Vongozero – Flucht zum See

So wie es aussieht, wird dieser Herbst und Winter eine gute Zeit, um Serien zu kucken, sehr viel anderes darf man derzeit in seiner Freizeit ja kaum tun. Weil mich immer interessiert, was bei uns weniger bekannte Serienländer so produzieren, bin ich bei Netflix über Vongozero – Flucht zum See (To The Lake) gestolpert, eine russische Katastrophenserie, die erschreckend gut in diese Zeit passt. Der russische Originaltitel lautet Epidemia.

Vongozero - Flucht zum See Bild: Premiere via cinemaescapist.com
Vongozero – Flucht zum See Bild: Premiere via cinemaescapist.com

Ein bisher unbekannter Virus breitet sich in Moskau aus. Er befällt vor allem die Lunge, die Menschen beginnen zu husten, spucken Blut, erblinden und sterben innerhalb kurzer Zeit. Die Erstausstrahlung war im November 2019, somit noch vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Insofern dürften Ähnlichkeiten zufällig sein, andererseits warnen einschlägige Wissenschaftler seit Jahrzehnten vor einem solchen Ereignis. So richtig überraschen sollte ein solches Szenario also nicht, schließlich gab es in der Vergangenheit immer wieder derartige Ereignisse, etwa die „Spanische“ Grippe vor hundert Jahren oder die Pestepidemie im 14. Jahrhundert. Am „schwarzen Tod“ starb ein Drittel der europäischen Bevölkerung. An den Haaren herbeigezogen sind derartige Katastrophen also nicht, aber kein normaler Mensch kann oder will sich so etwas vorstellen. Deshalb sind dann doch alle wieder extrem überrascht, wenn es tatsächlich passiert, obwohl man es doch eigentlich besser wissen müsste. Auch davon handelt diese Serie.

In Vongozero folgen wir der Familie von Sergej (Kirill Käro), der mit seiner Frau Anna (Viktoria Isakova) und seinem Stiefsohn Mischa (Eldar Kalimulin) in einem schönen Haus in einem angenehmen Vorort der russischen Hauptstadt Moskau lebt. Ihr Nachbar ist der wohlhabende, aber vulgäre Lyonya (Aleksander Robak), der sich nach dem Tod seiner Frau mit einer hübschen, viel jüngeren Frau (Natalya Zemtova als Marina) getröstet hat, was ihm seine rebellische Teenagertochter Polina (Viktoria Agalakova) offensichtlich übel nimmt.

Als nach Ausbruch der Seuche Sergejs Vater Boris (Yuri Kuznetsow) auftaucht und darauf dringt, die Familie in Sicherheit zu bringen, stellt sich heraus, dass auch Sergej Leichen im Keller hat: Er will erst nach Moskau, um seine Exfrau Irina (Maryana Spivak) und seinen leiblichen Sohn Anton zu retten. Sergej und sein Vater haben kein gutes Verhältnis, doch Boris, der in Sowjetzeiten als Mathematiker an Plänen zur Bekämpfung von Epidemien gearbeitet hat, weiß, wie dramatisch die Situation ist. Er will seinen Sohn und dessen Familie überzeugen, mit ihm in sein abgelegenes Feriendomizil an einem See in den karelischen Wäldern zu fliehen, um die Epidemie dort zu überstehen.

Vongozero Flucht zum See, Serienposter Bild: Premiere via cinemaescapist.com

Schließlich brechen die drei sehr unterschiedlichen Familien gemeinsam auf, Konflikte sind vorprogrammiert. Insbesondere für Sergej, der zwischen seiner Ex und seiner aktuellen Frau hin- und hergerissen ist. Aber auch bei Lyonya und seiner hochschwangeren Marina ist lange nicht klar, wo ihre Loyalitäten wirklich liegen. Die beiden haben sich jeweils aus widrigen Verhältnissen hochgearbeitet und denken in erster Linie an sich selbst. So müssen sie erst wieder neu lernen, dass es in Krisensituationen auf Solidarität und Verlässlichkeit ankommt. Polina sieht die beiden von Anfang an sehr kritisch und entwickelt ein eigenes Verhältnis zu Mischa, dem autistischen Sohn von Anna.

Es geht in der Serie also vor allem um gruppendynamische Prozesse innerhalb einer Zwangsgemeinschaft von Menschen, die sich nicht unbedingt gut leiden können, aber für das gemeinsame Überleben auf einander angewiesen sind. Was mir gut gefallen hat, waren die unterschiedlichen Einblicke in die russische Gesellschaft. Es gibt den luxuriösen Lebensstil der gehobenen Mittelschicht rund um die Hauptstadt Moskau, aber eben auch die weniger glücklichen Existenzen, die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen. Die einen leben hinter dicken Stahltüren in ihren Moskauer Appartements, die anderen auf dem Land in schlichten Holzhäusern.

Immer wieder gibt es Begegnungen unterschiedlichster Art: Während die einen versuchen, aus der Notlage der anderen Kapital zu schlagen, und notfalls bereit sind, über Leichen zu gehen, gibt es auch freundliche Helfer und mutige Menschen, die einfach das Richtige tun wollen. Und dann gibt es natürlich den russischen Winter und die Landschaft, unendliche Wälder, in denen man verloren gehen, aber möglicherweise auch überleben kann. Für mich auf jeden Fall eine der spannenderen Netflixserien derzeit.

DEVS: Ist der freie Wille berechenbar?

Es ist durchaus nicht so, dass es in diesem Herbst keine guten Serien mehr geben würde. Aber ich bemerke, dass ich mittlerweile, da mein Job nicht mehr hauptsächlich aus Schreiben, sondern aus Reden und Dinge mündlich (er)klären besteht, ein bisschen aus der Übung gekommen bin, mal schnell einen Artikel loszuwerden. Immer wieder sehe ich eine Serie und denke „dazu müsste ich mal was schreiben“, aber dann gibt es so viel anderes zu tun. Und das, obwohl man wegen Corona eigentlich kaum noch was tun darf, außer arbeiten natürlich, sofern man nicht in einem Bereich tätig ist, der während Corona als verzichtbar angesehen wird.

Der Amaya-Campus (Bild FX Productions)

Um endlich ein „dazu müsste ich mal was schreiben“ aus dem Kopf zu bekommen, fange ich mit Devs an. Devs ist eine Science-Fiction-Serie, die sich mit den ethischen und philosophischen Risiken und Nebenwirkungen des technologischen Fortschritts befasst. Drehbuchautor und Regisseur der achtteiligen Serie ist der Brite Alex Garland, der mit Sunshine und Ex Machina bereits bemerkenswerte Science-Fiction-Filme geschaffen hat. Garlands Spezialität sind Szenarien, in denen das technisch derzeit Mögliche einen entscheidenden Dreh weiter gedacht wird, sich aber ansonsten alles wie in unserer Gegenwart anfühlt. Letztlich geht es um menschliche Schwächen und Fehler, gerade im Umgang mit neuen, ebenfalls von Menschen geschaffenen, technischen Möglichkeiten. Und auch um die Frage, was den Menschen ausmacht, der nicht nur fehlbar und schwach, sondern auch mitfühlend und stark sein kann. Was auch nicht immer vorteilhaft sein muss.

In Devs geht es um die geheimnisumwitterte Entwicklungsabteilung des High-Tech-Konzerns Amaya, der in den idyllischen Wäldern um San Francisco einen futuristischen Technik-Tempel erbaut hat. Der Firmengründer (gespielt von Nick Offerman) heißt passenderweise Forest, er hat den Konzern nach seiner als Kleinkind verstorbenen Tochter benannt. Amaya ragt als gigantische Statue noch über die Wipfel der mächtigen Redwood-Bäume empor. Forest hat mit seinen schulterlangen Haaren, den großen, traurigen Augen und dem Rauschebart etwas von einem in die Jahre gekommenem Hippie. Er fährt einen alten Kombi und wohnt in einem herunter gekommenem Haus, obwohl er einer der mächtigsten Männer seiner Branche sein dürfte. Was ihm durchaus bewusst ist.

Forest und Lily (Bild: FX Productions)

Im Firmencampus zu Amayas Füßen arbeiten unter anderem die Kryptografie-Spezialistin Lily Chan (Sonoya Mizuno) und ihr Freund Sergei Pavlov (Karl Glusman). Sergei erregt mit einer KI-Präsentation, die künftiges Verhalten eines Fadenwurms exakt vorhersagt, Forests Aufmerksamkeit. Forest befördert Sergei in seine Devs-Abteilung, in der die besten der Besten an hochgeheimen Projekten forschen. Nicht einmal Lily darf erfahren, worum es bei Devs geht. Als Sergei nach seinem ersten Arbeitstag in der Devs-Abteilung verschwindet und am Tag danach auf äußerst drastische Weise Selbstmord begeht, setzt Lily alles daran, heraus zu finden, was mit ihrem Freund passiert ist.

Mit der Hilfe ihres Exfreundes Jamie (Jin Ha), der bei einer externen Computersicherheitsfirma arbeitet, liefert sich Lily einen zähen Kampf mit Amaya, vor allem mit dessen skrupellosen Sicherheitschef Kenton (Zach Grenier). Irgendwie scheint auch der russische Geheimdienst in die Sache involviert zu sein.

Doch auch innerhalb des ziemlich übersichtlichen Devs-Teams sind sich die führenden Köpfe nicht einig über über Ziel und Herangehensweise ihrer Forschung. Herzstück der Abteilung ist ein extrem leistungsfähiger Quantencomputer, der mit jeder Menge Daten gefüttert wird, aus denen letztlich jeder Zeitpunkt in der Vergangenheit und in letzter Konsequenz auch in der Zukunft berechnet werden kann. Der Amaya-CEO verfolgt damit ein durchaus eigennütziges Ziel: Er will mit Hilfe von Devs seine Tochter wiederauferstehen lassen. Insofern ist nur konsequent, dass in einer ersten, noch sehr verrauschten Simulation ausgerechnet die Kreuzigung Jesu in die Projektionskammer flimmert, dank des überaus genialen Wunderkindes Lyndon (Cailee Spaeny) sogar mit Ton. Lyndon provoziert allerdings den Unwillen der Devs-Chefin Katie (Alison Pill), die gleichzeitig rechte Hand, Vertraute und Geliebte von Forest ist.

Katie ist eine brillante Wissenschaftlerin, der Forest ihr Studium finanziert hat, um sie nach dem Abschluss für Devs anzuheuern. Katie ist eine überzeugte Deterministin, die beweisen will, dass alles berechenbar, also vorher bestimmt ist, und freier Wille somit nur eine Illusion. Das funktioniert allerdings nur in einem Universum, insofern ist ihr der Ansatz Lyndon ein Dorn im Auge, denn Lyndon geht von einem Multiversum aus: Viele Welten existieren gleichzeitig. Insofern kann also alles passieren. Es geht also um einen Wettstreit von Denkmodellen (oder Ideologien) in IT und Philosophie, entsprechend sind die Hauptpersonen allesamt überaus cool, sie sind Hirntiere, die nicht aus Stimmungen heraus agieren, sondern eine Agenda haben. Ich kann mir vorstellen, dass Devs deshalb für alle, die mehr auf Drama und Action stehen, ein wenig steril wirken mag. Für Freunde von Gedankenexperimenten und abgefahrenen Setdesigns hingegen ist Devs definitiv ein Leckerbissen. Für mich ist Devs auf jeden Fall eine der besten Serien des Jahres, vielleicht sogar die beste. Unbedingt sehenswert.

Away: Mama ist dann mal weg

Es gibt bei Netflix wieder eine Serie mit Weltraum, seit gestern ist Away verfügbar. Hilary Swank spielt darin Commander Emma Green, die ein internationales Team aus fünf Astronauten anführt, die als erste Menschen den Mars erreichen wollen. Das ist keine neue Idee, in den vergangenen Jahren gab es da schon die (ziemlich gute) Pseudo-Doku MARS oder die von Hulu produzierte Serie The First mit Sean Penn, die mir ebenfalls gefallen hat, beim Publikum aber nicht besondere ankam. Vermutlich weil es vor allem um das Drama auf der Erde ging, wenn eine ambitionierte Mission scheitert.

Die Crew der Atlas: Lu, Misha, Emma, Ram, Kwesi. Bild: netflix.com

Nun, so viel muss ich nach der durchgebingten Nacht jetzt doch verraten, in Away geht natürlich sehr viel schief, sonst wäre die Serie ziemlich langweilig, aber eine Besatzung wie die der Atlas kann selbstverständlich gar nicht scheitern. Denn hier sind ja die jeweils Besten der Besten versammelt, neben der US-Amerikanerin Green die chinesische Chemikerin Lu Wang (Vivian Wu), der indische Co-Pilot Ram Arya (Ray Panthaki), der britische Botaniker Kwesi Weisberg-Abban (Ato Essandoh) mit Wurzeln in Ghana und das russische Allzweckwerkzeug Misha Popow (Mark Ivanir).

Also ich finde Mark Ivanir ja gut, aber die Casting-Leute sollten sich schon mal ein bisschen umsehen, ob es nicht vielleicht doch einen anderen Russendarsteller für den Weltraum gibt, wobei Ivanir ja eigentlich ein aus der Ukraine stammender Israeli ist. In Apples Sci-Fi-Serie For All Mankind gab Ivanir bereits den sowjetischen Kosmonauten Mikhail Mikhailovich. Andererseits darf der bereits in die Jahre gekommene Misha vor allem dabei sein, weil er der Mensch mit der meisten Weltraumerfahrung überhaupt ist, insofern ist das schon konsequent.

AWAY (L to R) HILARY SWANK as EMMA GREEN, JOSH CHARLIES as MATT LOGAN, and TALITHA BATEMAN as ALEXIS LOGAN in episode 101 of AWAY. Cr. DIYAH PERA/NETFLIX © 2020

Wie der Serientitel Away nahelegt, geht es in der Serie vor allem auch um die Erfahrungen der Angehörigen der Crewmitglieder, die für ihre Mission drei Jahre unterwegs und deshalb eben weg sind. Und zwar richtig weit weg, sie sind so weit von der Erde entfernt wie noch keim Mensch zuvor. Die beiden Frauen der Mission sind Mütter, die allerdings sehr unterschiedlich damit umgehen. Die sehr rationale und pragmatische Chinesin Lu hat sich klar gemacht, dass sie gar nicht anders kann, als die Verantwortung für ihren Sohn komplett an den Vater und Ehemann abzugeben. Emma versucht hingegen, auch vom Weltraum aus für ihre Teenager-Tochter Alexis da zu sein, was die mitunter als übergriffig empfindet. Etwa, wenn Mama den Psychologen aktiviert, bloß weil die Tochter eine Drei in Nawi geschrieben hat.

Dabei hat Alexis (Talitha Bateman) einen ganz tollen Papa, Matt (Josh Charles), der ebenfalls ein hervorragender Astronaut ist, aber wegen gesundheitlicher Probleme auf der Erde bleiben muss. Matt kennt die Mission und das Raumschiff so gut wie niemand sonst auf der Erde und ist sehr stolz auf seine Frau, die nun die erste Marsmission leitet. Die gesundheitlichen Probleme von Matt werden allerdings auch auf der Erde noch zu gewaltigen Problemen führen…

AWAY (L to R) VIVIAN WU as YU in episode 103 of AWAY Cr. DIYAH PERA/NETFLIX © 2020

Für Liebhaber von „harten“ Sci-Fi-Stoffen, denen also, in denen es vor allem um die Wissenschaft und die Machbarkeit von Weltraumflügen geht, ist vielleicht schon wieder zu viel irdisches Drama dabei, aber ich finde die Mischung ganz gut gelungen: Auf der einen Seite die Mitglieder der Crew in ihrem Raumschiff, die sowohl für technische, als auch für menschliche, und daraus folgend für gruppendynamische Probleme immer neue Lösungen finden müssen, auf der anderen Seite die sehr viel größere Crew auf der Erde, deren Mitglieder ja nicht alle freiwillig an Bord sind, etwa die Kinder oder gar Enkel der Raumfahrer.

Bei all der Mühe, die man sich für diese Serie offenbar gegeben hat, finde ich etwas schade, dass am Ende doch immer wieder ein bisschen zu tief in die Klischeekiste gegriffen wurde, etwa dass die Chinesen allesamt als vom Ehrgeiz zerfressene Apparatschiks präsentiert werden, denen das Ansehen Chinas und die Staatsräson über alles gehen, auch wenn in Lu zarte Risse sichtbar werden, immerhin. Wobei die dann doch wieder zweifelhaft sind, denn Lu liebt Mei Chen, die beste Kommunikatorin der NASA, die dann aber umgehend ersetzt wird, als die chinesische Führung Wind von der Affäre bekommt. Und auch der harte Russe Misha darf ausgiebig menscheln, in dem er für seine Enkel ein Weltraum-Puppenspiel entwirft. Doch eigentlich will er nur, dass seine Tochter ihm verzeiht, die er zurückgelassen hat, weil er lieber Kosmonaut sein wollte als Vater.

Kwesi, Ram und Emma. Bild: Netflix.com

Da ist schon fast erholsam, dass Ram mit seiner Familie in Indien nichts mehr am Hut hat, seit sein älterer Bruder Rohit gestorben ist. Auch wenn er  sich selbst, genau wie seine Familie, die Schuld daran gibt, obwohl das Unsinn ist. Bleibt noch Kwesi, die komplexeste Figur der Crew, ein schwarzafrikanischer Jude. Der Ärmste muss zugleich Europa und Afrika repräsentieren, was ihm aber formidabel gelingt. Kwesi ist der einzige ohne Weltraumerfahrung, dafür aber mit soliden Botanik-Kenntnissen und einem unerschütterlichen Gottvertrauen, was sich aber immer wieder als berechtigtes Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Crew-Mitglieder erweist. Kwesi ist kein naiver Gläubiger, sondern hat sich seinen Glauben nach schrecklichen Erlebnissen in seiner Kindheit hart erarbeitet, er weiß, dass nicht Gott die Menschen, sondern die Menschen Gott erschaffen haben, um über sich hinaus zu wachsen, was auf dieser Mission auch dringend nötig ist.

Misha (Mark Ivanir) Bild: Netflix.com

Die Learnings dieser Serie sind bisweilen unsubtil bis plakativ, was Zuschauer, die Ironie und Understatement schätzen, schon vor den Kopf stoßen kann. Andererseits werden nebenbei eine Menge heißer Eisen angepackt, und das dann zumindest teilweise auf angenehm unaufgeregte Weise, etwa der Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen, oder wie immer die korrekte Form dafür heutzutage ist. So hat die ehemalige Weltraumhoffnung Melissa, die sich nun als Ersatzmutter um Alexis kümmert, selbst eine Tochter mit Down-Syndrom, für die sie ihre NASA-Karriere aufgegeben hat. Carrie und Alexis werden Freundinnen. Und dann ist da noch Isaac, ein Junge aus Alexis Schule, der wirklich ein netter und anständiger Kerl ist, auch wenn er ein gefährliches Hobby hat, für das sich auch Alexis schnell begeistert: Gelände-Motorrad fahren. Und Alexis entpuppt sich als Naturtalent. Was ihre Astronauten-Eltern aber nicht wissen dürfen.

Für mich ist diese Mischung aus Sci-Fi- und Familienserie durchaus reizvoll, mal sehen, wie diese Schnittmenge beim Publikum ankommt. Ich würde mich auf jeden Fall über eine Fortsetzung freuen.

Biohackers: Serie aus der Retorte

Oh je oh je oh je, wo soll ich nur anfangen? Es gibt wieder eine deutsche Netflix-Serie und sie ist schon wieder nicht besonders gut. Obwohl das Thema prinzipiell Potenzial hätte. Ja, ich meine Biohackers. Einerseits gruselig, was in Sachen Biohacking tatsächlich abgeht, andererseits wird das in der Serie auf ebenso putzige wie dilettantische Weise heruntergebrochen, so dass man es, selbst wenn man es gerne möchte, einfach nicht mehr ernst nehmen kann.

Netflix-Serie Biohackers: Jessica Schwarz (Professor Lorenz) und Mia Akerlund (Luna Wedler) Bild: Netflix

Netflix-Serie Biohackers: Jessica Schwarz (Professor Lorenz) und Mia Akerlund (Luna Wedler) Bild: Netflix

Dabei wäre genau das angemessen: Es handelt sich um ein ernstes Thema, es geht buchstäblich um Leben und Tod, und sämtliche Ethik-Kommissionen der Welt hinken dem, was vermutlich bereits möglich ist, hoffnungslos hinterher. Hier muss ich einräumen, dass ich einschlägig vorbelastet bin, ich stehe nicht der Forschung, aber doch den Versprechungen der Gentech-Industrie sehr skeptisch gegenüber. Dennoch will ich nicht den gesamten Forschungsbereich als prinzipiell böse verdammen. Forschung ist wichtig, Grundlagenforschung allemal, wobei die Menschheit inzwischen auch gelernt haben sollte, dass es nicht immer gut sein muss, zu wissen, was des Pudels Kern ist.

Bedeutende Atomphysiker haben, nachdem bekannt wurde, wie zerstörerisch das Herumfuhrwerken am Atomkern sein kann, vor den fatalen Auswirkungen ihrer Forschung gewarnt. Ähnlich ist das mit der Forschung am Zellkern, oder genauer an dem, was darin enthalten ist: Das Erbgut, die Erbinformation, die in DNA-Molekülen gespeichert wird und all das enthält, was uns ausmacht. So jedenfalls die Theorie. Aber immer wieder zeigt sich, dass Lebewesen, und vor allem Menschen, mehr sind als die Summe ihrer Gene. Wobei es ja sogar Schlaumeier gibt, die nicht einmal glauben wollen, dass es Gene gibt.

Biohackers: Mia (Luna Wedler) findet eine genmanipulierte Maus. Bild: Netflix

Biohackers: Mia (Luna Wedler) findet eine genmanipulierte Maus. Bild: Netflix

Doch, die gibt es. Und es gibt mittlerweile sogar Gentherapien, wenn auch längst nicht in dem Umfang und mit dem Erfolg, der vor wenigen Jahrzehnten erwartet und versprochen wurde. Vor dreißig Jahren, als ich Biologie studierte, war das noch Zukunftsmusik, auch wenn man damals davon ausging, dass, wenn erst einmal das menschliche Genom sequenziert sein würde, man ziemlich schnell damit loslegen könnte. 1990 startete das Human Genome Project, um die etwa drei Milliarden Basenpaare der menschlichen DNA zu analysieren. Seit 2003 gilt das menschliche Genom als vollständig entschlüsselt.

Eins der bemerkenswertesten Ergebnisse dieses Milliarden-Projekts: Es ist, anders als erwartet wurde, extrem schwierig, von bestimmten Genen, also spezifischen Basensequenzen, auf entsprechende Eigenschaften zu schließen. Ein so genanntes Gen codiert eine biologische aktive RNA, die wiederum Vorlage für ein entsprechendes Protein ist, das für bestimmte Stoffwechselvorgänge im Körper sorgt. Im Gegenteil zeigte sich, dass es einen wahnsinnig komplexen Zusammenhang von Wechselwirkungen zwischen DNA, RNA, Proteinen und dem Zellplasma gibt. Man kann Gene zwar an- und abschalten, reparieren oder gar umprogrammieren, aber das heißt nicht, dass die erwartete Wirkung tatsächlich eintritt. Im Gegenteil treten oft unerwartete Effekte auf.

Was die Kritiker der Gentech-Industrie bestätigt. Womit ich nicht gesagt haben will, dass es keine sinnvollen Anwendungen von Gentechnologie gäbe. Aber in Biohackers lernt man letztlich nicht viel über Gentechnologie. Die Serie ist genauso willkürlich zusammengestoppelt, wie die Experimente der WG-Mitglieder, denen wir in Biohackers begegnen. Hauptfigur ist die junge Medizinstudentin Mia Akerlund (Luna Wedler), die sich offensichtlich mit Hintergedanken am Institut der visionären, ehrgeizigen und eiskalten Professorin Tanja Lorenz (Jessica Schwarz) einschreibt. Diese Frau Professor repräsentiert die dunkle Seite der Gentechnologie, sie geht für ihre Forschung über Leichen. Leider ist dieser Charakter von vorn herein sehr eindimensional angelegt, natürlich will sie mit ihrer Forschung Krankheiten heilen, die derzeit noch unheilbar sind und die Frage ist, wie weit man dafür gehen darf. Aber dieser durchaus spannende Konflikt wird von der Arroganz der Figur komplett in den Hintergrund gedrängt.

Biohackers: Jasper (Adrian Julius Tillmann) und Mia (Luna Wedler) in Jaspers privatem Labor. Bild: Netflix

Biohackers: Jasper (Adrian Julius Tillmann) und Mia (Luna Wedler) in Jaspers privatem Labor. Bild: Netflix

Dafür lernen wir eine Reihe biohackender Knallchargen kennen, etwa Ole (Sebastian Jakob Doppelbauer), der sich so ziemlich alles implantiert, was sich implantieren lässt, streng nach Anweisung von YouTube-Tutorials. Und das alles, um mehr Follower zu bekommen. Oder Chen-Lu (Jing Xiang), die deutlich mehr Fingerspitzengefühl hat als Ole, sich aber auf Pflanzen kapriziert, statt auf ihren eigenen Körper – mit der Ausnahme, dass sie in eineinhalbfacher Geschwindigkeit spricht, haha, Netflix macht es möglich. Und dann gibt es noch Lotta (Caro Cult), die eigentlich nie etwas an hat. Und es total blöd findet, dass alle denken, dass sich Attraktivität und Intelligenz genetisch gegenseitig ausschließen würden.

Wobei Mia ja der Beweis dafür ist, dass es nicht so sein muss. Denn die becirct Lorenz persönlichen Assistenten Jasper (Adrian Julius Tillmann), sie in das elitäre Forschungsprogramm der Professorin einzuschleusen. Was der natürlich macht. Und zufälligerweise hat Jasper einen Mitbewohner, den Soziologiestudenten Niklas (Thomas Prenn), den Mia später dann einspannen kann, wenn Jasper nicht mehr so funktioniert wie erwartet. Überhaupt funktioniert vieles nicht wie erwartet, was für eine Serie nicht mal schlecht sein muss.

Die Biohackers Crew: Ole, Jasper, Mia, Serien-Macher Christian Ditter, Lotta, Niklas und Chen-Lu. Bild: Christian Ditter via biohackinfo.com

Die Biohackers Crew: Ole, Jasper, Mia, Serien-Macher Christian Ditter, Lotta, Niklas und Chen-Lu. Bild: Christian Ditter via biohackinfo.com

Genau wie ich prinzipiell auch nicht schlecht finde, wenn immer wieder tief in die Klischeekiste gegriffen wird. Es kann sehr reizvoll sein, wenn mit Stereotypen und Klischees gespielt wird, ich liebe Serien, die quasi schon ihre eigene Karikatur sind, wie Mad Men oder, um es auf deutsche Produktionen für Netflix herunterzubrechen, How to Sell Drugs Online (Fast), zumindest die erste Staffel davon. Biohackers hat Ansätze davon, gerade der Auftakt ist rasant und macht Appetit auf mehr, aber spätestens nach der fluoreszierenden Maus von Jasper ist in der ersten Folge das Pulver schon verschossen. Und das ist schade.

Dann verheddern sich die Serienmacher zu sehr in irgendwelchen Ideen, die sie nicht konsequent ausführen. Und vor allem haben sie sich meinem Eindruck nach zu wenig mit dem eigentlichen Gegenstand ihrer Serie beschäftigt, dem Biohacking. Das Ärgerlichste an Biohackers ist, dass sie genau den Schwachpunkt der allermeisten Hacker-Serien hat, nämlich, dass das Hacking einfach nicht akkurat ist. Es ist einfach unglaublich, dass eine Studentin im ersten Semester in ihrer allerersten Laborstunde so virtuos mit der CRISPR-Genschere umgeht, dass sie mal eben das vorgeschriebene Experiment erfolgreich variiert. Was niemals im ersten Semester verlangt würde. Oder wenn sie so genial ist, okay. Dann ist aber überhaupt nicht plausibel, dass sie sich später am Abend von Jasper erklären lässt, was ein Vektor, also eine virale Genfähre ist.

Und das zieht sich durch die ganze Handlung: Einerseits wird das derzeit mögliche in Sachen Biohacking ständig aus- oder auch überreizt, andererseits sind die Erklärungen dazu nicht wirklich überzeugend. Mag sein, dass es Menschen, die sich mit der Materie nicht auskennen, weniger stört, aber mich nervt es. Und genau, wie es mit der leider kaum vorhandenen wissenschaftlichen Akkuratesse ist, ist es auch mit den Charakteren der Serie: Sie sind alles in allem nicht besonders nachvollziehbar und damit auch nicht glaubwürdig. Sie tun das, was sie laut Drehbuch sollen, aber es handelt sich nicht um Menschen, mit denen man mitfiebert, deren Entwicklung man gespannt verfolgt. Hier sind die Serienmacher dem Machbarkeitswahn der Gentechniker aufgesessen: Nein, es geht eben nicht, dass man einfach irgendwelche coolen Handlungssequenzen zusammenstoppelt und erwartet, dass ein funktionierender Organismus draus wird. Es kommt schon drauf an, was es insgesamt werden soll. Und wenn man da keine Idee hat, dann wird’s auch nichts.

Fatale Rückkehr: Homecoming

Von Homecoming ist inzwischen eine zweite Staffel verfügbar, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheint als die erste. Bei der ersten Sequenz stand die Psychologin Heidi Bergmann (Julia Roberts) im Mittelpunkt, die in einer Einrichtung für heimkehrende US-Soldaten tätig war. Als die Handlung einsetzt, ist sie allerdings Kellnerin und kann sich nicht an ihre Arbeit im Homecoming-Programm erinnern. Der vom US-Verteidigungsministerium abgestellte Beamte (Shea Whigham als Thomas Carrasco), der einer Beschwerde des ehemaligen Soldaten Walter Cruz (Stephan James) über seine Behandlung in diesem Programm nachgeht, findet diesen Umstand extrem merkwürdig. Also fängt er an, umfassende Nachforschungen anzustellen und deckt nach und nach auf, dass bei Homecoming einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Die Serie beruht auf einem gleichnamigen Podcast von Eli Horowitz and Micah Bloomberg, die Regie bei der ersten Staffel führte Sam Esmail. Die Erzählweise gleicht einem Puzzle, die Zuschauer müssen sich die Handlung nach und nach erschließen, genau wie die Protagonisten. Da sind die Soldaten, die das Gefühl haben, das irgendetwas nicht stimmt, aber sich aber keinen Reim darauf machen können, was man mit ihnen während der Teilnahme am Homecoming-Programm tatsächlich angestellt hat. Da ist Heidi, die sich an entscheidende Dinge in ihrer Vergangenheit einfach nicht erinnern kann. Und natürlich Carrasco, der herausfindet, dass der ehemalige Vorgesetzte von Heidi, Colin Belfast (Bobby Cannavale), ihm offensichtlich wichtige Details verheimlichen will. Der stoische Beamte, der trotz zahlreicher Widerstände an seinen Recherchen festhält und sich hartnäckig durch die Archive arbeitet, gefiel mir im ersten Teil besonders, eine Erwähnung verdient aus Sissy Spacek als Heidis Mutter Ellen Bergmann.

Dazu kommt die eigenwillige Inszenierung durch Sam Esmail mit langen Kamerafahrten, ungewohnten Perspektiven und Bildausschnitten sowie skurrilen Details, die Fans schon aus Mr. Robot kennen. Ich muss zugeben, dass ich eine Weile gebraucht habe, um mit Homecoming warm zu werden, ich fand die Geschichte am Anfang zu verworren und habe eigentlich nur weiter gescheut, weil ich sie optisch so interessant fand. Aber je mehr Puzzleteile man zusammensetzen kann, desto besser wird die Geschichte.

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Die zweite Staffel mit Janelle Monáe in der Hauptrolle gefiel mir ebenfalls sehr gut; hier ist die Geschichte alles in allem übersichtlicher, auch wenn sie auf den ersten Blick ähnlich rätselhaft erscheint wie die der ersten Staffel. Aber inzwischen wissen wir ja, was es mit der nun gar nicht mehr so geheimnisvollen Firma Geist auf sich hat. Außerdem hat die neue Staffel statt zehn nur sieben Teile, was eine weniger mäandernde Erzählweise zur Folge hat. Die Regie führte statt Sam Esmail Kyle Patrick Alvarez.

Auch hier haben wir es mit einem rätselhaften Gedächtnisverlust zu tun, Alex bzw. Jackie (Janelle Monáe) wacht ziemlich angeschlagen in einem Boot auf, das sich mitten auf einem See befindet. Vor Schreck lässt sie ihr Handy los, das auf Nimmerwiedersehen im Wasser versinkt. Nachdem sie sich mühsam ans Ufer gerettet hat, findet sie einen Autoschlüssel, allerdings nicht das dazu gehörende Auto. Sie wird von einer hilfsbereiten Polizistin aufgegriffen, die die offensichtlich verwirrte und orientierungslose Frau ins nächste Krankenhaus bringt. Als Jackie begreift, dass sie vom behandelten Arzt als Junkie eingestuft und vermutlich im Knast landen wird, haut sie ab. Danach beginnt sie anhand der wenigen Anhaltspunkte, die sie ausfindig machen kann, zu rekonstruieren, wer sie ist und was vorgefallen sein muss. Dabei begegnen wir Walter Cruz wieder, dem Veteran aus der ersten Staffel.

Obwohl die neue Staffel erzählerisch und optisch nicht ganz an die erste herankommt, wird doch wieder eine spannende Mystery-Geschichte erzählt, in der es um die Frage geht, wie weit man mit der Zwangsbeglückung von traumatisierten Menschen gehen darf. Oder eben nicht. Natürlich ist das US-Verteidigungsministerium da ganz anderer Auffassung als der Entwickler der gar nicht so glücklich machenden Droge, die Menschen schlimme Erlebnisse (und leider auch vieles andere) einfach vergessen lässt. Lohnt sich auf jeden Fall.

Ziemlich dunkel: Into the Night

Mich interessiert ja immer sehr, was unsere europäischen Nachbarn in Sachen Serien so drauf haben. Aus Belgien kommt die neue Endzeitserie Into the Night, die seit einigen Tagen auf Netflix zu sehen ist. Weil es sich um nur sechs gut halbstündige Teile handelt, kann man diese Serie an einem Regentag komplett ansehen, ich fand sie spannend genug, um dabei zu bleiben, auch wenn es zum Teil haarsträubende Logiklöcher gibt. Es geht mir mit dieser Serie wie mit dem deutschen Endzeit-Drama 8 Tage: Eine prinzipiell vielversprechende Idee wurde wenig überzeugend umgesetzt, insofern bin ich alles in allem enttäuscht.

Wie es zum gelungenen Auftakt in Flugzeug-Katastrophen-Filmen gehört, beginnt auch Into the Night damit, dass eine der Protagonistinnen, in diesem Fall die ehemalige Hubschrauberpilotin Sylvie Dubois (Pauline Etienne), den Flug fast verpasst und es gerade noch an Bord schafft. Der Flug soll von Brüssel nach Moskau führen, doch alles kommt anders: Der italienische NATO-Offizier Terenzio Gallo (Stefano Cassetti) zwingt den Co-Piloten Mathieu Douek (Laurent Capelluto) mit Waffengewalt zum vorzeitigen Abflug und zwar nach Westen. So weit wie möglich.

Into the Night: Terenzio, Rik, Ines, Laura, Horst und Ayaz. Bild: Netflix via serienjunkies.de

Into the Night: Terenzio, Rik, Ines, Laura, Horst und Ayaz. Bild: Netflix via serienjunkies.de

Weil Terenzio Mathieu in die Hand geschossen hat, muss Sylvie im Cockpit aushelfen. Währenddessen rätseln die wenigen, zufällig schon bzw. noch an Bord befindlichen Passagiere, ob es sich um eine Terrorattacke oder eine herkömmliche Flugzeugentführung handelt und wie sie ihr begegnen können. Was sie noch nicht wissen: Mit dem nächsten Sonnenaufgang wird sämtliches menschliches Leben auf der Erde erlöschen. Die Sonnenstrahlung ist plötzlich tödlich geworden, mit weiteren Details halten sich die Serienmacher nicht auf. Terenzio hat diese schlechte Nachricht zufällig im Brüsseler NATO-Hauptquartier aufgeschnappt.

Selbstverständlich gibt es von Anfang an jede Menge Probleme: Das Funkgerät im Flugzeug wurde von Terenzio versehentlich zerstört und auch das Internet funktioniert nicht, deshalb können die anderen Passagiere nicht überprüfen, ob Terenzio ein Spinner ist oder ob wirklich tödliche Gefahr für alle droht. Doch zuvor ist bei Telefonaten in andere Teile der Welt schon aufgefallen, dass Gesprächspartner plötzlich nicht mehr geantwortet haben. Die wenigen Eingeweihten beschließen, zumindest erst einmal so zu tun, als ob sie die Sache glauben würden, um Terenzio bei nächster Gelegenheit zu überwältigen.

An Bord des belgischen Airbusses sind unter anderem die russische Mutter Zara (Regina Bikkinina) mit ihrem kranken Sohn Dominik, der am kommenden Tag in Moskau behandelt werden sollte, ein alter Mann, der von seiner persönlichen Krankenpflegerin Laura (Babetida Sadjo) begleitet wird, der polnische Ingenieur Jakub (Ksawery Szienkier), der marokkanische Techniker Osman (Nabil Mallat), die Influencerin Ines (Alba Gaia Bellugi), der deutsche Wissenschaftler Horst (Vincent Londez), der belgische Sicherheitsmann Rik (Jan Bijvoet) und der türkische Geschäftsmann Ayaz (Mehmet Kurtulus). Damit ist eine Menge Potenzial für spannende Entwicklungen vorhanden.

Leider schaffen die Serienmacher es nicht, ihren Protagonisten wirklich Charakter einzuschreiben, auch wenn die eine oder andere Geschichte in Rückblenden erzählt wird. So richtig sympathisch ist eigentlich keiner von ihnen, abgesehen vielleicht von der erfahrenen Stewardess Gabrielle (Astrid Whettnall), die leider schon den zweiten Teil nicht übersteht.

Into the Night: Silvie und Mathieu Bild: Netflix via musikexpress.de

Into the Night: Silvie und Mathieu Bild: Netflix via musikexpress.de

Natürlich lebt jede Serienhandlung in erster Linie von den Konflikten ihrer Protagonisten, aber an Bord dieser Maschine überwiegt kleingeistiges Gezänk, was mich einfach nervt. Obwohl das vermutlich gar nicht mal unrealistisch ist, weil viele Menschen auch oder gerade in absoluten Krisensituationen eben nicht über sich hinauswachsen, sondern sich genauso idiotisch verhalten wie sonst auch. Der Umgang mit der so genannten Corona-Krise macht das gerade wieder überdeutlich. Klar, es gibt auch selbstlose Alltagshelden, aber die meisten Leute sind einfach nur selbstbezogen und kleinkariert. So sieht es auch unter den Passagieren in der Belgischen Maschine aus.

Das führt, wenig überraschend, zu immer neuen Konflikten und Problemen, während sonst frustrierend wenig über die eigentliche Katastrophe zu erfahren ist: Warum verstrahlt die Sonne plötzlich alle Menschen? Warum gehen die nicht einfach in den Keller? Warum ist eigentlich nur genau dieses Flugzeug und dessen Besatzung übrig? Wären nicht, wie in seligen Vor-Corona-Zeiten mit dem ganzen (überflüssigen?) Vielgefliege üblich, nicht sowieso eine Menge anderer Flugzeuge von anderen Flughäfen, ganz regulär auf dem Weg nach Westen? All das erfahren wir nicht.

Nun gibt es durchaus Beispiele für spannende Serien, bei denen grundsätzliche Fragen gnadenlos offen bleiben, etwa die Flugzeug-Unglück-Rätselserie Lost, wo das über weite Strecken auch herzlich egal ist, weil die Dynamik unter den Überlebenden mitreißend genug ist, um weiterhin mitzufiebern. Wobei ich Lost nun auch kein gutes Beispiel für die gelungene Umsetzung eines Katastrophenthrillers finde, Lost ist halt eine Mysterieserie, mit deutlich zu viel Mystery für meinen Geschmack. Insofern bekommt Into the Night ein paar Bonuspunkte, weil kein Mysteryansatz. Aber eben leider auch kein Sci-Fi, weil dafür Science viel zu kurz kommt.

Babylon Berlin: Alle guten Dinge sind drei

Mit der ersten und zweiten Staffel von Babylon Berlin war ich trotz aller Opulenz der filmischen Umsetzung nicht besonders glücklich. Vor allem, weil die eigentliche Handlung des Romans mit allerlei hinzuerfunden Charakteren und Geschichten sehr in den Hinterrund rückte und die Handlung der Serie dadurch ziemlich konfus wurde. Es gab immer wieder spektakuläre Szenen und allerlei Anspielungen auf historische Ereignisse, aber mir fehlte der rote Faden einer spannenden Krimihandlung, den es im Buch von durchaus gab. Enttäuscht war ich vor allem, dass die damals in Berlin entwickelten Methoden moderner Mordermittlung, etwa eine systematische Spurensicherung und die Erfassung sämtlicher Fälle für spätere Ermittlungen in einer zentralen Kartei, im Drehbuch nur am Rande vorkamen.

Serienposter Babylon Berlin 3. Staffel: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Serienposter Babylon Berlin 3. Staffel: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Inzwischen habe ich die dritte Staffel gesehen – und es wird besser. Insgesamt bleibt das Drehbuch in den neuen Folgen etwas näher am Roman und das ist gut so. War in der ersten Sequenz Volker Kutschers Roman Der nasse Fisch kaum wieder zu erkennen, so gibt es nun immerhin gewisse Parallelen zum Folgeroman Der stumme Tod.  Hier untersuchen Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) den Tod der Schauspielerin Betty Winter, die am Set eines der  ersten Tonfilme Deutschlands von einem herabstürzenden Scheinwerfer erschlagen wird.

Natürlich wurde auch hier die Geschichte für die Serienumsetzung komplett umgestrickt; ich finde das Drehbuch aber dieses Mal gelungener, auch weil einige der losen Enden der ersten beiden Staffeln einigermaßen plausibel verknüpft werden. Dadurch werden einige Figuren aufgewertet, etwa Charlottes Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch) , die sich von angeblichen Kommunisten zum Attentat an Regierungsrat August Benda (Matthias Brand) hatte überreden lassen.  Nun ist sie bereit, dafür zu büßen. Oder Kriminalassistent Reinhold Gräf (Christian Friedel), der sich nun zu seiner Homosexualität bekennt. Oder die Witwe Behnke (Fritzi Haberland), die nicht nur Gefühle für ihren Mieter, den politischen Journalisten Samuel Katelbach (Karl Marcovics) entwickelt, sondern auch neue, sympathische Qualitäten bei der Unterstützung des sich nun formierenden Wiederstands gegen die Machenschaften der immer weiter nach rechts marschierenden Staatsgewalt.

Zwar fehlt nun die charismatische Swetlana Sorokina (Severija Janušauskaitė) und auch weitere zentrale Figuren haben die ersten beiden Staffeln nicht überlebt, aber dafür kommen nun neue hinzu, etwa Walter Weintraub (Ronald Zehrfeld), der kriminelle Freund und Partner des Armeniers (Misel Maticevic) und dessen Frau Esther Kasabian (Meret Becker), die nun hofft, in Betty Winters Fußstapfen zu treten und der neue Star des Films zu werden. Denn eine Filmmetropole war das Berlin der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts schließlich auch. Für musikalische Einlagen sorgen dieses Mal nicht die rauschenden Feste der Berliner Halbwelt, sondern Szenen am zeitgemäß expressionistischen Filmset und private Feiern. Überhaupt scheint die Feierwut der ersten Staffel verpufft zu sein, was verständlich ist, denn das Scheitern der Weimarer Republik und kommende Gewaltherrschaft der Nazionalsozialisten werfen bereits ihre Schatten voraus.

Die etablierten Hauptcharaktere Gereon und Charlotte haben es weiterhin nicht leicht. Achtung, ab jetzt gibt es (sanfte) Spoiler. Charlotte werden als Kriminalassistentin von ihren männlichen Vorgesetzten und Mitbewerbern immer wieder Steine in den Weg gelegt, nur weil sie eine Frau ist. Wenn auch eine durchaus für ihren Job qualifizierte, wie Charlotte immer wieder unter Beweis stellt. Nebenbei versucht sie, sich um ihre Familie zu kümmern, vor allem um ihre jüngere Schwester Toni (Irene Böhm).

Gereon hingegen leidet unter dem langen Schatten seines großen, in Krieg gefallenen (?) Bruders und seinen eigenen noch immer nicht aufbereiteten Kriegstraumata. Deshalb zerbricht auch die Beziehung zu Helga (Hanna Herzsprung), die eigentlich den Bruder geheiratet hatte, auch wenn Gereon sie von Anfang an geliebt hat. Die von Gereon vernachlässigte Helga freundet sich mit Alfred Nyssen (Lars Eidinger) an, der in ihr eine verwandte Seele entdeckt. Nebenei tüftelt der manisch-depressive Industriellenerbe Nyssen einen gewaltigen Börsencoup aus, mit dem er sich mit den Methoden der amerikanischen Kapitalisten „sein“ gutes deutsches Geld wieder holen will, das durch die Niederlage im ersten Weltkrieg verloren ging. Die Naivität der deutschen Kleinanleger, die mit geliehenem Geld an der Börse Gewinn machen wollen, wird dabei ganz gut auf den Punkt gebracht.

Auch holen die Serienmacher die Würdigung der Verdienste des Ernst Gennat (Udo Samel) nach. Die innovativen Methoden, die der langjährige Leiter der Berliner Kriminalpolizei bei der Untersuchung von Kapitalverbrechen eingeführt hat, werden dieses Mal sehr ausführlich, ja geradezu mit der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit, behandelt.

Am Ende spielt die systematische Fälschung von Beweisen ausgerechnet durch den mit der Aufklärung des Verbrechens befassten Forensiker eine entscheidende Rolle – wobei mir genau der Part dann zu dick aufgetragen war. Etwas genervt hat mich auch Esther, also die immer ein bisschen zu penetrant überspielende Meret Becker, aber okay, vielleicht ist es auch genau das, was ihren Seriencharakter am zutreffensten beschreibt: Dieses Changieren zwischen gnadenloser Selbstüberschätzung, was ihre Fähigkeiten aus Sängerin und Schaupielerin angeht, und Esthers offensichtlich doch vorhandenen Talent, aus einer scheinbar ausweglosen Situation das Beste herauszuholen. Das gelingt in dieser Staffel beileibe nicht allen, denen man es gewünscht hätte. Aber genau das macht diese Staffel sehenswert. Hoffentlich gibt es noch weitere Fortsetzungen, denn diese Serie schlägt sich im Vergleich zu anderen historischen Formaten, die es im deutschen Fernsehen so zu sehen gibt, dann doch überdurchschnittlich gut.

Unorthodox: Wenn Gott zu viel verlangt

Die vierteilige deutsche Miniserie Unorthodox wird durchaus kontrovers diskutiert. Die Ansammlung schlimmster Klischees über (ultraorthodoxe!) Juden in der Serie zeichne ein Zerrbild des Judentums und befördere den in der Gesellschaft ohnehin vorhandenen Antisemistismus. Nun ja. Wer antisemitisch unterwegs ist, wird gewiss nicht auf diese Serie gewartet haben, um seinen irrationalen Rassenhass zu bestätigen. Mir hat die Serie über die junge Esther („Esty“) Shapiro so gut gefallen, dass ich sie mir wenig später noch ein zweites Mal angesehen habe, und ich finde den Vorwurf idiotisch. Klar, die ultraorthodoxe Gemeinschaft der Satmarer Chassiden, die sich im New Yorker Stadtteil Williamsburg angesiedelt haben, kommt nicht gut weg.

Serienposter Unorthodox mit Shira Haas als Esty. Bild: Netflix (via Serienjunkies.de)

Serienposter Unorthodox mit Shira Haas als Esty. Bild: Netflix (via Serienjunkies.de)

Aber ein aufgeklärter Mensch weiß, dass Orthodoxie keine Spezialität des Judentums ist. Orthodoxe Moslems, orthodoxe Hindus, orthodoxe Christen oder orthodoxe Veganer sind genauso durchgeknallt. Orthodoxe Leninisten oder Neoliberale übrigens auch. Sie alle wähnen sich im Besitz des einzig wahren Glaubens oder der wirklich wahren Wahrheit  (was angesichts der Fülle einziger Glaubensrichtungen und Wahrheiten schon absurd genug ist) und erwarten, dass ihre Gesetze unbedingt befolgt werden müssen und alles andere dahinter zurückzustehen hat. Das Individuum hat sein Glück gefälligst im Dienst an der großen, guten, gerechten Sache zu finden. Wer damit nicht klar kommt, wird mit Zuckerbrot und Peitsche „überzeugt“. Doch wenn das schief läuft, bleibt nur noch die Flucht.

Die New Yorker Jüdin Esty (Shira Haas) ist in einer durch religiöse Vorschriften sehr beengten Welt aufgewachsen, sie kennt nichts anderes. Sie wurde von ihrer Großmutter aufgezogen, die den Holocaust überlebt hat. Die Ehe ihrer Mutter Lea Mandelbaum, die aus England nach New York kam, scheiterte, die Mutter floh ausgerechnet nach Berlin. Damit ist sie für die Familie erledigt. Die Gemeinschaft beanspruchte das Kind und zog Esty im Glauben auf, dass ihre Mutter sie verlassen habe. Mit 17 wird Esty verheiratet, eine reguläre Ausbildung oder gar eine eigene Entscheidung über ihre künftige Lebensführung wird Frauen in dieser strengen Religionsgemeinschaft verwehrt, sie sollen möglichst viele Kinder gebären und aufziehen und natürlich ihre Männer umsorgen, damit diese sich dem Tagesgeschäft und dem Thorastudium widmen können.

Estys Glück über die Hochzeit mit Yanki Shapiro, dem Sohn einer angesehenen Diamantenhändlerfamilie, ist von kurzer Dauer, die unerfahrene Esty kommt mit den Bedürfnissen ihres ebenso unerfahrenen Gatten nicht klar. Die sexuellen Probleme der beiden führen zu einer harten Belastungsprobe, weil Esty nach einem Ehejahr noch immer nicht schwanger ist. Yanki denkt über eine Scheidung nach, da passiert es doch: Esty wird schwanger. Doch bevor Yanki davon erfährt, entschließt Esty sich zur Flucht. Ihre Mutter hat ihr anlässlich ihrer Hochzeit einen Umschlag mit Papieren zukommen lassen, mit denen Esty die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen kann. Mit der Unterstützung ihrer welterfahrenen Klavierlehrerin, die Esty für erlassene Mietzahlungen entgegen aller chassidischen Regeln Unterricht erteilt hat, besorgt Esty die nötigen Dokumente, etwas Geld und ein Flugticket nach Berlin.

In Berlin kann sich Esty mit einer Mischung aus haarsträubender Naivität und knallhartem Überlebensinstinkt durchschlagen, weil sie auf eine Gruppe aufgeschlossener MusikstudentInnen aus aller Welt trifft. Ja, das ist schon eine Menge Multi-Kulti-Kitsch dabei, aber andererseits ist genau das eine der Qualitäten des Lebens in Berlin, deswegen wollen so viele junge Menschen in die deutsche Bundeshauptstadt. Während ihr Ehemann und sein windiger Cousin mit krimineller Vergangenheit in Berlin nach Esty suchen, um sie zurück zu holen, versucht Esty, sich eine Grundlage für eine unabhängige Existenz aufzubauen. Ihr ist klar, dass sie ohne Ausbildung und Beruf keine Chance auf ein selbstständiges Leben hat.

Estys Kampf um ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben ist absolut sehenswert. Die Serie beruht auf einem Roman von Deborah Feldmann, die ihre eigenen Erlebnisse darin verarbeitete. Das Drehbuch stammt von Anna Winger und Alexa Karolinski, die Unorthodox auch produziert haben, Regie führte Maria Schrader. Hier ist also eine Menge Frauenpower am Start, was dringend nötig ist, denn noch immer dominiert auch im Serienbereich die männliche Sicht auf die Welt.

Um so wichtiger, dass sich das endlich ändert. Dass Berlin in dieser Serie ein bisschen besser und schöner wirkt, als es eigentlich ist: geschenkt. Wie wäre es mit einer Fortsetzung, in der die absurde Bürokratie und der nervenzehrende Alltag einer alleinerziehenden Mutter in Berlin thematisiert werden?

Haus des Geldes: Fast perfektes Verbrechen

Nachdem ich eine längere Zeit nicht dazu gekommen bin, mich meinem Lieblingshobby zu widmen, sorgt die Corona-Krise für eine Art Neuanfang: Es gibt, sofern man in der glücklichen Lage ist, über Freizeit zu verfügen, ja nicht viel anderes zu tun, als fernzusehen. Und in Sachen Serien ist einiges passiert, so dass ich noch eine Weile damit beschäftigt sein werde, die wichtigsten Versäumnisse aufzuholen.

Der Professor und seine Gang: Nairobi, Stockholm, Palermo, Denver, Helsinki, Lissabon, Bogota, Marseille, Rio, Tokio Bild: Netflix via serienjunkies.de

Der Professor und seine Gang: Nairobi, Stockholm, Palermo, Denver, Helsinki, Lissabon, Bogota, Marseille, Rio, Tokio Bild: Netflix via serienjunkies.de

Heute möchte ich mit einem echten Serienknaller beginnen, auch wenn die Serie nicht ganz neu ist: Haus des Geldes oder Casa del Papel, eine spanische Serie über einen spektakulären Raub. Gestern startete eine neue Staffel auf Netflix – Netflix behauptet, es sei die vierte Staffel, streng genommen handelt es aber um den zweiten Teil der zweiten Staffel. Wie dem auch sei, es geht um einen perfekt durchgeplanten Coup. Das Verbrechen des Jahrhunderts, zumindest in Spanien.

Eine hochprofessionelle Bande krimineller Spezialisten dringt in die Spanische Münze ein und druckt dort nach akribischer Vorbereitung fast eine Milliarde Euro. Ein Teil des Geldes wird im Zuge der Flucht der Gangster ans Volk verteilt, denn der geniale Kopf hinter dem Coup, der Professor (Álvaro Morte), hat von Anfang an eingeplant, dass seine Aktion als eine Art Widerstandshandlung gegen die brutale Staatsgewalt gesehen wird. Obwohl die Verbrecher Geiseln nehmen und nicht alles nach Plan verläuft, werden die Kriminellen von vielen Menschen als Helden gefeiert. Denn die Staatsmacht spielt auch nicht nach fairen Regeln. Vor allem die auf Krisensituationen trainierte Verhandlerin der Polizei und der Geheimdienst geraten aneinander, wobei allerlei privater Dreck aufgerührt wird.

Auch auf der Seite der Kriminellen spielen unmögliche Beziehungen und unkontrollierbare Emotionen eine verhängnisvolle Rolle. Obwohl der Professor sich bei der Vorbereitung größte Mühe gegeben hat, private Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gang zu unterbinden, um den Coup nicht durch persönliche Gefühle oder Befindlichkeiten zu gefährden, bleibt nicht aus, dass sich einige der Gangmitglieder näher kommen und Loyalitätskonflikte und Rivalitäten die Folge sind. Verhindert werden sollte derartige Komplikationen eigentlich durch die konsequent genutzte Tarnidentitäten, die Verbrecher werden nach Großstädten benannt, Tokio, Berlin, Moskau, Nairobi, Rio, Helsinki, Oslo und Denver. Es stellt sich heraus, dass sich der persönliche Hintergrund der Gangmitglieder nicht dauerhaft ausblenden lässt, je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr erfahren sie übereinander, ob sie wollen oder nicht. 

Dazu kommt, dass selbst der Professor seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat, er verliebt sich ausgerechnet in die Polizistin, die ihn zur Aufgabe bringen soll, während sich eine der Geiseln ausgerechnet zu dem hitzköpfigen Denver hingezogen fühlt. So kommen noch Stockholm und Lissabon ins Team. In den weiteren Staffeln stoßen weitere Schwergewichte wie Palermo, Bogota oder Marseille dazu, dafür gibt es auch herzzerreißende Verluste zu beklagen. Okay, so beim Aufschreiben klingt das alles reichlich klischeegeladen und überkonstruiert, aber die Serie ist so intensiv und spannend gemacht, dass man einfach dabei bleiben muss. Für mich ist Haus des Geldes eine der besten Verbrechensserien, die es derzeit auf Netflix gibt. 

Wir sind keine Welle

Inzwischen gibt es neue deutsche Serien auf Netflix, aber ich muss leider feststellen, dass ich mit diesen Serien genau die Probleme habe, die ich prinzipiell mit deutschen Serien im „normalen“ deutschen Fernsehen habe. Das bedeutet, dass es offenbar doch nicht am übermäßig Proporz-orientierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegt, der es immer möglichst allen recht machen will, und auch nicht an den immer auf die Quote schielenden Privatsendern, die mit reißerischen Projekten auf bestimmte Zielgruppen aus sind. Und es ist ja nicht so, dass es überhaupt keine guten deutschen Serien gibt, spontan fallen mir 4 Blocks und Das Institut ein, aber das ist sehr wenig, gemessen am sonstigen Output von leider nicht besonders guten Serien.

Das muss ich nun leider auch für Netflix konstatieren, Netflix haut eine Menge neuer Serien raus, leider sind viele davon ziemlich mittelmäßig, und das gilt leider auch für die Netflix-Neuheiten aus Deutschland. Klar kommt es auch bei Netflix am Ende darauf an, wie gut die Serien ankommen, sprich, wie viele Abrufe es gibt – und ein bisschen auch, wie die Kritiken ausfallen. Aber ich hätte schon erwartet, dass es auf dieser vom deutschen Fernsehen und vom deutschen Mainstream unabhängigen Plattform mehr künstlerische Experimente und weniger deutsch-typischen Serien-Holzhammer gibt.

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Immerhin gibt es auch hier (sehr wenige) Ausnahmen, Dark und How To Sell Drugs Online (Fast) fand ich durchaus okay, HTSDOF ist sogar ziemlich witzig. Dark hingegen bietet für meinen Geschmack viel zu viel Mindfuck, aber offenbar kommt genau diese Art von metaphysischer Feinmechanik im Ausland gut an, gerade weil das so herrlich deutsch ist. Dogs of Berlin ist einfach Trash-TV, aber als solches schon wieder gut. Skylines ist so ähnlich, aber mit Musik statt Fußball und statt einem dunklen, bösen Berlin gibt es ein dunkles, böses Frankfurt. Hat mir alles in allem aber besser gefallen als Dogs of Berlin, weil nicht ganz so klischeehaft überzeichnet.

Nun also Wir sind die Welle, ein sehr deutscher Sechsteiler über eine Handvoll Außenseiter, die ihre Mitmenschen mit zunehmend spektakulären Aktionen zum Nachdenken bringen wollen. Mit dem Roman Die Welle von Morton Rhue hat die Serie eigentlich nicht mehr viel zu tun, hier geht es im Gegenteil eher darum, wie Jugendliche gegen gesellschaftliche Missstände, aber auch gegen ihre Fascho-Mitschüler, rebellieren. Für mich sieht Wir sind die Welle wie ein nicht so richtig gelungenes Remake des Films The East aus. In The East geht eine geheimbündlerisch organisierte Gruppe von Ökoterroristen gegen Pharmakonzerne vor, um deren Chefs für die von ihnen verursachten Gesundheits- und Ökoschäden zu bestrafen.

Ähnliches treibt auch den harten Kern der Welle um, vor allem Hagen (Daniel Friedl), der Sohn von Ökobauern, deren Betrieb durch einen der großen Arbeitgeber vor Ort ruiniert wurde, will ein Zeichen setzen. Hilfe bekommt der dickliche Außenseiter von anderen Außenseitern, etwa Rahim (Mohamed Issa), der als Ausländer gemobbt wird und dem Mauerblümchen Zazie (Michelle Barthel). Der ebenso angstfreie wie charismatische neue Mitschüler Tristan (Ludwig Simon) sammelt ganz gezielt die Loser um sich, die mit seiner Hilfe plötzlich über sich hinaus wachsen und zur Welle werden. Nur Lea (Louise Beford), die tennisspielende höhere Tochter fällt aus dem Rahmen, bei ihr ist es eher der Überdruss am Überfluss, der in ihr die Lust am Protest als Lifestyle weckt. Was ja auch keine neue Sache ist, von den Mitgliedern der RAF kamen ja auch viele aus dem Bildungsbürgertum und nicht aus der Arbeiterschicht. Wobei nein, linke Gewalt oder gar Linksextremismus wird hier keinesfalls verherrlicht. Dafür sind die jungen Leute bei der Welle viel zu unpolitisch. Höchstens Tristan, der Diplomatensohn, der arabisch spricht und offenbar viel gelesen hat, sympathisiert (ich würde eher sagen kokettiert) mit extremen Ideen aus dem linken Spektrum. Bei den anderen geht es um ihre persönliche Betroffenheit, auch bei Lea, die von ihrer Mutter ordentlich den Kopf gewaschen kriegt, als sie ihre Luxusklamotten aus einer Laune heraus spenden will.

Denn so sehr ich mich darüber gefreut habe, dass es jetzt quasi eine Serie zum FridaysForFuture-Feeling gibt, so enttäuscht war ich, dass die Serie eben keine „erfrischend politische Mainstream-Produktion“ ist, wie der Deutschlandfunk fand. Also Mainstream-Produktion schon, aber nicht erfrischend politisch. Und leider sind die Charaktere durchgehend wandelnde Klischees, von denen einige eine nicht weniger klischeehafte Entwicklung erfahren. Hier hätten mehr Tiefgang und weniger didaktisch gutgemeinter Holzhammer sicher viel bewirken können.

Was die Politik angeht und die persönlichen Konsequenzen, bleibt alles reiner Aktionismus. Während die Aktivisten in The East sich auch in ihrem Alltag in radikalem Verzicht üben, sie leben spartanisch auf einer verlassenen Farm, containern Lebensmittel und benutzen moderne Technik nur für ihre Aktionen, ändern die Jugendlichen in der neuen Serie auch, nachdem die Welle sie erfasst hat, keineswegs ihren Lebensstil. Ja, sie kritisieren Umweltverschmutzung, ja, ihre Aktionen werden radikaler, und es werden immer neue Grenzen überschritten, den Aspekt fand ich gut. Und ich gönne Hagen, Zazie und Rahim, dass sie dank ihrer Selbstermächtigung zumindest eine Weile mehr Spaß am Leben haben. Wobei das FFF ganz gut abbildet, so traurig das auch ist: Die Jugend sagt den Alten mal, wie frustrierend dieses ganze Scheißleben in dieser Scheißwelt ist, die andere für uns eingerichtet haben. Und der ganze Protest wird dann auch mal im Fernsehen gezeigt und gut is‘.

Denn um wirklich etwas zu ändern, braucht es eben mehr als verständlichen, aber wohlfeilen Protest. Selbst wenn der in einzelnen Aktionen auch mal total radikal wird. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute nur unter einem Mangel an Information leiden. Jeder und jede, die es wissen will, weiß, dass Industrieabfälle die Umwelt vergiften, Plastikmüll das Leben erstickt, die Überproduktion von allem Ressourcen verschleudert, die eigentlich für das Überleben der Menschheit gebraucht würden, deutsche (und anderer Herstellerländer) Waffen in aller Welt nicht unbedingt Frieden schaffen, Rassisten Arschlöcher sind und Neonazis dumm. Dafür haben wir keine weitere Serie gebraucht.

Denn um eine Idee zu entwickeln, was nach dem Protest kommen könnte, bräuchte es wirklich mal erfrischend politische Diskussionen, in denen über den Tellerrand des Mainstreams hinaus geschaut wird. Mir ist klar, dass keine Serie der Welt das leisten kann. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn es wenigstens mal versucht würde: Angenommen, wir hören auf euch, liebe jugendliche Protestierer, wie sähe denn eure Welt aus? Verzichtet ihr auf das neue Handy, fahrt ihr mit dem Rad, statt euch von Mama mit dem Auto abholen zu lassen, bringt ihr Papa veganen Lebensstil bei?

Okay, das könnte jetzt als Jugendbashing missverstanden werden. Ich meine es aber ernst: Ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen so ziemlich alles, was in dieser Welt gerade stattfindet, ganz entschieden protestieren muss. Weil es so nicht weiter gehen kann. Und jetzt wünsche ich mir eine Serie, die eine Utopie entwickelt. Ist doch egal, ob realistisch oder nicht. In einem fiktionalem Medium sollte man doch noch träumen dürfen. Aber das ist vielleicht ein Symptom dieser Zeit: Es gibt keine Zukunft mehr. Und schon gar keine bessere.