Staat das Sagen hat. Der IS lässt keinen davon kommen – und selbst für diejenigen, denen eine Flucht gelingt, ist das Leben danach nie wieder wie zuvor.