8 Tage: Feiern bis zum Weltuntergang

Die Ankündigung machte mich neugierig: Eine neue deutsche Serie von Sky, die von den letzten acht Tagen vor dem Weltuntergang erzählt: Ein Asteroid rast auf die Erde zu. Aufgrund seiner besonders lichtabsorbierenden Oberfläche hatte man ihn nicht kommen sehen. In vorletzter Minute wird versucht, ihn mit Atomraketen vom Kurs abzubringen, aber das Manöver misslingt. Für die Menschen in Europa, wo er auftreffen wird, beginnt der Countdown bis zum Untergang. Was bedeutet das für die Menschen in der Killzone?

Faszinierende Frage, eigentlich. Doch leider ist aus der tollen Idee eine insgesamt ärgerlich schwache Serie geworden. Was nicht an den Schauspielern liegt, mit Devid Striesow, Christiane Paul, Nora Waldstätten, Fabian Hinrichs, Mark Wasche, Murathan Muslu oder Henry Hübchen waren eine Menge echter Stars dabei. Aber aus einem drögen Drehbuch kann auch das engagierteste Spiel kein packendes Fernseherlebnis zaubern.

Serienposter 8 Tage Bild: sky.de

Serienposter 8 Tage Bild: sky.de

Es ist ja nicht so, dass ich ein teures Blockbuster-Spektakel à la Independence Day oder Armageddon erwartet hätte. Im Gegenteil freute ich mich auf das angekündigte Kammerspiel im Schatten der großen Katastrophe. Aber genau das ist grandios schief gelaufen: Wir sehen eine ganze Reihe eher unsympathischer Figuren, die vermutlich komplex-ambivalent sein sollten, aber leider wieder nur Personifikationen gängiger Klischees aus, nun ja, eben typisch deutschen Fernsehserien sind.

Ein weiteres Problem ist, dass die Autoren das ganze Setting nicht richtig gut durchdacht haben – es fühlt sich an wie „ist ja bloß Fernsehen, wir tun einfach mal so“. Mit Logik und Continuity haben es die Serienmacher auch nicht besonders, angefangen damit, dass der Asteroid einerseits ganz plötzlich aufgetaucht sei, weshalb die Vorwarnzeit so kurz und die Reaktion der Menschen so verzweifelt sein sollen, andererseits heißt es später dann wieder, die Bundesregierung hätte doch genügend Zeit gehabt, entsprechende Vorkehrungen zu treffen und Bunker zu bauen, was dann aber nicht passiert sei, weil die Politiker so böse und korrupt sind.

8 Tage: Marion (Nora Waldstätten) und Hermann (Fabian Hinrichs) Bild: Sky.de

8 Tage: Marion (Nora Waldstätten) und Hermann (Fabian Hinrichs) Bild: Sky.de

Dann soll die allgemeine Ordnung ist zusammengebrochen sein, was vor allem an geplünderten Supermärkten zu sehen ist, vor denen sich Müll und leere Einkaufswagen stapeln. Und natürlich an jungen Leuten, die Party machen bis zum Abwinken. Ansonsten läuft der Alltag erstaunlich normal weiter, es gibt selbstverständlich noch immer Strom, funktionierende Telefone und Handys und die Fernseher laufen sogar in den letzten Stunden vor der finalen Katastrophe noch und senden Bilder aus dem Regierungsapparat, der angeblich längst kollabiert sein soll und irgendwie doch noch immer Nachrichten liefert.

Okay, es ist durchaus nachvollziehbar, dass echte Journalisten von altem Schrot und Korn gerade in solchen Situationen nicht abhauen, sondern jetzt erst recht ihren Job machen, denn es gibt ja nun wirklich was zu berichten. Aber dass die politische und gesellschaftliche Elite einfach geschlossen abtaucht und das Schicksal der Nation einer Handvoll Journalisten überlässt, finde ich dann doch ziemlich billig. Man muss jetzt keine Politik-Serie auf dem Niveau von Borgen oder House of Cards daraus machen, aber einfach nur das Klischee zu bedienen, dass die Politiker unfähig sind, sich um nichts kümmern und am Ende nur an sich selbst denken, zeigt vor allem, dass die Serienschreiber sich auch nicht besonders anstrengen wollten.

8 Tage: Susanne (Christiane Paul), Uli (Mark Wasche) und Tochter Leonie (Anna Lena Klenke) auf der Flucht  Bild: Sky.de

8 Tage: Susanne (Christiane Paul), Uli (Mark Wasche) und Tochter Leonie (Anna Lena Klenke) auf der Flucht Bild: Sky.de

Eine Ausnahmesituation kurz vor dem Ende von allem stelle ich mir anders vor, panischer, chaotischer, euphorischer. Wenn es eh nicht mehr drauf ankommt, könnte man doch mal Dinge ausprobieren, die man sonst nie getan hätte. Da sollten noch andere Sachen denkbar sein als übermäßiger Drogenkonsum, laute Musik und kindische Zerstörungswut. Ich hoffe inständig, dass die Menschen insgesamt kreativer sind als die Erfinder dieser Serie.

Denn auch aus dem, was sich die Serienmacher vorgestellt haben, machen sie erstaunlich wenig: Eine finanziell eher gut gestellte Mittelstandsfamilie bestehend aus der Ärztin Susanne (Christiane Paul), dem Physiklehrer Uli (Mark Waschke) und deren Kindern Leonie und Jonas tritt die Flucht nach Osten, also Russland an. Hier gibt es einige für Normalbürger herausfordernde Ausnahmesituationen, aber im Vergleich zu dem, was man über Flüchtlingsschicksale berichten könnte, ist das alles ziemlich harmlos. Zumal alle Beteiligten einfach in ihr unversehrtes Einfamilienhaus in einem ruhigen grünen Vorort von Berlin zurückkehren können, als sich abzeichnet, dass sich alles anders als erwartet entwickelt. Hier gibt es immerhin noch ein kleines Vorstadtdrama, was ich dann aber auch wieder zu konstruiert fand.

8 Tage: Klaus (David Striesow) Bild: Sky.de

8 Tage: Klaus (David Striesow) Bild: Sky.de

Interessanter ist der Bauunternehmer Klaus (David Striesow), ein Psychopath, der sich für schlauer als alle anderen hält und für seine Familie einen Bunker gebaut hat. Dort sperrt er seine Tochter Nora (Luisa-Céline Gaffron) ein, die in Teenager-Art immer vehementer gegen ihren unerträglichen Vater rebelliert. Klaus ist ein typischer Prepper, der schon immer wusste, wie es kommen muss, entsprechend Vorräte anhäuft und auf Waffengewalt setzt. Er schart eine Gang von Gleichgesinnten um sich, die es allerdings im Zweifelsfall allerdings genau so halten wie er selbst: Der Stärkere setzt sich durch und nimmt keine Rücksicht auf Schwächlinge. Das kann auch gegen einen ausgehen, wenn die anderen in der Überzahl sind. Erst recht, wenn Schusswaffen im Spiel sind.

8 Tage: Deniz (Murathan Muslu) Bild: Sky.de

8 Tage: Deniz (Murathan Muslu) Bild: Sky.de

Doch nicht jeder, der eine Waffe in die Hand bekommt, knallt durch: Stoisch und die meiste Zeit rätselhaft unbeteiligt wirkt der Polizist Deniz, ein Kämpfer nicht nur für Gerechtigkeit, sondern für das Richtige, wie er gegen Ende erklärt. Deniz hält die Stellung auf seiner Polizeiwache noch, als alle anderen längst getürmt sind, er versucht, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten, als schon überdeutlich ist, dass es keinen Sinn mehr hat. Kurz vor Schluss noch stellt er einem Falschparker ein Knöllchen aus, genau wie Herr Luther, der heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde, wenn er wüsste, dass morgen die Welt unter geht. Immerhin: Deniz ist tatsächlich ein Held und verzichtet zu Gunsten anderer auf seinen persönlichen Vorteil, als es hart auf hart kommt.

Ganz im Gegensatz zu Hermann (Fabian Hinrichs), dem Politiker. Der verhält sich genau so, wie man es von einem seiner Sorte erwartet: Er ist immer auf seinen Vorteil aus und im Zweifelsfall korrupt und feige. Erst versucht Hermann, für sich und seine hochschwangere Freundin Marion (Nora Waldstätten) ein rettendes Flugticket in die USA zu bekommen. Das geht schief. Dann versucht er verzweifelt, zwei der viel zu wenigen Bunkerplätze zu bekommen. Aber die werden nur an relevante Regierungsmitglieder vergeben, zu denen Hermann nicht gehört, die Restplätze werden unter der Bevölkerung verlost.

8 Tage: Ben (Thomas Prenn) und  Nora (Luisa-Céline Gaffron) Bild: Sky.de

8 Tage: Ben (Thomas Prenn) und Nora (Luisa-Céline Gaffron) Bild: Sky.de

Und siehe da, unsere wackere Familie zieht eins der großen Lose, denn Ärztinnen und Physiker werden später für den Wiederaufbau benötigt. Aber das mit der Eintrittskarte für die vermeintliche Lebensrettung geht auch wieder nach hinten los: Jetzt kommt ein bisschen Action, Teile der Bundeswehr finden nämlich, dass sie nicht nur Deutschland und dessen Politiker schützen, sondern ebenfalls Platz im Bunker bekommen sollten. Und die haben sogar funktionierende Waffen! Auf diese Weise endet das große Bunkerglück für viele dann tödlich, aber Uli kann mit den Kindern und Susanne entkommen. Doof nur, dass sie jetzt wieder draußen und ihre Stunden gezählt sind.

Die Frage, wo Dienst und Pflicht enden und das Eigeninteresse beginnen sollte oder darf, wird mehrfach behandelt. Das ist eine durchaus interessante Frage, aber man hätte auch noch andere Fragen stellen können. Etwa nach welchen Kriterien denn eine Auswahl zu treffen wäre, wer gerettet werden und wer sterben soll. Es wird zwar als irgendwie ungerecht dahingestellt, dass wie immer politischer Einfluss und Geld die entscheidenden Kriterien sind. Aber was wäre denn gerechter?

8 Tage: Der vermeintliche Erlöser Robin (David Schütter) Bild: Sky.de

8 Tage: Der vermeintliche Erlöser Robin (David Schütter) Bild: Sky.de

Das wird gar nicht erst gefragt, weil die Antwort schwer ist. Aber man könnte doch wenigstens mal drüber nachdenken. Und das zieht sich durch sämtliche acht Tage. Ich will nicht sagen, dass alles schlecht ist, so fand ich durchaus nachvollziehbar, dass ein junger Krebskranker sich freut, dass es jetzt nicht nur ihn erwischt, sondern alle, womit er sich die Frage, warum ausgerechnet er sterben soll, während die anderen weiterleben dürfen, nicht mehr stellen muss. Und klar, es gibt natürlich auch Menschen, die sich in den Glauben flüchten und in letzter Minute auf einen Erlöser setzen, der in Gestalt des einfältigen, aber gutwilligen Exkriminellen Robin erscheint. Der redet eigentlich nur wirres Zeug, aber es klingt ungefähr wie das, was auch in der Bibel nachzulesen ist. Immerhin taugt er dazu, Susannes Tochter Leonie die Freuden der ersten Liebe zu zeigen, bevor alles für immer vorbei ist.

8 Tage: Egon (Henry Hübchen) Bild: Sky.de

8 Tage: Egon (Henry Hübchen) Bild: Sky.de

Cool fand ich auch den ehemaligen NVA-Offizier Egon (Henry Hübchen), der seine Wut erst an seinen Möbeln auslässt und sich dann entschließt, seine heimliche Jugendliebe aufzusuchen. Wie sich herausstellt, war Egon schwul. Das war unsozialistisch und durfte somit nicht sein. Und Horst hat dann ohnehin rüber gemacht, in den goldenen Westen und dort ein unspektauläres Leben in einer klassischen heterosexuellen Beziehung geführt. Was Egon im Osten irgendwie auch getan haben muss, sonst hätte er keine Kinder. Denn Egon ist der Vater der auf jeweils ihre Art ziemlich ätzenden Geschwister Hermann und Susanne.

Immerhin lässt sich Susanne von ihrem kleinen Sohn schließlich noch überzeugen, ebenfalls etwas richtiges zu tun, nämlich Marion bei der Geburt ihres Kindes zu helfen und ihr dann das Familienauto zu überlassen, damit sie zu Hermann kann, der mittlerweile Bunkerplätze besorgt haben will. Nun ja, es ist gewiss kein übergroßer Spoiler, wenn ich verrate, dass die Sache für eine große Mehrheit der Bevölkerung nicht gut ausgeht, denn das war ja von Anfang an klar. Nicht jeder, der es verdient hätte, kann gerettet werden, und unter denen, die sich retten können, sind viele Arschlöcher. Aber gerade weil das Ende so vorhersehbar ist, hätte man sich mit dem, was in den acht Tage davor passiert, mehr Mühe geben können.

8 Tage: Ob jetzt alles gut wird?  Bild: Sky.de

8 Tage: Ob jetzt alles gut wird? Bild: Sky.de

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Sharp Objects: Traumafabrik Familie

Nachdem ich wieder ins Serien-Bloggen eingestiegen bin, ist es gar nicht so einfach, unter den vielen Serien, mit denen die Serienfans im vergangenen Jahr überschwemmt wurden, eine besondere Serie für den nächsten Artikel auszusuchen. Klar, es gab die üblichen Highlights, etwa die 4. Staffel von Better Call Saul, die natürlich wieder absolut sehenswert war. Es gab auch eine weitere Staffel von The Handmaid’s Tale, die noch schwerer zu ertragen war als die erste, aber meiner Ansicht nach unbedingt Pflichtprogramm. Denn sie zeigt, was den Menschen in einer Gesellschaft blüht, in der ideologisch motivierte Fundamentalisten das Sagen haben, die an Gott und eben nicht an Freiheit, Gleichheit, Solidarität glauben, ähnlich wie das in The State der Fall ist. In diesem Fall sind es allerdings patriotisch gesinnte weiße Christen in den USA – aber die sind eben auch nicht besser als die Kopfabschneider vom IS.

Meine Wahl fiel auf Sharp Objects, eine achtteilige HBO-Serie, die meines Erachtens zu Unrecht als Füllstoff für das Sommerloch versendet wurde. Auch wenn sie tatsächlich nicht an den hochgelobten Vorgänger Big Little Lies von Regisseur Jean-Marc Vallée herankommt, war sie doch eine der Serien, die ich in der vergangenen Saison bemerkenswert fand. Sharp Objects beruht auf einem Roman von Gillian Flynn.

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Wie Big Little Lies ist Sharp Objects eine Frauenserie – hier geht es allerdings nicht um häuslichen Missbrauch einer eigentlich sehr intelligenten und erfolgreichen Familienmutter durch den liebenden, aber leider auch von Minderwertigkeitskomplexen zerfressenen Familienvater, sondern um etwas noch viel schwerer Fassbares: Es geht darum, was mit den Kindern passiert, wenn die liebende Mutter ihre Mutterrolle viel zu ernst nimmt. Adora Crellin (Patricia Clarkson) ist die Übermutter dieser ganzen beschissenen Kleinstadt Wind Gap. Im Verlauf der Serie stellt sich allerdings heraus, dass Adora auf eine extrem egoistische Weise nur für ihre Kinder da ist.

„It’s always the family“ sagt der Ermittler Detective Willis (Chris Messina), der von Anfang an den richtigen Instinkt hat, jedoch ohne zu ahnen, wie sehr er ins Schwarze trifft. Denn Richard Willis kommt von Außen, „Kansas City“ nennt ihn der örtliche Polizeichef Bill Vickery (Matt Craven), der sich nicht vorstellen kann oder will, dass in seiner kleinen, gut überschaubaren Stadt tatsächlich etwas unglaublich schief läuft.

Wind Gap (was soviel heißt wie Scharte oder Spalt) ist eine Kleinstadt in Missouri, in der jeder jeden kennt, Teenager auf den fast immer leeren Straßen Rollschuh laufen und der einzige größere Arbeitgeber eine Schweinemastfarm ist, die natürlich Übermutter Adora gehört, die in jeder Beziehung die Seele dieses Ortes zu sein scheint. Aus dieser Enge ist ihre Tochter Camille (Amy Adams) einst geflohen.

Camille Preaker ist ebenso Alkoholikerin wie Reporterin (der kürzeste Journalistenwitz: „Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorbei“) und wird von ihrem Chef nach Hause geschickt, weil der eine gute Story wittert: Vor einiger Zeit ist in Wind Gap ein dreizehnjähriges Mädchen getötet worden, ein zweites wird nun vermisst. Da könnte ein Serienkiller am Werk sein. Frank Curry (Miguel Sandoval) will eine auflagensteigernde Exklusivstory. Behauptet er zumindest. Vielleicht will er auch nur seine Ambitionen als Hobbytherapeut ausleben, er weiß schließlich, dass Camille aus Wind Gap kommt und erhebliche Probleme mit ihrer Herkunft und ihrer Familie hat.

Wie auch immer, Camille fügt sich der Anweisung ihres Chefs und fährt mit ihrem alten Volvo nach Hause. Dafür, dass sie von Schokoriegeln und Schnaps lebt, den sie in eine Evian-Flasche abfüllt, sieht sie noch erstaunlich gut aus. Aber sie war ja zur ihrer Zeit in Wind Gap auch die strahlende Cheerleaderin, auf die jeder Junge in Wind Gap scharf war. Aber Camille hat sich gegen Heirat, Familie und Wind Gap entschieden, stattdessen versucht sie, sich in St. Louis als Journalistin durchzuschlagen. Und ihr Chef meint, dass aus ihr noch was werden könnte, wenn sie denn endlich einmal eine richtig gute Geschichte liefern würde.

Und weil Camille Preaker die Tochter ihrer Mutter ist, werden ihr auch einige Türen geöffnet, die jeder anderen verschlossen geblieben wären. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Natürlich ist ihre Mutter alles andere als begeistert, dass ihre Tochter nun nach Hause kommt, um hier im Müll zu wühlen. Camille soll sie nur ja nicht wieder bloßstellen, so wie einst, als die Tochter noch ein rebellischer Teenager war.

Adora, die, wie ihr Name schon andeutet, von allen bewundert werden will, ist buchstäblich bereit, über Leichen zu gehen, um das Image aufrecht zu erhalten, dass sie über Jahrzehnte sorgfältig aufgebaut hat: Sie ist eine aufopferungsbereite Mutter, sie ist eine Stütze der Gesellschaft, sie kümmert sich um ihre Gemeinde, sie ist einfach perfekt.

Camille ist von Adoras grenzüberschreitender Mutterliebe gezeichnet – ihr Körper ist von Narben übersät, die sie sich selbst beigebracht hat: Camille hat sich selbst Botschaften geschrieben, schmerzhaft in die Haut geritzt, um irgendwie zu überleben. In Rückblenden erfahren wir, dass Camille eine Schwester verloren hat, offenbar fühlt sie sich schuldig, weil sie noch lebt – auch wenn sie für diesen Tod nicht verantwortlich ist. Außerdem gibt es da eine Missbrauchsgeschichte, für die sich der damaligen Star der Footballmannschaft sogar bei Camille entschuldigen will – aber Camille verweigert ihm die Absolution: Er müsse halt genauso damit leben wie sie damit leben musste.

Camille lernt nun auch ihre viel jüngere Halbschwester Amma (Eliza Scanlen) kennen, die zuhause alles tut, um Mamas Liebling zu sein, heimlich aber auf den Spuren ihrer großen Schwester wandelt. Insofern ist Amma schlauer als Camille, sie weiß, was Mama von ihr will und bedient das, während Camille sich daran abgekämpft hat und in Ungnade gefallen ist. Aber genau deshalb wird Camille auch in der Lage sein, ihre kleine Schwester der tödlichen Umarmung ihrer Mutter zu entreißen: Nein, alles in allem ist das keine schöne Geschichte.

Aber genau das macht den Reiz dieser in den Alltag einer verschlafenen Kleinstadt verkleideten Horrorstory aus: Gerade weil es hier nicht um immer noch brutalere Gewalt und immer noch raffiniertere Serienkiller geht, sondern darum, was Menschen überhaupt dazu treibt, anderen – und, das ist hier schon perfide – ausgerechnet denen, die ihnen doch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, Böses anzutun, geht Sharp Objects so unter die Haut.

Leider ist es gar nicht so, dass Unterdrückte gegen ihre Unterdrücker aufbegehren. Sonst sähe diese Welt ganz anders aus. Im Gegenteil ist es so, dass sich die Unterdrückten die Strategien ihrer Unterdrücker zueigen machen und gegen Schwächere, oder, in Ermangelung von noch Schwächeren, gegen sich selbst richten. Das ist ja das Credo unserer angeblich so freien und fairen Erfolgsgesellschaft: Jede und jeder kann alles erreichen, wenn sie oder er sich nur genug Mühe gibt. Wenn du es nicht schaffst, dann muss es ja an dir selbst liegen. Die meisten Menschen schaffen aber nicht, was von ihnen erwartet wird und bestrafen sich dann konsequenterweise selbst. Wie Camille Preaker, die sich selbst verletzt. Wäre es nicht so, hätten wir noch sehr viel mehr Terroranschläge. Oder aus dem Ruder laufende Übermütter wie Adora. 

Oder anders herum: Während es eine allgemeine Hysterie gibt, was Gewalt durch Terroristen oder Serienkiller angeht, sterben tatsächlich viel mehr Menschen an Gewalt, die sie in den eigenen vier Wänden erleiden. Durch Menschen, die sie kennen und lieben. Und ausgerechnet dort schaut die Gesellschaft lieber weg als hin – insofern finde ich gut, dass Sharp Objects da eine Ausnahme macht: Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Übertriebene Fürsorge ist mitunter nicht weniger verhängnisvoll als Vernachlässigung.

Weil allgemein die Vorstellung herrscht, dass die Familie alles ausgleichen und auffangen muss, was für die einzelnen Menschen in der Gesellschaft schief läuft, sind die Erwartungen an das, was Familie tatsächlich leisten kann, geradezu absurd: Mütter und Väter sollen Geld verdienen, ein trautes Heim schaffen, sich um ihre Kinder kümmern, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein, ihre Eltern nicht vergessen und so weiter und so fort, und wenn es Probleme gibt, die es ja immer gibt, dann soll die eine für den anderen da sein und so weiter. Bei all den Risiken und Nebenwirkungen des modernen Lebens ist das ziemlich anstrengend. Und wenn dann die Kinder nicht wie erwartet geraten, es im Job nicht so läuft oder die mühsam aufgebaute Fassade des bürgerlichen Lebens auf andere Art und Weise Risse bekommt, greifen die Leute mitunter zu erstaunlichen Mitteln, um den Schein zu waren. Koste es, was es wolle.

Für Fans von herkömmlichen Familienserien ist Sharp Objects vermutlich nichts. Aber genau die sollten sich das ansehen. Und alle anderen natürlich auch.

4 Blocks: Spannende Reportage aus der Parallelgesellschaft

Nachdem ich in der letzten Zeit viel darüber gejammert habe, dass es seit Jahren keine gute deutsche Serie mehr gegeben hat, kann ich jetzt berichten, dass es in diesem Jahr endlich wieder etwas Sehenswertes gibt: TNT Serie hat mit dem Gangster-Drama
4 Blocks tatsächlich etwas hingekriegt, an dem ZDFneo mit seiner Produktion Tempel ja leider kläglich gescheitert ist: Einen spannenden Mehrteiler nämlich, der ästhetisch und inhaltlich auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich etwas Neues über die Berliner Unterwelt erzählt, statt zum x-ten Male ausgelatschte Klischees neu zu bebildern. Hier geht es um den Aufstieg arabischer Klans, die inzwischen in einigen Berliner Bezirken das Sagen haben.

Der Libanese Ali Hamadi (Kida Khodr Ramadan), genannt „Toni“ – ob da wohl jemand an Tony Soprano gedacht hat? – lebt seit 26 Jahren in Berlin. Eigentlich wollen er und noch viel mehr seine treue und gläubige Frau Kalila (Maryam Zaree) nur gute deutsche Staatsbürger werden: Bald sollen sie endlich deutsche Pässe bekommen, und damit auch die entsprechenden Möglichkeiten, legal Geschäfte zu machen. Toni macht offiziell in Immobilien und liebt seine Frau und seine achtjährige Tochter, die er durchaus ermutigt, sich gegen die fiesen Jungs im Kiez zu behaupten. Die zum Beispiel der Ansicht sind, dass arabische Mädchen nicht Fahrrad fahren sollten. Und schon gar nicht unbegleitet.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) Bild: 4-blocks.de

Aber Toni wird immer wieder in die kriminellen Geschäfte seines chaotischen Bruders Abbas gezogen, der findet, dass sein großer Bruder, seit er Frau und Kind hat, ein echter Waschlappen geworden ist. Toni hat zwar mit vielen dreckigen Geschäften Geld verdient, aber sein Geschäftsgrundsatz ist klar: „Wir sind keine Mörder!“ Und daran hält er sich. Vor allem bringt man keine Polizisten um, denn das bringt viel zu viel Ärger. Abbas hingegen hält sich nicht daran, er hat einfach zu viel von dem Stolz, den er an seinem großen Bruder vermisst und baut immer wieder scheiße, weshalb Toni sich nicht wie geplant ins legale Familiengeschäft zurückziehen kann. Zum Glück taucht Tonis alter Kumpel Vince auf, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Vince hat offensichtlich eine kriminelle Neuköllner Kiezvergangenheit – und kehrt nun nach längerer Abwesenheit in sein Heimatrevier zurück. Was Toni nicht weiß: Vince ist ein V-Mann, ein Informant, den die Polizei gezielt auf Toni angesetzt hat, damit er in den inneren Zirkel des abgeschotteten Araber-Klans eindringen kann – denn aus dieser Welt dringen kaum Informationen nach außen, so dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren im Dunkeln tappen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)eBild: 4-blocks.d

Und Vince ist ziemlich gut: Er hat einerseits den nötigen Stallgeruch, er kennt Toni und seine Familie von früher, andererseits hat er aber auch ein intaktes Unrechtsbewusstsein, viel Einfühlungsvermögen und gute Nerven – Toni führt Vince zu Abbas Ärger in die engeren Familienkreise ein und Vince bewährt sich, er übernimmt die dreckigen Jobs, die Toni seiner Familie wegen nicht mehr selbst machen will, für die Abbas aber ungeeignet ist. Denn Toni ist sehr daran gelegen, unter dem Radar zu bleiben, er weiß, dass er sich keinen Ärger leisten kann.

Mich erinnert das alles sehr an Undercover, jene bulgarische Serie, in der ein Informant in die bulgarische Mafia eingeschleust wird – diese Serie ist übrigens ebenfalls ein echter Geheimtipp. Aber es gibt auch Anklänge an die italienische Mafia-Serie Gomorrha, das israelische Undercover-Drama Fauda und nicht zuletzt einen Schuss Sons of Anarchy.

4 Blocks ist eine interessante Milieustudie einer gegen Fremde abgeschotteten Parallelgesellschaft, die sich in den bisher vernachlässigten Vierteln von Berlin (und anderen deutschen Großstädten) entwickelt hat und erzählt die Geschichte der Familie Hamady, eines jener berüchtigten arabischen Clans, von denen in letzter Zeit sehr viel die Rede ist: Wie bereits in den Herkunftsländern ist die Familie oft die einzige ökonomische und soziale Absicherung für ihre Mitglieder – und die sind zahlreich. Die Familie ist für diese Menschen die einzige Instanz, die zählt. Gut ist, was das Ansehen und den Reichtum der Familie mehrt, alles andere ist schlecht oder interessiert bestenfalls nicht. Was nicht heißt, dass es innerhalb der Familien keine Konflikte gibt – aber die werden untereinander geregelt. Und gegen alle anderen hält die Familie zusammen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) Bild: 4-blocks.de

Diese Parallelgesellschaften sind auch ein Produkt verfehlter Politik im Umgang mit Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen und komplett misslungener, oder eigentlich eher gar nicht erst versuchter Integration dieser Menschen in das hiesige Gesellschaftssystem: Weil es für die oft nur geduldeten ehemaligen Flüchtlinge extrem schwierig war und ist, an legale Jobs zu kommen, haben sie sich eben mit den illegalen Möglichkeiten der Geldbeschaffung befasst und sind mittlerweile in so ziemlichen allen Bereichen der organisierten Kriminalität vertreten, vom Drogenhandel über Prostitution, Schutzgelderpressung, windige Immobiliengeschäfte, Versicherungsbetrug und dergleichen mehr.

Und so behalten sie oft auch die patriarchalisch geprägten Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaften bei: Die Männer haben das Sagen, die Frauen unterstützen ihre Männer. Erstrecht, wenn sie Unterstützung brauchen – als Tonis nicht ganz so heller Schwager Latif ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Amara natürlich erstmal sauer auf ihn – aber ihre Schwägerin Kalila überzeugt sie, dass sie nun erstrecht für ihren Mann da sein müsse. Und natürlich nimmt Abbas Amara und ihren Sohn bei sich zu Hause auf – es muss ja alles seine Ordnung haben. Amara ist von der Lösung wenig begeistert, denn Abbas nervt mit seinem Kontrollwahn – aber eine gute arabische Frau fügt sich in ihr Schicksal. Interessanterweise hat Abbas aber eine Frau aus einem anderen Kulturkreis auserwählt – er ist mit der ehemaligen Prostituierten Ewa zusammen, die aus Polen kommt. Und Ewa tut sich schwer damit, die Regeln der Familie Hamady zu akzeptieren – etwa, sich nicht einzumischen, wenn die Männer etwas untereinander zu bereden haben. Und das es beim Shoppen keinen Schampus, ja nicht mal Prosecco gibt.

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau)  Bild: 4-blocks.de

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau) Bild: 4-blocks.de

Auch die Welt der Hamadys ist in mehrere Sphären getrennt – nach innen gibt es spießiges Familienglück, nach außen hartes kriminelles Tagesgeschäft. Regisseur Marvin Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß finden dazu die passenden Bilder – allein der Auftakt in der High-Deck-Siedlung nahe der Sonnenallee in Neukölln ist grandios: In der einstmals als progressiven Sozialbau konzipierten Beton-Kulisse eines heruntergekommenen Berliner Slums (hier ist es fast so schön wie in der neapolitanischen Beton-Sünde, die in Gomorrha eine heimliche Hauptrolle spielt) verfolgen überforderte Polizeibeamte einen ausländischen Drogendealer, der einen Trainingsanzug mit den Insignien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt. Auf der oberen Ebene rotten sich Jugendliche zusammen – die Fronten sind klar: Alle gegen die Polizei. Die ihren Einsatz angesichts der eindeutigen Übermacht abbrechen muss – dieser Block ist eine NoGo-Area, soviel ist klar, zumindest für die Polizei.

Und nicht nur in der Bildsprache wird viel zitiert und auf anderes verwiesen. Mir gefällt die Art, in der das umgesetzt wird, sehr gut. Nichts ist mariniert, es ist eher augenzwinkerndes Understatement, das die Geschichte illustriert, zum Teil tatsächlich ziemlich komisch ist und mich schon deshalb nicht nervt. Wobei ich weiß, dass das Geschmacksache ist, aber ich hatte bei den drei Folgen, die ich bisher sehen konnte, viel Spaß daran. Die erste Staffel hat sechs Teile und die gute Nachricht ist, dass eine zweite Staffel bereits bestellt ist. Ich bin sehr gespannt.

Retrokritik: Ein Mann will nach oben

In Sachen Serie tut sich das deutsche Fernsehen seit einiger Zeit nicht mehr mit Innovationen hervor und selbst solide Standardkost (also Serien, die nicht total peinlich sind) ist mittlerweile ziemlich rar geworden. Das war nicht immer so, selbst das ZDF, das in den vergangenen Jahren außer KDD – Kriminaldauerdienst nichts Bemerkenswertes hervor gebracht hat – und KDD kam bei den typischen ZDF-Zuschauern ja leider nicht besonders gut an, obwohl das meiner Ansicht nach eines der wenigen interessanten deutschen Serienprojekte der letzten zehn Jahre war – hat ab und zu mal ein blindes Korn gefunden. Sozusagen. Ich trau mich das kaum zu sagen, aber früher war schon ab und zu mal etwas besser, es gab vor Jahrzehnten sogar mal brauchbare Serien im ZDF. Nein, ich meine nicht Die Schwarzwaldklinik. Sondern Projekte wie den Dreizehnteiler Ein Mann will nach oben nach dem Roman von Hans Fallada.

Nun ist eine Romanverfilmung natürlich nichts besonders Innovatives – aber mir ist die gelungene Serienadaption einer interessanten Geschichte, die sich bereits in der Buchvorlage bewährt hat, deutlich lieber als ein schlechtes Serienkonzept, das irgendwie innovativ sein will, aber tatsächlich nur teuerer Schrott ist. Viele erfolgreiche Fernseh-Serien beruhen auf Romanen, Game of Thrones, 13 Reasons Why, Dexter, Bosch – und eben auch Ein Mann will nach oben aus dem Jahr 1977.

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ich habe keins der diesen Serien zugrunde liegenden Bücher gelesen, weshalb ich nicht sagen kann, wie gut oder schlecht die Romanvorlage jeweils umgesetzt wurde, aber das ist ja auch egal, solange die jeweilige Serie als Serie funktioniert. Und das ist bei den genannten Beispielen der Fall. Ein Mann will nach oben war natürlich auch 1977 schon eine Retroserie, in der mit viel Liebe zum Detail eine längst vergangene Epoche wieder heraufbeschworen wurde. Wenn man das jetzt sieht, ist es quasi ein doppelter Retroeffekt, weil die Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der 70er Jahre gezeigt werden, was nun auch schon wieder 40 Jahre her ist – und da war schon einiges anders.

Mal davon abgesehen, dass mit sehr viel längeren Einstellungen, viel weniger Schnitten und dafür oft ziemlich ausführlichen Dialogen gearbeitet wurde, was den Erzählfluß recht gemächlich macht und für heutige Sehgewohnheiten erst einmal ziemlich altbacken und ein bisschen langweilig wirkt, ist auch viel mehr von dem damaligen Anliegen des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens zu spüren, die Zuschauer eben nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu informieren, ja sogar zu bilden – im Sinne von Ausbildung eines kritischen bürgerlichen Bewusstseins und natürlich guter Allgemeinbildung.

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Gut, was die Leute denken sollen, spielt im heutigen Fernsehen natürlich auch eine enervierend wichtige Rolle, weshalb viele Leute inzwischen auch so genervt von den „Lügenmedien“ sind und lieber formal unprofessionelleren Lügnern auf den Leim gehen, aber das ist hier jetzt nicht mein Thema. Was ich meine, ist, dass es mich geradezu gerührt hat, das sogar im ZDF gelegentlich sozialkritische Töne angeschlagen wurden, wobei Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen ja nicht unbedingt ein besonders linker oder sozialkritischer Schriftsteller war. Sondern ein unglücklicher Sohn aus einer großbürgerlichen Familie, der zeitlebens unter seiner Alkohol- und Morphiumsucht litt und als junger Mann nur knapp einen als Duell getarnten Doppelselbstmordversuch überlebte.

Fallada schlug sich ähnlich wie sein Held Karl Siebrecht aus Ein Mann will nach oben mit allen möglichen Hilfsjobs durch, in denen er dank seiner guten Schul- und Allgemeinbildung oft schnell reüssieren konnte. Bildung ist wichtig, das wird auch in der Serie klar, wer schreiben, lesen und rechnen kann, ist klar im Vorteil. Und natürlich braucht es auch „jenügend Vastehste im Koppe“, wie Rieke sagen würde, die Berliner Jöre aus dem Wedding, die nicht nur ein flottes Mundwerk, sondern auch das Herz auf dem richtigen Fleck hat. Und Karl Siebrecht hat nicht nur genügend Verstand, sondern er ist im Gegensatz zu seinen Freunden Rieke und Kalli auch ehrgeizig und hart genug, um Karriere zu machen.

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Im Jahr 1909 verlässt der sechzehnjährige Karl (Mathieu Carrière), der früh seine Eltern verloren hat, sein Heimatdorf in der Uckermark, um in Berlin sein Glück zu machen. In jener Zeit war es tatsächlich möglich, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen – Rieke wird später zu ihrem Sohn sagen, dass alle amerikanischen Präsidenten mit Zeitungen austragen angefangen hätten. Wir wissen zwar, dass das nicht stimmt, der aktuelle US-Präsident hat vermutlich nicht mal Zeitung gelesen, sondern einfach eine Hotelkette geerbt, aber das spielt für die hier behandelte Berliner Variante des amerikanischen Traums keine Rolle.

Im Zug trifft Karl auf die noch etwas jüngere Rieke (Ursula Monn), die Karl gleich in ihre Unternehmung einspannt: Sie war bei einer Tante auf dem Land, um sich einen Anteil vom Schlachtfest zu sichern und braucht jemanden, der ihr mit den schweren Körben und der kleinen Schwester hilft. Karl hilft – und hat mit Rieke auch eine treue Seele gefunden, die ihm in der fremden großen Stadt weiterhelfen kann. Karl zieht mit in die enge Arbeiterwohnung der Familie Busch, Küche und Stube teilt sich Rieke fortan mit ihrem Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau vor allem dem Schnaps widmet, der kleinen Tilda und Karl, bald kommt auch noch Kalli Flau (Reiner Hunold) hinzu, der schlagkräftige Seemann, der ebenfalls in Berlin auf eine bessere Zukunft hofft.

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke versorgt ihre Familie, so gut sie kann und geht nebenher noch in die Schule – wie so viele Frauen arbeitet sie praktisch rund um die Uhr, denn Haushalt ist Frauensache und zu jener Zeit noch ein echter Knochenjob, außerdem geht sie putzen und lernt nähen, denn das Leben ist teuer und Geld immer knapp.

Karl schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch – gleich am ersten Tag heuert er auf einer Baustelle an, von denen es viele gibt im der Berliner Gründerzeit. Sein Job ist es, Koks für die Trockenwohner in die Wohnungen zu schleppen. Arme Familien, die sich keine Mietwohnung leisten können, entgehen mit dem Trockenwohnen der feuchten Neubauten der Obdachlosigkeit – auf Kosten der Gesundheit natürlich, aber so ist das eben. Als der naive Karl sich gegenüber seinem Arbeitgeber, dem Immobilienhai Kalubrigkeit empört über diese Zustände zeigt, ist er seinen Job gleich wieder los: So einen roten Bubi will der nicht in seinen Diensten. Karl muss feststellen, dass es offenbar nicht nur darauf ankommt, gute Arbeit leisten zu wollen, sondern auch darauf, gegenüber Höhergestellten Demut und Gehorsam zu zeigen. Das fällt ihm schwer, denn Karl hat seinen Stolz. An dem er auch stur festhält.

Screenshot:  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Karl, Rieke und Kalli müssen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, denn viele ihrer Versuche, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, scheitern daran, dass Karl und Rieke einfach noch zu jung sind, um Verträge zu schließen, weshalb sie immer wieder betrogen und über den Tisch gezogen werden. Schließlich versuchen Karl und Kalli sich als Gepäckträger, was einerseits ein einträgliches Geschäft ist, denn Berlin hat, wie viele Großstädte zu jener Zeit, eine ganze Reihe großer Kopfbahnhöfe, die am Rand des Zentrums liegen, aber jeweils nicht durch Bahnstrecken miteinander verbunden sind. S- und U-Bahnen waren zu jener Zeit noch in Planung bzw. im Bau. Passagiere und Gepäck müssen also jeweils durch die Innenstadt zum nächsten Bahnhof befördert werden. Doch weil im preußischen Berlin alles seine Ordnung hat, braucht man dafür eine Lizenz als Dienstmann.

Und Karl und Kalli sind auch dafür noch zu jung, und dann muss man sich auch noch mit der Innung gut stellen, um eine Lizenz als Dienstmann übernehmen zu können, wenn etwa einer aus Altersgründen ausscheidet. Also arbeiten sie als Haifische – so werden die Gepäckbeförderer ohne Lizenz genannt, die denen mit Lizenz die Fuhren wegschnappen, weil sie schwarz arbeiten und ihre Dienste entsprechend billiger anbieten. Diese illegale Konkurrenz ist natürlich keineswegs beliebt, und die Rotmützen drohen dem alten Kürass, der sich von Karl und Kalli helfen lässt, an, seine Karre zu zerstören, weil die drei natürlich mehr wegschaffen können, als jeweils einer allein.

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ganz aus ist es dann, als Karl auch noch auf die Idee kommt, die Gepäckbeförderung mit einem Pferdefuhrwerk zu rationalisieren – damit lässt sich mit einer Fuhre noch viel mehr transportieren. Karl leiht sich bei dem windigen Fuhrunternehmer Wagenseil (Harald Juhnke in einer Vorstudie zu seiner Rolle in Der Trinker) Pferde und Wagen und bietet den Dienstmännern an, ihr Gepäck zu befördern – für die Hälfte ihrer Taxe. Das sorgt für Empörung: So ein grüner Junge macht ihnen das Geschäft kaputt! Denn natürlich sehen die ehrbaren Dienstmänner Karls Initiative nicht als Arbeitserleichterung und Win-Win-Situation an, wie Karl sich das eigentlich vorgestellt hat: Da kommt einer, der was Neues ausprobieren will – und das ist erstmal ein Ärgernis.

Aber der sture Karl hält tatsächlich durch und kann mit Kallis schlagkräftiger Unterstützung seinen Hauptfeind Kiesow schließlich zur Aufgabe des für alle beteiligten destruktiven Boykotts zwingen: Die Gepäckbeförderungsfirma Siebrecht & Flau entwickelt sich schnell zu einem erfolgreichen Unternehmen. Jetzt stellt sich allerdings auch heraus, dass der gerissene Wagenseil Karl einen ungünstigen Vertrag angedreht hat – vor allem die Klausel, dass Karl die Gespanne ausschließlich bei Wagenseil beschaffen muss, wird zum Klotz am Bein. Außerdem macht Karl es zunehmend zu schaffen, dass Wagenseil einen erheblichen Anteil seiner Einnahmen kassiert, ohne selbst einen Finger krumm zu machen und beschließt, in die Offensive zu gehen: Er bewirbt sich um eine Generallizenz für die Einrichtung von Gepäckaufgabestellen in allen Berliner Bahnhöfen und bootet Wagenseil aus, der sich ebenfalls darum beworben hat.

Screenshot:  Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Doch Wagenseils Rache ist bitter: Er stellt Karl nur noch die schwächsten Klepper und die brüchigsten Wagen – die Gepäckbeförderung bricht schnell zusammen. Karl, Rieke und Kalli müssen einen neuen Rückschlag verkraften. Doch es zeichnet sich eine neue Chance ab: Die Stammkneipe von Vatern Busch steht zum Verkauf. Wenn sie ihre Ersparnisse zusammenschmeißen, können sie Die Funzel kaufen – das wäre zumindest Riekes und Kallis Lebenstraum. Doch sie müssen sich schnell entscheiden, der Verkäufer will am nächsten Morgen in sein neues Leben aufbrechen. Auch wenn Karl nicht wirklich überzeugt ist, macht er mit – und es stellt sich schnell heraus, dass die drei schon wieder auf einen Betrüger hereingefallen sind. Nur weniger Stunden zuvor ging das Objekt an einen Architekten, der Vertrag, den die drei gegen ihr Bargeld bekommen haben, ist wertlos, sämtliche Ersparnisse futsch.

Doch nun auf dem Tiefpunkt hysterischer Verzweiflung kommt Karl die rettende Eingebung: Wozu Pferdewagen mieten, wenn man Automobile haben kann? Karl setzt alles auf eine Karte und fährt zur Villa des Autohändlers Ernst Gollmer. Dessen Tochter Ilse hält Karl für den erwarteten Gärtner und lässt ihn hinein – die beiden hatten sich schon einmal kurz zuvor zufällig getroffen. Karl erklärt, dass er nicht der erwartete Gärtner sei, stellt sich aber durch seine Jugend auf dem Land als patent genug heraus, den von ihm erwarteten Job zu erledigen. Damit hat er das Interesse von Ilse und ihrem Vater geweckt – Karl darf sein Projekt pitchen, wie man heute sagen würde, und er präsentiert dermaßen überzeugend, dass der alte Gollmer gleich einen Businessplan aufstellt und Karl zu seinem Geschäftspartner in Sachen Hauptstadtgepäckbeförderung macht. Gollmer liefert fünf Lastwagen an Siebrecht &Flau und Karl fängt an, sein Unternehmen zu professionalisieren – er stellt einen Buchhalter ein, womit er seine bisherige Sekretärin Fräulein Palude tief kränkt, und auch Rieke und Kalli sind mit den Entwicklungen überfordert und beschließen, stattdessen die Funzel zu pachten. Deren Käufer hat den beiden ein entsprechendes Angebot gemacht, weil sie ja offenbar mit Herzblut bei der Sache sind.

Screenshot:  Die missgünstigen Dienstmänner  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Die missgünstigen Dienstmänner Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Damit bricht die jahrelange Wohn- und Schicksalsgemeinschaft der drei Freunde auseinander – Rieke und Kalli richten sich mit der Funzel ein, Karl hingegen pendelt zwischen der Grunewald-Villa seiner neuen Freundin Ilse und dem proletarischen Wedding. Aber in keiner dieser Welten ist er wirklich zuhause. Und dann kommt der erste Weltkrieg – sowohl Karl als auch Kalli werden einberufen und müssen an die Front. Und weil man ja nicht weiß, was kommt, verbringt Rieke sowohl mit Karl als auch mit Kalli jeweils eine Liebesnacht – dabei ist Rieke eigentlich nicht so eine, und die Freunde hatten sich vor Jahren auch gegenseitig versprochen, dass sie sich bei Rieke zurückhalten wollen, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Aber Rieke wird natürlich prompt schwanger – und sie ist ganz sicher, dass Karl der Vater ist. Was auch zutrifft. Kalli aber stört das nicht, als er als Kriegsversehrter nach Hause kommt – er hat an der Ostfront seine linke Hand verloren.

Karl hingegen ist an der Westfront gelandet und hat prompt wieder Ärger mit einem Vorgesetzten, was in diesem Fall lebensgefährlich ist, denn er wird auf ein Himmelfahrtskommando geschickt. Aber auch hier kann er sich mit kühlem Kalkül, Mut und etwas Glück wieder aus der Affäre ziehen – allerdings erblindet er nach einem Giftgasangriff vorübergehend und gerät in französische Kriegsgefangenschaft. Er gilt als verschollen. Rieke und Kalli schlagen sich Zuhause mit Vater, Kind und der heranwachsenden Tilda in der Funzel durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. Die beiden beschließen, endlich zu heiraten. Doch ausgerechnet da kommt der langvermisste Karl zurück.

Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke ist überglücklich und heiratet ihren Karl, auch wenn der schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist – er ist in Schiebergeschäfte mit Freikorpssoldaten verwickelt, denn sowohl das Taxigeschäft, als auch die Kneipe werfen einfach nicht genug Gewinn ab. Natürlich geht die Sache mit Rieke und ihm nicht gut, sie lassen sich schließlich einvernehmlich scheiden. Jetzt hat endlich der geduldige Kalli seine Chance und natürlich nimmt er Rieke – er hat ja nie etwas anderes gewollt.

Karl hingegen trifft Ilse Gollmer wieder, die mit ihrem Vater ein Fluggeschäft in Tempelhof aufbaut. Der alte Gollmer stellt Karl natürlich ein, er weiß ja, dass Karl ein tüchtiger Geschäftsmann ist. Und er hätte zu gern, dass Karl Ilse heiratet, eine Familie gründet und den Betrieb übernimmt. Doch die jungen Leute haben heutzutage andere Pläne…

Alles in allem erzählt Ein Mann nach oben also von der Sehnsucht nach Glück und den unterschiedlichen Definitionen davon – während Rieke und Kalli schon selig sind, wenn sie sich zum Frühstück warme Schrippen mit Honig und echten Bohnenkaffee leisten können, hastet Karl schon zum nächsten Geschäftstermin weiter. Mit gutem Essen und edlem Schampus ist er nicht zufrieden, auch wenn ihm das natürlich gefällt, genau wie ein maßgeschneiderter Anzug mit einem elegantem Hut. Karl will beeindrucken, und er will immer noch mehr, er will besser sein, cleverer, er ist einer, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, jedenfalls fast, aber er ist kein Betrüger, im Gegenteil, er ist für diese Welt eigentlich zu ehrlich. Wenn er ab und zu mal fünfe grade sein lassen könnte, ginge es ihm und seinen Freunden sicherlich besser.

Screenshot: Die

Screenshot: Die „Dreier-WG“ Karl, Rieke und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Aber Karl Siebrecht kann eben nicht raus aus seiner Haut. Das macht ihn dann doch wieder sympathisch, weil er eben nicht einer dieser modernen Strebertypen ist, die für ihren Erfolg über Leichen gehen, sondern einfach ein pfiffiger junger Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Überhaupt sind die Typen in Ein Mann will nach oben alle herrlich menschlich – Hans Fallada hatte ein Herz für Verlierer, soviel steht fest. Aber er hat auch nichts dagegen, wenn seine Helden ab und zu ein bisschen Glück haben – vor allem der großherzigen Rieke würde man noch ein bisschen mehr davon gönnen. Aber die gehört ja zu denen, die nicht rumjammern, sondern die Ärmel hochkrempeln und aus allem das Beste machen. Rieke würde definitiv Limonade machen, wenn das Leben ihr Zitronen gäbe, wie es in This Is Us so schön heißt. This Is Us ist ja ein aktuelles Beispiel dafür, dass man aus dem Leben an sich noch immer serientaugliche Geschichten machen kann – man braucht nur jemand, der es wagt, sie zu erzählen.

Erzählungen wie Ein Mann will nach oben sind in diesen Zeiten natürlich nicht mehr zeitgemäß – aber irgendwie dann wieder doch, einfach um sich klar zu machen, dass wir derzeit einen unglaublichen und ärgerlichen gesellschaftlichen Rückschritt erleiden: Vor gut hundert Jahren bedeutete es einen ungeheuren Aufstieg, wenn man sich aus der engen Hinterhofwohnung in die Belle Etage im Vorderhaus hocharbeiten konnte. Aber der war mit Fleiß und Bildung möglich. Heute ist es eher so, dass man sich trotz guter Ausbildung und einer Menge Einsatz dem ständig drohenden Abstieg gegenüber sieht, der erfolgt, sobald man einen halbwegs vernünftig bezahlten Job verliert und das eigene Haus oder die zentral gelegene Wohnung nicht mehr bezahlen kann. Heute wäre das Thema also eher: Ein Mensch will nicht nach unten. Eine solche Geschichte sollte es doch auch wert sein, erzählt zu werden. Aber vermutlich macht heutzutage kein Sender dafür Produktionsgelder locker – heute soll das Volk nicht mehr ausgebildet und aufgeklärt, sondern eingelullt werden. Die da oben wissen schon, was gut für uns ist. Wir haben ja Freiheit und Demokratie, wenn jetzt alle die die Hände spucken und ranklotzen, wird alles gut.

Wers gloobt, dem vakoof ick nen Jebrauchtwagen.

Big Little Lies: Kleine und große Lebenslügen

Am Sonntag lief die letzte Folge von Big Little Lies, einer neuen Mini-Serie von HBO – und ab dem 6. April ist sie auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket verfügbar. Wer immer die Möglichkeit hat, sollte sich den Siebenteiler ansehen, es lohnt sich. Inhaltlich und handwerklich ist Big Little Lies absolut auf der Höhe der Zeit, was man von einer HBO-Serie durchaus erwarten kann, auch wenn sich HBO in der letzten Zeit ja auch ein paar spektakuläre Fehlgriffe wie Vinyl geleistet hat. Und auch die zweite Staffel von True Detective war nicht so richtig gut.

Auch wenn ich mich ernsthaft frage, warum diese Serie als Dark Comedy beziehungsweise als Comedy-Drama einsortiert wird. Denn lustig ist daran überhaupt nichts, obwohl ich sie wirklich gut fand. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie gut die Amerikaner darin sind, Beziehungsdramen zu schildern. Denn darum geht es vor allem: Um Beziehungen, und wie verzweifelt die Menschen versuchen, das, was sie für eine gute Beziehung halten, irgendwie hinzukriegen, auch wenn alle Evidenz dagegen spricht, dass genau diese Beziehung, an der sie so verzweifelt festhalten, gut für sie ist.

Celeste, Madeline und Jane Bild: HBO

Celeste, Madeline und Jane Bild: HBO

Und dann geht es natürlich auch um Freundschaft, Eifersucht und Konkurrenz – im Grunde sind die hier erzählten Geschichten universell, auch wenn hier in erster Linie das Leben der gut verdienende Menschen am oberen Ende der weißen Mittelschicht gezeigt wird. Im  kleinen, aber feinen Monterey, das etwa 200 Kilometer südlich des Hightech-Mekkas San Francisco an der Pazifikküste liegt, lassen sich vor allem Familien nieder, die zu Geld gekommen sind und nun ihre Kinder in großzügigen Häusern mit Meerblick aufziehen wollen. Und solche, die nicht ganz so viel Knete haben, um ihre Kinder in San Francisco auf teure Privatschulen schicken zu können – denn die öffentlichen Schulen in Monterey haben ebenfalls einen sehr guten Ruf. Kein Wunder, es gibt ja auch genug finanzstarke Eltern, die für alle möglichen Belange spenden.

Keine Frage, mit diesen meist schon älteren Alphaeltern ist nicht zu spaßen – das wird auch schon am Anfang klar, als es am ersten Schultag der neuen Erstklässler gleich zu einem handfesten Eklat kommt: Amabella, die Tochter der ebenso wohlhabenden wie erfolgreichen Unternehmerin Renata Klein (Laura Dern), wurde von einem Jungen angegriffen. Amabella will aber nicht sagen, wer es gewesen ist. Erst nach massivem guten Zureden zeigt sie zögerlich auf Ziggy. Ausgerechnet – Ziggy ist der Sohn der alleinerziehenden Mutter Jane Chapman (Shailene Woodley), einer frisch zugezogenen Außenseiterin, die weder über die Beziehungen, noch über das Geld verfügt, mit denen die anderen hier in der Community die Dinge regeln. Ein denkbar schlechter Start.

Jane (Shaylene Woodley), Madeline (Reese Witherspoon) und Celeste (Nicole Kidman) Bild: HBO

Jane (Shaylene Woodley), Madeline (Reese Witherspoon) und Celeste (Nicole Kidman) Bild: HBO

Aber Jane hat kurz zuvor die resolute Madeline (Reese Witherspoon) kennengelernt, und Madeline läuft zur Hochform auf, wenn sie für die Zukurzgekommenen und Unterdrückten kämpfen kann. Denn ehemals alternativ und politisch korrekt sind sie hier ja auch. Madeline demonstriert jetzt erst recht Solidarität. Und die kann Jane wirklich gebrauchen. Die dritte im Bunde der sich neu formierenden Freundinnenrunde ist Celeste (Nicole Kidman), die Mutter von zwei niedlichen Zwillingsjungs, mit der Madeline schon länger befreundet ist.

Madeline und Celeste leben genau wie Renata Klein mit ihren Familien in Haus gewordenen Träumen mit Seeblick – auf den ersten Blick haben sie ein perfektes Leben. Doch natürlich knirscht es unter der schönen Oberfläche, insbesondere bei Celeste, deren jüngerer eifersüchtiger Ehemann Perry (Alexander Skarsgård) immer wieder gewaltätig wird. Aber Celeste ist schon so geübt im Übelschminken der blauen Flecken, dass sie sich selbst immer wieder einredet, dass es keinen anderen als Perry für sie geben kann – schließlich hat sie für ihn ihre Karriere als Anwältin aufgegeben und er hat mit ihr so viel durchgestanden, bis sie endlich, endlich die Zwillinge bekommen hat. Denn Nicole Kidman ist ja nicht mehr die Jüngste, wie ich hier anmerken muss – und darf, denn ich bin genauso alt. Aber sie hat sich geradezu verstörend gut gehalten, auch wenn gar nicht gesagt wird, wie alt Celeste eigentlich sein soll.

Ziggy (Iain Armitage) und Jane (Shaylene Woodley) Bild: HBO

Ziggy (Iain Armitage) und Jane (Shaylene Woodley) Bild: HBO

Im Grunde wirkt sie fast jünger als Madeline, auch wenn deren Darstellerin Reese Witherspoon tatsächlich fast zehn Jahre jünger ist. Wobei die auch gut aussieht – aber eher ihrem tatsächlichen Alter entsprechend. Genau wie Renata Klein, deren Darstellerin Laura Dern nur wenige Monate älter als Nicole Kidman ist.

Das ist schon bemerkenswert: Eine Serie mit insgesamt fünf interessanten und mehrdimensionalen weiblichen Hautpfiguren, von denen drei über vierzig sind – eine echte Ausnahme in der schönen Fernsehwelt. Aber Big Little Lies zeigt, dass das Leben von Frauen durchaus spannend genug ist, um eine Serie draus zum machen. Letztlich werden so ziemlich alle Frauen zwischen dem Anspruch, eine gute Mutter zu sein, und eine gute Partnerin für jeweils vorhandene Väter ihrer Kinder, und dem Anspruch, im Leben auch noch für sich selbst etwas zu erreichen, aufgerieben. Und irgendwie scheitern sie alle daran.

Celeste (Nicole Kidman) und Perry (Alexander Skarsgård) Bild: HBO

Celeste (Nicole Kidman) und Perry (Alexander Skarsgård) Bild: HBO

Etwa Celeste: Als Vater ist Perry allerliebst, zumindest, wenn er mal zuhause ist. Denn weil Perry geschäftlich viel unterwegs ist, plagt ihn die Eifersucht ganz besonders – was macht seine Frau eigentlich den ganzen Tag? Er weiß ja, dass sie wunderschön ist, und das sie es total drauf hat – sie könnte selbst Karriere machen, vermutlich war sie in ihrem Job früher sogar besser als er jetzt in seinem ist. Und als sie hilfsweise für ihre Freundin Madeline einspringt, als sie für ihr Theaterprojekt juristischen Beistand braucht, genießt sie das. Und ist natürlich brillant. Was Perry erst recht auf die Palme bringt.

Madeline hingegen arbeitet sich noch immer daran ab, dass ihr erster Ehemann sie für eine deutlich jüngere (Zoë Kravitz als Bonnie) verlassen hat – sie ist ein bisschen eifersüchtig, dass ihr Ex Nathan (Jeffrey Nordling) sich jetzt viel mehr um seine neue Tochter kümmert, die genau wie Madelines zweite Tochter, die sie mit ihrem neuen Mann Ed (Adam Scott) hat, gerade eingeschult wird. Nathan will jetzt alles richtig machen und genau das nimmt Madeline ihm übel – obwohl sie das alles eigentlich gar nichts mehr angeht. Sie hat ja auch einen neuen Partner gefunden – und Ed ist wirklich ein ganz lieber. Er verehrt Madeline und kümmert sich um alles, auch um Madelines älter Tochter Abigail (Kathryn Newton), die inzwischen fortgeschrittener Teenager ist und, wie Madeline feststellen muss, ein ziemlich vertrautes Verhältnis zu Bonnie entwickelt, die für sie eben keine Stiefmutter, sondern eher eine ältere Freundin ist. Die für Abigails Teenager-Probleme deutlich mehr Verständnis aufbringt, als ihre perfektionistische Mutter.

Kindergeburtstag: In der Mitte Amabella (Ivy George), links Bonnie (Zoë Kravitz), daneben Renata (Laura Dern) Bild: HBO

Kindergeburtstag: In der Mitte Amabella (Ivy George), links Bonnie (Zoë Kravitz), daneben Renata (Laura Dern) Bild: HBO

Doch dafür kann Madeline selbst die ältere Freundin für Jane sein, die Madeline mit der Zeit auch ein dunkles Geheimnis anvertraut. Als die Kinder für die Schule ihren Familienstammbaum gestalten sollen, weigert sich Jane hartnäckig, den Namen von Ziggys Vater zu nennen. Und wie sich heraus stellt, weiß sie ihn auch gar nicht. Denn wer weiß schon, ob der Kerl, der erst so charmant und nett war, dass sie sich von ihm hat abschleppen lassen, wirklich so heißt, wie er behauptet hat.

Jane liebt ihre Sohn, auch wenn er nicht das Produkt von erwachsener Liebe ist, sondern die Folge einer Vergewaltigung. Aber sie befürchtet, dass er den Rest seines Lebens unter diesem Stigma leiden wird – und es sieht ja erstmal auch so aus. Auch wenn Ziggy eigentlich ein sehr freundliches und mitfühlendes Kind ist, wie Jane weiß und auch die Psychologin bestätigt, die hinzugezogen wird. Die Therapeutin vermutet eher, dass Ziggy auch ein Opfer und nicht  der Täter ist, was sich später noch bestätigen wird.

Die Frage nach Opfer und Täter zieht sich ohnehin durch die ganze Serie: Von Anfang an wird in zwischengeschnittenen Szenen darauf angespielt, dass auf einer schicken Foundrainsing-Veranstaltung für die lokale  Schule ein schreckliches Verbrechen geschehen ist – aber wer Opfer und wer Täter ist, wird nicht verraten. Dafür gibt es allerlei Klatsch und Tratsch zu hören, den die Leute bei den Befragungen durch die Polizei absondern. Damit wird klar: Monterey ist ein Schlangennest. Und jeder verdächtigt jeden, Dreck am Stecken zu haben. Und die meisten haben das wohl auch, auf die eine oder andere Weise. Was auch kein Wunder ist an einem Ort, an dem schon eine ausgebliebene Einladung zum Kindergeburtstag eine Krise im Maßstab eines NATO-Bündnisfalls auslösen kann.

Ed (Adam Scott) und Madeleine (Reese Witherspoon) Bild: HBO

Ed (Adam Scott) und Madeleine (Reese Witherspoon) Bild: HBO

Der Kriminalfall an sich ist allerdings nicht so wichtig und spielt keine große Rolle, wichtiger ist die Dynamik der Beziehungen, in denen die Protagonisten mehr oder weniger festhängen – ein wichtiges Thema ist natürlich häusliche Gewalt, die auch in Familien anzutreffen ist, in denen die materielle Existenz mehr als gesichert ist und nach außen hin geordnete Verhältnisse herrschen – Ordnung kann eben auch Terror sein. Aber Celeste will ihren goldenen Käfig gar nicht verlassen – was sind schon ein paar blaue Flecke, wenn ansonsten alles ganz prima aussieht?

Aber je verzweifelter sie darum kämpft, den schönen Schein zu waren, desto brutaler werden ihre Auseinandersetzungen mit Perry, der schließlich einwilligt, gemeinsam mit ihr zur Therapie zu gehen, weil er selbst natürlich auch merkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Was die Therapeutin natürlich auch bemerkt, vor allem aber, wie sehr Celeste damit ringt, ihr gegenüber – und damit erstmal auch sich selbst – einzugestehen, wie schlimm es wirklich um ihre Beziehung und ihr Verhältnis zu Perry steht. Auch hier bleibt sie in ihrer selbst gewählten Rolle als loyale Ehefrau gefangen: Celeste entschuldigt Perry und gibt sich selbst die Schuld, erst die behutsamen, aber bestimmten Nachfragen der erfahrenden Psychologin machen ihr nach und nach klar, dass von Perry eine Gefahr ausgeht, vor der sie sich selbst und die Kinder schützen muss. Diese Szenen sind die beklemmensten und besten Momente der Serie.

Celeste (Nicole Kidman) in ihrem Element Bild: HBO

Celeste (Nicole Kidman) in ihrem Element Bild: HBO

Schlimm steht es auch um Jane, die sich im Gegensatz zu den anderen allein durchschlagen muss – auch wenn sie sich mit ihrem Leben als alleinstehende Mutter arrangiert hat und gut für ihren Sohn Ziggy sorgt. Sie schreckt immer wieder aus Albträumen von jenem Unbekannten auf, der sie erst brutal benutzt und dann allein gelassen hat. Jane hat sich eine Waffe besorgt und geht immer wieder zum Schießtraining – sie fühlt sich dann mächtiger, erklärt sie ihren entsetzten neuen Freundinnen, die Waffengewalt selbstverständlich ablehnen. Jane träumt davon, sich irgendwann an jenem Mann zu rächen.

Das wiederum verstehen Madeline und Celeste sehr gut, Madeline fängt sogar an, nach ihm zu suchen und meint irgendwann, ihn gefunden zu haben. Was, wie man sich denken kann, nicht die beste Idee war. Schon weil sich noch herausstellen wird, dass alles ganz anders war. Genau wie die Sache mit dem Mobbing in der Schule ganz anders war. Der Twist ist am Ende dann wieder naheliegend und erklärt letztlich auch das Verbrechen – aber zum Glück lebt Big Little Lies eben nicht von überraschenden Twists und der nervenzehrenden Spannung, wer denn nun der Mörder war, sondern von der schonungslosen Aufdeckung der ganzen Lebenslügen, an denen alle, die noch immer glauben wollen, dass ein wohl geordnetes Familienleben der Schlüssel zum Lebensglück wäre, scheitern müssen. Und genau das gefällt mir daran.

Alle Himmel sind gleich – aber manche sind gleicher

Das ZDF wollte mal wieder Geschichte schreiben – und weil die jüngere deutsche Geschichte vor allem eine Geschichte über die deutsche Teilung ist, geht es in dem ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel um Stasispione und ihre ebenso weiblichen wie westlichen Zielpersonen, denen sie Geheimnisse über die militärische und politische Lage des feindlichen Lagers entlocken sollen. Und darum, dass es im Westen halt schöner, bunter und in jeder Beziehung besser war als im grauen, freudlosen Osten. In dem zwar keiner Not leiden, aber dafür alle den Mund halten mussten. Und um ein dunkle west-östliche Familiengeschichte, die ebenso gnadenlos überkonsturiert wie absurd ist. Doch eins nach dem anderen.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich nicht, wie sonst oft das Bedürfnis, nach zehn Minuten anzuschalten bzw. das Programm zu wechseln. Was aber nicht daran lag, dass das ZDF plötzlich die Kurve gekriegt hätte und auf einmal Mehrteiler produzieren würde, die tief, subtil und überraschend gut wären. Ich würde es eher mit Faszination des Grauens überschreiben, denn Der gleiche Himmel bietet genau die Holzhammer-Kost, die man von diesem Sender gewohnt ist. Natürlich konnte ich mir nicht alle drei Teile am Stück reinziehen, sondern immer nur einen pro Abend, aber das war ganz gut auszuhalten, schon weil sich das deutsche Fernsehen immer dermaßen viel Mühe mit der Ausstattung gibt – die 70er Jahre sahen tatsächlich ungefähr so aus wie jetzt im Fernsehen. Ich weiß das, denn 1974, dem Jahr, in dem die Agentenoper spielt, bin ich in die erste Klasse gekommen. In der BRD allerdings, also da, wo die Leute VW-Käfer, R4 oder Mercedes fuhren, nicht in Trabbi-Land.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Echt), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Becht), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der Anfang der Handlung so holzhammermäßig, dass es schon fast Richtung Satire geht, und da bin ich ja gleich dabei. Leider ging es nicht so lustig weiter. Aber wenn der Stasiausbilder seinen Stasischülern, die alle brav wie Erstklässler an ihren hölzernen Pulten sitzen, erklärt, wie eine Frau tickt, präziser: Wie das weibliche Hirn funktioniert, dann weiß er, wovon er spricht. Denn die Frauen werden sich später netterweise genau an dieses Drehbuch halten, womit die Mission des aufstrebenden Stasischülers dann irgendwie auch erfolgreich ist, wobei mir gerade auffällt, dass für die Geschichte erstaunlich egal ist, was da an Informationen eigentlich abgeschöpft werden soll.

Aber zurück auf die Schulbank für angehende Ost-Spione. Gute Sozialisten wissen: Frauen haben durchaus ein Gehirn! Aber auch die bestausgebildetsten Datenanalystinnen der westlichen Welt sind eben Frauen. Und die werden, so ist das bei Frauen nun einmal,  von ihren Emotionen gesteuert, also rechte Hirnhälfte, die wiederum für das linke Auge zuständig ist. Über das linke Auge der jeweiligen Frau hat der findige Romeo-Agent quasi den direkten Zugriff auf das westliche Datencenter. Jetzt gilt es also nur noch die richtigen Passwörter zu finden, mit denen die jeweilige Alte zu knacken ist.

Das ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist, nur ist dieser Scheiß kein Privileg sozialistischer Ideologie, auch die Westler befleißigen sich bis heute idiotischer Modelle aller Art, um die Welt zu erklären und zu beherrschen – aber ich schweife schon wieder ab. Tatsächlich habe ich mit das alles auch deshalb angesehen, weil ich Tom Schilling als Schauspieler wirklich gut finde, auch wenn ich ihn für diese Rolle inzwischen doch zu alt fand – aber, wie er als Agent erklärt: „Vielleicht bin ich eine alte Seele.“ Wie ein 25jähriger sieht er tatsächlich nicht mehr aus.

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine „West-Wohnung“ bezogen. Wird er seinen Auftrag erfolgreich abschließen können? Bild: zdf

Und ich mag auch Sofia Helin, die seine Zielperson Lauren Faber spielt. Als leicht autistische Kommissarin hat sie mir in Die Brücke wirklich gut gefallen. Natürlich ist sie auch als Lauren Faber überzeugend – eine alleinerziehende Mutter eines 17jährigen, ziemlich missratenen Sohnes, die für den britischen Geheimdienst arbeitet. Der sie wiederum auf dem Teufelsberg einsetzt, einer US-Abhörstation in Westberlin, mit der die NSA nicht nur den Osten, sondern auch den Westen belauscht.

Für ihre Figur haben sich die Serienmacher wenigstens eine halbwegs glaubhafte Legende ausgedacht – Lauren ist schwedisch-britischer Herkunft und hat einen Deutschen geheiratet. Das erklärt, warum sie sowohl perfekt Englisch, als auch Deutsch spricht – Deutsch allerdings mit leichtem schwedischen Akzent. Ihr Mann hat sie aber mit dem Kind sitzen lassen und sich wieder nach Westdeutschland verdrückt, ihr Sohn pubertiert wüst vor sich hin.

Lauren macht ihren Job natürlich gut, sie ist erfahren, umsichtig und pflichtbewusst – genau deshalb fühlt sie sich als Mutter als Versagerin. Was ihr Sohn natürlich ausnutzt: Er beklaut sein Mutter und verkifft das Geld, hört gern laut Musik und sperrt sich in sein Zimmer ein, das mit RAF-Fahndungsplakaten geschmückt ist – ziemlich normaler 70er-Jahre-Teenie würd ich mal sagen, aber für eine Frau wie Lauren ist das alles wirklich schlimm. Zumal sie ziemlich einsam ist: Außer ihrer jungen Kollegin Sabine Cutter (Frederike Becht) hat sie eigentlich niemand, mit dem sie reden oder sonst irgendwas unternehmen kann. Ein ideales Opfer also für Romeo-Agenten Lars Weber.

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Aber die Sache läuft aus dem Ruder – Lauren überlebt die Mission nicht. Und Lars wird jetzt auf Sabine angesetzt, die ihm von Anfang an viel besser gefallen hat als die deutlich ältere und weniger attraktive Lauren, die aber genau deshalb ja auch das leichtere Opfer war. Aber Sabine ist praktischerweise die Adoptiv-Tochter eines ranghohen NSA-Offiziers, der mit einer Deutschen verheiratet ist – vermutlich ist das auch der Grund, warum die vergleichsweise junge Sabine schon so einen verantwortungsvollen Job hat. Sie ist das weibliche, westliche Gegenstück zum Erfolgsossi Lars Weber – ja, und es ist tatsächlich so, wie man jetzt ahnen soll, aber wünscht, dass es eine andere Erklärung geben möge:  Immer wieder wird ein Bild von einer Frau gezeigt, die zwei Säuglinge im Arm hält.

Sowohl in der Plattenbau-Wohnung, die Lars mit seinem Vater Gregor (Jörg Schüttauf) teilt, der ebenfalls bei der Stasi ist, aber sich damit begnügt die Nachbarschaft zu überwachen, als auch in der Villa der Familie Cutter gibt es dieses einen Abzug dieses Fotos. Dagmar Cutter (Claudia Michelsen) ist also Lars’ Mutter, die damals in den Westen abgehauen ist und von der Lars nichts weiß, genau wie er auch nichts von einer Zwillingsschwester weiß. Und Vater Gregor ist zwar der einzige, der von Lars geheimer Mission weiß, aber er weiß offensichtlich auch nicht viel mehr. Dafür ist Gregor der Prototyp des überzeugten Sozialisten, der an den Sieg der guten Sache glaubt und seinen Sohn zu einem guten Staatsbürger erzogen hat – deshalb macht er ja auch den Blockwart (dafür hängt er sich auch gut sichtbar einen großen Feldstecher um den Hals – die Leute sollen durchaus sehen, was er tut) und ermahnt die Menschen, sich nicht vom Westfernsehen verblenden zu lassen. Und er päppelt liebevoll ein Vögelchen auf, das sich den Flügel verletzt hat – schaut ihm aber doch recht nachdenklich hinterher, als es davon fliegt.

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Einerseits ist die Geschichte nicht wirklich schlecht. Wobei die Komplexität dann doch wieder arg gekünstelt ist: Weil Der gleiche Himmel ja mehr sein soll als ein einfach nur weiterer Agententhriller, wird ein Panorama der Zeit aufgespannt – was eigentlich eine gute Idee ist, 1974 war ein interessantes Jahr. Schon wegen der Fußball-WM, in der die DDR die BRD zwar besiegte, die BRD aber trotzdem Weltmeister wurde.

Genau das ist ja das Thema:  Der Osten hat zwar ab und zu mit ach und krach einen Punkt gegen den Westen geholt – aber im Prinzip ist der Westen eben hoffnungslos überlegen, egal wie die Ossis sich abzappeln. Sie haben halt auf das falsche System gesetzt und das wird auch hier wieder ausgiebig in Filmform zelebriert. Einmal mehr wird all das gezeigt, was im Osten so richtig schlecht war: Die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung  – was an der DDR zwar ununterbrochen kritisiert wird, im Westen aber, wenn man die Zeichen richtig deutet, ja endlich mal hoffähig werden soll, nur dass es jetzt nicht die Stasi oder der KBG ist, die alle unsere Daten sammeln und auswerten, sondern gute kapitalistische Großkonzerne wie Google, Facebook und Amazon. Deshalb gibt es in Der gleiche Himmel auch die ganzen anderen hässlichen Sachen, Romeo-Agenten für den Westen, Doping von Staats wegen, Fahnenappell und Fahnenflucht, in diesem Fall eine versuchte Republikflucht durch den Bau eines Tunnels vom Osten in den Westen.

Schon irre, was sich die Menschen einfallen lassen, um in den vermeintlich goldenen Westen zu gelangen. In dem aber auch nur mit Wasser gekocht wird – zumindest einer der Agenten sieht das so, der herrlich schmierige, kettenrauchende und Junk-Food fressende Macho Ralf Müller (Ben Becker), der zwar Westberliner ist, aber für die Stasi arbeitet. Weil er halt irgendwie so eine subversive Ader hat, wie er Lars erklärt, als der ihn danach fragt. Besonders nachvollziehbar ist das zwar nicht, aber einer muss den Job ja machen.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Echt) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Becht) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Andere legen sich lieber krumm oder animieren ihre Kinder, das zu tun – etwa die ehrgeizige Gita Weber (Anja Kling), die Frau von Gregors Bruder Conrad (Godehard Giese), die im Plattenbau gleich nebenan wohnen. Mutter Gita ist so stolz auf ihre Töchter – die ältere soll Medizin studieren, die jüngere, Klara (Stefanie Amarell), schafft die Aufnahme in den Olympia-Kader der Schwimmerinnen. Dort bekommen die Mädchen von ihrem fiesen Trainer Doping-Medikamente, die sie zwar schneller machen, von denen ihnen aber auch Haare auf der Brust wachsen. Aber das Training ist Trainer-Sache, das wird den vielleicht dann doch besorgten Eltern eingetrichtert. Um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren braucht es eben Opferbereitschaft und Goldmedallien.

Ich finde solche Methoden absolut nicht okay und total kritikwürdig – aber interessanterweise ist das Doping-Problem im Leistungssport mit dem Zerfall des Ostblocks nicht verschwunden, es dopen ja bekannterweise auch Athleten des freiheitlichen Westens, nur vermutlich nicht, weil der Trainer es empfiehlt, sondern aufgrund ihrer frei getroffenen Entscheidung, besser als die anderen sein zu wollen. Das ist natürlich etwas ganz anders. Obwohl, das kann und muss man der DDR ankreiden, sie war ja der Staat, der es doch eigentlich besser machen wollte als die auf Ausbeutung abzielenden Kapitalisten, um die Konkurrenz der Einzelnen untereinander zugunsten einer Orientierung auf das Gemeinwohl abzuschaffen. Epic Fail heißt ein solche Versagen heutzutage wohl – in dieser Hinsicht war die DDR tatsächlich ein Failed State. Und überhaupt: Wenn ein Staat glaubt, seine Bürger einsperren zu müssen, damit sie ihm nicht weglaufen und dann nicht selbstkritisch genug ist, zu analysieren warum das der Fall ist und wie man das abstellen kann, dann verdient er eben auch nichts anderes. Das blöde ist nur, dass wir heute keine überhaupt keine Alternative mehr haben.

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Und das merkt man eben auch dieser Produktion an: Sie bebildert im Grunde dieses ganze alternativlose Weiter so!, das in Deutschland seit der Jahrtausendwende die Maxime deutscher Politik und damit irgendwie auch gesellschaftlich relevante Handlungsanweisung für uns alle ist. Durch die Demontage wichtiger sozialer Errungenschaften in Ost UND West wurde Deutschland für den Weltmarkt und die Weltpolitik zugerichtet, wir sind wieder wer, nicht nur Fußball- sondern auch Exportweltmeister, verlässlicher NATO-Partner und informelle Führungskraft der EU. Und es ist eigentlich egal, wie „wir“ das geschafft haben – Hauptsache, es geht irgendwie so weiter. Genau so funktioniert das Drehbuch dieser Geschichte hier.

Und da drängen sich Fragen auf, etwa: Wozu das alles, wenn es den meisten Menschen im Lande damit gar nicht gut geht? Der aktuelle Armutbericht der Bundesregierung war ja wieder so desillusionierend, dass er umfassend frisiert werden musste, damit die dafür zuständige SPD-Ministerin damit noch irgendwie leben kann. Interessant natürlich, dass genau dieses Gefühl wieder nur anhand der üblichen Klischees über die untergegangenen DDR gezeigt wird, während im Westen zwar nicht alles gut, aber doch vieles besser ist. Weil es hier Kapitalismus, also Freiheit und Demokratie gibt. Wobei, die DDR hat das „Demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber das war die falsche Sorte Demokratie, die nämlich ohne Alternative. Oder habe ich da was verwechselt?

Immerhin wird angedeutet dass die NSA mit ihren schicken Lauschantennen auf dem Teufelsberg auch ihre westlichen Verbündeten abhört – auch die Amis verlassen sich auf ihren Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Da sind sich letztlich Stasi-Agent Lars und NSA-Vater Cutter gar nicht so unähnlich. Aber das ist eben auch wieder ein Beispiel für die allgemeine Beliebigkeit an der die ganze Sache krankt: Die Motivation der Charaktere ist jeweils mehr als schematisch. Wir haben den guten Sozialisten Gregor, die verzweifelt um Anerkennung ringende kleine Schwester einer erfolgreichen älteren Tochter und eine auf materielle Vergünstigungen geifernde Mama. Ach ja, einen schwulen Ossi-Lehrer und dessen ebenso schwulen, aber weniger coolen dicken Freund haben wir auch noch, dazu noch ein paar Verschwörer, die abhauen wollen und einen schwulen Ausländer, der irgendwie auf schwule Ossis steht und einfach nur helfen will, aber missverstanden wird.

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Aber was ist mit den Hauptfiguren? Warum tut Lars das, was er tut? Einerseits wird in dem, was er vor sich hinfaselt, ja eine gewisse Tiefe angedeutet, aber dann entpuppt er sich doch immer wieder als gnadenloser Opportunist, der seine Erfolge genießt und erstaunlich wenig darunter leidet, dass seine erste Zielperson einen frühen und rätselhaften Tod stirbt. Aber dafür kriegt er ja dann auch die schnittige Sabine. Was noch irgendwie okay gehen würde, wenn sie nicht seine Schwester wäre.

Es ist ja nicht so, dass ich gewagte Plotwists prinzipiell ablehnen würde. Elliot Anderson kann sich in Mr. Robot ja auch nicht an seine Schwester Darlene erinnern – die sich aber schon an ihren verrückten Bruder, der halt immer mal wieder wichtige Dinge vergisst. Letztlich erklärt diese Sache ja auch, WIE verrückt Elliott ist und ist insofern wichtig für die Handlung an sich. Aber in Der gleiche Himmel sehe ich das nicht – Lars ist nicht verrückt, er ist einfach gut in seinem Job, und er könnte jede Frau rumkriegen. Warum dann also seine Schwester? Um auszudrücken wie pervers das alles mit der Mauer war? DAS wissen wir doch ohnehin.

Trotzdem liegt Mauerbau im Trend. Liebes ZDF, mach doch mal was Perverses über die USA. Mit Mauer, Sex und NSA. Sollte so schwierig nicht sein.

Billions – Pissing Contest in Serie

Ich fasses  nicht: Die Leute kriegen offenbar doch die Serien, die sie verdienen. Ich fand ja You Are Wanted nicht besonders, aber die Leute da draußen sind offenbar anderer Meinung. Heute verkündet Amazon, dass eine zweite Staffel der Schweighöfer-Serie in Auftrag gegeben wurde und gibt als Grund dafür den weltweit hohen Zuspruch am Startwochenende an: You Are Wanted habe in 70 Ländern zu den fünf meistgesehenen Sendungen von Amazon gehört, darunter Kanada, Mexiko, Brasilien, Frankreich, Italien und Spanien. In Deutschland habe die Produktion den stärksten Start einer Serie in der Amazon-Geschichte hingelegt und auch die Bewertungen seien so gut wie nie.

Meine Fresse – konkrete Abrufzahlen nennt das Unternehmen zwar nicht, aber warum sollte ich das nicht glauben. Seit die Amis einen komplett durchgeknallten und eher schlechten Reality-TV-Darsteller als US-Präsident gewählt haben, wundere ich mich über gar nichts mehr. Höchstens, wann Trumps Lebensgeschichte endlich verfilmt wird, hier würde ich Sacha Baron Cohen für Drehbuch, Produktion und Hauptrolle vorschlagen.

Doch nun zu etwas ganz anderem:

Vor Jahrzehnten war es ja schon mal in, Fernsehserien über das Leben von Superreichen zu machen, ich sag nur Dallas oder der Denver-Clan – hab ich übrigens beides nicht gesehen, denn damals machte ich mir noch nichts aus Fernsehserien.

Offenbar hatte ich Besseres zu tun. Mittlerweile ist aber das Leben weniger aufregend, dafür es gibt bessere Serien. Etwa Billions, eine Serie des US-Senders Showtime, in der es um den erbitterten Kampf des ehrgeizigen Staatsanwalts Chuck Rhodes (Paul Giamatti) gegen den obszön reichen Hegefonds-Milliardärs Boot „Axe“ Axelrod (Damian Lewis) geht.

Billions: U.S. Attorney Chuck Rhoades (Paul Giamatti) gegen Bobby „Axe“ Axelrod (Damien Lewis)

Billions: U.S. Attorney Chuck Rhoades (Paul Giamatti) gegen Bobby „Axe“ Axelrod (Damien Lewis)

Interessant ist hier einmal mehr, dass beide Hauptfiguren sehr ambivalent sind: Axe kommt von ganz unten und hat sich mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, schneller als jeder andere auf neue Situationen reagieren zu können, an der Wall Street nach ganz oben gearbeitet. Natürlich muss dabei auch mit harten Bandagen gekämpft werden und nicht alles, was er getan hat, um an sein sagenhaftes Vermögen zu kommen, war völlig legal – doch Axe ist ein Meister im Ausnutzen von Grauzonen. Und im Zweifelsfall hat er mittlerweile dermaßen viel Geld, dass er damit Probleme lösen kann, bevor sie ihm um die Ohren fliegen.

Genau das ist es, was Chuck Rhodes auf die Palme bringt: Er weiß, dass Axe auch mit illegalen Methoden Milliarden macht und er will, so behauptet er, Gerechtigkeit. Es ginge nicht an, dass man Kleinkriminelle wie Drogendealer jahrelang einsperrt und Typen wie Bobby Axelrod, nur weil sie einen Haufen Geld haben, davon kommen lässt, obwohl sie viel mehr Schaden anrichten. Die feine Ironie hierbei ist, dass Chuck aus einer alten, einflussreichen Familie kommt und niemals existenzielle Not gelitten hat – sein Vater ist unter den obersten Zehntausend bestens vernetzt, was Chuck auch immer wieder ausnutzt, obwohl das an seiner Eitelkeit kratzt, während Axe als Kind tatsächlich arm gewesen ist. Es ist ohne Vater aufgewachsen und er musste sich sein Taschengeld selbst verdienen. Auch seine Frau Lara (Malin Åkermann) kommt aus kleinen Verhältnissen, sie war Krankenschwester, ihre Brüder und Cousins sind Polizisten und Feuerwehrleute.

Und was Chuck noch mehr zu schaffen macht: Seine Frau Wendy (Maggie Siff), die promovierte Psychologin ist, arbeitet als Motivations-Trainerin für Axe Capital. Sie kannte Axe schon, bevor Chuck sie geheiratet hat und denkt nicht daran, ihren sehr gut bezahlten Job aufzugeben. Das ist natürlich ein Interessenkonflikt aus dem Bilderbuch – aber weil Chuck als Staatsanwalt nur einen Bruchteil von dem verdient, was Wendy nach Hause bringt, kann er seine Frau schlecht dazu animieren, sich einen anderen Job zu suchen: Wovon soll er denn das schöne Haus an der Uferpromenade in Brooklyn und die Privatschulen für die Kinder bezahlen? Chuck muss sich zähneknirschend damit abfinden, dass Wendy all das von dem Blutgeld finanziert, das er Axe gern abnehmen würde.

Insofern verwundert es auch nicht, dass sich Chuck für all das gern bestrafen lässt – privat liebt er es, Wendys Sex-Sklave zu sein. Genau das ist Wendys Talent: In ihrem Gegenüber die Schwachpunkte zu finden und dann die jeweils nötige Reaktion zu provozieren – bei ihr kann man Dampf ablassen oder sich den nötigen Kick holen. Auf diese Weise kitzelt sie bei Axe Capital immer die optimale Leistung aus den Leuten heraus. Deshalb bezahlt Axe ja auch so großzügig, er weiß, was er an Wendy hat.

Überhaupt ist Axe überaus großzügig, er schmeißt geradezu mit Spenden-Millionen um sich, schon um all jene zu demütigen, die ihn früher, als er noch ein Niemand war, schlecht behandelt haben. Etwa in dem er sich für einen Wahnsinnsbetrag die Namensrechte an der altehrwürdigen und dringend sarnierungsbedürftigen Konzerthalle kauft, nur sich an der Millionärsfamilie zu rächen, die ihn damals den bitter nötigen Ferienjob auf dem Golfplatz gekostet hat. Akribisch zieht Axe von der Summe die symbolischen 16 Dollar ab, die er damals als Caddie pro Runde verdient hat. Nur sind es nun 16 Millionen – und die Wichser haben keine Wahl, das nun deutlich unattraktivere Angebot anzunehmen, weil sie sonst ruiniert wären.

Natürlich kommt das nicht gut an – wie es allgemein nicht gut ankommt, wenn stinkreiche Leute mit ihrem Geld um sich schmeißen. Das provoziert Neid und Neiddebatten sind immer hässlich. Wobei ich persönlich finde, dass es viel zu wenig Neid und Neiddebatten auf der Welt gibt – wären die Leute tatsächlich so neidisch, wie immer wieder behauptet wird, wäre es gar nicht möglich, dass einige wenige Milliarden scheffeln, während Milliarden arme Schlucker es nicht mal schaffen, sich ein halbwegs erträgliches Leben zu erarbeiten. Wenn es tatsächlich stimmt, dass gerade mal acht Milliardäre so viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung, heißt das doch eigentlich, dass man nur den richtigen acht Arschlöchern mal ordentlich auf die Fresse geben müsste, um das Leben der ärmeren Hälfte entscheidend zu verbessern.

Das passiert aber nicht, weil sich die allermeisten Leute damit abfinden, dass sie es nun mal nicht so gut getroffen haben, wie andere und sich in ihre beschissene Existenz fügen, weil man ihnen einredet, dass Geld fürs Glück nicht so wichtig sei. Was eine beschissene Lüge ist, weil Geld in dieser Welt nun mal die Grundlage für wirklich alles ist – ohne Geld kein Essen, keine Wohnung, keine Klamotten, kein Handy, kein Internet und genau besehen nicht mal genug saubere Luft zum Atmen. Aber die gängige Gehirnwäsche behauptet, es gehe im Leben um Selbstverwirklichung, denn mit der richtigen Einstellung kann man auch unter beschissensten Umständen glücklich werden. Klar, man kann durchaus lernen, mit wenig zufrieden zu sein. Aber gleichzeitig soll man ja auch Steuern zahlen und ein guter Konsument sein. Und nicht neidisch auf diejenigen, die ordentlich Kohle scheffeln, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Zum Verrücktwerden ist das. Aber das ist gar nicht das Thema von Billions. Leider.

Billigen: Lara Axelrod (Malin Åkerman), Axe (Damian Lewis), Wendy Rhoades (Maggie Siff) und Chuck Roades (Paul Giamatti)

Billigen: Lara Axelrod (Malin Åkerman), Axe (Damian Lewis), Wendy Rhoades (Maggie Siff) und Chuck Roades (Paul Giamatti)

Das Thema von Billions ist die Ambivalenz seiner Protagonisten: Der gnadenlose Finanzprofi, der so genial und brillant ist, dass er zu recht als der Beste seines Fachs gilt und der nicht weniger knallharte Strafverfolger, der sich zwar einredet, dass er im Dienst der Allgemeinheit versucht, die kriminellen Geschäftsgebaren seines Gegenspielers zu unterbinden, aber dabei durchaus persönliche Ziele verfolgt und genau wie sein Gegner zunehmend auch auf illegale Methoden zurückgreift.

Und dann natürlich Wendy, die sich zwischen den Fronten bewegt, aber ihr Geld eben auch in jenem kriminellen Laden verdient. Einerseits ist bewundernswert, mit welcher Souveränität sie sowohl gegenüber Chuck als auch gegenüber Axe ihre Unabhängigkeit verteidigt, anderseits ist klar, was sie tut, wenn sie ihre Klienten fit für die tägliche Renditeschlacht macht und woher das Geld kommt, von dem auch ihr üppiges Gehalt bezahlt wird.

Wobei das moralische Dilemma hier noch auf einer anderen Ebene angesiedelt wird: Wendy und Chuck versuchen beide, loyal zu sein – aber sie verraten sowohl ihre Prinzipien, als auch sich gegenseitig. Wobei das nicht ganz korrekt ist, Wendy schafft die Gratwanderung, am Ende sowohl gegenüber ihrem Arbeitgeber Axe als auch ihrem Ehemann Chuck einigermaßen loyal zu bleiben, während Chuck Wendy hintergeht, um im Job sein Ziel zu erreichen – was natürlich grandios nach hinten losgeht.

Am Ende ist gerade der Verteidiger von Wahrheit und Gerechtigkeit das noch größere Arschloch. Und das will angesichts der vielen Arschlöcher, die in Billions auftauchen, wirklich etwas heißen. Auf jeden Fall ist das eine Serie, die es sich zu sehen lohnt. Bei You Are Wanted würde ich das noch immer nicht sagen, aber das können ja die Leute ansehen, denen Billions zu komplex ist.