Jede Regierung lügt

In der Arte-Mediathek gibt es noch bis zum 16. Februar die kanadische Doku Jede Regierung lügt, die von Oliver Stone und Jeff Cohen produziert wurde. Die lohnt es sich auf jeden Fall ansehen, schon weil Lügen-Präsident Donald Trump darin entsprechend eingeordnet wird – er erscheint derzeit zwar als besonders drastischer Fall, aber das dürfte eher auf das extrem ungeschickte Agieren seiner Sprecher zurückzuführen sein. Noch hat er sein Land nicht in einen Krieg gelogen, wie so mancher US-Präsident zuvor. Und, da sollte man sich nichts vormachen, auch ein Barack Obama und eine Hillary Clinton lügen sich und den anderen ständig etwas vor, nur tun sie das geschickter und nicht so offensichtlich wie der Donald das mit seinen Kinderlügen tut. Er muss halt immer den größten und längsten haben – im Grunde müsste man froh sein, dass er sich an solchen Nichtigkeiten abarbeitet, da wäre sehr viel Schlimmeres denkbar. Ansonsten ist er leider vergleichsweise ehrlich: Er setzt konsequent um, was er im Wahlkampf angekündigt hat – Ausländer raus, Obamacare abschaffen, Bildungssystem ruinieren, Steuern für Reiche senken und Arme dafür zahlen lassen – kann keiner behaupten, dass man das nicht hätte wissen können.

Screenshot Jede Regierung lügt

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Doch ich schweife ab, denn darum geht es in der Doku gar nicht. Hier geht es eher darum, dass Donald Trump erstaunlicherweise Erfolg hat, obwohl er kein bisschen auf die Forderungen jener enttäuschten Verlierer eingeht, die ihn offenbar massenweise gewählt haben (ich weiß, Hillary hatte ein paar Millionen Stimmen mehr, aber es waren ja offenbar noch genug Verlierer für Trump übrig). Kritische Medienanalyse dazu: Fakten spielen keine Rolle. Trump hat geschafft, wofür in Deutschland Die Partei vor gut zehn Jahren angetreten ist: Inhalte überwinden.

Aber auch das kommt in dieser Doku nicht vor. Und leider geht diese sehr engagierte Doku auch leider überhaupt nicht darauf ein, WARUM jede Regierung lügt, ja, lügen muss!

Was nicht heißt, dass man sich die Zeit dafür sparen sollte, im Gegenteil. Sie liefert ja eine Menge Munition, nur wird sie leider ziellos verschossen. Hier geht es darum, zu erklären, dass man echten, kritischen Journalismus braucht, um all die Lügen aufzudecken. Denn die Mainstreammedien tun das nicht, diese Analyse ist durchaus korrekt. Die sind ja als Unternehmen darauf angewiesen, aus ihren Nachrichten ein Geschäft zu machen – also berichten sie über genau die Dinge, die Auflage, Reichweite und gute Quote versprechen.

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Und nicht über die Dinge, die unangenehm und ärgerlich sind. Wie Massengräber in Texas, in denen hunderte von illegalen Einwanderern verscharrt wurden. Aufrechte Journalisten regen sich zu recht darüber auf, dass das keinem der großen Sender und Medienverlage eine Meldung wert gewesen ist, statt dessen würde lieber gemeldet, dass Kim Kardashian im Central Park in eine Pfütze getreten sei. Und so wird eben auch nicht über Umweltskandale, oder Missstände in den Sozialsystemen, die Kriege, die von freiheitlich-demokratischen Regierungen vom Zaun gebrochen und unterstützt werden und so weiter berichtet – denn das will ja keiner wissen, meinen die Chefs. Wer will denn abends zur Entspannung Blut und Elend sehen. (Und warum dann die ganzen Krimis?! Nur so als ketzerische Überlegung)

Diese Doku beschreibt einen Ist-Zustand – natürlich ist das alles schlimm. Und es wird auch ganz gut erklärt, wie das mit der Selbstbestätigung der Medien (eine elaborierte Art der Filterblase) funktioniert, weil eben nur die Journalisten nach oben kommen, die sagen und schreiben, was die Chefs hören und lesen wollen. Und die haben es gern staatstragend und nicht kritisch. Denn das herrschende System ist ja das einzige denkbare. Insofern soll irgendwie schon „kritisch“ berichtet werden, aber es ist eben nur die Kritik zugelassen, die nicht an bestehenden Verhältnissen rüttelt, sondern sie bestätigt. Und im herrschenden System ist der Gedanke, dass die Welt untergeht, eher akzeptiert, als der Gedanke, dass der Kapitalismus vielleicht doch nicht das beste aller möglichen Systeme ist.

Screenshot Jede Regierung lügt

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Und so heißt es auch hier: Wenn sich alle an die Regeln halten würden, wäre alles besser. Insofern ist nur logisch, dass der Wahlsieg von Trump für die etablierten Medien so ein Schock war – sie haben genau das gemeldet, was sie melden wollten, hier war die gefühlte Wahrheit tatsächlich noch realer als die Realität. Aber ich bin schon wieder ganz wo anders – aber trotzdem sage ich: Schaut euch diese Doku an. Sie öffnet eine Tür, aber weiter denken muss man dann halt selbst.

Es kommen eine Reihe Journalisten zu Wort, die für unabhängige Medien arbeiten, und natürlich finde ich es gut und wichtig, über ihre Arbeit zu berichten. Genau wie es gut und wichtig ist, diese ganzen Lügen aufzudecken. Trotzdem wundert mich, dass eine entscheidende Frage nicht gestellt wird: WARUM lügen alle Regierungen?

Screenshot Jede Regierung lügt

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Die Antwort auf die Frage bleiben die Macher uns schuldig, also versuche ich mich mal daran: Weil alle Regierungen gegen die Interessen einer riesigen Mehrheit von Leuten handeln – nämlich so ziemlich aller außer den paar Superreichen, die von den Verhältnissen profitieren, die Mithilfe der ganzen Lügen sämtlicher Regierungen eingerichtet wurden.

Denn ganz offensichtlich sind die Verhältnisse gar nicht so, wie behauptet wird: Es geht eben nicht um das Wohl der Menschen, sonst wären die ganzen Lügen doch überhaupt nicht nötig. Wenn es darum ginge, allen Menschen ein auskömmliches Leben zu ermöglichen, bräuchte man weder Kriege, noch Mauern oder schärfere Einwanderungsgesetze, dann würde man sich eben zusammen hinsetzen und überlegen, wie man das sinnvoll organisiert.

Aber genau das passiert nicht.

Ich wünsche mir ein paar kritische Journalisten, die genau hier ansetzen: Was müssen wir tun, damit Regierungen nicht mehr lügen müssen? Die Antworten darauf werden vielen erstmal nicht gefallen. Aber irgendwo muss man doch anfangen.

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The People v. O. J. Simpson

Eins der größten Fernsehereignisse aller Zeiten dürfte der Mordprozess gegen den ehemaligen Football-Star O. J. Simpson im Jahr 1995 gewesen sein. Insofern verwundert es nicht, dass dieser Prozess, der mit einem, nun ja, angesichts der real existierenden Faktenlage durchaus fragwürdigen Freispruch für den Angeklagten endete,  für eine True-Crime-Serie neu aufbereitet wurde. Diese hat FX Anfang dieses Jahres als American Crime Story: The People v. O.J. Simpson ins Rennen geschickt. Tatsächlich räumte die zehnteilige Mini-Serie in der aktuellen Emmy-Saison insgesamt neun der begehrten Fernseh-Preise ab.

Und das durchaus verdient, schon die Besetzung ist fantastisch – von Cuba Gooding Jr. als The Juice, wie O. J. von Freunden und Fans genannt wird, über Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark (die für diese Rolle einen Emmy als beste Schauspielerin in einer Miniserie gewann) bis hin zu Courtney B. Vance als Johnny Cochran, David Schwimmer als Robert Kardashian und John Travolta, der den schmierigen Promi-Anwalt Robert Shapiro eher karikiert als darstellt – aber man weiß ja nie. Donald Trump war ja auch die Karikatur eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten – und konnte trotzdem gewählt werden.

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Aber wenn man sich diese 10 etwa einstündigen Folgen angesehen hat, in denen der Fall vom Zeitpunkt des Verbrechens bis zur Siegesparty akribisch nachgestellt wird, wundert man sich darüber schon viel weniger. Denn hier wird selbst einem an juristischen Spitzfindigkeiten nicht besonders interessierten Fernsehpublikum vorgeführt, wie unwichtig harte, nachprüfbare Fakten für die Produktion von gefühlten Wahrheiten sind, die plötzlich Realität werden, wenn nur genug Menschen davon überzeugt sind.

Wobei The People v. O. J. Simpson nun wirklich kein Beitrag über postfaktische Politik ist, sondern – wie auch die ebenfalls sehr gute Serie The Night Of – eine kritische Analyse des Justizsystems in den USA und zusätzlich noch ein interessantes Lehrstück über den Einfluss der öffentlichen Meinung auf eben diesen Prozess, was beispielsweise zu der absurden Situation führte, dass die Geschworenen einschließlich der zahlreichen Ersatzleute für die Dauer des Verfahrens in einem Hotel interniert wurden, wo sie einem totalen Medienverbot unterlagen – weil sie ja ausschließlich die Fakten, die im Gerichtssaal verhandelt wurden, als Grundlage für ihre Entscheidung heranziehen sollten und nicht die hiermit offiziell als tendenziös eingestufte Berichterstattung in den US-Medien.

In den USA müssen Anklage und Verteidigung mit allen Mitteln um die Gunst der Geschworenen werben, so dass allein schon die Auswahl und Zusammensetzung der zwölf Laienrichter, die am Ende ein einstimmiges Urteil fällen müssen, über den Ausgang des Verfahrens entscheiden kann. Dieser Umstand wurde in Fall O. J. Simpson von den beteiligten Juristen dermaßen ausgiebig strapaziert, dass der vorsitzende Richter Lance Ito (Kenneth Choi) nach zahlreichen Anträgen beider Seiten, bestimmte Geschworene als befangen zu entlassen, um sie durch andere zu ersetzen, schließlich die Reißleine zog und keine weiteren Wechsel mehr zuließ. Was für die Geschworenen wiederum hieß, dass sie nun bis zum Ende des Verfahrens quasi Gefangene waren.

Dazu kommt, dass ein begüterter Promi sich natürlich die besten Anwälte leisten kann, die wiederum jede Menge Experten anheuern können, die in der Lage sind, scheinbar todsichere Beweise infrage zu stellen, vermeintlich zuverlässige Zeugen zu diskreditieren oder alternative Theorien aufstellen, die beim genauen Hinsehen völlig irrelevant sind, aber erstmal sehr beeindruckend klingen – ein guter Strafverteidiger muss schließlich nicht die Unschuld seines Mandanten beweisen, was in vielen Fällen schon allein deshalb schwierig sein dürfte, weil sehr oft Menschen angeklagt werden, die tatsächlich etwa verbrochen haben, sondern er muss Zweifel an der Schuld seines Mandanten wecken. Das hat auch in diesem Fall gereicht.

Dabei war die Ausgangslage auf den ersten Blick recht eindeutig: Im Juni 1994 wurden die Ex-Frau von Simpson, Nicole Brown und Ronald Goldman vor Browns Haus im schicken Brentwood brutal ermordet. Ronald Goldman war vermutlich ein Zufallsopfer, er hatte an dem Abend eine Brille abgeben wollen, die Nicole Browns Mutter in jenem Restaurant vergessen hatte, in dem Goldman arbeitete. Nachdem Passanten den blutbeschmierten Hund von Brown bemerkt und daraufhin die Leichen entdeckt und die Polizei alarmiert hatten, begannen die Ermittler den Tatort zu sichern und erste Beweise sicherzustellen. Wie sich später herausstellen sollte, gingen sie dabei nicht besonders akribisch vor.

Einige Zeit später fuhren die Beamten zu Simpsons Haus, das nicht sehr weit entfernt im gleichen Stadtteil gelegen war. Den zu diesem Zeitpunkt noch nicht verdächtigen Simpson trafen sie allerdings nicht an, weil der gerade in einem Flugzeug nach Chicago saß – er hatte sein Haus gegen 23:15 Uhr verlassen, um den Flug noch zu erwischen. Dafür entdeckten sie weitere Beweismittel, unter anderem Blutspuren in Simpsons Ford Bronco.

Weil es außerdem eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt gab – während mehrjährigen Ehe hatte Nicole Brown immer wieder den Notruf der Polizei angerufen, weil ihr Mann sie misshandelte und bedrohte, auf einigen Mitschnitten war Simpson auch zu hören, weil er im Hintergrund brüllte. Es gab also eine Akte, in der zumindest ein Teil der Misshandlungen erfasst waren. Auch deshalb rückte Simpson schnell in den Fokus der Ermittlungen. Und die ergaben, dass Simpsons Alibi keineswegs wasserdicht war, sondern er durchaus die Gelegenheit gehabt hätte, die Morde zu begehen und sich dann schnell auf den Weg nach Chicago zu machen – einige Indizien legten das nahe, und ein Motiv gab es auch, den Klassiker Eifersucht und Rache.

Bei einem Nicht-Promi hätte das vermutlich gereicht, um einen Schuldspruch zu garantieren. Nun war O. J. Simpson aber ein populärer Sportler, ein ehemaliger Footballstar mit einer großen und treuen Fan-Gemeinde, die sich einfach nicht vorstellen konnte, dass ihr Held zu einer solchen Tat fähig sein könnte und ihn vehement verteidigte. Die Verteidigung nutzte das geschickt aus, um die „Rassismus-Karte“ zu spielen, was am Ende zu jener positiven Diskriminierung führte, dank der Simpson in diesem Fall davon kam: „Wir haben hier vermutlich den ersten Fall, in dem ein Angeklagter nicht verurteilt wurde, weil er schwarz war!“ fasste einer der beteiligten Juristen die Situation zusammen.

Nun sollte natürlich weder der soziale Status, noch Geschlecht oder Rasse vor Gericht eine Rolle spielen – tatsächlich ist das anders, und The People v. O.J. Simpson führt das eindrücklich vor. Und auch, dass man aus einem Justizskandal eine spannende Serie machen kann, die zwar nicht unterhaltsam im eigentlichen Sinne, aber absolut sehenswert ist.

Emmy Awards 2016: Diversität und Monokultur

Weil ich ja leider nachts schlafen muss, um tagsüber für meinen Job fit zu sein, konnte ich mir die Verleihung der 68. Emmy Awards heute erst als Feierabend-Event reinziehen – ohne Werbung zwischendurch waren es etwas über zwei Stunden, das kann man schon aushalten, auch wenn sich alle Preisträger bei Cast, Crew und Familie bedanken müssen (immerhin in wechselnder Reihenfolge), was dann irgendwann doch langweilig wird, genau wie die unvermeidlichen Politwitze: Donald Trump hat eine ganze Reihe von RL-Memes gesetzt, denen man einfach nicht entkommen kann. Make the Emmys Great Again. Make Television Great Again. And somehow we make the Mexicans pay for that. And so on.

Nichtsdestotrotz war Jimmy Kimmel gut in Form, und alles in allem ist der Abend ja gut ausgegangen: Rami Malek hat den Emmy als bester Hauptdarsteller in einer Dramaserie gewonnen, was mich natürlich sehr freut, wobei für mich auch okay gewesen wäre, wenn Bob Odenkirk ihn für Better Call Saul bekommen hätte. Und klar, auch die anderen waren alle sehr gut, aber Mr. Robot ist nun mal die beste der hier nominierten Serien, auch wenn Better Call Saul nur knapp dahinter liegt.

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

Ich denke, dass hier durchaus eine Rolle gespielt haben könnte, dass Rami Malek der einzige nicht eindeutig weiße männliche Schauspieler unter den Nominierten in dieser Kategorie war – was seiner Performance keinen Abbruch tut, denn Rami Malek ist einfach der beste denkbare Elliot Alderson. Aber so betont divers, wie sich die Emmys dieses Mal gegeben haben, liegt der Verdacht nahe – und das kritisiere ich ausdrücklich nicht: Vor wenigen Jahren noch hätte ein arabisch-stämmiger Schauspieler vermutlich gar keine Chance gehabt, eine Hauptrolle in einer stylischen, coolen, sehr ambitionierten US-amerikanischen Primetime-Serie zu spielen.

Unter den Nominierten waren insgesamt durchaus zahlreiche Afroamerikaner, so hat beispielsweise Courtney B. Vance den Emmy als beste Hauptdarsteller in einer Mini-Serie gewonnen oder Sterling K. Brown den als bester Nebendarsteller, die beste weibliche Nebendarstellerin in der Kategorie war Regina King. Und natürlich sind auch die Master-of-None-Autoren (und Darsteller) Aziz Ansar und Alan Yang Vertreter von Minderheiten – wobei der aus Taiwan stammende Alan Young bei seiner Dankesrede für den Emmy als bester Autor einer Comedy-Serie daran erinnert hat, dass es ungefähr genauso viele Amerikaner ostasiatischer wie italienischer Herkunft gibt – was sich aber in der Film- und Fernsehgeschichte der USA bisher nicht niedergeschlagen habe, im Gegensatz zu den Italienern mit ihren ikonischen Mafia-Dramen. Und er forderte die asiatischen Eltern auf, ihren Kindern Kameras statt Geigen in die Hand zu geben – dann hätten sie vielleicht auch mal eine Chance.

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Und insofern geht natürlich auch total in Ordnung, dass Jeffrey Tambor einen Emmy für seine Darstellung von Moira Pfefferman in Transparent wieder eine Auszeichung bekommen hat – und der gleichzeitig betonte, dass es hoffentlich das letzte Mal sei, dass er als Mann für die Darstellung einer Transgenderfrau herhalten musste, lieber solle man doch den echten Transgenders eine Chance geben.

Passend dazu hat Jill Soloway, die einen Emmy für die beste Regie in einer Comedy-Serie – eben Transparent – bekommen hat, die Kleiderordnung für Frauen souverän missachtet: Die Kombination von Bluse (mit Schleife) und Blazer war gewagt, aber total misslungen, rausgerissen haben das nur die roten Sportschuhe. Vor der Verweigerung der üblichen Highheels habe ich echt Respekt – mir ist ohnehin ein Rätsel wie andere Frauen Folterwerkzeuge mit 8 bis 10 Zentimeter Absatzlänge (oder gar mehr) einen Arbeitstag oder Abend am Fuß ertragen können. Wenn die Schuhe sehr gut gepolstert sind, kann ich das auch mal für ein paar Stunden ab, aber laufen in dem Sinne geht damit einfach nicht. Es gibt so vieles, was Frauen sowieso immer noch aushalten müssen – warum dann auch noch unbequeme Schuhe?! Männer tun sich das doch auch nicht an!

Wo wir aber gerade bei Frauen sind: Mich hat natürlich auch der Emmy für Susanne Bier gefreut, die als beste Regisseurin einer Miniserie den Preis für ihre Arbeit mit The Night Manager bekam. Es gibt ja nun wirklich nicht viele weibliche Regisseurinnen und noch weniger international anerkannte – aber vielleicht ändert sich das ja nun auch langsam mal. Wobei mich dann doch schon wieder ein bisschen genervt hat, dass Veep mit Emmys förmlich überhäuft worden ist. Ja, eine Comedyserie über eine erste weibliche US-Präsidentin ist schon lustig, und die Entschuldigung von Julia Louis-Dreyfus für das eigenartige politische Klima in den USA – eigentlich hätten sie ja eine Comedy-Serie machen wollen, nun sei Veep aber leider eine Dokuserie über den traurigen alltäglichen Wahnsinn – fand ich auch total sympathisch – aber ab und zu hätte in Sachen Comedy auch mal eine andere Serie irgendwas gewinnen können, so ging Silicon Valley komplett leer aus.

Genau wie bei den Dramaserien, wo Game of Thrones wieder so ziemlich alles abgeräumt hat: ja, das ist gewiss eine grandiose Serie, aber für alle, die es nicht so mit Drachen und epischen Schlachten haben, gibt es auch noch ziemlich gutes Fernsehen – so fällt mir gerade auf, dass es nicht eine einzige Nominierung für Halt and Catch Fire gab, was auch eine ziemlich gute Serie ist. Oder für Manhattan. Und tolle Serien wie Fargo oder Better Call Sauldie ebenfalls nominiert waren, konnten dieses Mal keinen Blumentopf gewinnen. Und bei den Mini-Serien war es nicht besser, da hat The People vs. O. J. Simpson fast alles andere platt gemacht.

Wobei, ich muss zugeben, dass es sympathische Ausreißer gab, etwa den Emmy für die beste männliche Gast-Rolle, der an Peter Scolari ging, der in Girls Hannahs Vater spielt oder für Margo Martindale, die sozusagen das weibliche Pendant in The Americans gab. Insofern sind auch die Emmys längst noch nicht so ausgewogen und perfekt, wie sie sich gerade feiern. Aber immerhin schon sehr viel weiter als die Oscars – was auch ständig betont wurde. Jimmy Kimmel hat das in löblich kritischer Selbstanalyse ja während der Show definiert:“Was wir hier in Hollywood noch mehr schätzen als Vielfalt, ist, uns selbst dafür zu feiern, wie sehr wir Vielfalt schätzen.“ Das ist aber genau die Selbstreflexion, zu der das Fernsehen bereits in der Lage ist. Mal sehen, wann das in der Kino-, äh Blockbusterindustrie denn ankommt.

Mr. Robot_dec0d3d.doc

Für alle, die es entweder gar nicht mehr erwarten können und jene, die immer noch nicht wissen, was sie eigentlich verpasst haben, hat USA Network Anfang der Woche ein Special gebracht: Mr. Robot_dec0d3d.doc

Auf der Seite von USA Network werden Nutzer aus unseren Breiten mit dem bekannt-beschissenem Geoblockig ausgesperrt. Was für passionierten Fans natürlich auch kein Hindernis darstellt. Aber für alle, deren Hacking-Skills sich in eben so engen Grenzen halten wie die Geschäftsmodelle von US-Kabelsendern, gibt es das Special auch auf YouTube:

 

 

Das Traurige daran ist – ich finde es gar nicht mal so gut. Was sicherlich daran liegt, dass ich die erste Staffel ohnehin langsam auswendig kenne, genau wie auch jeden öffentlich auffindbaren Kommentar dazu und insofern nicht mehr allzu viel Neues zu entdecken hatte. Und viele von den Dingen, die die Werbung für das Special versprochen hat, werden leider auch nicht eingelöst: Es ist ein einfach nur weiterer Aufguss ohnehin schon bekannter Dinge rund um die Serie Mr. Robot.

Was schon irgendwie interessant ist, sind die Statements der IT-Sicherheitsexperten und der Hacker, die die Serie und vor allem das darin gezeigte Hacking aus ihrer Sicht kommentieren – und dabei erklären, dass der einzige wirklich sichere denkbare Computer einer ist, den kein Mensch benutzen kann. Und für alle, die sich nicht ohnehin schon sämtliche Golden-Globe-, Critics-Choice- und What-The-Fuck-Award-Shows und auch sonst jeden Video-Schnipsel, der im Internet über Mr. Robot zu finden ist, reingezogen haben, gibt es vermutlich auch noch die eine oder andere neue Information über die erste Staffel an sich.

Wer sich also endlich auf den Stand bringen will, um am 13. Juli mit der zweiten Staffel einsteigen zu können, hat mit Mr. Robot_dec0d3d.doc letztlich doch ein ziemlich gutes Sprungbrett. Weshalb ich als Fan hiermit darauf hingewiesen habe.

Info in eigener Sache: Derzeit habe ich leider nicht so viel Zeit für neue Serien und Filme, was ich natürlich total schade finde, aber irgendwovon muss ich ja leben – und diese Seite ist das definitiv nicht. Ich muss jetzt noch eine Woche durchackern und dann habe ich endlich Urlaub – in dem ich viel unterwegs, aber eben nicht im Internet sein werde. Insofern werde ich den Staffelstart der neuen Folgen von Mr. Robot nicht so zeitnah kommentieren können, wie ich das bei der ersten Staffel getan habe – aber selbstverständlich werde ich das nachholen und dann dran bleiben!

 

Manh(A)ttan: Das Ende ist nah

Ein echter Geheimtipp für Freunde der anspruchsvollen Dramaserie ist gerade auf Netflix zu sehen: Manh(A)ttan. Von dieser Serie ist hierzulande erstaunlicherweise noch gar nichts zu hören gewesen – was vielleicht daran liegen mag, dass sie nicht aus einschlägigen Serienschmieden wie HBO, Showtime oder AMC kommt, sondern ein Produkt des in Chicago ansässigen Kabelsenders WGN America ist, der erst neu ins Seriengeschäft eingestiegen ist und mit Manhattan seine zweite Serie vorgelegt hat. Die wirklich sehr gut ist, auch wenn das Projekt nach zwei Staffeln eingestellt wurde, weil die zweite Staffel ungewöhnlich schlechte Einschaltquoten hatte.

Manhattan - wirklich gute Fernweh-Serie über das Manhattan Projekt. WGN America

Manhattan – wirklich gute Fernweh-Serie über das Manhattan Projekt. WGN America

Der Stoff ist auch nur bedingt massentauglich, auch wenn ich meine, dass eigentlich jeder das gesehen haben sollte: Es geht um das Manhattan Projekt, jenes streng geheime und im Grunde völlig wahnwitzige Programm, das garantieren sollte, dass die USA das Rennen um die Zündung der ersten Atombombe der Welt für sich entscheiden würden.

Konkret geht es um den Physiker Dr. Frank Winter (John Benjamin Hickey), der gemeinsam mit einer Reihe anderer Wissenschaftler am Konzept für eine Lösung eben jener damals gigantischen Aufgabe tüftelt. Die Figur des Dr. Winter ist von dem historischen Wissenschaftler Seth Neddermeyer inspiriert, einem  US-Physiker, der am Caltech bei Robert Oppenheimer promovierte und später am Manhattan Projekt beteiligt war. Neddermeyer war wie sein Alter Ego Frank Winter ein glühender Verfechter des Implosionskonzepts, das allerdings nur wenige Befürworter fand, weil es wegen zahlreicher technischer Schwierigkeiten als in der Praxis unmöglich umzusetzen galt. Mit der Zeit erwies es sich jedoch als die bessere Lösung: Die meisten Atombomben werden tatsächlich per Implosion gezündet. Doch der Weg dahin war voller Rückschläge und Fehlversuche, es brauchte schon ein paar besonders besessene Spinner, um diese Sache entgegen aller Widerstände zu meistern.

Es ist also eine Geschichte, wie ich sie liebe: Weltgeschichte und Wissenschaft – für meinen Geschmack gibt es viel zu wenig Serien darüber. Manhattan nun schafft hier definitiv Abhilfe – auch wenn es den Serienmachern weniger darum ging, die historischen Ereignisse möglichst exakt nachzustellen, oder gar eine akkurate Lehrstunde in Atomphysik zu liefern. Vielmehr wird den Zuschauern ein Bild dieser Zeit vermittelt: Die Welt befindet sich am Abgrund, die Mehrzahl der existierenden Staaten führen Krieg und die wissenschaftliche Elite der kriegführenden Allianzen arbeitet an konkurrierenden Projekten, die einerseits den Weltkrieg entscheiden sollen, andererseits auch das Potenzial haben, die Geschichte ein für alle Mal zu beenden, also: Die Menschheit auszulöschen.

Manhattan: Ashley Zukerman as "Charlie Isaacs," Rachel Brosnahan as "Abby Isaacs," Alexia Fast as "Callie Winter," Daniel Stern as "Glen Babbit," John Benjamin Hickey as "Frank Winter," Olivia Williams as "Liza Winter," Michael Chernus as "Louis 'Fritz' Fedowitz," Eddie Shin as "Sid Liao," Katja Herbers as "Helen Prins," Harry Lloyd as "Paul Crosley" and Christopher Denham as "Jim Meeks," in WGN America's "Manhattan" CT). Photo Credit: Justin Stephens/WGN America

Manhattan: Ashley Zukerman as „Charlie Isaacs,“ Rachel Brosnahan as „Abby Isaacs,“ Alexia Fast as „Callie Winter,“ Daniel Stern as „Glen Babbit,“ John Benjamin Hickey as „Frank Winter,“ Olivia Williams as „Liza Winter,“ Michael Chernus as „Louis ‚Fritz‘ Fedowitz,“ Eddie Shin as „Sid Liao,“ Katja Herbers as „Helen Prins,“ Harry Lloyd as „Paul Crosley“ and Christopher Denham as „Jim Meeks,“ in WGN America’s „Manhattan“ CT). Photo Credit: Justin Stephens/WGN America

Nach dem Otto Hahn Ende 1938 in Berlin die erste Kernspaltung gelungen war, befürchtete man in den USA (und gewiss auch in der UdSSR) durchaus zu recht, dass den Nazis im Verlauf des von ihnen begonnenen Weltkriegs der Bau der Bombe gelingen könnte – tatsächlich arbeiteten deutsche Wissenschaftler unter der Leitung von Werner Heisenberg im Rahmen des Uranprojekts daran, die Kernspaltung für den Bau von Waffen (und zur Gewinnung von Energie) nutzbar zu machen – allerdings gelang es ihnen damals nicht, vor der Kapitulation Deutschlands eine selbsterhaltende nukleare Kettenreaktion auszulösen. Die Alliierten zerstörten im Kriegsverlauf immer wieder wichtige Anlagen für die dafür benötigten, damals extrem schwer zu beschaffenden Ausgangsprodukte – sonst wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen. Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren deutsche Wissenschaftler an deutschen Universitäten Weltspitze in den Naturwissenschaften. Allerdings haben die Nazis damit gründlich aufgeräumt – und viele der von ihnen vertriebenen Wissenschaftler fanden sich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft auf der Seite der Gegner wieder.

In den USA wurden nun hunderte der talentiertesten Wissenschaftler rekrutiert, um dem Dritten Reich zuvorzukommen – in einem streng geheimen Projekt in einem dafür eigens aus dem Boden gestampften Forschungszentrum in New Mexico. Die Serie beschreibt die paranoide und klaustrophobische Stimmung, die in Los Alamos geherrscht haben muss: Weil aber aus naheliegenden und nachvollziehbaren Gründen niemand – und schon gar nicht der Feind – davon wissen durfte, war der Ort in jenem Sperrgebiet auf keiner Karte verzeichnet – für Außenstehende gab es schlicht eine Postfachnummer.

Auch die Familien der Wissenschaftler wussten nichts von dem, woran ihre Ernährer die ganze Zeit arbeiteten – und auch die verschiedenen Arbeitsgruppen durften nichts untereinander austauschen. Jeder bekam eine Dienstnummer und durfte jeweils nur das wissen, was für die tägliche Arbeit unumgänglich war – was einerseits verhindern sollte, dass einzelne Individuen genug über das Projekt verraten könnten, um es ernsthaft zu gefährden. Andererseits wurden auf diese Weise wurden aber jene Menge wertvolle Ressourcen verschleudert, weil es keine sinnvolle Koordination zwischen den von einander abgeschotteten Arbeitsgruppen gab.

Die Implosion-Gruppe: Harry Lloyd als "Paul Crowley", Eddie Shin als "Sid Liao," Christopher Denham als "Jim Meeks,", Katja Herbers als "Helen Prins," Daniel Stern as "Glen Babbit," und Michael Chernus als "Louis 'Fritz' Fedowitz," in WGN America's "Manhattan"

Die Implosion-Gruppe: Harry Lloyd als „Paul Crowley“, Eddie Shin als „Sid Liao,“ Christopher Denham als „Jim Meeks,“, Katja Herbers als „Helen Prins,“ Daniel Stern as „Glen Babbit,“ und Michael Chernus als „Louis ‚Fritz‘ Fedowitz,“ in WGN America’s „Manhattan“

Das führte dazu, dass die Mitglieder der jeweiligen Arbeitsgruppen immer wieder in Verdacht gerieten, Spione zu sein, nur weil sie versuchten, herauszufinden, wie der Stand der Dinge in den anderen Arbeitsgruppen war, damit sie in ihrer eigenen Arbeit besser voran kämen. Wurde jemand als Spion erwischt, war das natürlich fatal – im besten Fall wurde man nur aus dem Projekt geworfen, im schlechtesten, aber durchaus wahrscheinlicheren, Fall exekutiert. Auf diese Weise verlor das Projekt insgesamt natürlich auch immer wieder gute Leute. Durch Konkurrenz unter den Arbeitsgruppen sollte der Ehrgeiz und damit die Produktivität insgesamt angestachelt werden – was aber eine ziemlich schwachsinnige Idee ist, denn faktisch sorgte genau dieser Umstand dafür,  dass viel Zeit und Arbeit für das Überleben innerhalb dieser Konkurrenz aufgewendet werden musste, statt das eigentliche Projekt voranzutreiben. An dieser Hirnrissigkeit leiden in der Serie auch fast alle – bis auf jene, deren Job es ist, verdächtige Umtriebe entschieden zu bekämpfen.

Hinzu kam, dass es sich um ein Projekt der US Army handelte, das eben militärische Maßstäbe in Sachen Geheimhaltung und Disziplin verlangte, was die in der Regel zivilen wissenschaftlichen Mitarbeiter nicht akzeptieren konnten oder wollten. Insofern war der Kunstgriff der Serienmacher, mit dem erfundenen Dr. Winter eine Hauptfigur zu etablieren, die sich genau an diesen Konflikten abarbeitet, eine wirklich gute Idee: Ausgerechnet dieser brillante, aber leider auch unbequeme Wissenschaftler ist mit seinem Ansatz zwar auf der richtigen Fährte, wie sich später herausstellen wird, wird aber erstmal aufs Nebengleis geschoben, weil sein Ansatz als zu abwegig gilt.

Dr. Frank Winter natürlich auch sonst ein schwieriger Typ, er ist ein besessenes Arbeitstier, das von seiner Handvoll Mitarbeiter genau das verlangt, was er von sich selbst erwartet – totalen Einsatz nämlich. Er ist ein Tyrann, aber einer mit Herz – ihm geht es wirklich um die Sache und nicht um seine Karriere. Die setzt er immer wieder aufs Spiel: Er wirft sich für seine Leute in die Bresche, wenn es drauf ankommt, und obwohl er nicht viel zu Hause ist, wird doch klar, dass er seine Frau und seine Tochter wirklich liebt. Mit seiner Frau teilt er sogar Geheimnisse, über die er wirklich nicht reden sollte, womit er am Ende noch mehr als seine Karriere aufs Spiel setzt.

Aber wie vermutlich die meisten seiner Kollegen klammert er sich an die Hoffnung, dass diese furchtbare Waffe, an der sie alle arbeiten, das Potenzial hat, Kriege ein für alle mal zu beenden, weil einfach niemand sie einsetzen wird: Wenn die Welt erstmal begreift, was sie da in der Wüste für ein schreckliches Ding zünden können, wird kein Befehlsaber eines demokratisch regierten Landes so etwas über einer bewohnten Großstadt abwerfen. Dr. Winter will dazu beitragen, das Zeitalter des Friedens auf Erden herbeizuführen.

Manhattan: Olivia Williams als Dr. Liza Winter, John Benjamin Hockey als Dr. Frank Winter und Alexia Fast als Callie Winter. Bild: WGN America

Manhattan: Olivia Williams als Dr. Liza Winter, John Benjamin Hockey als Dr. Frank Winter und Alexia Fast als Callie Winter. Bild: WGN America

Wie man heute weiß, ist es ganz anders gekommen – und das macht die ganze Sache so schmerzhaft. Ausgerechnet die USA sind bisher das einzige Land, das im Kriegsfall tatsächlich Atomwaffen eingesetzt hat. Und wenn man sich in der Welt umsieht, wird auch klar, dass die atomare Abschreckung eine viel zu abstrakte Gefahr ist, als dass sie konventionell ausgetragene Konflikte verhindern könnte – und die konventionellen Waffen, die als das kleinere Übel angesehen werden, richten heute schon genug Schaden an Menschen und Umwelt an. Da mag man an die vielen nuklearen Sprengköpfe, die in irgendwelchen Bunkern weltweit vor sich hinrotten, gar nicht denken.

Aber zurück zur Serie: Wenn es um die Sache geht, pfeift Dr. Winter auf Regeln und Sicherheitsmaßnahmen, denn er hat ja eine Mission. Das Implosions-Team von Dr. Winter besteht aus einem halben Dutzend schräger Nerds, allesamt Außenseiter. Da ist der als Kommunist verdächtigte Dr. Glen Babbit (Daniel Stern) mit karl-marxschem Rauschebart, der chinesische Mathematiker Sid Liao (Eddie Shin), der dickliche und bei den Frauen erfolglose Chemiker Fritz (Michael Chernus), der Anpasser Meeks (Christopher Denham) und der ebenso ehrgeizige wie windige Brite Crosley (Harry Lloyd). Und dann natürlich auch noch Dr. Helen Prins (Katja Herbers), die einzige Physikerin im Projekt – die selbstverständlich brillant ist, aber eben eine Frau.

Schließlich gibt es auch noch Dr. Liza Winter (Olivia Williams), die zwar nur als Ehefrau von Frank nach Los Alamos kam, aber eigentlich selbst eine begnadete Wissenschaftlerin ist. „Und wenn das Gehirn Ihres Mannes so groß wie Kansas ist, der Ehering an Ihrem Finger macht Sie noch nicht zur Wissenschaftlerin!“ muss Liza sich von einem jungen Schnösel sagen lassen, der nicht weiß, dass er eine der weltbesten Botanikerinnen ihrer Zeit vor sich hat.

Liza will genau wie Franks und ihre rebellische Tochter Callie am liebsten sofort wieder nach Princeton zurück, wo sie einen guten Job und die damit verbundene Anerkennung hatte – aber wenn diese Demütigung hier denn nötig ist, um den Weltkrieg gegen die Nazis zu gewinnen, stellt sie ihre eigenen Interessen natürlich hinten an. Trotzdem kann sie nicht aus ihrer Haut; weil sie erst einmal keine Arbeitserlaubnis bekommt, fängt sie an, sich als Freizeitwissenschaftlerin zu betätigen und natürlich findet sie beunruhigende Dinge heraus.

So ähnlich ergeht es auch anderen Ehefrauen, etwa Abby Isaacs (Rachel Brosnahan), der schönen Frau von Dr. Charlie Isaacs (Ashley Zukerman), einem vielversprechenden Nachwuchswissenschaftler, der in Los Alamos schnell aufsteigt. Während Charlie kaum noch Zeit für seine Familie hat, lässt sich Abby, wenn auch mit schlechtem Gewissen, auf eine Affäre mit ihrer Nachbarin ein, der Französin Elodie (Carole Weyers), die gar nicht fassen kann, wie prüde und humorlos diese Amerikaner doch sind. Ihr Mann ist ebenfalls ein hohes Tier in der Los-Alamos-Hierarchie.

Vorspann Manhattan: WGN America

Vorspann Manhattan: WGN America

Genau dieser Umstand führt dazu, dass Abby sich irgendwann doch für ihren Charlie entscheidet – sie verstrickt sich in verschiedene Machenschaften von Charlies Nebenbuhlern und als es hart auf hart kommt, hält sie dann doch zu ihrem Ehemann, obwohl sie sich eigentlich scheiden lassen will. Denn Charlie ist ständig mit dieser Helen Prins unterwegs – wobei diese Affäre in allererster Linie eine dienstliche ist, Helen kann Charlie auf den ersten Blick nicht besonders leiden, obwohl sie sich dann doch näher kommen. Helen weiß nämlich, was sie will und weil sie klug und souverän ist, hat sie eben auch Sex, wenn ihr danach ist – was sich nebenbei als ganz praktisch herausstellt, um zu erfahren, woran die Kollegen so arbeiten.

Für Abby ist das alles viel weniger einfach, obwohl sie nach und nach auch einige Dinge durchschaut. Aber es ist ja auch schwierig, herausfinden, was hier eigentlich gespielt wird, deshalb kommen immer wieder die falschen Leute unter die Räder, etwa Sid Liao, der erschossen wird, weil man ihn fälschlicherweise für einen Spion hält – während man dem eigentlichen Spion, den es im Projekt gibt, nicht auf die Schliche kommt.

Mir hat die erste Staffel sehr gut gefallen, soweit man bei einem solchen Stoff überhaupt von gefallen reden kann – es ist von hinten bis vorn eine schreckliche Geschichte, aber sehr, sehr gut gemacht. Und es gibt eine Menge ambivalenter Figuren, denen man durchaus abnimmt, dass sie einfach nur das Gute wollen, indem sie das Böse tun – genau wie bei Breaking Bad gibt es eigentlich keine wirklich sympathischen Protagonisten – die einen sind hoffnungslose Idealisten, die an ihre große Idee glauben, die anderen sind einfach hoffnungslos naiv und versuchen, aus einer Situation, in die sie geworfen wurden, das Beste zu machen. Und dann gibt es die berechnenden Arschlöscher, die aber trotzdem irgendwie Menschen sind, weil sie ja immerhin die Nazis bekämpfen.

Ein paar Nazis gibt es natürlich auch – einige Szenen spielen in Deutschland, wo Werner Heisenberg versucht, sein Manhattan-Projekt voranzutreiben. Und vermutlich gar nicht dermaßen zufällig wird man an die Szenen in der letzten Staffel von Breaking Bad erinnert, die angeblich in Hannover spielen, wo angeblich deutsche Wissenschaftler an irgendwelchen neuen Soßen tüfteln – das Deutsch, das gesprochen wird, ist zwar korrekt, aber sehr putzig – und das ist auch hier der Fall. Wobei ich mich eigentlich gar nicht darüber lustig machen will – es gibt aber immer wieder Verweise darauf, dass viele der Wissenschaftler in Los Alamos eben auch deutsche Wurzeln hatten, nicht zuletzt der oberste Projektleiter Robert Oppenheimer, eine der wenigen historischen Personen, die unter ihrem echten Namen in der Serie vorkommen.

Ansonsten gibt es eine ganze Reihe weiterer Anspielungen auf die zeitgenössische Kultur in Europa, ein Buch, das die nach Abwechslung gierenden Ehefrauen im Lager untereinander austauschen – klar ist Los Alamos im Vergleich zu den KZs im Dritten Reich ein sehr komfortables Lager, aber es ist eben auch ein Ort, den man nur mit entsprechendem Passierschein verlassen kann und an dem sehr rigide Regeln gelten – ist L’Étranger von Albert Camus. Abby, die einige Jahre Französisch gelernt hat, verschlingt den absurden Roman in Rekordzeit und zieht Schlüsse daraus: Es gibt immer eine Wahl, auch wenn sie womöglich unangenehme Konsequenzen hat.

Zero Days – Willkommen in der Ära des Cyberwar

Das mit mir und der Berlinale wird doch noch was – nachdem ich gestern Abend in der Premiere von Den allwarsamma leken erlebt habe – dazu muss ich gelegentlich auch noch etwas schreiben – war ich eben gerade in der Weltpremiere von Zero Days, einem Dokumentarfilm über Stuxnet und was dieses spezielle Programm für die Ära des Cyberkriegs bedeutet. Ein sehr interessanter, aber keineswegs schöner Film, auch wenn es durchaus einige Stellen gibt, die unfreiwillig komisch sind. Nichts ist mehr sicher, und das ist absolut wörtlich zu nehmen: Nichts, was das moderne Leben ausmacht, kann ernsthaft vor Angriffen mit Cyberwaffen geschützt werden, und solche Angriffe können verheerend sein.

Screenshot von Zero Days Bild: Berlinale.de

Screenshot aus Zero Days Bild: Berlinale.de

Auch die scheinbar smarte Idee Idee der Regierungen der USA und Israels, das iranische Atomprogramm zu behindern, in dem die Zentrifugen in einer Anreicherungsanlage im Iran mit einem sehr intelligent konstruierten Virus bzw. Computerwurm zerstört werden, hat eben dieses Atomprogramm am Ende viel schneller vorangebracht, als die Iraner es ursprünglich vor hatten – und sämtlichen Interessenten auf der ganzen Welt eine extrem mächtige Waffe in die Hand gegeben, die sie nun natürlich auch gegen die USA oder Israel einsetzen können. Denn seit Stuxnet entdeckt und analysiert wurde, ist es natürlich möglich, diesen Schädling in allen möglichen anderen Varianten einzusetzen.

Alex Gibney (mit Mikro) und sein Team bei der Premiere von Zero Days im Berlinale Palast

Alex Gibney (mit Mikro) und sein Team bei der Premiere von Zero Days im Berlinale Palast

Und natürlich will es keiner gewesen sein, der die Büchse der Pandora geöffnet hat – weder die USA, noch Israel haben bisher offiziell zugegeben, dass sie irgendwas mit Stuxnet zu tun hätten. Und auch sonst will keiner darüber reden – sehr viele Wortbeiträge in dem Film lauten entsprechend „Das weiß ich nicht – und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen“.

Gut, dass Alex Gibney sich davon nicht hat entmutigen lassen und diesen Film erst recht gemacht hat. Denn es geht neben der an sich schon spannenden Geschichte von Stuxnet und seiner Entdeckung auch um die prinzipielle Gefahr entfesselter Technologie, die am Ende eine ganz andere Dynamik entwickelt, als erwartet wurde und um politische Interessen, die sich jeglicher Kontrolle entziehen – was erst einmal in der Welt ist, lässt sich nicht mehr einfangen, sondern nur sehr mühsam und mit einer gemeinsamen Anstrengung verschiedenster Interessengruppen regulieren. Und solange nicht einmal über Cyberwaffen geredet wird, sind sie ohnehin unkontrollierbar.

Zero Days räumt mit der Idee auf, dass man mit Software auf intelligente Weise Kriege gewinnen kann, ohne massenhaft Menschen zu schädigen. Eine Malware ist zwar keine Atombombe – aber es wird durchaus eine Parallele gezogen zwischen dem August 1945 und dem Juni 2010. Plötzlich ist eine neue Waffe in der Welt, die alles verändert – und man kann einfach nicht mehr zurück. Und wie die Iraner schon bewiesen haben, sind sie mit ihren Cyberwaffen längst weiter als mit ihrem Atomprogramm.

 

Ein Gedicht für Paris

Le jardin

Des milliers et des milliers d’années
Ne sauraient suffire
Pour dire
La petite seconde d’éternité
Où tu m’as embrassé
Où je t’ai embrassèe
Un matin dans la lumière de l’hiver
Au parc Montsouris à Paris
A Paris
Sur la terre
La terre qui est un astre.

Jacques Prévert