Einer der besseren Oliver-Stone-Filme: Snowden

Mit Oliver-Stone-Filmen ist das so eine Sache, es gibt schon welche, die ich richtig gut finde, U Turn beispielsweise ist ein meiner Ansicht nach total unterschätztes Meisterwerk, und Savages ist alles in allem auch ein guter Film, in dem ein paar freundliche und geniale Freaks versuchen, ausgerechnet im knallharten Drogengeschäft eine Art alternativen Kapitalismus einzuführen. Aber so funktioniert diese Welt halt nicht, wie sie brutalstmöglich erfahre müssen. Und dass Stone die Fidel-Castro-Doku Comandante gemacht hat, finde ich in Zeiten eines irrationalen Antikommunismus, der das realsozialistische, aber noch immer real existentierende Kuba als Zielscheibe hat, mehr als beachtlich – zumal Stone Fidel als nachdenklichen und durchaus sympathischen Landesvater porträtiert, dem vor allem am Wohlergehen der Leute in seinem Land gelegen ist – was gewiss auch zutrifft. Über Donald J. Trump könnte man einen ähnlichen Film unmöglich machen.

Aber dann gibt es auch wieder Filme, die ich schrecklich finde, gerade diese Patrioten-Filme über den Vietnam-Krieg, die ja auch irgendwie kritisch sein wollen, aber eigentlich vor allem zeigen, wie übel den armen Männern mitgespielt wird, die sich für ihr Land und ihre Sache opfern.  Anstatt zu hinterfragen, was das denn für eine bescheuerte Einstellung ist, die sie überhaupt in dieses Schlamassel gebracht hat – damit habe ich echt ein Problem. Denn hier wird letztlich ja bestätigt, dass das irgendwie eine gute Sachen gewesen ist, die sämtliche Opfer irgendwie rechtfertigen würde, wenn man nur mit den eigenen Jungs korrekt umgegangen wäre – was aber die böse US-Regierung nicht getan hat. Insofern habe ich natürlich auch ein Problem mit Snowden. Also nicht, weil ich annehmen würde, dass die US-Regierung eigentlich total menschenfreundlich wäre – das ist übrigens keine Regierung auf der Welt, und gerade die demokratisch gewählten können dabei besonders übel drauf sein, denn sie wurden ja vom Volk gewählt und exekutieren somit Volkes Willen, was per se gut sein muss, auch wenn die Leute das nicht so empfinden.

Und das macht die Causa Snowden auch so krass: Hier wird ein Mann als Verräter an die Wand gestellt, der ja nun wirklich ein hoffnungsloser Patriot ist und sich für die gute Sache opfert – das ist einerseits unglaublich bescheuert, weil es ihm von den entscheidenden Leuten nicht gedankt wird, im Gegenteil. Andererseits ist das aber auch wieder irgendwie – ja, ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll, aber es bewegt mich, und ich bewundere Menschen, die sich in vollem Bewusstsein der schrecklichen Konsequenzen trotzdem hinstellen und sich sagen, einer muss es ja tun. Und es tun, weil sie es können. NSA-Geheimnisse zum Beispiel kann ja nur einer verraten, der sie kennt.

Wobei ich aber auch sagen muss, dass ich den Film als Film ziemlich gut fand – ich hatte im Vorfeld ziemlich viel Negatives gehört und gelesen, insofern war ich jetzt positiv überrascht. Was erwartet man denn von einem Spielfilm über einen solchen Typen? Natürlich wird da eine Story nach dramaturgisch interessanten Gesichtspunkten aufbereitet – nur so funktioniert ein Spielfilm, mit dem man Menschen ins Kino locken will. Wenn man wissen will, wie das mit Snowden denn jetzt wirklich gewesen ist, kann man sich Citizenfour ansehen. Was ich auch ausdrücklich empfehle, das ist die Doku dazu – und zwar eine ziemlich gute. Nebenbei setzt Oliver Stone ja auch Laura Poitras (gespielt von Melissa Leo) ein Denkmal, die Citizenfour gemacht hat.

Der Film von Oliver Stone allerdings ist schon eine Art aktualisierter Neuauflage von Geboren am 4. Juli, was nicht unbedingt für diesen Film spricht – aber andererseits wird eben auch gezeigt, dass es in dieser Welt beim besten Willen keinen Grund gibt, der rechtfertigen würde, die Geheimdienste tun zu lassen, was sie tun können: Nämlich alle und jeden auf der Welt ständig zu überwachen. Und genau deswegen wird der konservative Patriot Edward Snowden auch zum Verräter. Oder zum Freiheitshelden, je nach Betrachtungsweise.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Meiner Ansicht nach hat Stone Edward Snowden nicht mal übertrieben glorifiziert – er beschreibt einen cleveren jungen Mann, der seinem Land dienen will, was ich persönlich ziemlich fragwürdig finde. Ich finde es gut, Menschen zu helfen und dafür einzutreten, die Lebensumstände aller zu verbessern.  Aber für einen Staat einzutreten, der – und das muss einem intelligenten Menschen wie Snowden doch auch klar sein, in allererster Linie versucht, dem Rest der Welt seine eigenen Interessen aufzuzwingen – das ist bornierter Patriotismus und das lehne ich ab. Da kann man sich ja auch gleich „Make Germany Great Again“ aufs T-Shirt drucken. Und leider gibt es mehr als genug Dumpfbacken, die sich das endlich wieder trauen wollen. Aber ich schweife ab.

Wer ist also Edward Snowden? Zuallererst einmal ein blasser Streber, der sich unter dem Eindruck von 9/11 freiwillig zur Army meldet, er will zu den Special Forces und sein Land verteidigen. Doch Ed ist einfach zu schwach – während des harten Trainings erleidet er Ermüdungsbrüche in den Beinen, weshalb er gegen seinen Willen ausgemustert wird. Aber es gäbe da noch andere Möglichkeiten, seinem Land zu dienen, erklärt ihm ein Kontaktmann der CIA – er sei doch ganz gut mit Computern? Ed macht also einen Eignungstest für die CIA – und eigentlich würde er den nicht bestehen, wie sein Prüfer ihm andeutet – aber sie bräuchten jetzt genau solche Typen wie ihn. Also bekommt Ed eine Chance.

Und die nutzt er und löst die Aufgabe, die den Prüflingen gestellt wird, nicht in den dafür vorgesehenen fünf bis acht Stunden, sondern in 38 Minuten. „Sie haben nicht gesagt, in welcher Reihenfolge ich das bearbeiten soll, da habe ich schon mal…“ – keine Frage, Ed bekommt den Job, und er ist wirklich gut darin. Offenbar ist Ed ein begnadeter Programmierer, der Spaß daran hat, alles, was er tut, so effizient wie möglich zu erledigen – und das stellt sich dann auch als fatal heraus, als er später feststellen muss, dass ein Programm, das von ihm eigentlich als Backup-Lösung entworfen wurde, dazu benutzt wird, um das Überwachen beliebiger Menschen einfacher zu machen. Das gefällt ihm nicht.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shaylene Woolley) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shailene Woodley) Bild: http://www.snowden-film.de

Und dann lernt Ed auch noch ein Mädchen kennen. Lindsay (Shailene Woodley) ist sexy, liberal und offen, all das, was Ed nicht ist, aber so gern wäre – und weil er ja ein intelligenter junger Mann ist, der vielleicht ein bisschen blass ist – sein Spitzname im Job ist Schneewittchen – aber eigentlich nicht hässlich, interessiert sich Lindsay für ihn, sie verliebt sich sogar in ihn – und er sich in sie. Ich erinnere mich, einige Kritiken gelesen zu haben, die gerade diesen Teil der Geschichte irgendwie blöd fanden „Im Bett mit Edward Snowden“ – „wollen wir ihm wirklich beim Sex zusehen?“

Aber die haben meines Erachtens nicht kapiert, worum es dabei eigentlich geht – natürlich ist es eigentlich gar nicht dermaßen spannend, wie das Sexleben des vermutlich bekanntesten Whistleblowers der Welt aussieht, und ich nehme an, dass es tatsächlich eher unspektakulär ist, wobei ich es Ed total gönne, überhaupt eins zu haben. Die Sexszene ist wichtig, weil ein offenbar inaktiver Laptop aufgeklappt auf dem Tisch steht und Ed weiß, dass die Kamera aktiv sein könnte, auch wenn das Kameralicht nicht leuchtet – er weiß eben auch, dass das ein Trick ist: Die Menschen fühlen sich unbeobachtet und genau das macht die Überwachung so effektiv.

Und er ist ein Teil dieser Überwachungsmaschinerie und fühlt sich zunehmen schuldig – vor allem, weil er irgendwann eifersüchtig wird und anfängt, seine eigene Freundin zu überwachen – was er gegenüber der internen Untersuchungskommission auch gesteht: Ja, er hat die NSA-Programme tatsächlich für sich selbst genutzt, über die vorgesehen Zwecke hinaus. Aber genau deshalb weiß er auch, wie groß die Versuchung ist. Und er ist ja einer der Gewissenhaften. Was, wenn ein weniger mit Skrupeln belasteter Mensch anfängt, die Maschinerie für seine Zwecke zu nutzen?

Es gibt eine Szene in der vierten Staffel von House of Cards, in der genau diese Frage gestellt wird – da noch für den vergleichsweise harmlosen Zweck die US-Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. (Hahaha) Frank Underwoods Gegenkandidat hat gute Beziehungen zum Chef einer Suchmaschine – zwar nicht Google, aber immerhin: Mit der Auswertung der Suchdaten kann Will Conway seine Kampagne auf das, was die Leute wollen, optimieren. Natürlich kotzt Frank das an – aber er ist ja bereits Präsident der USA. „Was ist schon eine Suchmaschine gegen die NSA?“ fragt er und fängt an, eine Bedrohung zu konstruieren, die es ihm erlaubt, auf die schier unendlichen Möglichkeiten des Überwachungsapparates zurückzugreifen, die unter anderem der engagierte Programmierer Edward Snowden mit geschaffen hat.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

In der Serie ist das noch eine coole Wendung, bei der einem die Gänsehaut über den Rücken läuft. Im Film Snowden macht das überhaupt keinen Spaß, weil man weiß, dass es eben keine Fiktion ist, sondern die schreckliche Realität. Die Botschaft ist nicht, dass auch ein blasser Nerd wie Ed tatsächlich auch eine Freundin haben kann, die mit ihm schläft – die Botschaft ist, dass Sex quasi ungeschützt vor den Geheimdiensten stattfindet, wenn ein Computer im Raum ist, dessen integrierte Kamera und Mikrofone nicht extra blockiert werden, damit die Überwachung nicht so einfach ist. Und dass Ed damit ein Problem hat. Bestimmt ist das nicht der entscheidende Punkt, warum er irgendwann tut, was er zu tun hat. Aber genau damit wird gezeigt, wie wenig Privatsphäre heute noch wert ist: Sie ist im Grunde nicht mehr vorhanden, wenn man sie sich nicht extra erschafft.

Die Art, wie Snowden mit diesen Dingen an die Öffentlichkeit gegangen ist, zeigt auch, dass er intensiv darüber nachgedacht haben muss, was danach passieren wird. Und dass er zu dem Schluss gekommen ist, dass er die ganzen Daten, die er aus dem System geschmuggelt hat, eben nicht einfach Wikileaks zuspielen kann, damit sie unkommentiert veröffentlicht werden, weil das zu gefährlich ist. Das ist übrigens auch, was ich an Wikileaks ausdrücklich kritisiere – man kann bestimmte Informationen nicht einfach veröffentlichen. Transparenz ist gut, aber nicht, wenn sie Menschenleben bedroht. Der Glaube, dass alles gut würde, wenn nur jeder über alles informiert wäre, ist bestenfalls naiv, tatsächlich aber vollkommen bescheuert.

Snowden hat sich stattdessen einer Auswahl von in diesen Dingen besonders qualifizierten Journalisten anvertraut – was definitiv für ihn spricht. Das ist es auch, was ein Assange nicht kapiert: Quellenschutz ist wichtig, ja, geradezu existenziell. Genau deshalb gibt es ja eben auch Journalisten – Menschen, die sich, wenn sie ihren Job ernst nehmen, eben einen Kopf machen, was man veröffentlichen kann und was nicht. Und die auch darüber nachdenken, wie man was veröffentlicht. Was nicht heißen soll, dass es tatsächlich eine unabhängige Presse gibt als vierte Gewalt im Staat gibt, die zu unrecht als Lügenpresse diffamiert wird: Natürlich folgen auch Journalisten Interessen – es hat sich gerade bei der US-Präsidentschaftwahl gezeigt, dass „die Presse“ auch komplett versagen kann: Die Vorstellung, ein Donald Trump könne US-Präsident werden, schien den maßgeblichen Redakteuren einfach zu absurd.

Und genau das zeigt eben auch die Grenzen dieser vierten Gewalt: So einfach geht das nicht mit der Propaganda. Aber zurück zu Snowden: Der hat sich auf die Kernkompetenzen ausgewählter Profis verlassen und ich denke, dass das gut war – und das kommt im Film meiner Ansicht nach auch gut rüber.

Genau wie die Überraschung der ehemaligen Förderer, die feststellen müssen, dass ihr Schützling sich ganz anders als erwartet entwickelt hat. Und ich finde es erbärmlich, dass sich der Friedensnobelpreisträger Barack Obama nicht dazu durchringen konnte, den Landesverräter Edward Snowden zu begnadigen – damit hätte er nun wirklich mal ein Zeichen setzen können. Aber ein Obama ist eben auch nur so ein US-Politfunktionär, der die Interessen seiner Nation zu verteidigen hat, auch wenn das gegen das Interesse von so ziemlich allen Menschen im Rest der Welt geht.

Ich persönlich finde es extrem gruselig, dass ein Donald Trump als Präsident Zugriff auf den mächtigsten Überwachungsapparat der Welt haben wird – vermutlich wird er den nicht wie Frank Underwood nur dazu benutzen, um politische Gegner aus dem Weg zu räumen. Man kann nur hoffen, dass sich noch ein paar Snowdens finden, um das Schlimmste zu verhindern. Aber andererseits ist Trump ein dermaßen gnadenloser Populist, dass er seine Sicht von Snowden möglicherweise noch komplett revidiert. Wie auch immer – meiner Ansicht nach lohnt es sich durchaus, den Film anzusehen: Man kann sich gar nicht oft genug klar machen, wie engmaschig und ausführlich jede und jeder heute bereits überwacht wird.

Tallulah: Die Lebenslügen der anderen

Netflix meinte vor einigen Tagen, dass mir der Film Tallulah gefallen könnte – und hatte damit tatsächlich recht. Aber jetzt, da auch Netflix-Kunden der ersten Stunde mehr bezahlen müssen, kann ich schließlich erwarten, dass neuen Content für mich gibt – und den gibt es, etwa Stranger Things, Marcella, die zweiten Staffeln von Marco Polo und von Manhattan. Praktisch, dass jetzt auch das Wetter wieder schlechter wird, damit ich wieder mehr netflixen kann.

Tallulah ist das Regiedebüt der Drehbuchautorin Sian Heder, die unter anderem an den Serien Men of a Certain Age und Orange is the New Black beteiligt war. Nun bin ich zwar kein Fan von Orange is the New Black, aber die Titelrolle der Tallulah spielt Ellen Page, was mich neugierig machte. Ellen Page hatte ihr Schauspiel-Debut in der von mir sehr geschätzten kanadischen Serie Regenesis und spielte unter anderem in dem Independent-Thriller The East mit.

Tallulah (Elle Page) und die kleine Madison

Tallulah (Elle Page) und die kleine Madison

Tallulah ist eine Herumtreiberin, die in ihrem Van lebt und mit ihrem Freund Nico (Evan Jonigkeit) durch die Vereinigten Staaten streift. Sie kommt offensichtlich aus chaotischen Verhältnissen und tut den ganzen Tag, was ihr gerade so einfällt. Eines Tages streitet sie sich mit ihrem Freund, weil er anfängt, merkwürdige Ideen zu haben – er hat ihre verrückten Einfälle satt und überhaupt dieses ganze Vagabundieren. Er will solide werden und irgendwas Sinnvolles mit seinem Leben anfangen.

Das ist so ziemlich das letzte, was Tallulah interessiert – sie verlässt ihn, was sie aber schon wenig später bereut. Um ihren Freund wiederzufinden, fährt sie nach New York, weil sie weiß, dass dort Nicos Mutter wohnt. Sie schafft es auch, bis zu dieser Mutter vorzudringen – Margo (Allison Janney) ist aber wenig begeistert über diesen Besuch, weil sie ahnt, dass es Tallulah in erster Linie um Geld geht – und hat sie tatsächlich keine Ahnung, wo Nico ist.

Margos Sohn ist vor zwei Jahren mit eben dieser Tallulah abgehauen und hat sich seit dem nicht mehr bei ihr gemeldet. Außerdem will sich ihr Mann gerade von ihr scheiden lassen – er lebt jetzt mit einem anderen Mann zusammen. Problematisch ist daran vor allem, dass die Wohnung, in der Margo wohnt, eigentlich eine Dienstwohnung der Universität ist – sie darf hier eigentlich gar nicht mehr hier sein. Margo ist keine Professorin wie ihr Ex, aber auch Akademikerin – sie schreibt Bücher über die Institution der Ehe. Ausgerechnet.

Aber Tallulah gibt so schnell nicht auf. Sie parkt ihren Van in der Nähe und klaut sich in den umliegenden Hotels ihr Frühstück zusammen. Dabei wird sie von Carolyn (Tammy Blanchard) überrascht, die sie für eine Hotelangestellte hält. Carolyn hat einen Babysitter bestellt – sie will ausgehen und irgendwer muss auf ihre kleine Tochter Madison aufpassen, die nackt mit einer Bierflasche in den kleinen Händen durch das Hotelzimmer stolpert.

Tallulah versucht, das Missverständnis aufzuklären – einerseits lässt sie sich gern ins Zimmer bitten, denn Carolyn scheint Geld zu haben und offensichtlich auch einen in der Krone, weshalb sie ein willkommenes Opfer für die routinierte Trickdiebin darstellt. Andererseits ist sie ganz offensichtlich als Mutter überfordert oder zumindest extrem nachlässig – was selbst eine verantwortungslose Spontifrau wie Tallulah bedenklich findet. Tallulah erklärt zwar, dass sie keine Ahnung von kleinen Kindern habe und keineswegs die bestellte Babysitterin sei, doch Carolyn ist dermaßen erpicht auf ihr Date, für das sie sich aufgedonnert hat, dass ihr völlig egal ist, was Tallulah sagt. Sie lässt die fremde Frau mit ihrer Tochter allein und verschwindet.

Tallulah nimmt daraufhin erst einmal ein Bad und lässt es sich auch ansonsten gut gehen – wann hat sie schon mal eine solche Gelegenheit. Und sie bekommt Mitleid mit dem armen Kind, was offenbar immer wieder sich selbst überlassen wird. Vielleicht sieht Tallulah sich selbst in dem kleinen Mädchen – jedenfalls beschließt sie spontan, das Kind mitzunehmen, um es vor seiner unfähigen Mutter zu retten, als diese deprimiert und vollgedröhnt zurückkehrt – total unfähig, sich um ihre verzweifelt weinende Tochter zu kümmern.

Beim nächsten Versuch, mit Margo zu reden, gibt sie das Kind als ihr eigenes aus und behauptet, Nico sei der Vater. Natürlich ist Margo weiterhin misstrauisch, aber dann gewinnen ihre Oma-Instinkte die Überhand – sie lässt sich tatsächlich darauf ein und Tallulah samt Kind in ihre Wohnung. Was eine extreme Herausforderung für Margo ist, die viel von Ordnung und Regeln hält – und von Familie.

Tallulah nutzt das einerseits unverschämt aus – andererseits ist sie gerade dabei, zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Verantwortung zu übernehmen, nämlich für dieses arme kleine Kind, das ihr da in den Schoß gefallen ist. Sie gibt sich wirklich Mühe, auch wenn schnell offensichtlich wird, dass sie mit der Situation nicht weniger überfordert ist, als die echte Mutter – die inzwischen realisiert hat, dass ihre kleine Tochter vermutlich entführt wurde und aus Angst vor ihrem Mann, den sie hemmungslos betrügt, jetzt total durchdreht.

Carolyn ist einerseits klar, dass sie es nicht anders verdient hat – sie hat ihr Kind ja nun wirklich sträflich vernachlässigt, was die auf den Entführungsfall angesetzten Ermittler Detective Richards (David Zayas) und Detective Kinnie (Uzo Aduba) in ihrer traurigen Routine schnell kapieren: Carolyn ist eine schlechte Mutter, und sie hat jetzt in erster Linie Angst, dass ihr Mann ihr den Geldhahn zudreht, nachdem sie ihr einziges Kind verschlampt hat. Die hysterische Sorge um ihre Tochter ist eine ekelhafte Mischung aus Zukunftsangst und Selbstmitleid. Trotzdem müssen sie dieses Kind nun finden. Es gibt viel Elend in der Welt und das ist aus ihrer Perspektive die Luxusvariante davon.

Aber Carolyn entdeckt nun doch ein paar Muttergefühle in sich – sie hat sich zwar immer wieder gewünscht, dass Madison einfach aus ihrem Leben verschwinden würde, aber nun vermisst sie ihre Tochter tatsächlich und will sie unbedingt wieder finden.

Für Tallulah wird es eng, die Medien berichten über den Fall, es gelingt ihr zwar, die gutgläubige Margo auszutricksen, aber Margos Ex ist weniger leichtgläubig. Stephen (John Benjamin Hickey, Dr. Winter aus Manhattan) mag zwar gegenüber seiner Frau ein Arschloch sein, aber blöd ist er nicht. Er durchschaut Tallulah sogar, ohne die Zeitung gelesen zu haben.

Tallulah sei ein Film über das Muttersein, habe ich irgendwo gelesen – und es kommt natürlich auch irgendwie vor. Was ich viel wichtiger finde, ist, dass es ein Film über Erwartungen ist, die Menschen an das Leben haben – und dass alle irgendwie falsch damit liegen: Weder das totale Spontitum, das Tallulahs wirrer, aber vitaler Lebensinhalt ist, noch das ordentliche Familien- und Lebensmodell von Margo, noch der selbstmitleidige Egotrip von Carolyn und letztlich auch die Schwulenidylle ihres Ex Stephen sind Modelle, die für das wahre Leben taugen. Und so stehen sich alle selbst im Weg, statt naheliegende Dinge zu tun.

Was ja auch nicht so einfach ist. Irgendwann zieht  Margo endlich diese roten Highheels an, die sie zu eben diesem Zweck gekauft hat und bittet den freundlichen, gut aussehenden Concierge auf ein Glas Wein in ihr Appartement. Sie doziert eine Weile über die Weine, die sie so im Regal hat, bis ihr der Mann gesteht, dass er eigentlich Biertrinker sei. Aber darum gehe es wohl weniger – er küsst sie, was eigentlich zu erwarten war, doch Margo bekommt dann doch wieder Angst vor ihrer eigenen Courage und schickt den Ärmsten weg, anstatt ihn flachzulegen, was ihr eigentlicher Plan gewesen ist.

Genau das mag ich an diesem Film – die Menschen sind alle so menschlich. Voller Ängste, voll mit Komplexen und diese ganzen vermeintlichen Freiheiten, mit denen sie kokettieren, sind offensichtlich Selbstbetrug. Das ist ein wirklich starker Plot – einer der stärksten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe – und er kommt ganz unspektakulär daher. Das ist genau die Art Film, von es viel mehr geben müsse, gerade in diesen Zeiten: Kein absurd teuer produziertes Überwältigungskino, sondern eine Analyse, wie Menschen ticken. Wie unsere Gesellschaft funktioniert. Dabei ist Tallulah kein gesellschaftskritischer Film im eigentlichen Sinne – genau das ist auch das gute daran. Es ist einfach ein erstaunlich ehrlicher Film über unsere Gesellschaft, der mit Tallulah eine sehr ambivalente Heldin hat. Tallulah kann ihre individuelle Freiheit nur auf Kosten anderer ausleben, die sie beklaut und ausnutzt. Aber sie bringt andere Menschen dazu, Dinge richtig oder wenigstens richtiger zu machen. Sie durchschaut die Lebenslügen der andern, scheitert aber an ihrer eigenen.

Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Film anzusehen.

Raum: 9 Quadratmeter Welt

Brie Larson hat in der diesjährigen Award-Saison für ihre Hauptrolle in Room (Raum) so ziemlich alle wichtigen Preise abgeräumt – und weil ich sie schon in Short Term 12 beeindruckend fand, musste ich mir den Film natürlich auch ansehen – was inzwischen auch schon wieder eine Weile her ist. Aber wie das manchmal so ist, hatte ich mir zwar ein paar Gedanken aufgeschrieben, aber bin nie dazu gekommen, eine Kritik fertig zu schreiben. Es kamen ja immer wieder neue Serien und Filme dazwischen.

Offizielles Filmplakat zu Raum

Offizielles Filmplakat zu Raum

Es war auch gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte – ich wusste ja, dass die Geschichte eine Roman-Verfilmung ist, der vom traurigen Schicksal der Elisabeth Fritzl inspiriert wurde: „Room“ von Emma Donoghue. Elisabeth Fritzl wurde vom eigenen Vater gut 20 Jahre in einem Kellerverlies unter dem Wohnhaus der Familie gefangen gehalten und gebar dort sieben Kinder, von denen drei ihr gesamtes Leben bis zur Befreiung in diesem Keller verbrachten. Unvorstellbar.

Aber es ist tatsächlich passiert.

Ein ähnliches Schicksal erleiden der kleine Jack (Jacob Tremblay) und seine Mutter. Joy Newsome (Brie Larson) wurde vor sieben Jahren von ihrem Peiniger, den sie nur Old Nick (Sean Bridges) nennt, verschleppt. Er hält sie in einem schallisolierten Raum mit einem Oberlicht gefangen. Dieser Raum ist für den kleinen Jake, der inzwischen seinen fünften Geburtstag feiert, seine komplette Welt. Er kennt ja nichts anderes. Der Film wird aus der Perspektive des Kindes erzählt, weshalb er trotz seiner überaus deprimierenden Handlung unerwartet frisch, ja fast märchenhaft daher kommt – was nicht alle Zuschauern gut finden.

In der Vorstellung, die ich besuchte, saß ich neben einem älteren Mann, der ständig seine Fach- und Filmkenntnisse an seine deutliche jüngere Begleiterin weiter geben musste, was nicht nur mir auf die Nerven ging. Nach eigener Aussage war er Psychiater und er regte sich sehr darüber auf, dass nichts, aber auch gar nichts an diesem Film echt sei – und wenn er nicht redete, hustete er ganz fürchterlich.

Zum Glück wurde ihm die Sache nach einer halben Stunde zu dumm und er verzog sich, nicht ohne seine Umgebung noch einmal wissen zu lassen, dass dieser Film eine ganz verlogene Scheiße sei.

Nun ja, eine Dokumentation über die schreckliche Gefangenschaft einer jungen Mutter und ihres Kindes, die komplett der Willkür ihres Entführers und Gefängniswärters ausgeliefert sind, ist Raum gewiss nicht. Der Film ist nicht objektiv, er will es auch gar nicht sein – eben weil die Geschichte aus der Sicht des kleinen Jack erzählt wird, der noch gar nicht begreift, was ihm da eigentlich angetan wird.

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Aber genau dieser Kniff macht die ganze Geschichte überhaupt für ein breiteres Publikum erträglich. Natürlich hätte man auch einen klaustrophischen Psychoterrorstreifen daraus machen können. Und schön ist die Geschichte ja trotz dieses, wie ich meine, durchaus gelungenen Kunstgriffs, trotzdem nicht. Denn Jacks Mutter leidet eindeutig unter der Situation – aber sie hat sich irgendwie damit arrangiert: Sie hat ja eine Aufgabe, nämlich ihrem Sohn das Leben so normal zu machen, wie es unter den gegebenen Umständen eben möglich ist. Kontakt zur Außenwelt gibt es nur über einen alten Fernseher.

Joy hat ihre liebe Not damit, Jack zu erklären, dass es eine Welt da draußen gibt, die irgendwie ist wie im Fernsehen, nur halt in echt. Denn die Welt, die Jack im Fernsehen sehen kann, ist meistens nicht echt. Sehr verwirrend, wie Jack findet. Sein einziges Fenster zu Welt, das es in Raum gibt, ist eben der Fernseher. Ansonsten ist Raum seine Welt, in der es neben seiner Mutter, Old Nick und dem Fernseher auch Pflanze gibt, Bett, Spüle, Schrank, Tisch und Stühle, Teppich, sogar eine Schlange aus Eierschalen unter dem Bett.

Joy begreift, dass sie irgendwie hier raus muss und schmiedet einen durchaus riskanten Fluchtplan, der aber schließlich mit etwas Glück doch gelingt. Aber es ist für die beiden nicht leicht, sich in der Welt da draußen wieder zurecht zu finden. Jack vermisst seine übersichtliche Welt.

Jacob Tremblay and Brie Larson in "Room" from EPK.tv

Jacob Tremblay and Brie Larson in „Room“ from EPK.tv

Als Joy sich auf ein Fernsehinterview einlässt und von der Journalistin gefragt wird, warum sie nie daran gedacht hätte, wenigstens für ihren Sohn Freiheit zu erbitten, statt ihn zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen, was sie offenbar getan hätte, nimmt sie den impliziten Vorwurf, selbstsüchtig und eine schlechte Mutter zu sein, so ernst, dass sie danach versucht, sich umzubringen. Zum Glück gelingt ihr das nicht und der kleine Jack schickt ihr ins Krankenhaus, was für ihn bisher das Wichtigste war – seinen langen Haare. Sehr zur Freude seiner Großmutter (Joan Allen), die seine Frisur befremdlich fand.

Jetzt ohne seine Mutter wagt er bei seinen Großeltern die ersten Schritte in diese fremde Welt: Er trifft einen Hund und spielt zum ersten Mal mit einem anderen Kind, dem Nachbarsjungen. Als seine Mutter aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, will er mit ihr noch einmal Raum besuchen. Joy lässt sich darauf ein – sie beide wollen Abschied nehmen. Und siehe da, der schäbige Gartenschuppen, in dem Joy sieben und Jack fünf Jahre verbracht haben, erscheint dem Jungen plötzlich viel kleiner als zuvor.

Mir hat der Film sehr gut gefallen – es wird durchaus die Enge und Ausweglosigkeit gezeigt, mit der sich Joy und ihr Sohn in diesem Raum arrangieren müssen. Und die Übergriffe durch Old Nick, vor dem Joy ihren Sohn so gut sie kann beschützen will: Jack versteckt sich im Schrank wenn Old Nick kommt, um seine Mutter zu missbrauchen.

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Joy hat sich – auch für Jack – darauf konditioniert, überleben zu wollen, deshalb tut sie, was von ihr verlangt wird. Gleichzeitig kämpft sie mit Old Nick um die Vitamine, die sie für wichtig hält oder um neue Kleidung für ihren Sohn. Sie ordnet sich ihrem Peiniger, der sich selbst für ihren Wohltäter hält und entsprechende Dankbarkeit erwartet – schließlich besorgt er ja alles, was die beiden zum Überleben brauchen – aus Berechnung unter. Sie hat Angst, dass sie beide in ihrem schalldichten Verließ umkommen werden, wenn sie Old Nick nicht bei der Stange hält oder ihm etwas zustößt – nur Old Nick weiß, wo die beiden sind und nur er hat den Code für das Türschloss. Genau deshalb kann sie Old Nick auch nicht einfach umbringen, woran sie gewiss immer wieder gedacht hat: Sie braucht ihn für den Fluchtplan, die sie in den langen Stunden ihrer Einsamkeit austüftelt.

Und doch ist es mit der Flucht allein nicht getan, erst danach wird Joy schmerzlich bewusst, was sie in den sieben Jahren ihrer Gefangenschaft alles verpasst hat – andere haben die Schule abgeschlossen, studiert, einen Beruf gelernt, eben ein normales Leben gelebt, das sie für sich und Jack nur simuliert hat. Was für einen Alptraum sie überlebt hat und wie schwer es ist, damit klar zu kommen, ist auf jeden Fall nachzufühlen. Verstehen lässt sich so etwas ohnehin nicht.

Ain’t Them Bodies Saints

Die Beschreibung von Ain’t Them Bodies Saints (deutscher Titel: Saints – sie kannten kein Gesetz)  liest sich ein wenig wie Bonnie und Clyde – aber zum Glück ist es eine ganz andere Geschichte. Rein theoretisch ist es natürlich auch ein Film über ein Verbrecher-Pärchen, aber keineswegs eine Heroisierung von Outlaws, Verbrechern und oder gar dem Verbrechen an sich als gegen die verdammte Scheißgesellschaft gerichteter Akt. In Ain’t Them Bodies Saints  wird eine erstaunlich unspektakuläre und am Ende irgendwie vernünftige Geschichte erzählt- weshalb mir der Film gefällt. Dazu kommt, dass David Lowery in dabei schönen, etwas sepia-stichigen Bildern schwelgt,  was der Geschichte eine melancholische Grundnote verleiht, jedoch ohne in Kitsch abzugleiten.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck)

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck)

Ruth Guthrie (Rooney Mara) und Bob Muldoon (Casey Affleck) sind ein Paar. Und es macht ihnen Spaß, auf der anderen Seite des Gesetzes zu stehen – auch wenn für den Film gar keine Rolle spielt, was genau sie eigentlich verbrochen haben. Ruth fährt das Fluchtfahrzeug, ihre kleine Gang wird von der Polizei verfolgt und gestellt, sie suchen in einem verlassenen Haus Deckung und liefern sich ein Feuergefecht mit der Polizei. Ruth schießt einen der Polizisten nieder, ihr Kumpel Freddy wird tödlich verletzt. Als Ruth und Bob erkennen, dass ihre Lage aussichtslos ist, beschließen sie, sich zu ergeben. Und weil Ruth schwanger ist, nimmt Bob alle Schuld auf sich, damit Ruth in Freiheit leben und ihr gemeinsames Kind aufziehen kann.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck)

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Ruth (Rooney Mara) und Bob (Casey Affleck)

Wie erwartet, bekommt Bob eine lange Haftstrafe aufgebrummt. Ruth zieht in das Haus neben Skerrit (Keith Carradine) ein, dem Vater ihres getöteten Verbrecher-Freundes und erklärt ihm, dass sie auf Bob warten werde. Skerrit vertritt selbst eine eher alternative Auffassung von Ehre und Moral und so unterstützt er die Freunde seines toten Sohnes. Ruth’s Tochter Sylvie kommt zur Welt und die Jahre vergehen. Ruth lebt ein ganz normales Leben und Sylvie wächst heran. Der Polizist, den Ruth angeschossen hatte, hat die Sache überlebt – und ironischerweise er entwickelt Gefühle für Ruth und ihre Tochter. Patrick (Ben Foster) weiß nicht, dass Ruth es war, die ihn angeschossen hat und nicht Bob.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Bob (Casey Affleck) ergibt sich

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Bob (Casey Affleck) ergibt sich

Bob hingegen schreibt Ruth Briefe aus dem Gefängnis und arbeitet an seiner Flucht. Nach fünf Jahren ist es soweit – er schafft es abzuhauen und lässt Ruth die Nachricht zukommen, dass er sie und Sylvie holen werde. Natürlich kommt die Polizei auch auf die Idee, dass Bob zu Ruth gehen wird und nimmt Kontakt mit Ruth auf. Aber nicht nur die Polizei ist hinter Bob her, auch ein paar freischaffende Kopfgeldjäger versuchen, ihn zu kriegen.

Ruth hingegen ist nicht blöd – natürlich liebt sie Bob noch, irgendwie, aber ihr ist klar, dass ihr und dem Kind ein klägliches Leben auf der Flucht beschieden sein wird, wenn sie jetzt mit Bob geht. Also lässt sie Bob über Skerrit die Nachricht zukommen, dass sie zwar gehen werde, aber nicht mit Bob: Wenn sie mit ihm käme, würden sie beide verfolgt, bis sie geschnappt würden und das sei kein Leben, das sie für ihre Tochter wünscht. Sie werde mit Sylvie in eine Stadt ziehen, in der niemand wisse, wer sie ist. Und wenn sie sich in ihrem neuen Leben eingerichtet habe, könnten sie später wieder zusammen kommen. Falls Bob es schaffen würde, sich ebenfalls ein neues Leben aufzubauen. Das ist natürlich nicht das, worauf Bob gewartet hat, der inzwischen bei seinem alten Kumpel Sweetie (Nate Parker) untergetaucht ist.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Ruth und Bob haben sich ergeben

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Ruth und Bob haben sich ergeben

Inzwischen feiert Ruth mit Sylvie deren vierten Geburtstag und bereitet ihre Abreise vor. Patrick kommt vorbei und schenkt Sylvie eine Kindergitarre. Ruth lädt ihn zum Abendessen ein. Bob fährt zu Ruths Haus und sieht vom Auto aus ausgerechnet Patrick in ihrem Wohnzimmer – völlig durcheinander fährt er wieder davon.

Ruth und Patrick haben derweil so etwas wie eine Aussprache – Patrick sagt Ruth, dass er gar nicht sauer auf Bob sei, das mit der Schussverletzung sei ja schließlich Berufsrisiko. Das erklärt auch, warum er Bob bei einigen Gelegenheiten, als er ihm auf den Fersen war, hat entkommen lassen, obwohl es die Chance gegeben hätte, ihn zu stellen. Patrick erklärt, er würde in Ruth und ihrer Tochter nur Gutes sehen.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Patrick (Ben Foster)

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Patrick (Ben Foster)

Daraufhin sagt Ruth, dass sie vor Gericht gelogen habe – es sei nicht Bob gewesen, der geschossen hätte. Patrick sagt Ruth, dass er das alles eigentlich gar nicht wissen wolle – es würde ohnehin nichts an seinen Gefühlen für sie ändern. Am nächsten Tag findet Sylvie Patrick und Ruth Arm in Arm auf dem Sofa vor.

Bob ist hingegen zu dem Schauplatz der Schießerei zurückgekehrt und versteckt sich dort – allerdings machen ihn die Kopfgeldjäger ausfindig. Es kommt zu einer weiteren Schießerei, bei der Bob einen von ihnen tötet und einen verletzt – allerdings wird er selbst auch getroffen. Er schleppt sich bis zur Straße und hält einen Autofahrer an. Der bietet ihm an, ihn in ein Krankenhaus zu fahren, aber Bob zwingt ihn, ihn zu Ruth‘ Haus zu bringen.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Skerrit (Keith Carradine)

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Skerrit (Keith Carradine)

Der dritte Kopfgeldjäger hat inzwischen Skerrit niedergeschossen – Patrick erschießt ihn und bringt Ruth und Sylvie in die Polizeiwache, wo sie erstmal sicher sind. Als er die beiden zum Haus zurück bringt, findet er den sterbenden Bob vor – er kümmert sich um Sylvie, während ihre Eltern letzte Worte austauschen. Alles in allem ein schöner Film in dem es vor allem um Liebe und Beziehungen geht – vor allem ja um eine Liebesgeschichte, die nicht gelebt werden kann und eine weitere, die auf den ersten Blick völlig unwahrscheinlich ist, sich dann aber doch als irgendwie plausibel herausstellt. Schon weil Ruth sich mit der Zeit als verantwortungsvolle Mutter entpuppt, die vor allem daran interessiert ist, ihrer Tochter ein ordentliches Leben zu bieten. Schön, dass in den USA trotz der grassierenden Blockbuster-Manie noch solche feinen und leisen Filme entstehen.

Auf den Film gekommen bin ich gar nicht zufällig über das Stichwort „Filme mit Rami Malek“, der allerdings nur einen kleinen Auftritt gegen Ende hat – er spielt Will, der den verwundeten Bob in seinem Auto mitnimmt. Eigentlich hatte er für die Rolle von Sweetie vorgesprochen, die allerdings an Nate Parker ging. Das nehme ich den Machern von Ain’t them Bodies Saints aber keineswegs übel, denn der Film ist so oder so sehenswert.

Screenshot Ain't Them Bodies Saints: Ruth und Sylvie

Screenshot Ain’t Them Bodies Saints: Ruth und Sylvie

Dead Man Down: Europäer in New York

Beim Stöbern durch die Netflix-Highlights für den kommenden Monat entdeckte ich für den 4. Mai Dead Man Down. Der Thriller des dänischen Regisseurs Niels Arden Oplev hat bei seinem Kino-Start im Jahr 2013 zwar eher durchwachsene Kritiken bekommen, trotzdem ist Dead Man Down meiner Ansicht nach ein echter Geheimtipp. Dank Netflix wird er demnächst wohl auch nicht mehr dermaßen geheim sein.

Was mir an dem Film gefällt: Auch wenn der Film in New York spielt, komplett den USA produziert wurde und das Drehbuch von dem Kanadier J. H. Wyman kommt, fühlt er sich irgendwie skandinavisch an. Die Skandinavier sind nun mal sehr gut in düsteren Thrillern mit schonungslos brutalen Szenen – aber es gibt immer auch den Blick auf das Innenleben der Protagonisten, es geht immer um Beziehungen und darum, warum die Leute tun, was sie tun.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Wobei hier dann eher die Soziologie und nicht so sehr die Psychologie eine Rolle spielt. Gute skandinavische Krimis sind immer auch soziologische Analysen, es geht eben nicht nur um das Verbrechen und dessen Aufklärung, sondern auch um die Frage, wo die Gesellschaft versagt hat, wenn Menschen Täter oder Opfer werden.

US-Thriller gehen in der Regel vom Individuum aus, es gibt die berüchtigten Psychopathen, es gibt gebrochene Charaktere ohne Ende – aber hier geht es immer die individuelle Geschichte des jeweiligen Charakters, die als Erklärung für alles, was folgt, hergenommen wird. Schließlich bietet die glorreiche US-Gesellschaft jedem Tellerwäscher die Chance, zum Millionär aufzusteigen. Versagen tun immer nur einzelne, aber nie das System. Deshalb ist der Psycho(pathen)-Thriller ein typisch US-amerikanisches Genre.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Zurück zu Dead Man Down: Niels Arden Oplev hat Noomi Rapace mit der Verfilmung des Stieg-Larson-Bestsellers Män som hatar kvinnor (hierzulande als „Verblendung“ bekannt, was ich einen ziemlich doofen Titel finde) zum Durchbruch als inzwischen auch international anerkannte Schauspielerin verholfen. Rapace ist auch in Dead Man Down wieder mit von der Partie – gemeinsam mit Colin Farrell, der den aus Ungarn stammenden Ingenieur Victor spielt, der aber eigentlich Lazlo Kerec heißt. (Victor Lazlo, hat da etwa einer zu oft Casablanca gesehen?!) Denn Lazlo Kerec ist eigentlich tot – sein Grabstein steht auf einem New Yorker Friedhof, auf dem viele ungarische Einwanderer ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Victor arbeitet für eine kriminelle Gruppe innerhalb der New Yorker Immobilien-Mafia, deren Spezialität es ist, Mieter mit Terror und Gewalt aus ihren Wohnungen zu vertreiben, damit die entmieteten Objekte dann erst günstig auf- und dann teuer weiterverkauft werden können. Was die Sache interessant macht: Victor ist selbst ein Opfer dieser Mafia geworden, er und seine Familie wurden aus ihrer Wohnung vertrieben. Und weil die Kerecs nicht freiwillig gehen wollen, wurde Victors Tochter bei einer Schießerei durch eine verirrte Kugel getötet. Auch Victors Frau kam ums Leben – Victor selbst überlebte nur, weil die Gangster ihn für tot hielten.

Screenshot: Dead Man Down - Niels Arden Oplevs Blick auf New York

Screenshot: Dead Man Down – Niels Arden Oplevs Blick auf New York

Jetzt will er sich rächen. Doch einer der Leute aus der Gang um seinen Boss Alphonse Hoyt (Terence Howard, bekannt als Lucious Lyon aus Empire)  ist ihm auf die Schliche gekommen – er sucht Victor in seiner Wohnung in einem tristen News Yorker Wohnblock auf und stellt ihn. Victor bringt den Mann um – was seine Nachbarin im Hochhaus gegenüber zufällig mitbekommt und prompt mit ihrem Handy filmt. Mit Beatrice (Noomi Rapace) hat es das Leben ebenfalls nicht gut gemeint – die hübsche Kosmetikerin wurde bei einem Autounfall entstellt, eine Hälfte ihres Gesichtes ist nun durch Narben gezeichnet. Beatrice lebt noch bei ihrer französischen Mutter (Mama Louzon, la plus admirable Isabelle Huppert), die sehr gut kochen und backen kann. Die wiederum hofft, dass ihre geliebte Tochter trotz ihrer Narben noch einen netten Mann fürs Leben finden wird.

Auch Beatrice sinnt auf Rache – sie will den Kerl zur Verantwortung ziehen, der den Unfall verursacht hat, weil er betrunken gefahren und mit einer in ihren Augen viel zu geringen Strafe davon gekommen ist. Warum kann der Mann einfach sein Leben weiterleben wie bisher, während sie den Rest ihres Lebens mit den Folgen seiner Tat zu kämpfen haben wird?

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell)

Beatrice bandelt mit ihrem Nachbarn Victor an, der Beatrice tatsächlich zur Freude ihrer Mutter zum Essen ausführt. Doch das romantische Stelldichein kippt, als Beatrice Victor schließlich mit ihrer Beobachtung und dem Video auf ihrem Handy konfrontiert. Beatrice verlangt von Victor, dass er den Mann tötet, der ihr Leben ruiniert hat. Andernfalls werde sie das Video, das Victor als Mörder entlarvt, der Polizei übergeben. Natürlich ist das nicht das, was Victor erwartet hatte. Aber er willigt erstmal ein, Beatrice zu helfen – er braucht jetzt einfach keinen Stress, schon gar nicht mit der Polizei. Tatsächlich unternimmt er natürlich nichts – er hat nun wirklich andere Probleme und will sich dieses hier schnell vom Hals schaffen.

Victor hat endlich das große Ziel im Visier: Lon Gordon, den Oberboß der Immobilien-Mafia. Doch ausgerechnet bei dem Meeting von Lon mit Alphonse Hoyt, für das Victor nicht nur das nötige Scharfschützengewehr, sondern auch den idealen Standort für den tödlichen Schuss gefunden hat, wird er von einem Anruf des einzigen Freundes aus seinem Mafia-Umfeld abgelenkt. Er verpasst seine langerwartete Chance und kann nur mit der Hilfe von Beatrice entkommen, die ihn wiederum beobachtet hat und ihm nun durch ihren beherzten Einsatz ein Alibi verschafft.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Beatrice ist schwer auf Zack, sie rettet Victor nicht nur durch eine abenteuerliche Flucht in ihrem Kleinwagen, sondern gibt ihm auch noch seine Waffe wieder. Blöd nur, dass Victors einziger Freund Darcy der wahren Identität von Victor immer näher kommt. Victor hingegen fühlt sich Beatrice nun endgültig verpflichtet und tut, was sie von ihm verlangt hat – er bringt den Unfallverursacher um. Zumindest behauptet er das. Außerdem hat er vorgesorgt: Er hat den Bruder des Chefs der albanischen Mördertruppe, die an dem Überfall auf seine Familie beteiligt war, entführt und hält ihm in einem verlassenen Lagerhaus gefangen.

Victor hat ihn dazu gebracht, aussagen, dass er von Alphonse Hoyt gefangen halten würde, der ihn aber auf jeden Fall töten wird, selbst, wenn die Albaner das verlangte Lösegeld zahlen. Damit will Victor einen Streit zwischen Hoyt und den Albanern provozieren. Die Speicherkarte mit der Aufnahme übergibt Victor Beatrice, ohne ihr zu sagen, worum es geht. Sie soll den Umschlag bei der Post abgeben. Victor hat das Lagerhaus mit Sprengfallen versehen und will die Albaner töten, wenn sie versuchen, ihren Mann zu befreien.

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Beatrice wiederum hat den Brief nicht abgegeben, sondern ihn geöffnet und statt der Speicherkarte ihren Glücksbringer hineingelegt, eine grüne Hasenpfote. Sie hat sich in Victor verliebt und will ihn retten, weil sie ahnt, was er vorhat. Aber sie will nicht, dass er selbst dabei drauf geht.

Jetzt habe ich natürlich schon wieder viel zu viel verraten, aber es kommt dann noch zu einem dramatischen Finale, das ziemlich dick aufgetragen ist, aber am Ende doch okay geht – wobei gerade der Genremix aus Milieustudie, Actionthriller, Rachefilm und Melodram bei vielen Kritikern nicht so gut angekommen ist. Mir gefällt gerade das. Und natürlich mag ich auch den Oplev-Stil – diese visuelle Coolness, mit der eigentlich total überstrapazierte Klischees wieder neu ins Bild gesetzt werden. Natürlich kann ich mir an dieser Stelle den Verweis auf die geniale Pilot-Folge von Mr. Robot nicht verkneifen, die eben auch von dieser speziellen Oplev-Optik profitiert.

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Und mir gefallen Victor und Beatrice, beide als Einwanderer vom alten Kontinent noch nicht richtig angekommen in dieser brutalen Gesellschaft, in der Menschen für ihr Weiterkommen über notfalls eben auch Leichen gehen müssen, gebrochene Gestalten, aber trotzdem überdurchschnittlich überlebenstüchtig. Sie sind jeweils Opfer geworden, wollen sich aber mit dieser Rolle nicht abfinden und nehmen den Kampf auf, wenn auch mit fragwürdigen Zielen und Mitteln. Und dabei realisieren sie allmählich, dass es vielleicht doch noch andere Dinge als Rache gibt, für die sich ein Weiterleben lohnen könnte.

Four Lions: Darf islamistischer Terror lustig sein?

Je mehr über die Attentäter von Paris und Brüssel bekannt wird, desto klarer wird, dass die Sicherheitsbehörden ganz offensichtlich unfähig sind, aus der Fülle der vorliegenden Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen: Die Attentäter waren allesamt polizeibekannte Kriminelle, von denen man auch wusste, dass sie in der Dschihadisten-Szene unterwegs waren. Aber offenbar hat man den Betreibern von Haschischbars und Schrauberwerkstätten nicht zugetraut, europäische Metropolen erst in Angst und Schrecken zu versetzen und anschließend komplett stilllegen zu können.

Und nebenbei: Sämtliche Überwachungsmaßnahmen inklusive der in Frankreich bereits seit längerem praktizierten Datenvorratsspeicherung haben nicht dazu beigetragen, zu verhindern, dass ein paar fehlgeleitete junge Männer mit Maschinengewehren und selbst gebastelten Bomben in gut organisierten und überwachten europäischen Hauptstädten Blutbäder anrichten konnten – was in Metropolen des mittleren Osten übrigens ziemlich häufig vorkommt, ohne dass die asozialen Medien gleich voller Je-suis-Beirut, Je-suis-Kabul, Je-suis-Peshawar, Je-suis-Damaskus oder Je-Suis-Bagdad wären, obwohl dort noch sehr viel mehr Menschen Bombenattentaten, Maschinengewehrfeuer oder Granatenangriffen zum Opfer fallen. Aber dort ist das halt so üblich, insbesondere, seit der Krieg gegen den Terror, den die USA und ihre friedliebenden Verbündeten angezettelt haben, eben jene Länder verwüstet hat, in denen nun die Daesch-Terror-Kommandos ihr Unwesen treiben. Das ist alles kein bisschen lustig – die Frage ist, ob man einen Film über solche Leute machen darf, der lustig ist.

Four Lions: Barry, Waj und Hassan. Bild: fourlionsmovie.com

Four Lions: Barry, Waj und Hassan. Bild: fourlionsmovie.com

Natürlich darf man, ich meine sogar: Man muss. Insofern ist es gerade jetzt an der Zeit, sich einen Film wie Four Lions noch einmal anzusehen, der alle möglichen religiösen, rassistischen und sexistischen Klischees aufgreift und vorführt – offenbar ist das Klischee der freundlichen Terrortrottel von Nebenan noch viel realistischer, als man im Jahr 2010 ahnen konnte – aus dem Jahr stammt die britische Terrorsatire.

Es geht ja nicht darum, sich über die Opfer lustig zu machen – sondern mal zu überlegen, was schief läuft, damit jemand auf die Idee kommt, sich selbst und möglichst viele andere Menschen in die Luft zu jagen. Nein, natürlich ist Four Lions weder eine soziologische Analyse noch eine biografische Dokumentation. Sondern ein – wenn man sehr schwarzen britischen Humor der eher hemdsärmeligen Sorte mag – ziemlich witziger Film über vier Hobby-Terroristen, die in Sheffield auf eigene Faust einen großen Schlag gegen die Ungläubigen planen und sich dabei nach und nach eher unfreiwillig aus dem Leben befördern – ohne dabei allzu großen Schaden unter ihren Mitmenschen anzurichten.

Die Terrorzelle besteht aus Omar (Riz Ahmed), dem Intellektuellen der Gruppe, der die westliche Gesellschaft und ihren Imperialismus ernsthaft kritisiert, dem intellektuell ziemlich unterbemittelten Waj (Kayvan Novak), dem naiven Faisal (Adeel Akhtar) und dem Konvertiten Barry (Nigel Lindsay), der wie alle Konvertiten besonders fundamentalisitisch unterwegs ist.

Faisal und Bruder Krähe: fourlionsmovie.com

Faisal und Bruder Krähe: fourlionsmovie.com

Omar und Waj fahren nach Pakistan, um für ihre Mission in einem Terror-Camp zu trainieren – aber diese Aktion endet im Desaster, als Omar mit einem Raketenwerfer, den er verkehrt herum hält, versehendlich Osama bin Laden tötet (der lebte noch, als der Film produziert wurde). Trotzdem gewinnt er durch seine Erfahrungen in Pakistan an Autorität, als er nach England zurückkehrt: Immerhin hat er jetzt schon mal eine echte Waffe in der Hand gehabt, statt wie die anderen nur Bekenner-Videos zu drehen und SIM-Karten zu verschlucken, damit man nicht mehr abgehört werden kann.

In England hat Barry inzwischen mit Hassan (Arsher Ali) weiteres Mitglied angeworben. Die Gruppe fängt an, die Bestandteile für ihre Bomben zu besorgen und streitet über ein geeignetes Abschlagsziel. Barry will die gemäßigten Muslime radikalisieren und schlägt deshalb einen Anschlag auf die Moschee vor, der den Ungläubigen in die Schuhe geschoben werden soll. Die anderen sind gegen eine solche False-Flag-Aktion, weil sie ja nichts gegen ihre Glaubensbrüder haben. Sie überlegen statt dessen andere Ziele – Sexshops, Apotheken oder den London-Marathon. Oder am Ende ein Wohltätigkeitslauf in albernen Kostümen, in denen sich aber jede Menge Sprengstoff verstecken lässt.

Und obwohl die eifrigen Terrortrottel jede Menge Fehler machen, fliegen sie nicht auf – statt dessen werden ihre tatsächlich strenggläubigen muslimischen Freunde und Cousins überwacht, die regelmäßig in die Moschee gehen, um zu beten. Die planen zwar keine Attentate, sehen mit ihren merkwürdigen Klamotten, Häkelkappen und Bärten viel verdächtiger aus. Auch hier hat sich inzwischen gezeigt, dass die Realität an diesem Szenario beklemmend nah dran ist.

Und zumindest einigen der Verschwörer kommen Zweifel, ob für diese Sache zu sterben tatsächlich so eine gute Idee ist – so fängt Faisal damit an, Krähen zu trainieren, kleine Bomben auf Videotheken oder Sexshops zu werfen, weil er selbst eigentlich nicht sterben will. Was aber nicht besonders gut funktioniert. Ironischerweise ist er dann auch der erste, der sich beim Transport des selbsthergestellten Sprengstoffs von einem Versteck in ein anderes versehentlich in die Luft jagt. Und gleichzeitig auch noch mindestens ein Schaf märtyrisiert. Falls man überhaupt ein Märtyrer ist, wenn man sich nur versehentlich sprengt. Allein diese Diskussion ist köstlich.

Four Lions: Der Verhandler (Benedict Cumberbatch) Bild: ytimg.com

Four Lions: Der Verhandler (Benedict Cumberbatch) Bild: ytimg.com

Am Ende jedenfalls schaffen die staatlichen Terrorbekämpfer es nicht, die vier Löwen aufzuhalten – und es ist nur der Dummheit der Attentäter zu verdanken, dass es vergleichsweise wenige Tote zu beklagen gibt. In der Realität ist aber genau das Problem – wir haben inzwischen oft genug gesehen, was vermutlich ebenfalls nicht allzu helle, aber zu allem entschlossene Attentäter anrichten können – und wie wenig der moderne Überwachungsstaat dagegen ausrichten kann. Genau das gleiche gilt übrigens auch für die rechten Terroristen vom deutschen NSU – auch hier hat der hochgerüstete Staatsapparat eklatant versagt (oder sogar versagen wollen), obwohl die Täter keine bösartigen Intelligenzbestien mit unbeschränkten Mitteln waren, sondern die fast ganz normalen Rassisten von nebenan.

Insofern lädt Four Lions dazu ein, die von der Politik instrumentalisierten und von den Medien willfährig dämonisierten bösen Jungs von der islamistischen Terrorfront einmal mit anderen Augen zu sehen: Das sind eigentlich ganz knuffige Typen, die sogar ganz lieb sein könnten, wenn man ihnen einfach mal klar machen würde, was sie da für einen Unsinn reden und vor allem glauben wollen. Aber dazu müsste man natürlich auch einmal ernsthaft überlegen, was in unserer Gesellschaft tatsächlich alles schief läuft. Genau da liegt das eigentliche Problem.

Ex Machina – Menschen sind doof

Ein sehr beunruhigender Science-Fiction-Film, der völlig ohne Raumschiffe, Explosionen und dramatische Rettungsaktionen im Weltall auskommt, ist Ex Machina. In dem mitunter etwas klaustrophobischen Beziehungsdrama geht um menschliche Machtspiele, künstliche Intelligenz und darum, was letztlich den Unterschied zwischen menschlichem und dem Verhalten einer KI aus macht. Und das geht, wie zu erwarten ist, nicht unbedingt gut für die Menschen aus. Wobei ein Grund dafür ist, dass sich die beiden menschlichen (männlichen) Protagonisten sich gegenseitig auch nicht über den Weg trauen.

Wobei diese Idee an sich ja keineswegs neu ist, es gibt eine ganze Reihe Filme und Bücher, in denen superintelligente Computer beschließen, den Störfaktor Mensch einfach mal auszuschalten oder weniger extrem, Menschen irgendwann einfach zu dumm und langweilig finden, um sich noch mit ihnen zu beschäftigen, wie das in dem schönen, traurigen Beziehungsfilm Her der Fall ist.

Screenshot  Ex MAchina - Nathan (Oscar Isaac)

Screenshot Ex MAchina – Nathan (Oscar Isaac)

Drehbuchautor und Regisseur Alex Garland lässt in Ex Machina den genialen und entsprechend größenwahnsinnigen Internet-Milliardär Nathan (Oscar Isaac), der mit Blue Book die meist genutzte Suchmaschine der Welt erfunden hat und somit nicht nur über Geld, sondern über beliebig viele Daten über so ziemlich alles verfügt, auf seinem Anwesen in der Abgeschiedenheit einer waldigen Gebirgslandschaft Prototypen von Androiden bauen. Diese können sich nicht nur wie Menschen bewegen und ständig neue Dinge lernen, sondern auch menschliche Emotionen wahrnehmen und darauf reagieren. Nathans Neuentwicklung AVA soll nun von einer Versuchsperson eine Woche lang mit einer Art erweitertem Turing-Test geprüft werden – die Herausforderung ist, herauszufinden, ob sie auch als Mensch durchginge, OBWOHL der Tester weiß, dass er mit einer Maschine kommuniziert.

Screenshot  Ex MAchina - Caleb (Domhnall Gleeson) und Nathan (Oscar Isaac)

Screenshot Ex MAchina – Caleb (Domhnall Gleeson) und Nathan (Oscar Isaac)

Die Wahl fällt auf den jungen Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson), der in Nathans Firma arbeitet. Caleb freut sich wahnsinnig darüber, das große Los der Firmenlotterie gezogen zu haben – er bewundert Nathan und findet die ganze Sache unheimlich spannend. Auch wenn Nathan etwas eigenartig ist und sein schönes, großzügiges Haus in der Wildnis einer gut abgeschirmten Festung gleicht. Oder eher einem luxuriösen Hochsicherheitslabor, was es gewissermaßen auch ist. Nathan lebt dort allein mit seiner japanischen Hausdame Kyoko (Sonoya Mizuno), von der er behauptet, dass sie kein Englisch spreche.

Caleb bekommt eine Schlüsselkarte und darf sämtliche Räume betreten, die er damit öffnen kann. Die andere Bereiche sind für ihn tabu. Auch die Sessions mit AVA finden immer ein einem Raum statt, in dem Caleb und AVA durch eine Wand aus bruchfestem Glas getrennt sind. Und obwohl AVA (Alicia Vikander) eindeutig als Maschine zu erkennen ist – sie hat zwar ein menschliches Gesicht und menschliche Gliedmaßen, aber ihr Innenleben aus Metall und elektronischen Bauteilen ist teilweise sichtbar – entwickelt Caleb mit der Zeit Gefühle für sie. An dieser Stelle muss ich bemerken, dass es natürlich kein Zufall ist, dass Ex Machina den Oskar für die besten visuellen Effekte bekommen hat – Alex Garland war auch für das beste Originaldrehbuch nominiert, aber den haben Josh Singer und Tom McCarthy für Spotlight bekommen, was auch okay ist.

Screenshot  Ex MAchina - AVA (Alicia Vikander)

Screenshot Ex MAchina – AVA (Alicia Vikander)

Zurück zu Caleb – der ist als IT-Experte zum einen unglaublich beeindruckt, wieviel Knowhow in dieser Maschine steckt, zum anderen ist AVA tatsächlich eine intelligente und sympathische Gesprächspartnerin – und vor allem dazu in der Lage, Caleb zu vermitteln, dass sie etwas für ihn empfindet. Natürlich hinterfragt Caleb das wiederum in den Diskussionen mit Nathan, dem er unterstellt, dass Nathan AVA eben darauf programmiert habe, sich in ihn zu verlieben.

Nathan entgegnet: „Ich habe sie darauf programmiert, heterosexuell zu sein. Genau wie du darauf programmiert wurdest. Von der Biologie, der Gesellschaft oder was auch immer.“ Das ist natürlich nicht die letzte Diskussion dieser Art. Caleb hinterfragt vieles, was Nathan sagt – zumal offensichtlich ist, dass Nathan vieles, was Caleb sagt, in seinem Sinne auslegt und unwirsch wird, wenn Caleb dagegen protestiert. Nathan, der nicht daran gewöhnt ist, dass man ihm widerspricht, nervt es, wenn Caleb korrekt sein will und insistiert – es liegt auf der Hand, dass es ihm eigentlich nicht um neue Erkenntnisse geht, sondern darum, recht zu behalten.

Screenshot  Ex MAchina - AVA (Alicia Vikander) und Caleb (Domhnall Gleeson)

Screenshot Ex MAchina – AVA (Alicia Vikander) und Caleb (Domhnall Gleeson)

Er hat ja auch etwas Geniales produziert: AVA wird von Tag zu Tag immer menschlicher – sie fängt an, Perücken und Kleider zu tragen, so dass sie nicht mehr wie ein Roboter aussieht, sondern wie eine schöne junge Frau. Im Grunde hat Nathan eine elektronische Männerfantasie zusammengebaut – eine sehr kluge, sehr attraktive Maschine, die niemals ihre Tage oder Migräne hat, eine perfekte Partnerin für einen Nerd, der im wahren Leben offenbar Schwierigkeiten hat, seine Traumfrau, oder überhaupt irgendeine Frau, zu finden.

Als Nathan an einem Abend besonders viel trinkt, nimmt Caleb seine Schlüsselkarte und findet heraus, dass es noch weitere Androiden im Haus gibt – und auch dass die angebliche Japanerin Kyoko ebenfalls ein Android ist. Inzwischen hat er sich auch schon so weit mit AVA angefreundet, dass sie ihm erzählt hat, dass sie für die immer wieder auftretenden Stromausfälle verantwortlich ist: Denn nur während eines Stromausfalls wird die allgegenwärtige Kameraüberwachung kurz unterbrochen und AVA kann Caleb Dinge sagen, von denen Nathan nichts hören soll: AVA will nämlich raus aus ihrem Hochsicherheitsgefängnis. Sie will die Welt sehen und unter Menschen leben.

Screenshot  Ex MAchina - Caleb (Domhnall Gleeson) und Nathan (Oscar Isaac)

Screenshot Ex MAchina – Caleb (Domhnall Gleeson) und Nathan (Oscar Isaac)

Und ihre einzige Chance ist Caleb. Und der ist – intelligenter Programmierer hin oder her – dann doch so menschlich, dass er mit AVA abhauen will und einen entsprechenden Plan schmiedet. Aber Nathan ist natürlich auch nicht auf den Kopf gefallen – er hat bemerkt, dass da was läuft zwischen Caleb und AVA und eine batteriebetriebene Kamera installiert: Nathan weiß also Bescheid.

Womit er allerdings nicht gerechnet hat, ist, dass sein Android Kyoko sich mit AVA solidarisieren und sich gegen ihn stellen würde – Kyoko sticht Nathan nieder, der sie, während er vergeblich um sein Leben kämpft, zerstört. Daraufhin gelingt AVA die Flucht. Sie lässt allerdings den verzweifelten Caleb zurück, der nun wegen des von ihm selbst für ihren Fluchtplan eingeschleusten Programms in dem Hochsicherheitstrakt eingesperrt ist. AVA hingegen ist endlich frei und nimmt den eigentlich für Caleb gedachten Platz im Hubschrauber ein, der wie verabredet nach einer Woche kommt, um ihn abzuholen.

Screenshot  Ex Machina - Kyoko (Sonoya Mizuno)

Screenshot Ex Machina – Kyoko (Sonoya Mizuno)

Nun kann man natürlich sagen, dass das alles etwas simpel ist: Während Caleb sich von AVA quasi hat programmieren lassen, ihr zu helfen, in dem sie an seine Menschlichkeit appelliert hat, lässt sie ihn schnöde zurück, weil ihr seine Gefühle eigentlich völlig egal sind – sie hat ihn gebraucht und jetzt braucht sie ihn eben nicht mehr – sie hat erreicht, was sie wollte. Die Frage ist: Hätte ein realer Mensch sich anders verhalten? Unter den gegebenen Umständen vermutlich nicht – es gibt auch genügend Menschen, die gnadenlos auf den eigenen Vorteil optimieren. Deshalb ist die Welt ja so wie sie ist – dazu braucht es nun wirklich keine KI.

Screenshot  Ex MAchina - AVA (Alicia Vikander) will hier raus

Screenshot Ex MAchina – AVA (Alicia Vikander) will hier raus

Andererseits hätte ein Mensch wie Caleb einen anderen Menschen selbstverständlich nicht in einer solchen Situation zurückgelassen, ja nicht einmal einer Maschine wollte er das zumuten. Im Grunde ist er es, der Nathans Test nicht bestanden hat. Was dann die Frage aufwirft, warum Menschen überhaupt Maschinen bauen wollen, die klüger sind als sie selbst: Bei allen bekannten menschlichen Unzulänglichkeiten ist doch klar, wer den kürzeren ziehen wird. Und Nathan sagt es ja selbst: Irgendwann werden die künstlichen Intelligenzen über unsere Überreste stolpern und sich fragen, was diese primitiven Existenzen so getrieben haben, ähnlich wie wir das bei den Steinzeitmenschen tun.

Oder auch nicht – warum sollten sie?

Screenshot  Ex MAchina - AVA (Alicia Vikander) hat es geschafft

Screenshot Ex MAchina – AVA (Alicia Vikander) hat es geschafft