Chernobyl: Total verstrahlt

Rechtzeitig nach dem GOT-Debakel hat der US-Sender HBO einen neuen Serien-Hit landen können: Die fünfteilige Mini-Serie Chernobyl. Wie der Name vermuten lässt, geht es um den atomaren Super-GAU im gleichnamigen Kernkraftwerk nahe der ukrainischen Stadt Prypjad. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor von Block 4 und löste damit die erste verheerende atomare Katastrophe ziviler Atomkraftnutzung in der Geschichte aus. An deren Folgen sind bereits zahlreiche Menschen gestorben sind und noch viel mehr Menschen werden noch an den Spätfolgen der radioaktiven Belastung sterben.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Serie weder unterhaltsam ist, noch schöne Bilder bietet. Es handelt sich um fünf Stunden Horror, der umso gruseliger ist, weil man ja weiß, dass das alles wirklich statt gefunden hat. Wie man es von einer HBO-Serie erwarten kann, hat der Sender keine Kosten und Mühen gescheut, die schrecklichen Ereignisse möglichst realistisch darzustellen, wobei ich mit „realistisch“ ausdrücklich nicht sagen will, dass sich alles genau so abgespielt hat.

Natürlich hat der Serienschreiber Craig Mazin, der bisher durch eher alberne Filme wie Scary Movie 3 und 4 oder Hangover 2 und 3 aufgefallen ist, die Story gestrafft und einige Hauptpersonen erfunden, mit denen die sonst sehr komplexen Ereignisse einfacher erklärt werden können. Aber viele der Ereignisse, die gezeigt werden, müssen sich nach dem, was über die Katastrophe bekannt ist, tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben. Aber ich gehe davon aus, dass einiges aus dramaturgischen Gründen erfunden oder abgewandelt wurde – warum auch nicht, es handelt sich ja nicht um eine Dokumentation.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Die beiden Protagonisten Waleri Legassow (Jared Harris) und Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård) gab es wirklich, genau wie eine ganze Reihe weiterer Personen des Zeitgeschehens. Der überhaupt nicht fiktive Selbstmord des hochrangigen Wissenschaftlers Legassow, der die Untersuchungskommission zur Aufklärung der Ursachen des GAU leitete, verstörte die Fachwelt und weist darauf hin, dass er damit untermauern wollte, dass alles noch viel schlimmer gewesen ist, als offiziell bekannt wurde. In der Serie hat Legassow die undankbare Rolle der Kassandra, die sich immer wieder mit extrem schlechten Nachrichten unbeliebt macht, aber nun einmal gefürchtete Wahrheiten ausspricht und allmählich unter der übergroßen Verantwortung zusammenbricht.

Man kann sich darüber streiten, ob alles, was Legassow sagt, realistisch ist, vielleicht übertreibt er ein wenig, um den Mächtigen im ZK klar zumachen, dass es sich eben nicht um irgendein dummes Unglück handelt, das man vertuschen oder schön reden kann, um nicht an der propagierten  Überlegenheit der sowjetischen Technik und des sowjetischen Systems zu kratzen, sondern um eins, das einen ganzen Landstrich und darüber hinaus sogar einen erheblichen Teil der Welt nachhaltig zerstören kann, wenn keine geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Und, immerhin, das wird auch gezeigt, nachdem Generalsekretär Michail Gorbatschow endlich begriffen hat, wie schlimm das alles wirklich ist, spielen Kosten keine Rolle mehr, Schtscherbina, der die entsprechende Regierungskommission leitet, bekommt, was immer er fordert.

Chernobyl - Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Chernobyl – Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Die Rolle Schtscherbinas ist allerdings weniger eindeutig, einerseits war er ein Apparatschik, der erst auf der Seite der Vertuschen und Abwiegler stand. Er hat sich dann aber von Legassow überzeugen lassen, dass die Lage wirklich katastrophal war. In der Serie geschieht das, als ein Hubschrauber, der zu dicht an die aus dem explodierten Reaktor quellende Rauch- und Strahlungswolke herabgeflogen ist, in Teilen von Himmel fällt. Das mag vielleicht auch ein wenig übertrieben sein, Tatsache ist aber, dass die Strahlung in der unmittelbaren Nähe des explodierten Reaktors so hoch war, dass ferngesteuerte Roboter und Kettenfahrzeuge, die auf dem Dach eingesetzt werden sollten, um die hochradioaktiven Graphitbrocken aus dem Reaktorkern zu entfernen, ihren Dienst nach kurzer Zeit aufgaben. Die Technik kam mit der Strahlung noch weniger klar, als die Bioroboter, die nach dem Versagen der Maschinen eingesetzt wurden.

Nach diesem Erlebnis jedenfalls glänzte Schtscherbina tatsächlich mit logistischen Hochleistungen, etwa die komplette Evakuierung von Prypjat, die zwar viel zu spät kam, dann aber in sehr kurzer Zeit vollzogen wurde oder die Beschaffung von Material und Leuten für die Löschung des Reaktorbrandes und zur Eindämmung von weiteren, noch fataleren Folgen des Reaktorunglücks.

Chernobyl - der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Chernobyl – der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Die weißrussische Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) hingegen ist komplett erfunden, allerdings ist es eben viel einfacher, wenn sie herausfindet, was zu dem Unglück geführt hatte, als eine tatsächlich eingesetzte vielköpfige Untersuchungskommission. Es handelt sich ja eben nicht um eine Doku-, sondern um eine Dramaserie. Insofern finde ich eine solche Vereinfachung akzeptabel, zumal das Drama, das sich abgespielt hat, in ebenso drastischen wie beklemmenden Bildern gezeigt wird.

Wobei es einem US-Sender wie HBO sicherlich leichter fällt, eine Katastrophe kritisch aufzubereiten, die sich beim ehemaligen Klassenfeind und Weltmachtkonkurrenten UdSSR ereignet hat. Natürlich wird UdSSR-Bashing betrieben, einmal mehr wird zelebriert, dass in der nicht kapitalistisch organisierten UdSSR alles heruntergekommen, grau und vom KGB überwacht war. Der Alltag in der Sowjetunion in den 80ern wird ungefähr so dargestellt, wie es in den 50er und 60er-Jahre-Serien der USA ausgesehen hat. Nur eben noch armseliger, was die Ausstattung von Wohnungen und so weiter angeht. Das nervt mich schon, der Zustand der Gebäude wird kurz nach dem Umglück und der Evakuierung schon so dargestellt, wie er erst Jahrzehnte später war. Aber egal, wir kapieren ja, dass es auch darum geht, abzubilden, dass die Todeszone um den Unglücksort herum noch immer unbewohnbar ist.

Chernobyl - Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Chernobyl – Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Das Unglück an sich und das, was in den ersten Stunden und Tagen danach geschehen oder eben nicht geschehen ist, dermaßen haarsträubend, dass ich es gut finde, dass genau diese Fehleinschätzungen und Versäumnisse überhaupt thematisiert und für ein mehr oder auch weniger interessiertes Publikum aufbereitet werden. Es geht auch darum, zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich zu sicher ist, dass eigentlich nichts passieren kann: Die Reaktor-Mannschaft in Tschernobyl war ja tatsächlich dermaßen von der Sicherheit ihrer Technik überzeugt, dass sie den GAU aus einer fatalen Mischung aus Fahrlässigkeit (Missachtung grundlegender Sicherheitsregeln) und Fehleinschätzung der tatsächlichen Situation (Konstruktionsfehler des Reaktortyps) selbst herbeigeführt hat. Ein RBMK-Reaktor kann nicht explodieren, das wollten die Verantwortlichen auch noch glauben, als er schon explodiert war. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Dieser Irrglaube fordert immer wieder zahlreiche Opfer. (Es gibt keinen Klimawandel. Es gibt keine Luftverschmutzung. Es gibt kein Waldsterben. Es gibt kein Mikroplastik überall dort, wo es nicht hingehört. Es gibt kein…)

Da kann man natürlich mit dem Finger auf die Sowjetunion zeigen und sich freuen, dass westliche Technik ja so viel besser ist. Aber der Super-GAU in Fukushima zeigt, dass auch das technologische Musterland Japan nicht besser ist. Und auch in den USA kam es schon zu einer Reihe von Atomreaktor-Unfällen, der bekannteste dürfte Three Mile Island gewesen sein. Und natürlich wurde die Öffentlichkeit immer belogen und es wurde und wird immer verharmlost. Keine Regierung und kein Konzern liebt schlechte Nachrichten. Blöd nur, dass sich Radioaktivität (wie so vieles andere, was die Umwelt vergiftet) sich nicht an nationale Grenzen hält. Der Unfall von Tschernobyl wurde der Weltöffentlichkeit bekannt, als ein Atomkraftwerk in Schweden zwei Tage später Alarm auslöste, weil erhöhte Strahlung gemessen wurde.

Chernobyl - die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr  Bild: hbo.com

Chernobyl – die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr Bild: hbo.com

Mag sein, dass der GAU von Tschernobyl der entscheidende Nagel im Sarg des sozialistischen Blocks war. Aber wenn – aus welchen Gründen auch immer – ein vergleichbarer Unfall in einem französischen, britischen, chinesischen oder US-Atomkraftwerk geschehen sollte – es würde mindestens genauso teuer, die Verluste an Leben, Gesundheit und Vermögen wären vermutlich noch viel höher, vor allem, wenn es im dichtbesiedelten Westeuropa oder Asien geschehen würde. Ich habe im Zuge einer anderen Recherche vor Jahren einmal versucht, herauszufinden, wie das mit aktuellen Evakuierungsplänen und Kriseninterventionsmaßnahmen im unmittelbaren Einzugsgebiet von deutschen Atomkraftwerken im Falle einer Havarie ist. Verstörendes Ergebnis: Nicht einmal die Zuständigkeiten von entsprechenden Institutionen und Behörden sind bekannt. Es gibt wohl Lager mit Jodtabletten. Aber wer die bekommt und wie die verteilt werden – keine Ahnung. Wer für eine Evakuierung zuständig wäre, und wo die ganzen Leute dann hin sollen – Fragezeichen über Fragezeichen.

Fazit: Keine Regierung und kein Konzern sind auf den Ernstfall vorbereitet. Was passiert, wenn der Ernstfall trotzdem eintritt, zeigt diese Serie. Das ist nicht schön. Und irgendwie behagt mir diese Art von Faszination des Grauens nicht. So etwas sollte nicht Stoff von Unterhaltungsserien sein müssen. Es widert mich an, wenn das Unglück von Menschen (und Tieren) auf diese Weise ausgeschlachtet wird. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der alles, was man zum Leben braucht, einem Geschäftsmodell unterworfen ist. Essen, Wohnung, Kleidung, Gesundheit, Transport, alles kostet.

Dann soll halt HBO aus der Notwendigkeit, die Folgen einer atomaren Katastrophe für ein hoffentlich großes Publikum begreifbar zu machen, auch Gewinn erzielen. Ist halt eine Scheißwelt. Aber die Bewohner dieser Scheißwelt brauchen halt ihre Serien, um sich in ihrer Freizeit vom Stress des Lebens und damit des Geld-verdienen-müssens abzulenken. Chernobyl ist dafür nur bedingt geeignet. Umso bemerkenswerter, dass die Serie auf imdb und Rotten Tomatoes so gut bewertet wird. Ich werte das als Indiz dafür, dass viele Menschen sich durchaus Gedanken machen wollen: Chernobyl ist nun wirklich keine Heile-Welt-Serie. Sondern eine, die zeigt, was passiert, wenn eine vermeintlich heile Welt buchstäblich zerfällt. Und es ist eben nicht nur Faszination des Grauens, sondern der Versuch, zu überlegen, was denn ein in einer solchen Situation angemessenes Verhalten wäre. Die Antwort fällt schwer, weil es keine eindeutige Antwort gibt.

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Insofern finde ich gut, dass eine solche Serie und eben nicht ein neues Game of Thrones Furore macht. Also nichts gegen Game of Thrones. Aber mir ist lieber, wenn sich die Menschen nicht mit den Storylines fiktiver Charaktere beschäftigen, sondern damit, was mit unserer Welt passiert, wenn man bornierten Technologen glaubt. Es gibt ja gar nicht so wenige, die wieder laut über Atomkraft nachdenken, weil die Atomkraftwerke kein CO2 in die Atmosphäre blasen, im Gegensatt zu Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Ja klar, das stimmt. Mit den fossilen Klimakillern muss Schluss sein.

Aber: Es gibt noch immer keine wirklich sicheren Endlager für den Atommüll, der in den Kernkraftwerken weltweit anfällt. In Deutschland steht der Atommüll in Castoren in irgendwelchen Hallen rum, die weder gegen Flugzeugabstürze noch sonst wie besonders gut gesichert sind. Die erste Generation der Castor-Behälter hat ihre genehmigte Laufzeit im kommenden Jahr erreicht. Und dann? Keine Ahnung.

Gut, es ist vermutlich besser, die Castoren mit hochradioaktivem Atommüll da rumstehen zu lassen, wo man sehen kann, in welchem Zustand sie sind, statt sie einfach in die Asse zu kippen. Was wiederum ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen ist, das früher einmal für die Endlagerung von radioaktiven Müll vorgesehen war, ohne sich dafür irgendwie zu eignen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Radioaktivität aus den verrottenden Fässern ins Grundwasser gelangt. Auch wenn das Bundesinstitut für Strahlenschutz keine Kontamination des Geländes feststellen konnte (oder wollte), so gibt es doch eine auffällige Häufung bestimmter Krebsarten in der Gegend. Das ist kein Vergleich zu dem, was in Tschernobyl passiert ist. Aber ich bin gespannt, ob und wann es eine Serie über Fukushima geben wird.

Werbeanzeigen

Green Book: Gut, aber zu spät

Ich mag Musikfilme und ich mag Roadmovies, insofern ist Green Book schon ein besonderer Leckerbissen. Das fand offensichtlich auch die ehrwürdige Academy, die den Film am Sonntagabend mit dem Oscar für den besten Film bedachte. Und Mahershala Ali mit dem Oscar für den besten Darsteller in einer Nebenrolle. Wobei ich nach dem nochmaligen Ansehen von Green Book doch ein bisschen enttäuscht bin, vermutlich weil der Film meine Erwartungen einfach anstandslos erfüllt hat: Ein bisschen rauer, eckiger, weniger gefällig hätte die Geschichte schon sein können.

Es geht um den schwarzen Klaviervirtuosen Don Shirley, eine historische Person, der in den frühen 60er Jahren eine Tournee durch die Südstaaten der USA unternahm, und seinen Fahrer, der im Film Tony Vallelonga, kurz Tony Lip heißt. Kleiner Witz am Rande: Der echte Tony Lip hat in der legendären Serie Die Sopranos den Mafia-Boss Carmine Lupertazzi gespielt. Insofern ist der Mafia-Bezug dieser Figur quasi naturgegeben.

Green Book Filmposter

Green Book Filmposter

Mahershala Ali hat für seine Interpretation des Don Shirley bereits einen Golden Globe als bester Nebendarsteller gewonnen, absolut verdient natürlich, wobei ich die Kategorie „Nebendarsteller“ auch wieder diskussionswürdig fände. Viggo Mortensen als Hauptdarsteller finde ich schon okay, er spielt diesen Italo-Amerikaner Tony Lip, der gute Beziehungen zur New Yorker Mafia hat, aber auch sonst in jeder Beziehung ein Familienmensch ist, hinreißend ehrlich und schmierig zugleich.

Tony ist ein Kind der US-Einwanderer-Arbeiterklasse. Er macht seinen Job und scheut nicht davor zurück, sich die Finger schmutzig zu machen. Gleichzeitig versucht er, ein guter Ehemann und Vater zu sein. Familie ist wichtig, gerade in seinen Kreisen. Die Italiener hängen auch in der neuen Welt an ihren alten Werten. Aber genau das ist sympathisch: Sie schätzen gutes Essen und sie sind gastfreundlich und hilfsbereit. Insofern hat Tony kein Problem damit, für einen Farbigen zu arbeiten. Job ist Job und solange er sein Geld kriegt, macht er ihn, so gut er kann. Und natürlich macht er ihn ziemlich gut.

Für Don Shirley ist das alles komplizierter: Er ist ein ebenso hochgebildeter wie feinsinniger Künstler, der in den höchsten Kreisen verkehrt, er wohnt in einem Appartement über der Carnegie Hall und ist mit den Kennedys befreundet. Er hat eigentlich alles, was man im Leben erreichen kann. Aber offensichtlich hat er ein Problem damit, dass er aufgrund seiner afrikanischen Herkunft nicht überall in den Staaten gleichermaßen anerkannt wird. Oder vielleicht will er seinen unterdrückten schwarzen Brüdern und Schwestern im Süden einfach Mut machen – es ist jedenfalls sein Wunsch, eine Tournee durch den Süden der USA zu absolvieren, auch wenn das weniger Geld einbringt.

Und es liegt auf der Hand, dass das zu jener Zeit gewisse Schwierigkeiten provoziert. Insofern sucht Shirley mehr als einen Fahrer, der ihn einfach nur von Konzert zu Konzert chauffiert. Er braucht einen persönlichen Assistenten, der mögliche Probleme vor Ort möglichst geräuschlos regeln kann. Natürlich ist Tony Lip der ideale Kandidat für diesen Job – nur weiß Tony das noch nicht. Auch wenn er im Bewerbungsgespräch als besondere Qualifikation Public Relations nennt. Daher kommt sein Spitzname Lip: Er kann sich aus schwierigen Situationen einfach herausreden.

Don Shirley erkennt das, auch wenn er sonst mit dem ungeschliffenen Verhalten seines Angestellten immer wieder unzufrieden sein wird. Einen großen Teil des Amüsements zieht Green Book entsprechend aus der Gegenüberstellung des prolligen weißen Fahrers mit dem Herz auf dem rechten Fleck und dem distinguierten Intellektuellen, der für die Gegend, in der er sich gerade bewegt, leider die falsche Hautfarbe hat.

Der Filmtitel leitet sich übrigens von dem Reiseführer Negro Motorist Green Book  ab, nach dem Shirley seine Tournee planen muss.  Dass so etwas noch immer als Gegenstand für einen Film herhalten muss, ist traurig und beschämend. Vielleicht ist es das, was meine latente Unzufriedenheit mit diesem Film ausmacht und mich wünschen lässt, dass dieser Film nicht als bester Film ausgezeichnet worden wäre, obwohl es zweifelsohne ein guter Film ist, ein unterhaltsamer dazu, wenn auch kein besonders mutiger. Dafür kommt er ein paar Jahrzehnte zu spät. 

Es geht mir mit Green Book ähnlich wie mit Hidden Figures, jenem Film über einige afroamerikanischen Mathematikerinnen, die maßgelblich am Erfolg des Mondlandungsprojekts der NASA beteiligt waren, ohne dass ihre Leistung angemessen gewürdigt worden wäre. Ich finde gut, dass das mit dem Film endlich mal ansatzweise nachgeholt wird, gleichzeitig ärgert es mich, dass so ein wichtiger Film nett und unterhaltsam aufbebreitet wird, anstatt sich dermaßen über diese Ignoranz und Ungerechtigkeit aufzuregen, wie es mehr als angebracht wäre. Aber wer kuckt sich schon zwei Stunden Standpauke an. Natürlich will man lieber einen unterhaltsamen Film, bei dem man nebenbei noch etwas lernen kann. Aber der Sache, um die es geht, wird man damit nicht gerecht. Aber klar, lieber so einen leicht verlogenen Feel-Good-Film als ein noch verlogeneres Superheldenmovie. Insofern: Daumen hoch für Green Book.

Babylon Berlin: Geld allein genügt nicht

Laut Bambi ist Babylon Berlin die deutsche Serie des Jahres. Das geht irgendwie in Ordnung, denn eine bessere deutsche Serie fällt mir derzeit leider auch nicht ein. Vor allem keine, die zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Es ist ja nicht so, dass es gar nichts Neues aus deutscher Produktion zu sehen gäbe, erfrischend unkorrekt, geistreich und dabei total lustig fand ich in diesem Jahr beispielsweise Das Institut – Oase des Scheiterns. Diese Serie beweist, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand richtig gute Unterhaltung machen kann. Und damit komme ich auch gleich zu meinem größten Kritikpunkt an der ausgezeichneten deutschen Megaserie. Im Fußball würde man es so formulieren: „Geld schießt keine Tore“. Um endlich mal eine Serie zu produzieren, die im internationalen Seriengeschäft mithalten kann, haben die Macher richtig viel Kohle in die Hand genommen, die ersten zwei Staffeln mit 16 Folgen à 45 Minuten, die in acht Doppelfolgen ausgestrahlt wurden, sollen 40 Millionen Euro gekostet haben. Damit ist Babylon Berlin ist die bisher teuerste nicht englischsprachige Serie überhaupt.

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Und das sieht man auch, großartige Kulissen und Kostüme, optisch ist alles vom Feinsten. Babylon Berlin sei „ein opulentes Meisterwerk mit Suchtpotenzial“ las ich als Begründung für die Bambi-Auszeichnung, und ja, opulent ist die Serie zweifellos, und wenn man sich drauf einlässt, kann sie einen gewissen Sog entwickeln.

Das liegt unter anderem an den tollen Darstellern, insbesondere  Volker Bruch als Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter. Und dann sind mit Peter Kurt, Matthias Brand, Lars Eidinger, Misel Maticevic, Leonie Benesch, Fritzi Haberlandt, Hanna Herzsprung, Marie Gruber, Benno Führmann und so weiter eine Menge Schauspieler aus der ersten Riege des deutschen Fernsehens vertreten, die ihre Sache allesamt so gut machen, wie es man von entsprechend ausgebildeten Profis erwarten kann. Und dann ist da noch Severija Janusauskaite, die mich als mysteriöse russische Gräfin Sorokina bzw. als androgyner Nachtclubsänger Nikoros begeistert hat.

Babylon Berlin: Die Sorokina (

Die Sorokina in Aktion (Severija Janusauskaite)

In Potsdam Babelsberg wurde für die Serie ein kompletter 20er-Jahre-Kiez aus Berlin nachgebaut, je nach Bedarf mit schäbigen oder prunkvollen Gründerzeitfassaden und damals modernen Gebäuden, zusätzlich gibt es beeindruckende  Computeranimationen, in denen der Alexanderplatz mitsamt den bestehenden Bauten in die späten 20er zurückversetzt wurde, auch wenn die beiden markanten Gebäude, das Alexanderhaus und das Berolinahaus von Peter Behrens, die dem Platz heute noch dieses 20er-Jahre-Flair verleihen, im Jahr 1929 noch gar nicht fertig gestellt waren – egal. Das rote Rathaus kann sich gut als Rote Burg verkleiden, wie das Polizeipräsidium bezeichnet wurde, das sich ungefähr dort befand, wo heute das Einkaufszentrum Alexa ist. Auch die Fahrzeuge, die Kleidung, die zahlreichen Statisten, das ist alles glaubwürdig und mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet. Und selbst dort, wo die Serienmacher keine historischen Vorlagen benutzen, sondern sich einfach von den Möglichkeiten der damaligen Zeit inspirieren lassen, etwa beim extrem coolen Interieur des Moka Efti, das tatsächlich ein eher plüschiges Café mit orientalisch-inspirierter Pracht war, in der Serie aber ein ultramoderner Art-Deko-Tempel mit klaren Linien und viel Neolicht ist, oder bei dem Tanzschuppen, in dem die Sorokina als Nikoros auftritt, wird der Geist der damaligen Zeit gut eingefangen und in die heutigen Sehgewohnheiten übersetzt.

bb3

So hätte der Alexanderplatz in den 20er Jahren aussehen können

Was mich nervt, ist, dass die eigentlich ziemlich gute Handlung des Romans Der nasse Fisch von Volker Kutscher, auf dem die Serie beruht, weitgehend umgeschrieben wurde. Das ist zum Teil der Seriendynamik geschuldet, wofür ich als Serienjunkie nun wirklich Verständnis habe. Allerdings wird die Geschichte dadurch zumindest teilweise schwach, weil gleichzeitig viele Nebenhandlungen ausgebaut wurden, wodurch der eigentliche Fall, den Gereon Rath aufklären soll, in den Hintergrund rückt. Oder waren das gleich mehrere Fälle? Da geht es Babylon Berlin dann wie einem Münsteraner Tatort, in dem der eigentliche Fall ja auch nur dazu dient, Thiel und Dr. Boerne eine Grundlage für ihren mehr oder weniger lustigen Kleinkrieg zu liefern.

Wobei das ja nicht immer schlecht sein muss und im Grunde finde ich sogar gut, dass einige der Nebenfiguren aus dem Roman in der Serie eine eigene Geschichte bekommen. Aber eine komplexe Serienhandlung ist keine Nummernrevue, in der man nach 90 Minuten wieder abschalten kann, und die Autoren machen es dem Publikum nicht gerade leicht, über mehrere solcher langen Teile hinweg dabei zu bleiben. Es gibt zwar einen großen, sämtliche Teile übergreifenden Handlungsbogen, aber angesichts der vielen Nebenhandlungen verliert die Serie immer wieder den Faden, was angesichts des veranstalteten Aufwands besonders schade ist.

Da ist beispielsweise Charlottes Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch), die in der Serie mittellos aus Usedom nach Berlin kommt und dort eine Anstellung als Hausmädchen beim Regierungsrat August Benda (Matthias Brand) findet, dem Chef der Politischen Polizei. Auch diese Figur wurde eigens für die Serie aufgebaut, sie ist vom Juristen Bernhard Weiß inspiriert, der in der Weimarer Republik Polizeivizepräsident in Berlin war. Der aus einer liberalen jüdischen Familie stammende Weiß war einer der wenigen republikanisch gesinnten höheren Beamten im Polizeiapparat. Weiß ging konsequent gegen Übergriffe der NSDAP vor und war deshalb immer wieder Diffamierungskampagnen ausgesetzt, 1933 wurde er aus dem Amt gejagt und floh über Prag nach London. Das ist eigentlich schlimm genug, doch in der Serie wird ihm ein noch grausameres Schicksal zuteil, an dem auch Greta beteiligt ist, die sich in ihrer Naivität von einem falschen Freund ausnutzen lässt.

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

In den Hintergrund rückt dafür der „Buddha“, wie der damalige Chef der Berliner Kriminalpolizei Ernst Gennat genannt wurde. Im Buch ist der Begründer der modernen Mordermittlung in Deutschland eine zentrale Figur, die Gereon Rath zu recht bewundert und fürchtet, in der Serie taucht Gennat erst in der zweiten Staffel auf, und da eher am Rande. Keine Ahnung, was die Serienmacher dazu bewogen hat, ausgerechnet diese interessante historische Figur in den Hintergrund zu rücken, denn Gennat liefert doch wirklich jede Menge Stoff für seriöse Krimihandlungen. Er entwickelte in den 20er Jahren die zentrale Mordinspektion und führte fortschrittliche Ermittlungstechniken wie eine systematische Spurensicherung am Tatort ein. Außerdem erfand er das Profiling schon Jahrzehnte bevor dieser Begriff überhaupt aufkam: Er baute ein Archiv auf, in dem sämtliche Fälle der Mordinspektion unter bestimmten Kriterien erfasst wurden. Auf diese Weise war es den Kriminalbeamten möglich, für jeden neuen Fall schnell vergleichbare Mordfälle und damit potenzielle Täter zu finden, wodurch die Aufklärungsrate für Mordfälle deutlich stieg. Unter Gennat lag die Aufklärungsquote bei knapp 95 Prozent, mehr schaffen auch die heutigen Kriminalisten mit modernster Technik nicht.

Auch die Figur der Charlotte Ritter wurde stark verändert, im Buch ist sie eine höhere Bürgertochter, die Jura studiert und, um Geld zu verdienen, als Stenotypistin bei der Polizei arbeitet. Denn in jenen Zeiten war noch undenkbar, dass eine Frau Kriminaloberrat werden könnte. Aber die für ihre Zeit moderne und emanzipierte Charlotte hat sich in den Kopf gesetzt, dass sich genau dieser Umstand ändern muss. Das ist in der Serie zwar auch so, hier stammt sie aber aus der Proletarierschicht, weshalb sie mit noch viel fragwürdigeren Jobs Geld verdienen muss, um über die Runden zu kommen. Wobei ich das für die Serie nicht schlecht finde, das gibt dieser Figur einen noch ganz anderen Dreh: Diese Charlotte ist eine typische Berliner Pflanze, die sich mit totalem Einsatz und viel Chuzpe aus ihrer deprimierenden Hinterhof-Herkunft erst in die Liga der gebildeten Bürgertöchter hoch kämpfen muss.

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Auf diese Weise können die Serienmacher auch die dreckige, dunkle Kehrseite der aufstrebenden Metropole Berlin zeigen, denn die Mehrheit der Bewohner der deutschen Reichshauptstadt lebte in engen, überfüllten Arbeiterwohnungen und nicht wie Gereon Rath in möblierten Zimmern im Vorderhaus oder gar wie Regierungsrat Benda einer großzügigen Villa. Aber damit ist die Solidarität mit der Arbeiterklasse auch schon wieder erschöpft: Zwar wird den Umtrieben der aufstrebenden Nazis in der Serie eine Menge Raum gegeben, im Polizeiapparat gibt es viele Rechte, die mehr oder weniger offen mit den Nazis sympathisieren, die illegalen Aktivitäten der schwarzen Reichswehr und die Kumpanei mit den Rüstungskonzernen, die aus eigenen Motiven an der heimlichen Aufrüstung Deutschlands interessiert sind, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Auseinandersetzungen mit den eher links organisierten Arbeitern kommen auch vor, vor allem die Unruhen vom 1. Mai 1929, der als Blutmai in die Geschichte eingegangen ist. 

Hier zeigen die Serienmacher zwar, was die spätere Auswertung der historischen Ereignisse zweifelsfrei ergeben hat, nämlich, dass die schwer bewaffnete Polizei unbewaffnete Arbeiter zusammengeschossen hatte, die entgegen des von Polizeipräsident Karl Zörgiebel verhängten Demonstrationsverbots den Aufrufen der KPD gefolgt und auf die Straße gegangen waren. Die Polizei beschoss auch Wohngebäude, an denen rote Fahnen aufgehängt worden waren. Es wurden 33 Zivilisten getötet und 198 verletzt, während kein einziger Polizist verwundet wurde – der einzige Polizist, der als angebliches Opfer der linken Gewalt präsentiert wurde, hatte sich die Schussverletzung versehentlich selbst beigebracht. Natürlich wurden diese Unruhen damals benutzt, um Stimmung gegen die Kommunisten zu machen, auch die SPD rechtfertigte die Polizeigewalt („Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“, immer wieder aktuell).

Das kommt alles so ähnlich auch in der Serie vor, allerdings wird aus dem mit den Sozialisten sympathierenden Arzt, der die Polizeikugeln aus unbeteiligten Opfern holt, ein wirklich unsympathisches Flintenweib, das ihrerseits später mit Morddrohungen um sich schmeißt. Musste das wirklich sein? Man hat doch damals schon so lange auf den Kommunisten rumgehackt, bis endlich mehr Leute die Nationalsozialisten gewählt haben. Kann man nicht endlich auch mal zugeben, dass die Kritik der Kommunisten an den für die Arbeiter ja nun wirklich nicht rosigen Verhältnissen durchaus begründet war? Immerhin hat sich wenige Jahre später brutalstmöglich herausgestellt, dass die Nazis eben nicht die bessere Alternative waren. Auch wenn es heute erschreckend viele Menschen gibt, die das schon wieder vergessen haben.

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Es ist auch bezeichnend, dass die sonst so aufgeweckte Charlotte erstaunlich unpolitisch ist, wo sie doch schon aufgrund ihrer Herkunft durchaus mit der KPD sympathisieren könnte. Das wäre auch ein guter Ausgleich dafür, dass Gereon Rath trotz seiner Vorbehalte gegenüber den Nazis ein guter deutscher Beamter ist, der zwar heimlich Negermusik hört und wegen seiner Kriegstraumata morphinsüchtig ist, aber keineswegs revolutionäre Anwandlungen hat. Aber nein, so politisch die Serie sonst auch daher kommen will, immerhin darf die Witwe von Gereons im Krieg gefallenen Bruder bei einer Veranstaltung des Rüstungsfabrikanten Alfred Nyssen feststellen, dass der ja genau mit den Waffen, die ihren Mann getötet haben, ein gutes Geschäft gemacht hat, so flach bleibt sie in dieser Hinsicht ausgerechnet bei den beiden Hauptcharakteren. Da hilft auch die überstrapazierte Spannung nicht, wenn die beiden jeweils in scheinbar ausweglose Situationen geraten. Statt im Wasser versinkender Oldtimer und explodierender Güterwaggons wären mir intelligente Dialoge lieber. Nun ja, bevor meine Wunschliste, was ich gern einmal in einer deutschen Serie sehen würde, noch länger wird, mache ich Schluss.

Mein Fazit zu Berlin Babylon: Teurer, aber nicht besonders gut gelungener Versuch, aus einem akribisch recherchierten historischen Kriminalroman eine deutsche Erfolgsserie zu machen. Lohnt sich wegen der tollen Ausstattung und Darsteller aber trotzdem.

Das realsozialistische Traumschiff

Die zweite Staffel von Deutschland 83 ist da, die konsequenterweise Deutschland 86 heißt. Allerdings handelt es sich bei der Fortsetzung streng genommen nicht mehr um eine deutsch-deutsche Spionage-Dramedy, sondern um, nun ja, darüber könnte man sich streiten, wenn man wollte. Die Kritiker der etablierten Blätter sind sich da auch nicht einig. 

Fans von depressivem Retro-DDR-Kitsch à la Weissensee könnten enttäuscht sein, denn in der zweiten Staffel geht es nach Afrika: Die HVA-Spitzenkraft Lenora Rauch (Maria Schrader) versucht in Südafrika, aus den illegalen Waffengeschäften westdeutscher Konzerne mit dem Apartheitsregime für die DDR Kapital zu schlagen, während ihr Neffe Martin (Jonas Nay) als Lehrer in einem Waisenhaus in Angola geparkt wurde. Denn eigentlich wollen die Realsozialisten ja die Unterdrückten dieser Erde im Kampf gegen die Imperialisten unterstützen. Aber wie so vieles gerät auch das zur Farce – für die Serie ist das allerdings ein Vorteil.

D86-1

Klar wird auch hier wieder ausgiebig darauf herumgeritten, wie pleite die DDR Mitte der 80er Jahre war (ähnlich wie man derzeit täglich daran erinnert wird, wie pleite diese Griechen und derzeit vor allem die Italiener doch sind) und zu welchen verzweifelten Maßnahmen die DDR-Führung gegriffen hat, um Devisen zu beschaffen, weil man mit dem „Spielgeld“ der DDR auf dem Weltmarkt nicht einkaufen konnte. 

Aber fragwürdige Geschäfte werden natürlich auch vom Westen getätigt, etwa Waffenverkäufe an Regimes, die ihre und andere Leute damit unterdrücken. Aber hey, so geht halt Kapitalismus. Doch wenn Sozialisten so etwas tun, dann verraten sie ihre Leute, und noch schlimmer, ihre Ideale. Was natürlich doppelt und dreifach schlimm ist. Wie schön ist doch die Welt, wenn man erst gar keine Ideale hat.

Ungefähr so geht auch Deutschland 86, aber alles in allem fand ich die Fortsetzung besser als die erste Staffel. Gerade weil sie unkorrekter ist als die erste Staffel und in jeder Hinsicht dicker aufträgt, macht sie einfach mehr Spaß. Was daran liegen kann, dass RTL nach dem krachenden Misserfolg der deutschen Ausstrahlung ausgestiegen ist – ich hatte ja gleich geunkt, dass ich die Serie für ein RTL-Publikum für eher nicht geeignet halte. Man muss einfach zu viel wissen, um daran Vergnügen zu finden. Und wer komplexeren Inhalten folgen kann und will, verzeiht keine Werbeunterbrechung. 

Jetzt hat Amazon übernommen. Nun war die erste deutsche Amazon-Serie You Are Wanted leider kein gutes Beispiel für eine gelungene Amazon-Serie, aber Deutschland 86 kann das ändern. Natürlich wäre auch hier noch eine Menge Verbesserungspotenzial, aber gemessen an dem, was deutsche Serien sonst bieten, ist das schon mal ein Anfang.

Deutschland 86

Lenora Rauch (Maria Schader) und Rose Seithath (Florence Kasumba) Bild: Amazon

Es werden in der neuen Staffel eine ganze Menge Fässer aufgemacht: Internationaler Waffenhandel, in dem westdeutsche Rüstungskonzerne auf die Hilfe der DDR für die Umgehung von Sanktionen zurückgreifen, der Kampf gegen die Apartheit in Südafrika, der Stellvertreterkrieg in Angola, von westdeutschen Pharmakonzernen finanzierte klinische Studien (genauer: Menschenversuche) in der DDR, internationaler Terrorismus, der wiederum von Staaten unterstützt wird, die mit dem westlichen Modell, sich die Erde untertan zu machen, nicht einverstanden sind, die ständige Verstrickung von Interessen der nationalen Sicherheit mit dem Profitstreben, und nicht zuletzt die Versuche aller Beteiligten, dem Leben noch irgendetwas abzutrotzen, mit dem sie wenigstens für ein paar Augenblicke glücklich sein können. 

Das ist eine schwere Last, und die muss man irgendwie über die Strecke bringen. Und leider, muss man sagen, ist nichts von dem, was gezeigt wird, erfunden. Klar, die Auswahl der historischen Ereignisse und der jeweiligen Perspektive ist nicht objektiv, das kann sie auch gar nicht sein. Trotzdem hätte ich es gut gefunden, wenn nicht nur die DDR-Bürger von damals frech werden dürften: „Was hamse denn jerade da? Keen Huhn oder keen Schnitzel?“ Sind denn damals allen im Westen die gebratenen Tauben in den Mund geflogen?!

Nun ist es halt so, dass es die DDR nicht mehr gibt, insofern muss sie nun immer und immer wieder als Projektionsfläche für alles, was damals angeblich oder tatsächlich schief gelaufen ist, her halten. Und da muss man auch nichts beschönigen – das politische und wirtschaftliche System der DDR war leider so konstruiert, dass es nicht auf Veränderungen reagieren konnte, die im großen Plan der wohlmeinenden, aber eben nicht allwissenden, dafür aber allmächtigen, Führungskader nicht vorgesehen waren. Dabei weiß doch eigentlich jede und jeder, dass alles immer anders kommt. Angesichts der immer größeren Abweichungen von Plan und Realität haben die DDR-Oberen dann nicht den Plan überdacht, sondern die Realität ausgeblendet. Insofern war es nur konsequent, dass sie für die Volksbespaßung das ausgediente ZDF-Traumschiff aufgekauft haben, von dem in der Serie HVA-Chef Walter Schweppenstette (Sylvester Groth) so lange geträumt hat. Die Serienmacher bringen das schon gut auf den Punkt.

Deutschland 86

Parteisoldat wird Punk: Martin Rauch (Jonas Nay)

Genau wie die Figur der Barbara Dietrich (Anke Engelke), ein weiblicher Schalck-Golodkowsky, gegen die jeder noch so abgefeimte McKinsey-Berater alt aussehen würde. Für Devisen geht die Dietrich über Leichen. Da muss selbst die treue Parteisoldatin Anett Schneider (Sonja Gerhardt) schlucken, die Ex-Freundin von Martin, die im SED-Apparat schnell aufgestiegen ist, weil sie die Werte der Partei wie kaum eine andere verinnerlicht hat – aber tatsächlich noch an den Sozialismus glaubt. Wobei es in Deutschland 86 weder um Sozialismus, noch um eine Kritik daran geht.

Hier werden reale Ereignisse, historische Personen und erfundene Charaktere für eine spannende Staffel bunt zusammengestrickt, wobei der eine oder andere Handlungsstrang immer mal irgendwo hängen bleibt, so dass die eine oder andere Wendung etwas zu willkürlich daher kommt. Genau diesen Mix finde ich aber ganz reizvoll, zumal die Hauptpersonen nicht mehr so holzschnittartig wirken wie in der ersten Staffel: Martin ist nicht mehr der naive Spion wider Willen, sondern beherrscht sein Handwerk  (inzwischen auch das Klavierspiel) inzwischen recht virtuos, auch wenn er selbst nicht so sicher ist, ob und für wen er seine Talente wirklich einsetzen will. Diese Ambivalenz ist überall zu spüren – und das ist gut so.

Wonder Woman: Leider kein Wunder

Superheldenfilme – oder inzwischen ja auch Superheldinnenfilme – sind nicht gerade mein Lieblingsgenre, auch wenn ich mich gelegentlich dazu hinreißen lasse, mir so etwas anzusehen. Meistens bestätigt das, was ich sehe, meine Vorbehalte gegenüber diesem Genre. Genauso ist das auch bei Wonder Woman. Der Film ist entgegen vieler freundlicher Kritiken, die anderes erwarten ließen, leider auch wieder nur so ein Superheldinnenstreifen mit viel Krawumm und noch mehr Spezialeffekten, also genau das, was mich an diesem Blockbuster-Überwältigungs-Kino so nervt, weil es hauptsächlich um die Optik geht und die Geschichte, die erzählt wird, eigentlich fast keine Rolle mehr spielt. Wobei das jetzt ein bisschen unfair ist, gemessen an anderen Superheldenstreifen gibt es hier vergleichsweise viel Geschichte, wobei die griechische Antike aus der Sicht der Götter, die in den ersten zwanzig Minuten abgehandelt wird, noch der beste Teil ist. Dazu kommt, dass heutzutage jeder Actionfilm versucht, wie ein Computerspiel auszusehen, was mir zusätzlich auf den Keks geht. Nur dass dieses Mal eine Frau auf den Putz hauen darf, statt dem Held nur assistieren zu dürfen oder sich gar retten lassen zu müssen.

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Aber macht das einen Film schon „feministisch“, wie einige der Kritiken behaupteten? Meiner Ansicht nach: nein. Und auch die Tatsache, dass eine Frau Regie geführt hat, hilft da nicht weiter, auch wenn Patty Jenkins hier beweist, dass eine Frau genauso  in der Lage ist, Blockbuster-Produktionen zu dirigieren wie ein Mann. Warum auch nicht. Klar gefällt mir das, und aus Prinzip auch, dass in Wonder Woman gleich reihenweise superstarke Frauen zu bewundern sind. Selbst die matronenhafte Sekretärin (bemerkenswert: Lucy Davis als Etta) in der „realen Welt“ entpuppt sich als extrem patent, auch wenn sie nicht über Superkräfte verfügt, sondern einfach nur so auf Zack ist. Interessant auch, dass Wonder Woman auf dem nordamerikanischen Markt kinokassenmäßig längst an den anderen Superheldenepen aus dem Hause DC vorbeigezogen ist. Aber andererseits auch wieder klar – Man of Steel, Suicide Squad oder Batman vs Superman sind halt eher für Jungs als für Mädchen gemacht.

Und jetzt wird das gleiche Spektakel zur Abwechslung mal so aufgezogen, dass auch die Mädels sich das ansehen wollen, und ihren Freund mit schleppen, der bei Wonder Woman gewiss auch auf seine Kosten kommt. Natürlich geht es wieder mal darum, dass die Welt gerettet werden muss und in diesem Fall wird sie halt von der Wunderfrau Diana/Diane Prince (Gal Gadot) gerettet. Und Diana ist nicht nur wahnsinnig stark und mutig, sondern erkennt schließlich auch, dass die Liebe die allerstärkste Kraft ist. Hach. Da kann am Ende auch der wahnsinnig mächtige Kriegsgott Ares nicht mehr viel ausrichten. Das reicht für satte 92 Prozent auf dem Tomatometer – Suicide Quad kommt nur auf 25 Prozent. Auf imdb erreicht Wonder Woman eine glatte 8, Suicide Squad immerhin eine 6,2.

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Aber warum?! Okay, Gal Gadot ist als Wonder Woman ebenso sexy wie schlagkräftig – die Kostüme der Amazonen sind spektakulär und die ehemalige Miss Israel Gal war vor ihrer noch jungen Schauspielkarriere Kampftrainerin bei der israelischen Armee. Insofern sieht sie nicht nur gut aus, sondern ist als Kämpferin ähnlich überzeugend wie Lagertha aus Vikings, deren Darstellerin Kathryn Winnick ebenfalls als Trainerin für verschiedene Kampfsportarten angefangen hat, bevor sie zur Schauspielerei kam. Und mit Connie Nielsen (Königin Hippolyta, Dianas Mutter) und Robin Wright (Generalin Antiope) sind weitere starke Frauen an Bord, überhaupt diese ganzen Amazonen, die alle wahnsinnig gut aussehen, furchteinflößende Kriegerinnen sind und nebenbei auch sämtliche Sprachen sprechen – blöd nur, dass sich die Damen vom Rest der Welt so vollständig abgekapselt haben, dass sie überhaupt nicht mehr mitkriegen, was da eigentlich los ist.

Von den antiken Göttern ist nur noch einer übrig geblieben, ausgerechnet der Kriegsgott Ares (David Thewlis, herrlich perfide auch als Steves Geheimdienstchef Chef Sir Patrick Morgan). Und der flüstert den Menschen eine Menge übler Ideen ein, die sie dann gegeneinander verwenden – Menschen sind bekanntermaßen ziemlich blöd. Und manche dabei auch noch ziemlich böse, wie General Ludendorff (Danny Huston) und die Chemikerin Dr. Isabel Maru (Elena Anaya), die den ersten Weltkrieg mit dem Einsatz eines noch tödlicheren Giftgases, das auch Schutzmasken zerstört, noch für die Deutschen entscheiden wollen. In Wonder Woman ist also auch die Rolle des besessenen Genies, das für die dunklen Mächte schreckliche Waffen entwickelt, mit einer Frau besetzt. Toller Fortschritt, nicht wahr? Wobei es ja nun mal so ist, dass Frauen nicht unbedingt bessere Menschen sind, weil sie zwei X-Gene haben. Ich sag nur Maggie Thatcher, Hillary Clinton, Angela Merkel. Sie sind aber auch keine schlechteren Menschen als beliebige XY-Varianten.

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Was in der Zeit, in der die Handlung des Films spielt, noch nicht öffentliche Meinung war. Damals kämpften die Frauen in Europa noch um Anerkennung als vollwertige Menschen, etwa beim Wahlrecht. Bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit kämpfen wir noch immer darum, das nur nebenbei. Die eigentlich recht wenigen lustigen Szenen in dem Film ergeben sich aus dem Unverständnis der unter starken Frauen aufgewachsenen Diana gegenüber den Gepflogenheiten der britischen Gesellschaft, in der Frauen sich unpraktisch kleiden und offenbar nicht in den Kampf ziehen, sondern undankbare Hilfsarbeiten leisten müssen und sonst nichts zu sagen haben. Denn der Bruchpilot Steve Trevor (Chris Pine), der in der Nähe der paradisischen Insel Themyscira abgestürzt ist und von der Amazone Diana gerettet wurde, nimmt Diana mit nach London. Einen furchtbaren Ort, wie Diana findet.

Zuvor wurden zahlreiche Amazonen von den Deutschen getötet, die auf der Suche nach dem britischen Spion ebenfalls nach Themyscira gelangt sind – und moderne Waffen haben. Gegen Gewehre und Kanonen können auch die besten Kämpferinnen mit ihren antiken Schwertern, Lanzen und Bögen nicht viel ausrichten. Einzig Diana ist kugelsicher und somit für die nun anstehende Mission geeignet: Sie will in den Krieg ziehen, um dessen Verursacher Ares zu finden und zu töten, damit das weltweite Schlachten endlich ein Ende hat. So weit, so naiv – das kommt davon, wenn Mama ihr wertvolles Töchterchen der bösen Welt nicht gönnt. Aber immerhin hat Diana, die übrigens direkt von Zeus abstammt, die beste und härteste Ausbildung durchlaufen, die Amazonen zu bieten haben und eben auch das gewisse Etwas, mit dem sie Steve Trevor überzeugen kann, sie mitnehmen. Denn den Krieg beenden, das ist auch seine Mission. Nur hat die wenig mit dem Kriegsgott Ares zu tun, an den er sowieso nicht glaubt.

Wonder Woman: Das historische Foto aus dem ersten Weltkrieg Bild via slashfilm.com

Wonder Woman: Das historische Foto der Chaostruppe aus dem ersten Weltkrieg                        Bild via slashfilm.com

Diana hat immer wieder die Gelegenheit, Steve und seinen Kumpanen das Leben zu retten – und sie ist empört über diese Kriegsführung, die einfach nicht mit ihren altertümlichen Vorstellungen von Ehre und Gerechtigkeit in Übereinstimmung zu bringen ist. So versucht sie, die Bewohner des belgischen Dorfes Veld im Niemandsland zwischen deutschen und französischen Truppen zu retten – was ihr entgegen aller Erwartung tatsächlich gelingt. Allerdings fällt genau dieses Dorf später dann den Giftgasgranaten von Ludendorff und Dr. Maru zum Opfer. Diana glaubt deshalb, Ludendorff sei Ares und will ihn töten. Das tut sie auch, doch dann gibt sich der wahre Kriegsgott zu erkennen, nämlich Sir Morgan. Der will Diana überzeugen, dass die Menschheit schwach und korrupt ist, und dass es sich nicht lohnt, für die Menschen zu kämpfen. Derweil opfert Steve sein Leben, um einen Giftgasangriff auf London zu verhindern. Diana und Steve waren sich nach der Befreiung von Veld näher gekommen, und aus Liebe zum jetzt leider toten Steve wächst Diana über sich hinaus und schafft es schließlich, den mächtigen Ares zu vernichten.

Nun ja, man weiß ja, dass es mit dem Ende des ersten Weltkriegs eigentlich erst richtig angefangen hat – der zweite Weltkrieg war noch grausamer und derzeit sieht es auch nicht gerade toll auf der Welt aus. Ares ist definitiv noch am Ruder und Wonder Woman wäre jetzt eigentlich nötiger denn je. Aber die sortiert ja nun Fotos im Louvre.  Ist das jetzt die feministische Antwort auf Krieg und Konflikt? In sentimentalen Erinnerungen an vergangene Siege und verlorene Liebe schwelgen, während die Welt um einen herum in Stücke fällt? Also ich weiß nicht.

Wonder Woman mag zwar weniger hirnlos als andere Blockbuster aus dem Hause DC sein, aber ich finde nicht, dass man diesen Film unbedingt gesehen haben muss. Aber wenn man sich schon einen Krawumm-Streifen reinziehen will – warum dann nicht diesen. Schlechter als andere Comic-Verfilmungen ist Wonder Woman auf keinen Fall. Aber leider auch nicht besser.

Retrokritik: Ein Mann will nach oben

In Sachen Serie tut sich das deutsche Fernsehen seit einiger Zeit nicht mehr mit Innovationen hervor und selbst solide Standardkost (also Serien, die nicht total peinlich sind) ist mittlerweile ziemlich rar geworden. Das war nicht immer so, selbst das ZDF, das in den vergangenen Jahren außer KDD – Kriminaldauerdienst nichts Bemerkenswertes hervor gebracht hat – und KDD kam bei den typischen ZDF-Zuschauern ja leider nicht besonders gut an, obwohl das meiner Ansicht nach eines der wenigen interessanten deutschen Serienprojekte der letzten zehn Jahre war – hat ab und zu mal ein blindes Korn gefunden. Sozusagen. Ich trau mich das kaum zu sagen, aber früher war schon ab und zu mal etwas besser, es gab vor Jahrzehnten sogar mal brauchbare Serien im ZDF. Nein, ich meine nicht Die Schwarzwaldklinik. Sondern Projekte wie den Dreizehnteiler Ein Mann will nach oben nach dem Roman von Hans Fallada.

Nun ist eine Romanverfilmung natürlich nichts besonders Innovatives – aber mir ist die gelungene Serienadaption einer interessanten Geschichte, die sich bereits in der Buchvorlage bewährt hat, deutlich lieber als ein schlechtes Serienkonzept, das irgendwie innovativ sein will, aber tatsächlich nur teuerer Schrott ist. Viele erfolgreiche Fernseh-Serien beruhen auf Romanen, Game of Thrones, 13 Reasons Why, Dexter, Bosch – und eben auch Ein Mann will nach oben aus dem Jahr 1977.

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ich habe keins der diesen Serien zugrunde liegenden Bücher gelesen, weshalb ich nicht sagen kann, wie gut oder schlecht die Romanvorlage jeweils umgesetzt wurde, aber das ist ja auch egal, solange die jeweilige Serie als Serie funktioniert. Und das ist bei den genannten Beispielen der Fall. Ein Mann will nach oben war natürlich auch 1977 schon eine Retroserie, in der mit viel Liebe zum Detail eine längst vergangene Epoche wieder heraufbeschworen wurde. Wenn man das jetzt sieht, ist es quasi ein doppelter Retroeffekt, weil die Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der 70er Jahre gezeigt werden, was nun auch schon wieder 40 Jahre her ist – und da war schon einiges anders.

Mal davon abgesehen, dass mit sehr viel längeren Einstellungen, viel weniger Schnitten und dafür oft ziemlich ausführlichen Dialogen gearbeitet wurde, was den Erzählfluß recht gemächlich macht und für heutige Sehgewohnheiten erst einmal ziemlich altbacken und ein bisschen langweilig wirkt, ist auch viel mehr von dem damaligen Anliegen des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens zu spüren, die Zuschauer eben nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu informieren, ja sogar zu bilden – im Sinne von Ausbildung eines kritischen bürgerlichen Bewusstseins und natürlich guter Allgemeinbildung.

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Gut, was die Leute denken sollen, spielt im heutigen Fernsehen natürlich auch eine enervierend wichtige Rolle, weshalb viele Leute inzwischen auch so genervt von den „Lügenmedien“ sind und lieber formal unprofessionelleren Lügnern auf den Leim gehen, aber das ist hier jetzt nicht mein Thema. Was ich meine, ist, dass es mich geradezu gerührt hat, das sogar im ZDF gelegentlich sozialkritische Töne angeschlagen wurden, wobei Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen ja nicht unbedingt ein besonders linker oder sozialkritischer Schriftsteller war. Sondern ein unglücklicher Sohn aus einer großbürgerlichen Familie, der zeitlebens unter seiner Alkohol- und Morphiumsucht litt und als junger Mann nur knapp einen als Duell getarnten Doppelselbstmordversuch überlebte.

Fallada schlug sich ähnlich wie sein Held Karl Siebrecht aus Ein Mann will nach oben mit allen möglichen Hilfsjobs durch, in denen er dank seiner guten Schul- und Allgemeinbildung oft schnell reüssieren konnte. Bildung ist wichtig, das wird auch in der Serie klar, wer schreiben, lesen und rechnen kann, ist klar im Vorteil. Und natürlich braucht es auch „jenügend Vastehste im Koppe“, wie Rieke sagen würde, die Berliner Jöre aus dem Wedding, die nicht nur ein flottes Mundwerk, sondern auch das Herz auf dem richtigen Fleck hat. Und Karl Siebrecht hat nicht nur genügend Verstand, sondern er ist im Gegensatz zu seinen Freunden Rieke und Kalli auch ehrgeizig und hart genug, um Karriere zu machen.

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Im Jahr 1909 verlässt der sechzehnjährige Karl (Mathieu Carrière), der früh seine Eltern verloren hat, sein Heimatdorf in der Uckermark, um in Berlin sein Glück zu machen. In jener Zeit war es tatsächlich möglich, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen – Rieke wird später zu ihrem Sohn sagen, dass alle amerikanischen Präsidenten mit Zeitungen austragen angefangen hätten. Wir wissen zwar, dass das nicht stimmt, der aktuelle US-Präsident hat vermutlich nicht mal Zeitung gelesen, sondern einfach eine Hotelkette geerbt, aber das spielt für die hier behandelte Berliner Variante des amerikanischen Traums keine Rolle.

Im Zug trifft Karl auf die noch etwas jüngere Rieke (Ursula Monn), die Karl gleich in ihre Unternehmung einspannt: Sie war bei einer Tante auf dem Land, um sich einen Anteil vom Schlachtfest zu sichern und braucht jemanden, der ihr mit den schweren Körben und der kleinen Schwester hilft. Karl hilft – und hat mit Rieke auch eine treue Seele gefunden, die ihm in der fremden großen Stadt weiterhelfen kann. Karl zieht mit in die enge Arbeiterwohnung der Familie Busch, Küche und Stube teilt sich Rieke fortan mit ihrem Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau vor allem dem Schnaps widmet, der kleinen Tilda und Karl, bald kommt auch noch Kalli Flau (Reiner Hunold) hinzu, der schlagkräftige Seemann, der ebenfalls in Berlin auf eine bessere Zukunft hofft.

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke versorgt ihre Familie, so gut sie kann und geht nebenher noch in die Schule – wie so viele Frauen arbeitet sie praktisch rund um die Uhr, denn Haushalt ist Frauensache und zu jener Zeit noch ein echter Knochenjob, außerdem geht sie putzen und lernt nähen, denn das Leben ist teuer und Geld immer knapp.

Karl schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch – gleich am ersten Tag heuert er auf einer Baustelle an, von denen es viele gibt im der Berliner Gründerzeit. Sein Job ist es, Koks für die Trockenwohner in die Wohnungen zu schleppen. Arme Familien, die sich keine Mietwohnung leisten können, entgehen mit dem Trockenwohnen der feuchten Neubauten der Obdachlosigkeit – auf Kosten der Gesundheit natürlich, aber so ist das eben. Als der naive Karl sich gegenüber seinem Arbeitgeber, dem Immobilienhai Kalubrigkeit empört über diese Zustände zeigt, ist er seinen Job gleich wieder los: So einen roten Bubi will der nicht in seinen Diensten. Karl muss feststellen, dass es offenbar nicht nur darauf ankommt, gute Arbeit leisten zu wollen, sondern auch darauf, gegenüber Höhergestellten Demut und Gehorsam zu zeigen. Das fällt ihm schwer, denn Karl hat seinen Stolz. An dem er auch stur festhält.

Screenshot:  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Karl, Rieke und Kalli müssen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, denn viele ihrer Versuche, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, scheitern daran, dass Karl und Rieke einfach noch zu jung sind, um Verträge zu schließen, weshalb sie immer wieder betrogen und über den Tisch gezogen werden. Schließlich versuchen Karl und Kalli sich als Gepäckträger, was einerseits ein einträgliches Geschäft ist, denn Berlin hat, wie viele Großstädte zu jener Zeit, eine ganze Reihe großer Kopfbahnhöfe, die am Rand des Zentrums liegen, aber jeweils nicht durch Bahnstrecken miteinander verbunden sind. S- und U-Bahnen waren zu jener Zeit noch in Planung bzw. im Bau. Passagiere und Gepäck müssen also jeweils durch die Innenstadt zum nächsten Bahnhof befördert werden. Doch weil im preußischen Berlin alles seine Ordnung hat, braucht man dafür eine Lizenz als Dienstmann.

Und Karl und Kalli sind auch dafür noch zu jung, und dann muss man sich auch noch mit der Innung gut stellen, um eine Lizenz als Dienstmann übernehmen zu können, wenn etwa einer aus Altersgründen ausscheidet. Also arbeiten sie als Haifische – so werden die Gepäckbeförderer ohne Lizenz genannt, die denen mit Lizenz die Fuhren wegschnappen, weil sie schwarz arbeiten und ihre Dienste entsprechend billiger anbieten. Diese illegale Konkurrenz ist natürlich keineswegs beliebt, und die Rotmützen drohen dem alten Kürass, der sich von Karl und Kalli helfen lässt, an, seine Karre zu zerstören, weil die drei natürlich mehr wegschaffen können, als jeweils einer allein.

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ganz aus ist es dann, als Karl auch noch auf die Idee kommt, die Gepäckbeförderung mit einem Pferdefuhrwerk zu rationalisieren – damit lässt sich mit einer Fuhre noch viel mehr transportieren. Karl leiht sich bei dem windigen Fuhrunternehmer Wagenseil (Harald Juhnke in einer Vorstudie zu seiner Rolle in Der Trinker) Pferde und Wagen und bietet den Dienstmännern an, ihr Gepäck zu befördern – für die Hälfte ihrer Taxe. Das sorgt für Empörung: So ein grüner Junge macht ihnen das Geschäft kaputt! Denn natürlich sehen die ehrbaren Dienstmänner Karls Initiative nicht als Arbeitserleichterung und Win-Win-Situation an, wie Karl sich das eigentlich vorgestellt hat: Da kommt einer, der was Neues ausprobieren will – und das ist erstmal ein Ärgernis.

Aber der sture Karl hält tatsächlich durch und kann mit Kallis schlagkräftiger Unterstützung seinen Hauptfeind Kiesow schließlich zur Aufgabe des für alle beteiligten destruktiven Boykotts zwingen: Die Gepäckbeförderungsfirma Siebrecht & Flau entwickelt sich schnell zu einem erfolgreichen Unternehmen. Jetzt stellt sich allerdings auch heraus, dass der gerissene Wagenseil Karl einen ungünstigen Vertrag angedreht hat – vor allem die Klausel, dass Karl die Gespanne ausschließlich bei Wagenseil beschaffen muss, wird zum Klotz am Bein. Außerdem macht Karl es zunehmend zu schaffen, dass Wagenseil einen erheblichen Anteil seiner Einnahmen kassiert, ohne selbst einen Finger krumm zu machen und beschließt, in die Offensive zu gehen: Er bewirbt sich um eine Generallizenz für die Einrichtung von Gepäckaufgabestellen in allen Berliner Bahnhöfen und bootet Wagenseil aus, der sich ebenfalls darum beworben hat.

Screenshot:  Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Doch Wagenseils Rache ist bitter: Er stellt Karl nur noch die schwächsten Klepper und die brüchigsten Wagen – die Gepäckbeförderung bricht schnell zusammen. Karl, Rieke und Kalli müssen einen neuen Rückschlag verkraften. Doch es zeichnet sich eine neue Chance ab: Die Stammkneipe von Vatern Busch steht zum Verkauf. Wenn sie ihre Ersparnisse zusammenschmeißen, können sie Die Funzel kaufen – das wäre zumindest Riekes und Kallis Lebenstraum. Doch sie müssen sich schnell entscheiden, der Verkäufer will am nächsten Morgen in sein neues Leben aufbrechen. Auch wenn Karl nicht wirklich überzeugt ist, macht er mit – und es stellt sich schnell heraus, dass die drei schon wieder auf einen Betrüger hereingefallen sind. Nur weniger Stunden zuvor ging das Objekt an einen Architekten, der Vertrag, den die drei gegen ihr Bargeld bekommen haben, ist wertlos, sämtliche Ersparnisse futsch.

Doch nun auf dem Tiefpunkt hysterischer Verzweiflung kommt Karl die rettende Eingebung: Wozu Pferdewagen mieten, wenn man Automobile haben kann? Karl setzt alles auf eine Karte und fährt zur Villa des Autohändlers Ernst Gollmer. Dessen Tochter Ilse hält Karl für den erwarteten Gärtner und lässt ihn hinein – die beiden hatten sich schon einmal kurz zuvor zufällig getroffen. Karl erklärt, dass er nicht der erwartete Gärtner sei, stellt sich aber durch seine Jugend auf dem Land als patent genug heraus, den von ihm erwarteten Job zu erledigen. Damit hat er das Interesse von Ilse und ihrem Vater geweckt – Karl darf sein Projekt pitchen, wie man heute sagen würde, und er präsentiert dermaßen überzeugend, dass der alte Gollmer gleich einen Businessplan aufstellt und Karl zu seinem Geschäftspartner in Sachen Hauptstadtgepäckbeförderung macht. Gollmer liefert fünf Lastwagen an Siebrecht &Flau und Karl fängt an, sein Unternehmen zu professionalisieren – er stellt einen Buchhalter ein, womit er seine bisherige Sekretärin Fräulein Palude tief kränkt, und auch Rieke und Kalli sind mit den Entwicklungen überfordert und beschließen, stattdessen die Funzel zu pachten. Deren Käufer hat den beiden ein entsprechendes Angebot gemacht, weil sie ja offenbar mit Herzblut bei der Sache sind.

Screenshot:  Die missgünstigen Dienstmänner  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Die missgünstigen Dienstmänner Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Damit bricht die jahrelange Wohn- und Schicksalsgemeinschaft der drei Freunde auseinander – Rieke und Kalli richten sich mit der Funzel ein, Karl hingegen pendelt zwischen der Grunewald-Villa seiner neuen Freundin Ilse und dem proletarischen Wedding. Aber in keiner dieser Welten ist er wirklich zuhause. Und dann kommt der erste Weltkrieg – sowohl Karl als auch Kalli werden einberufen und müssen an die Front. Und weil man ja nicht weiß, was kommt, verbringt Rieke sowohl mit Karl als auch mit Kalli jeweils eine Liebesnacht – dabei ist Rieke eigentlich nicht so eine, und die Freunde hatten sich vor Jahren auch gegenseitig versprochen, dass sie sich bei Rieke zurückhalten wollen, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Aber Rieke wird natürlich prompt schwanger – und sie ist ganz sicher, dass Karl der Vater ist. Was auch zutrifft. Kalli aber stört das nicht, als er als Kriegsversehrter nach Hause kommt – er hat an der Ostfront seine linke Hand verloren.

Karl hingegen ist an der Westfront gelandet und hat prompt wieder Ärger mit einem Vorgesetzten, was in diesem Fall lebensgefährlich ist, denn er wird auf ein Himmelfahrtskommando geschickt. Aber auch hier kann er sich mit kühlem Kalkül, Mut und etwas Glück wieder aus der Affäre ziehen – allerdings erblindet er nach einem Giftgasangriff vorübergehend und gerät in französische Kriegsgefangenschaft. Er gilt als verschollen. Rieke und Kalli schlagen sich Zuhause mit Vater, Kind und der heranwachsenden Tilda in der Funzel durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. Die beiden beschließen, endlich zu heiraten. Doch ausgerechnet da kommt der langvermisste Karl zurück.

Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke ist überglücklich und heiratet ihren Karl, auch wenn der schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist – er ist in Schiebergeschäfte mit Freikorpssoldaten verwickelt, denn sowohl das Taxigeschäft, als auch die Kneipe werfen einfach nicht genug Gewinn ab. Natürlich geht die Sache mit Rieke und ihm nicht gut, sie lassen sich schließlich einvernehmlich scheiden. Jetzt hat endlich der geduldige Kalli seine Chance und natürlich nimmt er Rieke – er hat ja nie etwas anderes gewollt.

Karl hingegen trifft Ilse Gollmer wieder, die mit ihrem Vater ein Fluggeschäft in Tempelhof aufbaut. Der alte Gollmer stellt Karl natürlich ein, er weiß ja, dass Karl ein tüchtiger Geschäftsmann ist. Und er hätte zu gern, dass Karl Ilse heiratet, eine Familie gründet und den Betrieb übernimmt. Doch die jungen Leute haben heutzutage andere Pläne…

Alles in allem erzählt Ein Mann nach oben also von der Sehnsucht nach Glück und den unterschiedlichen Definitionen davon – während Rieke und Kalli schon selig sind, wenn sie sich zum Frühstück warme Schrippen mit Honig und echten Bohnenkaffee leisten können, hastet Karl schon zum nächsten Geschäftstermin weiter. Mit gutem Essen und edlem Schampus ist er nicht zufrieden, auch wenn ihm das natürlich gefällt, genau wie ein maßgeschneiderter Anzug mit einem elegantem Hut. Karl will beeindrucken, und er will immer noch mehr, er will besser sein, cleverer, er ist einer, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, jedenfalls fast, aber er ist kein Betrüger, im Gegenteil, er ist für diese Welt eigentlich zu ehrlich. Wenn er ab und zu mal fünfe grade sein lassen könnte, ginge es ihm und seinen Freunden sicherlich besser.

Screenshot: Die

Screenshot: Die „Dreier-WG“ Karl, Rieke und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Aber Karl Siebrecht kann eben nicht raus aus seiner Haut. Das macht ihn dann doch wieder sympathisch, weil er eben nicht einer dieser modernen Strebertypen ist, die für ihren Erfolg über Leichen gehen, sondern einfach ein pfiffiger junger Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Überhaupt sind die Typen in Ein Mann will nach oben alle herrlich menschlich – Hans Fallada hatte ein Herz für Verlierer, soviel steht fest. Aber er hat auch nichts dagegen, wenn seine Helden ab und zu ein bisschen Glück haben – vor allem der großherzigen Rieke würde man noch ein bisschen mehr davon gönnen. Aber die gehört ja zu denen, die nicht rumjammern, sondern die Ärmel hochkrempeln und aus allem das Beste machen. Rieke würde definitiv Limonade machen, wenn das Leben ihr Zitronen gäbe, wie es in This Is Us so schön heißt. This Is Us ist ja ein aktuelles Beispiel dafür, dass man aus dem Leben an sich noch immer serientaugliche Geschichten machen kann – man braucht nur jemand, der es wagt, sie zu erzählen.

Erzählungen wie Ein Mann will nach oben sind in diesen Zeiten natürlich nicht mehr zeitgemäß – aber irgendwie dann wieder doch, einfach um sich klar zu machen, dass wir derzeit einen unglaublichen und ärgerlichen gesellschaftlichen Rückschritt erleiden: Vor gut hundert Jahren bedeutete es einen ungeheuren Aufstieg, wenn man sich aus der engen Hinterhofwohnung in die Belle Etage im Vorderhaus hocharbeiten konnte. Aber der war mit Fleiß und Bildung möglich. Heute ist es eher so, dass man sich trotz guter Ausbildung und einer Menge Einsatz dem ständig drohenden Abstieg gegenüber sieht, der erfolgt, sobald man einen halbwegs vernünftig bezahlten Job verliert und das eigene Haus oder die zentral gelegene Wohnung nicht mehr bezahlen kann. Heute wäre das Thema also eher: Ein Mensch will nicht nach unten. Eine solche Geschichte sollte es doch auch wert sein, erzählt zu werden. Aber vermutlich macht heutzutage kein Sender dafür Produktionsgelder locker – heute soll das Volk nicht mehr ausgebildet und aufgeklärt, sondern eingelullt werden. Die da oben wissen schon, was gut für uns ist. Wir haben ja Freiheit und Demokratie, wenn jetzt alle die die Hände spucken und ranklotzen, wird alles gut.

Wers gloobt, dem vakoof ick nen Jebrauchtwagen.

Taboo: Definitiv keine Familienserie

Bei all den überraschend guten neuen US-Familien-Dramen wie This Is US oder Big Little Lies brauchte ich zur Abwechslung mal wieder härtere Kost, und was wäre da besser geeignet als eine britische Grusel-Serie in historischem Ambiente? Genau, die Rede ist von Taboo, jener überaus düsteren BBC-Serie, die hierzulande jetzt bei Amazon zu sehen ist.

Im Grunde ist Taboo eine weitere Version von Joseph Conrads Roman Das Herz der Finsternis – der wahnsinnige Halbgott Kurtz ist dieses Mal der Afrika-Heimkehrer James Keziah Delaney (Tom Hardy), der ganz offensichtlich ein paar Schrauben locker hat. Aber das ist auch kein Wunder – schließlich wurde er zehn Jahre lang für tot gehalten. Dass er entgegen aller Erwartungen erst ein Schiffsunglück und dann den schwarzen Kontinent überlebt hat, lässt darauf schließen, dass James, nun ja, sagen wir: höchst ungewöhnliche Erfahrungen gemacht hat. Sein muskulöser Körper ist mit großflächigen Tätowierungen gezeichnet, er redet mitunter in einer unverständlichen Sprache und vollzieht merkwürdige Rituale. Die Londoner bezeichnen ihm abschätzig als wahnsinnigen Wilden.

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Ansonsten erweist er sich aber zum Leidwesen der Britischen Ostindien-Kompanie als enervierend clever und verfügt offenbar über ungeahnte Ressourcen, um der alt-ehrwürdigen Company ernsthaft Schwierigkeiten zu bereiten. James Delaney erinnert mich ein bisschen an Ragnar Lothbrock aus der Serie Vikings – genau wie Ragnar laviert er zwischen den alten Göttern seiner Vorfahren und dem einen neuen Gott derer, die er unterwerfen will. Im Zweifel macht er sich aber weder von irgendwelchen Göttern noch sonstigen Konventionen abhängig, sondern zieht einfach sein Ding durch, wobei er grausam gegen seine Feinde und großzügig mit seinen Freunden ist. James Delaney ist ein sehr ähnlicher Typ, nur dass er noch weniger Freunde hat und noch weniger redet.

Delaney bewegt sich zwischen den Göttern seiner Mutter, einer Indianerin aus dem Stamm der Nootka, deren strategisch wichtiges Stück Land vor Vancouver Island James nach dem Tod seines Vaters geerbt hat, und den Voodoo-Göttern Afrikas, die ihn offenbar gerettet haben. Ein bisschen Angel Heart is also auch dabei. Und eine Menge Deadwood, auch wenn London im Jahr 1814 natürlich längst eine alt-ehrwürdige Großstadt mit Palästen und beeindruckenden Bürgerhäusern ist. Das dreckige London der Armen und Verfemten, in dem Delaney sich herumtreibt, wirkt mit seinen schäbigen Bretterbuden nämlich eher wie eine Westernstadt. Und auch hier gilt das Recht des Stärkeren.

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Das ist hier in der Regel der, der Geld hat – damit kommen wir zu dem ganz neuen Gott, dem nicht nur die East India Company huldigt: dem Profit. Auch James Delaney ist vor allem ein Geschäftsmann, der sich ein eigenes Handelsimperium aufbauen will. Vom Nootka Sound aus will er Tee aus Kanton holen und ein Monopol auf Tee etablieren. Sagt er den Engländern. Den Amerikanern sagt er, er wolle mit Otterfellen handeln. Er weiß, dass beide Parteien an seinem Stück Land interessiert sind, weil es ihnen jeweils einen strategischen Vorteil verschaffen würde – zwischen Großbritannien und Amerika herrscht Krieg, den Delaney geschickt für seine eigenen Pläne nutzt.

Und dann hat er noch eine Rechnung mit der East India Company offen – nachdem das Schiff, auf dem er als junger Kadett im Dienst der Company stand, vor einer afrikanischen Küste auf Land lief und sank, wurde er für tot erklärt. Es durfte keine Überlebenden geben, das Schiff hatte nämlich Sklaven an Bord – und die ehrwürdige Britische Ostindien-Kompanie wollte laut einem vor ihr selbst unterzeichneten Kodex keine Sklaven mehr auf ihren Schiffen transportieren. Doch auch der Vorsitzende der Company, Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce), verehrt vor allem die kapitalistischen Götter, und Sklaven bringen mehr Profit als alles andere.

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Irgendwie findet James Delaney das dann aber doch nicht gut – er hat der ehrwürdige Company den Krieg erklärt. Wobei lange Zeit nicht so richtig klar wird, warum – Delaney ist ein gerissener Geschäftsmann, soviel ist sicher, aber gleichzeitig schert er sich einen Dreck um Ruhm und Anerkennung. Er macht sich auch nicht viel aus dem christlichen Glauben – er lebt nach seinen eigenen Regeln. Und die sind zum Teil sehr krude: Es wird bezeugt, dass Delaney seinen Feinden das Herz aus der Brust reißt und verzehrt. Und er liebt seine schöne Halbschwerster Zilpha (Oona Chaplin) – durchaus nicht in der Weise, wie ein treu sorgender Bruder das tun sollte.

Und skandalöser noch: Zilpha liebt James auch auf diese gefährliche, eben nicht geschwisterliche Weise. Sie begehrt ihren Bruder genauso wie er sie. Allerdings sucht sie im christlichen Glauben Zuflucht, auch wenn das eher wenig hilft. Und sie redet sich ein, dass ihre Ehe mit dem wohlhabenden, aber sonst eher unterbelichteten Thorne Geary (Jefferson Hall) glücklich ist. Oder genauer, sie bestraft sich selbst mit ihrem eifersüchtigen Ehemann für ihre unzüchtige Sehnsucht nach ihrem Bruder.

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Der wiederum an seinem Plan arbeitet, in der neuen Welt gemeinsam mit ihr neu anzufangen – in Amerika kennt sie schließlich keiner, dort können sie sein, wer immer sie sein wollen. Aber dazu muss er eine Menge Probleme lösen – so hat sein Vater kurz vor seinem Tod noch eine Schauspielerin geheiratet, die nun ebenfalls Anspruch auf das Erbe erhebt. Und er muss eine Menge Schießpulver für die Amerikaner beschaffen, was ein sehr kniffliges Unterfangen wird. Und dann hat er auch noch Stress mit einer alten Bekannten, der Hure Helga (Franka Potente), die ihn beschuldigt, ihre Tochter Winter getötet zu haben.

Zusätzlich hat er ja weiterhin die äußerst einflussreiche Company am Hacken, die weder eine erneute Untersuchung jenes Schiffsunglücks wünscht, das Delaney ärgerlicherweise überlebt hat, noch das Entstehen einer neuen Konkurrenz zulassen will – sondern stattdessen alles daran setzt, den Kampf um die Pole-Position für die beste Handelsroute im Pazifik für sich zu entscheiden. Es ist also ganz schön was los in den acht Folgen der ersten Staffel, auch wenn es eine Weile dauert, bis die Geschichte ihren Sog entwickelt.

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Obwohl Taboo optisch oft sehr roh und drastisch daher kommt, ist die Handlung erstaunlich vielschichtig – genau sich hinter der massigen Gestalt von James Delaney ein erstaunlich feinsinniger Mensch verbirgt, der zwar alle menschlichen Abgründe kennt, aber den Blick für das Gute, das in manchen Menschen noch vorhanden ist, nicht verloren hat. So verhält er sich gerade denen gegenüber, die es nicht so gut getroffen haben, immer sehr korrekt, genau wie er Frauen mit Respekt behandelt, selbst wenn sie ihm Schwierigkeiten bereiten. Wobei ich „roh und drastisch“ auch relativieren muss – das London dieser Serie ist ein sehr düsterer und dreckiger Ort – was es zu jener Zeit gewiss auch gewesen ist.

Die Bilder an sich sind allerdings wohlkomponiert und in ihrer Düsternis sehr ästhetisch – mit Kristoffer Nyholm und Anders Engström, die bei jeweils vier Folgen Regie geführt haben, sind zwei Skandivian-Noir-Experten an Bord, Nyholm ist unter anderem für Kommissarin Lund bekannt, Engström hat einige Wallander-Filme gemacht. Im Taboo trifft also britisches Historiendrama auf skandinavischen Psychokrimi – das ist eine gewagte, aber sehr interessante Mischung, zumindest für Serienfans mit etwas Geduld und guten Nerven. Die können sich auf eine ganze Reihe grandioser Schauspieler freuen – neben Tom Hardy und Oona Chaplin sind unter anderem auch Jonathan Pryce als Sir Stuart Strange, Mark Gatiss als Prinzregent, Franka Potente als Helga und Michael Kelly als Dr. Edgar Dumbarton dabei.

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten