Buster’s Mal Heart: Schicksal ist ein Arschloch

Ein Film, auf den ich lange gewartet habe, ist Buster’s Mal Heart – einer von diesen „kleinen“ US-Indipendet-Filmen, die hierzulande nie ins Kino kommen, auch wenn sie auf zahlreichen Indipentent-Festivals erfolgreich gelaufen sind. Erfreulicherweise erscheint der Film jetzt auf Amazon Video und iTunes – und ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, den Film schon einmal vorab zu sichten. Und es gleich vorweg zu nehmen: Ein Publikumsrenner wird dieser Film vermutlich nicht, dazu ist der Plot viel zu verschroben.

Aber – schlecht finde ich ihn wirklich nicht, Buster’s Mal Heart erinnert mich sehr an die eigenartigen Filme von Herbert Achternbusch – es geht um Identität, kosmische Missgeschicke, Liebe, Schicksal, Pflichterfüllung, das Elend mit der Freiheit und der Frage, wie man denn leben soll, wenn man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen blöden Job machen zu müssen, weshalb man das eigentliche Leben verpasst. Daraus lässt sich schon ein sehenswerter Film stricken – und die Autorin-Regisseurin Sarah Adina Smith macht aus einem vergleichsweise schmalen Budget und wenigen Drehtagen eine ganze Menge.

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Der eine oder die andere wird sich Buster’s Mal Heart ohnehin schon allein deshalb ansehen, weil Mr. Robot mitspielt – der fleißige Rami Malek war zwar schon in einer ganzen Reihe von zum Teil durchaus bekannten Filmen als Nebendarsteller zu sehen, aber hier hat er seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm – und er ist auch fast in allen Szenen zu sehen.

Und erstaunlich viel erinnert dann doch an Mr. Robot – der Protagonist Jonah ist nämlich zwei Männer: Zum einen ein mexikanischer Seemann, der nach einem Sturm 1000 Tage in einem winzigen Rettungsboot auf dem Meer treibt, zum anderen ein junger Familienvater, der endlose Nachtschichten in einem Hotel am Arsch der Welt – der sich in diesem Fall in Montana befindet – schiebt, um seine Familie zu ernähren. Die da sind seine junge Frau Marty (Kate Lyn Shell) und ihre niedliche kleine Tochter Roxanne (Sukha Belle Potter).

Marty und Jonah lieben sich, soviel wird klar, und Roxanne ist ein wirklich süßes kleines Kind. Die drei leben bei Martys Eltern, die es mit dem Christentum haben – keine Ahnung, welche der unzähligen Spielarten amerikanischer christlicher Sekten das ist, aber die tatkräftigen Christen haben Marty geholfen, von ihrer Drogensucht wieder loszukommen, und sie haben irgendwie auch Jonah akzeptiert, diesen Latino, den ihre Tochter angeschleppt hat. Über dessen Herkunft erfahren wir nicht viel, außer, dass er Spanisch spricht, was er auch versucht, seiner Tochter beizubringen – was die Schwiegereltern gar nicht so gut finden, das Kind soll doch lieber erstmal richtig Englisch lernen.

Und auch Jonah scheint keine astreine Vergangenheit zu haben – als sein Kollege, der die Tagschicht machen darf, Jonah fragt, wie er denn an diesen Job gekommen sei, wenn er nicht mal einen Highschool-Abschluss habe, antwortet Jonah, dass er dem Chef (der natürlich auch zu dieser christlichen Gemeinde gehört) sein Vorstrafenregister gezeigt hätte.

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Wir erfahren nicht, was Jonah verbrochen hat, aber wir sehen dabei zu, wie er sich redlich bemüht, seinen Job zu machen und gleichzeitig auch noch ein liebender Familienvater zu sein. Und er wie er daran scheitert – mechanisch wie ein Roboter erledigt er seine Arbeit, um dann völlig übermüdet zu Frau und Kind heimzukehren. Jonah träumt von einem ganz anderen Leben, er will ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen und dort das eigentliche, richtige Leben verwirklichen, von dem er träumt. Aber Marty holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Haus baut!“

Und es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Jonah auch keine Ahnung davon hat, wie man in der Natur überlebt. Was ihm sein mexikanisches Alter Ego auf See voraus hat – der überlebt, er trinkt seinen eigenen Urin und fängt Fische, auch wenn er Gott verflucht und bittet, ihn jetzt endlich sterben zu lassen, weil man so ja auf Dauer nicht leben kann. Jonah hingegen überlebt, in dem er in luxuriöse Ferienhäuser einbricht, die reiche Leute in den Bergen von Montana haben. So richtig autark ist das nicht, immerhin er genießt den vorübergehenden Luxus sichtlich. In seinem jeweiligen Quartieren dreht er alle Familienbilder auf den Kopf und telefoniert mit Sex- und Radiohotlines, um seine Botschaft zu verkünden: Das Ende der Welt ist nah – also der Welt, die wir so kennen, wie sie ist. Die zweite Inversion steht bevor, bei der sich alles auf den Kopf stellt.

Das entspricht ziemlich genau der Hysterie, die vor der Jahrtausend-Wende grassierte, Y2K, das Jahr-2000-Problem. An das kann ich mit gut erinnern, schließlich war ich damals in meinen sehr frühen Dreißigern. Ich hatte das damals nicht dermaßen ernst genommen, schließlich stamme ich aus einer Generation, die in der Hochzeit des kalten Krieges mit der Angst aufgewachsen ist, dass ihre Welt innerhalb von Minuten von einem Atomkrieg pulverisiert wird.  Davor hatten wir die ganze Zeit Angst, und das war keineswegs unrealistisch. In Deutschland lebten wir schließlich auf dem wahrscheinlichst anzunehmenden Schlachtfeld einer solchen Auseinandersetzung. Da war Y2K ein Klacks gegen. Was ja auch zutraf.

Aber das hat in Buster’s Mal Heart eher eine anekdotische Funktion. Immerhin, die Geschichte spielt in den späten 90ern, also kurz vor Y2K, und während einer dieser quälend endlosen Nachtschichten im Hotel taucht ein rätselhafter Typ (DJ Qualls) auf, der Jonah seinen Namen nicht verraten will, aber behauptet, der letzte freie Mensch der Welt zu sein. Und nebenbei ist er ein Computer-Spezialist. Und als solcher habe er Sachen gesehen – CIA, FBI, Pentagon, da läuft eine ganz, ganz üble Scheiße und die Menschen werden alle verarscht. Immer.

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Jonah saugt die Worte dieses zweifelhaften Propheten auf, sei es, weil ihm einfach sterbenslangweilig ist, sei es, weil er tatsächlich an diesen Scheiß glauben will, weil er sich ein anderes Leben und eine andere Welt wünscht, auch wenn er nicht so richtig kapiert, was eigentlich falsch läuft – Jonah beschäftigt sich mit diesem ganzen Zeug und lässt es sich einleuchten. Und er versucht weiterhin ein guter Mensch zu sein, was sein Chef irgendwann auch honoriert, in dem er Jonah zwar nicht von der ungeliebten Nachtschicht befreit, aber ihm immerhin anbietet, dass seine Frau und Tochter eine Weile in dem ohnehin nicht besonders frequentierten Hotel wohnen können, damit Jonah sie ab und zu auch mal im wachen Zustand sehen kann.

Das ist erst einmal ganz nett – für Marty und Roxanne fühlt es sich wie ein Ferienaufenthalt an und Jonah ist auch ganz happy, die drei vergnügen sich (sittsam!!!) im Hotelpool, Jonah kann zumindest theoretisch endlich Job und Familie unter einen Hut bringen – doch dann taucht dieser Fremde wieder auf. Er sieht ziemlich ramponiert aus, und der gutmütige Jonah gibt ihm unerlaubterweise eine Schlüsselkarte, obwohl der Fremde nach wie vor keine ID vorweisen will. Klar, das hätte Jonah besser nicht getan.

Okay, für diesen Spoiler würden mich meine Kinder auch schon wieder killen, aber die lesen ja meinen Blog nicht. Vermutlich. Für Jonah geht die Sache nicht gut aus, auch wenn er tapfer gegen das Unausweichliche ankämpft und versucht, später selbst als gesuchter Schwerverbrecher und Outlaw noch ein netter Mensch zu sein. Aber das ganze Universum scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – letztlich erweist sich seine Existenz als epischer Fehler im kosmischen System: Irgendwo ist irgendetwas kolossal schief gelaufen. Aber weder der verzweifelte, aber doch zäh an seinem Leben hängende Schiffbrüchige auf dem Meer, noch der zum verrückten Buster mutierte Jonah geben auf, sie kämpfen bis zum Schluss – und am Ende gibt es zumindest für einen von ihnen eine versöhnliche Wendung.

Wer auf Filme mit ausgefeilten Plots steht, in denen am Ende immer alles erklärt wird, wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich. Womit ich nicht sagen will, dass dieser Film keinen ausgefeilten Plot hätte – die Geschichte an sich gefällt mir ziemlich gut, allerdings gleicht der Film einem Puzzle, dessen Teile sich der Zuschauer beim Ansehen selbst zusammensetzen muss. Liebhaber von mehrdeutigen, diffusen Geschichten werden hier viel besser bedient – wobei ich das alles gar nicht dermaßen rätselhaft finde. Es gibt eine Menge Andeutungen und Querverweise, der Film verlangt allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit. Was mir gefällt ist, dass es keine dieser abgefuckten Hollywoodgeschichten ist, in denen mit viel Ironie und noch mehr Zynismus eine klassische Heldengeschichte auf den Kopf gestellt wird – das ist ja dieses ganze nervige Antihelden-Helden-Kino, das in den aktuellen Blockbustern abgefeiert wird.

Jonah ist einfach ein Mensch, der versucht, das Beste aus einer Situation zu machen, in die man besser nicht geraten will – die man aber doch wieder erkennt: Die allermeisten von uns müssen mit einem Job klar kommen, den sie eigentlich gar nicht machen wollen, aber machen müssen, weil auf allem, was man zum Leben braucht, ein verdammtes Preisschild klebt. Und das ist ja noch die freundliche Variante, die das Arschloch von Schicksal bereit hält – Jonahs Alter Ego auf hoher See würde wahrscheinlich nur zu gern mit Jonah und seinen Nachtschichten tauschen, wenn er nur die Gelegenheit dazu hätte.

Aber dann schlägt diese Bitch von Schicksal Jonah doch wieder dermaßen, dass vielleicht der mexikanische Seemann doch noch besser dran ist – mir fällt da spontan die Geschichte von diesem Rabbi ein, der über Land wanderte und bei einem freundlichen Bauern-Pärchen einkehrte. Die Bauersleute bewirteten ihn gut, aber am nächsten morgen lag ihre beste Kuh tot im Stall. Und als der Bauer fragte, womit er das verdient hätte, wo er doch die Regeln der Gastfreundschaft so vorbildlich eingehalten hätte, gab ihm der Rebbe die Antwort, dass eigentlich beschieden war, dass seine Frau hätte sterben sollen. Aber weil sie so gut zu dem Fremden gewesen waren, hätte es nur die Kuh getroffen. busters-mal-heart-movie-trailer-images-stills-rami-malek4

Diese Geschichte habe ich immer gehasst, genau wie das Buch Hiob und alle diese anderen üblen Geschichten aus der Bibel, in denen es darum geht, wie Gott uns Menschen prüft. Was für ein grausames, zynisches Arschloch. Das Leben ist unendlich beschissen. Aber wir haben nur dieses eine, beschissene Leben, insofern lohnt es sich daran festzuhalten und zu versuchen, auf dieser Erde das Beste draus zu machen. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll.

Der junge Karl Marx

Derzeit läuft Raoul Pecks Film Der junge Karl Marx in den deutschen Kinos. Damit hat sich der Haitianische Regisseur einen in vielerlei Hinsicht sehr schwierigen Stoff vorgenommen. Zum einen, weil das Verhältnis der Deutschen zu ihrem größten Denker ein extrem gestörtes ist – Marx wird heutzutage ja für viele schreckliche Dinge verantwortlich gemacht, die er weder gedacht, noch gutgeheißen hätte. So habe der Film-Förderfonds des Europarates Eurimages eine Förderung abgelehnt „weil man dann auch gleich einen Film über Stalin fördern könnte.“

Zum anderen ist es wirklich nicht einfach, ein Film über das Denken zu machen, über Gedanken, Ideen und deren Entwicklung – denn das ist es ja, was Marx hauptsächlich getan hat: Gedacht, analysiert, seine Gedanken aufgeschrieben und hinterfragt, präzisiert, neu formuliert. Eine anstrengende, aufreibende und materiell wenig einträgliche Schwerstarbeit, die bis heute nicht angemessen anerkannt und gewürdigt wird.

Die Welt kritisiert prompt: „Sie trinken viel, sie lachen viel: Raoul Peck verfilmt die Zeit, als Karl Marx Kommunist wurde. Eine Mutation aus französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm.“ Und findet den Film unfreiwillig komisch. Dafür vermisst sie an August Diehls Darstellung des Karl Marx „alles Dämonische, Gefährliche, ja eigentümlich Deutsche, das alle Zeitgenossen an ihm bemerkten.“

Und natürlich auch den Hinweis auf die Abermillionen Toten, die Marx auf dem Gewissen habe, weil er ja den Kommunismus erfand. Stattdessen würden im Abspann Szenen kapitalistischer, neokolonialer Ausbeutung gezeigt und in der letzten Einstellung gar brennende Dollarscheine. „Ein intellektuelles und ästhetisches Desaster.“

Was allerdings auch diese Filmkritik ganz gut zusammenfasst. Denn Marx war ja schon lange tot, als es zur Oktoberrevolution kam. Und er wäre ganz bestimmt kein Freund von Stalin und diversen anderen angeblich kommunistischen oder sozialistischen Führerfiguren gewesen. Marx hat orthodoxes Denken immer strikt abgelehnt und sein Freund Engels, der als „Mitbegründer“ des Marxismus gilt, schrieb gar: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!“

Man erinnere sich: Marx war ein Freigeist, manche würden ihn auch einen Querdenker nennen (auch wenn ich diesen Begriff doof finde, schon weil sich jeder FDPler heute für einen Querdenker hält, obwohl er nur INSM-Denke wiederkäut), der seine Tätigkeit als Chefredakteur der liberalen Rheinischen Zeitung aufgeben musste, weil er regelmäßig in Konflikt mit den Zensurbehörden kam. Marx kritisierte die herrschende Ordnung, die Religion, die Philosophie, und, natürlich, den Kapitalismus, den er in seinen späteren Jahren ausführlich analysiert und völlig zu recht für das Elend der arbeitenden Klasse verantwortlich gemacht hat. Dabei verstand Marx sein Werk als ständig zu überprüfende Analyse der jeweiligen Verhältnisse und eben nicht als eine wie auch immer geartete Handlungsanweisung für eine utopische Gesellschaft. An den real existierenden realsozialistischen Staaten hätte Marx garantiert eine Menge zu kritisieren. An allen anderen natürlich auch.

Doch leider ist ausgerechnet das nicht der Gegenstand des Films, der sich darauf beschränkt, die Zeit von 1843 bis 1848 zu zeigen, die Jahre also zwischen dem Rauswurf bei der Rheinischen Zeitung und dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests. Und auch das gelingt leider nicht besonders gut – wer nicht vorher schon weiß, was in diesen Jahren passiert, bekommt hier keine Geschichtsstunde, mit der man das nachholen könnte.

Es ist eben schwer, Denkprozesse filmisch umzusetzen – insofern ist das Welt-Bonmot mit dem französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm leider doch ziemlich treffend, wie ich ungern einräumen muss. Denn im Grunde liefert der Film nur bebilderte Anekdoten: Am Anfang werden verhuschte Gestalten im schönen deutschen Wald gezeigt, deren Verbrechen es ist, verbotenerweise Feuerholz zu sammeln – seit die Eisenbahnen durchs Land gebaut werden, ist Holz ein teurer Wirtschaftsfaktor, der einen entsprechenden Preis haben muss. Den arme Tagelöhner aber nicht zahlen können. Das ist nicht fair, denkt Marx. Und auch, dass deshalb verständlich ist, dass sie nicht nachvollziehen können, dass es ein Verbrechen sein soll, zu tun, was man tun muss, um zu überleben.

Ähnlich denkt auch Friedrich Engels (Stefan Konarske), der Industriellensohn, der im Betrieb seines Vaters als Prokurist arbeitet und die Ausbeutung der dort beschäftigen Arbeiterinnen somit direkt vor Augen hat. Kein Wunder, dass sich die beiden gut verstehen, als sie aufeinander treffen – wobei der Anfang dieser wunderbaren Freundschaft im wahren Leben wohl etwas holpriger war. Aber das Ergebnis zählt.

Und dann haben die beiden jeweils noch engagierte Frauen an ihrer Seite – Friedrich liebt die rebellische Arbeiterin Mary Burns (Hannah Steele), über die er einen Zugang zum Proletariat erhält, dem der seine Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ widmet. Karl Marx hat Jenny (Vicky Krieps) an seiner Seite, die als Tochter des Landrates von Salzwedel ein ganz anderes Leben hätte führen können, als an der Seite des chronisch unter Geldmangel leidenden Karl. Aber Jenny von Westphalen entschied sich für den jungen Intellektuellen – und somit gegen ihre Klasse und für den Sozialismus. Sie tritt auch im Film immer wieder als kluge Stichwortgeberin auf, die ihrem geliebten Ehegatten bei der Formulierung schwieriger Gedanken hilft. Womit vermutlich die historische Rolle der Jenny Marx auch angemessen beschrieben wird. (Nebenbei gebar sie sieben Kinder, die irgendwie versorgt werden mussten, was in jenen Zeiten keineswegs einfach war – nur drei Töchter erreichten das Erwachsenenalter.)

Dennoch ist dieses ganze Stichwort-Dropping insgesamt eine Schwäche des Films: Es werden immer wieder bekannte Zitate bemüht, um bestimmte Konflikte oder Auseinandersetzungen anzudeuten, die Karl und Friedrich mit anderen Denkern ihrer Zeit hatten, die aber nicht weiter erklärt oder ausgeführt werden – wer hier nicht ohnehin schon weiß, worum es eigentlich geht, ist am Ende aber kein bisschen schlauer. (Ich habe den Film mit meiner Tochter angesehen, die sich gerade auf ihren Fachoberschulabschluss vorbereitet und sehr interessiert an Gesellschaft und Geschichte ist – an ihren Fragen habe ich gemerkt, dass der Film tatsächlich viel Vorwissen voraussetzt. )

Ähnlich ist es auch mit den Erkenntnissen, zu denen die beiden, oder eher die vier, mit der Zeit gelangen – es ist natürlich bezeichnend, dass Marx und Engels im „Bund der Gerechten“ die Parole „Alle Menschen werden Brüder“ durch „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ ersetzen:  Die klare Ansage ist Klassenkampf statt einer verschwurbelten „Wir-haben-uns-doch-alle-lieb“-Romantik. Allein dafür möchte ich Raoul Peck auf die Schulter klopfen.

Aber wer in dem breiten Publikum, auf das der Film offensichtlich abzielt, kapiert das tatsächlich? Wir kriegen doch seit Jahrzehnten erzählt, dass wir längst in einer angeblich klassenlosen Gesellschaft leben – was zwar eine verdammte Lüge ist, aber dennoch von erstaunlich vielen Menschen geglaubt wird: Jeder, der sich anstrengt, kann es nach ganz oben schaffen. Man muss nur wollen und gaaanz viel arbeiten. Und wer keine Arbeit hat, strengt sich halt nicht genug an. Oder hat was falsch gemacht. (Oder schon genug geerbt…)

Zurück zum Film: Was mir gefällt, ist, dass er in verschiedenen Sprachen gedreht wurde: Natürlich spricht man in Paris französisch und in England englisch – aber die Schwierigkeiten, mit denen die arbeitenden Menschen zu kämpfen haben, sind überall gleich. Natürlich müssen sich die Proletarier aller Länder vereinen, wenn sie eine Chance im Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse haben wollen.

Was wir derzeit aber erleben ist, dass der Kapitalismus längst global ist, während die Arbeiter verschiedener Länder gegeneinander ausgespielt werden – und das weiterhin mitmachen, ja sogar verstärkt wieder auf nationalistische Rattenfänger hereinfallen, die ihnen erzählen, dass früher doch alles viel besser gewesen sei. Oder gar in windigen Superkapitalisten wie Donald Trump einen Heilsbringer vermuten, was so ziemlich in jeder Hinsicht absurd ist, weil so einer nun wirklich der letzte ist, von dem man vermuten sollte, dass er ein Interesse daran haben könnte, an der Situation derer, die sein Vermögen tatsächlich erarbeitet haben, etwas zu verbessern.

„Wenn Sie weniger Kinder für sich schuften lassen würden, müsste Sie am Ende wohl selbst arbeiten!“ sagt Friedrich Engels im Film zu einem Fabrikbesitzer, der erklärt, dass er halt zusehen muss, wie sein Betrieb profitabel bleiben kann. Und damit komme ich zu einem letzten Zitat, diesmal von Hauptdarsteller August Diehl, der das Anliegen des Films damit angemessen zusammenfasst: „Wir leben in Zeiten, wo sich im Vergleich zu damals nicht so wahnsinnig viel geändert hat. Damals entstand die neue Sklavenklasse, das Proletariat. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass wir die Kinder, die für uns arbeiten, ans andere Ende der Welt und damit weit weg von uns ausgelagert haben.“

Allein deshalb lohnt es sich, den Film anzusehen, auch wenn das Elend der Arbeiterklasse in für meinen Geschmack viel zu schönen Bildern gezeigt wird.

Aber dafür gibt es auch einen passenden Film: Workingsman’s Death.

Hidden Figures

Na bitte, geht doch – Hollywood-Kino ohne Superhelden, wortkarge Rächer oder durchgeknallte Teenager. Hidden Figures war einer der Filme, auf die ich mich in diesem Jahr ganz besonders gefreut hatte. Und tatsächlich konnte er vieles von dem, was ich erwartet habe, einlösen. Vor allem gab es eine grandiose Taraji P. Henson zu sehen – schon in Person of Interest fand ich sie bemerkenswert, aber seit Empire bin ich bekennender Cookie-Fan. Auch wenn die eben so geniale wie disziplinierte Mathematikerin Kathrine Johnson ein ganz anderer Typ ist als die vulgäre, aber ebenfalls begabte und durchsetzungsstarke Musikproduzentin Cookie Lyon, die nach 17 Jahren im Gefängnis ihren Anteil an Empire fordert, das sie mitbegründet hat.

Doch zurück zu Hidden Figures. Zwar haben meine Recherchen ergeben, dass die Lebensgeschichten der NASA-Angestellten Kathrine Johnson, Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monaé) aus dramaturgischen Gründen nicht sehr wirklichkeitsnah erzählt werden – die drei waren keineswegs beste Freundinnen, wie der Film suggeriert, vermutlich kannten sie sich, wenn überhaupt nur flüchtig, schließlich war die NASA zu jener Zeit ein gigantisches Unternehmen. Aber im Grunde ist das auch egal, es geht schließlich um den Zeitgeist, der anhand dieser Geschichte offenbar wird.

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Hidden Figures ist kein Dokumentar-, sondern ein Spielfilm – hier geht es nicht darum, die Biografien der drei Hauptpersonen möglichst realitätsnah wiederzugeben. Vielmehr wird eine Geschichte erzählt, die aus dem Leben in jener Zeit gegriffen ist: Es werden beispielhaft die Lebensgeschichten dreier afroamerikanischer Frauen erzählt, die versuchen, entgegen aller Hindernisse, die ihnen die Gesellschaft in den Weg stellt, einen guten Job zu machen. Und, schließlich sind es Frauen, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Denn haben sie alle drei einen Traumjob ergattert: Sie dürfen an den Mercury- und Apollo-Programmen der NASA mitarbeiten! Das ist eine ganz große Sache, das erkennt sogar der Südstaaten-Cop, der die drei am Anfang des Films überprüft – drei schwarze Frauen, die eine Autopanne haben, das ist per se verdächtig. Doch die drei wirken seriös und kompetent – was sie auch sind, die in Mechanik begabte Dorothy kriegt den alten Schlitten auch wieder zum Laufen, sie werden sogar mit polizeilichem Geleitschutz auf der Überholspur zur Arbeit geleitet – vermutlich, weil der weiße Bulle wissen will, ob die NASA tatsächlich schwarze Frauen einstellt. Aber die NASA tut es – und wenn das so ist, dann muss das richtig und wichtig sein, schließlich geht es darum, die verdammten Commies auf dem Weg zum Mond noch zu überholen. Dazu ist jedes Mittel recht.

Der Sputnik-Schock im Jahr 1957 hatte die USA gedemütigt – dass die verhasste UdSSR einen Satelliten in eine Erdumlaufbahn bringen konnte und 1961 mit Juri Gagarin auch noch den ersten Menschen ins All schickte, hatte den Überlegenheitswahn der US-Amerikaner erheblich gedämpft. Nun wollten die USA, koste es, was es wolle, beweisen, dass sie technologisch weiterhin die überlegene Führungsmacht wären und legten entsprechend größenwahnsinnige Raumfahrtprogramme auf. Dafür wurden sämtliche verfügbaren Talente gebraucht – selbst wenn sie weiblich und schwarz waren.

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Denn dass die Sowjets unter anderem deshalb so erfolgreich waren, weil sie viel in die Volksbildung investierten und eben nicht nach Geschlecht und Herkunft diskriminierten, hatten die Amis schon mitbekommen, auch wenn ihnen das nicht gefiel. Was aber keineswegs bedeutete, dass diese rassistische und sexistische Diskriminierung nun aufgeben wurde. Das ist sie bis heute noch immer nicht – ja, es gab einen US-Präsidenten, der ein farbiges Elternteil hatte, aber genau besehen, ist Barack Obama kein Schwarzer, sondern ein Mischling, der genauso weiß wie schwarz ist. Und eine US-Präsidentin gibt es bislang nur in Fernsehserien, nicht aber im wahren Leben. Stattdessen haben die Leute kürzlich einen alten weißen Fascho und Rassisten als neuen US-Präsidenten gewählt. Es ist also nichts wirklich besser geworden.

Insofern finde ich es jetzt besonders wichtig, dass diesen Frauen mit Hidden Figures eine total überfällige Anerkennung zuteil wird. Sämtliche im Film gezeigten Schikanen gegen Schwarze waren zu der Zeit leider völlig normal – auch wenn die drei Frauen, um die es hier geht, bei der NASA laut eigenen Aussagen tatsächlich nicht so viel davon mitbekommen haben. Zwar gab es nicht nur nach Geschlecht, sondern auch nach Rassen getrennte Toiletten und Kaffeeküchen, aber darüber haben sich die farbigen Angestellten schon damals hinweggesetzt, ohne dass es irgendwelche negativen Folgen für sie gehabt hätte. Genau diesen Part haben die Filmemacher aber bewusst überzeichnet, eben um zu zeigen, wie hirnrissig diese Schikanen waren und sind. Und so greift schließlich der unter enormen Zeitdruck stehende Direktor Al Harrison (Kevin Costner) zum Vorschlaghammer, um die diskriminierende Beschilderung über den Damentoiletten zu entfernen – er kann es sich nicht leisten, für jeden Toilettengang seiner besten Mathematikerin 40 wertvolle Minuten zu verlieren.

Die Computertechnik steckte noch in den Kinderschuhen – heutzutage, wo sich jeder die Rechenleistung zahlreicher antiker Mainframe-Rechner mit seinem Smartphone in die Tasche stecken kann, ist das schwer vorstellbar – aber früher musste man vieles tatsächlich „zu Fuß“ ausrechnen – ich habe in meiner Schulzeit noch gelernt, wie gedruckte Logarithmus oder Wurzeltabellen zu nutzen sind. In der Serie Manhattan gibt es ebenfalls einen „Rechner“, nämlich ein Büro voller engagierter Frauen, die quasi per Rechenschieber die komplizierten Berechnungen für die Physiker ausführen, die herauskriegen wollen, wie man am besten eine Atombombe zur Zündung bekommt. Im Grunde war das auch in der Zeit, in der Hidden Figures spielt, nicht viel anders – allerdings waren die mechanischen Hilfsgeräte ausgefeilter und es gab erste Großrechner – die so groß waren, dass auch hier wieder der Vorschlaghammer zum Einsatz kam, weil die Bauteile nicht durch die Tür des Computerraums passten.

Dorothy Vaughan, die faktisch Abteilungsleiterin für eine Gruppe farbiger Mathematikerinnen ist, erkennt sofort, dass die neue IBM-Maschine nicht nur die Zukunft, sondern auch eine Bedrohung für ihren und die Jobs ihrer Mädels ist: Sie beschließt, zu lernen, wie man solche Maschinen programmiert und empfiehlt das auch ihren Kolleginnen: „Lernt Mädchen, macht euch unentbehrlich!“ Aber auch das Lernen wird den Frauen nicht leicht gemacht – als Dorothy sich in der Stadtbibliothek ein Buch über FORTRAN ausleihen will, wird sie rausgeworfen, weil sie in der Abteilung für Weiße danach gesucht hat. In der Abteilung für Farbige gibt es so etwas nämlich nicht. Doch die resolute Dorothy hat das Buch einfach eingesteckt. „Schließlich zahle ich meine Steuern“, erklärt sie ihren Kindern, „und davon werden diese Bücher gekauft. Wie kann ich etwas stehlen, das ich schon bezahlt habe?“

Ähnlich ergeht es auch Mary Jackson, die Ingenieurin werden und an der Konstruktion der Raumkapsel für die nächsten Mission mitarbeiten will. Ihr Abteilungsleiter Karl Zielinksi (Olek Krupka), ein Jude polnischer Herkunft, dessen Eltern im KZ ermordet wurden, ermutigt sie, daran festzuhalten: „Wenn Sie ein Mann wären und weiß, würden Sie da Ingenieur werden wollen?“ Und Mary antwortet: „Dann müsste ich es nicht mehr wollen, weil ich es schon wäre!“ Mary erstreitet sich schließlich den Zugang zu der einzigen Hochschule in Virginia, die genau die Kurse anbietet, die sie für ihre Qualifikation braucht, vor Gericht. Noch in den 60er Jahren wurden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten weite Teile der Bevölkerung aufgrund ihrer Hautfarbe von einer Hochschulbildung ausgeschlossen.

Wobei nicht vergessen werden sollten, dass auch hierzulande noch über Frauenquoten in Unternehmensvorständen diskutiert werden muss, weil Frauen im Berufsleben noch immer systematisch benachteiligt werden – und was für weiße Mitteleuropäerinnen gilt, gilt um so mehr auch für farbige oder gar für  Kopftuchträgerinnen. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Arbeitgeber Frauen prinzipiell nicht so ernst nehmen wie Männer – ich habe selbst jahrelang eine Leitungstätigkeit ausgeübt, ohne ein entsprechendes Gehalt dafür zu bekommen. Aber es war halt niemand sonst da, der den Job gemacht hätte.

Genau wie bei Dorothy, die zwar aus dem Bewusstsein ihrer Verantwortung für die anderen und für die Sache heraus den Job eines Supervisors erledigt, aber nicht dafür bezahlt wird. Es war halt nicht vorgesehen, dass jemand wie sie (oder ich) Führungskraft sein kann – das gilt offenbar für schwarze und weiße Frauen gleichermaßen. Und erst, als ein sehr viel jüngerer Kollege mit sehr viel weniger Berufserfahrung eingestellt wurde, der auf Anhieb mehr bekommen hat, als ich nach vielen Jahren treuer und aufopferungsvoller Dienste, ist mir der Kragen geplatzt. Wobei das auch nicht nachhaltig geholfen hat. Aber die Zeiten sind schlecht. Heute wie damals geht es darum, den Job zu behalten.

All die weißen Männer... Hidden Figures

All die weißen Männer… Hidden Figures

Doch zurück zur in die 60er und zur NASA. Hidden Figures zeichnet ein Panorama jener Zeit, das trotz der wirklich haarsträubenden Ungerechtigkeiten, die thematisiert werden, erstaunlich unterhaltsam ist. Was Gleichheit die Stärke und die Schwäche dieses Films ist: Ja, es ist eine wirklich gute Idee gewesen, kein moralinsaures Drama aus dieser Geschichte zu machen – das hätte bei aller guten Absichten gewiss nicht nur mich total genervt. Insofern war geschickt, die ewig langen Wege, die Katherine zum abgelegenen Klo für schwarze Frauen zurücklegen muss, mit unterhaltsamer Tanzmusik der 60er Jahre zu unterlegen. Überhaupt finde ich den Soundtrack gelungen, obwohl das nicht unbedingt meine Lieblingsmusik ist – auf diese Weise wird vermittelt, was diese Zeit eben auch hatte: Eine gewisse Aufbruchstimmung und Zuversicht in die Zukunft – die Leute damals gingen davon aus, dass sie sich dafür krumm legen, dass es künftigen Generationen besser gehen wird.

Das ist ein nicht zu unterschätzender Antrieb. Darum beneide ich die Generationen vor mir. Heute müssen wir davon ausgehen, dass es den künftigen Generationen schlechter gehen wird. Das ist schon jetzt sehr deutlich zu spüren. Ja, Zukunft war wirklich schon mal besser.

Es ist gut, dass Hidden Figures den bisher unbekannten Kämpferinnen für eine bessere Zukunft ein Denkmal setzt. Ich persönlich – und das empfinde ich als die Schwäche des Films – hätte mir ein paar mehr Details gewünscht. Der Vorspann erzählt in sehr groben Zügen etwas über die Kindheit von Katherine – aber ich hätte auch gern mehr über Dorothy und Mary erfahren. Genau wie ich auch gern mehr über Colonel Jim Johnson (Mahershala Ali) wüsste, der schließlich erfolgreich um die Hand der brillanten Witwe Katherine anhält. Und auch darüber hätte ich gern mehr gewusst – wer war der Vater von Katherines Töchtern? Ich weiß, das ist komplex, aber als geübter Zuschauerin hätten mir ein paar kurz eingestreute Hinweise genügt – hier finde ich den Film dann doch etwas unterkomplex.

Andererseits ist das auch okay, Filme, die jede Menge Geschichten anreißen ohne sie zu erzählen, nerven mich auch – das prominenteste Beispiel dafür dürfte Cloud Atlas sein. Hidden Figures geht okay als unterhaltsamer Film über eine hässliche Seite des amerikanischen Traums. Und auch als ebenso unprätentiöses wie überfälliges Heldinnen-Biopic. Aber ein epochemachendes Meisterwerk ist der Film nicht. Und das ist nichtmal schade, weil: Ansehen lohnt sich doch. Übrigens spielen auch Kirsten Dunst und Jim Parsons mit – in nicht gerade vorteilhaften Rollen. Figuren eben, die entgegen aller Evidenz an der Überlegenheit der weißen Rasse festhalten. Auch wenn ihnen das vermutlich gar nicht bewusst ist.

La La Land – Herzschmerz, aber richtig

„Nee, das sind ja mehr als zwei Stunden Zeitverschwendung“, erklärte mein Freund kategorisch, „den Film musst du dir allein ansehen!“ Was ich dann auch tat – und wie ich erwartet hatte, sind die 128 Minuten La La Land kein bisschen Zeitverschwendung. Das schreibe ich, obwohl ich kein großer Fan von Musical-Filmen bin und sonst auch nicht viel für romantische Komödien übrig habe. La La Land ist auch eher eine nostalgische Satire auf RomComs, Musicals und die Traumfabrik von Hollywood – genau das ist der Witz daran.

Schon die Anfangssequenz macht klar, dass es hier um ganz großes Kino geht: Es gibt einen der notorischen Dauerstaus, mit denen sich die dynamische Individualverkehrsgesellschaft ad absurdum führt: Die Bewohner von Los Angeles stehen mit ihren Autos pro Jahr im Durchschnitt 81 Stunden im Stau und halten damit den US-Rekord – was in La La Land dazu genutzt wird, um eine epische Tanznummer daraus zu machen: Nachdem eine Autofahrerin einfach singend aus ihrem durch den endlosen Stau auf dem Highway nutzlosen Gefährt aussteigt und über Autobahn und Fahrzeuge tanzt, gibt es kein Halten mehr und nach und nach machen alle mit, inklusive einer Band, die zuvor in einem Lastwagen verborgen war. Das alles ist zwar völlig sinnfrei, macht aber Spaß und ist die perfekte Einstimmung auf alles, was folgt.

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

Eine dermaßen übertriebene Hollywood-Tanznummer macht klar, dass der Film von hinten bis vorn nicht ernst gemeint sein kann – wir sind hier eher in der Kategorie von Hail Caesar (in dem es eine wahnsinnig gute Tanzszene mit Channing Tatum als Matrose gibt), nur ohne George Clooney, Sandalen, die Coens und verschrobene Kommunisten. Dafür aber mit Ryan Gosling und Emma Stone, die auf dem Weg sind, ein echtes Hollywood-Traumpaar zu werden, vielleicht nicht wie Ginger Rogers und Fred Astaire, obwohl sie hier auch tanzen, eher cool und launisch wie Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Jedenfalls wäre das meine Präferenz.

Mia (Stone) und Sebastian (Gosling) sind eben keine hoffnungslosen Träumer, wie ich in einer anderen Kritik las, die gern zitiert wird, sondern im Gegenteil ziemlich illusionslose Realisten – Mia ist eine ziemlich begabte, aber total unbekannte Schauspielerin, die leider auch niemanden kennt, der  ihr irgendwo eine entscheidende erste Rolle verschaffen könnte, Sebastian ist ein sehr guter Jazz-Pianist, der was Jazz betrifft, einen sehr expliziten Musikgeschmack hat, mit dem er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber einfach nicht landen kann. Die beiden tun trotzdem, was sie tun müssen: Zu jedem blöden Vorsprechen bzw. Vorspielen gehen, in der Hoffnung, doch einen Fuß in die Tür zu kriegen und ansonsten gehen sie ihren öden Brotjobs nach, denn Geld verdienen muss man ja, gerade in Los Angeles. Dem La La Land, in dem Träume wahr werden – wenn auch nur die Träume der wenigen, die es schaffen, ihre persönlichen Traum zu leben. Und auch das geht nicht immer gut aus.

Die beiden laufen sich immer wieder mal über den Weg – aber wie in jedem guten Skript braucht es auch in La La Land Missverständnisse, Konfusion, Probleme. Und natürlich eine vernünftige Struktur, die sich hier an die Jahreszeiten hält, beginnend mit Winter. Und wie das so ist: Im Frühling schmilzt das Eis, im Sommer ist das Leben leicht und schön, im Herbst beginnen erneut die Schwierigkeiten und nun ja, es wird wieder Winter, was dann quasi der Epilog ist.

Aber zum Anfang zurück: Mia bedient in der Betriebskantine von Warner Bros, und hat damit all das, was wofür sie leben will, schmerzhaft dicht vor der Nase, nur dass sie eben unsichtbar ist und nicht dazu gehört. Sebastian, der Bud Powell und Thelonious Monk verehrt, muss Weihnachtslieder für ein gelangweiltes Publikum spielen und sich später als Keyboarder in einer Coverband, die auf Parties spielt, durchschlagen. So trifft er auch Mia wieder, die natürlich auch überall hin geht, wo sie möglicherweise jemanden trifft, der hilfreich sein kann. Aber es läuft an dem Tag für beide nicht gut – auf der Suche nach ihren Autos, die irgendwo geparkt sein müssen, treffen sie sich wieder, passend zum Sonnenuntergang. Und das führt ebenfalls zu einer tollen Tanzszene – Mia hat ihre Stepdance-Schuhe in der Handtasche dabei, was auch ein netter Gag ist – und dann gibt es einen minutenlangen Take ohne Schnitt, das ist einfach klasse. Doch, eigentlich mag ich Tanzfilme. Sie müssen nur gut sein.

Und wie das dann so kommen muss: Mia und Sebastian werden ein Paar und bestärken sich gegenseitig, ihre jeweiligen Projekte voran zu treiben – natürlich verstehen sie einander: Sie wollen einfach das tun, in dem sie gut sind. Obwohl Mia anfangs damit kokettiert, dass sie Jazz hassen würde, mag sie doch die Musik, die Sebastian spielt und redet ihm zu, seinen Traum vom eigenen Jazzclub zu verwirklichen, sie entwirft sogar ein Logo dafür.

Sebastian wiederum erklärt Mia, dass sie nicht länger für blöde Rollen vorsprechen solle, sondern sich besser selbst eine gute Rolle auf den Leib schreiben solle – wie wäre es mit einem eigenen Theaterstück? Verrückt – aber warum eigentlich nicht? Mia beginnt, ein eigenes Stück zu schreiben. (Und nebenbei, Brit Marling zum Beispiel fährt ganz gut mit dieser Strategie, nur schreibt sie Drehbücher und nicht Stücke) Doch wie das so ist – neben der Beziehung gibt es jede Menge Verpflichtungen und in unserer Konkurrenzgesellschaft ist es schwer, beides unter einen Hut zubekommen.

Und so kommt es, wie es kommen muss – Sebastian bekommt das Angebot, in einer Cross-Over-Jazz-Band, die eigentlich Musik macht, die er gar nicht so gut findet, Karriere zu machen – aber eben mit dem Preis, dass er dann die nächsten Jahre mit eben dieser Band auf Tour ist. Mia hingegen schreibt ihr eigenes Stück, produziert es selbst und spielt die einzige Rolle – aber geht damit wirtschaftlich unter.

Aber Ironie des Schicksals – eine Produzentin, die Sebastian kennt, hat Mias Stück gesehen und ist begeistert – auch wenn sonst kaum jemand es gesehen hat. Sebastian kann Mia, die aufgeben will und zu ihren Eltern nach Boulder City, Nevada, zurückgezogen ist, überzeugen, zu einem weiteren Vorsprechen zu gehen. Natürlich wird das ihr Durchbruch – auch wenn sie jetzt erst einmal nach Paris gehen muss. Und Mia macht Sebastian klar, dass dieses Projekt, bei dem er gerade mit macht, doch nicht das ist, was er eigentlich wollte. Aber sie verlieren sich aus den Augen – sie sind zu sehr damit beschäftigt, ihre jeweiligen Karrieren voranzutreiben. Wie das Leben so spielt.

Fünf Jahre später ist Mia eine anerkannte und etablierte Schauspielerin – mit ihrem Ehemann und der kleinen Tochter macht sie einen Abstecher nach Los Angeles. Und wie so oft, stehen sie im Stau – Mia ist dafür, dass sie einfach abbiegen und etwas anderes tun. Sie landen in einem Jazz-Club, in dem Mia das Seb’s-Logo erkennt, das sie für Sebastian entworfen hat. Und tatsächlich, später kommt Sebastian auf die Bühne und spielt – er hat also auch seinen Traum verwirklicht.

Die beiden erkennen einander – und im Schnelldurchlauf gibt es den Film, der ihr beider Leben hätte sein können, wenn nur, ach wenn –

Doch, genau das ist großes Kino. Das Spiel mit den Möglichkeiten, aber jeder weiß, dass das Leben nicht so ist. Und auch der Film weiß das bzw. seine Macher. Und auch wenn man seinen Traum lebt, ist das Leben eben Leben und kein Traum. Mit allen Härten und Konsequenzen. Es kommt eben immer anders. Selbst, wenn das, was man erwartet hat, entgegen aller Wahrscheinlichkeit eintritt. La La Land ist kein Film für Träumer. Es ist ein Film für alle, die Filme übers Filmemachen lieben. Die mit kitschiger Ironie klar kommen, nicht gegen Jazz und Musical allergisch sind und zwei Stunden und acht Minuten Zeit haben. Für die kann La La Land ein Riesenspaß sein. Obwohl, die sieben Golden Globes, die La La Land kürzlich abgesahnt hat – das war wohl eher eine Verzweiflungstat, wenn auch eine nachvollziehbare. Mir gehen ja selbst die ganzen Superheldenmovies und Thriller auf die Nerven. La La Land ist halt mal wieder was anders.

Aber sieben Golden Globes?! Total Übertrieben. Aber Jimmy Fallon’s Cold Open für die Golden Globes versteht eigentlich nur, wenn man den Anfang von La La Land gesehen hat.

Einer der besseren Oliver-Stone-Filme: Snowden

Mit Oliver-Stone-Filmen ist das so eine Sache, es gibt schon welche, die ich richtig gut finde, U Turn beispielsweise ist ein meiner Ansicht nach total unterschätztes Meisterwerk, und Savages ist alles in allem auch ein guter Film, in dem ein paar freundliche und geniale Freaks versuchen, ausgerechnet im knallharten Drogengeschäft eine Art alternativen Kapitalismus einzuführen. Aber so funktioniert diese Welt halt nicht, wie sie brutalstmöglich erfahre müssen. Und dass Stone die Fidel-Castro-Doku Comandante gemacht hat, finde ich in Zeiten eines irrationalen Antikommunismus, der das realsozialistische, aber noch immer real existentierende Kuba als Zielscheibe hat, mehr als beachtlich – zumal Stone Fidel als nachdenklichen und durchaus sympathischen Landesvater porträtiert, dem vor allem am Wohlergehen der Leute in seinem Land gelegen ist – was gewiss auch zutrifft. Über Donald J. Trump könnte man einen ähnlichen Film unmöglich machen.

Aber dann gibt es auch wieder Filme, die ich schrecklich finde, gerade diese Patrioten-Filme über den Vietnam-Krieg, die ja auch irgendwie kritisch sein wollen, aber eigentlich vor allem zeigen, wie übel den armen Männern mitgespielt wird, die sich für ihr Land und ihre Sache opfern.  Anstatt zu hinterfragen, was das denn für eine bescheuerte Einstellung ist, die sie überhaupt in dieses Schlamassel gebracht hat – damit habe ich echt ein Problem. Denn hier wird letztlich ja bestätigt, dass das irgendwie eine gute Sachen gewesen ist, die sämtliche Opfer irgendwie rechtfertigen würde, wenn man nur mit den eigenen Jungs korrekt umgegangen wäre – was aber die böse US-Regierung nicht getan hat. Insofern habe ich natürlich auch ein Problem mit Snowden. Also nicht, weil ich annehmen würde, dass die US-Regierung eigentlich total menschenfreundlich wäre – das ist übrigens keine Regierung auf der Welt, und gerade die demokratisch gewählten können dabei besonders übel drauf sein, denn sie wurden ja vom Volk gewählt und exekutieren somit Volkes Willen, was per se gut sein muss, auch wenn die Leute das nicht so empfinden.

Und das macht die Causa Snowden auch so krass: Hier wird ein Mann als Verräter an die Wand gestellt, der ja nun wirklich ein hoffnungsloser Patriot ist und sich für die gute Sache opfert – das ist einerseits unglaublich bescheuert, weil es ihm von den entscheidenden Leuten nicht gedankt wird, im Gegenteil. Andererseits ist das aber auch wieder irgendwie – ja, ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll, aber es bewegt mich, und ich bewundere Menschen, die sich in vollem Bewusstsein der schrecklichen Konsequenzen trotzdem hinstellen und sich sagen, einer muss es ja tun. Und es tun, weil sie es können. NSA-Geheimnisse zum Beispiel kann ja nur einer verraten, der sie kennt.

Wobei ich aber auch sagen muss, dass ich den Film als Film ziemlich gut fand – ich hatte im Vorfeld ziemlich viel Negatives gehört und gelesen, insofern war ich jetzt positiv überrascht. Was erwartet man denn von einem Spielfilm über einen solchen Typen? Natürlich wird da eine Story nach dramaturgisch interessanten Gesichtspunkten aufbereitet – nur so funktioniert ein Spielfilm, mit dem man Menschen ins Kino locken will. Wenn man wissen will, wie das mit Snowden denn jetzt wirklich gewesen ist, kann man sich Citizenfour ansehen. Was ich auch ausdrücklich empfehle, das ist die Doku dazu – und zwar eine ziemlich gute. Nebenbei setzt Oliver Stone ja auch Laura Poitras (gespielt von Melissa Leo) ein Denkmal, die Citizenfour gemacht hat.

Der Film von Oliver Stone allerdings ist schon eine Art aktualisierter Neuauflage von Geboren am 4. Juli, was nicht unbedingt für diesen Film spricht – aber andererseits wird eben auch gezeigt, dass es in dieser Welt beim besten Willen keinen Grund gibt, der rechtfertigen würde, die Geheimdienste tun zu lassen, was sie tun können: Nämlich alle und jeden auf der Welt ständig zu überwachen. Und genau deswegen wird der konservative Patriot Edward Snowden auch zum Verräter. Oder zum Freiheitshelden, je nach Betrachtungsweise.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Meiner Ansicht nach hat Stone Edward Snowden nicht mal übertrieben glorifiziert – er beschreibt einen cleveren jungen Mann, der seinem Land dienen will, was ich persönlich ziemlich fragwürdig finde. Ich finde es gut, Menschen zu helfen und dafür einzutreten, die Lebensumstände aller zu verbessern.  Aber für einen Staat einzutreten, der – und das muss einem intelligenten Menschen wie Snowden doch auch klar sein, in allererster Linie versucht, dem Rest der Welt seine eigenen Interessen aufzuzwingen – das ist bornierter Patriotismus und das lehne ich ab. Da kann man sich ja auch gleich „Make Germany Great Again“ aufs T-Shirt drucken. Und leider gibt es mehr als genug Dumpfbacken, die sich das endlich wieder trauen wollen. Aber ich schweife ab.

Wer ist also Edward Snowden? Zuallererst einmal ein blasser Streber, der sich unter dem Eindruck von 9/11 freiwillig zur Army meldet, er will zu den Special Forces und sein Land verteidigen. Doch Ed ist einfach zu schwach – während des harten Trainings erleidet er Ermüdungsbrüche in den Beinen, weshalb er gegen seinen Willen ausgemustert wird. Aber es gäbe da noch andere Möglichkeiten, seinem Land zu dienen, erklärt ihm ein Kontaktmann der CIA – er sei doch ganz gut mit Computern? Ed macht also einen Eignungstest für die CIA – und eigentlich würde er den nicht bestehen, wie sein Prüfer ihm andeutet – aber sie bräuchten jetzt genau solche Typen wie ihn. Also bekommt Ed eine Chance.

Und die nutzt er und löst die Aufgabe, die den Prüflingen gestellt wird, nicht in den dafür vorgesehenen fünf bis acht Stunden, sondern in 38 Minuten. „Sie haben nicht gesagt, in welcher Reihenfolge ich das bearbeiten soll, da habe ich schon mal…“ – keine Frage, Ed bekommt den Job, und er ist wirklich gut darin. Offenbar ist Ed ein begnadeter Programmierer, der Spaß daran hat, alles, was er tut, so effizient wie möglich zu erledigen – und das stellt sich dann auch als fatal heraus, als er später feststellen muss, dass ein Programm, das von ihm eigentlich als Backup-Lösung entworfen wurde, dazu benutzt wird, um das Überwachen beliebiger Menschen einfacher zu machen. Das gefällt ihm nicht.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shaylene Woolley) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shailene Woodley) Bild: http://www.snowden-film.de

Und dann lernt Ed auch noch ein Mädchen kennen. Lindsay (Shailene Woodley) ist sexy, liberal und offen, all das, was Ed nicht ist, aber so gern wäre – und weil er ja ein intelligenter junger Mann ist, der vielleicht ein bisschen blass ist – sein Spitzname im Job ist Schneewittchen – aber eigentlich nicht hässlich, interessiert sich Lindsay für ihn, sie verliebt sich sogar in ihn – und er sich in sie. Ich erinnere mich, einige Kritiken gelesen zu haben, die gerade diesen Teil der Geschichte irgendwie blöd fanden „Im Bett mit Edward Snowden“ – „wollen wir ihm wirklich beim Sex zusehen?“

Aber die haben meines Erachtens nicht kapiert, worum es dabei eigentlich geht – natürlich ist es eigentlich gar nicht dermaßen spannend, wie das Sexleben des vermutlich bekanntesten Whistleblowers der Welt aussieht, und ich nehme an, dass es tatsächlich eher unspektakulär ist, wobei ich es Ed total gönne, überhaupt eins zu haben. Die Sexszene ist wichtig, weil ein offenbar inaktiver Laptop aufgeklappt auf dem Tisch steht und Ed weiß, dass die Kamera aktiv sein könnte, auch wenn das Kameralicht nicht leuchtet – er weiß eben auch, dass das ein Trick ist: Die Menschen fühlen sich unbeobachtet und genau das macht die Überwachung so effektiv.

Und er ist ein Teil dieser Überwachungsmaschinerie und fühlt sich zunehmen schuldig – vor allem, weil er irgendwann eifersüchtig wird und anfängt, seine eigene Freundin zu überwachen – was er gegenüber der internen Untersuchungskommission auch gesteht: Ja, er hat die NSA-Programme tatsächlich für sich selbst genutzt, über die vorgesehen Zwecke hinaus. Aber genau deshalb weiß er auch, wie groß die Versuchung ist. Und er ist ja einer der Gewissenhaften. Was, wenn ein weniger mit Skrupeln belasteter Mensch anfängt, die Maschinerie für seine Zwecke zu nutzen?

Es gibt eine Szene in der vierten Staffel von House of Cards, in der genau diese Frage gestellt wird – da noch für den vergleichsweise harmlosen Zweck die US-Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. (Hahaha) Frank Underwoods Gegenkandidat hat gute Beziehungen zum Chef einer Suchmaschine – zwar nicht Google, aber immerhin: Mit der Auswertung der Suchdaten kann Will Conway seine Kampagne auf das, was die Leute wollen, optimieren. Natürlich kotzt Frank das an – aber er ist ja bereits Präsident der USA. „Was ist schon eine Suchmaschine gegen die NSA?“ fragt er und fängt an, eine Bedrohung zu konstruieren, die es ihm erlaubt, auf die schier unendlichen Möglichkeiten des Überwachungsapparates zurückzugreifen, die unter anderem der engagierte Programmierer Edward Snowden mit geschaffen hat.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

In der Serie ist das noch eine coole Wendung, bei der einem die Gänsehaut über den Rücken läuft. Im Film Snowden macht das überhaupt keinen Spaß, weil man weiß, dass es eben keine Fiktion ist, sondern die schreckliche Realität. Die Botschaft ist nicht, dass auch ein blasser Nerd wie Ed tatsächlich auch eine Freundin haben kann, die mit ihm schläft – die Botschaft ist, dass Sex quasi ungeschützt vor den Geheimdiensten stattfindet, wenn ein Computer im Raum ist, dessen integrierte Kamera und Mikrofone nicht extra blockiert werden, damit die Überwachung nicht so einfach ist. Und dass Ed damit ein Problem hat. Bestimmt ist das nicht der entscheidende Punkt, warum er irgendwann tut, was er zu tun hat. Aber genau damit wird gezeigt, wie wenig Privatsphäre heute noch wert ist: Sie ist im Grunde nicht mehr vorhanden, wenn man sie sich nicht extra erschafft.

Die Art, wie Snowden mit diesen Dingen an die Öffentlichkeit gegangen ist, zeigt auch, dass er intensiv darüber nachgedacht haben muss, was danach passieren wird. Und dass er zu dem Schluss gekommen ist, dass er die ganzen Daten, die er aus dem System geschmuggelt hat, eben nicht einfach Wikileaks zuspielen kann, damit sie unkommentiert veröffentlicht werden, weil das zu gefährlich ist. Das ist übrigens auch, was ich an Wikileaks ausdrücklich kritisiere – man kann bestimmte Informationen nicht einfach veröffentlichen. Transparenz ist gut, aber nicht, wenn sie Menschenleben bedroht. Der Glaube, dass alles gut würde, wenn nur jeder über alles informiert wäre, ist bestenfalls naiv, tatsächlich aber vollkommen bescheuert.

Snowden hat sich stattdessen einer Auswahl von in diesen Dingen besonders qualifizierten Journalisten anvertraut – was definitiv für ihn spricht. Das ist es auch, was ein Assange nicht kapiert: Quellenschutz ist wichtig, ja, geradezu existenziell. Genau deshalb gibt es ja eben auch Journalisten – Menschen, die sich, wenn sie ihren Job ernst nehmen, eben einen Kopf machen, was man veröffentlichen kann und was nicht. Und die auch darüber nachdenken, wie man was veröffentlicht. Was nicht heißen soll, dass es tatsächlich eine unabhängige Presse gibt als vierte Gewalt im Staat gibt, die zu unrecht als Lügenpresse diffamiert wird: Natürlich folgen auch Journalisten Interessen – es hat sich gerade bei der US-Präsidentschaftwahl gezeigt, dass „die Presse“ auch komplett versagen kann: Die Vorstellung, ein Donald Trump könne US-Präsident werden, schien den maßgeblichen Redakteuren einfach zu absurd.

Und genau das zeigt eben auch die Grenzen dieser vierten Gewalt: So einfach geht das nicht mit der Propaganda. Aber zurück zu Snowden: Der hat sich auf die Kernkompetenzen ausgewählter Profis verlassen und ich denke, dass das gut war – und das kommt im Film meiner Ansicht nach auch gut rüber.

Genau wie die Überraschung der ehemaligen Förderer, die feststellen müssen, dass ihr Schützling sich ganz anders als erwartet entwickelt hat. Und ich finde es erbärmlich, dass sich der Friedensnobelpreisträger Barack Obama nicht dazu durchringen konnte, den Landesverräter Edward Snowden zu begnadigen – damit hätte er nun wirklich mal ein Zeichen setzen können. Aber ein Obama ist eben auch nur so ein US-Politfunktionär, der die Interessen seiner Nation zu verteidigen hat, auch wenn das gegen das Interesse von so ziemlich allen Menschen im Rest der Welt geht.

Ich persönlich finde es extrem gruselig, dass ein Donald Trump als Präsident Zugriff auf den mächtigsten Überwachungsapparat der Welt haben wird – vermutlich wird er den nicht wie Frank Underwood nur dazu benutzen, um politische Gegner aus dem Weg zu räumen. Man kann nur hoffen, dass sich noch ein paar Snowdens finden, um das Schlimmste zu verhindern. Aber andererseits ist Trump ein dermaßen gnadenloser Populist, dass er seine Sicht von Snowden möglicherweise noch komplett revidiert. Wie auch immer – meiner Ansicht nach lohnt es sich durchaus, den Film anzusehen: Man kann sich gar nicht oft genug klar machen, wie engmaschig und ausführlich jede und jeder heute bereits überwacht wird.

Tallulah: Die Lebenslügen der anderen

Netflix meinte vor einigen Tagen, dass mir der Film Tallulah gefallen könnte – und hatte damit tatsächlich recht. Aber jetzt, da auch Netflix-Kunden der ersten Stunde mehr bezahlen müssen, kann ich schließlich erwarten, dass neuen Content für mich gibt – und den gibt es, etwa Stranger Things, Marcella, die zweiten Staffeln von Marco Polo und von Manhattan. Praktisch, dass jetzt auch das Wetter wieder schlechter wird, damit ich wieder mehr netflixen kann.

Tallulah ist das Regiedebüt der Drehbuchautorin Sian Heder, die unter anderem an den Serien Men of a Certain Age und Orange is the New Black beteiligt war. Nun bin ich zwar kein Fan von Orange is the New Black, aber die Titelrolle der Tallulah spielt Ellen Page, was mich neugierig machte. Ellen Page hatte ihr Schauspiel-Debut in der von mir sehr geschätzten kanadischen Serie Regenesis und spielte unter anderem in dem Independent-Thriller The East mit.

Tallulah (Elle Page) und die kleine Madison

Tallulah (Elle Page) und die kleine Madison

Tallulah ist eine Herumtreiberin, die in ihrem Van lebt und mit ihrem Freund Nico (Evan Jonigkeit) durch die Vereinigten Staaten streift. Sie kommt offensichtlich aus chaotischen Verhältnissen und tut den ganzen Tag, was ihr gerade so einfällt. Eines Tages streitet sie sich mit ihrem Freund, weil er anfängt, merkwürdige Ideen zu haben – er hat ihre verrückten Einfälle satt und überhaupt dieses ganze Vagabundieren. Er will solide werden und irgendwas Sinnvolles mit seinem Leben anfangen.

Das ist so ziemlich das letzte, was Tallulah interessiert – sie verlässt ihn, was sie aber schon wenig später bereut. Um ihren Freund wiederzufinden, fährt sie nach New York, weil sie weiß, dass dort Nicos Mutter wohnt. Sie schafft es auch, bis zu dieser Mutter vorzudringen – Margo (Allison Janney) ist aber wenig begeistert über diesen Besuch, weil sie ahnt, dass es Tallulah in erster Linie um Geld geht – und hat sie tatsächlich keine Ahnung, wo Nico ist.

Margos Sohn ist vor zwei Jahren mit eben dieser Tallulah abgehauen und hat sich seit dem nicht mehr bei ihr gemeldet. Außerdem will sich ihr Mann gerade von ihr scheiden lassen – er lebt jetzt mit einem anderen Mann zusammen. Problematisch ist daran vor allem, dass die Wohnung, in der Margo wohnt, eigentlich eine Dienstwohnung der Universität ist – sie darf hier eigentlich gar nicht mehr hier sein. Margo ist keine Professorin wie ihr Ex, aber auch Akademikerin – sie schreibt Bücher über die Institution der Ehe. Ausgerechnet.

Aber Tallulah gibt so schnell nicht auf. Sie parkt ihren Van in der Nähe und klaut sich in den umliegenden Hotels ihr Frühstück zusammen. Dabei wird sie von Carolyn (Tammy Blanchard) überrascht, die sie für eine Hotelangestellte hält. Carolyn hat einen Babysitter bestellt – sie will ausgehen und irgendwer muss auf ihre kleine Tochter Madison aufpassen, die nackt mit einer Bierflasche in den kleinen Händen durch das Hotelzimmer stolpert.

Tallulah versucht, das Missverständnis aufzuklären – einerseits lässt sie sich gern ins Zimmer bitten, denn Carolyn scheint Geld zu haben und offensichtlich auch einen in der Krone, weshalb sie ein willkommenes Opfer für die routinierte Trickdiebin darstellt. Andererseits ist sie ganz offensichtlich als Mutter überfordert oder zumindest extrem nachlässig – was selbst eine verantwortungslose Spontifrau wie Tallulah bedenklich findet. Tallulah erklärt zwar, dass sie keine Ahnung von kleinen Kindern habe und keineswegs die bestellte Babysitterin sei, doch Carolyn ist dermaßen erpicht auf ihr Date, für das sie sich aufgedonnert hat, dass ihr völlig egal ist, was Tallulah sagt. Sie lässt die fremde Frau mit ihrer Tochter allein und verschwindet.

Tallulah nimmt daraufhin erst einmal ein Bad und lässt es sich auch ansonsten gut gehen – wann hat sie schon mal eine solche Gelegenheit. Und sie bekommt Mitleid mit dem armen Kind, was offenbar immer wieder sich selbst überlassen wird. Vielleicht sieht Tallulah sich selbst in dem kleinen Mädchen – jedenfalls beschließt sie spontan, das Kind mitzunehmen, um es vor seiner unfähigen Mutter zu retten, als diese deprimiert und vollgedröhnt zurückkehrt – total unfähig, sich um ihre verzweifelt weinende Tochter zu kümmern.

Beim nächsten Versuch, mit Margo zu reden, gibt sie das Kind als ihr eigenes aus und behauptet, Nico sei der Vater. Natürlich ist Margo weiterhin misstrauisch, aber dann gewinnen ihre Oma-Instinkte die Überhand – sie lässt sich tatsächlich darauf ein und Tallulah samt Kind in ihre Wohnung. Was eine extreme Herausforderung für Margo ist, die viel von Ordnung und Regeln hält – und von Familie.

Tallulah nutzt das einerseits unverschämt aus – andererseits ist sie gerade dabei, zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Verantwortung zu übernehmen, nämlich für dieses arme kleine Kind, das ihr da in den Schoß gefallen ist. Sie gibt sich wirklich Mühe, auch wenn schnell offensichtlich wird, dass sie mit der Situation nicht weniger überfordert ist, als die echte Mutter – die inzwischen realisiert hat, dass ihre kleine Tochter vermutlich entführt wurde und aus Angst vor ihrem Mann, den sie hemmungslos betrügt, jetzt total durchdreht.

Carolyn ist einerseits klar, dass sie es nicht anders verdient hat – sie hat ihr Kind ja nun wirklich sträflich vernachlässigt, was die auf den Entführungsfall angesetzten Ermittler Detective Richards (David Zayas) und Detective Kinnie (Uzo Aduba) in ihrer traurigen Routine schnell kapieren: Carolyn ist eine schlechte Mutter, und sie hat jetzt in erster Linie Angst, dass ihr Mann ihr den Geldhahn zudreht, nachdem sie ihr einziges Kind verschlampt hat. Die hysterische Sorge um ihre Tochter ist eine ekelhafte Mischung aus Zukunftsangst und Selbstmitleid. Trotzdem müssen sie dieses Kind nun finden. Es gibt viel Elend in der Welt und das ist aus ihrer Perspektive die Luxusvariante davon.

Aber Carolyn entdeckt nun doch ein paar Muttergefühle in sich – sie hat sich zwar immer wieder gewünscht, dass Madison einfach aus ihrem Leben verschwinden würde, aber nun vermisst sie ihre Tochter tatsächlich und will sie unbedingt wieder finden.

Für Tallulah wird es eng, die Medien berichten über den Fall, es gelingt ihr zwar, die gutgläubige Margo auszutricksen, aber Margos Ex ist weniger leichtgläubig. Stephen (John Benjamin Hickey, Dr. Winter aus Manhattan) mag zwar gegenüber seiner Frau ein Arschloch sein, aber blöd ist er nicht. Er durchschaut Tallulah sogar, ohne die Zeitung gelesen zu haben.

Tallulah sei ein Film über das Muttersein, habe ich irgendwo gelesen – und es kommt natürlich auch irgendwie vor. Was ich viel wichtiger finde, ist, dass es ein Film über Erwartungen ist, die Menschen an das Leben haben – und dass alle irgendwie falsch damit liegen: Weder das totale Spontitum, das Tallulahs wirrer, aber vitaler Lebensinhalt ist, noch das ordentliche Familien- und Lebensmodell von Margo, noch der selbstmitleidige Egotrip von Carolyn und letztlich auch die Schwulenidylle ihres Ex Stephen sind Modelle, die für das wahre Leben taugen. Und so stehen sich alle selbst im Weg, statt naheliegende Dinge zu tun.

Was ja auch nicht so einfach ist. Irgendwann zieht  Margo endlich diese roten Highheels an, die sie zu eben diesem Zweck gekauft hat und bittet den freundlichen, gut aussehenden Concierge auf ein Glas Wein in ihr Appartement. Sie doziert eine Weile über die Weine, die sie so im Regal hat, bis ihr der Mann gesteht, dass er eigentlich Biertrinker sei. Aber darum gehe es wohl weniger – er küsst sie, was eigentlich zu erwarten war, doch Margo bekommt dann doch wieder Angst vor ihrer eigenen Courage und schickt den Ärmsten weg, anstatt ihn flachzulegen, was ihr eigentlicher Plan gewesen ist.

Genau das mag ich an diesem Film – die Menschen sind alle so menschlich. Voller Ängste, voll mit Komplexen und diese ganzen vermeintlichen Freiheiten, mit denen sie kokettieren, sind offensichtlich Selbstbetrug. Das ist ein wirklich starker Plot – einer der stärksten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe – und er kommt ganz unspektakulär daher. Das ist genau die Art Film, von es viel mehr geben müsse, gerade in diesen Zeiten: Kein absurd teuer produziertes Überwältigungskino, sondern eine Analyse, wie Menschen ticken. Wie unsere Gesellschaft funktioniert. Dabei ist Tallulah kein gesellschaftskritischer Film im eigentlichen Sinne – genau das ist auch das gute daran. Es ist einfach ein erstaunlich ehrlicher Film über unsere Gesellschaft, der mit Tallulah eine sehr ambivalente Heldin hat. Tallulah kann ihre individuelle Freiheit nur auf Kosten anderer ausleben, die sie beklaut und ausnutzt. Aber sie bringt andere Menschen dazu, Dinge richtig oder wenigstens richtiger zu machen. Sie durchschaut die Lebenslügen der andern, scheitert aber an ihrer eigenen.

Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Film anzusehen.

Raum: 9 Quadratmeter Welt

Brie Larson hat in der diesjährigen Award-Saison für ihre Hauptrolle in Room (Raum) so ziemlich alle wichtigen Preise abgeräumt – und weil ich sie schon in Short Term 12 beeindruckend fand, musste ich mir den Film natürlich auch ansehen – was inzwischen auch schon wieder eine Weile her ist. Aber wie das manchmal so ist, hatte ich mir zwar ein paar Gedanken aufgeschrieben, aber bin nie dazu gekommen, eine Kritik fertig zu schreiben. Es kamen ja immer wieder neue Serien und Filme dazwischen.

Offizielles Filmplakat zu Raum

Offizielles Filmplakat zu Raum

Es war auch gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte – ich wusste ja, dass die Geschichte eine Roman-Verfilmung ist, der vom traurigen Schicksal der Elisabeth Fritzl inspiriert wurde: „Room“ von Emma Donoghue. Elisabeth Fritzl wurde vom eigenen Vater gut 20 Jahre in einem Kellerverlies unter dem Wohnhaus der Familie gefangen gehalten und gebar dort sieben Kinder, von denen drei ihr gesamtes Leben bis zur Befreiung in diesem Keller verbrachten. Unvorstellbar.

Aber es ist tatsächlich passiert.

Ein ähnliches Schicksal erleiden der kleine Jack (Jacob Tremblay) und seine Mutter. Joy Newsome (Brie Larson) wurde vor sieben Jahren von ihrem Peiniger, den sie nur Old Nick (Sean Bridges) nennt, verschleppt. Er hält sie in einem schallisolierten Raum mit einem Oberlicht gefangen. Dieser Raum ist für den kleinen Jake, der inzwischen seinen fünften Geburtstag feiert, seine komplette Welt. Er kennt ja nichts anderes. Der Film wird aus der Perspektive des Kindes erzählt, weshalb er trotz seiner überaus deprimierenden Handlung unerwartet frisch, ja fast märchenhaft daher kommt – was nicht alle Zuschauern gut finden.

In der Vorstellung, die ich besuchte, saß ich neben einem älteren Mann, der ständig seine Fach- und Filmkenntnisse an seine deutliche jüngere Begleiterin weiter geben musste, was nicht nur mir auf die Nerven ging. Nach eigener Aussage war er Psychiater und er regte sich sehr darüber auf, dass nichts, aber auch gar nichts an diesem Film echt sei – und wenn er nicht redete, hustete er ganz fürchterlich.

Zum Glück wurde ihm die Sache nach einer halben Stunde zu dumm und er verzog sich, nicht ohne seine Umgebung noch einmal wissen zu lassen, dass dieser Film eine ganz verlogene Scheiße sei.

Nun ja, eine Dokumentation über die schreckliche Gefangenschaft einer jungen Mutter und ihres Kindes, die komplett der Willkür ihres Entführers und Gefängniswärters ausgeliefert sind, ist Raum gewiss nicht. Der Film ist nicht objektiv, er will es auch gar nicht sein – eben weil die Geschichte aus der Sicht des kleinen Jack erzählt wird, der noch gar nicht begreift, was ihm da eigentlich angetan wird.

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Aber genau dieser Kniff macht die ganze Geschichte überhaupt für ein breiteres Publikum erträglich. Natürlich hätte man auch einen klaustrophischen Psychoterrorstreifen daraus machen können. Und schön ist die Geschichte ja trotz dieses, wie ich meine, durchaus gelungenen Kunstgriffs, trotzdem nicht. Denn Jacks Mutter leidet eindeutig unter der Situation – aber sie hat sich irgendwie damit arrangiert: Sie hat ja eine Aufgabe, nämlich ihrem Sohn das Leben so normal zu machen, wie es unter den gegebenen Umständen eben möglich ist. Kontakt zur Außenwelt gibt es nur über einen alten Fernseher.

Joy hat ihre liebe Not damit, Jack zu erklären, dass es eine Welt da draußen gibt, die irgendwie ist wie im Fernsehen, nur halt in echt. Denn die Welt, die Jack im Fernsehen sehen kann, ist meistens nicht echt. Sehr verwirrend, wie Jack findet. Sein einziges Fenster zu Welt, das es in Raum gibt, ist eben der Fernseher. Ansonsten ist Raum seine Welt, in der es neben seiner Mutter, Old Nick und dem Fernseher auch Pflanze gibt, Bett, Spüle, Schrank, Tisch und Stühle, Teppich, sogar eine Schlange aus Eierschalen unter dem Bett.

Joy begreift, dass sie irgendwie hier raus muss und schmiedet einen durchaus riskanten Fluchtplan, der aber schließlich mit etwas Glück doch gelingt. Aber es ist für die beiden nicht leicht, sich in der Welt da draußen wieder zurecht zu finden. Jack vermisst seine übersichtliche Welt.

Jacob Tremblay and Brie Larson in "Room" from EPK.tv

Jacob Tremblay and Brie Larson in „Room“ from EPK.tv

Als Joy sich auf ein Fernsehinterview einlässt und von der Journalistin gefragt wird, warum sie nie daran gedacht hätte, wenigstens für ihren Sohn Freiheit zu erbitten, statt ihn zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen, was sie offenbar getan hätte, nimmt sie den impliziten Vorwurf, selbstsüchtig und eine schlechte Mutter zu sein, so ernst, dass sie danach versucht, sich umzubringen. Zum Glück gelingt ihr das nicht und der kleine Jack schickt ihr ins Krankenhaus, was für ihn bisher das Wichtigste war – seinen langen Haare. Sehr zur Freude seiner Großmutter (Joan Allen), die seine Frisur befremdlich fand.

Jetzt ohne seine Mutter wagt er bei seinen Großeltern die ersten Schritte in diese fremde Welt: Er trifft einen Hund und spielt zum ersten Mal mit einem anderen Kind, dem Nachbarsjungen. Als seine Mutter aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, will er mit ihr noch einmal Raum besuchen. Joy lässt sich darauf ein – sie beide wollen Abschied nehmen. Und siehe da, der schäbige Gartenschuppen, in dem Joy sieben und Jack fünf Jahre verbracht haben, erscheint dem Jungen plötzlich viel kleiner als zuvor.

Mir hat der Film sehr gut gefallen – es wird durchaus die Enge und Ausweglosigkeit gezeigt, mit der sich Joy und ihr Sohn in diesem Raum arrangieren müssen. Und die Übergriffe durch Old Nick, vor dem Joy ihren Sohn so gut sie kann beschützen will: Jack versteckt sich im Schrank wenn Old Nick kommt, um seine Mutter zu missbrauchen.

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Joy hat sich – auch für Jack – darauf konditioniert, überleben zu wollen, deshalb tut sie, was von ihr verlangt wird. Gleichzeitig kämpft sie mit Old Nick um die Vitamine, die sie für wichtig hält oder um neue Kleidung für ihren Sohn. Sie ordnet sich ihrem Peiniger, der sich selbst für ihren Wohltäter hält und entsprechende Dankbarkeit erwartet – schließlich besorgt er ja alles, was die beiden zum Überleben brauchen – aus Berechnung unter. Sie hat Angst, dass sie beide in ihrem schalldichten Verließ umkommen werden, wenn sie Old Nick nicht bei der Stange hält oder ihm etwas zustößt – nur Old Nick weiß, wo die beiden sind und nur er hat den Code für das Türschloss. Genau deshalb kann sie Old Nick auch nicht einfach umbringen, woran sie gewiss immer wieder gedacht hat: Sie braucht ihn für den Fluchtplan, die sie in den langen Stunden ihrer Einsamkeit austüftelt.

Und doch ist es mit der Flucht allein nicht getan, erst danach wird Joy schmerzlich bewusst, was sie in den sieben Jahren ihrer Gefangenschaft alles verpasst hat – andere haben die Schule abgeschlossen, studiert, einen Beruf gelernt, eben ein normales Leben gelebt, das sie für sich und Jack nur simuliert hat. Was für einen Alptraum sie überlebt hat und wie schwer es ist, damit klar zu kommen, ist auf jeden Fall nachzufühlen. Verstehen lässt sich so etwas ohnehin nicht.