Vongozero – Flucht zum See

So wie es aussieht, wird dieser Herbst und Winter eine gute Zeit, um Serien zu kucken, sehr viel anderes darf man derzeit in seiner Freizeit ja kaum tun. Weil mich immer interessiert, was bei uns weniger bekannte Serienländer so produzieren, bin ich bei Netflix über Vongozero – Flucht zum See (To The Lake) gestolpert, eine russische Katastrophenserie, die erschreckend gut in diese Zeit passt. Der russische Originaltitel lautet Epidemia.

Vongozero - Flucht zum See Bild: Premiere via cinemaescapist.com
Vongozero – Flucht zum See Bild: Premiere via cinemaescapist.com

Ein bisher unbekannter Virus breitet sich in Moskau aus. Er befällt vor allem die Lunge, die Menschen beginnen zu husten, spucken Blut, erblinden und sterben innerhalb kurzer Zeit. Die Erstausstrahlung war im November 2019, somit noch vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Insofern dürften Ähnlichkeiten zufällig sein, andererseits warnen einschlägige Wissenschaftler seit Jahrzehnten vor einem solchen Ereignis. So richtig überraschen sollte ein solches Szenario also nicht, schließlich gab es in der Vergangenheit immer wieder derartige Ereignisse, etwa die „Spanische“ Grippe vor hundert Jahren oder die Pestepidemie im 14. Jahrhundert. Am „schwarzen Tod“ starb ein Drittel der europäischen Bevölkerung. An den Haaren herbeigezogen sind derartige Katastrophen also nicht, aber kein normaler Mensch kann oder will sich so etwas vorstellen. Deshalb sind dann doch alle wieder extrem überrascht, wenn es tatsächlich passiert, obwohl man es doch eigentlich besser wissen müsste. Auch davon handelt diese Serie.

In Vongozero folgen wir der Familie von Sergej (Kirill Käro), der mit seiner Frau Anna (Viktoria Isakova) und seinem Stiefsohn Mischa (Eldar Kalimulin) in einem schönen Haus in einem angenehmen Vorort der russischen Hauptstadt Moskau lebt. Ihr Nachbar ist der wohlhabende, aber vulgäre Lyonya (Aleksander Robak), der sich nach dem Tod seiner Frau mit einer hübschen, viel jüngeren Frau (Natalya Zemtova als Marina) getröstet hat, was ihm seine rebellische Teenagertochter Polina (Viktoria Agalakova) offensichtlich übel nimmt.

Als nach Ausbruch der Seuche Sergejs Vater Boris (Yuri Kuznetsow) auftaucht und darauf dringt, die Familie in Sicherheit zu bringen, stellt sich heraus, dass auch Sergej Leichen im Keller hat: Er will erst nach Moskau, um seine Exfrau Irina (Maryana Spivak) und seinen leiblichen Sohn Anton zu retten. Sergej und sein Vater haben kein gutes Verhältnis, doch Boris, der in Sowjetzeiten als Mathematiker an Plänen zur Bekämpfung von Epidemien gearbeitet hat, weiß, wie dramatisch die Situation ist. Er will seinen Sohn und dessen Familie überzeugen, mit ihm in sein abgelegenes Feriendomizil an einem See in den karelischen Wäldern zu fliehen, um die Epidemie dort zu überstehen.

Vongozero Flucht zum See, Serienposter Bild: Premiere via cinemaescapist.com

Schließlich brechen die drei sehr unterschiedlichen Familien gemeinsam auf, Konflikte sind vorprogrammiert. Insbesondere für Sergej, der zwischen seiner Ex und seiner aktuellen Frau hin- und hergerissen ist. Aber auch bei Lyonya und seiner hochschwangeren Marina ist lange nicht klar, wo ihre Loyalitäten wirklich liegen. Die beiden haben sich jeweils aus widrigen Verhältnissen hochgearbeitet und denken in erster Linie an sich selbst. So müssen sie erst wieder neu lernen, dass es in Krisensituationen auf Solidarität und Verlässlichkeit ankommt. Polina sieht die beiden von Anfang an sehr kritisch und entwickelt ein eigenes Verhältnis zu Mischa, dem autistischen Sohn von Anna.

Es geht in der Serie also vor allem um gruppendynamische Prozesse innerhalb einer Zwangsgemeinschaft von Menschen, die sich nicht unbedingt gut leiden können, aber für das gemeinsame Überleben auf einander angewiesen sind. Was mir gut gefallen hat, waren die unterschiedlichen Einblicke in die russische Gesellschaft. Es gibt den luxuriösen Lebensstil der gehobenen Mittelschicht rund um die Hauptstadt Moskau, aber eben auch die weniger glücklichen Existenzen, die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen. Die einen leben hinter dicken Stahltüren in ihren Moskauer Appartements, die anderen auf dem Land in schlichten Holzhäusern.

Immer wieder gibt es Begegnungen unterschiedlichster Art: Während die einen versuchen, aus der Notlage der anderen Kapital zu schlagen, und notfalls bereit sind, über Leichen zu gehen, gibt es auch freundliche Helfer und mutige Menschen, die einfach das Richtige tun wollen. Und dann gibt es natürlich den russischen Winter und die Landschaft, unendliche Wälder, in denen man verloren gehen, aber möglicherweise auch überleben kann. Für mich auf jeden Fall eine der spannenderen Netflixserien derzeit.

Oktoberfest 1900: Bier und Blut

Die ARD hatte für den Herbst eine Serienoffensive versprochen, und nun gibt es zum Auftakt Oktoberfest 1900 (für die internationale Vermarktung heißt sie treffender Oktoberfest: Beer and Blood). Ausgerechnet in diesem Jahr wurde die „echte“ Wiesn coronabedingt abgesagt, insofern ist das vielleicht ein kleiner Trost für alle Fans des organisierten Massenbesäufnisses. Auch wenn die aktuellen Münchner Wiesnwirte die Serie im Vorfeld als rufschädigend kritisiert haben, weil, nun ja. Vermutlich ist in der Serie mehr Wahrheit über das Oktoberfest enthalten, als den auf ein freundliches und weltoffenes Image versessenen Wiesnstrategen lieb ist. Von der Weltstadt mit Herz war München damals noch Lichtjahre entfernt und der brutale Kampf der historischen Festwirte wird in blutrünstiger Westernmanier inszeniert, wobei Anleihen bei Deadwood und der etwas surrealen Ästhetik von britischen Serien wie Peaky Blinders und Taboo die harte Kost ein bisschen auflockern. 

Oktoberfest 1900: Bild ard

Wie weit der Serie tatsächlich auf realen Begebenheiten beruht, wie im Vorspann immer wieder behauptet wird, kann ich nicht beurteilen, es ist aber offensichtlich, dass Oktoberfest 1900 keine Dokuserie ist, sondern deftiges Bauerntheater in opulenter Kulisse. Genau das ist es ja, was den Spaß an dieser Serie ausmacht. Gedreht wurde hauptsächlich in Prag, vermutlich wirkt das München dieser Serie deshalb so, als sei es die Kulisse für einen tschechischen Märchenfilm. Die Handlung ist allerdings weniger märchenhaft, da geht es derb zur Sache.

Oktoberfest 1900: Curt Prank (Mišel Matičević)

Die historische Grundlage soll der Bierkrieg zwischen dem fränkischen Wiesnwirt Georg Lang und dem Kartell der größten Münchner Brauereien sein, der 1898 statt fand. Lang hatte als erster die Idee, eine Riesenhalle mit 6000 Plätzen auf die Wiesn zu stellen. Was in der Folge zu einem Sterben der kleinen Brauereien in München führte: Die kommenden Jahre überstanden nur die, die einen der wenigen Plätze auf der Wiesn ergattern konnten, ohne dieses werbewirksame Zusatzgeschäft war das geschäftliche Überleben in München nicht mehr möglich.

In der Serie heißt der Großbrauer aus Franken allerdings Curt Prank (Mišel Matičević). Prank bekommt als Nicht-Münchener natürlich keine Schanklizenz und kann entsprechend sein fränkisches Bier in München nicht verkaufen. Mit erheblicher krimineller Energie beschafft er sich fünf nebeneinanderliegende Parzellen für Bierbuden, um darauf seinen Bierpalast zu errichten. Stellvertretend für eine der vielen Kleinbrauereien kämpft die Familie Hoflinger, der die Traditionsbrauerei Deibel Bräu gehört, ums Überleben. Maria (Martina Gedeck) und Ignatz Hoflinger (Francis Fulton-Smith) haben zwei Söhne, den ambitionierten Roman (Klaus Steinbacher), der das Geschäft gern mit Flaschenbier ausweiten möchte (jugendliche Flausen, finden seine Eltern, Bier kommt aus dem Fass!) und Ludwig (Markus Krojer), der lieber ein Kunstmaler als ein Brauer werden möchte. Ignatz fällt schnell den Ränken des Curt Prank zum Opfer, aber Maria erweist sich als unerwartet harte Gegnerin, die später aber an ihrer eigenen Härte zerbrechen wird…

Oktoberfest 1900: Maria Hoflinger (Martina Gedeck)

Doch auch im Hause Prank läuft nicht alles wie erwartet, Curts hübsche Tochter Clara (Mercedes Müller), die aus strategischen Gründen dem aalglatten Vorsitzenden der Münchner Großbrauerei Capital Bräu, Anatol Stifter (Maximilian Brückner), versprochen wurde, verliebt sich auf einem Fest für das niedere Volk ausgerechnet in den feschen Roman. Eigentlich sollte ihre Anstandsdame (Brigitte Hobmeier als Colina Kandl) genau solche Dinge verhindern. Colina hatte sich mit gefälschten Zeugnissen und einer ordentlichen Portion Chuzpe in den Haushalt der Pranks eingeschlichen und erweist sich einerseits als denkbar ungeeignet für den von Prank erwarteten Job. Andererseits ist sie diejenige, auf die Clara am Ende zählen kann, als die ebenso verwöhnte, wie eigensinnige Unternehmer-Tochter sich entschließt, ihren eigenen Weg zu gehen.

Oktoberfest 1900: Roman Hoflinger (Klaus Steinbacher)

Überhaupt ist Colina Kandl die interessanteste Figur der Serie, deren Charaktere insgesamt reichlich holzschnittartig bleiben. Was mich aber in diesem Fall nicht gestört hat, denn Oktoberfest 1900 hat etwas von einer Comicverfilmung, eine Menge schräger Figuren treten auf und tun, was sie zu tun haben. Der zwielichtige Glogauer (Martin Feifel) etwa oder der gute Cop Eder (Eisi Gulp) oder die „Kannibalen“ aus der Südsee, die zur Belustigung des mitteleuropäischen Publikums auf dem Oktoberfest ausgestellt werden, wie man es mit Exoten damals halt so gemacht hat.

Oktoberfest 1900: Colina Kandl (Brigitte Hobmeier) führt den Streik der Biermadln an.

Colina Kandl ist im Grunde der einzige „echte“ Mensch in dieser Serie. Nach ihrem kühnen Einstand als falsche Anstandsdame erweist sie sich als Kämpferin, der das Leben übel mitgespielt hat, aber die trotzdem nicht aufgibt und immer wieder versucht, das Beste aus einer miesen Position heraus zu holen. Sie zerbricht nicht (aber fast), sondern nutzt ihre Möglichkeiten. Sie wird zur Galionsfigur der Biermadln auf dem Oktoberfest, die mit einem Streik endlich einen sicheren und guten Lohn für ihren harten Job ertrotzen. Wobei auch Clara sich vom Luxusgewächs einer höheren Bürgertochter zur zupackenden Unternehmerin entwickeln darf, allerdings bleibt ihre Rolle in den ersten Folgen dann doch sehr auf das unvorsichtige Mädchen beschränkt, das sich in eine blöde Situation bringt.

Oktoberfest 1900: Clara (Mercedes Müller) hat ihre Bestimmung gefunden

Ansonsten halt das Übliche, der skrupellose Geschäftssinn bricht sich Bahn, die anderen müssen sehen, wo sie bleiben. Am Ende gewinnt der, der seinen Größenwahn am effektivsten inszenieren kann, aber Erfolg hat eben auch einen Preis. Am anderen Ende der Nahrungskette freut man sich notwendig auch über sehr viel kleinere Siege. Etwa darüber, dass man sich weiterhin mit harter, ehrlicher Arbeit einen Lebensunterhalt verdienen darf. Insofern ist das Gestrige erschreckend aktuell. Alles in allem ein durchaus unterhaltsames Serienerlebnis, das weniger durch eine originelle Handlung, sondern vor allem durch optische Opulenz gewinnt.

Outlander: Fantasy-Romanze im Historienkostüm

Gewissermaßen auch eine Fluchtserie, aber eine der ganz anderen Art ist Outlander. Bei Outlander handelt es sich um eine der Serien, bei denen ich mir überhaupt nicht sicher war, ob ich sie sehen wollte. Schließlich geht es auch hier um Zeitreisen und alternative Realitäten, also eher um Mystery. Aber weil ich immer und immer wieder darauf gestoßen wurde und zumindest einige Staffeln auf Netflix verfügbar sind, dachte ich mir, dass mal Reinschauen nicht schaden kann – und wie so oft ist das Ende vom Lied, dass ich einen großen Teil der verfügbaren Folgen in kurzer Zeit  weggebinged habe.

Denn die Geschichte der unerschrockenen Britin, nein, tatsächlich Engländerin, Claire (Caitriona Balfe), die gerade den zweiten Weltkrieg überstanden hat, zog mich schnell in ihren Bann. Zum einen, weil ich historische Stoffe mag, zum anderen spielt die Serie zumindest in den ersten Staffel in Schottland. Für Fans britischer Dialekte lohnt es sich auf jeden Fall, die Serie im Original zu sehen – es ist einfach herrlich, wie die Schotten englisch reden, sofern sie überhaupt englisch reden, denn eigentlich sprechen sie ja Gälisch. Konsequenterweise werden bei Netflix die gälischen Parts nicht untertitelt, so dass man sich wie Claire fühlt, die dann eben auch nur Bahnhof versteht.

Outlander: Claire (Caitriona Balfe) und Jamie (Sam Heughan) Bild: Starz.com

Outlander: Claire (Caitriona Balfe) und Jamie (Sam Heughan) Bild: Starz.com

Aber Claire ist hart im Nehmen. Fünf lange Jahre war sie Krankenschwester in der britischen Armee und hat mit ihrem Einsatz vielen Männern das Leben gerettet, aber auch viele sterben sehen. Sie ist unglaublich pragmatisch und kann mit einfachsten Mitteln improvisieren – genau diese Erfahrungen und Fähigkeiten braucht sie auch für die Abenteuer, die sie nun zu bestehen hat. Als sie mit ihrem Ehemann, von dem sie so lange Zeit getrennt war – ihr geliebter Frank (Tobias Menzies) diente im Krieg als Geheimdienstoffizier – zu einer Art zweiter Flitterwochen in die schottischen Highlands fährt, gerät sie durch ein heidnisches Ritual ins Jahr 1743. Eine Zeit dramatischer politischer Wirren und Konflikte, in der die schottischen Clans sich gegen die Unterdrückung durch die Engländer auflehnten.

Eigentlich wollte Frank mehr über einen seiner Vorfahren herausfinden, der als englischer Offizier an der Niederschlagung der schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen beteiligt war. Auch ein wichtiges Detail: Claire ist ungewöhnlich bewandert in der britischen Geschichte. Nach dem Tod ihrer Eltern wuchs sie nämlich bei ihrem Onkel auf, der Archäologe war. Dieses Interesse an der Vergangenheit teilt sie mit ihrem Mann. Wobei sie sich eigentlich noch mehr für Botanik interessiert, was künftig ebenfalls sehr nützlich sein wird.

Outlander: Claire (Caitriona Balfe) mit ihrem Ehemann Frank (Tobias Menzies) Bild: Starz.com

Outlander: Claire (Caitriona Balfe) mit ihrem Ehemann Frank (Tobias Menzies) Bild: Starz.com

Jedoch nimmt das Verhängnis ausgerechnet damit den Anfang, als Claire nach einer Samhain-Zeremonie, die sie in der Nacht zuvor gemeinsam mit Frank heimlich beobachtet hat, zu dem Steinkreis zurückkehrt, an dem das Ritual stattfand. Dort hat sie eigenartige blaue Blumen entdeckt, die sie erst für Vergissmeinnicht gehalten hat, aber sie ist sich nicht mehr sicher. Sie will herausfinden, um welche Pflanzen es sich tatsächlich handelt. Von diesem Ausflug kehrt sie nicht zurück: Durch die Berührung des höchsten Steins von Craigh na Dun wird sie in die Vergangenheit befördert und landet gleich in einer extrem brenzligen Situation, aus der sie von hilfsbereiten Schotten errettet wird. Und weil sie mit ihren medizinischen Kenntnissen in der Lage ist, den verwundeten Jamie MacKenzie Fraser (Sam Heughan) gut zu versorgen, nehmen die Schotten sie kurzerhand mit. Claire wird zum Castle Loch gebracht.

Der dortige Laird Column MacKenzie bechließt, Claire als Heilerin dort zu behalten – aber sie will ja eigentlich in ihre Zeit und zu ihrem Ehemann zurück. Doch weil nicht klar ist, wie sie das bewerkstelligen soll, arrangiert sich irgendwie mit der Situation – ihr bleibt ja letztlich nichts anders übrig. Mit der Zeit kommt Claire Jamie näher, wenn auch nicht ohne Gewissensbisse. Denn eigentlich liebt sie ja ihren Ehemann Frank, auch wenn sich dessen Vorfahr Jonathan „Black Jack“ Randall als fieses englisches Arschloch entpuppt, das besessen davon ist, den Schotten und damit auch Claire das Leben zur Hölle zu machen.

Jamie musste eine schreckliche Strafaktion durch diesen Randall erleiden, der ihn öffentlich ausgepeitscht hat. Andere Zeiten, andere Sitten. Jamies Rücken wird für immer von diesen Narben entstellt sein. Aber der Engländer Randall will auch seine Landsmännin (sagt man das noch immer so?) Claire zurück. Man kann sich schon denken, warum. Aber Claire will nicht, so dass sie am Ende keine andere Wahl hat, als Schottin zu werden. Und das kann sie nur, indem sie einen Schotten heiratet. Also heiratet Claire Jamie, der – mal abgesehen von seinem vernarbten Rücken, ja durchaus ein attraktiver und vor allem aufrichtiger Kerl ist, der Claire wahrhaft lieben und ehren wird.

Outlander: Claire (Caitriona Balfe) und Jamie (Sam Heughan) kommen sich näher. Bild: Starz.com

Outlander: Claire (Caitriona Balfe) und Jamie (Sam Heughan) kommen sich näher. Bild: Starz.com

Die Liebesgeschichte zwischen dem aufrechten schottischen Edelmann und der pragmatischen (aber immer wieder doch ziemlich romantischen) Claire ist ein spannender Ausflug in die britische Geschichte, die sich im Verlauf der nächsten Staffeln erst nach Frankreich und dann in die neue Welt verlagert. Claire ist dazu verdammt, zwischen den Welten zu pendeln, weil sie weder Frank, noch Jamie aufgeben will. Das führt zu interessanten Zeitreise-Effekten, in die im Laufe der Serie auch Claires Tochter Brianna (Sophie Skelton) und deren Freund Roger (Richard Rankin) hineingesogen werden. Alles in allem handelt es sich Outlander also eher eine Fantasy-Romanze, als um ein Historiendrama. Aber weil immer wieder tatsächliche historische Ereignisse als Ankerpunkte dienen, kommt Outlander zumindest für mich eher wie ein Historiendrama rüber.

Wobei, Hand aufs Herz, Historiendramen ohnehin allesamt weitgehend Fantasy sind, denn es war ja keiner von uns damals dabei. Auch wenn Kulissen, Kostüme, Ausstattung und so weiter gut recherchiert und auch die Ereignisse tatsächlich historisch belegt sind, bestimmt doch der Spirit und die Sichtweise der jeweiligen Macher die jeweils erzählte Geschichte. Wobei ich mir, ehrlich gesagt, nicht sicher bin, worum es bei Outlander letztlich gehen soll. Klar, es geht um historische Ereignisse, die neu interpretiert werden, schon auch irgendwie um Emanzipation, einerseits der Schotten, allen voran Jamie Fraser, der eine interessante Entwicklung durchläuft, andererseits von Claire als Frau, die ihren Mann steht und die Grenzen dessen, was möglich erscheint, immer wieder verschiebt. Dabei hilft ihr ein umfangreiches Wissen aus einer Zukunft, die auch schon wieder Vergangenheit ist.  Vor allem geht es um eine zeitenüberspannende Romanze, die für meinen Geschmack immer wieder zu gefühlsduselig wird, aber alles in allem gute Unterhaltung bietet. 

Auf der Flucht: Stateless

Stateless ist eine der viel zu vielen Serien, die in diesem Jahr auf den Markt geworfen werden. Die australische Mini-Serie ist derzeit auf Netflix zu sehen. Ich fürchte, dass diese Serie im allgemeinen Rauschen dieses Serienjahrs untergehen wird, deshalb möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich auf sie hinweisen. Wie der Name schon erahnen lässt, geht es in Stateless um Staatenlose, also um Menschen, deren Herkunft und damit auch deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist. Meist handelt es sich um Flüchtlinge, die aus ihrer Heimat fliehen, weil sie dort keine Perspektive mehr auf ein erträgliches Leben für sich und ihre Kinder sehen. Doch ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft in einer neuen Heimat wird immer wieder bitter enttäuscht.

Stateless: Amir und seine Familie Bild: Netflix

Stateless: Amir (Fayzzal Bazzi) und seine Familie. Bild: Netflix

Häufig wird die Not dieser Menschen von windigen Figuren ausgenutzt, die daraus ihr eigenes Geschäftsmodell stricken: Sie ziehen den Flüchtigen ihre letzten Habseligkeiten ab und überlassen sie dann ihrem Schicksal. Oft handelt es sich bei solchen Verbrechern ebenfalls um Elendsgestalten, die unter anderen Bedingungen vermutlich weniger kriminell  geworden wären, hätten sie denn eine alternative Möglichkeit für einen Gelderwerb gefunden.

Womit ich nicht gesagt haben will, dass sie keine andere Wahl gehabt hätten. Es gibt immer eine Wahl. Genau darum geht es in Stateless: Menschen, die eine Entscheidung treffen, die sie auf unterschiedlichste Weise ins Baxter Detention Centre führt. Dieses Internierungslager für Flüchtlinge existierte von 2002 bis 2007. Entsprechend findet die Handlung der Serie vor etwa 15 Jahren statt.

Stateless: Sofie Werner (Yvonne Strahovski) Bild: Netflix

Stateless: Sofie Werner (Yvonne Strahovski) Bild: Netflix

In der Serie gibt es unter anderem eine afghanische Familie, die aus ihrer Heimat flieht, weil der Vater Amir, der Lehrer ist und daher gut Englisch spricht, seinen Töchtern eine bessere Zukunft als eine unter dem Taliban-Regime ermöglichen möchte. Doch Amir gerät an einen kriminellen Schlepper, der darauf setzt, dass keiner der Betrogenen ein rettendes Ufer erreicht. Entgegen aller Erwartungen überleben Amir und seine ältere Tochter irgendwie und treffen sich schließlich im Lager wieder, wo Amir dann wiederum eine herzzerreißende Entscheidung treffen muss, damit wenigstens seine Tochter der Trostlosigkeit des Lagers entkommen kann.

Die Hauptfigur der Serie ist allerdings Sofie Werner, gespielt von Yvonne Strahovski, die ich als Hannah McKay aus der Serie Dexter kannte. Die deutschstämmige Stewardess Sofie ist psychisch instabil und fühlt sich (zu recht) von ihrer Familie bevormundet. Um den stereotypen Erwartungen ihrer Eltern zu entgehen, sucht sie Zuflucht bei einem Pärchen, das ebenfalls ein kriminelles Geschäftsmodell entwickelt hat: Gordon (Dominic West) und Pat (Cate Blanchett) Masters. Die beiden nutzen labile Menschen wie Sofie aus, um sich für Tanzunterricht und zweifelhafte Motivationssessions gut bezahlen zu lassen.

Stateless: Gordon (Dominic West) und Pat Masters (Cate Blanchett) Bild: Netflix

Stateless: Gordon (Dominic West) und Pat Masters (Cate Blanchett) Bild: Netflix

Sie versprechen ihren Anhängern, ihr eigentliches, ihr besseres Ich zu entdecken, in dem sie ihren Traum leben: Tanzen! Doch als Sofie als Solotänzerin für eine ebenfalls zweifelhafte Award Show ausgewählt wird, versagt sie und flieht einmal mehr. Sie gerät in die Mühlen des australischen Flüchtlingssystems, weil sie falsche Angaben über ihre Herkunft macht, denn sie will auf keinen Fall zu ihrer Familie zurück. Die Behörden halten sie für eine illegale Einwanderin aus Deutschland, so kommt sie ins Flüchtlingslager.

Dort tut Cameron seinen Dienst, ein Familienvater, der seiner Familie mit dem gut bezahlten Job im Lager endlich ein Eigenheim mit Swimmingpool ermöglichen will. Allerdings war Cam nicht klar, auf was er sich wirklich eingelassen hat: Die harte Gangart seiner Kollegen, die Flüchtlinge oft mit unnötiger Gewalt schikanieren, macht ihm zu schaffen. Der Graben geht durch seine eigene Familie, seine Schwester Janice kämpft für die Rechte der oft jahre-, ach was, Jahrzehnte lang in hoffnungsloser Position an trostlosen Orten internierten Menschen, denen am Ende ihrer Odyssee häufig eine Rückschiebung in genau die Verhältnisse droht, aus denen sie geflohen sind.

Stateless: Wachmann Cameron (Jai Courtey). Bild: Netflix

Stateless: Wachmann Cameron (Jai Courtey). Bild: Netflix

Und dann gibt es noch Clare, eine Verwaltungsbeamtin, die einerseits Karriere machen, andererseits aber denen, die es in ihren Augen verdienen, tatsächlich helfen will. So kämpft Clare immer wieder gegen negative Presse und beschönigt die Lage in „ihrem“ Camp. Sie gerät unter Druck, als es zu einer Art Aufstand kommt. Letztlich benutzt sie ihren persönlichen „Feind“ von der Presse-Front, um eine ganz andere Geschichte zu lancieren, die ihre Vorgesetzten eigentlich von ihr hören wollten, um die rigide australische Flüchtlingspolitik zu rechtfertigen. Aber mit ihrer alternativen Story kann sie zumindest ein unschuldiges Opfer der Umstände retten.

So zieht sich durch die gesamte Serie diese Ambivalenz, die ich so wichtig finde: Die Menschen werden immer wieder zu Dingen getrieben, die eigentlich ihrem eigenem Wertesystem widersprechen. Sie tun es, weil sie diejenigen, die sie lieben, retten wollen. Sie tun es, weil sie sich eine bessere Zukunft davon versprechen. Manche haben im Vergleich zu den Schicksalen der anderen Luxusprobleme oder einfach einen Knall. Aber es gibt kein simples Gut und Böse, all diese Menschen haben nachvollziehbare Gründe für das, was sie tun.

Stateless: Clare (Asher Keddie, in der Mitte). Bild: Netflix

Stateless: Clare (Asher Keddie, in der Mitte). Bild: Netflix

Diese unterschiedlichen Sichtweisen zu berücksichtigen, ist etwas, was meiner Ansicht nach in der letzten Zeit immer mehr unter die Räder gerät. Die Menschen bewegen sich nur noch in ihren Filterblasen und sind immer weniger bereit, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Kann man verstehen. Diese ganze, jetzt auch durch Corona erzwungene Selbstisolation, das ist nicht gesund für Menschen. Die angeblich ja soziale Wesen sind.

In Stateless wird keine verschwurbelte Sozialromantik gefeiert, es werden auch keine Lösungen angeboten. Gezeigt werden die Schicksale von Menschen, die mit der Flüchtlingspolitik der australischen Regierung klar kommen müssen, entweder, weil sie ihr als Flüchtlinge unterworfen sind, oder sie als Wachleute oder Verwaltungspersonal durchsetzen müssen. Und obwohl die Handlung der Serie 15 Jahre zurück liegt, ist sie weiterhin aktuell. Denn seit dem sind weltweit mehr Menschen denn je vor Kriegen und anderen Katastrophen in ihren Ländern auf der Flucht, und kein einziges der in Stateless gezeigten Probleme wurde nachhaltig gelöst.

Insofern ist Stateless keine „schöne“ Serie, die man sich zur Entspannung am Wochenende reinzieht. Aber sie ist so vielschichtig und gut gemacht, dass sie durchaus unterhält. Die Charaktere sind echte Menschen, die sich mehr oder weniger freiwillig in fatale Situationen gebracht haben, so dass man mit ihnen mitfiebern kann, auch wenn man die eine oder andere Entscheidung selbst so vermutlich nicht getroffen hätte. Oder vielleicht doch, denn es handelt sich, zumindest subjektiv, um Extremsituationen, in denen man extreme Dinge tut. Oder eben auch nicht, was genauso fatal sein kann. Aus meiner Sicht wäre es ein Fehler, sich diese Serie nicht anzusehen.

Dark: Das Ende ist der Anfang

Mit der ersten Staffel von Dark war ich nicht besonders glücklich. Inzwischen ist die finale dritte Staffel gelaufen und ich bin mir noch immer nicht sicher, was ich von der Serie halten will. Wobei ich sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste, vielleicht auch, weil ich jetzt wusste, was mich erwartet. Dark tut anfangs so, als sei sie eine Krimiserie, in der das Verschwinden zweier Kinder untersucht wird. Tatsächlich handelt es sich um eine Mystery-Serie, in der es hauptsächlich um Zeitreisen und absurde Familienverhältnisse geht. Wenn man sich darauf einlässt, kann das durchaus Spaß machen. Und in der dritten Staffel wird dieses ganze Zeitschleifen-Ding inklusive der daraus folgenden Paradoxien auf die Spitze getrieben.

Dark Staffel 3 Poster via Serienjunkies.de

Dark Staffel 3 Poster via Serienjunkies.de

Insofern fand ich die dritte Staffel als Abschluss gut, dadurch wird die Sache rund, was man nun wirklich nicht von jeder Serie sagen kann. Wobei ich das Abstimmungsergebnis des Onlineportals Rotten Tomatoes noch immer nicht nachvollziehen kann, in dem ausgerechnet die spröde deutsche Serie Dark als bisher beste Netflix-Serie bewertet wurde. Ja, Dark schlug sogar Publikumslieblinge wie Stranger Things und House of Cards. Gerade weil das noch vor dem Erscheinen der abschließenden dritten Staffel passiert ist, frage ich mich wirklich, was den Reiz dieser Serie für ein englischsprachiges Publikum ausmacht, das vorwiegend in den USA zuhause ist. Wobei ich schon begreife, dass der Mix aus 80er-Feeling inklusive Nena, Liebe, Eifersucht, Betrug und Verrat,  muffiger Kleinstadtatmosphäre, German Angst und mysteriöser deutscher Hochtechnologie (warum fallen mir ausgerechnet die deutschen Nazis auf dem Mond dazu ein?) auf dem internationalen Serienmarkt eine gewisse Exotik hat. 

Es ist durchaus möglich, dass genau dieses „typisch Deutsche“, was mir an Dark auf die Nerven geht, weil ich es aus unzähligen deutschen Serien kenne, für ein nicht deutsches Publikum total interessant ist. Bei internationalen Serien bin ich auch deutlich toleranter, was die handwerkliche Brillanz angeht. Da geht es für mich eben auch darum, einfach etwas über das Leben in den jeweiligen Ländern zu erfahren, aus denen diese Serien kommen, etwa Bulgarien (Undercover) oder Israel (Hatufim, Fauda, When Heroes Fly).

In Dark erleben wir ein sehr ländliches Deutschland; von der fiktiven Kleinstadt Winden selbst ist gar nicht viel zu sehen. Winden ist ein Unort, der aus erstaunlich wenigen Gebäuden besteht. Natürlich müssen die vier zentralen Familien der Serie irgendwo wohnen. Dann gibt es die Polizeistation, die Schule, die Bushaltestelle und das Kernkraftwerk.

Gedreht wurde an unterschiedlichen Orten in Brandenburg, der kärgliche märkische Kiefernwald spielt eine wichtige Rolle. Und natürlich die unheimliche Höhle darin. Der deutsche Wald gehört ohnehin zu den deutschesten aller deutschen Klischees. Auch wenn damit ein anderes Bild vom Wald als Sehnsuchtsort verbunden sein dürfte: Hohe Tannen, mächtige Buchen-Kathedralen, uralte Eichen, zwischen denen Hänsen und Gretel ihre Brotkrumen fallen lassen und Rotkäppchen dem bösen Wolf begegnet. Die Realität ist eine andere: Vom Borkenkäfer und Sturmschäden heimgesuchte Fichten-Monokulturen. 

Wie dem auch sei, in Dark sieht der Wald so aus, wie er in Brandenburg halt aussieht, deshalb gibt es von mir einen Sentimentalitätsbonus. Genau wie für die Holzkirche in Stahnsdorf und die stillgelegte Bahnstrecke von Wannsee nach eben dahin, für den Badesee, die ehemaligen Kasernengelände, die als Kulisse für die dystopische Zukunft dienen und überhaupt dieses ganze verschnachrte Retrodesign, das überall dort zu finden ist, wo die zukunftsbesoffenen Neunziger Jahre aus Geldmangel ausgefallen sind. Das markante Schulgebäude aus den 70er Jahren befindet sich tatsächlich in Berlin Charlottenburg, es könnte aber auch in so ziemlich jeder westdeutschen Kleinstadt stehen.

Das Setdesign ist also weitgehend gelungen, mit den Charakteren ist es eine andere Sache. Ich komme durchaus mit Serien klar, in denen die Hauptpersonen allesamt unsympathisch sind und Dreck am Stecken haben. In Dark haben so ziemlich alle mehr oder weniger sinistre Geheimnisse. Die jeweiligen Entwicklungen etwa von Jonas, Martha, Claudia und so weiter kann ich allerdings nicht nachvollziehen, wobei es offenbar auch nicht die Absicht der Serienmacher war, die Entwicklung ihrer Charaktere zu verfolgen und zu erklären.

Im Gegenteil werden mit deutscher Gründlichkeit immer komplexere Zeitschleifen durchexerziert, in denen die Hauptfiguren in immer neuen Konstellationen auftauchen und zum Teil monströse Dinge tun, bis Jonas von Claudia erfährt, dass es einen Weg gibt, die immer neuen Zyklen in der Dauerschleife zu durchbrechen: Es muss einfach mal wer ins Jahr 1986 reisen und die Tannhaus-Familie retten. Denn H.G. Tannhaus, der schrullige Uhrmacher, der schließlich die Zeitmaschine baut, ist nur ein Experte in Sachen Zeit und Zeitreisen geworden, weil er über den Verlust seines Sohnes nicht hinweggekommen ist, der in einer regnerischen Nacht samt Frau und Kind im Auto von einer Brücke gestürzt ist.

Doch bis es soweit ist, dass dieses weltbewegende Unglück verhindert werden kann, müssen die Helden der Geschichte noch jede Menge Irrungen und Wirrungen durchleiden. Denn nun geht es nicht mehr nur um Zeitschleifen, die entwirrt werden müssen, sondern auch um Parallelwelten, in denen zeitgleich andere Dinge geschehen. Das ist einerseits ein genialer Schachzug, der für jede Menge Komplexität sorgt, gleichzeitig werden die Dinge so unübersichtlich, dass die vermutlich in intensiver Gedankenarbeit von den Autoren ausgepopelten Bezüge für den unbedarften Zuschauer mitunter reichlich willkürlich erscheinen. Dafür gibt es noch ein paar Extrapunkte fürs Casting, denn es ist gelungen, für die in unterschiedlichen Lebensaltern auftretenden Protagonisten Schauspieler zu finden, die sich ziemlich ähnlich sehen.

Ganz ehrlich: Ich hab mir die ganzen Erklärvideos und Blogs zur Serie nicht reingezogen, dafür hatte ich gar keine Zeit. Und auch keine Lust. Als erfahrener Serienjunkie traue ich mir zu, komplexen Serien ohne Stützräder verfolgen zu können. Dark hat mich da durchaus an meine Grenzen gebracht. Aber es ist auch gar nicht so schlimm, wenn man nicht jeder mäandernden Verästelung der Geschichte nicht folgen konnte: Am Ende siegt die Liebe. Aber gerade deswegen machen Menschen schreckliche Fehler, greifen in Dinge ein, deren Komplexität sie nicht verstehen, handeln wohlmeinend gut und richten dabei Fatales an.

Ich bin mir nicht sicher, welche Botschaft die Serienmacher transportieren wollten, aber wenn sie gut waren, hatten sie keine, jedenfalls keine eindeutige. Zwischendrin ging mir ein gewisser Determinismus ziemlich auf die Nerven. Aber der wurde ja durchbrochen. Und am Ende ist alles wieder offen: Bekannte Gesichter sitzen neu gemischt am bekannten Tisch im bekannten Haus, Hannah Kahnwald erwartet ein Kind und denkt darüber nach, wie ihr Sohn heißen soll: „Jonas wäre ein schöner Name.“

Ein versöhnliches Ende oder ein neuer Anfang?

Wie auch immer, Dark verdient einen Ehrenplatz im Serienuniversum, weil hier eine komplexe Geschichte erzählt wird, die nicht den gängigen Serienschemata folgt. Auch wenn ich persönlich finde, dass es unterhaltsamere Serien gibt.

Aus der Spur: Grandiose Achterbahnfahrt

Aus der Spur (Derapages) ist eine Hammerserie aus Frankreich, die für Arte produziert wurde. Der Sechsteiler gleicht einer Achterbahnfahrt, auf die sich der seit Jahren arbeitslose Protagonist Alain Delambre begibt, um endlich wieder einen richtigen Job zu bekommen. Für diese Chance setzt Alain buchstäblich alles aufs Spiel, was ihm noch geblieben ist: Die Liebe seiner Frau Nicole, die beinahe abbezahlte Wohnung in einer Pariser Vorstadt, das Glück seiner Töchter. Die Rolle des verzweifelten Familienvaters, der einen enormen Kampfgeist entwickelt, nachdem er sich aus nachvollziehbaren Gründen auf die falsche Spur begeben hat, spielt kein Geringerer als Éric Cantona. Der ehemalige Fußballprofi aus Marseille war mit Olympique Marseille mehrfach französischer Meister und später mit Leeds United und Manchester United erfolgreich. Als Alain Delambre entwickelt er eine ungeheure Wucht, der man sich beim Zusehen kaum entziehen kann.

Aus der Spur: Alain Delombre (Éric Cantona) Bild: arte.tv

Aus der Spur: Alain Delombre (Éric Cantona) Bild: arte.tv

Alain war lange Jahre Personalchef bei einer mittelständischen Firma. Irgendwann fiel er immer neuen Sparplänen und dem Jugendwahn zum Opfer. Mit über Fünfzig muss er sich nun mit miesen Gelegenheitsjobs durchschlagen. Der soziale Abstieg macht ihn, den einst erfolgreichen Macher, fertig. Es kränkt ihn, dass seine mittlerweile erwachsenen Töchter den Wein und den Nachtisch mitbringen, wenn sie zum Familienessen kommen. Weil Alain daran sieht, dass sie wissen, dass Papa nicht mehr alles bezahlen kann.

Ähnlich wie in Alain sieht es auch in seinem Appartement aus: Obwohl es großzügig geschnitten ist und eine tolle Aussicht hat, ist nicht zu übersehen, dass es, wie seine Bewohner, schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Wände könnten einen neuen Anstrich vertragen, fehlende Fliesen werden nicht ersetzt, von den Ecken her breitet sich Schimmel aus.

Ganz im Gegensatz zum ebenfalls durchaus nostalgischem Hochglanz der Konzernzentrale des Luftfahrtunternehmens Exxya, in dem der vergleichsweise junge und arrogante Konzernchef Alexander Dorfmann (Alex Lutz) neue Optimierungsmaßnahmen beschließt. Als Fan von Retro Chic kommt man bei dieser Serie jedenfalls voll auf seine Kosten: Nicht nur die Wohnung von Alain und die Konzernzentrale von Exxya, sondern auch das Gerichtsgebäude, in dem später sein Prozess stattfindet und der Knast, in dem Alain schließlich landet, sind echte Leckerbissen in Sachen Design. Da haben nicht nur die Skandinavier, sondern auch die Franzosen einiges zu bieten.

Aus der Spur: Exxya-Vorstand Alexandre Dorfmann (Alex Lutz) Bild: arte.tv

Aus der Spur: Exxya-Vorstand Alexandre Dorfmann (Alex Lutz) Bild: arte.tv

Doch zurück zur Geschichte: Ein großes Werk des Exxya-Konzerns soll geschlossen werden, heftige Proteste und Arbeitskämpfe sind zu erwarten. Aus vier Kandidaten soll die geeignetste Führungskraft für diese Aufgabe gefunden werden. Ein windiger Unternehmensberater empfiehlt ein Rollenspiel, konkret eine Geiselnahme, um herauszufinden, welcher Kandidat am besten mit Stress zurecht kommt und vor allem, wer bereit ist, das Interesse der Firma über das eigene Leben zu stellen. Gleichzeitig soll auch ein neuer Personalchef gefunden werden, der muss nämlich aus dem Hintergrund diese ganze Geiselsituation mit klugen Fragen im Interesse des Konzerns managen.

Als Alain von dieser Möglichkeit hört, setzt er alles daran, auf die Bewerberliste als Personalchef zu bekommen. Und wie es so seine Art ist, bereitet er sich gründlich vor, er recherchiert Geiselnahmen, heuert einen Experten an, der mit ihm entsprechende Situationen trainiert – inklusive Umgang mit Schusswaffen. Und er findet heraus, wo die Schwachstellen der vier Bewerber sind, die er beurteilen soll. Allerdings kann er sich diese Investition eigentlich nicht leisten, so dass er sein Privatleben bei dem verzweifelten Versuch, es zu retten, komplett an die Wand fährt. Kein Wunder, dass auch die Geiselnahme komplett aus dem Ruder läuft.

Aus der Spur: Alain trainiert den Ernstfall. Bild: arte.tv

Aus der Spur: Alain trainiert den Ernstfall. Bild: arte.tv

 

So folgt Ausnahmezustand auf Ausnahmezustand, Alain geht auf volles Risiko, er hat ja nichts mehr zu verlieren. Und er erweist sich tatsächlich als cleverer Stratege mit erstaunlicher Menschenkenntnis, der sich auch noch damit rechtfertigt kann, Opfer der widrigen gesellschaftlichen Umstände zu sein, während sein Gegner, der zynische Großkonzern mit den fiesen Methoden, nicht auf Sympathie stößt. Aber geht sein riskanter Plan tatsächlich auf oder verliert er am Ende doch alles? Das ist bis zum bitteren Ende keineswegs klar. Und überhaupt das Ende. Grandiose Serie, unbedingt sehenswert.

Fatale Rückkehr: Homecoming

Von Homecoming ist inzwischen eine zweite Staffel verfügbar, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheint als die erste. Bei der ersten Sequenz stand die Psychologin Heidi Bergmann (Julia Roberts) im Mittelpunkt, die in einer Einrichtung für heimkehrende US-Soldaten tätig war. Als die Handlung einsetzt, ist sie allerdings Kellnerin und kann sich nicht an ihre Arbeit im Homecoming-Programm erinnern. Der vom US-Verteidigungsministerium abgestellte Beamte (Shea Whigham als Thomas Carrasco), der einer Beschwerde des ehemaligen Soldaten Walter Cruz (Stephan James) über seine Behandlung in diesem Programm nachgeht, findet diesen Umstand extrem merkwürdig. Also fängt er an, umfassende Nachforschungen anzustellen und deckt nach und nach auf, dass bei Homecoming einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Die Serie beruht auf einem gleichnamigen Podcast von Eli Horowitz and Micah Bloomberg, die Regie bei der ersten Staffel führte Sam Esmail. Die Erzählweise gleicht einem Puzzle, die Zuschauer müssen sich die Handlung nach und nach erschließen, genau wie die Protagonisten. Da sind die Soldaten, die das Gefühl haben, das irgendetwas nicht stimmt, aber sich aber keinen Reim darauf machen können, was man mit ihnen während der Teilnahme am Homecoming-Programm tatsächlich angestellt hat. Da ist Heidi, die sich an entscheidende Dinge in ihrer Vergangenheit einfach nicht erinnern kann. Und natürlich Carrasco, der herausfindet, dass der ehemalige Vorgesetzte von Heidi, Colin Belfast (Bobby Cannavale), ihm offensichtlich wichtige Details verheimlichen will. Der stoische Beamte, der trotz zahlreicher Widerstände an seinen Recherchen festhält und sich hartnäckig durch die Archive arbeitet, gefiel mir im ersten Teil besonders, eine Erwähnung verdient aus Sissy Spacek als Heidis Mutter Ellen Bergmann.

Dazu kommt die eigenwillige Inszenierung durch Sam Esmail mit langen Kamerafahrten, ungewohnten Perspektiven und Bildausschnitten sowie skurrilen Details, die Fans schon aus Mr. Robot kennen. Ich muss zugeben, dass ich eine Weile gebraucht habe, um mit Homecoming warm zu werden, ich fand die Geschichte am Anfang zu verworren und habe eigentlich nur weiter gescheut, weil ich sie optisch so interessant fand. Aber je mehr Puzzleteile man zusammensetzen kann, desto besser wird die Geschichte.

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Die zweite Staffel mit Janelle Monáe in der Hauptrolle gefiel mir ebenfalls sehr gut; hier ist die Geschichte alles in allem übersichtlicher, auch wenn sie auf den ersten Blick ähnlich rätselhaft erscheint wie die der ersten Staffel. Aber inzwischen wissen wir ja, was es mit der nun gar nicht mehr so geheimnisvollen Firma Geist auf sich hat. Außerdem hat die neue Staffel statt zehn nur sieben Teile, was eine weniger mäandernde Erzählweise zur Folge hat. Die Regie führte statt Sam Esmail Kyle Patrick Alvarez.

Auch hier haben wir es mit einem rätselhaften Gedächtnisverlust zu tun, Alex bzw. Jackie (Janelle Monáe) wacht ziemlich angeschlagen in einem Boot auf, das sich mitten auf einem See befindet. Vor Schreck lässt sie ihr Handy los, das auf Nimmerwiedersehen im Wasser versinkt. Nachdem sie sich mühsam ans Ufer gerettet hat, findet sie einen Autoschlüssel, allerdings nicht das dazu gehörende Auto. Sie wird von einer hilfsbereiten Polizistin aufgegriffen, die die offensichtlich verwirrte und orientierungslose Frau ins nächste Krankenhaus bringt. Als Jackie begreift, dass sie vom behandelten Arzt als Junkie eingestuft und vermutlich im Knast landen wird, haut sie ab. Danach beginnt sie anhand der wenigen Anhaltspunkte, die sie ausfindig machen kann, zu rekonstruieren, wer sie ist und was vorgefallen sein muss. Dabei begegnen wir Walter Cruz wieder, dem Veteran aus der ersten Staffel.

Obwohl die neue Staffel erzählerisch und optisch nicht ganz an die erste herankommt, wird doch wieder eine spannende Mystery-Geschichte erzählt, in der es um die Frage geht, wie weit man mit der Zwangsbeglückung von traumatisierten Menschen gehen darf. Oder eben nicht. Natürlich ist das US-Verteidigungsministerium da ganz anderer Auffassung als der Entwickler der gar nicht so glücklich machenden Droge, die Menschen schlimme Erlebnisse (und leider auch vieles andere) einfach vergessen lässt. Lohnt sich auf jeden Fall.

Parasite: Auch wir brauchen Desinfektion

Unter den Filmen, die bei den Academy Awards als Bester Film ausgezeichnet werden, sind ab und zu welche, die tatsächlich richtig gut sind. Einige sind nachvollziehbar wichtig, manche ganz okay, andere, nun ja.

In diesem Jahr gewann der südkoreanische Film Parasite von Bong Joon-ho die begehrte Trophäe. Und der Film ist wirklich großartig. Nicht, weil er auch schon die Goldene Palme in Cannes und einen Golden Globe bekommen hat. Sondern, weil er das westliche (ja, genau das gilt auch und offenbar besonders für Südkorea) Lebens-, Arbeits- und Konsummodell gnadenlos, aber durchaus humorvoll vorführt.

Parasite : Chang Hyae Jin, Park So-Dam, Song Kang-Ho, Woo-sik Choi

Parasite: Familie Kim (Chang Hyae Jin, Park So-Dam, Song Kang-Ho, Woo-sik Choi) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Erstaunlich eigentlich, dass so etwas in Hollywood inzwischen dermaßen ankommt. Aber es ist ja eben kein US-amerikanischer Film, der dieser Gesellschaft den Spiegel vorhält, sondern ein asiatischer. Auch wenn es in den USA gewiss eine Menge Familien gibt, die sich in ähnlich ärmlichen Verhältnissen durchschlagen müssen, wie die Familie Kim. Und künftig werden es noch sehr viel mehr sein. Aber das konnte Anfang Februar noch kaum einer wissen.

Vater Kim Ki-taek, Mutter Chung-Sook (eine früher erfolgreiche Hammerwerferin), Tochter Ki-jung und Sohn Ki-woo leben in einer Kellerwohnung ohne WLAN-Empfang, die sie mit zahlreichen Kakerlaken teilen. Sie schlagen sich mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs durch, etwa mit dem Zusammenfalten von Pizzakartons. Ein Schulfreund von Ki-woo verschafft ihm eine Stelle als Englisch-Nachhilfelehrer für die Tochter der reichen Familie Park. Außerdem schenkt er ihm einen kiloschweren Glücksstein von seinem Großvater. Ki-woo ist überzeugt, dass sich damit alles zum Besseren wendet. Die als Fälscherin begabte Schwester Ki-jung bastelt ihrem Bruder schnell noch per Photoshop die erforderlichen Dokumente für den neuen Job, dann steht dem Aufstieg der Familie Kim nichts mehr im Weg. Abgesehen von der Haushälterin der Parks, die das Anwesen der Oberschichtfamilie besser kennt, als die Familie selbst und auch potenzielle Eindringlinge erkennt, bevor die Parks kapieren, was Sache ist. Aber auch für dieses Problem finden die kreativen Kims eine Lösung.

Parasite : Ki-jung (Park So-Dam) und Ki-woo (Woo-sik Choi) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Parasite: Empfang nur auf dem Klo. Ki-jung (Park So-Dam) und Ki-woo (Woo-sik Choi) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Nach und nach sickert die Familie Kim in den Haushalt der Parks sein. Erst verschafft Ki-woo seiner Schwester einen Job als Kunsttherapeutin für den kleinen Bruder seiner Nachhilfeschülerin Da-hye, in die er sich sofort verliebt hat. Da-song ist ein kleiner, verwöhnter Racker, der zur Begeisterung seiner Eltern gern malt. Die abgebrühte Ki-jung, eingeführt als vielbeschäftigte „Frau Jessica als Illinois“, kann die etwas naive Mutter von sich überzeugen und Da-song bändigen. Nebenbei sorgt sie dafür, dass der Fahrer der Parks entlassen wird, damit Vater Kim seinen Job übernehmen kann. Schließlich schafft auch noch Chung-sook, zur Haushälterin der Parks aufzusteigen, was allerdings ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht.

Gerade als die Kims damit beginnen, es sich im Reichtum ihrer Arbeitgeber so richtig gemütlich zu machen, schlägt die Handlung um. Genau das macht die Sache interessant: Die Kellerbewohner steigen auf, bekommen eine Ahnung vom Glück und Glanz der Oberschicht, und müssen lernen, dass es unter ihrem Keller noch einen Keller der anderen gibt.

Parasite : Cho Yeo-jeong, Park So-Dam, Sun-kyun Lee Copyright Koch Films (via filmstarts.de)

Parasite: Die schöne Welt der Reichen. (Cho Yeo-jeong, Park So-Dam, Sun-kyun Lee) Copyright Koch Films (via filmstarts.de)

Gleichzeitig nimmt Parasite auch die eigenartigen Probleme der Reichen aufs Korn, die völlig ausgelastet, ach was, überfordert damit sind, die Launen ihrer verwöhnten Kinder zu bedienen und nebenbei noch ein gehobenes soziales Leben zu organisieren. Luxusprobleme sind eben auch Probleme. Aber dann gibt es eben auch noch die anderen Widrigkeiten, die echten Probleme. Von denen die Kims mehr als genug haben, aber eben nicht nur sie: Denn so mitleidlos sie die lästige Konkurrenz im Wettbewerb um die besseren Jobs abservieren, so hart und zäh kämpfen die anderen Underdogs ebenfalls ums Überleben.

Natürlich kann das alles nicht gut ausgehen, und trotzdem ist der Film gemessen an diesem ernsten, überaus wichtigen, Thema eigentlich viel zu lustig. Etwa wenn in der Stadt die Straßen desinfiziert werden. Die Familie will hektisch die Fenster schließen, die genau auf Höhe der Bordsteine liegen. Nur Vater Kim bleibt gelassen, und meint, die Fenster sollen offen bleiben: „Wir brauchen hier unten auch Desinfektion!“ Womit er definitiv recht hat. Also falten alle hustend und benebelt weiter an ihren Pizzakartons. Man muss lachen, obwohl man weiß, dass das nicht lustig ist. Aber genau dieser perfide Humor macht den Film so gut.

Parasite: Song Kang-Ho Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Parasite: Die Familie im Keller. (Song Kang-Ho) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Ziemlich dunkel: Into the Night

Mich interessiert ja immer sehr, was unsere europäischen Nachbarn in Sachen Serien so drauf haben. Aus Belgien kommt die neue Endzeitserie Into the Night, die seit einigen Tagen auf Netflix zu sehen ist. Weil es sich um nur sechs gut halbstündige Teile handelt, kann man diese Serie an einem Regentag komplett ansehen, ich fand sie spannend genug, um dabei zu bleiben, auch wenn es zum Teil haarsträubende Logiklöcher gibt. Es geht mir mit dieser Serie wie mit dem deutschen Endzeit-Drama 8 Tage: Eine prinzipiell vielversprechende Idee wurde wenig überzeugend umgesetzt, insofern bin ich alles in allem enttäuscht.

Wie es zum gelungenen Auftakt in Flugzeug-Katastrophen-Filmen gehört, beginnt auch Into the Night damit, dass eine der Protagonistinnen, in diesem Fall die ehemalige Hubschrauberpilotin Sylvie Dubois (Pauline Etienne), den Flug fast verpasst und es gerade noch an Bord schafft. Der Flug soll von Brüssel nach Moskau führen, doch alles kommt anders: Der italienische NATO-Offizier Terenzio Gallo (Stefano Cassetti) zwingt den Co-Piloten Mathieu Douek (Laurent Capelluto) mit Waffengewalt zum vorzeitigen Abflug und zwar nach Westen. So weit wie möglich.

Into the Night: Terenzio, Rik, Ines, Laura, Horst und Ayaz. Bild: Netflix via serienjunkies.de

Into the Night: Terenzio, Rik, Ines, Laura, Horst und Ayaz. Bild: Netflix via serienjunkies.de

Weil Terenzio Mathieu in die Hand geschossen hat, muss Sylvie im Cockpit aushelfen. Währenddessen rätseln die wenigen, zufällig schon bzw. noch an Bord befindlichen Passagiere, ob es sich um eine Terrorattacke oder eine herkömmliche Flugzeugentführung handelt und wie sie ihr begegnen können. Was sie noch nicht wissen: Mit dem nächsten Sonnenaufgang wird sämtliches menschliches Leben auf der Erde erlöschen. Die Sonnenstrahlung ist plötzlich tödlich geworden, mit weiteren Details halten sich die Serienmacher nicht auf. Terenzio hat diese schlechte Nachricht zufällig im Brüsseler NATO-Hauptquartier aufgeschnappt.

Selbstverständlich gibt es von Anfang an jede Menge Probleme: Das Funkgerät im Flugzeug wurde von Terenzio versehentlich zerstört und auch das Internet funktioniert nicht, deshalb können die anderen Passagiere nicht überprüfen, ob Terenzio ein Spinner ist oder ob wirklich tödliche Gefahr für alle droht. Doch zuvor ist bei Telefonaten in andere Teile der Welt schon aufgefallen, dass Gesprächspartner plötzlich nicht mehr geantwortet haben. Die wenigen Eingeweihten beschließen, zumindest erst einmal so zu tun, als ob sie die Sache glauben würden, um Terenzio bei nächster Gelegenheit zu überwältigen.

An Bord des belgischen Airbusses sind unter anderem die russische Mutter Zara (Regina Bikkinina) mit ihrem kranken Sohn Dominik, der am kommenden Tag in Moskau behandelt werden sollte, ein alter Mann, der von seiner persönlichen Krankenpflegerin Laura (Babetida Sadjo) begleitet wird, der polnische Ingenieur Jakub (Ksawery Szienkier), der marokkanische Techniker Osman (Nabil Mallat), die Influencerin Ines (Alba Gaia Bellugi), der deutsche Wissenschaftler Horst (Vincent Londez), der belgische Sicherheitsmann Rik (Jan Bijvoet) und der türkische Geschäftsmann Ayaz (Mehmet Kurtulus). Damit ist eine Menge Potenzial für spannende Entwicklungen vorhanden.

Leider schaffen die Serienmacher es nicht, ihren Protagonisten wirklich Charakter einzuschreiben, auch wenn die eine oder andere Geschichte in Rückblenden erzählt wird. So richtig sympathisch ist eigentlich keiner von ihnen, abgesehen vielleicht von der erfahrenen Stewardess Gabrielle (Astrid Whettnall), die leider schon den zweiten Teil nicht übersteht.

Into the Night: Silvie und Mathieu Bild: Netflix via musikexpress.de

Into the Night: Silvie und Mathieu Bild: Netflix via musikexpress.de

Natürlich lebt jede Serienhandlung in erster Linie von den Konflikten ihrer Protagonisten, aber an Bord dieser Maschine überwiegt kleingeistiges Gezänk, was mich einfach nervt. Obwohl das vermutlich gar nicht mal unrealistisch ist, weil viele Menschen auch oder gerade in absoluten Krisensituationen eben nicht über sich hinauswachsen, sondern sich genauso idiotisch verhalten wie sonst auch. Der Umgang mit der so genannten Corona-Krise macht das gerade wieder überdeutlich. Klar, es gibt auch selbstlose Alltagshelden, aber die meisten Leute sind einfach nur selbstbezogen und kleinkariert. So sieht es auch unter den Passagieren in der Belgischen Maschine aus.

Das führt, wenig überraschend, zu immer neuen Konflikten und Problemen, während sonst frustrierend wenig über die eigentliche Katastrophe zu erfahren ist: Warum verstrahlt die Sonne plötzlich alle Menschen? Warum gehen die nicht einfach in den Keller? Warum ist eigentlich nur genau dieses Flugzeug und dessen Besatzung übrig? Wären nicht, wie in seligen Vor-Corona-Zeiten mit dem ganzen (überflüssigen?) Vielgefliege üblich, nicht sowieso eine Menge anderer Flugzeuge von anderen Flughäfen, ganz regulär auf dem Weg nach Westen? All das erfahren wir nicht.

Nun gibt es durchaus Beispiele für spannende Serien, bei denen grundsätzliche Fragen gnadenlos offen bleiben, etwa die Flugzeug-Unglück-Rätselserie Lost, wo das über weite Strecken auch herzlich egal ist, weil die Dynamik unter den Überlebenden mitreißend genug ist, um weiterhin mitzufiebern. Wobei ich Lost nun auch kein gutes Beispiel für die gelungene Umsetzung eines Katastrophenthrillers finde, Lost ist halt eine Mysterieserie, mit deutlich zu viel Mystery für meinen Geschmack. Insofern bekommt Into the Night ein paar Bonuspunkte, weil kein Mysteryansatz. Aber eben leider auch kein Sci-Fi, weil dafür Science viel zu kurz kommt.

Babylon Berlin: Alle guten Dinge sind drei

Mit der ersten und zweiten Staffel von Babylon Berlin war ich trotz aller Opulenz der filmischen Umsetzung nicht besonders glücklich. Vor allem, weil die eigentliche Handlung des Romans mit allerlei hinzuerfunden Charakteren und Geschichten sehr in den Hinterrund rückte und die Handlung der Serie dadurch ziemlich konfus wurde. Es gab immer wieder spektakuläre Szenen und allerlei Anspielungen auf historische Ereignisse, aber mir fehlte der rote Faden einer spannenden Krimihandlung, den es im Buch von durchaus gab. Enttäuscht war ich vor allem, dass die damals in Berlin entwickelten Methoden moderner Mordermittlung, etwa eine systematische Spurensicherung und die Erfassung sämtlicher Fälle für spätere Ermittlungen in einer zentralen Kartei, im Drehbuch nur am Rande vorkamen.

Serienposter Babylon Berlin 3. Staffel: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Serienposter Babylon Berlin 3. Staffel: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Inzwischen habe ich die dritte Staffel gesehen – und es wird besser. Insgesamt bleibt das Drehbuch in den neuen Folgen etwas näher am Roman und das ist gut so. War in der ersten Sequenz Volker Kutschers Roman Der nasse Fisch kaum wieder zu erkennen, so gibt es nun immerhin gewisse Parallelen zum Folgeroman Der stumme Tod.  Hier untersuchen Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) den Tod der Schauspielerin Betty Winter, die am Set eines der  ersten Tonfilme Deutschlands von einem herabstürzenden Scheinwerfer erschlagen wird.

Natürlich wurde auch hier die Geschichte für die Serienumsetzung komplett umgestrickt; ich finde das Drehbuch aber dieses Mal gelungener, auch weil einige der losen Enden der ersten beiden Staffeln einigermaßen plausibel verknüpft werden. Dadurch werden einige Figuren aufgewertet, etwa Charlottes Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch) , die sich von angeblichen Kommunisten zum Attentat an Regierungsrat August Benda (Matthias Brand) hatte überreden lassen.  Nun ist sie bereit, dafür zu büßen. Oder Kriminalassistent Reinhold Gräf (Christian Friedel), der sich nun zu seiner Homosexualität bekennt. Oder die Witwe Behnke (Fritzi Haberland), die nicht nur Gefühle für ihren Mieter, den politischen Journalisten Samuel Katelbach (Karl Marcovics) entwickelt, sondern auch neue, sympathische Qualitäten bei der Unterstützung des sich nun formierenden Wiederstands gegen die Machenschaften der immer weiter nach rechts marschierenden Staatsgewalt.

Zwar fehlt nun die charismatische Swetlana Sorokina (Severija Janušauskaitė) und auch weitere zentrale Figuren haben die ersten beiden Staffeln nicht überlebt, aber dafür kommen nun neue hinzu, etwa Walter Weintraub (Ronald Zehrfeld), der kriminelle Freund und Partner des Armeniers (Misel Maticevic) und dessen Frau Esther Kasabian (Meret Becker), die nun hofft, in Betty Winters Fußstapfen zu treten und der neue Star des Films zu werden. Denn eine Filmmetropole war das Berlin der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts schließlich auch. Für musikalische Einlagen sorgen dieses Mal nicht die rauschenden Feste der Berliner Halbwelt, sondern Szenen am zeitgemäß expressionistischen Filmset und private Feiern. Überhaupt scheint die Feierwut der ersten Staffel verpufft zu sein, was verständlich ist, denn das Scheitern der Weimarer Republik und kommende Gewaltherrschaft der Nazionalsozialisten werfen bereits ihre Schatten voraus.

Die etablierten Hauptcharaktere Gereon und Charlotte haben es weiterhin nicht leicht. Achtung, ab jetzt gibt es (sanfte) Spoiler. Charlotte werden als Kriminalassistentin von ihren männlichen Vorgesetzten und Mitbewerbern immer wieder Steine in den Weg gelegt, nur weil sie eine Frau ist. Wenn auch eine durchaus für ihren Job qualifizierte, wie Charlotte immer wieder unter Beweis stellt. Nebenbei versucht sie, sich um ihre Familie zu kümmern, vor allem um ihre jüngere Schwester Toni (Irene Böhm).

Gereon hingegen leidet unter dem langen Schatten seines großen, in Krieg gefallenen (?) Bruders und seinen eigenen noch immer nicht aufbereiteten Kriegstraumata. Deshalb zerbricht auch die Beziehung zu Helga (Hanna Herzsprung), die eigentlich den Bruder geheiratet hatte, auch wenn Gereon sie von Anfang an geliebt hat. Die von Gereon vernachlässigte Helga freundet sich mit Alfred Nyssen (Lars Eidinger) an, der in ihr eine verwandte Seele entdeckt. Nebenei tüftelt der manisch-depressive Industriellenerbe Nyssen einen gewaltigen Börsencoup aus, mit dem er sich mit den Methoden der amerikanischen Kapitalisten „sein“ gutes deutsches Geld wieder holen will, das durch die Niederlage im ersten Weltkrieg verloren ging. Die Naivität der deutschen Kleinanleger, die mit geliehenem Geld an der Börse Gewinn machen wollen, wird dabei ganz gut auf den Punkt gebracht.

Auch holen die Serienmacher die Würdigung der Verdienste des Ernst Gennat (Udo Samel) nach. Die innovativen Methoden, die der langjährige Leiter der Berliner Kriminalpolizei bei der Untersuchung von Kapitalverbrechen eingeführt hat, werden dieses Mal sehr ausführlich, ja geradezu mit der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit, behandelt.

Am Ende spielt die systematische Fälschung von Beweisen ausgerechnet durch den mit der Aufklärung des Verbrechens befassten Forensiker eine entscheidende Rolle – wobei mir genau der Part dann zu dick aufgetragen war. Etwas genervt hat mich auch Esther, also die immer ein bisschen zu penetrant überspielende Meret Becker, aber okay, vielleicht ist es auch genau das, was ihren Seriencharakter am zutreffensten beschreibt: Dieses Changieren zwischen gnadenloser Selbstüberschätzung, was ihre Fähigkeiten aus Sängerin und Schaupielerin angeht, und Esthers offensichtlich doch vorhandenen Talent, aus einer scheinbar ausweglosen Situation das Beste herauszuholen. Das gelingt in dieser Staffel beileibe nicht allen, denen man es gewünscht hätte. Aber genau das macht diese Staffel sehenswert. Hoffentlich gibt es noch weitere Fortsetzungen, denn diese Serie schlägt sich im Vergleich zu anderen historischen Formaten, die es im deutschen Fernsehen so zu sehen gibt, dann doch überdurchschnittlich gut.