Wir sind keine Welle

Inzwischen gibt es neue deutsche Serien auf Netflix, aber ich muss leider feststellen, dass ich mit diesen Serien genau die Probleme habe, die ich prinzipiell mit deutschen Serien im „normalen“ deutschen Fernsehen habe. Das bedeutet, dass es offenbar doch nicht am übermäßig Proporz-orientierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegt, der es immer möglichst allen recht machen will, und auch nicht an den immer auf die Quote schielenden Privatsendern, die mit reißerischen Projekten auf bestimmte Zielgruppen aus sind. Und es ist ja nicht so, dass es überhaupt keine guten deutschen Serien gibt, spontan fallen mir 4 Blocks und Das Institut ein, aber das ist sehr wenig, gemessen am sonstigen Output von leider nicht besonders guten Serien.

Das muss ich nun leider auch für Netflix konstatieren, Netflix haut eine Menge neuer Serien raus, leider sind viele davon ziemlich mittelmäßig, und das gilt leider auch für die Netflix-Neuheiten aus Deutschland. Klar kommt es auch bei Netflix am Ende darauf an, wie gut die Serien ankommen, sprich, wie viele Abrufe es gibt – und ein bisschen auch, wie die Kritiken ausfallen. Aber ich hätte schon erwartet, dass es auf dieser vom deutschen Fernsehen und vom deutschen Mainstream unabhängigen Plattform mehr künstlerische Experimente und weniger deutsch-typischen Serien-Holzhammer gibt.

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Immerhin gibt es auch hier (sehr wenige) Ausnahmen, Dark und How To Sell Drugs Online (Fast) fand ich durchaus okay, HTSDOF ist sogar ziemlich witzig. Dark hingegen bietet für meinen Geschmack viel zu viel Mindfuck, aber offenbar kommt genau diese Art von metaphysischer Feinmechanik im Ausland gut an, gerade weil das so herrlich deutsch ist. Dogs of Berlin ist einfach Trash-TV, aber als solches schon wieder gut. Skylines ist so ähnlich, aber mit Musik statt Fußball und statt einem dunklen, bösen Berlin gibt es ein dunkles, böses Frankfurt. Hat mir alles in allem aber besser gefallen als Dogs of Berlin, weil nicht ganz so klischeehaft überzeichnet.

Nun also Wir sind die Welle, ein sehr deutscher Sechsteiler über eine Handvoll Außenseiter, die ihre Mitmenschen mit zunehmend spektakulären Aktionen zum Nachdenken bringen wollen. Mit dem Roman Die Welle von Morton Rhue hat die Serie eigentlich nicht mehr viel zu tun, hier geht es im Gegenteil eher darum, wie Jugendliche gegen gesellschaftliche Missstände, aber auch gegen ihre Fascho-Mitschüler, rebellieren. Für mich sieht Wir sind die Welle wie ein nicht so richtig gelungenes Remake des Films The East aus. In The East geht eine geheimbündlerisch organisierte Gruppe von Ökoterroristen gegen Pharmakonzerne vor, um deren Chefs für die von ihnen verursachten Gesundheits- und Ökoschäden zu bestrafen.

Ähnliches treibt auch den harten Kern der Welle um, vor allem Hagen (Daniel Friedl), der Sohn von Ökobauern, deren Betrieb durch einen der großen Arbeitgeber vor Ort ruiniert wurde, will ein Zeichen setzen. Hilfe bekommt der dickliche Außenseiter von anderen Außenseitern, etwa Rahim (Mohamed Issa), der als Ausländer gemobbt wird und dem Mauerblümchen Zazie (Michelle Barthel). Der ebenso angstfreie wie charismatische neue Mitschüler Tristan (Ludwig Simon) sammelt ganz gezielt die Loser um sich, die mit seiner Hilfe plötzlich über sich hinaus wachsen und zur Welle werden. Nur Lea (Louise Beford), die tennisspielende höhere Tochter fällt aus dem Rahmen, bei ihr ist es eher der Überdruss am Überfluss, der in ihr die Lust am Protest als Lifestyle weckt. Was ja auch keine neue Sache ist, von den Mitgliedern der RAF kamen ja auch viele aus dem Bildungsbürgertum und nicht aus der Arbeiterschicht. Wobei nein, linke Gewalt oder gar Linksextremismus wird hier keinesfalls verherrlicht. Dafür sind die jungen Leute bei der Welle viel zu unpolitisch. Höchstens Tristan, der Diplomatensohn, der arabisch spricht und offenbar viel gelesen hat, sympathisiert (ich würde eher sagen kokettiert) mit extremen Ideen aus dem linken Spektrum. Bei den anderen geht es um ihre persönliche Betroffenheit, auch bei Lea, die von ihrer Mutter ordentlich den Kopf gewaschen kriegt, als sie ihre Luxusklamotten aus einer Laune heraus spenden will.

Denn so sehr ich mich darüber gefreut habe, dass es jetzt quasi eine Serie zum FridaysForFuture-Feeling gibt, so enttäuscht war ich, dass die Serie eben keine „erfrischend politische Mainstream-Produktion“ ist, wie der Deutschlandfunk fand. Also Mainstream-Produktion schon, aber nicht erfrischend politisch. Und leider sind die Charaktere durchgehend wandelnde Klischees, von denen einige eine nicht weniger klischeehafte Entwicklung erfahren. Hier hätten mehr Tiefgang und weniger didaktisch gutgemeinter Holzhammer sicher viel bewirken können.

Was die Politik angeht und die persönlichen Konsequenzen, bleibt alles reiner Aktionismus. Während die Aktivisten in The East sich auch in ihrem Alltag in radikalem Verzicht üben, sie leben spartanisch auf einer verlassenen Farm, containern Lebensmittel und benutzen moderne Technik nur für ihre Aktionen, ändern die Jugendlichen in der neuen Serie auch, nachdem die Welle sie erfasst hat, keineswegs ihren Lebensstil. Ja, sie kritisieren Umweltverschmutzung, ja, ihre Aktionen werden radikaler, und es werden immer neue Grenzen überschritten, den Aspekt fand ich gut. Und ich gönne Hagen, Zazie und Rahim, dass sie dank ihrer Selbstermächtigung zumindest eine Weile mehr Spaß am Leben haben. Wobei das FFF ganz gut abbildet, so traurig das auch ist: Die Jugend sagt den Alten mal, wie frustrierend dieses ganze Scheißleben in dieser Scheißwelt ist, die andere für uns eingerichtet haben. Und der ganze Protest wird dann auch mal im Fernsehen gezeigt und gut is‘.

Denn um wirklich etwas zu ändern, braucht es eben mehr als verständlichen, aber wohlfeilen Protest. Selbst wenn der in einzelnen Aktionen auch mal total radikal wird. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute nur unter einem Mangel an Information leiden. Jeder und jede, die es wissen will, weiß, dass Industrieabfälle die Umwelt vergiften, Plastikmüll das Leben erstickt, die Überproduktion von allem Ressourcen verschleudert, die eigentlich für das Überleben der Menschheit gebraucht würden, deutsche (und anderer Herstellerländer) Waffen in aller Welt nicht unbedingt Frieden schaffen, Rassisten Arschlöcher sind und Neonazis dumm. Dafür haben wir keine weitere Serie gebraucht.

Denn um eine Idee zu entwickeln, was nach dem Protest kommen könnte, bräuchte es wirklich mal erfrischend politische Diskussionen, in denen über den Tellerrand des Mainstreams hinaus geschaut wird. Mir ist klar, dass keine Serie der Welt das leisten kann. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn es wenigstens mal versucht würde: Angenommen, wir hören auf euch, liebe jugendliche Protestierer, wie sähe denn eure Welt aus? Verzichtet ihr auf das neue Handy, fahrt ihr mit dem Rad, statt euch von Mama mit dem Auto abholen zu lassen, bringt ihr Papa veganen Lebensstil bei?

Okay, das könnte jetzt als Jugendbashing missverstanden werden. Ich meine es aber ernst: Ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen so ziemlich alles, was in dieser Welt gerade stattfindet, ganz entschieden protestieren muss. Weil es so nicht weiter gehen kann. Und jetzt wünsche ich mir eine Serie, die eine Utopie entwickelt. Ist doch egal, ob realistisch oder nicht. In einem fiktionalem Medium sollte man doch noch träumen dürfen. Aber das ist vielleicht ein Symptom dieser Zeit: Es gibt keine Zukunft mehr. Und schon gar keine bessere.

Ein großer Schritt für Apple?

Apple macht jetzt auch auf Netflix und wirbt auf seinen Geräten mit einem kostenlosen Probemonat um Kunden für seinen neuen Streaming-Dienst. Weil der Konzern dank seiner teuren iPhones auf einem Haufen Geld sitzt, kann er sich vergleichsweise kostspielige Produktionen leisten und bietet mit For All Mankind ein interessantes Projekt für den Einstieg an. Treue Leserinnen meines Blog wissen, dass ich Joel Kinnaman sehr schätze, insofern ist es keine Überraschung, dass ich mir die ersten drei Folgen der Apple-Serie angesehen habe. Der inzwischen auch in den USA etablierte Schauspieler aus Schweden verkörpert den Astronauten Ed Baldwin, der um ein Haar der erste Mensch auf dem Mond gewesen wäre.

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

Doch in For All Mankind waren die Sowjets die ersten, die auf dem Mond gelandet sind und der Kosmonaut Alexej Leonow tat den großen Schritt für die Menschheit im Namen der Marxistisch-Leninistischen Lebensweise, mit der die  gesamte Menschheit in eine bessere Zukunft geführt werden soll. Die Schmach für die USA und speziell für die Leute im ambitionierten Apollo-Programm ist schwer zu ertragen. Doch als echte Amis geben sie nicht auf, sondern krempeln die Ärmel hoch, um mit ihrem Weltraumprogramm die UdSSR am Ende doch noch zu übertreffen. Denn selbstverständlich geht es in dieser US-Serie nicht um eine mögliche Überlegenheit eines alternativen Systems, sondern darum, was man alles noch hätte machen können, wenn die US-Regierung nicht irgendwann das Interesse an der (überaus teuren) bemannten Raumfahrt verloren hätte.

Wobei ich ehrlich gesagt noch nicht ergründen konnte, worum es in dieser Serie tatsächlich geht. Die Idee einer alternativen Erzählung historischer Ereignisse finde ich sehr reizvoll, das hat mir beispielsweise an The Man in the High Castle gefallen. Aber diese Serie hat mich nach der beeindruckenden ersten Staffel nicht wirklich gepackt, weil auch hier nicht klar wurde, worauf die Geschichte eigentlich hinaus will. Ein ähnliches Problem zeichnet sich bei For All Mankind ab: Der Wettlauf zwischen den beiden großen Supermächten im All war und ist auch aus heutiger Perspektive spannend, ich habe mir anlässlich des 50. Jahrestags der Mondlandung in diesem Sommer stundenlang entsprechende Dokus angesehen.

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

Aber es geht hier nicht um eine Doku, sondern um eine Drama-Serie, und die stehen und fallen mit ihren Protagonisten. Und davon gibt es eine ganze Menge, der unglückliche Ed Baldwin hat Frau und Kinder, wie auch die meisten seiner Kollegen und Vorgesetzten, hier zeichnet sich eine Menge Familiendrama ab. Dann gibt es die junge NASA-Angestellte Margo Madison (Wrenn Schmidt), die erste und einzige Frau bei Mission Control, die in der dritten Folge eine Reihe neuer Kolleginnen bekommt, weil plötzlich unbedingt eine Frau mit ins All geschickt werden soll. Also werden ernsthafte Bewerberinnen gesucht, die natürlich einen entsprechenden Hintergrund brauchen und so springt die Geschichte von hier nach dort und spannt eine ganze Reihe unterschiedlichster Handlungs- und Spannungssbögen auf, bei denen noch nicht absehbar ist, wie gut oder schlecht sie sich ins große Ganze einfügen werden. Sexismus, Rassismus, #metoo, Flüchtlinge, die aus Mexiko nachts über die US-Grenze schleichen und gleichzeitig eine Art Make America Great Again, das ist ein reichlich überambitioniertes Serienrezept, das viele Geschmäcker bedienen will und am Ende keinem so richtig schmecken wird.

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen Bild: Apple

Die Faszination anlässlich der ersten Mondlandung wird in der Serie allerdings ziemlich gut rübergebracht, die ganze Welt schaut zu. Und überhaupt die 1960er, For All Mankind sieht so aus wie Mad Men, nur halt mit NASA. Ob die Serie allerdings den Sog entwickeln kann, den Mad Men entwickelt hat, weil sich die Serie ganz klar auf Don Draper und sein ziemlich spezielles Umfeld im New Yorker Werbebusiness der frühen 1960er Jahre konzentriert hat, bleibt abzuwarten. Es gibt viel Potenzial, es kann aber auch viel schief gehen. Ich bin gespannt, was die Serienmacher im Haus Apple noch daraus machen.