Wonder Woman: Leider kein Wunder

Superheldenfilme – oder inzwischen ja auch Superheldinnenfilme – sind nicht gerade mein Lieblingsgenre, auch wenn ich mich gelegentlich dazu hinreißen lasse, mir so etwas anzusehen. Meistens bestätigt das, was ich sehe, meine Vorbehalte gegenüber diesem Genre. Genauso ist das auch bei Wonder Woman. Der Film ist entgegen vieler freundlicher Kritiken, die anderes erwarten ließen, leider auch wieder nur so ein Superheldinnenstreifen mit viel Krawumm und noch mehr Spezialeffekten, also genau das, was mich an diesem Blockbuster-Überwältigungs-Kino so nervt, weil es hauptsächlich um die Optik geht und die Geschichte, die erzählt wird, eigentlich fast keine Rolle mehr spielt. Wobei das jetzt ein bisschen unfair ist, gemessen an anderen Superheldenstreifen gibt es hier vergleichsweise viel Geschichte, wobei die griechische Antike aus der Sicht der Götter, die in den ersten zwanzig Minuten abgehandelt wird, noch der beste Teil ist. Dazu kommt, dass heutzutage jeder Actionfilm versucht, wie ein Computerspiel auszusehen, was mir zusätzlich auf den Keks geht. Nur dass dieses Mal eine Frau auf den Putz hauen darf, statt dem Held nur assistieren zu dürfen oder sich gar retten lassen zu müssen.

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Aber macht das einen Film schon „feministisch“, wie einige der Kritiken behaupteten? Meiner Ansicht nach: nein. Und auch die Tatsache, dass eine Frau Regie geführt hat, hilft da nicht weiter, auch wenn Patty Jenkins hier beweist, dass eine Frau genauso  in der Lage ist, Blockbuster-Produktionen zu dirigieren wie ein Mann. Warum auch nicht. Klar gefällt mir das, und aus Prinzip auch, dass in Wonder Woman gleich reihenweise superstarke Frauen zu bewundern sind. Selbst die matronenhafte Sekretärin (bemerkenswert: Lucy Davis als Etta) in der „realen Welt“ entpuppt sich als extrem patent, auch wenn sie nicht über Superkräfte verfügt, sondern einfach nur so auf Zack ist. Interessant auch, dass Wonder Woman auf dem nordamerikanischen Markt kinokassenmäßig längst an den anderen Superheldenepen aus dem Hause DC vorbeigezogen ist. Aber andererseits auch wieder klar – Man of Steel, Suicide Squad oder Batman vs Superman sind halt eher für Jungs als für Mädchen gemacht.

Und jetzt wird das gleiche Spektakel zur Abwechslung mal so aufgezogen, dass auch die Mädels sich das ansehen wollen, und ihren Freund mit schleppen, der bei Wonder Woman gewiss auch auf seine Kosten kommt. Natürlich geht es wieder mal darum, dass die Welt gerettet werden muss und in diesem Fall wird sie halt von der Wunderfrau Diana/Diane Prince (Gal Gadot) gerettet. Und Diana ist nicht nur wahnsinnig stark und mutig, sondern erkennt schließlich auch, dass die Liebe die allerstärkste Kraft ist. Hach. Da kann am Ende auch der wahnsinnig mächtige Kriegsgott Ares nicht mehr viel ausrichten. Das reicht für satte 92 Prozent auf dem Tomatometer – Suicide Quad kommt nur auf 25 Prozent. Auf imdb erreicht Wonder Woman eine glatte 8, Suicide Squad immerhin eine 6,2.

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Aber warum?! Okay, Gal Gadot ist als Wonder Woman ebenso sexy wie schlagkräftig – die Kostüme der Amazonen sind spektakulär und die ehemalige Miss Israel Gal war vor ihrer noch jungen Schauspielkarriere Kampftrainerin bei der israelischen Armee. Insofern sieht sie nicht nur gut aus, sondern ist als Kämpferin ähnlich überzeugend wie Lagertha aus Vikings, deren Darstellerin Kathryn Winnick ebenfalls als Trainerin für verschiedene Kampfsportarten angefangen hat, bevor sie zur Schauspielerei kam. Und mit Connie Nielsen (Königin Hippolyta, Dianas Mutter) und Robin Wright (Generalin Antiope) sind weitere starke Frauen an Bord, überhaupt diese ganzen Amazonen, die alle wahnsinnig gut aussehen, furchteinflößende Kriegerinnen sind und nebenbei auch sämtliche Sprachen sprechen – blöd nur, dass sich die Damen vom Rest der Welt so vollständig abgekapselt haben, dass sie überhaupt nicht mehr mitkriegen, was da eigentlich los ist.

Von den antiken Göttern ist nur noch einer übrig geblieben, ausgerechnet der Kriegsgott Ares (David Thewlis, herrlich perfide auch als Steves Geheimdienstchef Chef Sir Patrick Morgan). Und der flüstert den Menschen eine Menge übler Ideen ein, die sie dann gegeneinander verwenden – Menschen sind bekanntermaßen ziemlich blöd. Und manche dabei auch noch ziemlich böse, wie General Ludendorff (Danny Huston) und die Chemikerin Dr. Isabel Maru (Elena Anaya), die den ersten Weltkrieg mit dem Einsatz eines noch tödlicheren Giftgases, das auch Schutzmasken zerstört, noch für die Deutschen entscheiden wollen. In Wonder Woman ist also auch die Rolle des besessenen Genies, das für die dunklen Mächte schreckliche Waffen entwickelt, mit einer Frau besetzt. Toller Fortschritt, nicht wahr? Wobei es ja nun mal so ist, dass Frauen nicht unbedingt bessere Menschen sind, weil sie zwei X-Gene haben. Ich sag nur Maggie Thatcher, Hillary Clinton, Angela Merkel. Sie sind aber auch keine schlechteren Menschen als beliebige XY-Varianten.

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Was in der Zeit, in der die Handlung des Films spielt, noch nicht öffentliche Meinung war. Damals kämpften die Frauen in Europa noch um Anerkennung als vollwertige Menschen, etwa beim Wahlrecht. Bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit kämpfen wir noch immer darum, das nur nebenbei. Die eigentlich recht wenigen lustigen Szenen in dem Film ergeben sich aus dem Unverständnis der unter starken Frauen aufgewachsenen Diana gegenüber den Gepflogenheiten der britischen Gesellschaft, in der Frauen sich unpraktisch kleiden und offenbar nicht in den Kampf ziehen, sondern undankbare Hilfsarbeiten leisten müssen und sonst nichts zu sagen haben. Denn der Bruchpilot Steve Trevor (Chris Pine), der in der Nähe der paradisischen Insel Themyscira abgestürzt ist und von der Amazone Diana gerettet wurde, nimmt Diana mit nach London. Einen furchtbaren Ort, wie Diana findet.

Zuvor wurden zahlreiche Amazonen von den Deutschen getötet, die auf der Suche nach dem britischen Spion ebenfalls nach Themyscira gelangt sind – und moderne Waffen haben. Gegen Gewehre und Kanonen können auch die besten Kämpferinnen mit ihren antiken Schwertern, Lanzen und Bögen nicht viel ausrichten. Einzig Diana ist kugelsicher und somit für die nun anstehende Mission geeignet: Sie will in den Krieg ziehen, um dessen Verursacher Ares zu finden und zu töten, damit das weltweite Schlachten endlich ein Ende hat. So weit, so naiv – das kommt davon, wenn Mama ihr wertvolles Töchterchen der bösen Welt nicht gönnt. Aber immerhin hat Diana, die übrigens direkt von Zeus abstammt, die beste und härteste Ausbildung durchlaufen, die Amazonen zu bieten haben und eben auch das gewisse Etwas, mit dem sie Steve Trevor überzeugen kann, sie mitnehmen. Denn den Krieg beenden, das ist auch seine Mission. Nur hat die wenig mit dem Kriegsgott Ares zu tun, an den er sowieso nicht glaubt.

Wonder Woman: Das historische Foto aus dem ersten Weltkrieg Bild via slashfilm.com

Wonder Woman: Das historische Foto der Chaostruppe aus dem ersten Weltkrieg                        Bild via slashfilm.com

Diana hat immer wieder die Gelegenheit, Steve und seinen Kumpanen das Leben zu retten – und sie ist empört über diese Kriegsführung, die einfach nicht mit ihren altertümlichen Vorstellungen von Ehre und Gerechtigkeit in Übereinstimmung zu bringen ist. So versucht sie, die Bewohner des belgischen Dorfes Veld im Niemandsland zwischen deutschen und französischen Truppen zu retten – was ihr entgegen aller Erwartung tatsächlich gelingt. Allerdings fällt genau dieses Dorf später dann den Giftgasgranaten von Ludendorff und Dr. Maru zum Opfer. Diana glaubt deshalb, Ludendorff sei Ares und will ihn töten. Das tut sie auch, doch dann gibt sich der wahre Kriegsgott zu erkennen, nämlich Sir Morgan. Der will Diana überzeugen, dass die Menschheit schwach und korrupt ist, und dass es sich nicht lohnt, für die Menschen zu kämpfen. Derweil opfert Steve sein Leben, um einen Giftgasangriff auf London zu verhindern. Diana und Steve waren sich nach der Befreiung von Veld näher gekommen, und aus Liebe zum jetzt leider toten Steve wächst Diana über sich hinaus und schafft es schließlich, den mächtigen Ares zu vernichten.

Nun ja, man weiß ja, dass es mit dem Ende des ersten Weltkriegs eigentlich erst richtig angefangen hat – der zweite Weltkrieg war noch grausamer und derzeit sieht es auch nicht gerade toll auf der Welt aus. Ares ist definitiv noch am Ruder und Wonder Woman wäre jetzt eigentlich nötiger denn je. Aber die sortiert ja nun Fotos im Louvre.  Ist das jetzt die feministische Antwort auf Krieg und Konflikt? In sentimentalen Erinnerungen an vergangene Siege und verlorene Liebe schwelgen, während die Welt um einen herum in Stücke fällt? Also ich weiß nicht.

Wonder Woman mag zwar weniger hirnlos als andere Blockbuster aus dem Hause DC sein, aber ich finde nicht, dass man diesen Film unbedingt gesehen haben muss. Aber wenn man sich schon einen Krawumm-Streifen reinziehen will – warum dann nicht diesen. Schlechter als andere Comic-Verfilmungen ist Wonder Woman auf keinen Fall. Aber leider auch nicht besser.

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Retrokritik: Ein Mann will nach oben

In Sachen Serie tut sich das deutsche Fernsehen seit einiger Zeit nicht mehr mit Innovationen hervor und selbst solide Standardkost (also Serien, die nicht total peinlich sind) ist mittlerweile ziemlich rar geworden. Das war nicht immer so, selbst das ZDF, das in den vergangenen Jahren außer KDD – Kriminaldauerdienst nichts Bemerkenswertes hervor gebracht hat – und KDD kam bei den typischen ZDF-Zuschauern ja leider nicht besonders gut an, obwohl das meiner Ansicht nach eines der wenigen interessanten deutschen Serienprojekte der letzten zehn Jahre war – hat ab und zu mal ein blindes Korn gefunden. Sozusagen. Ich trau mich das kaum zu sagen, aber früher war schon ab und zu mal etwas besser, es gab vor Jahrzehnten sogar mal brauchbare Serien im ZDF. Nein, ich meine nicht Die Schwarzwaldklinik. Sondern Projekte wie den Dreizehnteiler Ein Mann will nach oben nach dem Roman von Hans Fallada.

Nun ist eine Romanverfilmung natürlich nichts besonders Innovatives – aber mir ist die gelungene Serienadaption einer interessanten Geschichte, die sich bereits in der Buchvorlage bewährt hat, deutlich lieber als ein schlechtes Serienkonzept, das irgendwie innovativ sein will, aber tatsächlich nur teuerer Schrott ist. Viele erfolgreiche Fernseh-Serien beruhen auf Romanen, Game of Thrones, 13 Reasons Why, Dexter, Bosch – und eben auch Ein Mann will nach oben aus dem Jahr 1977.

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ich habe keins der diesen Serien zugrunde liegenden Bücher gelesen, weshalb ich nicht sagen kann, wie gut oder schlecht die Romanvorlage jeweils umgesetzt wurde, aber das ist ja auch egal, solange die jeweilige Serie als Serie funktioniert. Und das ist bei den genannten Beispielen der Fall. Ein Mann will nach oben war natürlich auch 1977 schon eine Retroserie, in der mit viel Liebe zum Detail eine längst vergangene Epoche wieder heraufbeschworen wurde. Wenn man das jetzt sieht, ist es quasi ein doppelter Retroeffekt, weil die Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der 70er Jahre gezeigt werden, was nun auch schon wieder 40 Jahre her ist – und da war schon einiges anders.

Mal davon abgesehen, dass mit sehr viel längeren Einstellungen, viel weniger Schnitten und dafür oft ziemlich ausführlichen Dialogen gearbeitet wurde, was den Erzählfluß recht gemächlich macht und für heutige Sehgewohnheiten erst einmal ziemlich altbacken und ein bisschen langweilig wirkt, ist auch viel mehr von dem damaligen Anliegen des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens zu spüren, die Zuschauer eben nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu informieren, ja sogar zu bilden – im Sinne von Ausbildung eines kritischen bürgerlichen Bewusstseins und natürlich guter Allgemeinbildung.

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Gut, was die Leute denken sollen, spielt im heutigen Fernsehen natürlich auch eine enervierend wichtige Rolle, weshalb viele Leute inzwischen auch so genervt von den „Lügenmedien“ sind und lieber formal unprofessionelleren Lügnern auf den Leim gehen, aber das ist hier jetzt nicht mein Thema. Was ich meine, ist, dass es mich geradezu gerührt hat, das sogar im ZDF gelegentlich sozialkritische Töne angeschlagen wurden, wobei Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen ja nicht unbedingt ein besonders linker oder sozialkritischer Schriftsteller war. Sondern ein unglücklicher Sohn aus einer großbürgerlichen Familie, der zeitlebens unter seiner Alkohol- und Morphiumsucht litt und als junger Mann nur knapp einen als Duell getarnten Doppelselbstmordversuch überlebte.

Fallada schlug sich ähnlich wie sein Held Karl Siebrecht aus Ein Mann will nach oben mit allen möglichen Hilfsjobs durch, in denen er dank seiner guten Schul- und Allgemeinbildung oft schnell reüssieren konnte. Bildung ist wichtig, das wird auch in der Serie klar, wer schreiben, lesen und rechnen kann, ist klar im Vorteil. Und natürlich braucht es auch „jenügend Vastehste im Koppe“, wie Rieke sagen würde, die Berliner Jöre aus dem Wedding, die nicht nur ein flottes Mundwerk, sondern auch das Herz auf dem richtigen Fleck hat. Und Karl Siebrecht hat nicht nur genügend Verstand, sondern er ist im Gegensatz zu seinen Freunden Rieke und Kalli auch ehrgeizig und hart genug, um Karriere zu machen.

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Im Jahr 1909 verlässt der sechzehnjährige Karl (Mathieu Carrière), der früh seine Eltern verloren hat, sein Heimatdorf in der Uckermark, um in Berlin sein Glück zu machen. In jener Zeit war es tatsächlich möglich, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen – Rieke wird später zu ihrem Sohn sagen, dass alle amerikanischen Präsidenten mit Zeitungen austragen angefangen hätten. Wir wissen zwar, dass das nicht stimmt, der aktuelle US-Präsident hat vermutlich nicht mal Zeitung gelesen, sondern einfach eine Hotelkette geerbt, aber das spielt für die hier behandelte Berliner Variante des amerikanischen Traums keine Rolle.

Im Zug trifft Karl auf die noch etwas jüngere Rieke (Ursula Monn), die Karl gleich in ihre Unternehmung einspannt: Sie war bei einer Tante auf dem Land, um sich einen Anteil vom Schlachtfest zu sichern und braucht jemanden, der ihr mit den schweren Körben und der kleinen Schwester hilft. Karl hilft – und hat mit Rieke auch eine treue Seele gefunden, die ihm in der fremden großen Stadt weiterhelfen kann. Karl zieht mit in die enge Arbeiterwohnung der Familie Busch, Küche und Stube teilt sich Rieke fortan mit ihrem Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau vor allem dem Schnaps widmet, der kleinen Tilda und Karl, bald kommt auch noch Kalli Flau (Reiner Hunold) hinzu, der schlagkräftige Seemann, der ebenfalls in Berlin auf eine bessere Zukunft hofft.

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke versorgt ihre Familie, so gut sie kann und geht nebenher noch in die Schule – wie so viele Frauen arbeitet sie praktisch rund um die Uhr, denn Haushalt ist Frauensache und zu jener Zeit noch ein echter Knochenjob, außerdem geht sie putzen und lernt nähen, denn das Leben ist teuer und Geld immer knapp.

Karl schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch – gleich am ersten Tag heuert er auf einer Baustelle an, von denen es viele gibt im der Berliner Gründerzeit. Sein Job ist es, Koks für die Trockenwohner in die Wohnungen zu schleppen. Arme Familien, die sich keine Mietwohnung leisten können, entgehen mit dem Trockenwohnen der feuchten Neubauten der Obdachlosigkeit – auf Kosten der Gesundheit natürlich, aber so ist das eben. Als der naive Karl sich gegenüber seinem Arbeitgeber, dem Immobilienhai Kalubrigkeit empört über diese Zustände zeigt, ist er seinen Job gleich wieder los: So einen roten Bubi will der nicht in seinen Diensten. Karl muss feststellen, dass es offenbar nicht nur darauf ankommt, gute Arbeit leisten zu wollen, sondern auch darauf, gegenüber Höhergestellten Demut und Gehorsam zu zeigen. Das fällt ihm schwer, denn Karl hat seinen Stolz. An dem er auch stur festhält.

Screenshot:  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Karl, Rieke und Kalli müssen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, denn viele ihrer Versuche, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, scheitern daran, dass Karl und Rieke einfach noch zu jung sind, um Verträge zu schließen, weshalb sie immer wieder betrogen und über den Tisch gezogen werden. Schließlich versuchen Karl und Kalli sich als Gepäckträger, was einerseits ein einträgliches Geschäft ist, denn Berlin hat, wie viele Großstädte zu jener Zeit, eine ganze Reihe großer Kopfbahnhöfe, die am Rand des Zentrums liegen, aber jeweils nicht durch Bahnstrecken miteinander verbunden sind. S- und U-Bahnen waren zu jener Zeit noch in Planung bzw. im Bau. Passagiere und Gepäck müssen also jeweils durch die Innenstadt zum nächsten Bahnhof befördert werden. Doch weil im preußischen Berlin alles seine Ordnung hat, braucht man dafür eine Lizenz als Dienstmann.

Und Karl und Kalli sind auch dafür noch zu jung, und dann muss man sich auch noch mit der Innung gut stellen, um eine Lizenz als Dienstmann übernehmen zu können, wenn etwa einer aus Altersgründen ausscheidet. Also arbeiten sie als Haifische – so werden die Gepäckbeförderer ohne Lizenz genannt, die denen mit Lizenz die Fuhren wegschnappen, weil sie schwarz arbeiten und ihre Dienste entsprechend billiger anbieten. Diese illegale Konkurrenz ist natürlich keineswegs beliebt, und die Rotmützen drohen dem alten Kürass, der sich von Karl und Kalli helfen lässt, an, seine Karre zu zerstören, weil die drei natürlich mehr wegschaffen können, als jeweils einer allein.

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ganz aus ist es dann, als Karl auch noch auf die Idee kommt, die Gepäckbeförderung mit einem Pferdefuhrwerk zu rationalisieren – damit lässt sich mit einer Fuhre noch viel mehr transportieren. Karl leiht sich bei dem windigen Fuhrunternehmer Wagenseil (Harald Juhnke in einer Vorstudie zu seiner Rolle in Der Trinker) Pferde und Wagen und bietet den Dienstmännern an, ihr Gepäck zu befördern – für die Hälfte ihrer Taxe. Das sorgt für Empörung: So ein grüner Junge macht ihnen das Geschäft kaputt! Denn natürlich sehen die ehrbaren Dienstmänner Karls Initiative nicht als Arbeitserleichterung und Win-Win-Situation an, wie Karl sich das eigentlich vorgestellt hat: Da kommt einer, der was Neues ausprobieren will – und das ist erstmal ein Ärgernis.

Aber der sture Karl hält tatsächlich durch und kann mit Kallis schlagkräftiger Unterstützung seinen Hauptfeind Kiesow schließlich zur Aufgabe des für alle beteiligten destruktiven Boykotts zwingen: Die Gepäckbeförderungsfirma Siebrecht & Flau entwickelt sich schnell zu einem erfolgreichen Unternehmen. Jetzt stellt sich allerdings auch heraus, dass der gerissene Wagenseil Karl einen ungünstigen Vertrag angedreht hat – vor allem die Klausel, dass Karl die Gespanne ausschließlich bei Wagenseil beschaffen muss, wird zum Klotz am Bein. Außerdem macht Karl es zunehmend zu schaffen, dass Wagenseil einen erheblichen Anteil seiner Einnahmen kassiert, ohne selbst einen Finger krumm zu machen und beschließt, in die Offensive zu gehen: Er bewirbt sich um eine Generallizenz für die Einrichtung von Gepäckaufgabestellen in allen Berliner Bahnhöfen und bootet Wagenseil aus, der sich ebenfalls darum beworben hat.

Screenshot:  Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Doch Wagenseils Rache ist bitter: Er stellt Karl nur noch die schwächsten Klepper und die brüchigsten Wagen – die Gepäckbeförderung bricht schnell zusammen. Karl, Rieke und Kalli müssen einen neuen Rückschlag verkraften. Doch es zeichnet sich eine neue Chance ab: Die Stammkneipe von Vatern Busch steht zum Verkauf. Wenn sie ihre Ersparnisse zusammenschmeißen, können sie Die Funzel kaufen – das wäre zumindest Riekes und Kallis Lebenstraum. Doch sie müssen sich schnell entscheiden, der Verkäufer will am nächsten Morgen in sein neues Leben aufbrechen. Auch wenn Karl nicht wirklich überzeugt ist, macht er mit – und es stellt sich schnell heraus, dass die drei schon wieder auf einen Betrüger hereingefallen sind. Nur weniger Stunden zuvor ging das Objekt an einen Architekten, der Vertrag, den die drei gegen ihr Bargeld bekommen haben, ist wertlos, sämtliche Ersparnisse futsch.

Doch nun auf dem Tiefpunkt hysterischer Verzweiflung kommt Karl die rettende Eingebung: Wozu Pferdewagen mieten, wenn man Automobile haben kann? Karl setzt alles auf eine Karte und fährt zur Villa des Autohändlers Ernst Gollmer. Dessen Tochter Ilse hält Karl für den erwarteten Gärtner und lässt ihn hinein – die beiden hatten sich schon einmal kurz zuvor zufällig getroffen. Karl erklärt, dass er nicht der erwartete Gärtner sei, stellt sich aber durch seine Jugend auf dem Land als patent genug heraus, den von ihm erwarteten Job zu erledigen. Damit hat er das Interesse von Ilse und ihrem Vater geweckt – Karl darf sein Projekt pitchen, wie man heute sagen würde, und er präsentiert dermaßen überzeugend, dass der alte Gollmer gleich einen Businessplan aufstellt und Karl zu seinem Geschäftspartner in Sachen Hauptstadtgepäckbeförderung macht. Gollmer liefert fünf Lastwagen an Siebrecht &Flau und Karl fängt an, sein Unternehmen zu professionalisieren – er stellt einen Buchhalter ein, womit er seine bisherige Sekretärin Fräulein Palude tief kränkt, und auch Rieke und Kalli sind mit den Entwicklungen überfordert und beschließen, stattdessen die Funzel zu pachten. Deren Käufer hat den beiden ein entsprechendes Angebot gemacht, weil sie ja offenbar mit Herzblut bei der Sache sind.

Screenshot:  Die missgünstigen Dienstmänner  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Die missgünstigen Dienstmänner Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Damit bricht die jahrelange Wohn- und Schicksalsgemeinschaft der drei Freunde auseinander – Rieke und Kalli richten sich mit der Funzel ein, Karl hingegen pendelt zwischen der Grunewald-Villa seiner neuen Freundin Ilse und dem proletarischen Wedding. Aber in keiner dieser Welten ist er wirklich zuhause. Und dann kommt der erste Weltkrieg – sowohl Karl als auch Kalli werden einberufen und müssen an die Front. Und weil man ja nicht weiß, was kommt, verbringt Rieke sowohl mit Karl als auch mit Kalli jeweils eine Liebesnacht – dabei ist Rieke eigentlich nicht so eine, und die Freunde hatten sich vor Jahren auch gegenseitig versprochen, dass sie sich bei Rieke zurückhalten wollen, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Aber Rieke wird natürlich prompt schwanger – und sie ist ganz sicher, dass Karl der Vater ist. Was auch zutrifft. Kalli aber stört das nicht, als er als Kriegsversehrter nach Hause kommt – er hat an der Ostfront seine linke Hand verloren.

Karl hingegen ist an der Westfront gelandet und hat prompt wieder Ärger mit einem Vorgesetzten, was in diesem Fall lebensgefährlich ist, denn er wird auf ein Himmelfahrtskommando geschickt. Aber auch hier kann er sich mit kühlem Kalkül, Mut und etwas Glück wieder aus der Affäre ziehen – allerdings erblindet er nach einem Giftgasangriff vorübergehend und gerät in französische Kriegsgefangenschaft. Er gilt als verschollen. Rieke und Kalli schlagen sich Zuhause mit Vater, Kind und der heranwachsenden Tilda in der Funzel durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. Die beiden beschließen, endlich zu heiraten. Doch ausgerechnet da kommt der langvermisste Karl zurück.

Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke ist überglücklich und heiratet ihren Karl, auch wenn der schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist – er ist in Schiebergeschäfte mit Freikorpssoldaten verwickelt, denn sowohl das Taxigeschäft, als auch die Kneipe werfen einfach nicht genug Gewinn ab. Natürlich geht die Sache mit Rieke und ihm nicht gut, sie lassen sich schließlich einvernehmlich scheiden. Jetzt hat endlich der geduldige Kalli seine Chance und natürlich nimmt er Rieke – er hat ja nie etwas anderes gewollt.

Karl hingegen trifft Ilse Gollmer wieder, die mit ihrem Vater ein Fluggeschäft in Tempelhof aufbaut. Der alte Gollmer stellt Karl natürlich ein, er weiß ja, dass Karl ein tüchtiger Geschäftsmann ist. Und er hätte zu gern, dass Karl Ilse heiratet, eine Familie gründet und den Betrieb übernimmt. Doch die jungen Leute haben heutzutage andere Pläne…

Alles in allem erzählt Ein Mann nach oben also von der Sehnsucht nach Glück und den unterschiedlichen Definitionen davon – während Rieke und Kalli schon selig sind, wenn sie sich zum Frühstück warme Schrippen mit Honig und echten Bohnenkaffee leisten können, hastet Karl schon zum nächsten Geschäftstermin weiter. Mit gutem Essen und edlem Schampus ist er nicht zufrieden, auch wenn ihm das natürlich gefällt, genau wie ein maßgeschneiderter Anzug mit einem elegantem Hut. Karl will beeindrucken, und er will immer noch mehr, er will besser sein, cleverer, er ist einer, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, jedenfalls fast, aber er ist kein Betrüger, im Gegenteil, er ist für diese Welt eigentlich zu ehrlich. Wenn er ab und zu mal fünfe grade sein lassen könnte, ginge es ihm und seinen Freunden sicherlich besser.

Screenshot: Die

Screenshot: Die „Dreier-WG“ Karl, Rieke und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Aber Karl Siebrecht kann eben nicht raus aus seiner Haut. Das macht ihn dann doch wieder sympathisch, weil er eben nicht einer dieser modernen Strebertypen ist, die für ihren Erfolg über Leichen gehen, sondern einfach ein pfiffiger junger Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Überhaupt sind die Typen in Ein Mann will nach oben alle herrlich menschlich – Hans Fallada hatte ein Herz für Verlierer, soviel steht fest. Aber er hat auch nichts dagegen, wenn seine Helden ab und zu ein bisschen Glück haben – vor allem der großherzigen Rieke würde man noch ein bisschen mehr davon gönnen. Aber die gehört ja zu denen, die nicht rumjammern, sondern die Ärmel hochkrempeln und aus allem das Beste machen. Rieke würde definitiv Limonade machen, wenn das Leben ihr Zitronen gäbe, wie es in This Is Us so schön heißt. This Is Us ist ja ein aktuelles Beispiel dafür, dass man aus dem Leben an sich noch immer serientaugliche Geschichten machen kann – man braucht nur jemand, der es wagt, sie zu erzählen.

Erzählungen wie Ein Mann will nach oben sind in diesen Zeiten natürlich nicht mehr zeitgemäß – aber irgendwie dann wieder doch, einfach um sich klar zu machen, dass wir derzeit einen unglaublichen und ärgerlichen gesellschaftlichen Rückschritt erleiden: Vor gut hundert Jahren bedeutete es einen ungeheuren Aufstieg, wenn man sich aus der engen Hinterhofwohnung in die Belle Etage im Vorderhaus hocharbeiten konnte. Aber der war mit Fleiß und Bildung möglich. Heute ist es eher so, dass man sich trotz guter Ausbildung und einer Menge Einsatz dem ständig drohenden Abstieg gegenüber sieht, der erfolgt, sobald man einen halbwegs vernünftig bezahlten Job verliert und das eigene Haus oder die zentral gelegene Wohnung nicht mehr bezahlen kann. Heute wäre das Thema also eher: Ein Mensch will nicht nach unten. Eine solche Geschichte sollte es doch auch wert sein, erzählt zu werden. Aber vermutlich macht heutzutage kein Sender dafür Produktionsgelder locker – heute soll das Volk nicht mehr ausgebildet und aufgeklärt, sondern eingelullt werden. Die da oben wissen schon, was gut für uns ist. Wir haben ja Freiheit und Demokratie, wenn jetzt alle die die Hände spucken und ranklotzen, wird alles gut.

Wers gloobt, dem vakoof ick nen Jebrauchtwagen.

Taboo: Definitiv keine Familienserie

Bei all den überraschend guten neuen US-Familien-Dramen wie This Is US oder Big Little Lies brauchte ich zur Abwechslung mal wieder härtere Kost, und was wäre da besser geeignet als eine britische Grusel-Serie in historischem Ambiente? Genau, die Rede ist von Taboo, jener überaus düsteren BBC-Serie, die hierzulande jetzt bei Amazon zu sehen ist.

Im Grunde ist Taboo eine weitere Version von Joseph Conrads Roman Das Herz der Finsternis – der wahnsinnige Halbgott Kurtz ist dieses Mal der Afrika-Heimkehrer James Keziah Delaney (Tom Hardy), der ganz offensichtlich ein paar Schrauben locker hat. Aber das ist auch kein Wunder – schließlich wurde er zehn Jahre lang für tot gehalten. Dass er entgegen aller Erwartungen erst ein Schiffsunglück und dann den schwarzen Kontinent überlebt hat, lässt darauf schließen, dass James, nun ja, sagen wir: höchst ungewöhnliche Erfahrungen gemacht hat. Sein muskulöser Körper ist mit großflächigen Tätowierungen gezeichnet, er redet mitunter in einer unverständlichen Sprache und vollzieht merkwürdige Rituale. Die Londoner bezeichnen ihm abschätzig als wahnsinnigen Wilden.

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Ansonsten erweist er sich aber zum Leidwesen der Britischen Ostindien-Kompanie als enervierend clever und verfügt offenbar über ungeahnte Ressourcen, um der alt-ehrwürdigen Company ernsthaft Schwierigkeiten zu bereiten. James Delaney erinnert mich ein bisschen an Ragnar Lothbrock aus der Serie Vikings – genau wie Ragnar laviert er zwischen den alten Göttern seiner Vorfahren und dem einen neuen Gott derer, die er unterwerfen will. Im Zweifel macht er sich aber weder von irgendwelchen Göttern noch sonstigen Konventionen abhängig, sondern zieht einfach sein Ding durch, wobei er grausam gegen seine Feinde und großzügig mit seinen Freunden ist. James Delaney ist ein sehr ähnlicher Typ, nur dass er noch weniger Freunde hat und noch weniger redet.

Delaney bewegt sich zwischen den Göttern seiner Mutter, einer Indianerin aus dem Stamm der Nootka, deren strategisch wichtiges Stück Land vor Vancouver Island James nach dem Tod seines Vaters geerbt hat, und den Voodoo-Göttern Afrikas, die ihn offenbar gerettet haben. Ein bisschen Angel Heart is also auch dabei. Und eine Menge Deadwood, auch wenn London im Jahr 1814 natürlich längst eine alt-ehrwürdige Großstadt mit Palästen und beeindruckenden Bürgerhäusern ist. Das dreckige London der Armen und Verfemten, in dem Delaney sich herumtreibt, wirkt mit seinen schäbigen Bretterbuden nämlich eher wie eine Westernstadt. Und auch hier gilt das Recht des Stärkeren.

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Das ist hier in der Regel der, der Geld hat – damit kommen wir zu dem ganz neuen Gott, dem nicht nur die East India Company huldigt: dem Profit. Auch James Delaney ist vor allem ein Geschäftsmann, der sich ein eigenes Handelsimperium aufbauen will. Vom Nootka Sound aus will er Tee aus Kanton holen und ein Monopol auf Tee etablieren. Sagt er den Engländern. Den Amerikanern sagt er, er wolle mit Otterfellen handeln. Er weiß, dass beide Parteien an seinem Stück Land interessiert sind, weil es ihnen jeweils einen strategischen Vorteil verschaffen würde – zwischen Großbritannien und Amerika herrscht Krieg, den Delaney geschickt für seine eigenen Pläne nutzt.

Und dann hat er noch eine Rechnung mit der East India Company offen – nachdem das Schiff, auf dem er als junger Kadett im Dienst der Company stand, vor einer afrikanischen Küste auf Land lief und sank, wurde er für tot erklärt. Es durfte keine Überlebenden geben, das Schiff hatte nämlich Sklaven an Bord – und die ehrwürdige Britische Ostindien-Kompanie wollte laut einem vor ihr selbst unterzeichneten Kodex keine Sklaven mehr auf ihren Schiffen transportieren. Doch auch der Vorsitzende der Company, Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce), verehrt vor allem die kapitalistischen Götter, und Sklaven bringen mehr Profit als alles andere.

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Irgendwie findet James Delaney das dann aber doch nicht gut – er hat der ehrwürdige Company den Krieg erklärt. Wobei lange Zeit nicht so richtig klar wird, warum – Delaney ist ein gerissener Geschäftsmann, soviel ist sicher, aber gleichzeitig schert er sich einen Dreck um Ruhm und Anerkennung. Er macht sich auch nicht viel aus dem christlichen Glauben – er lebt nach seinen eigenen Regeln. Und die sind zum Teil sehr krude: Es wird bezeugt, dass Delaney seinen Feinden das Herz aus der Brust reißt und verzehrt. Und er liebt seine schöne Halbschwerster Zilpha (Oona Chaplin) – durchaus nicht in der Weise, wie ein treu sorgender Bruder das tun sollte.

Und skandalöser noch: Zilpha liebt James auch auf diese gefährliche, eben nicht geschwisterliche Weise. Sie begehrt ihren Bruder genauso wie er sie. Allerdings sucht sie im christlichen Glauben Zuflucht, auch wenn das eher wenig hilft. Und sie redet sich ein, dass ihre Ehe mit dem wohlhabenden, aber sonst eher unterbelichteten Thorne Geary (Jefferson Hall) glücklich ist. Oder genauer, sie bestraft sich selbst mit ihrem eifersüchtigen Ehemann für ihre unzüchtige Sehnsucht nach ihrem Bruder.

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Der wiederum an seinem Plan arbeitet, in der neuen Welt gemeinsam mit ihr neu anzufangen – in Amerika kennt sie schließlich keiner, dort können sie sein, wer immer sie sein wollen. Aber dazu muss er eine Menge Probleme lösen – so hat sein Vater kurz vor seinem Tod noch eine Schauspielerin geheiratet, die nun ebenfalls Anspruch auf das Erbe erhebt. Und er muss eine Menge Schießpulver für die Amerikaner beschaffen, was ein sehr kniffliges Unterfangen wird. Und dann hat er auch noch Stress mit einer alten Bekannten, der Hure Helga (Franka Potente), die ihn beschuldigt, ihre Tochter Winter getötet zu haben.

Zusätzlich hat er ja weiterhin die äußerst einflussreiche Company am Hacken, die weder eine erneute Untersuchung jenes Schiffsunglücks wünscht, das Delaney ärgerlicherweise überlebt hat, noch das Entstehen einer neuen Konkurrenz zulassen will – sondern stattdessen alles daran setzt, den Kampf um die Pole-Position für die beste Handelsroute im Pazifik für sich zu entscheiden. Es ist also ganz schön was los in den acht Folgen der ersten Staffel, auch wenn es eine Weile dauert, bis die Geschichte ihren Sog entwickelt.

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Obwohl Taboo optisch oft sehr roh und drastisch daher kommt, ist die Handlung erstaunlich vielschichtig – genau sich hinter der massigen Gestalt von James Delaney ein erstaunlich feinsinniger Mensch verbirgt, der zwar alle menschlichen Abgründe kennt, aber den Blick für das Gute, das in manchen Menschen noch vorhanden ist, nicht verloren hat. So verhält er sich gerade denen gegenüber, die es nicht so gut getroffen haben, immer sehr korrekt, genau wie er Frauen mit Respekt behandelt, selbst wenn sie ihm Schwierigkeiten bereiten. Wobei ich „roh und drastisch“ auch relativieren muss – das London dieser Serie ist ein sehr düsterer und dreckiger Ort – was es zu jener Zeit gewiss auch gewesen ist.

Die Bilder an sich sind allerdings wohlkomponiert und in ihrer Düsternis sehr ästhetisch – mit Kristoffer Nyholm und Anders Engström, die bei jeweils vier Folgen Regie geführt haben, sind zwei Skandivian-Noir-Experten an Bord, Nyholm ist unter anderem für Kommissarin Lund bekannt, Engström hat einige Wallander-Filme gemacht. Im Taboo trifft also britisches Historiendrama auf skandinavischen Psychokrimi – das ist eine gewagte, aber sehr interessante Mischung, zumindest für Serienfans mit etwas Geduld und guten Nerven. Die können sich auf eine ganze Reihe grandioser Schauspieler freuen – neben Tom Hardy und Oona Chaplin sind unter anderem auch Jonathan Pryce als Sir Stuart Strange, Mark Gatiss als Prinzregent, Franka Potente als Helga und Michael Kelly als Dr. Edgar Dumbarton dabei.

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Alle Himmel sind gleich – aber manche sind gleicher

Das ZDF wollte mal wieder Geschichte schreiben – und weil die jüngere deutsche Geschichte vor allem eine Geschichte über die deutsche Teilung ist, geht es in dem ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel um Stasispione und ihre ebenso weiblichen wie westlichen Zielpersonen, denen sie Geheimnisse über die militärische und politische Lage des feindlichen Lagers entlocken sollen. Und darum, dass es im Westen halt schöner, bunter und in jeder Beziehung besser war als im grauen, freudlosen Osten. In dem zwar keiner Not leiden, aber dafür alle den Mund halten mussten. Und um ein dunkle west-östliche Familiengeschichte, die ebenso gnadenlos überkonsturiert wie absurd ist. Doch eins nach dem anderen.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich nicht, wie sonst oft das Bedürfnis, nach zehn Minuten anzuschalten bzw. das Programm zu wechseln. Was aber nicht daran lag, dass das ZDF plötzlich die Kurve gekriegt hätte und auf einmal Mehrteiler produzieren würde, die tief, subtil und überraschend gut wären. Ich würde es eher mit Faszination des Grauens überschreiben, denn Der gleiche Himmel bietet genau die Holzhammer-Kost, die man von diesem Sender gewohnt ist. Natürlich konnte ich mir nicht alle drei Teile am Stück reinziehen, sondern immer nur einen pro Abend, aber das war ganz gut auszuhalten, schon weil sich das deutsche Fernsehen immer dermaßen viel Mühe mit der Ausstattung gibt – die 70er Jahre sahen tatsächlich ungefähr so aus wie jetzt im Fernsehen. Ich weiß das, denn 1974, dem Jahr, in dem die Agentenoper spielt, bin ich in die erste Klasse gekommen. In der BRD allerdings, also da, wo die Leute VW-Käfer, R4 oder Mercedes fuhren, nicht in Trabbi-Land.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Echt), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Becht), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der Anfang der Handlung so holzhammermäßig, dass es schon fast Richtung Satire geht, und da bin ich ja gleich dabei. Leider ging es nicht so lustig weiter. Aber wenn der Stasiausbilder seinen Stasischülern, die alle brav wie Erstklässler an ihren hölzernen Pulten sitzen, erklärt, wie eine Frau tickt, präziser: Wie das weibliche Hirn funktioniert, dann weiß er, wovon er spricht. Denn die Frauen werden sich später netterweise genau an dieses Drehbuch halten, womit die Mission des aufstrebenden Stasischülers dann irgendwie auch erfolgreich ist, wobei mir gerade auffällt, dass für die Geschichte erstaunlich egal ist, was da an Informationen eigentlich abgeschöpft werden soll.

Aber zurück auf die Schulbank für angehende Ost-Spione. Gute Sozialisten wissen: Frauen haben durchaus ein Gehirn! Aber auch die bestausgebildetsten Datenanalystinnen der westlichen Welt sind eben Frauen. Und die werden, so ist das bei Frauen nun einmal,  von ihren Emotionen gesteuert, also rechte Hirnhälfte, die wiederum für das linke Auge zuständig ist. Über das linke Auge der jeweiligen Frau hat der findige Romeo-Agent quasi den direkten Zugriff auf das westliche Datencenter. Jetzt gilt es also nur noch die richtigen Passwörter zu finden, mit denen die jeweilige Alte zu knacken ist.

Das ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist, nur ist dieser Scheiß kein Privileg sozialistischer Ideologie, auch die Westler befleißigen sich bis heute idiotischer Modelle aller Art, um die Welt zu erklären und zu beherrschen – aber ich schweife schon wieder ab. Tatsächlich habe ich mit das alles auch deshalb angesehen, weil ich Tom Schilling als Schauspieler wirklich gut finde, auch wenn ich ihn für diese Rolle inzwischen doch zu alt fand – aber, wie er als Agent erklärt: „Vielleicht bin ich eine alte Seele.“ Wie ein 25jähriger sieht er tatsächlich nicht mehr aus.

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine „West-Wohnung“ bezogen. Wird er seinen Auftrag erfolgreich abschließen können? Bild: zdf

Und ich mag auch Sofia Helin, die seine Zielperson Lauren Faber spielt. Als leicht autistische Kommissarin hat sie mir in Die Brücke wirklich gut gefallen. Natürlich ist sie auch als Lauren Faber überzeugend – eine alleinerziehende Mutter eines 17jährigen, ziemlich missratenen Sohnes, die für den britischen Geheimdienst arbeitet. Der sie wiederum auf dem Teufelsberg einsetzt, einer US-Abhörstation in Westberlin, mit der die NSA nicht nur den Osten, sondern auch den Westen belauscht.

Für ihre Figur haben sich die Serienmacher wenigstens eine halbwegs glaubhafte Legende ausgedacht – Lauren ist schwedisch-britischer Herkunft und hat einen Deutschen geheiratet. Das erklärt, warum sie sowohl perfekt Englisch, als auch Deutsch spricht – Deutsch allerdings mit leichtem schwedischen Akzent. Ihr Mann hat sie aber mit dem Kind sitzen lassen und sich wieder nach Westdeutschland verdrückt, ihr Sohn pubertiert wüst vor sich hin.

Lauren macht ihren Job natürlich gut, sie ist erfahren, umsichtig und pflichtbewusst – genau deshalb fühlt sie sich als Mutter als Versagerin. Was ihr Sohn natürlich ausnutzt: Er beklaut sein Mutter und verkifft das Geld, hört gern laut Musik und sperrt sich in sein Zimmer ein, das mit RAF-Fahndungsplakaten geschmückt ist – ziemlich normaler 70er-Jahre-Teenie würd ich mal sagen, aber für eine Frau wie Lauren ist das alles wirklich schlimm. Zumal sie ziemlich einsam ist: Außer ihrer jungen Kollegin Sabine Cutter (Frederike Becht) hat sie eigentlich niemand, mit dem sie reden oder sonst irgendwas unternehmen kann. Ein ideales Opfer also für Romeo-Agenten Lars Weber.

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Aber die Sache läuft aus dem Ruder – Lauren überlebt die Mission nicht. Und Lars wird jetzt auf Sabine angesetzt, die ihm von Anfang an viel besser gefallen hat als die deutlich ältere und weniger attraktive Lauren, die aber genau deshalb ja auch das leichtere Opfer war. Aber Sabine ist praktischerweise die Adoptiv-Tochter eines ranghohen NSA-Offiziers, der mit einer Deutschen verheiratet ist – vermutlich ist das auch der Grund, warum die vergleichsweise junge Sabine schon so einen verantwortungsvollen Job hat. Sie ist das weibliche, westliche Gegenstück zum Erfolgsossi Lars Weber – ja, und es ist tatsächlich so, wie man jetzt ahnen soll, aber wünscht, dass es eine andere Erklärung geben möge:  Immer wieder wird ein Bild von einer Frau gezeigt, die zwei Säuglinge im Arm hält.

Sowohl in der Plattenbau-Wohnung, die Lars mit seinem Vater Gregor (Jörg Schüttauf) teilt, der ebenfalls bei der Stasi ist, aber sich damit begnügt die Nachbarschaft zu überwachen, als auch in der Villa der Familie Cutter gibt es dieses einen Abzug dieses Fotos. Dagmar Cutter (Claudia Michelsen) ist also Lars’ Mutter, die damals in den Westen abgehauen ist und von der Lars nichts weiß, genau wie er auch nichts von einer Zwillingsschwester weiß. Und Vater Gregor ist zwar der einzige, der von Lars geheimer Mission weiß, aber er weiß offensichtlich auch nicht viel mehr. Dafür ist Gregor der Prototyp des überzeugten Sozialisten, der an den Sieg der guten Sache glaubt und seinen Sohn zu einem guten Staatsbürger erzogen hat – deshalb macht er ja auch den Blockwart (dafür hängt er sich auch gut sichtbar einen großen Feldstecher um den Hals – die Leute sollen durchaus sehen, was er tut) und ermahnt die Menschen, sich nicht vom Westfernsehen verblenden zu lassen. Und er päppelt liebevoll ein Vögelchen auf, das sich den Flügel verletzt hat – schaut ihm aber doch recht nachdenklich hinterher, als es davon fliegt.

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Einerseits ist die Geschichte nicht wirklich schlecht. Wobei die Komplexität dann doch wieder arg gekünstelt ist: Weil Der gleiche Himmel ja mehr sein soll als ein einfach nur weiterer Agententhriller, wird ein Panorama der Zeit aufgespannt – was eigentlich eine gute Idee ist, 1974 war ein interessantes Jahr. Schon wegen der Fußball-WM, in der die DDR die BRD zwar besiegte, die BRD aber trotzdem Weltmeister wurde.

Genau das ist ja das Thema:  Der Osten hat zwar ab und zu mit ach und krach einen Punkt gegen den Westen geholt – aber im Prinzip ist der Westen eben hoffnungslos überlegen, egal wie die Ossis sich abzappeln. Sie haben halt auf das falsche System gesetzt und das wird auch hier wieder ausgiebig in Filmform zelebriert. Einmal mehr wird all das gezeigt, was im Osten so richtig schlecht war: Die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung  – was an der DDR zwar ununterbrochen kritisiert wird, im Westen aber, wenn man die Zeichen richtig deutet, ja endlich mal hoffähig werden soll, nur dass es jetzt nicht die Stasi oder der KBG ist, die alle unsere Daten sammeln und auswerten, sondern gute kapitalistische Großkonzerne wie Google, Facebook und Amazon. Deshalb gibt es in Der gleiche Himmel auch die ganzen anderen hässlichen Sachen, Romeo-Agenten für den Westen, Doping von Staats wegen, Fahnenappell und Fahnenflucht, in diesem Fall eine versuchte Republikflucht durch den Bau eines Tunnels vom Osten in den Westen.

Schon irre, was sich die Menschen einfallen lassen, um in den vermeintlich goldenen Westen zu gelangen. In dem aber auch nur mit Wasser gekocht wird – zumindest einer der Agenten sieht das so, der herrlich schmierige, kettenrauchende und Junk-Food fressende Macho Ralf Müller (Ben Becker), der zwar Westberliner ist, aber für die Stasi arbeitet. Weil er halt irgendwie so eine subversive Ader hat, wie er Lars erklärt, als der ihn danach fragt. Besonders nachvollziehbar ist das zwar nicht, aber einer muss den Job ja machen.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Echt) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Becht) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Andere legen sich lieber krumm oder animieren ihre Kinder, das zu tun – etwa die ehrgeizige Gita Weber (Anja Kling), die Frau von Gregors Bruder Conrad (Godehard Giese), die im Plattenbau gleich nebenan wohnen. Mutter Gita ist so stolz auf ihre Töchter – die ältere soll Medizin studieren, die jüngere, Klara (Stefanie Amarell), schafft die Aufnahme in den Olympia-Kader der Schwimmerinnen. Dort bekommen die Mädchen von ihrem fiesen Trainer Doping-Medikamente, die sie zwar schneller machen, von denen ihnen aber auch Haare auf der Brust wachsen. Aber das Training ist Trainer-Sache, das wird den vielleicht dann doch besorgten Eltern eingetrichtert. Um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren braucht es eben Opferbereitschaft und Goldmedallien.

Ich finde solche Methoden absolut nicht okay und total kritikwürdig – aber interessanterweise ist das Doping-Problem im Leistungssport mit dem Zerfall des Ostblocks nicht verschwunden, es dopen ja bekannterweise auch Athleten des freiheitlichen Westens, nur vermutlich nicht, weil der Trainer es empfiehlt, sondern aufgrund ihrer frei getroffenen Entscheidung, besser als die anderen sein zu wollen. Das ist natürlich etwas ganz anders. Obwohl, das kann und muss man der DDR ankreiden, sie war ja der Staat, der es doch eigentlich besser machen wollte als die auf Ausbeutung abzielenden Kapitalisten, um die Konkurrenz der Einzelnen untereinander zugunsten einer Orientierung auf das Gemeinwohl abzuschaffen. Epic Fail heißt ein solche Versagen heutzutage wohl – in dieser Hinsicht war die DDR tatsächlich ein Failed State. Und überhaupt: Wenn ein Staat glaubt, seine Bürger einsperren zu müssen, damit sie ihm nicht weglaufen und dann nicht selbstkritisch genug ist, zu analysieren warum das der Fall ist und wie man das abstellen kann, dann verdient er eben auch nichts anderes. Das blöde ist nur, dass wir heute keine überhaupt keine Alternative mehr haben.

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Und das merkt man eben auch dieser Produktion an: Sie bebildert im Grunde dieses ganze alternativlose Weiter so!, das in Deutschland seit der Jahrtausendwende die Maxime deutscher Politik und damit irgendwie auch gesellschaftlich relevante Handlungsanweisung für uns alle ist. Durch die Demontage wichtiger sozialer Errungenschaften in Ost UND West wurde Deutschland für den Weltmarkt und die Weltpolitik zugerichtet, wir sind wieder wer, nicht nur Fußball- sondern auch Exportweltmeister, verlässlicher NATO-Partner und informelle Führungskraft der EU. Und es ist eigentlich egal, wie „wir“ das geschafft haben – Hauptsache, es geht irgendwie so weiter. Genau so funktioniert das Drehbuch dieser Geschichte hier.

Und da drängen sich Fragen auf, etwa: Wozu das alles, wenn es den meisten Menschen im Lande damit gar nicht gut geht? Der aktuelle Armutbericht der Bundesregierung war ja wieder so desillusionierend, dass er umfassend frisiert werden musste, damit die dafür zuständige SPD-Ministerin damit noch irgendwie leben kann. Interessant natürlich, dass genau dieses Gefühl wieder nur anhand der üblichen Klischees über die untergegangenen DDR gezeigt wird, während im Westen zwar nicht alles gut, aber doch vieles besser ist. Weil es hier Kapitalismus, also Freiheit und Demokratie gibt. Wobei, die DDR hat das „Demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber das war die falsche Sorte Demokratie, die nämlich ohne Alternative. Oder habe ich da was verwechselt?

Immerhin wird angedeutet dass die NSA mit ihren schicken Lauschantennen auf dem Teufelsberg auch ihre westlichen Verbündeten abhört – auch die Amis verlassen sich auf ihren Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Da sind sich letztlich Stasi-Agent Lars und NSA-Vater Cutter gar nicht so unähnlich. Aber das ist eben auch wieder ein Beispiel für die allgemeine Beliebigkeit an der die ganze Sache krankt: Die Motivation der Charaktere ist jeweils mehr als schematisch. Wir haben den guten Sozialisten Gregor, die verzweifelt um Anerkennung ringende kleine Schwester einer erfolgreichen älteren Tochter und eine auf materielle Vergünstigungen geifernde Mama. Ach ja, einen schwulen Ossi-Lehrer und dessen ebenso schwulen, aber weniger coolen dicken Freund haben wir auch noch, dazu noch ein paar Verschwörer, die abhauen wollen und einen schwulen Ausländer, der irgendwie auf schwule Ossis steht und einfach nur helfen will, aber missverstanden wird.

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Aber was ist mit den Hauptfiguren? Warum tut Lars das, was er tut? Einerseits wird in dem, was er vor sich hinfaselt, ja eine gewisse Tiefe angedeutet, aber dann entpuppt er sich doch immer wieder als gnadenloser Opportunist, der seine Erfolge genießt und erstaunlich wenig darunter leidet, dass seine erste Zielperson einen frühen und rätselhaften Tod stirbt. Aber dafür kriegt er ja dann auch die schnittige Sabine. Was noch irgendwie okay gehen würde, wenn sie nicht seine Schwester wäre.

Es ist ja nicht so, dass ich gewagte Plotwists prinzipiell ablehnen würde. Elliot Anderson kann sich in Mr. Robot ja auch nicht an seine Schwester Darlene erinnern – die sich aber schon an ihren verrückten Bruder, der halt immer mal wieder wichtige Dinge vergisst. Letztlich erklärt diese Sache ja auch, WIE verrückt Elliott ist und ist insofern wichtig für die Handlung an sich. Aber in Der gleiche Himmel sehe ich das nicht – Lars ist nicht verrückt, er ist einfach gut in seinem Job, und er könnte jede Frau rumkriegen. Warum dann also seine Schwester? Um auszudrücken wie pervers das alles mit der Mauer war? DAS wissen wir doch ohnehin.

Trotzdem liegt Mauerbau im Trend. Liebes ZDF, mach doch mal was Perverses über die USA. Mit Mauer, Sex und NSA. Sollte so schwierig nicht sein.

Der junge Karl Marx

Derzeit läuft Raoul Pecks Film Der junge Karl Marx in den deutschen Kinos. Damit hat sich der Haitianische Regisseur einen in vielerlei Hinsicht sehr schwierigen Stoff vorgenommen. Zum einen, weil das Verhältnis der Deutschen zu ihrem größten Denker ein extrem gestörtes ist – Marx wird heutzutage ja für viele schreckliche Dinge verantwortlich gemacht, die er weder gedacht, noch gutgeheißen hätte. So habe der Film-Förderfonds des Europarates Eurimages eine Förderung abgelehnt „weil man dann auch gleich einen Film über Stalin fördern könnte.“

Zum anderen ist es wirklich nicht einfach, ein Film über das Denken zu machen, über Gedanken, Ideen und deren Entwicklung – denn das ist es ja, was Marx hauptsächlich getan hat: Gedacht, analysiert, seine Gedanken aufgeschrieben und hinterfragt, präzisiert, neu formuliert. Eine anstrengende, aufreibende und materiell wenig einträgliche Schwerstarbeit, die bis heute nicht angemessen anerkannt und gewürdigt wird.

Die Welt kritisiert prompt: „Sie trinken viel, sie lachen viel: Raoul Peck verfilmt die Zeit, als Karl Marx Kommunist wurde. Eine Mutation aus französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm.“ Und findet den Film unfreiwillig komisch. Dafür vermisst sie an August Diehls Darstellung des Karl Marx „alles Dämonische, Gefährliche, ja eigentümlich Deutsche, das alle Zeitgenossen an ihm bemerkten.“

Und natürlich auch den Hinweis auf die Abermillionen Toten, die Marx auf dem Gewissen habe, weil er ja den Kommunismus erfand. Stattdessen würden im Abspann Szenen kapitalistischer, neokolonialer Ausbeutung gezeigt und in der letzten Einstellung gar brennende Dollarscheine. „Ein intellektuelles und ästhetisches Desaster.“

Was allerdings auch diese Filmkritik ganz gut zusammenfasst. Denn Marx war ja schon lange tot, als es zur Oktoberrevolution kam. Und er wäre ganz bestimmt kein Freund von Stalin und diversen anderen angeblich kommunistischen oder sozialistischen Führerfiguren gewesen. Marx hat orthodoxes Denken immer strikt abgelehnt und sein Freund Engels, der als „Mitbegründer“ des Marxismus gilt, schrieb gar: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!“

Man erinnere sich: Marx war ein Freigeist, manche würden ihn auch einen Querdenker nennen (auch wenn ich diesen Begriff doof finde, schon weil sich jeder FDPler heute für einen Querdenker hält, obwohl er nur INSM-Denke wiederkäut), der seine Tätigkeit als Chefredakteur der liberalen Rheinischen Zeitung aufgeben musste, weil er regelmäßig in Konflikt mit den Zensurbehörden kam. Marx kritisierte die herrschende Ordnung, die Religion, die Philosophie, und, natürlich, den Kapitalismus, den er in seinen späteren Jahren ausführlich analysiert und völlig zu recht für das Elend der arbeitenden Klasse verantwortlich gemacht hat. Dabei verstand Marx sein Werk als ständig zu überprüfende Analyse der jeweiligen Verhältnisse und eben nicht als eine wie auch immer geartete Handlungsanweisung für eine utopische Gesellschaft. An den real existierenden realsozialistischen Staaten hätte Marx garantiert eine Menge zu kritisieren. An allen anderen natürlich auch.

Doch leider ist ausgerechnet das nicht der Gegenstand des Films, der sich darauf beschränkt, die Zeit von 1843 bis 1848 zu zeigen, die Jahre also zwischen dem Rauswurf bei der Rheinischen Zeitung und dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests. Und auch das gelingt leider nicht besonders gut – wer nicht vorher schon weiß, was in diesen Jahren passiert, bekommt hier keine Geschichtsstunde, mit der man das nachholen könnte.

Es ist eben schwer, Denkprozesse filmisch umzusetzen – insofern ist das Welt-Bonmot mit dem französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm leider doch ziemlich treffend, wie ich ungern einräumen muss. Denn im Grunde liefert der Film nur bebilderte Anekdoten: Am Anfang werden verhuschte Gestalten im schönen deutschen Wald gezeigt, deren Verbrechen es ist, verbotenerweise Feuerholz zu sammeln – seit die Eisenbahnen durchs Land gebaut werden, ist Holz ein teurer Wirtschaftsfaktor, der einen entsprechenden Preis haben muss. Den arme Tagelöhner aber nicht zahlen können. Das ist nicht fair, denkt Marx. Und auch, dass deshalb verständlich ist, dass sie nicht nachvollziehen können, dass es ein Verbrechen sein soll, zu tun, was man tun muss, um zu überleben.

Ähnlich denkt auch Friedrich Engels (Stefan Konarske), der Industriellensohn, der im Betrieb seines Vaters als Prokurist arbeitet und die Ausbeutung der dort beschäftigen Arbeiterinnen somit direkt vor Augen hat. Kein Wunder, dass sich die beiden gut verstehen, als sie aufeinander treffen – wobei der Anfang dieser wunderbaren Freundschaft im wahren Leben wohl etwas holpriger war. Aber das Ergebnis zählt.

Und dann haben die beiden jeweils noch engagierte Frauen an ihrer Seite – Friedrich liebt die rebellische Arbeiterin Mary Burns (Hannah Steele), über die er einen Zugang zum Proletariat erhält, dem der seine Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ widmet. Karl Marx hat Jenny (Vicky Krieps) an seiner Seite, die als Tochter des Landrates von Salzwedel ein ganz anderes Leben hätte führen können, als an der Seite des chronisch unter Geldmangel leidenden Karl. Aber Jenny von Westphalen entschied sich für den jungen Intellektuellen – und somit gegen ihre Klasse und für den Sozialismus. Sie tritt auch im Film immer wieder als kluge Stichwortgeberin auf, die ihrem geliebten Ehegatten bei der Formulierung schwieriger Gedanken hilft. Womit vermutlich die historische Rolle der Jenny Marx auch angemessen beschrieben wird. (Nebenbei gebar sie sieben Kinder, die irgendwie versorgt werden mussten, was in jenen Zeiten keineswegs einfach war – nur drei Töchter erreichten das Erwachsenenalter.)

Dennoch ist dieses ganze Stichwort-Dropping insgesamt eine Schwäche des Films: Es werden immer wieder bekannte Zitate bemüht, um bestimmte Konflikte oder Auseinandersetzungen anzudeuten, die Karl und Friedrich mit anderen Denkern ihrer Zeit hatten, die aber nicht weiter erklärt oder ausgeführt werden – wer hier nicht ohnehin schon weiß, worum es eigentlich geht, ist am Ende aber kein bisschen schlauer. (Ich habe den Film mit meiner Tochter angesehen, die sich gerade auf ihren Fachoberschulabschluss vorbereitet und sehr interessiert an Gesellschaft und Geschichte ist – an ihren Fragen habe ich gemerkt, dass der Film tatsächlich viel Vorwissen voraussetzt. )

Ähnlich ist es auch mit den Erkenntnissen, zu denen die beiden, oder eher die vier, mit der Zeit gelangen – es ist natürlich bezeichnend, dass Marx und Engels im „Bund der Gerechten“ die Parole „Alle Menschen werden Brüder“ durch „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ ersetzen:  Die klare Ansage ist Klassenkampf statt einer verschwurbelten „Wir-haben-uns-doch-alle-lieb“-Romantik. Allein dafür möchte ich Raoul Peck auf die Schulter klopfen.

Aber wer in dem breiten Publikum, auf das der Film offensichtlich abzielt, kapiert das tatsächlich? Wir kriegen doch seit Jahrzehnten erzählt, dass wir längst in einer angeblich klassenlosen Gesellschaft leben – was zwar eine verdammte Lüge ist, aber dennoch von erstaunlich vielen Menschen geglaubt wird: Jeder, der sich anstrengt, kann es nach ganz oben schaffen. Man muss nur wollen und gaaanz viel arbeiten. Und wer keine Arbeit hat, strengt sich halt nicht genug an. Oder hat was falsch gemacht. (Oder schon genug geerbt…)

Zurück zum Film: Was mir gefällt, ist, dass er in verschiedenen Sprachen gedreht wurde: Natürlich spricht man in Paris französisch und in England englisch – aber die Schwierigkeiten, mit denen die arbeitenden Menschen zu kämpfen haben, sind überall gleich. Natürlich müssen sich die Proletarier aller Länder vereinen, wenn sie eine Chance im Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse haben wollen.

Was wir derzeit aber erleben ist, dass der Kapitalismus längst global ist, während die Arbeiter verschiedener Länder gegeneinander ausgespielt werden – und das weiterhin mitmachen, ja sogar verstärkt wieder auf nationalistische Rattenfänger hereinfallen, die ihnen erzählen, dass früher doch alles viel besser gewesen sei. Oder gar in windigen Superkapitalisten wie Donald Trump einen Heilsbringer vermuten, was so ziemlich in jeder Hinsicht absurd ist, weil so einer nun wirklich der letzte ist, von dem man vermuten sollte, dass er ein Interesse daran haben könnte, an der Situation derer, die sein Vermögen tatsächlich erarbeitet haben, etwas zu verbessern.

„Wenn Sie weniger Kinder für sich schuften lassen würden, müsste Sie am Ende wohl selbst arbeiten!“ sagt Friedrich Engels im Film zu einem Fabrikbesitzer, der erklärt, dass er halt zusehen muss, wie sein Betrieb profitabel bleiben kann. Und damit komme ich zu einem letzten Zitat, diesmal von Hauptdarsteller August Diehl, der das Anliegen des Films damit angemessen zusammenfasst: „Wir leben in Zeiten, wo sich im Vergleich zu damals nicht so wahnsinnig viel geändert hat. Damals entstand die neue Sklavenklasse, das Proletariat. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass wir die Kinder, die für uns arbeiten, ans andere Ende der Welt und damit weit weg von uns ausgelagert haben.“

Allein deshalb lohnt es sich, den Film anzusehen, auch wenn das Elend der Arbeiterklasse in für meinen Geschmack viel zu schönen Bildern gezeigt wird.

Aber dafür gibt es auch einen passenden Film: Workingsman’s Death.

Z – The Beginning of Everything

Der Wettstreit um immer neue Inhalte, mit denen Streaming-Kunden gefüttert werden können, bringt derzeit eine ganze Reihe Serien hervor, die vielleicht nicht unbedingt das neue Breaking Bad sind, aber doch durchaus sehenswert. Amazon hat sich jetzt an einer Art neuem Downton Abbey versucht – allerdings geht es hier nicht um die Geschichte einer britischen Adelsfamilie, die mit den Umbrüchen während und nach dem ersten Weltkrieg klar kommen muss, sondern um die Lebensgeschichte zweier Kultfiguren der goldenen 20er des vorherigen Jahrhunderts, die in den USA gelebt haben: Zelda und F. Scott Fitzgerald.

In Z – The Beginning of Everything wird das Leben der jungen Zelda Sayre (Christina Ricci) erzählt. Die jüngste von drei Töchtern eines strengen Richters wächst in Montgomery, Alabama, auf. Das Klima ist warm, aber die Menschen dort sind langweilig und konservativ – und alles ist irgendwie alt, wie Zelda findet. Sie weiß zwar noch nicht, was sie stattdessen will, ist sich aber sicher, dass es überall besser sein muss als in Montgomery.

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Z – The Beginning Of Everything: Zelda (Christina Ricci)

Zelda ist jung, schön und pfeift auf die Konventionen – und kommt mit ihrer Frechheit auch immer wieder durch. Zwar nicht beim strengen Papa, aber in ihrer Mutter hat sie eine heimliche Verbündete, die ihr allerlei durchgehen lässt. Mama will doch nur, dass ihr Mädchen glücklich ist. Also sorgt sie dafür, dass Zelda nicht nur zu zweifelhaften Tanzvergnügen geht, sondern auch mit einem seriösen Ballett-Auftritt für die jungen Soldaten glänzen kann, die in Kürze nach Europa in den Krieg ziehen werden. Darunter auch der schneidige Leutnant F. Scott Fitzgerald (David Hoflin), der nach dem Krieg ein berühmter Schriftsteller werden will.

Scott verliebt sich sofort in die hübsche Tänzerin, doch die hat einen ganzen Schwarm von Verehrern und lässt sich zwar von Scott den Hof machen, lehnt seinen Antrag aber ab – obwohl er witzig und gebildet ist. Aber er ist eben auch ein Angeber, er trinkt und es ist völlig unklar, ob er von seinen Schriftsteller-Träumen jemals eine Familie unterhalten können wird. Insofern ist Zelda dann doch weniger durchgeknallt, als ihr Vater denkt, offensichtlich legt sie doch Wert auf Solidität und bandelt mit einem lokalen Langweiler aus einer guten Familie an.

Doch Scott gibt nicht auf. Er nimmt einen Brotjob in einer New Yorker Werbeagentur an und schreibt einen Roman (This Side of Paradise), der tatsächlich ein grandioser Erfolg wird. Scott holt Zelda nach New York, wo sie in so schnell heiraten, dass eine der eigens angereisten Schwestern die Zeremonie verpasst. Die anschließende Party in der Hotelsuite, in der Scott sich eingemietet hat, ist sogar für Zelda verstörend – da benehmen sich lauter Menschen daneben, die sie überhaupt nicht kennt.

Hier zeichnet sich schon ab, dass das wilde, aufregende Leben an der Seite des schillernden Scott vielleicht doch nicht das ist, was Zelda sich erhofft hat. Trotzdem lügt sie ihrer Mutter am Telefon die Hucke voll, damit die sich keine Sorgen macht. Zelda schafft es auch, sich in dieser Bohème-Szene eine gewisse Aufmerksamkeit zu verschaffen, aus der sie Kapital zu schlagen versucht – doch stellt sich heraus, dass Scott sich zwar damit abfinden kann, dass Zelda kein Heimchen am Herd ist, und haushaltstechnisch Hilfe braucht, die er ihr auch verschafft, aber gleichzeitig verwehrt er ihr das, was er für sich selbst als völlig selbstverständlich empfindet: Karriere zu machen.

Scott hat überhaupt keine Skrupel, Zeldas Aufzeichnungen für seine eigenen Werke zu benutzen – nach meinen Recherchen stammen eine ganze Reihe von Geschichten, die unter seinem Namen veröffentlicht wurden, tatsächlich von ihr – doch Zeldas Bestrebungen, sich selbst einen Namen als Künstlerin zu machen, findet er lächerlich: Das ist etwas für Männer. Vermutlich fürchtet er sich nicht zu unrecht davor, dass Zelda ihm Konkurrenz in seiner Profession machen könnte.

Doch er unterminiert auch ihre Anstrengungen, sich in anderen Bereichen einen Namen zu machen – als Zelda das Angebot bekommt, nach Hollywood zu gehen und eine Karriere als Schauspielerin zu beginnen, ist Scott dagegen: „Ohne Ausbildung, Erfahrung und Beziehungen? Die fragen dich doch nur, weil du meine Frau bist?!“ Und auch mit dem Ballett klappt es nicht, obwohl Zelda in dem Bereich ja durchaus eine Ausbildung hat und ihr Training wieder aufnimmt. So gern sich Scott mit Zelda schmückt – ihm ist es wichtig, dass sie als seine originelle und geistreiche Frau wahrgenommen wird, aber nicht als eigenständige Größe.

Insofern ist kaum verwunderlich, dass Zelda einen viel zu großen Anteil ihrer relativ wenigen Jahre in psychiatrischen Einrichtungen verbracht hat – das war früher sehr oft die Antwort auf Nonkonformität: wer sich gesellschaftlichen Gepflogenheiten nicht unterwerfen will, muss verrückt sein. Und eine Frau, die einen erfolgreichen Künstler heiratet und dann auch noch selbst Erfolg haben will, muss ja wohl doppelt verrückt sein. Auch wenn das verrückte Genie von Ehemann nicht mit Geld umgehen kann und lieber trinkt als schreibt. Das haben Frauen halt zu erleiden – sie können gern aus dem Hintergrund das Schlimmste verhindern, aber wehe, sie wollen dafür auch noch Anerkennung.

Zwar har sich inzwischen einiges geändert, aber leider noch längst nicht genug. Insofern ist Z – The Beginning of Everything eine interessante gesellschaftliche Studie der 20er Jahre des vorherigen Jahrhunderts, die daran erinnert, dass es noch einiges zu tun gibt. Weshalb ich sie unbedingt empfehle, auch wenn die Handlung vielleicht doch ein bisschen zu sehr vom einstigen Ruhm ihrer Protagonisten zehrt und nicht von einem originellen und überraschendem Drehbuch. Aber weil Amazon Serien gern im praktischen 27-Minuten-Format produziert, ist der Zeitaufwand für die 10 Teile durchaus überschaubar.

Hidden Figures

Na bitte, geht doch – Hollywood-Kino ohne Superhelden, wortkarge Rächer oder durchgeknallte Teenager. Hidden Figures war einer der Filme, auf die ich mich in diesem Jahr ganz besonders gefreut hatte. Und tatsächlich konnte er vieles von dem, was ich erwartet habe, einlösen. Vor allem gab es eine grandiose Taraji P. Henson zu sehen – schon in Person of Interest fand ich sie bemerkenswert, aber seit Empire bin ich bekennender Cookie-Fan. Auch wenn die eben so geniale wie disziplinierte Mathematikerin Kathrine Johnson ein ganz anderer Typ ist als die vulgäre, aber ebenfalls begabte und durchsetzungsstarke Musikproduzentin Cookie Lyon, die nach 17 Jahren im Gefängnis ihren Anteil an Empire fordert, das sie mitbegründet hat.

Doch zurück zu Hidden Figures. Zwar haben meine Recherchen ergeben, dass die Lebensgeschichten der NASA-Angestellten Kathrine Johnson, Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monaé) aus dramaturgischen Gründen nicht sehr wirklichkeitsnah erzählt werden – die drei waren keineswegs beste Freundinnen, wie der Film suggeriert, vermutlich kannten sie sich, wenn überhaupt nur flüchtig, schließlich war die NASA zu jener Zeit ein gigantisches Unternehmen. Aber im Grunde ist das auch egal, es geht schließlich um den Zeitgeist, der anhand dieser Geschichte offenbar wird.

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Hidden Figures ist kein Dokumentar-, sondern ein Spielfilm – hier geht es nicht darum, die Biografien der drei Hauptpersonen möglichst realitätsnah wiederzugeben. Vielmehr wird eine Geschichte erzählt, die aus dem Leben in jener Zeit gegriffen ist: Es werden beispielhaft die Lebensgeschichten dreier afroamerikanischer Frauen erzählt, die versuchen, entgegen aller Hindernisse, die ihnen die Gesellschaft in den Weg stellt, einen guten Job zu machen. Und, schließlich sind es Frauen, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Denn haben sie alle drei einen Traumjob ergattert: Sie dürfen an den Mercury- und Apollo-Programmen der NASA mitarbeiten! Das ist eine ganz große Sache, das erkennt sogar der Südstaaten-Cop, der die drei am Anfang des Films überprüft – drei schwarze Frauen, die eine Autopanne haben, das ist per se verdächtig. Doch die drei wirken seriös und kompetent – was sie auch sind, die in Mechanik begabte Dorothy kriegt den alten Schlitten auch wieder zum Laufen, sie werden sogar mit polizeilichem Geleitschutz auf der Überholspur zur Arbeit geleitet – vermutlich, weil der weiße Bulle wissen will, ob die NASA tatsächlich schwarze Frauen einstellt. Aber die NASA tut es – und wenn das so ist, dann muss das richtig und wichtig sein, schließlich geht es darum, die verdammten Commies auf dem Weg zum Mond noch zu überholen. Dazu ist jedes Mittel recht.

Der Sputnik-Schock im Jahr 1957 hatte die USA gedemütigt – dass die verhasste UdSSR einen Satelliten in eine Erdumlaufbahn bringen konnte und 1961 mit Juri Gagarin auch noch den ersten Menschen ins All schickte, hatte den Überlegenheitswahn der US-Amerikaner erheblich gedämpft. Nun wollten die USA, koste es, was es wolle, beweisen, dass sie technologisch weiterhin die überlegene Führungsmacht wären und legten entsprechend größenwahnsinnige Raumfahrtprogramme auf. Dafür wurden sämtliche verfügbaren Talente gebraucht – selbst wenn sie weiblich und schwarz waren.

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Denn dass die Sowjets unter anderem deshalb so erfolgreich waren, weil sie viel in die Volksbildung investierten und eben nicht nach Geschlecht und Herkunft diskriminierten, hatten die Amis schon mitbekommen, auch wenn ihnen das nicht gefiel. Was aber keineswegs bedeutete, dass diese rassistische und sexistische Diskriminierung nun aufgeben wurde. Das ist sie bis heute noch immer nicht – ja, es gab einen US-Präsidenten, der ein farbiges Elternteil hatte, aber genau besehen, ist Barack Obama kein Schwarzer, sondern ein Mischling, der genauso weiß wie schwarz ist. Und eine US-Präsidentin gibt es bislang nur in Fernsehserien, nicht aber im wahren Leben. Stattdessen haben die Leute kürzlich einen alten weißen Fascho und Rassisten als neuen US-Präsidenten gewählt. Es ist also nichts wirklich besser geworden.

Insofern finde ich es jetzt besonders wichtig, dass diesen Frauen mit Hidden Figures eine total überfällige Anerkennung zuteil wird. Sämtliche im Film gezeigten Schikanen gegen Schwarze waren zu der Zeit leider völlig normal – auch wenn die drei Frauen, um die es hier geht, bei der NASA laut eigenen Aussagen tatsächlich nicht so viel davon mitbekommen haben. Zwar gab es nicht nur nach Geschlecht, sondern auch nach Rassen getrennte Toiletten und Kaffeeküchen, aber darüber haben sich die farbigen Angestellten schon damals hinweggesetzt, ohne dass es irgendwelche negativen Folgen für sie gehabt hätte. Genau diesen Part haben die Filmemacher aber bewusst überzeichnet, eben um zu zeigen, wie hirnrissig diese Schikanen waren und sind. Und so greift schließlich der unter enormen Zeitdruck stehende Direktor Al Harrison (Kevin Costner) zum Vorschlaghammer, um die diskriminierende Beschilderung über den Damentoiletten zu entfernen – er kann es sich nicht leisten, für jeden Toilettengang seiner besten Mathematikerin 40 wertvolle Minuten zu verlieren.

Die Computertechnik steckte noch in den Kinderschuhen – heutzutage, wo sich jeder die Rechenleistung zahlreicher antiker Mainframe-Rechner mit seinem Smartphone in die Tasche stecken kann, ist das schwer vorstellbar – aber früher musste man vieles tatsächlich „zu Fuß“ ausrechnen – ich habe in meiner Schulzeit noch gelernt, wie gedruckte Logarithmus oder Wurzeltabellen zu nutzen sind. In der Serie Manhattan gibt es ebenfalls einen „Rechner“, nämlich ein Büro voller engagierter Frauen, die quasi per Rechenschieber die komplizierten Berechnungen für die Physiker ausführen, die herauskriegen wollen, wie man am besten eine Atombombe zur Zündung bekommt. Im Grunde war das auch in der Zeit, in der Hidden Figures spielt, nicht viel anders – allerdings waren die mechanischen Hilfsgeräte ausgefeilter und es gab erste Großrechner – die so groß waren, dass auch hier wieder der Vorschlaghammer zum Einsatz kam, weil die Bauteile nicht durch die Tür des Computerraums passten.

Dorothy Vaughan, die faktisch Abteilungsleiterin für eine Gruppe farbiger Mathematikerinnen ist, erkennt sofort, dass die neue IBM-Maschine nicht nur die Zukunft, sondern auch eine Bedrohung für ihren und die Jobs ihrer Mädels ist: Sie beschließt, zu lernen, wie man solche Maschinen programmiert und empfiehlt das auch ihren Kolleginnen: „Lernt Mädchen, macht euch unentbehrlich!“ Aber auch das Lernen wird den Frauen nicht leicht gemacht – als Dorothy sich in der Stadtbibliothek ein Buch über FORTRAN ausleihen will, wird sie rausgeworfen, weil sie in der Abteilung für Weiße danach gesucht hat. In der Abteilung für Farbige gibt es so etwas nämlich nicht. Doch die resolute Dorothy hat das Buch einfach eingesteckt. „Schließlich zahle ich meine Steuern“, erklärt sie ihren Kindern, „und davon werden diese Bücher gekauft. Wie kann ich etwas stehlen, das ich schon bezahlt habe?“

Ähnlich ergeht es auch Mary Jackson, die Ingenieurin werden und an der Konstruktion der Raumkapsel für die nächsten Mission mitarbeiten will. Ihr Abteilungsleiter Karl Zielinksi (Olek Krupka), ein Jude polnischer Herkunft, dessen Eltern im KZ ermordet wurden, ermutigt sie, daran festzuhalten: „Wenn Sie ein Mann wären und weiß, würden Sie da Ingenieur werden wollen?“ Und Mary antwortet: „Dann müsste ich es nicht mehr wollen, weil ich es schon wäre!“ Mary erstreitet sich schließlich den Zugang zu der einzigen Hochschule in Virginia, die genau die Kurse anbietet, die sie für ihre Qualifikation braucht, vor Gericht. Noch in den 60er Jahren wurden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten weite Teile der Bevölkerung aufgrund ihrer Hautfarbe von einer Hochschulbildung ausgeschlossen.

Wobei nicht vergessen werden sollten, dass auch hierzulande noch über Frauenquoten in Unternehmensvorständen diskutiert werden muss, weil Frauen im Berufsleben noch immer systematisch benachteiligt werden – und was für weiße Mitteleuropäerinnen gilt, gilt um so mehr auch für farbige oder gar für  Kopftuchträgerinnen. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Arbeitgeber Frauen prinzipiell nicht so ernst nehmen wie Männer – ich habe selbst jahrelang eine Leitungstätigkeit ausgeübt, ohne ein entsprechendes Gehalt dafür zu bekommen. Aber es war halt niemand sonst da, der den Job gemacht hätte.

Genau wie bei Dorothy, die zwar aus dem Bewusstsein ihrer Verantwortung für die anderen und für die Sache heraus den Job eines Supervisors erledigt, aber nicht dafür bezahlt wird. Es war halt nicht vorgesehen, dass jemand wie sie (oder ich) Führungskraft sein kann – das gilt offenbar für schwarze und weiße Frauen gleichermaßen. Und erst, als ein sehr viel jüngerer Kollege mit sehr viel weniger Berufserfahrung eingestellt wurde, der auf Anhieb mehr bekommen hat, als ich nach vielen Jahren treuer und aufopferungsvoller Dienste, ist mir der Kragen geplatzt. Wobei das auch nicht nachhaltig geholfen hat. Aber die Zeiten sind schlecht. Heute wie damals geht es darum, den Job zu behalten.

All die weißen Männer... Hidden Figures

All die weißen Männer… Hidden Figures

Doch zurück zur in die 60er und zur NASA. Hidden Figures zeichnet ein Panorama jener Zeit, das trotz der wirklich haarsträubenden Ungerechtigkeiten, die thematisiert werden, erstaunlich unterhaltsam ist. Was Gleichheit die Stärke und die Schwäche dieses Films ist: Ja, es ist eine wirklich gute Idee gewesen, kein moralinsaures Drama aus dieser Geschichte zu machen – das hätte bei aller guten Absichten gewiss nicht nur mich total genervt. Insofern war geschickt, die ewig langen Wege, die Katherine zum abgelegenen Klo für schwarze Frauen zurücklegen muss, mit unterhaltsamer Tanzmusik der 60er Jahre zu unterlegen. Überhaupt finde ich den Soundtrack gelungen, obwohl das nicht unbedingt meine Lieblingsmusik ist – auf diese Weise wird vermittelt, was diese Zeit eben auch hatte: Eine gewisse Aufbruchstimmung und Zuversicht in die Zukunft – die Leute damals gingen davon aus, dass sie sich dafür krumm legen, dass es künftigen Generationen besser gehen wird.

Das ist ein nicht zu unterschätzender Antrieb. Darum beneide ich die Generationen vor mir. Heute müssen wir davon ausgehen, dass es den künftigen Generationen schlechter gehen wird. Das ist schon jetzt sehr deutlich zu spüren. Ja, Zukunft war wirklich schon mal besser.

Es ist gut, dass Hidden Figures den bisher unbekannten Kämpferinnen für eine bessere Zukunft ein Denkmal setzt. Ich persönlich – und das empfinde ich als die Schwäche des Films – hätte mir ein paar mehr Details gewünscht. Der Vorspann erzählt in sehr groben Zügen etwas über die Kindheit von Katherine – aber ich hätte auch gern mehr über Dorothy und Mary erfahren. Genau wie ich auch gern mehr über Colonel Jim Johnson (Mahershala Ali) wüsste, der schließlich erfolgreich um die Hand der brillanten Witwe Katherine anhält. Und auch darüber hätte ich gern mehr gewusst – wer war der Vater von Katherines Töchtern? Ich weiß, das ist komplex, aber als geübter Zuschauerin hätten mir ein paar kurz eingestreute Hinweise genügt – hier finde ich den Film dann doch etwas unterkomplex.

Andererseits ist das auch okay, Filme, die jede Menge Geschichten anreißen ohne sie zu erzählen, nerven mich auch – das prominenteste Beispiel dafür dürfte Cloud Atlas sein. Hidden Figures geht okay als unterhaltsamer Film über eine hässliche Seite des amerikanischen Traums. Und auch als ebenso unprätentiöses wie überfälliges Heldinnen-Biopic. Aber ein epochemachendes Meisterwerk ist der Film nicht. Und das ist nichtmal schade, weil: Ansehen lohnt sich doch. Übrigens spielen auch Kirsten Dunst und Jim Parsons mit – in nicht gerade vorteilhaften Rollen. Figuren eben, die entgegen aller Evidenz an der Überlegenheit der weißen Rasse festhalten. Auch wenn ihnen das vermutlich gar nicht bewusst ist.