Game of Thrones: Endlich Finale

Nachdem ich dem Hype lange Jahre widerstanden habe, haben mich meine Kinder im vergangenen Winter hartnäckig (und mit Erfolg) bearbeitet: Als bekennender Serienfan dürfe ich nicht einfach die Serie aller Serien links liegen lassen. Wobei das ja keine böse Absicht war: Zuvor hatte ich schon mehrfach versucht, mit Game of Thrones warm zu werden. Aber die Serie macht es einem wirklich nicht leicht, wenn man die Bücher nicht kennt: Auch beim dritten oder vierten Versuch bin ich irgendwann im Verlauf der ersten Folge ausgestiegen – diese rätselhaften Toten im düsteren Winterwald waren einfach nicht mein Ding.

Game of Thrones: Ned Stark (Sean Bean)

Game of Thrones: Ned Stark (Sean Bean), die Hand des Königs auf dem Eisernen Thron Bild: hbo.com

Obwohl ich ja selbst Winter heiße. Meine  (mittlerweile erwachsenen) Kinder haben mir sogar eine GoT-Tasse geschenkt, die mit dem Wolfskopf der Starks und dem Motto: „Winter is coming“. Die Tasse mag ich tatsächlich, und auch wenn dieser Winter nun vorbei ist, fühle ich mich verpflichtet, meinen Teil zum Serienerlebnis beizutragen. Denn in einigen Tagen kommt die allerletzte Staffel raus und danach ist GoT für immer Geschichte.

Was bisher geschah: Ich war krank und hatte meine ganzen aktuellen Lieblingsserien schon ausgesehen. Meine Kinder veranstalteten in dieser Situation eine Art betreutes GoT-Watching mit mir: Ich durfte nicht ausschalten, bekam aber, wenn ich die Pausetaste drückte, umfangreiche Erklärungen zum gerade Gesehenen. Mit derartiger Nachhilfe kam ich über die ersten vier, fünf Teile hinweg langsam in die Handlung mit den am Anfang ja noch unübersichtlich vielen Hauptfiguren hinein – und dann wollte ich natürlich irgendwann von ganz allein wissen, wie es weiter geht.

Game of Thrones: Waren die mal süß! Bran, Arya und Sansa Stark. Im Hintergrund Thron Greyjoy und Jon Snow. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Waren die mal süß! Bran, Arya und Sansa Stark. Im Hintergrund Theon Greyjoy und Jon Snow. Bild: hbo.com

In den vergangenen Monaten habe ich mir die bisherigen Staffeln von Game of Thrones in einer konzentrierten Nachhol-Aktion angesehen – auch wenn ich noch immer darauf bestehe, das Breaking Bad die bisher beste aller Serien ist, und dann kommen erstmal die Sopranos, The Wire und natürlich Mad Men. Langsam kann ich aber nachvollziehen, warum GoT einen Rekord nach dem anderem bricht: Die Serie ist wirklich spannend und bietet eine Menge Drama, Sex und Wahnsinn, so dass man kein ausgesprochener Fantasy-Fan sein muss, um Spaß daran zu finden.

Es ist wie damals, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit dem Herrn der Ringe – auch den fand ich, ehrlich gesagt, ziemlich zäh, aber den musste man als junger Mensch einfach gelesen haben. Und für Vielleserinnen war das halt so eine Etappe, die man einfach durchhalten musste, wie die Bergwertung bei der Tour de France. Ich bin bis heute kein Fan von Mittelerde, aber manches muss man einfach mal durchgemacht haben, schon aus Gründen umfassender Allgemeinbildung. Ähnlich erging es mir mit Game of Thrones.

Game of Thrones: Cersei Lannister und Margaery Tyrell Bild: hbo.com

Game of Thrones: Cersei Lannister und Margaery Tyrell Bild: hbo.com

Wenn man Historienserien wie Vikings, The Last Kingdom oder Borgia mag, dann ist diese Geschichte eines fiktiven mitteleuropäischen Mittelalters ein unerwartetes Vergnügen. Denn sie ist eigentlich noch besser, weil hier eben nicht Geschichte, oder vielmehr das, was man heute vermeint, darüber zu wissen, nachgestellt wird, sondern anhand dessen, was aus der Geschichte bekannt ist, spannende Dinge über Menschen und ihre Beziehungen zueinander erzählt werden. Gerade Vikings ist eine reichlich brutale, aber sehr stylisch inszenierte Fantasyserie, die mythische Figuren aus nordischen Sagas zum Leben erweckt. Viele der Vikings-Charaktere haben zwar einen historischen Hintergrund, sind aber doch in erster Linie Personifizierungen neu interpretierter Legenden. In Game of Thrones ist halt auch die historische Vorlage erfunden, aber das stört letztlich nicht, weil sich George R.R. Martin das GoT-Universum überaus akkurat und detailreich ausgedacht hat. 

Das Setting von A Song of Ice and Fire ist realistisch enervierend, denn in Westeros gelten die üblichen patriarchalischen Regeln, die nicht nur hierzulande vor ewigen Zeiten etabliert wurden: Der Mann ist das Familienoberhaupt, es gibt Ritter (die „Ser“ heißen) und gelehrte Männer (die „Maester“ genannt werden), Frauen sollen nur hübsch und folgsam sein, Kinder gebären und ihren Familien keine Schande bereiten – während die Männer, nun ja, die haben oft andere Dinge im Kopf als gerade angebracht wäre. Insofern finde ich besonders interessant, dass sich in dieser Serie über eine wiedermal von starken Männern dominierte Welt eine Reihe ihnen mindestens ebenbürtige weiblicher Hauptcharaktere profilieren können: Allen voran Cersei Lannister (Lena Headey), die von Anfang an die Königin der sieben Königreiche ist, auch wenn ihr Ehemann Robert Baratheon (Mark Addy) offiziell auf dem Eisernen Thron sitzt. Robert ist ein Hitzkopf, ihm liegt das Regieren nicht, er geht lieber auf die Jagd oder ins Bordell, als sich um die Festigung seiner Macht zu kümmern. Deshalb holt er seinen alten Freund zur Hilfe, Eddard Stark (Sean Bean), den Wächter des Nordens an seinen Hof und macht ihn zur Hand des Königs.

Game of Thrones: Brienne of Tarth und Jaime Lannister Bild: hbo.com

Game of Thrones: Brienne of Tarth und Jaime Lannister Bild: hbo.com

Ned, wie er von seinen Freunden und seiner Familie genannt wird, ist ein Ehrenmann alter Schule, er erfüllt all die lästigen Pflichten, die er als Hand des Königs zu erfüllen hat. Und gerade weil er ein klassischer Ritter ist und mit Politik nichts am Hut hat, überlebt er in dieser heiklen Position auch nicht allzu lange. Ned hat gemeinsam mit seiner Frau Catelyn (Michelle Fairley), die ebenfalls aus einer alten und angesehen Familien stammt, eine Menge Kinder, von denen es einige in der grausamen Welt von Westeros ziemlich weit bringen. Auch wenn es das Schicksal ausgerechnet mit dem erstgeborenen Sohn Robb (Richard Madden), der in den frühen Staffeln als junger Wolf glänzt, nicht allzu gut meint.

Übles widerfährt auch den anderen Stark-Kindern, etwa dem kleinen Bran (Isaac Hempstead Wright), der früh in Folge eines Sturzes zum Krüppel wird, später allerdings übernatürliche Kräfte erlangt. Die älteste Stark-Tochter Sansa (Sophie Turner) hingegen erhofft, durch Heirat Königin zu werden – doch der Thronfolger Joffrey (Jack Gleeson), der Sohn von Cersei Bannister und Robert Baratheon, entpuppt sich als sadistisches Arschloch, das schließlich einer anderen den Vorzug gibt und Sansa damit unbeabsichtigt ein besseres Schicksal ermöglicht.

Game of Thrones: Lord Varys und Tyrion Lannister Bild: hbo.com

Game of Thrones: Lord Varys und Tyrion Lannister Bild: hbo.com

Sansa hat über die bisher sieben Staffeln der Serie eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen, von der naiven Prinzessin, die es allen recht machen wollte, und entsprechend ausgenutzt und missbraucht wurde, zu einer selbstbewussten jungen Frau, die menschliche Abgründe kennt und ebenso umsichtig wie mutig ihre Interessen verteidigt. Im Rennen um den Eisernen Thron sind allerdings noch einige andere, Sansas kleine Schwester Arya (Maisie Williams) etwa, die von Anfang an eine Vorliebe für Kampf und Konflikt gezeigt hat, und mittlerweile nicht nur eine talentierte Schwertkämpferin, sondern auch eine vielgesichtige Rachegöttin ist.

Und dann ist da natürlich das extrem problematische Traumpaar bestehend aus Jon Snow (Kit Harrington) und Daenerys Targaryen (Emilia Clarke), die wenn ich die Familienverhältnisse richtig verstanden habe, Tante und Neffe sind, aber das eben (noch?) nicht realisiert haben. Jon glaubt ja noch immer, ein Bastard-Kind von Ned Stark zu sein, auch wenn wir mittlerweile wissen, dass er der Sohn von Neds heißgeliebter Schwester Lyanna Stark und Rhaegar Targaryen und somit ein heißer Aspirant auf den Eisernen Thron ist. Wobei derartige Familienverhältnisse bei Targaryens nicht ungewöhnlich sind, ähnlich die ägyptischen Pharaonen haben die den Knall, innerhalb der Familie zu heiraten, damit die Blutlinie rein bleibt. Aus biologischer Sicht extrem problematisch, aber egal, so ist das mit Royals nun einmal. Daenerys jedenfalls ist ebenfalls eine extrem starke und sendungsbewusste Frau, die bisher sämtliche Anschläge auf ihr Leben überstanden und dazu noch eine vergleichsweise menschenfreundliche Art der Herrschaft entwickelt hat: Sie sieht sich nicht als Unterdrückerin, sondern als Befreierin. Ähnliches lässt sich über Jon berichten, der nach diversen Abenteuern nördlich der großen Mauer von seinen Leuten zum König des Nordens gewählt wurde, weil sie in ihm einen geeigneten Anführer sehen, der den Gefahren des anstehenden langen Winters trotzen kann.

Eis und Feuer: Jon Snow und Daenerys Targaryen Bild: hbo.com

Eis und Feuer: Jon Snow und Daenerys Targaryen Bild: hbo.com

Das Verhältnis von Cersei Lannister und ihrem Bruder Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) ist nicht weniger anrüchig. Inzwischen sind alle drei Kinder tot, die aus dieser inzestuösen Verbindung hervorgegangen sind und es zeichnet sich ab, dass Jaime sich von seiner intriganten und machthungrigen Schwester losgesagt. Und dann ist da auch noch ihr kleiner Bruder Tyrion (Peter Dinklage), der Gnom. Auch Tyrion Lannister hat eine interessante Entwicklung erfahren: Vom dekadenten Adelsspross, der seine Tage versoffen und verhurt hat, zum verantwortungsvollen und klugen Berater der (vermeintlich) letzten Überlebenden aus dem Haus Targaryen, Daenerys, der Sturmgeborenen, der rechtmäßigen Erbin des Eisernen Throns, der Herrscherin über die Andalen und die ersten Menschen, der Khaleesi des Großen Grasmeeres, der Unverbrannten, der Sprengerin der Ketten, der Mutter der Drachen. Auch Tyrion ist mit jeder Herausforderung gewachsen und stärker geworden. Er hat beschlossen, die weniger selbstsüchtige und grausame Daenerys im Kampf um den Eisernen Thron zu unterstützen, zumal er begreift, dass nur eine breite Allianz sämtlicher Häuser in der Lage sein wird, gegen den Nachtkönig und die Weißen Wanderer zu bestehen, die mit dem anstehenden langen Winter in die sieben Königreiche einfallen.

Game of Thrones: Die Last der Bildung. Sam in der Zitadelle der Maester. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Last der Bildung. Sam in der Zitadelle der Maester. Bild: hbo.com

Das alles ist schon ziemlich cool, und man sehe mir an dieser Stelle nach, dass ich unmöglich die vielen bemerkenswerten Charaktere des Game-of-Thrones-Universums in einem einzigen Artikel unterbringen kann. Unbedingt muss ich erwähnen das nette Dickerchen Samwell Tarly (John Bradley), der zwar auf den ersten Blick keineswegs zum Ritter oder auch nur zu einem Mann der Nachtwache taugt, sich aber doch immer wieder als mutig und vor allem klug entpuppt. Seine Weisheit bezieht er in der Regel aus alten Büchern, Sam mag zwar schwach und feige erscheinen, aber er ist ein Mann der Weisheit, der zeigt, dass Bildung ebenso wichtig und nützlich sein kann, wie die Fähigkeit, im Kampf zu bestehen.

Der intrigante Littlefinger (Aidan Gillen) ist zwar mittlerweile Geschichte, aber die Figur des Petyr Baelish war streckenweise durchaus wegweisend für den Fortgang der Serie, ebenso wie die des Lord Varys (Conleth Hill), der noch immer seine Fäden spinnt. Wesentlich zupackender ist Brienne of Tarth (Gwendoline Christie), die zumindest körperlich stärkste Frau im Game-of-Thrones-Universum, die im Zweikampf sogar The Hound Sandor Clegane (Rory McCann) schlagen konnte, der nun keinesfalls ein Schwächling, sondern im Gegenteil ein überaus gefürchteter Gegner ist. Sie zieht die Aufmerksamkeit des ebenfalls nicht gerade schwächlichen Wildlings Tormund (Kristofer Hivju) auf sich. Mal sehen, ob draus noch etwas wird. Und wo wir bei den Wildlingen sind, muss ich unbedingt Gilly (in der deutschen Version Goldie, Hannah Murray) erwähnen, die Wildlingsfrau, in die Sam sich verliebt und weshalb er sie und ihren neugeborenen Sohn vor den weißen Wanderern rettet, und natürlich die wilde Ygritte (Rose Leslie), an die Jon Snow seine Umschuld verliert. Auch die beiden sind starke und eigenwillige Frauen, genau wie Osha (Natalia Tena), die gemeinsam mit den Halbriesen Hodor (Kristian Nairn) Bran auf seinem Weg zum dreiäugigen Raben beschützt.

Game of Thrones: Die Wildlinge Ygritte und Tormund. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Wildlinge Ygritte und Tormund. Bild: hbo.com

Doch, wenn ich die Charaktere so durchgehe, stelle ich fest, dass GoT durchaus auch eine Frauenserie ist, was sicherlich einen Argument für den durchschlagenden Erfolg liefert: Da wäre noch die rote Priesterin des Lichts Melisandre (Carice van Houten) und natürlich Margaery Tyrell (Natalie Dorner), die in der Lage ist, dem Ekel Joffrey Baratheon einige menschliche Gesten abzutrotzen, damit er gut vor seinem Volk da steht. Noch besser gefiel mir allerdings ihre Großmutter Oleanna Tyrell (die von keiner geringeren als der Emma-Peel-Darstellerin Diana Rigg verkörpert wird. Als kleines Mädchen war sie mein erstes Idol), die als alte Dame in gehobener Position das Privileg hat, endlich zu sagen, was sie denkt. Und dann sind da natürlich noch die vielsprachige Missandei (Natalie Emmanuel) im Gefolge von Daenerys Targaryen,  die lustige Hure Shae (Sibel Kekilli), Yara Greyjoy (Gemma Whelan), die starke Schwester des nicht so wahnsinnig starken Theon Greyjoy (Alfie Allen) last but not least Talisa (Oona Chaplin), die unerschrockene Schönheit aus dem Süden, für die der junge Wolf Robb Stark sein Schicksal herausgefordert hat.

Game of Thrones: Die Stark-Kinder sind erwachsen geworden. Sansa, Bran und Arya in der 7. Staffel Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Stark-Kinder sind erwachsen geworden. Sansa, Bran und Arya in der 7. Staffel Bild: hbo.com

Natürlich gibt es auch noch ein paar erwähnenswerte Jungs, die zum Auftakt der letzten Staffel noch im Rennen sind, abgesehen von Jon Snow, Jaime und Tyrion Lannister etwa Robert Baratheons Bastard Gendry (Joe Dempsie), den schlagkräftigen Schmied, den alten Kämpen Ser Jorah Mormond (Iain Glen) oder den Zwiebelritter Davos Seaworth (Liam Cunningham). Die Reihen haben sich im Verlauf der vergangenen acht Staffeln ziemlich gelichtet, was die Sache inzwischen sehr viel übersichtlicher macht. Was allerdings nicht unbedingt ein Pluspunkt ist: Gerade die siebte Staffel hat für meinen Geschmack viel zu sehr auf überwältigende visuelle Effekte, als auf die vorher zwar nicht immer überzeugende, aber doch spannende Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander gesetzt. Insofern ist schon zu befürchten, dass die letzte Staffel in ein sehr teures Splatter-Movie mit viel Blut, Feuer und Massen von halbverwesten Untoten abkippt. Aber wie sollte nach all dem, was wir mit GoT schon erleiden und ertragen mussten, ein gutes Ende denn überhaupt aussehen? Am 20. Mai, wenn die letzte Folge vorbei ist, werden wir schlauer sein. 

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