Wir sind keine Welle

Inzwischen gibt es neue deutsche Serien auf Netflix, aber ich muss leider feststellen, dass ich mit diesen Serien genau die Probleme habe, die ich prinzipiell mit deutschen Serien im „normalen“ deutschen Fernsehen habe. Das bedeutet, dass es offenbar doch nicht am übermäßig Proporz-orientierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegt, der es immer möglichst allen recht machen will, und auch nicht an den immer auf die Quote schielenden Privatsendern, die mit reißerischen Projekten auf bestimmte Zielgruppen aus sind. Und es ist ja nicht so, dass es überhaupt keine guten deutschen Serien gibt, spontan fallen mir 4 Blocks und Das Institut ein, aber das ist sehr wenig, gemessen am sonstigen Output von leider nicht besonders guten Serien.

Das muss ich nun leider auch für Netflix konstatieren, Netflix haut eine Menge neuer Serien raus, leider sind viele davon ziemlich mittelmäßig, und das gilt leider auch für die Netflix-Neuheiten aus Deutschland. Klar kommt es auch bei Netflix am Ende darauf an, wie gut die Serien ankommen, sprich, wie viele Abrufe es gibt – und ein bisschen auch, wie die Kritiken ausfallen. Aber ich hätte schon erwartet, dass es auf dieser vom deutschen Fernsehen und vom deutschen Mainstream unabhängigen Plattform mehr künstlerische Experimente und weniger deutsch-typischen Serien-Holzhammer gibt.

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Immerhin gibt es auch hier (sehr wenige) Ausnahmen, Dark und How To Sell Drugs Online (Fast) fand ich durchaus okay, HTSDOF ist sogar ziemlich witzig. Dark hingegen bietet für meinen Geschmack viel zu viel Mindfuck, aber offenbar kommt genau diese Art von metaphysischer Feinmechanik im Ausland gut an, gerade weil das so herrlich deutsch ist. Dogs of Berlin ist einfach Trash-TV, aber als solches schon wieder gut. Skylines ist so ähnlich, aber mit Musik statt Fußball und statt einem dunklen, bösen Berlin gibt es ein dunkles, böses Frankfurt. Hat mir alles in allem aber besser gefallen als Dogs of Berlin, weil nicht ganz so klischeehaft überzeichnet.

Nun also Wir sind die Welle, ein sehr deutscher Sechsteiler über eine Handvoll Außenseiter, die ihre Mitmenschen mit zunehmend spektakulären Aktionen zum Nachdenken bringen wollen. Mit dem Roman Die Welle von Morton Rhue hat die Serie eigentlich nicht mehr viel zu tun, hier geht es im Gegenteil eher darum, wie Jugendliche gegen gesellschaftliche Missstände, aber auch gegen ihre Fascho-Mitschüler, rebellieren. Für mich sieht Wir sind die Welle wie ein nicht so richtig gelungenes Remake des Films The East aus. In The East geht eine geheimbündlerisch organisierte Gruppe von Ökoterroristen gegen Pharmakonzerne vor, um deren Chefs für die von ihnen verursachten Gesundheits- und Ökoschäden zu bestrafen.

Ähnliches treibt auch den harten Kern der Welle um, vor allem Hagen (Daniel Friedl), der Sohn von Ökobauern, deren Betrieb durch einen der großen Arbeitgeber vor Ort ruiniert wurde, will ein Zeichen setzen. Hilfe bekommt der dickliche Außenseiter von anderen Außenseitern, etwa Rahim (Mohamed Issa), der als Ausländer gemobbt wird und dem Mauerblümchen Zazie (Michelle Barthel). Der ebenso angstfreie wie charismatische neue Mitschüler Tristan (Ludwig Simon) sammelt ganz gezielt die Loser um sich, die mit seiner Hilfe plötzlich über sich hinaus wachsen und zur Welle werden. Nur Lea (Louise Beford), die tennisspielende höhere Tochter fällt aus dem Rahmen, bei ihr ist es eher der Überdruss am Überfluss, der in ihr die Lust am Protest als Lifestyle weckt. Was ja auch keine neue Sache ist, von den Mitgliedern der RAF kamen ja auch viele aus dem Bildungsbürgertum und nicht aus der Arbeiterschicht. Wobei nein, linke Gewalt oder gar Linksextremismus wird hier keinesfalls verherrlicht. Dafür sind die jungen Leute bei der Welle viel zu unpolitisch. Höchstens Tristan, der Diplomatensohn, der arabisch spricht und offenbar viel gelesen hat, sympathisiert (ich würde eher sagen kokettiert) mit extremen Ideen aus dem linken Spektrum. Bei den anderen geht es um ihre persönliche Betroffenheit, auch bei Lea, die von ihrer Mutter ordentlich den Kopf gewaschen kriegt, als sie ihre Luxusklamotten aus einer Laune heraus spenden will.

Denn so sehr ich mich darüber gefreut habe, dass es jetzt quasi eine Serie zum FridaysForFuture-Feeling gibt, so enttäuscht war ich, dass die Serie eben keine „erfrischend politische Mainstream-Produktion“ ist, wie der Deutschlandfunk fand. Also Mainstream-Produktion schon, aber nicht erfrischend politisch. Und leider sind die Charaktere durchgehend wandelnde Klischees, von denen einige eine nicht weniger klischeehafte Entwicklung erfahren. Hier hätten mehr Tiefgang und weniger didaktisch gutgemeinter Holzhammer sicher viel bewirken können.

Was die Politik angeht und die persönlichen Konsequenzen, bleibt alles reiner Aktionismus. Während die Aktivisten in The East sich auch in ihrem Alltag in radikalem Verzicht üben, sie leben spartanisch auf einer verlassenen Farm, containern Lebensmittel und benutzen moderne Technik nur für ihre Aktionen, ändern die Jugendlichen in der neuen Serie auch, nachdem die Welle sie erfasst hat, keineswegs ihren Lebensstil. Ja, sie kritisieren Umweltverschmutzung, ja, ihre Aktionen werden radikaler, und es werden immer neue Grenzen überschritten, den Aspekt fand ich gut. Und ich gönne Hagen, Zazie und Rahim, dass sie dank ihrer Selbstermächtigung zumindest eine Weile mehr Spaß am Leben haben. Wobei das FFF ganz gut abbildet, so traurig das auch ist: Die Jugend sagt den Alten mal, wie frustrierend dieses ganze Scheißleben in dieser Scheißwelt ist, die andere für uns eingerichtet haben. Und der ganze Protest wird dann auch mal im Fernsehen gezeigt und gut is‘.

Denn um wirklich etwas zu ändern, braucht es eben mehr als verständlichen, aber wohlfeilen Protest. Selbst wenn der in einzelnen Aktionen auch mal total radikal wird. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute nur unter einem Mangel an Information leiden. Jeder und jede, die es wissen will, weiß, dass Industrieabfälle die Umwelt vergiften, Plastikmüll das Leben erstickt, die Überproduktion von allem Ressourcen verschleudert, die eigentlich für das Überleben der Menschheit gebraucht würden, deutsche (und anderer Herstellerländer) Waffen in aller Welt nicht unbedingt Frieden schaffen, Rassisten Arschlöcher sind und Neonazis dumm. Dafür haben wir keine weitere Serie gebraucht.

Denn um eine Idee zu entwickeln, was nach dem Protest kommen könnte, bräuchte es wirklich mal erfrischend politische Diskussionen, in denen über den Tellerrand des Mainstreams hinaus geschaut wird. Mir ist klar, dass keine Serie der Welt das leisten kann. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn es wenigstens mal versucht würde: Angenommen, wir hören auf euch, liebe jugendliche Protestierer, wie sähe denn eure Welt aus? Verzichtet ihr auf das neue Handy, fahrt ihr mit dem Rad, statt euch von Mama mit dem Auto abholen zu lassen, bringt ihr Papa veganen Lebensstil bei?

Okay, das könnte jetzt als Jugendbashing missverstanden werden. Ich meine es aber ernst: Ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen so ziemlich alles, was in dieser Welt gerade stattfindet, ganz entschieden protestieren muss. Weil es so nicht weiter gehen kann. Und jetzt wünsche ich mir eine Serie, die eine Utopie entwickelt. Ist doch egal, ob realistisch oder nicht. In einem fiktionalem Medium sollte man doch noch träumen dürfen. Aber das ist vielleicht ein Symptom dieser Zeit: Es gibt keine Zukunft mehr. Und schon gar keine bessere.

Ein großer Schritt für Apple?

Apple macht jetzt auch auf Netflix und wirbt auf seinen Geräten mit einem kostenlosen Probemonat um Kunden für seinen neuen Streaming-Dienst. Weil der Konzern dank seiner teuren iPhones auf einem Haufen Geld sitzt, kann er sich vergleichsweise kostspielige Produktionen leisten und bietet mit For All Mankind ein interessantes Projekt für den Einstieg an. Treue Leserinnen meines Blog wissen, dass ich Joel Kinnaman sehr schätze, insofern ist es keine Überraschung, dass ich mir die ersten drei Folgen der Apple-Serie angesehen habe. Der inzwischen auch in den USA etablierte Schauspieler aus Schweden verkörpert den Astronauten Ed Baldwin, der um ein Haar der erste Mensch auf dem Mond gewesen wäre.

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

Doch in For All Mankind waren die Sowjets die ersten, die auf dem Mond gelandet sind und der Kosmonaut Alexej Leonow tat den großen Schritt für die Menschheit im Namen der Marxistisch-Leninistischen Lebensweise, mit der die  gesamte Menschheit in eine bessere Zukunft geführt werden soll. Die Schmach für die USA und speziell für die Leute im ambitionierten Apollo-Programm ist schwer zu ertragen. Doch als echte Amis geben sie nicht auf, sondern krempeln die Ärmel hoch, um mit ihrem Weltraumprogramm die UdSSR am Ende doch noch zu übertreffen. Denn selbstverständlich geht es in dieser US-Serie nicht um eine mögliche Überlegenheit eines alternativen Systems, sondern darum, was man alles noch hätte machen können, wenn die US-Regierung nicht irgendwann das Interesse an der (überaus teuren) bemannten Raumfahrt verloren hätte.

Wobei ich ehrlich gesagt noch nicht ergründen konnte, worum es in dieser Serie tatsächlich geht. Die Idee einer alternativen Erzählung historischer Ereignisse finde ich sehr reizvoll, das hat mir beispielsweise an The Man in the High Castle gefallen. Aber diese Serie hat mich nach der beeindruckenden ersten Staffel nicht wirklich gepackt, weil auch hier nicht klar wurde, worauf die Geschichte eigentlich hinaus will. Ein ähnliches Problem zeichnet sich bei For All Mankind ab: Der Wettlauf zwischen den beiden großen Supermächten im All war und ist auch aus heutiger Perspektive spannend, ich habe mir anlässlich des 50. Jahrestags der Mondlandung in diesem Sommer stundenlang entsprechende Dokus angesehen.

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

Aber es geht hier nicht um eine Doku, sondern um eine Drama-Serie, und die stehen und fallen mit ihren Protagonisten. Und davon gibt es eine ganze Menge, der unglückliche Ed Baldwin hat Frau und Kinder, wie auch die meisten seiner Kollegen und Vorgesetzten, hier zeichnet sich eine Menge Familiendrama ab. Dann gibt es die junge NASA-Angestellte Margo Madison (Wrenn Schmidt), die erste und einzige Frau bei Mission Control, die in der dritten Folge eine Reihe neuer Kolleginnen bekommt, weil plötzlich unbedingt eine Frau mit ins All geschickt werden soll. Also werden ernsthafte Bewerberinnen gesucht, die natürlich einen entsprechenden Hintergrund brauchen und so springt die Geschichte von hier nach dort und spannt eine ganze Reihe unterschiedlichster Handlungs- und Spannungssbögen auf, bei denen noch nicht absehbar ist, wie gut oder schlecht sie sich ins große Ganze einfügen werden. Sexismus, Rassismus, #metoo, Flüchtlinge, die aus Mexiko nachts über die US-Grenze schleichen und gleichzeitig eine Art Make America Great Again, das ist ein reichlich überambitioniertes Serienrezept, das viele Geschmäcker bedienen will und am Ende keinem so richtig schmecken wird.

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen Bild: Apple

Die Faszination anlässlich der ersten Mondlandung wird in der Serie allerdings ziemlich gut rübergebracht, die ganze Welt schaut zu. Und überhaupt die 1960er, For All Mankind sieht so aus wie Mad Men, nur halt mit NASA. Ob die Serie allerdings den Sog entwickeln kann, den Mad Men entwickelt hat, weil sich die Serie ganz klar auf Don Draper und sein ziemlich spezielles Umfeld im New Yorker Werbebusiness der frühen 1960er Jahre konzentriert hat, bleibt abzuwarten. Es gibt viel Potenzial, es kann aber auch viel schief gehen. Ich bin gespannt, was die Serienmacher im Haus Apple noch daraus machen.

Im Zweifel gegen das Opfer

Als Fan von True-Crime-Serien musste ich mir natürlich Unbelievable ansehen, ebenfalls ein Achtteiler, der seit einigen Wochen auf Netflix zu sehen ist. Und was wir zu sehen bekommen, ist tatsächlich unglaublich, im Sinne von unfassbar. Denn es handelt sich um die Erlebnisse einer jungen Frau, die das Pech hat, von einem abgebrühten Serienvergewaltiger in ihrer eigenen Wohnung überfallen und stundenlang missbraucht zu werden. Und als ob das nicht schon schlimm genug ist, wird sie dann ausgerechnet von den Institutionen der Strafverfolgung, an die sie sich nachvollziehbarerweise wendet, aufgrund ihrer schwierigen Vorgeschichte falsch eingeschätzt und im Stich gelassen: Weil die Detectives kaum brauchbare Hinweise auf einen möglichen Täter finden, wird am Ende das Opfer als Täterin denunziert und wegen angeblicher Falschaussage vor Gericht gestellt. So kann man einen rätselhaften Fall natürlich auch lösen.

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) Bild: Netflix.com

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) Bild: Netflix.com

Zum Glück, und das ist der andere Teil der Geschichte, gibt es auch weibliche Detectives, die vergleichbare Fälle deutlich einfühlsamer bearbeiten und begleiten, als die Polizeibeamten, an die Marie (Kaithyln Dever) geraten ist. Das Leben hat es mit ihr bisher schon nicht gut gemeint. Sie kommt aus prekären Verhältnissen, wurde als Kind mit Hundefutter abgespeist und von den zweifelhaften Freunden ihrer Mutter missbraucht. Sie lebte in zahlreichen Pflegefamilien und versucht gerade, im Rahmen einer Art betreuten Wohnens in ein selbstverantwortliches Erwachsenenleben zu starten. Die Voraussetzungen sind eigentlich ganz gut, sie hat verständnisvolle Betreuer, Freunde, einen Job. Doch dann wird sie das Opfer eines Vergewaltigers, der seine Opfer geduldig ausspäht und keine verwendbaren Spuren am Tatort hinterlässt. Ihr ganzes Leben, das sie mit so viel Mühe für sich aufgebaut hatte, gerät komplett aus den Fugen.

Die Serie zeigt sehr einfühlsam und unaufgeregt, warum eine Ermittlung bei Vergewaltigung für das Opfer, aber auch die Polizei, so schwierig ist. Wenn eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt, muss sie eine schier endlose Prozedur an Untersuchungen und Befragungen über sich ergehen lassen. Das ist einerseits nachvollziehbar, denn es müssen Spuren und Beweise gesichert werden. Andererseits ist es furchtbar, gerade nach einer brutalen Verletzung der Intimsphäre genau diese Intimsphäre noch einmal vor mehreren Menschen, die man überhaupt nicht kennt, ausbreiten zu müssen. Und zwar auch körperlich. Und dann immer wieder in Befragungen durch Ermittler, die nicht unbedingt überzeugt sind, dass das Opfer die Wahrheit sagt.

Es ist ohnehin nicht schön, Gegenstand polizeilicher Ermittlungen und juristischer Prozesse zu sein, denn bei der Aufklärung von Verbrechen, der Suche nach der „Wahrheit“, also dem, was tatsächlich vorgefallen ist, kann das Opfer nicht unbedingt mit Zuneigung rechnen. Es geht eben nicht um Verständnis für das Opfer, sondern darum, einen Täter zu finden und gegebenenfalls zu bestrafen. Es geht um Recht und Ordnung, es geht um die Durchsetzung von Gesetzen. Häufig übernehmen die Opfer auch den impliziten Vorwurf, dass sie an dem Gesetzesverstoß ja beteiligt sind, also irgendwie mit schuld sein müssen, dass es überhaupt ein Verbrechen gegeben hat. Warum sind sie auch allein durch den Park gelaufen, warum haben sie sich so und nicht anders gekleidet, warum haben sie das Fenster nicht richtig zu gemacht?

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) wird von den Detectives Parker (Eric Lange) und Pruitt (Bill Fagerbakke) befragt Bild: Netflix.com

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) wird von den Detectives Parker (Eric Lange) und Pruitt (Bill Fagerbakke) befragt Bild: Netflix.com

Das, was Marie erlebt, ist noch viel schlimmer, denn gerade aufgrund ihrer bisherigen Geschichte mit Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch im familiären Umfeld, gehen einige ihrer Vertrauenspersonen und leider auch die Ermittler bei der Polizei davon aus, dass sie Lüge und Wahrheit nicht unterscheiden kann. Detective Parker (Eric Lange), ist durchaus kein Unmensch. Er ermittelt ernst- und gewissenhaft in diesem Fall, es ist keineswegs so, dass er Marie nicht glauben will. Aber weil es im Grunde keine verwertbaren Spuren gibt, und auch Judith (Elizabeth Marvel), eine von Maries Pflegemüttern, Zweifel an Maries Geschichte hat (gerade weil sie selbst vergewaltigt wurde, aber ganz anders damit umgegangen ist), lässt er Marie spüren, dass auch andere Versionen denkbar sind. Auch die wechselnden Kollegen an Parkers Seite sind nicht unbedingt hilfreich, sie fragen sich, warum man so viel Zeit und Energie in einen vielleicht ausgedachten Kriminalfall investieren sollte, wo doch so viele andere reale Verbrecher zu verfolgen wären?

Für Marie ist dieser Zweifel fatal: Nicht nur, dass ihr nicht geglaubt wird, sie ist plötzlich die Beklagte wegen einer angeblichen Falschaussage. Aber weil sie inzwischen gelernt hat, dass es nichts bringt, aufzubegehren, findet sie sich damit ab, sie zahlt die Strafe, sie unterschreibt die entsprechende Erklärung, sie will, dass es einfach aufhört. Auch wenn es an ihr nagt, dass sie eher in Ruhe gelassen wird, wenn sie lügt, als wenn sie die Wahrheit sagt. Das nimmt sie mit. Sie versteht die Welt nicht mehr. Sie verliert ihren Job, ihre Freunde, die sie nun als Lügnerin bloßstellen und auch sonst fast jeden Halt. Ich denke, dass ist eine Geschichte, die sich viel zu oft ereignet und für deren Opfer wir an dieser Stelle eine Art Gedenkminute einlegen sollten. Denn aus den Geschichten, die hier einfach enden, würde niemand eine Serie machen. So wichtig es auch wäre, sie zu erzählen.

Unbelievable: Die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette) Netflix.com

Unbelievable: Die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette) Netflix.com

Aber in dieser Geschichte gibt es ja glücklicherweise die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette), die ebenfalls an Vergewaltigungsfällen arbeiten, bei denen sich zufällig herausstellt, dass es auffällige Übereinstimmungen gibt. Denn der Täter blieb in diesen Fällen so lange unerkannt, weil er wusste, wie die Polizei arbeitet. Er wusste, dass sich die jeweiligen regionalen Polizeibehörden in solchen Fällen nicht austauschen, weshalb die Serie seiner Verbrechen so lange unerkannt blieb – bis der Mann von Karen, der ebenfalls Polizist ist, von einem ähnlichen Fall in einer anderen Gegend erzählt, und Karen beginnt, systematisch nach vergleichbaren Fällen zu suchen. Gemeinsam mit Grace findet sie eine ganze Reihe davon. Der Rest ist kleinteilige und ausdauernde Polizeiarbeit.

Im Zuge ihrer Ermittlungen stoßen die beiden auch auf Fotos von bisher unbekannten Opfern. Eins davon ist Marie, weshalb dieses Verbrechen schlussendlich auch aufgeklärt werden kann. So gibt es nach den ganzen schwer auszuhaltenden Fehlern und Ungerechtigkeiten doch noch ein versöhnliches Ende.

 

Tiefer Süden: Queen of the South

Im Universum der Verbrecherserien dominieren männliche Protagonisten. Insbesondere, wenn es um das besonders schmutzige Geschäft des internationalen Drogenhandels geht. Dort kommen Frauen in der Regel nur als Endnutzerinnen oder als Ware vor, oder auch beides, denn Drogen- und Menschenhandel ist oft eng verzahnt und die Mädchen und Frauen, die als Prostituierte verkauft werden, wurden mit Drogen gefügig gemacht. Oder umgekehrt, weil sie die Drogen aus welchen Gründen auch immer brauchen, verkaufen sie sich selbst. Was oft nicht lange gut geht.

Insofern ist Queen of the South von USA Network eine Ausnahmeserie, denn sie handelt vom Aufstieg der mexikanischen Geldwechslerin Teresa Mendoza (Alice Braga) zu einer mächtigen Jefa im Testosteron gesteuerten Drogenbusiness. Obwohl die Serie insgesamt durchaus Schwächen hat und an Meisterwerke wie Breaking Bad (AMC, nicht USA Network) nicht herankommt, so verdient sie meines Erachtens mehr Aufmerksamkeit als ihr, zumindest hierzulande, zuteil wird. Queen of the South ist die US-Adaption der Telenovela La Reina del Sur, die der ebenfalls in den USA operierende Sender Telemundo für die spanischsprachige Community in den USA produziert hat. Der englischsprachige Partnersender der Neuauflage ist USA Network, der auch meine Lieblingsserie Mr. Robot produziert hat. Was erklären dürfte, wie ich auf Queen of The South gekommen bin. Nun ist gewiss nicht jede USA-Serie toll, aber Queen of the South hat was.

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Titelposter Queen of the South: Teresa Mendoza (Alice Braga) Bild: Netflix

Teresa ist ein typisches (also armes) Mädchen aus Sinaloa, einem mexikanischem Bundesstaat, der vor allem für das Sinaloa-Kartell bekannt ist. Teresa verliebt sich in einen Drogenkurier, der ihr eine zeitlang ein vergleichsweise angenehmes Leben ermöglicht. Als ihr Freund ermordet wird, wird ihr klar, wie tödlich dieses Geschäft ist. Sie selbst gerät in die Fänge des Kartells und soll als Frischfleisch verkauft werden, weshalb sie sich spontan als Muli meldet – lieber will sie in ihrem Körper Drogen schmuggeln, als sich serienmäßig vergewaltigen zu lassen.

Teresa ist zäh und kämpft, sie weiß, dass sie eigentlich keine Chance hat, aber sie greift nach jedem Strohhalm und siehe da, ab und zu ist Gott mit den Unverzagten. Gerade weil sie arm war, weiß sie, dass es besser ist, reich zu sein. Und dann hat sie auch noch die Nerven, jede noch so kleine Chance zu nutzen, um genau das zu erreichen, anstatt sich der erdrückenden Übermacht der offensichtlich so viel Mächtigeren zu beugen. Teresa ist cool, berechnend und wenn es sein muss, konsequent: Verräter müssen sterben. Gleichzeitig bekämpft sie aber die in ihren Augen sinnlose Grausamkeit und Brutalität der anderen, männlichen, Kartellchefs.

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Teresa (Alice Braga) mit ihrer Freundin Brenda (Justina Machado)

Sie versucht, ein alternatives Business-Modell zu etablieren: Ihr Stoff ist besonders rein, deshalb ist die Nachfrage danach hoch und die gesundheitlichen Auswirkungen kontrollierbar. Außerdem ist sie eine überaus faire Geschäftspartnerin, die immer hält, was sie verspricht. Und ihr ist es zuwider, abhängige Menschen auszunutzen. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, sie unter harten Bedingungen lebt und aufgewachsen ist, will sie es besser machen. Das ist ihre Entscheidung. Sie will nicht so zynisch und brutal sein, wie die Menschen, denen sie ausgeliefert war und ist. Sie entscheidet sich, es anders zu machen. 

Ihre Haltung wird von Gegnern gern als Schwäche verstanden. Aber sie erreicht mit ihrer Art, dass ihre Leute wirklich loyal sind, weil sie gut finden, wie ihre Chefin die Dinge angeht. Während ihre fiesen Gegner immer mehr Angst und Schrecken verbreiten müssen, um ihre Macht zu sichern. Natürlich wird Teresa in ihrer brutalen Sphäre trotzdem noch oft genug gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht tun will, um zu überleben. Und immer wieder stellt sich heraus, dass sie eine Überlebenskünstlerin ist, was im Laufe der Serie dann doch sehr strapaziert wird. Andererseits ist das bei Breaking Bad nicht anders: Immer, wenn man sich fragt, wie denn bitte schön die Protagonisten aus dieser Situation herauskommen sollen, damit die Staffel weiter gehen kann, passiert entsprechend etwas Unerwartetes.

Oder eben doch nicht sooo dermaßen unerwartet, weil die Nummer kennen wir ja schon, muss halt irgendwie klappen, weil sonst wäre ja Schluss. Dabei ist Queen of the South mittlerweile in der verdienten vierten Staffel angekommen, in der Teresa versucht, in New Orleans Fuß zu fassen. Zuvor musste sie schon eine Menge unlösbar scheinender Herausforderungen meistern, sich aus der Abhängigkeit von allmächtigen Kartellchefs befreien, durchgeknallte Produzenten von ihrem Geschäftsmodell überzeugen, skrupellose Konkurrenten aus dem Weg räumen, innovative Transport- und Bezahlmechanismen für ihr eigenes Businessmodell zu etablieren und nicht zuletzt unter dem Radar von nationalen und internationalen Strafverfolgungsbehörden zu bleiben. Was oft bedeutet, entsprechende Menschen in entsprechenden Positionen von sich zu überzeugen, auf welche Art auch immer.

Und dann gibt es auch noch Familie, wie immer die definiert wird. Für Teresa spielen Loyalitäten eine größere Rolle als ein gemeinsamer Genpool, ihre Herkunftsfamilie spielt im Grunde keine Rolle, Teresa kommt quasi aus dem Nichts. Aber sie muss ständig mit den komplizierten mexikanischen Familien- und Machtverhältnissen umgehen, die für andere in ihrem Business so wichtig sind. Wobei, mafiöse Strukturen sind auch in anderen Gesellschaften zu finden, Teresa arbeitet sich überall daran ab, egal, wohin sie geht.

Queen of the South gibt es nicht nur bei Netflix, sondern auch bei Amazon, Google Play, maxdome, Videoload, iTunes und magenta-TV, die Erstausstrahlung in Deutschland fand im Sommer 2017 bei DMAX statt.

Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.

Chernobyl: Total verstrahlt

Rechtzeitig nach dem GOT-Debakel hat der US-Sender HBO einen neuen Serien-Hit landen können: Die fünfteilige Mini-Serie Chernobyl. Wie der Name vermuten lässt, geht es um den atomaren Super-GAU im gleichnamigen Kernkraftwerk nahe der ukrainischen Stadt Prypjad. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor von Block 4 und löste damit die erste verheerende atomare Katastrophe ziviler Atomkraftnutzung in der Geschichte aus. An deren Folgen sind bereits zahlreiche Menschen gestorben sind und noch viel mehr Menschen werden noch an den Spätfolgen der radioaktiven Belastung sterben.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Serie weder unterhaltsam ist, noch schöne Bilder bietet. Es handelt sich um fünf Stunden Horror, der umso gruseliger ist, weil man ja weiß, dass das alles wirklich statt gefunden hat. Wie man es von einer HBO-Serie erwarten kann, hat der Sender keine Kosten und Mühen gescheut, die schrecklichen Ereignisse möglichst realistisch darzustellen, wobei ich mit „realistisch“ ausdrücklich nicht sagen will, dass sich alles genau so abgespielt hat.

Natürlich hat der Serienschreiber Craig Mazin, der bisher durch eher alberne Filme wie Scary Movie 3 und 4 oder Hangover 2 und 3 aufgefallen ist, die Story gestrafft und einige Hauptpersonen erfunden, mit denen die sonst sehr komplexen Ereignisse einfacher erklärt werden können. Aber viele der Ereignisse, die gezeigt werden, müssen sich nach dem, was über die Katastrophe bekannt ist, tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben. Aber ich gehe davon aus, dass einiges aus dramaturgischen Gründen erfunden oder abgewandelt wurde – warum auch nicht, es handelt sich ja nicht um eine Dokumentation.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Die beiden Protagonisten Waleri Legassow (Jared Harris) und Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård) gab es wirklich, genau wie eine ganze Reihe weiterer Personen des Zeitgeschehens. Der überhaupt nicht fiktive Selbstmord des hochrangigen Wissenschaftlers Legassow, der die Untersuchungskommission zur Aufklärung der Ursachen des GAU leitete, verstörte die Fachwelt und weist darauf hin, dass er damit untermauern wollte, dass alles noch viel schlimmer gewesen ist, als offiziell bekannt wurde. In der Serie hat Legassow die undankbare Rolle der Kassandra, die sich immer wieder mit extrem schlechten Nachrichten unbeliebt macht, aber nun einmal gefürchtete Wahrheiten ausspricht und allmählich unter der übergroßen Verantwortung zusammenbricht.

Man kann sich darüber streiten, ob alles, was Legassow sagt, realistisch ist, vielleicht übertreibt er ein wenig, um den Mächtigen im ZK klar zumachen, dass es sich eben nicht um irgendein dummes Unglück handelt, das man vertuschen oder schön reden kann, um nicht an der propagierten  Überlegenheit der sowjetischen Technik und des sowjetischen Systems zu kratzen, sondern um eins, das einen ganzen Landstrich und darüber hinaus sogar einen erheblichen Teil der Welt nachhaltig zerstören kann, wenn keine geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Und, immerhin, das wird auch gezeigt, nachdem Generalsekretär Michail Gorbatschow endlich begriffen hat, wie schlimm das alles wirklich ist, spielen Kosten keine Rolle mehr, Schtscherbina, der die entsprechende Regierungskommission leitet, bekommt, was immer er fordert.

Chernobyl - Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Chernobyl – Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Die Rolle Schtscherbinas ist allerdings weniger eindeutig, einerseits war er ein Apparatschik, der erst auf der Seite der Vertuschen und Abwiegler stand. Er hat sich dann aber von Legassow überzeugen lassen, dass die Lage wirklich katastrophal war. In der Serie geschieht das, als ein Hubschrauber, der zu dicht an die aus dem explodierten Reaktor quellende Rauch- und Strahlungswolke herabgeflogen ist, in Teilen von Himmel fällt. Das mag vielleicht auch ein wenig übertrieben sein, Tatsache ist aber, dass die Strahlung in der unmittelbaren Nähe des explodierten Reaktors so hoch war, dass ferngesteuerte Roboter und Kettenfahrzeuge, die auf dem Dach eingesetzt werden sollten, um die hochradioaktiven Graphitbrocken aus dem Reaktorkern zu entfernen, ihren Dienst nach kurzer Zeit aufgaben. Die Technik kam mit der Strahlung noch weniger klar, als die Bioroboter, die nach dem Versagen der Maschinen eingesetzt wurden.

Nach diesem Erlebnis jedenfalls glänzte Schtscherbina tatsächlich mit logistischen Hochleistungen, etwa die komplette Evakuierung von Prypjat, die zwar viel zu spät kam, dann aber in sehr kurzer Zeit vollzogen wurde oder die Beschaffung von Material und Leuten für die Löschung des Reaktorbrandes und zur Eindämmung von weiteren, noch fataleren Folgen des Reaktorunglücks.

Chernobyl - der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Chernobyl – der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Die weißrussische Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) hingegen ist komplett erfunden, allerdings ist es eben viel einfacher, wenn sie herausfindet, was zu dem Unglück geführt hatte, als eine tatsächlich eingesetzte vielköpfige Untersuchungskommission. Es handelt sich ja eben nicht um eine Doku-, sondern um eine Dramaserie. Insofern finde ich eine solche Vereinfachung akzeptabel, zumal das Drama, das sich abgespielt hat, in ebenso drastischen wie beklemmenden Bildern gezeigt wird.

Wobei es einem US-Sender wie HBO sicherlich leichter fällt, eine Katastrophe kritisch aufzubereiten, die sich beim ehemaligen Klassenfeind und Weltmachtkonkurrenten UdSSR ereignet hat. Natürlich wird UdSSR-Bashing betrieben, einmal mehr wird zelebriert, dass in der nicht kapitalistisch organisierten UdSSR alles heruntergekommen, grau und vom KGB überwacht war. Der Alltag in der Sowjetunion in den 80ern wird ungefähr so dargestellt, wie es in den 50er und 60er-Jahre-Serien der USA ausgesehen hat. Nur eben noch armseliger, was die Ausstattung von Wohnungen und so weiter angeht. Das nervt mich schon, der Zustand der Gebäude wird kurz nach dem Umglück und der Evakuierung schon so dargestellt, wie er erst Jahrzehnte später war. Aber egal, wir kapieren ja, dass es auch darum geht, abzubilden, dass die Todeszone um den Unglücksort herum noch immer unbewohnbar ist.

Chernobyl - Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Chernobyl – Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Das Unglück an sich und das, was in den ersten Stunden und Tagen danach geschehen oder eben nicht geschehen ist, dermaßen haarsträubend, dass ich es gut finde, dass genau diese Fehleinschätzungen und Versäumnisse überhaupt thematisiert und für ein mehr oder auch weniger interessiertes Publikum aufbereitet werden. Es geht auch darum, zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich zu sicher ist, dass eigentlich nichts passieren kann: Die Reaktor-Mannschaft in Tschernobyl war ja tatsächlich dermaßen von der Sicherheit ihrer Technik überzeugt, dass sie den GAU aus einer fatalen Mischung aus Fahrlässigkeit (Missachtung grundlegender Sicherheitsregeln) und Fehleinschätzung der tatsächlichen Situation (Konstruktionsfehler des Reaktortyps) selbst herbeigeführt hat. Ein RBMK-Reaktor kann nicht explodieren, das wollten die Verantwortlichen auch noch glauben, als er schon explodiert war. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Dieser Irrglaube fordert immer wieder zahlreiche Opfer. (Es gibt keinen Klimawandel. Es gibt keine Luftverschmutzung. Es gibt kein Waldsterben. Es gibt kein Mikroplastik überall dort, wo es nicht hingehört. Es gibt kein…)

Da kann man natürlich mit dem Finger auf die Sowjetunion zeigen und sich freuen, dass westliche Technik ja so viel besser ist. Aber der Super-GAU in Fukushima zeigt, dass auch das technologische Musterland Japan nicht besser ist. Und auch in den USA kam es schon zu einer Reihe von Atomreaktor-Unfällen, der bekannteste dürfte Three Mile Island gewesen sein. Und natürlich wurde die Öffentlichkeit immer belogen und es wurde und wird immer verharmlost. Keine Regierung und kein Konzern liebt schlechte Nachrichten. Blöd nur, dass sich Radioaktivität (wie so vieles andere, was die Umwelt vergiftet) sich nicht an nationale Grenzen hält. Der Unfall von Tschernobyl wurde der Weltöffentlichkeit bekannt, als ein Atomkraftwerk in Schweden zwei Tage später Alarm auslöste, weil erhöhte Strahlung gemessen wurde.

Chernobyl - die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr  Bild: hbo.com

Chernobyl – die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr Bild: hbo.com

Mag sein, dass der GAU von Tschernobyl der entscheidende Nagel im Sarg des sozialistischen Blocks war. Aber wenn – aus welchen Gründen auch immer – ein vergleichbarer Unfall in einem französischen, britischen, chinesischen oder US-Atomkraftwerk geschehen sollte – es würde mindestens genauso teuer, die Verluste an Leben, Gesundheit und Vermögen wären vermutlich noch viel höher, vor allem, wenn es im dichtbesiedelten Westeuropa oder Asien geschehen würde. Ich habe im Zuge einer anderen Recherche vor Jahren einmal versucht, herauszufinden, wie das mit aktuellen Evakuierungsplänen und Kriseninterventionsmaßnahmen im unmittelbaren Einzugsgebiet von deutschen Atomkraftwerken im Falle einer Havarie ist. Verstörendes Ergebnis: Nicht einmal die Zuständigkeiten von entsprechenden Institutionen und Behörden sind bekannt. Es gibt wohl Lager mit Jodtabletten. Aber wer die bekommt und wie die verteilt werden – keine Ahnung. Wer für eine Evakuierung zuständig wäre, und wo die ganzen Leute dann hin sollen – Fragezeichen über Fragezeichen.

Fazit: Keine Regierung und kein Konzern sind auf den Ernstfall vorbereitet. Was passiert, wenn der Ernstfall trotzdem eintritt, zeigt diese Serie. Das ist nicht schön. Und irgendwie behagt mir diese Art von Faszination des Grauens nicht. So etwas sollte nicht Stoff von Unterhaltungsserien sein müssen. Es widert mich an, wenn das Unglück von Menschen (und Tieren) auf diese Weise ausgeschlachtet wird. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der alles, was man zum Leben braucht, einem Geschäftsmodell unterworfen ist. Essen, Wohnung, Kleidung, Gesundheit, Transport, alles kostet.

Dann soll halt HBO aus der Notwendigkeit, die Folgen einer atomaren Katastrophe für ein hoffentlich großes Publikum begreifbar zu machen, auch Gewinn erzielen. Ist halt eine Scheißwelt. Aber die Bewohner dieser Scheißwelt brauchen halt ihre Serien, um sich in ihrer Freizeit vom Stress des Lebens und damit des Geld-verdienen-müssens abzulenken. Chernobyl ist dafür nur bedingt geeignet. Umso bemerkenswerter, dass die Serie auf imdb und Rotten Tomatoes so gut bewertet wird. Ich werte das als Indiz dafür, dass viele Menschen sich durchaus Gedanken machen wollen: Chernobyl ist nun wirklich keine Heile-Welt-Serie. Sondern eine, die zeigt, was passiert, wenn eine vermeintlich heile Welt buchstäblich zerfällt. Und es ist eben nicht nur Faszination des Grauens, sondern der Versuch, zu überlegen, was denn ein in einer solchen Situation angemessenes Verhalten wäre. Die Antwort fällt schwer, weil es keine eindeutige Antwort gibt.

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Insofern finde ich gut, dass eine solche Serie und eben nicht ein neues Game of Thrones Furore macht. Also nichts gegen Game of Thrones. Aber mir ist lieber, wenn sich die Menschen nicht mit den Storylines fiktiver Charaktere beschäftigen, sondern damit, was mit unserer Welt passiert, wenn man bornierten Technologen glaubt. Es gibt ja gar nicht so wenige, die wieder laut über Atomkraft nachdenken, weil die Atomkraftwerke kein CO2 in die Atmosphäre blasen, im Gegensatt zu Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Ja klar, das stimmt. Mit den fossilen Klimakillern muss Schluss sein.

Aber: Es gibt noch immer keine wirklich sicheren Endlager für den Atommüll, der in den Kernkraftwerken weltweit anfällt. In Deutschland steht der Atommüll in Castoren in irgendwelchen Hallen rum, die weder gegen Flugzeugabstürze noch sonst wie besonders gut gesichert sind. Die erste Generation der Castor-Behälter hat ihre genehmigte Laufzeit im kommenden Jahr erreicht. Und dann? Keine Ahnung.

Gut, es ist vermutlich besser, die Castoren mit hochradioaktivem Atommüll da rumstehen zu lassen, wo man sehen kann, in welchem Zustand sie sind, statt sie einfach in die Asse zu kippen. Was wiederum ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen ist, das früher einmal für die Endlagerung von radioaktiven Müll vorgesehen war, ohne sich dafür irgendwie zu eignen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Radioaktivität aus den verrottenden Fässern ins Grundwasser gelangt. Auch wenn das Bundesinstitut für Strahlenschutz keine Kontamination des Geländes feststellen konnte (oder wollte), so gibt es doch eine auffällige Häufung bestimmter Krebsarten in der Gegend. Das ist kein Vergleich zu dem, was in Tschernobyl passiert ist. Aber ich bin gespannt, ob und wann es eine Serie über Fukushima geben wird.

GOT: Schwache Staffel, versöhnliches Ende

So, vorbei. Immerhin hat der letzte Teil diese letzte, insgesamt tatsächlich eher schwachen Staffel von Game of Thrones zu einem aus meiner Sicht durchaus befriedigenden Ende geführt. Dass die großen Aufregerthemen, die durch die Medien gegangen sind, ein vergessener Kaffeebecher und schlecht versteckte Wasserflaschen aus Plastik waren, zeigt, wie es um die inhaltliche Qualität der letzten Staffel bestellt war. Dabei gehöre ich noch nicht mal zu den enttäuschten Fans, die vor Frust schier Amok gelaufen sind und eine Petition für eine Neuverfilmung der achten Staffeln „mit kompetenten Schreibern“ gestartet haben, die bereits von fast 1,5 Millionen Unterstützern unterschrieben wurde.

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Aber ja, es stimmt schon: Aus dem gigantischen Budget, das für die letzte Staffel verbraten wurde, hätte man durchaus mehr machen können. Laut Variety hat jede der sechs Folgen 15 Millionen Dollar verschlungen – üblicherweise kostet eine Highend-Drama-Serie etwa 2 Millionen Dollar pro Folge. Da wäre es schon gut gewesen, mehr in die konsequente Entwicklung der Charaktere und damit in eine bessere Handlung zu investieren, statt in überbordende Spezialeffekte. Klar sind riesige feuerspeiende Drachen cool, und es ist teuer, mal eben eine komplette Stadt kulissenmäßig in Schutt und Asche zu legen. Aber nach dem es eine besondere Qualität der ersten Staffeln war, die Handlung auf verschlungenen Wegen vor sich hin mäandern zu lassen und statt dessen die Entwicklung von interessanten und eigenwilligen Charakteren und ihren komplizierten Beziehungen untereinander in Fokus zu stellen, zeichnete sich bereits vor der siebten Staffel ein Paradigmenwechsel ab: Jetzt ging es nicht mehr um subtile Charakterzeichnung, sondern um visuelle Überwältigung. Genau das also, was mir am aktuellen Blockbuster-Kino ohnehin schon auf die Nerven geht.

Wobei jeder der sechs Teile durchaus seine Höhepunkte hatte. Dass Arya sich Gendry ausgesucht hat, um herauszufinden, wie das mit dem Sex so geht, beispielsweise. Oder der hoch verdiente Ritterschlag für Brienne, ausgeführt von Jaime Lannister, der sie ganz offenbar zu schätzen (und vielleicht sogar zu lieben?) gelernt hat. Aber alle diese hoffnungsfrohen Momente, die letztlich auch zu sentimental für die sonst so brutale Handlung sind, führen nur wieder zu neuen Enttäuschungen. Was einerseits konsequent für die bisherige Grundlinie der Serie ist.

Andererseits teile ich insgesamt den Eindruck, dass es den Autoren in erster Linie nur noch darum zu gehen schien, mit der Geschichte endlich abzuschließen. Insofern klaffen zum Teil ganz erhebliche Logiklöcher weit offen, da werden im dritten Teil die Dothraki weitgehend ausgelöscht, zum Schluss sehen wir aber wieder eine beeindruckende Reiterarmee, bereit die ganze Welt für ihre Königin zu erobern. Was auch für die Unbefleckten gilt. Oder wir sehen, wie der Drache Rhaegal von Euron Greyjoy spektakulär vom Himmel geschossen wird, während die Skorpion-Speere Drogon nur eine Folge später schon nichts mehr anhaben können. Oder dass sich Arya, die seit langer Zeit das Ziel verfolgt, Cersei zu töten, sich in letzter Minute ausgerechnet vom Hound wie ein kleines Mädchen nach Hause schicken lässt, wo sie doch zuvor schon den den viel gefährlicheren und mächtigen Nachtkönig getötet hat – eine unglaubwürdigere Wendung kann man sich kaum ausdenken.

Dass Cersei und Jaime ganz unspektakulär unter den Trümmern der Roten Feste begraben werden, geht für mich in Ordnung, allerdings ist es völlig unwahrscheinlich, dass Tyrion später ausgerechnet über die goldene Hand seines Bruders stolpert und seine Geschwister tot auffindet, nachdem er ein paar Brocken beiseite geräumt hat. Die Burg ist im Teil zuvor mit dermaßen beeindruckenden Effekten (Drachenfeuer!) und entsprechendem Sachschaden zerstört worden, so dass eigentlich unvorstellbar ist, dass man von den Leichen überhaupt noch erkennbare Teile finden kann, selbst wenn man mit viel Aufwand danach suchen würde. Noch unbefriedigender finde ich allerdings den Umstand, dass die Gefahr des ewigen Winters mit dem Tod des Nachtkönigs mal eben komplett und für immer gebannt ist, insofern bräuchte es ja tatsächlich keine Nachtwache mehr, zu der Jon für den Rest seines Lebens verbannt werden könnte. Aber wie Tyrion erklärt, man braucht sie eben doch als Zufluchtsstätte für gescheiterte Existenzen. Nun ja. Immerhin kann Jon am Ende genau das tun, was er sein Leben lang tun wollte: Mann der Nachtwache sein und das Reich beschützen, vor was auch immer.

Den Job hat er bisher schon immer wieder ganz gut erledigt, auch wenn nicht auf die Art und Weise, die er selbst oder das Publikum erhofft hat: Oft genug stolpert er in der letzten Staffel mit dem Schwert in der Hand durch die Gegend, ohne wirklich etwas ausrichten zu können. Die größte Tat begeht er ausgerechnet mit dem Verrat an seiner geliebten Königin, nachdem Jon erkennen musste, dass Daenerys nicht die gerechte und gütige Herrscherin sein wird, die sie werden wollte. Es hatte sich allerdings schon in den vergangenen Staffeln abgezeichnet, dass Daenerys berechnend und grausam sein kann. Wer immer sich ihr in den Weg stellte, wurde niedergemetzelt oder verbrannt, nur traf es am Anfang immer die Bösen. Inzwischen ist Daenerys dermaßen davon überzeugt, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass sie wahl- und zahllos Unschuldige tötet, weil sie damit ja ihr gutes Ziel verfolgt: Die ganze Welt von Fremdherrschaft zu befreien und ihre eigene, ihrer Ansicht nach ideale, Herrschaft zu zementieren. Natürlich musste sie sterben und es konnte nur Jon sein, weil er der einzige war, der bis zum Schluss ihr Vertrauen besaß und dicht genug an sie heran kam.

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Als idealere Herrschaft wird danach eine Art aufgeklärte Monarchie mit Wahlkönigtum eingeführt, Sam sorgt noch für ein paar Lacher, als er vorschlägt, dass alle Menschen in Westeros eine Wahl haben sollten. Doch für dermaßen radikale Vorstellungen von Basisdemokratie sind die anderen noch nicht reif. Stattdessen sollen Vertreter der bisherigen sieben Königreiche und sonst durch verdienstvolle Taten aufgefallene Edelleute den neuen König wählen. Auch hier wird nicht erklärt, wie das Sammelsurium mehr oder weniger bekannter Figuren zustande kommt, das offenbar auf die Initiative von Grauer Wurm zusammengerufen wurde, um die künftigen Herrschaftsverhältnisse in Westeros zu klären.

Die Verräter Jon Snow und Tyrion Lannister gehören aus naheliegenden Gründen nicht dazu. Um so erstaunlicher, dass der in Ketten vorgeführte Zwerg überhaupt angehört wird. Und der macht natürlich von seinem Talent, alle anderen an die Wand zu quatschen, gebrauch und überrascht mit dem Vorschlag, ausgerechnet den Krüppel Bran zum König zu wählen. Wobei natürlich auch vieles dafür spricht, den Dreiäugigen Raben zu wählen, denn er weiß ja tatsächlich mehr als alle anderen.

Und der frisch gekürte König Bran, erster seines Namens, macht in seiner Weisheit Tyrion zu seiner Hand, damit der den Rest seines Lebens seine Fehler wieder gut machen kann. Doch, das geht okay. Und auch, dass Sansa durchsetzt, dass der Norden unabhängig bleibt, mit ihr als Königin des Nordens. Wobei man sich dann natürlich schon fragen könnte, warum die anderen dann nicht auf die Idee kommen, dass auch Dorne oder die Eiseninseln oder was auch immer unabhängige Reiche bleiben könnten. Aber egal, wir müssen ja irgendwie mal zum Ende kommen.

Als eine Winter habe ich überhaupt nichts gegen den Mehrfach-Triumph der Starks, mit Sansa als Königin des Nordens, Jon jenseits der Mauer und Bran auf dem Thron kann nichts mehr schief gegen, und wer weiß, was Abenteuerin Arya im Westen noch entdecken mag. Das ist ein versöhnliches Ende nach so viel Blutvergießen, Hass und Zerstörung. Ich kann gut damit leben und freue mich auf neue Serien. Gern auch ohne Drachen.